Indiana Tribüne, Volume 28, Number 222, Indianapolis, Marion County, 11 May 1905 — Page 7

Jndiana Tribüne, 11 Mai 1905

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S o IN a it von Hanns von Zobeltttz (Fortsetzung.) T Frau Baldin lehnte sich weit zurück in ihren Sessel, während sie weiter sprach über Theater, über Literatur, flua, anreaend. ein wenig . scharf im Urtbeil. Es ließ sich ihr gut zuhören. Aber noch hübscher fand Willy die weiche, etwas lässige Art, in der sie alles vorbrachte, das leise Wippen der kleinen ftiifre. die in zierlichen schwarzen Lackschubcben steckten, und das unaufhörliche kokette Spiel der beringten Finger. Es war doch ein eigener Ebarme in dem gefallsüchtigen Frauchen etwas Geschmeidiges, Weiches, etwas Suchendes, wie man es den Polinnen nachrühmt, eine gewisse Grazie unleugbar. Und da sagte sie ziemlich unvermittelt. als ob sie in seiner Seele aelesen hätte: Kennen Sie den Roman .Sturmfluth' von Sienkiewicz, Herr Assessor?" Er muh.ie bedauern. Ja, die ftenen! Wenn wir Frauen nicht noch lesen würden, blieben die armen Autoren überhaupt ungelesen. Nun. mich interessirt freilich dies Buch besond'ers. weil ich eine halbe Landsmännin des Verfassers bin. Mein Vater war zwar Reichsdeutscher, aber meine Mutter war eine Polin aus dem Großberzogthum eine Polin ,pur sana.' die uns Kindern noch heimlich die Revolutionslieder vorsang und uns für das große freie Polen beten lehrte." Schrecklich, gnädige Frau! Denn ich bin Mitglied des Ostmarkenver:ins," lachte er. Mein Mann gewiß auch. Und ich nun, mein Vater hat schon dafür gesorgt, daß uns die großpolnischen Ideen ausgetrieben wurden, und das Lelen tbat dann ein Uebriges. Hochsten?. daß ich noch manchmal von der alten antiauirten Herrlichkeit träume. Träume sind ja, wie Gedanken, zollfrei. Und darum träume ich auch immer schrankenlos . . . übrigens fast immer das Gleiche . . Darf man wissen " Warum nicht Ich träume mich immer als die Frau oder die Tochter irgend eines ganz, ganz großen Wojwoden, auf rinem uralten Schloß dahinten an der Grenze des alten Reichcs, mit einem Heer von Leibeigenen und einer riesigen Schatzkammer. So wie man etwa die Schatzkammer des Padifchah schildert: mit ganzen Schüneln roll Rubinen und Smaragden und großen Truhen voll gemünzten Goldes." Und was thun Sie in diesem Schatzgewölbe, gnädige Frau?" fragte er beluftiat. Eine Sekunde zögerte sie. Ader dann streifte sie die Spitzenärmel ein wenig zurück, so daß der volle weiße Unterarm frei wurde, reckte die Arme und sagte: Ja was ich dann thue? Es ist zu komisch. Tenken Sie sich, ich wühle mit diesen Händen förmlich in den Juwelen. Ich fühle ganz deutlich, wie die kalten Steine an meinem Fleisch entlang rieseln, und ich sehe ganz deutlich ihr Glitzern und Flimmern und den alten langbärtigen Schatzhüter, aus dessen Lampe die Lichtstrahlen auf die Herrlichkeiten fallen." Einen Augenblick schwieg sie, um lachend fortzufahren: Aber was erzähl' ich Ihnen nur für Unsinn: Meine Träume! Träume sind Schäume. Halten wir uns an der Wirklichkeit: sind Sie am nächsten Freitig versagt. Herr Assessor? Wir haben einige freunde bei uns zu Tisch? gani im kleinen Kreise. Wollen Sie uns nicht auch die Freude machen?" Er hatte ihr so gerne zugehört. Tiefe direkte Anfrage ernüchterte ihn wieder. Es war die alte Art, ihm die Pistole auf die Brust zu setzen. Ab-er hast Tu einmal A gesagt . . . Eeborsamsten Tank! Ich werde mir gern die Ebre geben. " Er erbob sich. Und dabei fiel sein Blick durch das Fenster auf den Vorgarten, und im selben Augenblick schoß ihm wieder die Erinnerung auf an pal fchlanke Mädclen mit dem blassen. vornehmen Gesicht, dem er vorhin dort leaec'netc. Und unwillkürlich verglich er im Geiste mit ihrer Erscheinung die der beweglichen Frau. Auch sie war aufgestanden. Und, wie sie so vor ihm stand, erschien sie ihm plötzlich erst recht wie eine nichtige Puppe mit ihren rundlicken Gliedern und dem hübschen esicht, in dem die Brauen wie in gemalten Kreisbögen über den großen Augen standen. Er mußte sich zusammennehmen, um nicht gar zu schnell aufzubrechen. Selbst ihr Parfüm, dasr bisher kaum bemerkt hatte, bedrückte ihn. Ta plaudert man," sagte er etwas gezwungen, eine halbe Stunde ist hin, und ich habe mich noch nicht einmal nach Ihrem Herrn Gemahl erkundigt, gnädige Frau." Ah, mein Mann. Ich sehe ihn selbst kaum. Ter arbeitet wie eine Maschine rastlos. Jetzt nun gar. seit ihn die Erweiterung des Untcrnebmens nicht zur Ruhe kommen läßt. Er verspricht sich goldene Berge davon. 5tä kümmere mich grundsätzlich nicht

um Geschäfte, aber auch Herr Salester ist ja voll von der Sache. Sie wird also wohl gut sein."

Wir wollen es hoffen, gnadige Frau." Er hatte schon den Hut in der Hand und verbeugte sich. Also auf Wiedersehen am Freitag, Herr Assessor .. . um sieben Uhr . . ." Auf Wiedersehen, gnädige Frau Als er endlich draußen stand, athmete er tief auf. Aus vollster Brust. Aber ein rechtes Gefühl der Befreiung wollte doch nicht über ihn kommen. 4. Kapitel. uien Prall schlenderte nach seiner Gewohnheit durch die Straßen Berlins. Er, der Einsame, liebte diese Spazierg'änge durch das wogende Leben der Großstadt. Aus ihm las er mehr, weit mehr heraus, als aus den Spalten der Tageszeitungen, aus all den Broschüren und Büchern, die sich auf seinem Schreibtische häuften. Er ging hinaus in den gewerbreicken Norden und zum Osten, wo länzs des Spreelaufs Fabrikschlot an Fabrikschlot sich zum Himmel reckt. Er hörte auf das Hämmern und Pochen der Werke, auf das Sausen und Surren der Motoren: er sab. wie jeder Fabrik Herr und jede Aktiengesellschaft dem engbegrenzten Boden, der mit Gold aufgewogen werden mußte. Raum abgewann für Neu- und Anbauten: wie sie Stockwerk auf Stockwerk thürmten. um immer neue Maschinen aufstellen zu können; wie jede einzelne Anlage sich streckte und dehnte und wuchs, gleich der ganzen Stadt selbst, die zur größten Fabrikstadt des Reiches geworden war. Er sah. wie die hochbeladenen Lastwagen und wie die Güterzüge auf den Anschlußstrecken ein- und ausführen im ewigen Wechsel, und wie auf der trüben Spree die vollen Dampfer herankeuchten; wie auf den Stätteplätzen die schwarzen Diamanten sich heute zu Bergen häuften, um morgen schon wieder zu winzigen Resten zusammenzuschmelzen. Er sah all die unverkennbaren Zeichen des blühenden. Verkehrs, einer reichen, emsigen Thätigkeit. Und er lachte bitte? Er ging auf die Bahnhöfe, wenn die Arbeiterzüge ankamen, die die neuen Hände heranführten für den unersättlichen Bedarf der Maschinen. Er sah sie kommen, die der Goldschein der Weltstadt vom Landleben hereinlockte, mit Weib und Kind; sah den kleinen Hausrath des einen und die leichten Bündel der andern und ihrer aller erwartungsfrohe, hoffnungssichcre Gesichter, auf denen noch das frische, gesunde Braun der Arbeit untec Goltes freiem Himmel lag; sah, wie die Agenten und Werber sie umdrängten und wie in der nächsten Schankwirthschaft die ersten Markstücke des Angeldes rollten. Er lachte bitter Er ging an den Palästen der Großdanken vorüber, in deren Portalen die Kommenden und Gehenden sich drängten; er trat an die Kassenschalter und sah. wie die Goldrollen und die Packen mit Tausendmarkscheinen ihre Besitzer wechselten, als seien sie brau-, nes Packpapier. Er stieg auf die Gallerie des Börsensaales hinauf und blickte hinunter auf die brausende, tobende Menge an den Maklerschranken. hörte gespannten Ohrs auf die grellen Rufe, die immer wieder sprungweise Kurserhöhungen ankündigten; sah, wie die Tepeschenboten mit den neuesten Nachrichten aus den Jndustriebezirken des Rheinlandes, aus den Erzdistrikten und den Kohlengebieten Westfalens und Schlesiens umdrängt wurden, wie man ihnen die Formulare mit erregungzitternden Händen entriß, um die jüngsten Monatsüberschüsse der großen Hüttenwerke, der Steinkohlengruben triumphirend in den Markt hineinzuschreien. Uno er lachte bitter Er ging in die Parlamente und horte die glatten Reden von dem staunenswerthen Aufschwung des deutschen Handels und der deutschen Industrie; wie die gewaltigen deutschen Schifffahrtsgesellschaften die Ozeane umspannten, wie der deutsche Kaufmann und die deutsche Gewerbthätigteit sich die Welt eroberten; wie die Einnahmen aus dem Eisenbahnverkehr stie gen von Monat1 zu Monat, und das Nationalvermögen wachse, daß keine Ausgabe zu schwer scheine für das glückliche Vaterland. Und er lachte Diner Er ging durch die Friedrichsstadt und sah, wie hinter den Spiegelscheiben der Vierpaläste, die wie die Pilze aus der Erde geschossen waren in den letzten Jahren, die weitesten Gasträume gefüllt waren bis zum letzten Platz; wie vor den eleganten Restaurants und den großen Hotelpalasten Wagen sich an Wagen staute; wie die Theaterkassen schon am Vormittag mit dem stolzen Ausverkauft" prunkten: wie ein unaufhörlicher Zustrom sich in die neuen gewaltigen Waarenbäuser, Schlösser aus Granit und Eisen, ergoß und aus ihnen zurückfluthete. Er ging die Linden entlang, die große Via triumphalis" der Hauptstadt. Er gedachte des Tages, da ihn sein Vater, der bescheidene arme Torfschulmeister. mitgenommen hatte nach Berlin, daß er Zeuge sein möge der Heimkehr der Sieger. Er dachte daran, wie die dahingezogen waren dröhnenden Schrittes durch die Doppelreihe der eroberten Geschütze, und er sah heute mit grimmiger Verachtung auf cne Gigerl herab und die geputzten Dämchen, die durch das Brandenbur-

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ger Thor drängten. Er stand lange sinnend vor dem Palais des alten Kaifers und blickte hinauf zu dem historischen Eckfenster, hinter dem er einst das milde, gütige Antlitz des greisen Herrfchers geschaut hatte. Und er ging weiter und stand vor dem prunkvollen Denkmal, das das neue Deutsche Reich dem einfachsten aller Könige errichtet hatte. Und er lachte wieder bitter lind dann sah er auf weißem Rosse den Kaiser, den Enkel, daherreiten. Und er hätte beide Arme ausstrecken

mögen und ihm zurufen, flehend, mit erbobenen Händen: Gebiete Halt! Gebiete Einkebr! Tu bist stark, Du bist wi7enskräftia! Noch ist es Zeit vielleicht noch Zeit. Greife mit fester Hand in die Räder, die dem Abgrund zurollen! Steure dem Uebermuth, und Dein Volk wird Dich dereinst segnen!" Doch zwischen ihm und dem Herrscher stand, Kopf an Kopf gereiht, die jauchzende Menge. Und so lachte er wieder bitter in sich hinein. Was galt auch der Weckruf des Einzelnen. des Einsamen Euaen Prall war einäugig. Und wie der Sehnerv des einen Auges ihm in einer Unalückssekunde zerstört worden war. so hatte das Unglück ibm auch die Fähigkeit geraubt. mit objektivem Sinn Licht und Schatten zu sondern. Er sah nur den Fluch, er sah nicht den Segen. Er sah sie mit seinem einen Auae schärfer und tiefer, als die Hunderttaufende, die das Glück des Tages verblendete, weil sie von diesem Glück gezebrt hatten, mitzebrten. mitu'.ehren hofften. Aber er sah nur. daß dies Glück in Scberben fallen müsse, und er sah nicht und wollte nicht sehen, daß dereinst jenseits von Ruinen und Trümmern eine neue Morgenröthe tagen würde. Daß in den Boden, den unermüdlicher Fleiß in rastlosem Ringen. beackerte, sich wohl wuchernde Quecken und allerlei Unkraut menqte. daß er aber dereinst doch reiche Früchte tragen würde, wenn die Noth zu der ernsten Einkehr zwang, die kein irdischer Herrscher befehlen kann. Der Kaiser ritt vorüber; nur von fernher glänzte noch der goldene Aar auf seinem H?lm, schimmerten die Uniformen feines Gefolges. Aber die Menge stand noch immer und starrte ihm nach und jubelte. Sie jubelte und Eugen Prall dachte an zauchzende Volksmassen, die einst König Karl von England umdrängt hatten, als er sein Reich bereiste, wenig Monate, ehe der Aufruhr gegen ihn losraste. Wie schwer mußte es für die Gekrönten sein, des Volkes wahre Stimmung zu erkennen Als Prall sich umwandte, sah er schräg hinter sich den Grafen Wellried und Lora. Er war nicht wieder oben gewesen im Puppenheim des alten Kunstfreundes seit jenem Nachmittage, in dem er. einen Mißklang in der Seele, ohne Lora noch einmal begrüßen zu können. die Treppen hinabstieg. Aber er konnie nicht nachtragend sein. So grüßte er sofort hinüber und schritt auf die Beiden zu Auf Loras schönem, blassem Gesicht lag noch der Schimmer freudiger Erregung, und ihre dunklen Augen leuchteten. . Dafür hatte Prall volles Vcrständniß, für diese jugendliche Freude, den Kaiser gesehen zu haben. Mehr Verständniß vielleicht, als der greise Welt mann, dem das schließlich doch nur ein Ereigniß unter vielen andern war Die Gemäldeausstellung bei Schulte, von der Onkel und Nichte soeben ka men, mit ein paar neuen köstlichen Böcklins, war ihm im Grunde, bei aller Loyalität, wichtiger. Sie gingen miteinander fte Linden hinunter und die Friedrichstraße. Lebhaft plaudernd; der alte Herr von seinen Kunstgenüssen, Lora von der Begegnung mit dem Kaiser, Prall über seine Eindrücke von dür jubelnden Volksmenge. Und so kraus die Zusammenstelluni war, sie fügte sich doch harmonisch ineinander, weil ieder nur das gab, was ihn interessirte, und gar nicht verlangte, daß der andre sich da für begeisterte. Bis dann ein plötzlicher Mißton kam. An der Ecke der Leipzigerstraße mußten sie, um die Straße zu kreuzen, einen Augenblick verziehen. Und der Zufall wollte, daß Frau Baldin im offenen Wagen gerade in diesem Mo ment vorüöerfuhr. Prall stand starr, mit zusammenge kniffenen Lippen, den Blick finster, drohend geradeaus gerichtet. Aber er sah doch, daß Lora grüßte, daß Frau Baldin den Gruß erwiderte, und er griff heftig nach dem Arm des jungen Mäochens: Warum grüßen Sie? Was haben Sie mit dieser ... mit dieser Dame zu thun? Seine Stimme klang heiser. Das Blut wallte in Loras Gesicht auf. Ich gebe ihrer kleinen Tochter erster Ehe Nachhilfeunterricht," sagte sie leise, aber bestimmt. Er hielt noch immer ihr Handgelenk umspannt und zischte: Das dürfen Sie nicht. Das dulde ich nicht. Sie dürfen dies Haus nie wieder betreten!" Der Graf machte vergeblich eine bit tende Geberde: Aber ... aber." Doch Lora hatte schon mit einer kurzen Bewegung ihre Hand frei bekommen: Ich wüßte nicht, Herr Doktor. waö mich hindern könnte, meinem Beruf nachzugehen," sprach sie ganz

ruhig. Zumal ich zu Frau Baldin gar keine Beziehungen habe. Sie bezahlt mich dafür, daß ich meine Pflicht

thue, und die Kleine ist ein artiges. allerliebstes Kind. Frau Baldin sehe ch kaum." Sie blickten sich auf eine Sekunde scharf in die Augen. Wie zwei Menchen, die Willen gegen Willen setzen. Dann rückte Prall mit einer Miene. die sehr spöttisch sein sollte und doch eigentlich nur sehr traurig erschien, an einem großen runden Kalabreser und chob plötzlich, ohne ein Abschiedswort, davon, mit großen Schritten durch die Menge. Lora-" Wir wollen weitergehen, Onkel. Es ist gerade Ebbe " Sie schritt, dem Grafen voran, schnell über den Damm. Kopfschüttelnd folgte er, und als er wieder an ihrer Seite war. legte er die Hand in Loras Arm: Kind! Kind! Hab' ich es Dir nicht prophezeit? Er wnd Dir das nie vergeben." sagte er betrübt. Und ich verstehe das auch. Ich finde es auch nicht richtig, daß Tu die Stunden gerade in dem Hause angenommen hast." Sie antwortete Nicht gleich. Aber dann gab sie in ihrem gelassenen Tonfall zurück: Ich sehe wirklich Nicht ein. warum ich mir von dem Doktor Vorschriften machen lassen sollte. Vor allem ... ich kann und darf nicht wahlerisch sein. Froh mußte ich sein, als sich diese Gelegenbeit bot" mW( Ah! Larifari das! Tu konntest ruhig warten. Ueberhaupt . . . diese ganze Unterrichterei . . ." Lieber Onkel!" Nun ja! Ja doch! Ich weiß schon. Ich kenn' alle diese schönen Worte vom unleidlichen Drohnenthum." Onkel!" Der alte Herr trippelte nervös neben dem jungen Mädchen her, das so gleichmäßig ausschritt. Er war immer nervös, wenn dieses Thema angeschmtten wurde, begann zu hüsteln, reihte ein Hm! und ein Oh! an das andre. ?o waren sie bis an das Gebäude der Mitteldeutschen Genossenschaftsbank gekommen. Hier blieb er plötzlich stehen, knöpfte seinen Gehpelz auf. zog die Uhr heraus Es ist noch etwas früh. Lora" hüstelte wieder, sah zu den großen Goldbuchstaben auf den Spiegelscheiben empor fünfundvierziz Millionen. Lora! Haft Du einen Begriff davon? Einen iBegnn auch nur, was eine Million ist?" schloß mit seinen zittrigen Händen wieder die Knöpfe und sagte bestimmter wie vorher: Recht ist es doch nicht von Dir, Lora." Sie stand ganz dicht neben ihm. Die Augen auf den Boden gerichtet, wie sinnend. Mit einem Male warf sie den Kopj zurück. Und wenn es mich nun gereizt hätte, einen Blick in die Höhle des ö wen zu thun?" Ah! unsinn! Ich hätte Dir solch überspannte Idee gar nicht zugetraut . . . meiner vernünftigen Lora!" Vielleicht reute sie schon wieder, was sie gesagt hatte. Wenigstens schränkte sie schnell ein: Ich meinte ja auch nur, wenn . . . ? Es kam so eins zum andern, Onkel! Ter Doktor aber soll mich mit seiner Bevormunderei zufcie den lassen! Tie vertrag' ich nicht - das sag' ihm, ein für alle mal! Und nun laß uns gehen. Wir kommen sonst zu spät " Zehn Schritte, und sie bogen in die geöffnete Privateinfahrt des MollerSieqbard'schcn Hauses ein. Lora kannte dies breite, in seinen Formen etwas schwere Treppcnhau noch so gut. Wie oft war sie ehedem. im kurzen Kleidchen, die Eichenstufen hinaufgesaust, daß die Zöpfe nur so flogen. Wie oft hatte sie ror dem gro ßen vlämischen Gobelin an der Wand bewundernd gestanden, auf dem die Hochzeit der Erbin von Burgund mit dem letzten Ritter kunstvoll eingewebt war. Bald nur sie mußte unwill kürlich lächeln um Hardi glück strahlend die Lösung irgend einer ent setzlich schweren Rechenaufgabe zu bringen; bald feierlicher an den gro ßen Tagen, wo Hardi zur Schokolade einlud oder gar zu ihrem alljährlichen Frühlingsfest hinkn in dem wunderschonen Garten. Wie doch drei kurze Jahre die Menschen ändern können Im Salon waren schon einige Gästz versammelt. Bernhardine stand mitten unter ibnen im heiteren Plaudern.. Aber als sie Lora eintreten sah, brach sie mitten im Satz ab und lief höchst würdelos wie Fräulein von Schotten im Stillen bemerkte, mit ihren kleinen Trippel schritten auf die Freundin zu, umhalste und küßte sie. Tann erst schien ihr einzufallen, daß sie hausfrauliche Pflichten habe. Sie errothete ein we nig, erröthete dann plötzlich ganz tief. als der alte Graf ihr ritterlich die Hand küßte, und war nun wieder in Verlegenheit, daß sie die Herren Lora vorstellen sollte. Da kam ihr glücklicherweise Papa zu Hilfe. Er hatte folch eigene Gabe, einen warmen Ton anzuschlagen, wenn ihm Jemand gefiel. k. (Fortsetzung folgt.) Znterscliiedo. D r o a i st (dem Lehrlina die Vor rathe zeigend): ..Wir haben hier also vier Sorten Honig: im ersten Glase ist feinster Bienenhonig, im zweiten reiner Bienenhonig, rnu dritten Bie nenhonig und im vierten Honig!"

Hund als Schlachlthier. Interessante Zahlen betreffs des Hunde fletsch als Nahrung, Mittel. In einzelnen Gebietstheilen Deutschlands wird der Hund als Schlachtthier betrachtet, ja, man unterwirft ihn sogar regelrecht der amtlichen Fleischbeschau. Freilich stnd die amtlichen Zahlen über die Benutzung des Hundes als Schlachtthier im Vergleich zu den gewältigen Mengen anderer Schlachtthiere nicht sehr bedeutend, denn die im letzten Vierteljahre 1904 untersuchten 1762 Hunde verschwinden fast gegenüber den 44.659 Pferden und andern Einhufern, 4,400,260 Schweinen, 999.291 Kälbern u. s. w. In Preußen gibt es noch ganze Provinzen, die den Hund als Schlachtthier nicht kennen, so Ostpreußen, Berlin, Pommern. Schleswig-Holstein, Westfalen, Hessen-Nassau und Hohenzollern; in

andern, so in Westpreußen (3). Brandenburg (31). Poen (1), Sachsen (37), Hannover (1) und Rheinland (15) ist er in dieser Eigenschaft sparlich vertreten. Soweit Preußen in Betracht kommt, findet das Hundefleisch seine zahlreichsten Liebhaber in Schlesien mit 232 untersuchten Hunden, von denen allein 168 auf den Bezirk Breslau fallen. Im vorhergegangenen Quartal stellten sich die Ziffern für ganz Preußen auf 237, für Schlesien auf 203 und für Breslau auf 144; die Zunahme betragt also im ganzen Staate nur 83 Thiere. Hindus im übrigen Reiche, wo die Zahl de Schlachtungen vom 3. zum 4. Qu..tal des Jahres 1904 von 525 auf gestiegen ist. sich also nahezu verdoppelt hat. Bayern weist hier von einem Quartal zum andern eine Zunahme von 138 auf 184 auf (also ein ähnliches Verhältniß tt?;e Preußen), Sachsen dagegen macbt einen Sprung von 311 auf 1073 Thiere. Besonders ist dort der Bezirk Chemnitz stark vertreten (mit 116 und 428 untersuchten Hunden). Vereinzelte Schlachtungen kommen dann noch in Württemberg (34), Anhalt (25), Sachsen - Koburg - Gotha (8), Reuß jüngere (5) und ältere Linie (1) und in Sachsen-Altenburg (3) vor. Die mitgetheilten Zahlen sind weder absolut noch relativ irgendwie bedeutend, aber sie lassen doch Schlüsse zu auf eine erhebliche Summe sozialen Elends. Preisgekrönter Kondukteur. Eine Wiener Zeitung hatte drei Preise ausgeschrieben für eine Arbeit über die Bedeutung Schillers als Volksdichter." Die drei Preisgewinner waren ein Bürgerschullehrer, ein Literaturhistoriker und ein Schaffner Namens Franz Swoboda. Die Sache erregte naturlich Aufsehen. Wer da weiß, wie anstrengend und aufreibend der Dienst eines Eisenbahnschaffners in Oesterreich ist, der allein wird die Begeisterungsfähigkeit des Mannes ermessen können, der bei so erschöpfendem Beruf noch Zeit und Muße findet, sich eingehend mit Schiller zu befassen und eine fo ernste, tüchtige Arbeit über den Dichter fertig zu bringen, daß ihr ein Preis zuerkannt werden muß. s?ranz Swoboda wurde eine bessere Erz-ehung zu Theil, doch des Lebens Noth zwang ihn in den Frohndienst harter Arbeit. Er arbeitete viele Jahre lang als schlecht bezahlter Gk Hilfe im Bildhauergewerbe, und die Anstellung als Schaffner bei den Staatsbahnen, wo er jahraus, jahrein mit den Lastzügen fahrt, war für ibn ein Glücksfall. Seine kargen Mußestunden widmete er der Beschäftigung mit der Dichtkunst und namentlich mit Schiller, den er besonders in sein Herz geschlossen hat. Swoboda, der von slavischen Eltern abstammt, hat st"? selbst im Deutschen vervollkommnet und beherrscht vollständig die deutsche Sprache, in der er viele Gedichte verfaß, hat. Vernünftiger Herzog. Veranlaßt durch einen kürzlich vom Gemeinderath in böthen, Herzogthum Anhalt, gefaßten Beschluß, anläßlich des erwarteten Besuchs des regierenden Herzogs eine Summe bis zu 3000 Mark für Ausschmückung der Straßen aufzuwenden, ist jetzt an die Kreisdirektoren und Oberbürgermeister der Hauptstädte des Herzogthums von Seiten der Regierung eine Verfügung ergangen, in der dies Vorhaben als nicht dem Willen des Landesherrn entsprechend bezeichnet wird. Es heißt weiter darin, daß kommunale Mittel zur Ausschmückung der Orte, die der Herzog besucht, nicht verwandt werden sollen. Wenn dies seitens der Bürgerfchaft geschähe, so ließe sich dagegen nichts einwenden, öffentliche Gelder hätten aber andere Bestimmungen. Origineller SelbstMordversuch. In einer Zelle des Gefängnisses in San Francisco, Kal.. machte der unter Anklage des Mordangriffs stehende chinesische Highbinder Louis Dip dieser Tage einen Versuch, sein Leben zu enden, indem er sich an seinem eigenen Zopf aufhing. Er schlang seinen Zopf um einen der seine Zelle vergatternden Eisenstäbe und machte dann eine Schlinge, die er sich um den Hals legte, worauf er sich in die Kniee sinken ließ. Er wäre sicherlich erstickt, wenn er nicht noch zur rechten Zeit entdeckt und aus seiner gefährlichen Lage befreit worden wäre. Das neue ParlamentsGebäude in Stockholm. Schweden. das vor zehn Jahren in Angriff genommen ward, ist nun vollendet.

Acrüerahl und Sterblichkeit. Ihr umgekedtteS Verhältniß - Jtereffate vreufzische Statistik. Nach einer amtlichen Statistik gav es im Jahre 1903 im Königreiche Preußen 18,219 Aerzte und 1239 Zahnärzte, die sich aber sehr ungleich auf die einzelnen Provinzen vertheilten. Während im Durchschnitt im Staat auf je 10,000 Einwohner 5.29 Aerzte kamen, betrug diese Zahl im Landespolizeibezirk Berlin 14.26. im Regierungsbezirk Gumbinnen dagegen nur 2.41. Ueber den Staatsdurchschnitt erhoben sich außer Berlin noch die Bezirke Wiesbaden (9.26), Aurich (8.58), Köln (7.80), Potsdam (7.19), Hannover (6.64), Stralsund (6.47). Hildesheim (5.87). Breslau (5.70) und Schleswig (5.68). An der untersten Grenze dagegen standen neben dem schon genannten Gumbinnen noch Köslin "(2.55). Oppeln (2.74) und Marienwerder (2.89). Im Allgemeinen finden sich die Bezirke mit hoher Aerztezahl im Westen, die mit geringer im Osten der Monarchie. In umgekehrter Weise vertheilt sich die Sterblichkeit im Staate. So finden sich in Berlin nur 17 Todesfälle auf 1000 Einwohner, in SchleswigHolstein 17.5, in Hannover 18.4. in Hessen-Nassau 18.6. in Westfalen 19.6. in der Rheinprovinz 20. Sachfen und Pommern mit 21.1 und 21.6 Todesfällen halten ungefähr den Staatsdurchschnitt (21.0) inne. in Posen und Westpreußen dagegen steigt die Zahl der Sterbefälle auf 23 .4, in Ostpreußen auf 24.7 und in Schlesien gar auf 25.6 auf je 1000 Bewohner jährlich. Der ursächliche Zusammenhang, in dem der Mangel ärztlicher Hilfe mit der Häufigkeit der Todesfälle steht, tritt besonders klar zu Tage, wenn man eine der Krankheiten zum Vergleiche heranzieht, bei deren Behandlung die ärztliche Kunst in der neuesten Zeit früher ungeahnte Erfolge erzielt hat. Im Durchschnitt des Staates starben z. B. an Dvphtherie und Krupp in Preußen 14,914 Personen, d. h. auf je 10.000 Einwohner kamen durchschnittlich 4.19 Todesfälle. Während im ganzen Westen der Monarchie dieser Durchschnitt nirgends erreicht wurde

und Aurich mit 0.86 Todesfällen die Mindestgrenze auswies, überschritt der Osten den allgemeinen Durchschnitt, mit Ausnahme von Berlin-Branden-bürg und der Bezirke Stettin, Breslau und Liegnitz, überall. Im Bezirke Köslin stieg die Zahl der durch die Diphtherie verursachten Menschenverluste auf 7.11, in Marienwerder auf 7.35. in Bromberg auf 8.74, in Königsberg auf 14.28 und in Gumbinnen gar auf 21.24. Aehnlich liegt die Sacke beim Keuchhusten. An Scharlach, Masern und Rötheln weisen ferner die Bezirke Posen, Bromderg und Oppeln d;e doppelte bis etwa vierfache Sterblichkeit der übrigen Landestheile auf. Theure Ratte. Eine pestverdächtige Ratte bildete die Veranlassung zu einer Schadenersatzklage gegen die Polizeibehörde in Hamburg. Die Hafenpolizei hatte in einem überseeischen Dampfer, der eine Roggenladung enthielt, eine todte Ratte gefunden, die pestverdächtig war. Das Schiff wurde auf Anordnung der Polizei desinfizirt. Durch diese Manipulation wurde die Roggenladung minderwerthig und erzielte in der Versteigerung einen bedeutend niedrigeren Ertrag. Der Empfänger jener Roggenladung machte nun einen Schadenersatz in Höhe von $1250 aeaendie Polizeibehörde geltend. Das Landgericht Hamburg hat aber die Klage abgewiesen in der Annahme, daß dem Kläger selbst eine Schuld zur Last zu legen fei, indem er bei der Desinfizirung die Ladung nicht geschützt habe. Tie beim Oberlandesgericht Hamburg eingelegte Berufung hatte auch keinen Erfolg; ebenso hat das Reichsgericht die eingelegte Revision zurückgewiesen. Welthandel-Statistik. Nach den vom Statistischen Bureau des Ver. Sraaten-Handelsamtes herausgegebenen Daten über den Außenhandel der wichtigsten Handelshäfen der Welt steht London stets noch an der Spitze mit einem Gesammtbetrage von 51,304,754,181. An zweiter Stelle steht New York mit $1,106,979,046. New York übertrifft London in der Höhe des Exportes mit einem Gefammtausfuhrwerthe von $506.808,013. doch steh.' Liverpool mit einer Gesammtausfuhr von $557,598,936 noch immer an der Spitze. Neue Zweimarkstücke ohne den vom Dundesrath vorgeschriebenen Riefrand stnd von der Hamburser Münzstätte aus Versehen ausgegelen worden. Sie wurden für Bremen geprägt und tragen das bremische Hoheitszeichen. Bremische Fünfmarkstücke, die denselben Fehler baden, sind ans der Hamburger Münzstätte daraufhin noch angehalten worden und sollen umgeprägt werden. Die ungerieften bremischen Zweimarkstücke haben Kurswerth und werden von Numismatikern bald gesucht sein. Das Linienmuster der Fingerspitzen bleibt, nach der Aussage eines hierin erfahrenen KriMinaliften, nicht nur während des ganzen Lebens unverändert, fondern es steht außerdem fest, daß solche Fingerabdrücke zweier Personen einander erst unter 64.000.000,000 Fällen einmal zum Verwechseln ähnlich wären.