Indiana Tribüne, Volume 28, Number 223, Indianapolis, Marion County, 12 May 1905 — Page 4
Jndtana Tribüne, 12. Mai 1905
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Jndiana Tribüne. Hnaulgeaeden von der Guteb?S Indianapolis, Ind. $orrp c. Thndinm "' Präsident. Geschäfts loea l: No 31 Süd Delaware Strahe. telbphone t- i tcrcd AI the Post Office oi Indianapoli as second claas matter.
,,ti stürmische Jordan. (Chicago Abendpost".) Am 9. Mat meldeten Spezialdepe. schen aus Qttumwa. Iowa, daß der stürmische Jordan" dort im Alter von 73 Jahren ftarb. Wer war dieser Mann mit dem auffülligen Beinamen, dessen Tod solcherweise über da ganze Land hin gemeldet wurde wie kam er zu dieser Auszeichnung! Er war ein Wirth; ein ganz gewöhnlicher Schnapswirth" in einem Staate, der dieses Gewerbe unehrlich" machte und darnach trachtet, alle die ihm nachgehen, auf gleiche St'zfe mit Dieben und Brandstiftern zu setzen. Sein richtiger Name war KinSley Jordan und den Beinamen der ftürmische" erwarb er sich durch seinen off? nen, heftigen und lange Zeit hindurch erfolgreichen Widerstand gegen die Prohiditionsgesetze deS Staate Iowa. Er war ein gefliffentliche? Gesetzesüber treter, ja GesetzeSverächter und Hütte nach der strengen gesetzlichen Moral in's Zuchthaus gehört; wenn man sein Ableben überhaupt der Erwähnung und Vermeidung überS ganze Land hin werth erachtete, so konnte sollte man meinen das nur geschehen zu dem Zwecke, sein Leben und Treiben als abschreckende? Beispiel hinzustellen, Hütte eS nur Sinn und Verstand", wmn sich an die kurze Skizzirung des Charakters und Lebenslaufs des Man neS etwa die Moral" anhängen ließ: Seht, so geht es dem Menschen, der sich in Widerspruch zu Gesetz und Ordnung setzt und die weisen, auf Verbefferung der wirtschaftlichen Lage und Veredelung deS Charakters der Bürger adzielenden Gesetze geflissentlich und Hohn voll mißachtet. Noch in seinem Tode wird er seinen Mitbürgern als ab schreckendes Beispiel vorgehalten. Das wäre, sozusagen, folgerichtig", in Wirklichkeit siel aber der Nachruf", den die Presse und zwar gerade Blätter mit starken prohibitioniftischen oder doch temperenzlerischen Neigun gen dem verstorbenen stürmischen Jordan" widmete, ganz anders aus. ES heißt da allerdings, daß er durch seinen Kampf gegen die Prohibitionsgesetze Iowa'S eine berüchtigte Person" wurde und sich nationalen Ruf erwarb, indem er in kühner Herausforderung auf das Schild über der schmierigen Thür" seiner Wirthschaft die Worte setzte: Der Weg zur Hölle"; aber, es wird nicht gemeldet, daß diese Verhöhnung der herrschenden historischen Mei nung und ihrer Gesetze ihn in'S ZuchtHaus brachte und die gebührende Strafe im wirthschaftlichen Sinne und in gesellschaftlicher Aechtung fand. Im Gegentheil, es wird gesagt, daß er ge schüftlich Glück hatte, an Stelle der be scheidencn Wirthschaft, die er erst betrieb, einen prachtftroyenden Palast" setzte und eS ihm gelang, ein großes Vermögen zu erwerben, bis endlich eine Entscheidung deS BundesobergerichtS ihn zwang, seine Kneipe (joint) zu schließen. Auch sonst hatte der Mann Glück. Eine Wittwe und sieben Kinder beweinen ihn, und in der be treffenden Depesche hieß eS: Seine hervorstechenden Charaktereigenschaften waren lauterste Ehrlichkeit und nie za gender Muth. Er war niemals Heuchler und Zwischenträger und er fürchtete Niemanden." Der Mann war ein hartgesottener GefetzeSttbertreter. Aber er war dabei offensichtlich ein ganzer Mann und bis auf feine Uebertretung gewisser Gesetze JowaS ein guter Bürger, ja, ein ganz besonders guter; ein Bürger, der, wie verhültnißmüßig wenige, dem Bürger ideal nahe kam, das kein anderer als Präsident Roosevelt selbst aufstellte : Ehrlich, muthig und stark; ein Drauf, günger und Kämpfer, kein Zögerer und verächtlicher Schwächling; ein siebenfacher Vater ein Patriot und kein Raffenselbftmörder. Man müßte den Mann bewundern und ihn als nachahmenSwertheS Beispiel aufstellen wenn seine niederträchtige fortgesetzte Verletzung und Bekämpfung der Gesetze nicht wäre. ES ist eine fatale Lage, in die der gute gesetzliebende und achtende Bürger sich da steht. Er kann nicht der-
dämmen, ohne sich mit dem Urtheile der Besten deS Volkes über die Frage: Wie soll der brave Mann sein?", in Widerspruch zu setzen, und er kann nicht bewundern, ohne die geflissent. liche GefetzeSoerletzung. die im Volksftaate beinahe mit zum Hochverrathe gehört, zu beschönigen. Wer gerecht bleiben will, muß Beides thun, wie's der Epezialkorrespondent that aber eS wird ein seltsames Zmit terding drauS, nicht Fisch, nicht Vogel, etwa so eine Unmöglichkeit wie seiner zeit die popokratische Esel-GanS oder der GanS'Esel war. Oper gibt'S noch einen Ausweg? Wäre der Mann ein Jllinoiser gewesen, dann Hütte man eS leicht. Dann würde man ihm, trotzdem er SchnapsWirth war, unbedingt den Nachruf: Er war ein ganzer Mann," gönnen dürfen, denn dann wäre er kein abgehürteter Gesetzesüdertreter gewesen. DaS. waS ihn in Iowa dazu machte, ist hier erlaubt. Sind wir hier unsittlicher, minderwerthiger und schlechter, als die Jowaer? DaS wird man nicht zugeben wollen und kein Mensch beweisen kön nen. Wir haben jenen Konflikt also weniger dem Manne, als dem Gesetze zu danken. Wenn der Mann gut war, dann war daS Gesetz schlecht. Wir Jllinoiser müssen sagen, er war gut, wollen wir unS nicht selbst herabsetzen die Jowaer stellten dazu schon längst den folgerichtigen Nachsatz, indem sie eS ihm ermöglichten, in offener Verletzung deS Gesetzes einen prachtftrotzenden" Palast zu bauen und ein großes Ver mögen zu erwerben, und sie bekräftigen unser Urtheil durch den Nachruf, den sie dem stürmischen Jordan" in die weite Welt schickten. Jetzt erst ist die lächerliche Ohnmacht der ProhiditionSgesetze so recht offen' kundig geworden. Daß sie nicht prohibiren, wußte man schon lange, man hatte aber immer geglaubt, eS sei ihnen möglich, ein sonst ehrliches Gewerbe unehrlich, sonst anständige Menschen anrüchig und verachtet zu machen. Der stürmische Jordan" und die ihm gewidmete Nachrufdepesche haben bewie sen. daß sie auch daS nicht können, wenn ein ganzer Mann sich zu ihnen in Widerspruch setzt und sie mit Ehr lichkeit und siarrem Muth bekämpft. Ganz erklärlich von Ehrlichkeit und Muth ist in der ProhibitionSgesetzgebung keine Spur zu sinden.
Schiller vergeht die Leute zu sich zu erheben, während Goethe sich auch zu ihnen herablassen kann; bei Schiller, dem auf seiner Höhe Thronenden glau den sich emporgerückt." Jacob Grimm. Schiller brachte von Natur ein echt deutsches Herz zu seinem Berufe mit und vermochte, theils unbewußt, theils mittrlft feines hohen KunftverftandeS die Saiten anzuschlagen, die am sicher ften und tiefsten in deutschen Gemüthern widerklingen." Döderlein. Schiller ist darum populärer als Goethe, weil seine Schauspiele dramatisch mehr ergreifen, weil sie die Rechte und Freiheiten des Volkes fichtbar darstellen, und weil seine Lieder, dee Würde unserer Nation erhebend, allen Menschen die Brust erwärmt und ideale Bilder deS Leben geschaffen haben." Jacob Grimm. Auch ohne die herzlichste und tiefe Liebe, welche ich zu Schiller hegte, kann ich nie ohne große Erschütterung an die Zeit meines Lebens mit ihm denken. Ja, ich gestehe eS offenherzig, nicht ohne Scham. Meiu ganzes Leben seitdem kommt mir leerer, unbedeutend und wenig befriedigend vor." Wilhelm v. Humboldt. ..Die Revolution der Geister in Deutschland war eiu Widerspiel der gleichzeitigen socialen Revolution in Frankreich. Dori bestieg Napoleon den Kaiserthron, hier Goethe den Thron im Reiche der Kunst, Schiller aber errang in diesen reineren Sphären den Ruhm einiS Washington." Carl Grunert. Edel find der Götter Söhne schon. Die muß ein Fürst erst adeln wollen." Bürger. Dazu sagt Grimm: Ein großer Dichter legt auch nothwendig seinen Vornamen ab, dessen er nicht weiter bedarf, und eS ist undeutscher Stil, sogar Hohn, Friedrich von SchiUer, Wolfgang von Göthe zu schreiben Unter solchen Dingen liegt eine zarte Eihaut des Volksgefühls. In seine künftigen Standbilder mag nur eingegraben werden: Schiller.-
Schiller -eier
(Fortsetzung von der 1. Seite.) Auf dem Rütli wird der alte Bund angesichts der Morgenröthe mit dem Schwur erneuert : Bei diefem Licht, das uns zuerst begrüßt Von allen Völkern, die tief unter uns Schwer athmend wohnen in dem Qualm der Städte, Laßt uns den Eid des neuen Bundes schwö.en. 53 t wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, In keiner Noth uns trennen und Ge fahr. Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben. Wir wollen trauen auf den höchsten Gott Und unS nicht fürchten vor der Macht der Menschen." Wie vollkommen der feierliche Eid im Einklang steht mit ihren Thaten, das haben die Schweizer auch nach Kaiser Albrechts Zeit bei Margareten, bei Sembach und Murten bewiesen. Den Völkern aller Zeiten wird das Evangelium der Selbsthülfe gegen Ty rannei in StauffacherS Worten verkündet : Eine Grenze hat Tyrannenmacht: Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann sinden, Wenn unerträglich wird die Last greift er Hinauf getrosten MutheS in den Himmel Und holt herunter feine ew'gen Rechte, Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst Der alte Urständ der Natur kehrt wieder. Wo Mensch dem Menschen gegenüber ftehtZum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will, ist ihm daSSchwert gegeben Der Güter höchstes dürfen wir vertheid'gen Gegen Gewalt." In den früheren Dramen Schiller's vollzieht fich das Ringen zwischen Hohem und Niederem in der Brust des Einzelmenschen, und es ist die Persönlichkeit, die in dem Streite siegt oder unterliegt. Im Tell" ist der Kampf in die Seele eines ganzen Volkes verlegt. Dem Volke bleibt nur die Wahl zwischen gewaltsamer Auflehnung gegen unwürdigen Zwang und Unterwer fung unter denselben. Die Liede des Schweizervolkes zu Freiheit und Vater land ist hier die gestaltende Kraft, welche die Sondecinteressen der Emzel nen durchdringt, sie zu einem gemein schaftlichen Interesse vereint und so zum Siege des Hohen über das Niedere führt. An'S Vaterland, an's theure, schließ dich an, Dos halte fest mit deinem ganz? Herzen. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft. In diesen Worten AttinghausenS spiegelt fich Schillers Liebe zum eig'nen Vaterland und Volk. In seiner Jugend hatte Schiller für den Dichter ein ideales Weltbürger, thum beansprucht, daS ihm alle Böller gleich nahe rücken sollte. In den Jahren der Reife erkannte er jedoch, daß daS verwirklichte Weltbür gerthum tief im eig'nen VoltSthum wurzelt. DeS Schwabenlandes größten Sohn bewahrte sich die Liebe zur engeren Hei math. Em größeres Vaterland konnte er kaum sein eigen nennen, da das deutsche Reich zu einem bloßen Schatten geworden war. Schiller entschied aber aufs strengste zwischen Reich und Nation. Deutsches Reich und deutsche Nation", sagt er. find zweierlei Dinge. Die Majestät deS Deutschen ruhte nie auf dem Haupte seiner Fürsten. Abgesondert vom politischen hat der Deut sche sich einen eigenen Werth gegründet; und wenn auch das Imperium untergegangen, so bleibt doch die deutsche Würde unangefochten Stürzte auch in Kriegesflammen Deutschlands Kaisereich zufarrmen, Deutsche Größe bleibt bestehen." Insbesondere ist die deutsche Kunst unabhängig von Deutschlands Fürsten emporgeblüht :
Kein Augustifch Alter blühte, Keines MediceerS Güte Lächelte der deutschen Kunst; Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme, Sie entfaltete die Blume Nicht am Strahl der Fürstengunft. Von dem größten deutschen Sohne, Von des großen Friedrichs Throne Ging sie schutzlos, ungeehrt. Rühmend darf'S der Deutsche sagen. Höher darf daS Herz ihm schlagen: Selbst erschuf er sich den Werth. Darum steigt in höherm Bogen, Darum strömt in vollern Wogen Deutscher Barden Hochgesang; Und, in eigner Fülle schwellend Und aus Herzens Tiefe quellend, Spottet er der Regeln ZDang." Drei Jahre vor seinem Tode wurde Schiller von Deutschland's letztem Schattenkaiser der erbliche Adel verliehen. Durch die Ausstellung dieses Adelsbriefes wurde der deutsche GeburtSadel in unendlich höherem Maße geehrt, als der deutsche Dichter. Wenn Schiller auch als Sänger der Freiheit, der Menschenrechte und der Menschenwürde der ganzen Welt ange hört, so bleibt er doch vornehmlich der Dichter der Deutschen. Kein zweiter Dichter hat alles Das, waS in der deutschen Volksseele sich regt und bewegt und nach Gestaltung strebt, in gleich meisterhafter Weise zur poetischen Darftellung gebracht, wie Schiller. Wie er, hat kein zweiter Dichter aus den Falten und Tiefen deS deutschen Ge müthes solche Schütze emporgehoben zum ewig-strahlenden Lichte wahrer Poesie. In seinen Balladen, in seinen lyrischen und didaktischen Gedichten, in seinen Dramen sucht er Allem Ausdruck zu geben, was der Deutsche erstrebt, empfunden und gelitten. Für Schiller ist der Deutsche der Kern der Menschheit; die anderen Kulturvölker find die Blüthe und das Blatt. Im Tell" wird erzählt, daß die Schweizer einst aus einer Heimath im fernen Norden ausgezogen und nach Süden gewandert seien bis in die Alpenwildniß. An ihre gemeinsame Abstammung erinnert sie Stauffacher mit den Worten: Ob unS der See. ob uns die Berge scheiden Und jedes Volk sich für fich selbst regiert. So find wir eines Stammes doch und BlutS, Und eine Heimath ift's. aus der wir zogen." AuS einer Heimath zogen auch Millionen von Deutschen hinaus in die Welt. Sie haben die Wildnisse urbar gemacht, fie haben die deutsche Kultur in alle Welttheile getragen. In hervorragendfter Weise haben die Deutschen auf die geistige Kulturentwickelung deS amerikanischen Volkes eingewirkt. Wir, die wir e i n e S StammeS find, Blutes mit den Bürgern des neuen Deutschen Reiches sollten aus's Tiefste die Unterscheidung empfinden, die Schiller zwischen Reich und Volk, zwischen staatlicher und völkischer Zu sammengehörigkeit trifft. Dem Volk, dem wir politisch angehören, erweisen wir den größten denkbaren Dienst durch Wahrung unseres deutschen Stammesbewußtseins, durch Pflege deS Höchsten und Edelsten, was in der deutschen Volksseele schwingt und klingt. Wir sollten eS als unsere heilige Pflicht erachten, in den ideallosen Ma terialismus des amerikanischen AlltagslebenS Schillers deutschen Idealismus immer wieder aus's neue als veredelnde Kraft hineinzutragen und dadurch die Erhebung deS amerikanischen Volkes zur höchsten moralischen Freiheit zu fördern. Der Kampf zwischen dem Hohen und dem Niederen, dem Beständigen und dem Vergänglichen, den Schiller uns als Grundzug aller Vervollkommnung der Menschheit uuö vorführt, fei auch unser Kampf. Nur als Streiter, die nach dem Höchsten ringen, können wir freien Blickes das Andenken des LieblingSdichterS der Deutschen feiern. Er füllen wir aber diese Pflicht, dann weilt auch unter unS deS großen Dichters Geist; dann schwebt Schillers Glocke in ihrer Vollendung auch über unserem Haupte, und auch in unser Leben tönt ihre weihevoller Klang: Hoch über'm niedern Erdenleben Soll fie im blauen Himmelszelt, Die Nachbarn des Donners, schweben Und grenzen an die Sternenwelt, Soll eine Stimme sein von oben, Wie der Gestirne helle Schaar, Die ihren Schöpfer wandelnd loben. Und führen das bekränzte Jahr. Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metall'ner Mund geweiht, Und stündlich mit den schnellen Schwin gen Berühr' im Fluge fie die Zeit. Dem Schicksal leihe fie die Zunge, Selbst herzlos ohne Mitgefühl, Begleite fie mit ihrem Schwünge DeS Lebens wechselvolles Spiel, Und wie der Klang im Ohr vergehet. Der mächtig tönend ihr entschallt. So lehre sie, daß nichts bestehet. Daß alles Irdische verhallt." Rauschender Beifall lohnte dem Redner und nachdem derselbe verklungen war, setzte der Massenchor mit dem flott vorgetragenen Reiterlied" von Schiller ein, ungetheilten Beifall erntend. Das vom Orchester gespielte Ein Tag in Venedig" war nur ein weiterer Beweis, mit welchem Ernste Dirigent und Orchester sich bemühen, ihre Leistungen aufs Vollkommenste zu bringen. Kaum hatte das Orchester geendet, als der Festsaal plötzlich wie in tiefes Dunkel gehüllt schien, doch zeigte sich bald ein Lichtpunkt auf der Bühne, es wurde Heller und Heller und die jonifche Gestalt von Frl. von Hohenau, eine griechische Muse darstellend, hob sich aus dem Dunkel hervor, Trauerglocken ertönten und jetzt hörte man die feierlich gesprochenen Worte: WaS hö schreckhaft mitternächt'geS Läuten, das dumpf und schwer die Trauertöne schwellt?" Fräulein Vilma v. Hohenau rezitirte Goethe'S Epilog zur Glocke". Mit angehaltenem Athem lauschte das Publikum den ausdrucksvoll vorgetragenen, herrlichen Strophen, und als die letzten Worte: So feiert ihn! Denn was dem Mann das Leben Nu halb ertheilt, soll ganz die Nachwelt geden", unter Harfenspiel verklungen waren, brach ein frenetischer, nicht enden wollender Beifallssturm los; wieder und wieder mußte der Vorhang gelüftet werden, und schon nachdem der Saal wieder in voller Beleuchtung er. glänzte, mußte die Dame sich dem Publikum zeigen. DaS Orchester trug dann durch eine weitere Glanznummer LuftschlösserWalzer" von Roß zur Unterhaltung deS Publikums bei. Wieder verdunkelie fich der Saal und nach wenigen Sekunden hob fich aus dem Dunkel auf der Bühne die in Weiß gekleidete Gestalt von Frl.Mamy Schulmeyer hervor, die in wenigen, aber eindrucksvollen Wor ten die Schillerbüfte mit einem Lorbeerkränze fchmückte.während derMassenchor unier Begleitung des Orchesters Inte ger Bitae" zum Vortrag brachte. Unter rauschendem Beifall nahm darauf die akademische Feier ihr Ende und die meisten der Anwesenden begaben fich in den für die Nachfeier würdig vorbereiteten Säulenraum des Deutschen Hauses. Bald waren alle Tische besetzt, man ergötzte fich bei ungezwungener UnterHaltung an Speise und Trank, bis die Stimme des Vorsitzenden, Herrn Aus.. M. Kühn, zur Ruhe ermähnte und dessen Aufforderung von den Herren Jos. Keller, Wm. Rieß und Ad. Falbisaner Nachdruck verliehen wurde. Das Orchester spielte eine fröhliche Weise und dann stellte Herr Kühn als ersten Redner Herrn Otto Stechhan vor, dessen Prolog wir nachstehend fol gen lassen. Hundert Jahre sind der Ewigkeit verfallen, Seit die Musen, trauernd, im Verein, An der Götter Tempel, hohen Ehrenpforten. Seinen Namen nun unsterblich gruben ein Seit das Volk auf weiter Erdenrunde, Ob der Trauerkunde, tief bewegt, Deutschlands Dichter, Gott begnadet, Lorbeer auf das Grab gelegt; Seit Germania erkannte, unersetzlich der Verlust, Ihrer Söhne allerbester, hoch geehrt. Der ihre Lieder sang, wie Keiner sie ge sungen Sah seiner Harfe Klage, selten nur erhört, Der trotz Verfolgung. Undank und Chikane, Der Menschheit Hohelieder sang. Dem Rosen selten nur im Leben ausgestreuet. An dessen Bahre erst ihm wurden sie zu Dank. Altmeister, Schöpfer, aus der reinen Quelle, DeS Wissens, die krystallen klar Der Mutter Allnatur Dir segensreich geflössen. Erläutert durch der Musen Schaar, Du warst es, der mit hehren GeisteSwaffen Erkämpftest was noch wenigen offenbar, Gedankenfreiheit haft ihm Bahn gebrochen, Der Menschlichkeit begründet ein Altar. Du hast befreit uns von der Knechtschaft Banden, Die Ketten der Umnachtung abgestreift, Andächtig uns geführt, entfernet dem Gemeinen, Wo das Erhab'ne nur, das Edle, Wahre, reift. Du hast wie Keiner in der Menschen Bruft gelesen,
Der Seele tief Geheimniß abgelauscht. Der Menschen Schwächen, ihre Leidenschaften. Was traurig sie bewegt, was sie in Lust berauscht, Du hast es mitgefühlt, was immer sie ergriffen, Es jauchzte auf Dein Herz, o Liebe hold verweilt. Wo Treue Einzug hielt, da flössen Deine Thränen, Und wo es galt, bist Du in Kampf geeilt. Verkörpert aufersteh' heroisch die Gestalten, Die Kinder alle Deiner Schöpfangskrast, Die lebensfrisch der Menschheit Thun und Walten In Wort und That uns Deine Bilder schasst. Eins schöner noch, erhab'ner als das and're. Kein Maler je erschuf die Farbenpracht, Solch' phantasievoll-herrliche Gebilde, Wie Du mit kühnen Zügen sie hervorgebracht. Und sind sie auch aus Marmor, Er; gestaltet. Zum Ruhme Dir, der Rachwelt dargestellt. Der Parzen Willkür können sie verfallen, Doch ewig sie besteh'n in uns'r:r HcrzenSWelt. Wo immerdar in sehnsuchtsvollem Busen Der Liebe Zauberflamme Nahrung fand, Die Seele sich in kühnem Geistesfluge Dem Sternenflsr der Ideale zugewandt, Wo sich in Eintracht schöne Seelen finden, Begeist'rung für das Hehre sich erschließt, Bei Liedersang, bei Harfenton und Becher klang, Der Strom der Freude überflieht; Wo Fraucnwürde, Mannesitolz und Ehre, Das wahrhaft Schöbe, Edle läßt gedeih'n, Der Seele Adel wird emporgehalten, Wird man Dir dankbar Kranze weih'n. Nur Deine ird'sche Hülle zu Grabe würd' gctragen. Zur Ruh' Dein müder Körper nur. Dein Geist verweilt, eiu Stern von icht und Feuer. Die Welt erleuchtend, auf der Wahrheit Spur. Rauschender Beifall war der Dank der Anwesenden, die dann dem vom Indianapolis Münnerchor prächtig vorgetragenen Liede Der arme iNeger" lauschten; die Sänger hatten fich so m die Gunst deS Publikums hineingesungen. daß stch zu einer Zugade trU schlichen mußten und ließen fie daS herrliche Lied Rheingold" ertönen, welches gleichfalls stürmischen Beifall erntete. Nach kurzer Pause stellte der Bor. sitzende Herrn Jos. Keller als Redner vor, der mit seiner Ansprache Schiller als Patriot" jedes Herz höher schlagen machte. Wir geben die Ansprache nachstehend wörtlich wieder: Geehrte Damen, Mitbürger, Freunde! ES war ein idealer Gedanke, den unsere deutschen Brüder aus dem Staate Kalifornien der in Baltimore tagenden Zweiten Konvention des Deutsch-amerikamerikanichen National bundes zur Annahme vorlegten, den hundertsten Jahrestag des Todes des bzliebteften unter den deutschen Dichtern in allen Zweigen deS NationaldundcS auf würdige Weise zu begehen, und die Huldigung, die der Verband deutscher Vereine von Indianapolis den Manen des großen Schwaben dardringt, ist doppelt ideal und schön, weil fie von unserem gesammten. dem geeinigten Deutschthum der Stadt ausgeht. Nicht ur als Dichter, als den wahren Begründer unserer Bühne, die er nach ihrem höchsten Einfluß auf den Menschen würdigte und sie als moralische Anstalt betrachtete, haben wir Schiller zu verehren, sondern wir müs sen ihn auch zu würdigen wissen a!S Mensch, als Bürger eines Landes, daS er liebte, als Abkömmling einer Nation, von deren sittlicher Bedeutung und geistiger Weltherrschaft er völlig durchdrungen war. Gleich einer Wahrsagung und ernstem Mahnen klingen die Worte einer seiner letzten Schöpfungen auch uns in Amerika entgegen. Sein Gedicht Deutschland", erst im Jahre 1883 aufgesunden, müssen wir als kostbare Gabe, als nationales Vermächtniß. und ergreifende Prophezeiung betrachten; es ist erstanden in dem Zeitalter der schwersten politischen Demüthigung Deutschlands, in einer harten leidenvollen Zeit, und trotz der tiesften Erniedrigung hat er den Glauben an die geistige und sittliche Größe deS deutschen Volkes nie verloren. Er legt ihm klar, daß der Werth deS Deutschen nie in Frage gestellt sei, und daß daS deutsche Reich, und die deutsche Nation Begriffe seien, die stch nicht decken. Die deutsche Würde ist unangefochten geblieben, ruft er aus, sie besteht in der inneren sittlichen Größe, die den Charakter eines Volkes ausmacht. Der Kern deS Deutschen ift edel, sagt er, er besteht in der Eigenart seine? geistigen Lebens, und vermöge dieser Eigenart ist dem Deutschen die Herrschaft bestimmt auf dem Gebiete deS geistigen und des sittlichen LebenS. Sitte und Vernunft müssen fugr: über rohe Form." Die Blüthe der an-
