Indiana Tribüne, Volume 28, Number 220, Indianapolis, Marion County, 9 May 1905 — Page 7

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Jndiana Tribüne, S. Mai 1903.

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(Fortsetzung.) r Hör auf! Hör auf! Du bift immer noch die alte liebe Schwätzerin. Glaub mir. ich werde sehr froh und glücklich sein, wenn ich erst mit meinem Päckchen Schulhefte unterm Arm in der Elektrischen sitzen kann wenn ick eine Pflicht habe! Ich fühle mich aanz uni caz nicht geschaffen für ein Trobnendasein." Drohnendasein! Lora, werde nicht anzüglich!" Sie lachien alle drei, und dann saate der Graf: Mich, glaube ich. wirft meine gestrenge Nichte auch zu den Drohnen. Trösten wir uns also, gnädiges Fräulein. Es muh auch Menschen geben, die dazu da sind, das Schöne, was andre geschaffen haben, freudiq zu bewundern, und dazu gehört Muße. Wer nimmt sich die freilich heute noch? Selbst der Kunstgeauß wird ja wie eine Arbeit aufgefaßt, und wer nicht an einem Vormittag so und so viel Quadratmeter bemalter Leinwand absolvirt hat, gilt als ein Fau lenzer." Wenn Graf Wellried auf dies Thema kam. redete er sich immer fest. So auch diesmal, bis Bernhardine ganz erschrocken nach dem Zifferblatt der alten holländischen Uhr an der Wand sah Schon fünf!" und zum Aufbruch rüstete. Die Freundin brachte sie hinaus und blieb noch einen Augenblick am Treppengeländer sieben, um ihr nachzuschauen. Bcrnhardine huschte flink an Jcbann vorbei und den ersten Absatz hinunter, stutzte dann aber erschrocken, denn sie wäre beinah an einen Herrn angerannt, der mit tief gesenktem Kopf die Treppe beraufkam. Nun trat er freilich zur Seite und hob das Gesicht. Auf einen Moment begegneten sich ibre Blicke, und das junge Mädchen schauerte leicht zusammen. Das eine Auge des Mannes war durch eine schwarte Binde verdeckt. Aber das andre Auge blickte sie, wie es ihr vorkam. eigen durchdringend, nein wie feindselig an. Es lag ganz tief in der Höhlung, und das Gesicht war unheimlich blaß. Sie hastete weiter die Treppe hinab, mit dem Empfinden: ein Glück, daß Du den Johann mit hinaufgenommen hast. Der Mensch sah ja aus wie ein Verbrecher " So sehr eilte sie, daß sie gar nicht mehr borte, wie Lora Kolanden oben den Verbrecher leite? begrüßte: Welch seltener Gast! Nur herein. Herr Doktor! rk wird sich sehr freuen!" Lie strebte ihm die Hano entgegen, und er hielt die schmalen Finger eine Sekunde fest in den seinen. Seltener Gast. Fräulein Lora? Es will mich manchmal dünken, als stiege ich zu oft aus meinem Verließ herauf " sagte er mit sanfter, fast etwas bedrückter Stimme. Aber aber! Sie wissen reckt gut, wie froh Onkel ist, wenn Sie kommen." Und Sie, Frä . Lora...?" Ich freue mich auch berzlich. Sie zu seben. DaS isi doch selbstverständlich." gab sie unbefangen zurück. Aber nun herein Der Graf saß schon wieder an seinem Schreibtisch in dem wie immer mit Cigarettenrauch erfüllten Arbcitszimmer: die Lupe in der feingliedrigen wacksgelben Hand, den Kopf tief über einen alten Kupferstich gebeugt; rechts und links neben sich große Mapn. Seit Wochen war er mit der Katalogisirung der Sammlung eines seiner Freunde beschäftigt. Ein Besuch störte ihn aber nie. denn er ließ sich von der Arbeit nie tyrannisiren." wie er ?u sagen pflegte: Ich bin wie der Dichter, der warten muß, bis die Muse kommt, ihn zu küssen. Ich kann Tag und Nacht arbeiten, wenn ich in der rechten Stimmung bin. aber obne sie hält mich keine Ge walt der Erde am Schreibtisch fest. Das ist mein Unglück . . . und ist mein Glück!" Uebriens sah er nur flüchtig auf. als Euen Prall eintrat. Er winkte mit der Hand: Verzeihung. Doktor! Eine Sekunde, ich muß erst feststellen, ob dies Blott wirklich von Francois bt Poillv stammt oder eine infame Imitation ist." Und er vertiefte sich wieder in die feinen Linien, während er in Absätzen weiter sprach: Schönsten guten Tag, Lieder lassen Sie sich von Lora etwas erzählen, bis ich fertia bin . . . hast Du nicht eine Schale Kaffee für den Doktor, Kind?... Diese alten Franzosen waren doch ganze Kerle!... Der Poilly und der Nanteuil . . . na, und erst der Antoine Masson . . . ganz raffinirte Gesellen waren es " Der Cbemiker hatte seinen runden Hut ungenirt auf den nächsten Bücherstapel gelegt und sich in eine Ecke des großen tiefen Sofas gesetzt mit dem Behagen eines Hausfreundes. Nur keinen Kaffee, Fräulein Lora. Aber wenn der Onkel in dem Schränkchen da drüben noch etwas Creme de Menthe haben sollte... ein winziger Tropfen, von Ihrer Hand, würde mir wohlthun. Ich habe noch die ganze

Nase und die ganze Kehle voll' von dem edlen Schwefelwasserstoff scheußlich . . . Tausend Dank. Fräulein Lora. Und nun sagen Sie mir ein mal, wer war denn das kleine niedliche Protzenmädel mit dem langen Laban hinter sich, der ich . . ." Doktor, wenn wir gute Freunde bleiben sollen, sprechen Sie nicht so von meiner treuesten Schulkameradin!" Lora hatte sich einen Platz auf der alten Truhe gesucht, neben den'. Sofa, saß mit dem Rücken an der Wand, die Hände im Schooß, den Kopf ein wenig zurückgelehnt und zur Seite gewandt. Es war ihr völlig unbewußt, aber auch jetzt boten ihr Oberkörper und ibr Gesicht, dessen feines Profil sich scharf von der dunkelbraunen Tapete abhob, einen bildmäßigen Eindruck. Hab' ich denn etwas Böses gesagt? Ich konstatirte doch nur " Dann konstatirten Sie vorbei, mein Herr Doktor." Also ich besckeide mich wer war die junge Dame?" Meine Freundin Bernbardine Möller-Sieghard " Der Doktor lachte. Und so fernst sein Organ war, sein Lachen klang bitter, fast höhnisch. Aha! Papachen Geheimer Kommerzienrath. Ein Mi!lionengel. Fährt auf Gummirädern und wirft Angelschnüre aus nack einem Grafen." Der Alte am Schreibtisch lackte hell auf: O, Sie Klügster aller Klugen. Unsre kleine Hardi! Dann bin ich's am Ende, nach dem ste angelt. Nun . . . ich bin ja immerhin ein gut konservirter Siebziger! Was meinst Du, Lora. zu der Kombination?" Ich finde den Doktor beut unaus-. stehlich. Wie immer, wenn er seinen blinden Haß gegen jeden Menschen, der mehr als satt zu essen bat, Ausdruck gibt. Von mir bekommt er keinen Likör ... das ist auch vom Ueberfluß." Da haben Sie eigentlich recht, Fräulein Lora. Aber Sie präzisiren sonst recht falsch: mein Haß gilt nicht dem Wohlstand, er gilt nur der Plutokratie." Sie sind ein arger Sozialdemotrat!" Das glauben Sie selbst nickt. Fräulein Lora. Ich stecke meine Pfähle weitab von den rothen Herrschaften. Schon weil ich ein begeisterter Patriot bin. Aber die übermäßige Anhäusung von Reichthum in den Händen einzelner " Doktor, geben Sie Frieden!" Ter Greis legte sein Augenglas aus der Hand und wandte sich zu den beiden um. Lma. es ist doch ein echter Poilly... ein Staatsblatt! Ja also. Doktor, lassen Sie Tibx Eifern. Wo wäre unsre ganze Kultur, wenn man einzelne Individuen. Geschlechter es zu allen Zeiten verstanden hätten. große Reichthümer aufzusveichern? Nur von solchen ist dann immer neue. frische Initiative ausgegangen, nur sie haben Talente und Genies wirklich gefördert." Lieber Graf. Sie verwechseln wieder einmal Kultur und Kunst!" knurrte der Doktor. Bewahre! Nur kann ich mir keine Kultur ohne Kunst denken." Lehren Sie die Menschen. Strob und Baumrinde in gutes Brot zu verwandeln, erfinden Sie mit andern Worten die Verwandlung von Holzstoff in ein brauchbares Nahrung mittel und diese Verwandlung wird eines Tages von uns Chemitern erfunden werden so thun Sie mehr für die Menschheit, als alle Mäccne von den Tagen des alten Hellas H: zu denen der modernsten Milliardäre zusammen gethan haben." Das käme noch sehr darauf an. Doktor. Es macht den Menschen niä't nur glücklich, satt zu werden." Ihre ganze Kunst ist überhaupt nur eine Kunst für die Reichen. Der Arme hat gar nichts von ihr." Sie stnd ein Barbar. Doktor, mit dem man eigentlich nicht streiten sollte. Es wird gewiß stets so Arme geben, daß für sie die Kunst nicht vorhanden ist leider! Aler je länger, desto mehr, aus immer zahlreicheren Quellen, in immer reicheren Zuflüssen strömt die Kunst, so aristokratisch sie an sich sein mag, den breiteren Massen zu. Gehen Sie doch in die Museen und sehen Sie die einfachen Leute vor den Gipsabgüssen der Antike, ror den Gemälden der klassischen Kunst. Gehen Sie in die Volksbibliotheken und sehen Sie. was den Armen gebo:en wird und was sie gern annehmen. Sie. lieber Freund, wollen immer nur den Verstand füttern, wie Sie dem Magen gute, billige Kosi zuführen wollen. Tac Gemüth, das Herz vergessen Sie dabe' ganz die Freude am Schönen mag verdorren, wenn der Kerl nur satt wird! . . . Wollen Sie nicht ein? Cigarre, Sie unverbesserlicher Materialist! Lora, die Kiste steht neben Dir!... Dabei strafen Sie sich selbst fortgesetzt Lügen. Wenn man Sie hört, müßte man denken. Sie wollten Pech und Schwefel auf unsre verrotteten Zustände regnen lassen, und in Wirklichkeit ich kenne Sie doch nun lange genug sind Sie der gutwüthigste Mensch unter unsre? lieben Sonne. Lassen sich sogar in aller Seelenruhe das Fell über die Ohren ziehen " Bitte, lieber Graf, nicht das Thema" Prall sagte es in seltsam gequältem Ton, und wie um möglichst schnell auf einen andern Gesprächsstoff zu kommen, wandte er sich an das junge Mädchen: Also Fräulein Mö'ller-Sieahard war Ihre treuste

Sckulfreundin, Fräulein Lora? Das heißt, sie schrieb Ihre Arbeiten ab, und Sie sagten ihr vor. wenn sie nichts gelernt hatte. Ich weih, darauf gründen sich die innigsten Klassenfreundschaften." Gewiß! Nur beruhte Abschreiben und Vorsagen auf Gegenseitigkeit." gab Lora kurz zurück. Die Vitterkeiten, in denen der Doktor sich heut gefiel, behagten ihr nicht. Er kam ihr fremd vor, verändert dieser wunderliche Mann, vor dem sie sich einst gefürchtet hatte, und den sie dann, wenn sie zu den kurzen Ferien bei dem Oheim auf Besuch war. allmälig schätzen gelernt hatte. Wie Jemand, auf den man sich unbedingt verlassen kann, der für Ernst und Scherz immer das richtige Verständniß bat. Es mag am Ende doch eine innerliche Verbindung zwischen Aristokratie und Plutokratie aeben." sagte er jetzt. Der Onkel lachte: Welch tiefsinniger Satz in der Anwendung auf zwei Mädchenheren!" Aber Lora verdroß auch diese Bemerkung. Sie schien eine scharfe Entgegnung auf der Zunge zu haben, begnügte sich aber mit einem schroffen Hochwerfen des Kopfes. Sie nabm auch nicht weiter theil an dem Gespräch der beiden Herren. Ein paar Minuten blieb sie noch sitzen, dann stand sie geräuschlos auf und verlieh das Zimmer. Erst als sie das Zuschlagen der Korridortbü? körte, kebrte sie zurück. Es dämmerte schon leicht. Der Graf saß in der Sofaecke und träumte vor sich hin. Er liebte diese Stunden der inneren Einkehr, wie er sie nannte. Willst Du die Lampe. Onkel?" Noch nicht. Lora. Aber komm, setz Dich zu mir. Es ist noch hell genug, daß ich Dein liebes Gesicht sehen kann. Erzähl mir etwas von Deinen Freuden und Deinen Sorgen. Nur nichts von der arauen Schulstube " Ader, Onkel!" Er schüttelte den Kopf. Erzähl mir von irgend einem dummen Streich, den Tu und die kleine Bernhardine zusammen ausgefressen habt." So war er nun einmal. Und Lora suchte ein paar lustige Pensionserinnerunaen zusammen, um den lieben alten Mann zum Lachen zu bringen. Aber es ging heut nicht recht. Nach ein paar vergeblichen Anläufen faßte sie plötzlich des Oheims Hand und fragte: Was yai der Doktor nur neuerdings? Es ist, als sei ihm irgend etwas zugestoßen, als habe lrgeno klne rremoe $ano rn iem eben eingegriffen." Ich !,abr Dir ja doch erzählt, daß nun: ihn um den Lohn seiner Erfindung betrog, vujj die geriebenen Geschäftsmenschen ihn mit einem Butterbrot abfanden, während sie Millionen terdiencn. Man darf mit ihm wegen feiner Bitterkeit nicht rechten. Lora." Lora saß einige-Augenblicke schweigend. Dann schüttelte sie den Kopf. Das kann es nicht allein sein. Doktor Prall macht sich ja aus dem Gelde so gar nichts. Das hätte er längst verschmerzt " Ter Greis antwortete nicht. Oder er hätte bis aufs Messer mit den Leu cn gekämpft um sein Recht " Recht? Kind, was ist Recht? Das Recht, das juristische Recht, wird ganz gewiß auf Seite der andern sein." Aber wie konnte ein so gescheiter Mann sich sein Recht entwinden lassen?" Gescheit? Lora, man kann gründgescheit im Allgemeinen sein und in einem speziellen Fach doch bethört werden. Ich gelte als einer der feinsten Kenner der präraffaelitischen Periode, habe mich aber, wie Du weißt, doch mit einem falschen Botticelli hineinlegen lassen und dabei die Hälfte unsres kleinen Vermögens verloren. Und wenn nun qar ein Weib im Spiel ist-" Trotz der Dämmerung sah oder fühlte der Graf ein Zucken der Abwehr in Loras Gesicht, wie die Bitte: genug, ich will nichts weiter wissen. Liede? Kind" sagte er schnell da das Wort nun einmal gefallen ist, ist es besser, ich erzähle Dir offen, was zu erzählen ist. Schon damit Du Dir nichts Schlimmeres vorstellst, unsrem Freunde in Gedanken nicht irgend eine Schuld andichtest, die nicht existirt. Tu weißt, er ist armer Leute Kind. Sein Vater war in Burkershagen, bei meinem Bruder, Schullebrer. Was er ist, ist er alles durch die Anlage, die ihm Gott gegeben, und seinen erstaunlichen Fleiß geworden. Menschenkenntniß ader hat er in diesem Leben der Arbeit sich wohl wenig erworben, am wenigsten Frauenkenntniß. Nun, siehst Tu so lernte er vor zwei Jabren, grade als er, sozusagen, an der Schwelle seiner Erfindung stand, durch einen Zufall eine sebr hübsche junae Frau Althof kennen, die Wittwe eines Kollern " Der Graf lächelte etwas ironisch: Ich habe sie auch gesehen, mein Geschmack war sie gerade nicht. Aber hübsch war sie wirklich, vielleicht schön, dabei klug und auch leidlich wohlhabend. Vor allem aber die erste Frau, die in seinen Kreis trat mit der Absicht, ihn zu bezaubern. Er verliebte sich rasend in sie, und sie schien seine Neigung zu erwidern. Unser armer Freund war damals in rosigster Stimmung, der Himmel hing ihm voller Geigen: er sah sich schon als glücklichsten Ehemann und zugleich als erfolgreichen Erfinder. Phantast, der er im Grunde ist, wollte er mit seinem neuen Glühlicht vor allem der Armuth nutzen seine Apparate sollten zu einem Spottpreise abgegeben werden.

Das Kapital zur ersten Einrichtung der Fabrik versprach ihm Frau Paula, und in seiner gänzlichen Geschäftsunkenntniß fand er es ganz natürlich, daß zu ihrer Sicherstellung zwischen ihnen ein Kontrakt aufgestellt wurde, der ihr alle Rechte in die Hand gab. In seinen Augen gehörte seiner Frau ja selbstverständlich alles, was er besaß oder je erwerben konnte. Er hat mir später sogar gestanden, daß er es nur der formellen Für'orge des hinzugezogenen Notars verdankte, wenn ihm überhaupt eine bestimmte, lächerlich kleine Abfindungssumme für alle Fälle gesichert wurde. Nun Du ahnst es schon sobald die schöne Frau ihren Vertrag in der Tasche hatte, wandte sich oder wandte sie das Blättchen . . . Und dann kam der schreckliche Morgen, wo der Laboratoriumsdiener mich hinunterholte. Der Hof stand voll Menschen neugieriges Volk die Feuerwehr rasselte "gerade heran: irgend Jemand hatte sofort den Feuermelder in Thätigkeit gesetzt. Aber einen Arzt hatte Niemand von all den Gaffern geholt, und der vor allem that noth. Denn Prall lag fckwer verletzt und ohnmächtig auf dem Boden des Laboratoriums, das noch von erstickenden Dämpfen erfüllt war. Ich begehe Dir gegenüber keine Indiskretion, Lora, wenn ich Dir erzähle, daß ich neben ihm einen Brief jene? . . . Dame fand, in dem sie ihm in aeradczu lakonischer Kürze die . . . Freundschaft aufsagte. Wenige Minuten vor der Explosion hatte er das Schreiben erhalten und in der Aufregung das Experiment vernachlässigt, vergessen was weiß ich an dem er arbeitete. So hat ihn jene Stunde nicht nur um den Preis seiner Erfindung gebracht, fondern auch um sein Auge ein Splitter der zerborstenen Retorte hat es unrettbar zerstört . . . Begreifst Du nun, was ihn so bitter gemacht hat?" Der Graf schwieg. Sie saßen geräume Zeit still nebeneinander. Es war ganz dunkel geworden im Zimmer. Endlich fragte Lora: . . . und jene Frau . . . ?" Der alte Herr erhob sich, trat an seinen Schreibtisch und entzündete die Arbeitslampe. Die schöne Wittwe?" sag: er langsam. Nun, sie hciratbete wenige Monate später einen Geschäftsmann, der. wie tcy hörte, evenjo ruckstchtslos uno gerieben ist, wie sie selber. Einen Herrn Baldin ... sie war jetzt eine brillante Partie, denn sie brachte die Patente unsres Freundes als Mitgift in die Ehe. Und Herr Baldin gründete bald darauf die berühmte PrometheuslichtGesellschaft. Ich habe mir sagen lassen. daß deren Aktien seitdem eins der beliebtesten Spielpapiere der Börse geworden sind und daß Herr Baldin eine Million an dem Unternehmen verorent hat." Er griff nach der Zeitung, die auf dem Arbeitstisch lag, und blätterte darin. Es ist lange her, daß ich zum letzten Male einen Blick in den Kurszettel geworfen habe. Ich kenn' mich gar nicht mehr aus in den dummen Zahlenreihen. Ah hier! Da haben wir's ja: Prometheuslicht... 396.75 . . . letzjährige Dividende fünfund dreißig Prozent! Du siehst, das Geschäft blüht, mein Kind. Und doch erinnere ich mich einer Viertelstunde, in der mir der betrogene Erfinder mit seinem bittersten Lachen erklärte, das ganze Prometheutlicht sei nicht einen Schuß des schlechtesten Schicßpulvers werth "

3. K a p i t e l. as alte HauL der Firma Möl-ler-Siegbard & Söhne, ein einstöckiges Gebäude, lag eingeklemmt zwischen dem neuen Prachtbau der Mitteldeutschen Genosfenschaftsbank und der etwas schmalen Vorderfront des soeben vollendeten Geschäftshauses der PrometheuslichtGesellschaft, das auf einem sehr tiefen Hintergelände zugleich die in steter ErWeiterung begriffenen umfangreichen Fabrikanlagen barg. Das Möller-Sieghard'sche Haus enthielt im Erdgeschoß die Geschäftsräume; im ersten Stock befand sich die Wohnung des Besitzers; der Sohn hatte sich schon feit einigen Jahren ein elegantes Junggesellenheim in der nahen Voßstraße geschaffen. Die beiden Prunkfronten erdrückten das graue Haus mit seiner nüchternen, aus dem Anfang des Jahrhunderts stammenden Fassade geradezu. Links die Genossenschaftsbank war vor etwa fünf Jabren erbaut, als das noch in der Entwicklung befindliche, aber immerhin hochangesehene Provinzunternehmen nach Berlin übersiedelte. Man hatte damals wohl in manchen Kreisen den Kopf darüber geschüttelt, daß die Bank bei einem Grundkapital von nur fünfzehn Millionen Mark sich mit einem Bankgrundstück festlegte, das mit einigen Millionen zu Buche stand. Aber die Energie und Umsicht Salesters straften die Pessimisten Lügen. Die Bank hatte ihr Kapital, entsprechend dem stetig steigenden Umsatz und der wachsenden Ausdehnung ihrer Verbindungen, schnell hintereinander erst um zehn, dann um fünfzehn Mi!lionen vermehrt; sie zählte in'der Reihe der deutschen Großbanken mit. Herr Baldin war ein Homo novus"; vor drei Jahren kannte man ihn, den Besitzer einer kleinen chemisehen Fabrik, kaum. Auch als er dann die Prometheuslicht-Gesellschaft in's Leben rief, zuerst mit einem Minimalen Kapital, waren er und die Gesell schaft nicht recht beachtet worden; die Konkinrenz baite über den dreisten

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Mann gelächelt. Aber das Geschäft nahm einen ungeahnten Aufschwung. Baldin hatte das Glück, daß das älteste der Konkurrenzunternehmen einen Patentprozeß gegen ihn anstrengte, den er glänzend gewann und der die Aufmerksamkeit aller Welt auf sein Fabrikat lenkte. Der allgemeine Aufschwung der Industrie, der die Bankwelt zu willigen Geldgebern machte, kann ihm zu Hilfe; er nutzte die ihm gewährten Kredite bis zur Grenze der Möglichkeit aus, gründete in den Provinzen eine große Anzahl Filialen und verstand es, die Patentlizenzen im Auslande glücklich zu verwerthen. Der Kurö der Prometheusaktien, deren Durchführung an der Börse er, nach Erhöhung des Aktienkapitals auf eine Million, zuerst nur mit Mühe durchgesetzt hatte, stieg, als er nach dem ersten Jahresschluß fünfzehn Prozent Dividende erklärte, rapide. Der unermüdlich thätige Mann besaß eine ganz eigene ate, die Börse und das spekulirende Publikum durch immer neue Ueberraschungen zu interessiren; bald hatte er eine Konkurrcnzfabrik aufgekauft, bald sich mit einer andern Unternehmung funonirt, bald gab die Nachricht von der Gründung einer Tochtergesellschaft in Wien, in Petersburg, in Belgrad dem Kurse neuen Impuls. Mochten auch einzelne mißtrauische Seelen dem schnellen Aufblühen des Unternehmens zweifelnd gegenüberstehen, den Erfolg hatte Baldin für sich. Seit nun die Prometheusgesellschaft offenkundig zum Salester-Concern, wie der neüaufgekommene Börfenausdruck lautete, gehörte, hatte sie alle Schwierigkeiten überwunden. . (Fortsetzung folgt.)

Die römische Polizei scheint einem sensationellen Verbrechen auf der Spur zu sein. Vor einiexn Wochen kam in Rom ein reicher Russe. Wladimir v. Smirnow. mit seiner deutschen Geliebten an. Der Russe, ein älterer Herr, starb am 13. März plötzlich angeblich an einem Herzleiden, worauf aus Genf eine Dame", eine Russin, in Rom erschien. Die Beiden sollen das Tesiament des alten Herrn zu ihren Gunsten gefälscht haben. Auf Veranlassung der in Freiburg wohnenden Familie Smirnow erfolgten gerichtliche Schritte, um die Dinge aufzuklären und festzustellen, ob nicht ein Giftmord vorliegt. Die Leiche Smirnow's ist bereits nach Genf geschafft. Tie folgen der spckulaltottSwuiy. Das Treiben und der Sturz des Präsidenten der Ersten Nationalbank in Milwaukee. Frank G. Bigelow. stellen bei Leibe keinen typisch amerikanischen Fall dar, in ihnen spiegelt sich aber doch bis zu einem gewissen Grade ein gutes Theil unseres Geschäftslebens wieder; wenn auch nur des Geschäftslebens, wie es nicht sein soll. Der Präsident Bigelow galt als ein außerordentlich sähiger und zuverläfsiger Finanzmann und war als solcher in die Leitung mehrerer gewinnbringender Unternehmen berufen worden. Seine Einnahmen waren bedeutend und ermöglickiten es ihm. alle legitimen Wünsche zu befriedigen, die er und seine Familie hegen mcchten. Er hätte lomit in Ehren und Wohlleben seine Tage beenden können, wenn der ?pekulationsteufel nicht in ihn gefahren wäre. Noch steht es nicht fest, ob er oie ersten Veruntreuungen verübte, um dringende Verbindlichkeiten seines Sohnes zu decken, oder ob ihn lediglich jene leider so weitverbreitete Geldgier trieb, die nie befriedigt werden tarnt. Thatsache ist es, daß er spekulirte und, um spekuliren zu können, die seiner Fürsorge anvertraute Bank um nahezu anderhalb Millionen Dollars bestahl. Seine Pläne schlugen fehl, und statt des erhofften reichen Gewinnes häufte er Schmach und Schande auf sich und die Seinen. Zum großen Glück eilten andere Banken dem geschädigten Institut in der Noth zu Hülfe und wendeten das Sck'limmste ab. Die Kunden und Gläubiger kommen vielleicht ohne Schaden oder doch mit nur geringen Verlusten davon. Die Aktionäre müssen sich damit trösten, daß das Treiben des Präsidenten von einem seiner Untergebenen dem Direktorium angezeigt wurde, ehe es zum Allerschlimmsten kam, denn Bigelow scheint auf dem besten Wege gewesen zu sein, das alte und angesehene Finanzinstitut in den völligen Ruin zu stürzen. Das Treiben Bigelow's bietet eine ernste Lehre. Die Bankiers genießen großes und in der Regel auch durchaus berechtigtes und gerechtfertigtes Vertrauen. Sie sind die Rathgeber weiter Kreise; von ihrer Rechtschaffenheit hängt das Wohl und Wehe Tausender und Abertausender ab. Wenn ein Mann, der so rückhaltloses Vertrauen genießt und einen so gewaltigen Einfluß ausübt, sich an dem anvertramen Gut vergreift und es auf's Spiel fetzt, so verdient er die allerschwerste Strafe. Der Finanzmann kennt die Wagnisse und Gefahren der Spekulation, für ihn haben die Entschuldigungen keine Geltung, welche der Thor für sich in Anspruch nehmen mag. der sein eigenes Geld verspielt. Zum Glücke gehören Männer wie Bigelow zu den Seltenheiten in unserer Frnanzwelt, und das ist ein Lickjtblick in dem dunkelen, tief beklagenswerthen Bilde.

Taö rmcittc:,n!tt. Eine lustige Huhngeschichte hat sich in eine? der südlichen Berliner Vorortgemeinden abgespielt. Auf einem Dienstwege fand der Gemeindediener auf freier Chaussee ein lebendes Huhn, nahm es lieberoll an sich und lieferte es pflichtschuldigst im Gemeindeamt ab. Schleunige Rückfrage bei den zunächst in Betracht kommenden Ortsbewohnern ergab ein negatives Rcsultat, und so wurde im öffentlichen Aushang verkündet, dav, dem Amte ein Huhn zugelaufen sei," und daß bcgründete Ansprüche" an das Federvieh innerhalb dreier Wochen geltend zu machen seien. In der nächsten Gemeindesitzung sollte dann die Angelegenheit des fremden Huhnes ihre Erledigung finden, da aber bis zu dieser Sitzung noch vierzehn Tage Zeit war, und der arme Findling schon in den ersten Stunden der Einlieferung jämmerlich nach Futter gluckste, so übernahm eö der Gemeindevorsteher auf eigene Kappe. für das Thier aus einem Spezialarmensonds für dringliche Fälle ein Quantum Gerste zur Verpflegung anzufchaffen. Das Erstaunen der Gemeindevorstandsmitglieder war nicht gering, als später fünf Leute des Huhnes verlustig gegangen sein wollten und in ihren Zuschriften an den Gemeinderath eine Schilderung des Ausreißers entwarfen, wie sie so ziemlich auf jedes Huhn passen muh. In diesem Dilemma kam das Oberhaupt auf einen Gedanken, der dem weisen Salomo alle Ehre gemacht haben würde. Jeder Verlierer" wurde aufgefordert, sich das Huhn gegen Erlegung der Fütterungs- und Wartungskosten in Höhe von 4,50 Mark an einem bestimmten Tage abzuholen. Diese Aufforderung hakte eine seltsame Wirkung. Drei der angeblichen Verlierer meldeten sich überhaupt nicht; die beiden anderen erschienen auf dem Gemeindeamt, besahen sich den Vogel von allen Seiten und erklärten dann, er sei doch nicht der ttre. So gackert das Huhn als Gemeinde Huhn" vergnüglich im Gärtchen des Amtsdieners. Hoffentlich wird es auch dort im Sommer seine eierlegende Thätigkeit entfalten.

(Hnc eigenthümliche Spezialität hatte sich die 38jährige Hausadministratorin Frau Kubowsky in Wien gewählt, die jetzt verhaftet wurde, und der man bereits Schwindeleien im Betrage von 100,000 Kronen nachgewiesen hat. Sie machte sich an schwerkranke, einsam stehende Greise heran, pflegte sie bis zu ihrem Tode und brachte dann ihre ganze Hinterlassenschaft an sich. So starb in ihrer Wohnung der wohlhabende Kaufmann Röhalmi; nach Angabe der Kubowsky hat er nichts hinterlassen. Ein ähnlicher Fall ereignete sich mit dem Pridatier Gotthilf Eberle. Auf ein von ihm veröffentlichtes Inserat hin melbete sich die Kubowsky und wurde als Wirthschafterin engagirt. Sie zog mit ihm nach Abazzia. wo Eberle starb. Als die Verwandten das Erbe beanspruchten, erklärte die Kubowsky, die Krankheit des Verstorbenen habe viel gekostet, auch habe er ihr große Geschenke gemacht. Von dem Bankdepot und den Sparkassenbüchern, die er besaß, sand sich nichts vor. Das Vorleben der Betrügerin ist sehr romantisch. ohne gerade erbaulich zu sein. Sie war die Gattin des Zahntechnikers Kubowsky in Klagenfurt und unterhielt ein Liebesverhältniß mit dessen bestem Freund, dem Forstbeamten Nikolini. Kubowsky überraschte das Paar und stieß Nikolini sein Jagdmesser in's Herz. Der Iran, die entfliehen wollte, versetzte er einen Messerstich in den Rücken. Nikolini starb. Kubowsky wurde jedcch vom Schwurgericht freigesprochen. Aus dem Pariser Austizpalast. Einen peinlichen Eindruck rief unter den Mitgliedern des Pariser Barreai.s die Enthüllung weitgehender Mißbräuche hervor, deren sich fünf jüngere Rechtskonsulenten schuldig gemacht ha ben. Auf der Jagd nach Klienten verfielen diese Herren auf die Jdce, die Diebstähle in den großen WaarenHäusern in ihrer Weise auszubeuten. Diese Vergehen werden bekanntlich vielfach von Damen der besseren Stänge verübt, die der Versuchung nicht widerstehen können und alle Opfer bringen möchten, damit die Sache nicht an die Öffentlichkeit gelange. Die findigen Advokaten bestachen nun einen Gerichtsbeamten. der ihnen geg n ein Monatsgehalt das Verzeichniß aller Waarenhäuser-Diebinnen lieferte. An diese wandten sie sich nun persönlich. Sie boten ihnen ihre Dienste an. indem sie ihnen nicht nur die Freisprechung, sondern die strengste GeHeimhaltung ihrer Angelegenheit zusicherten. Dank den Beziehungen der Anwälte zum Tribunal und zur Presse würde die Sache so diskret geführt werden, daß selbst der gefurchtere Hausmeister nie ein Sterbenswörtchen erfahren würde. Die geangstigten Frauen ließen sich auf diefe Vorspiegelungen hin oft Tausende erpreffen, ja sie unterzeichneten Wechsel, wenn s über die geforderten Beträge nicht verfügten. Trotzdem die Angeklagten sich mit größter Unverfrorenheit verlüClUiaUl, ürgl liste uuiu v uu. flwtage, dah ihre 1erurtheilung undweidlich erscheint. it.:: r:x ic i?r ...rv. r it.

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