Indiana Tribüne, Volume 28, Number 216, Indianapolis, Marion County, 4 May 1905 — Page 6
Jndiana Tribüne. 4. Wtax
Nnd doch. . .
Vor. Marie Paschke-Tiergartcn. O wär ich noch einmal achtzehn Jahr Und hätte mein goldenes Lachen. wollte im Leben manches fürwahr Ziel weiser und besser machen. C wär ich noch einmal ein Frühlinqskind Mit dem frommen, thörichten Glauben, Tatz die Menschen nnr gnt und edel sind. Ich lieft ihn n nicht mehr rauben. 5 wär ich noch einmal inng und schön Und reich an Hofien und Träumen. Ich wollte, so schnell die ahre bergeh'n, ötclnen sonnigen Lcnztag versäumen. Und doch . . . gab' Gott mir die Jugendzeit Zurück und mein goldenes X'aclien: Mich würde der Liebe seliges Leid Aufs neue zur Tulderin machen. Zweifache Rettung. Cpifobe au5 einem Nevada'er Staubslurm. Bon PH M. 1. Vom Saum deö Salbei - Gestrüpps im Oeden Thal ;-.:ithin nach den. grauen Beiden im Oft und Norden dehnte ßch die grotze Roundroij-Äüste aus. weiß teie Mcrnncr, glatt wie eine Tischplatte, sanft wie ein Teppich bei unheildrohend, wie Gift. Denn dieses Weih war lauter Alkali, dessen Staub bei jedem Fußtriit aufflog und dem Wandeier den Athem benehmen sonnte, im Sturm ufcer zu den fürchterlichsten Dingen gehcrte! Vierzig Meilen in die Länge und zehn Meilen in die Breite erstreckte sich diese nackte Iläche. welcher es selbst an den dürftigsten Spuren pflanzlichen Lebens gebrach. Ein schmaler Weg wand sich durch das Salbeigcnrüpp und streifte den Westsaum der Wüste. An diesem Weg stand eine Hütte, hinter welcherPferche mit hohen Einfriedigungen zu sehen waren. Ein Berieselungsgraben, welcher von einer fernen Vcrgschlucht sich hierher zog, durchschnitt dieselben. Daß ein Mcnsch darauf verfallen konnte, hier eine Hütte zu bauen und eine Viehranch anlegen zu wollen, sah seltsam genug aus; doch das ist eine der Eigenthümlichkeiten Nevadas, in welchem man manchmal tiefes, gutes Erdreich und öde Alkaliwüste unmittelbar neben einander stndet. Es war an einem Abend anfangs Winter, als ein Mann langsam das Feld herab nach der Hütte schritt und, feinen Hut abwerfend, sich anschickte, eine Mahlzeit zu bereiten. Dann stellte er auf den rohgefügten Tisch Eßgeschirr für Zwei und wariete. Von Zeit zu Zeit öffnete er das Fenster, und feine Augen schweiften voll Besorgnis nach den fernen Hügeln, die sich im Abcnddüster verloren, ber: Blick entdeckte nichts; das Essen wurde kalt, und immer tiefer wurde das Dunkel, und der Schatten in des Mannes Seele. Schon war es 9 Uhr geworden. Der Mann ging vor die Thüre und stieß mit aller Lungenmacht einen langgezogenen Schrei aus. Wirklich kam us der Ferne ein Juchzer als Antwort, und fünfzehn Minuten darnach tauchte ein munter blickender Junge auf. schnellfüßig wie ein Panther und von einem Körperbau wie ein Jndianer, auch gebräunt genug dafür. Als der Mann die Thür wieder öffnete und das Licht aus das Antlitz des Jungen fiel, zeigte sich eine große Ähnlichkeit zwischen den Beiden; es war ja auch ein Brüderpaar. Und einträchtiger zusammenlebende Brüder und bessere Freunde konnte man sich nicht denken. 9cun, Leo." hub der Aeltere an, ich dachte schon beinahe, Du wärest für die Nacht draußen in dem Big Flat - Holzschlag." Die Wahrheit zu gestehen, ich war auch nahe daran," erwiderte derJunge, während er seinen Stuhl nach dem Tisch rückte, wo das aufgewärmte Mahl harrte. Ich wußte gar nicht, wie spät es eigentlich war, und die Dunkelheit überfiel mich förmlich, ge?ade als ich den Hügel verließ." Aber wie hast Du denn Deinen Weg gefunden?" fragte der Aeltere verwundert weiter. Du konntest doch in einer Nacht, wie dic-e ist, nicht dem icht der Sterne folgen?" Gewiß nicht, und eben deswegen kam ich so mche daran, mich zu verirren. Im Gehölz konnte ich natürlich gar nichts sehen. Aber wo das Auge versagt, da kommt mir die Nase zu Hilft. Es kommt stets ein Wind von der Todten Bärenschlucht herauf, die ich riechen kann, eine ziemlich kalte Witterung." Bei Gott noch einmal. Du bist doch wohl nicht am Rand dieser Schlucht gelaufen?" rief der ältere Bruder entsetzt aus. O nein, so ein Nar: bin ich nicht! Aber ich habe jedesmal, wenn ich diese kältere Luft von Weitem roch, meine Richtung darnach nehmen können. Und weiterhin konnte ich die Tamaraks s wächst eine kleine Gruppe solcher dort im Wind vom Westen her riechen. Alsdann kam ich an den Ereek und endlich an unfern Graben; dann war ich geborgen." Hm, Du hast also Deinen ganzen Weg heim gerochen! Na, ich glaube, Du kommst durch Alles durch, Du bist ein Glückbringer," sagte sein Bruder und blickte ihn zärtlich an. Nach emer kurzen, bangen Pause füate er hinzu: Hoffentlich bringst Du gute NachrichMn von unserm Prozeß. Leo schüttelte haimc den Kopf. .Damit steht es schlimm, Frank,
sagte er. Unser Anwalt macht sehr wenig Aussichten und meint, es sei beinahe hoffnungslos, gegen einen so mächtigen Protzen anzukämpfen. Er sagt, die Gesellschaft hat einen EinHaltsbefehl erlangt, welcher uns verhindert, daö Wasser in den Vraoen jr leiten, und sie will uns vollständig an die Wand drücken. Und obwohl der Anwalt nicht den geringsten Zweifel daran hegt, daß wir ein Recht auf das Wasser haben, meinte er, wir könnten den alten Hardicut ohne einen Haufen Geld so wenig im Gericht erfolgreich bekämpfen, wie den Mann im Monde mit einem Regenschirm stechen." Aber er braucht ja gr nicht all' das Wasser, er hat den Summit Ereek nie benutzt." sagte Frank auffahrend. Ich weiß wohl; aber es scheint, er will auch für die Zukunft vorbauen. Er denkt, wenn er uns mit unserer Arbeit vorangehen ließe, so würden wir rechtzeitig einen Besitztitel erwerben, und dann könnte er nie wieder Controlle über das Anspruchsstück erlangen." Frank ließ das Haupt schwer auf die Brust sinken. )," stöhnte er, unsere ganze Arbeit an dem Graben, alle die Felder, die wir vom Gestrüpp gelichtet haben, und das Alles soll vergeblich sein, und wir verurtheilt werden, zu verschmachten! Zwei arme Geschöpfe, die versuchen, neben dieser Wüste sich ein Heim und ein grünes Fleckchen Erde zu schaffen, will man icht existiren lassen, und unser Graben ist am Ende der ersten Saison ohne einen Tropfen Wasser, und keine, gar keine Hoffnung, es ist zum Rasendwerden!" Hier können wir jedenfalls nicht leben ohne das Wasser." versetzte Leo. Der Anwalt sagte, wir hätten i'ns auch ein so verzweifeltes Stück Boden ausgesucht, wie man nur irgendwo unter der Sonne finden kann." Ja, das haben wir," bekräftigte der Bruder; aber wir waren niemals Feiglinge! Und das Wasser würde aus dem Platz eine Viehweide gemacht haben, auf die wir stolz sein könnten, so gewiß, wie die Wüste flach ist. Aber mein Junge, unser Loos hier ist besiegelt!" Nun. wir sind keine solche Burfchen, die nicht von Neuem in den Lebenskampf ziehen könnten," bemerkte Leo tröstlich. Bei Gott, da hast Du Recht," rief Frank aus, Hand drauf!" Und die beiden Brüder gelobten sich auf's Neue durch Händedruck, mit tapferer Ausdauer der Zukunft entgegenzugehen und unverbrüchlich zusammenzuhalten. 2.
Eine Woche war verstrichen, unter Pläneschmieoen aller Art; aber ein Programm war noch nicht zu Stande gekommen. Von einem Himmel, über welchen ein Heer von Wolken -agte, blies ein schneidender Sturmwind, der das ganze Thal umwandelte. Denn über die Wüste dahinfegend, warfen die Windstöße einen Alkali - Staub auf, der so dicht und furchtbar war, wie irgend ein blendender Schneesturm, und beinahe so erstickend, wie lauterSchwefeldämpfe! In gewaltigen Massen wogte dieser Staub über die Ebene und sogar über die Berge dahin und hüllte Alles m ein Leichentuch, aber in ein beißendes Leichentuch, welches dem Auge des Menschen immer größere Schmerzen verursacht und den Hals ausdörrt. Wehe Demjenigen, der schutzlos in einen solchen Blizzard gerieth! Als btx Staubsturm seinen HöhePunkt erreicht hatte, kam ein Mann in einem Buggy wie rasend dahergesaust, und hinter ihm wurde ein Satielpferd am Kappzaum geführt. An der Thür der Hütte hielt die kleine Partie, und Leo und Frank kamen sofort herausgelaufen. Meine Herren, meine Herren!" schrie der Mann in dem Gefährt, im Tone der Verzweiflung, ich flehe Sie um Ihren Beistand an inständig bitte ich Sie, einem geängstigten Vater Ihre Hilfe nicht zu versagen, mein Sohn ist in der Wüste verlaufen er ist krank, er ist von Sinnen! Er entwischte uns bei der Mahlzeit, o, nur einen Augenblick, aber das war genug. Er ist verschwunden wir haben nach ihm gesucht und ihn gerufen, aber der Staub hat uns blind und beinahe taub gemacht o es ist schrecklich giebt es " Wo waren Sie denn, als Ihr Sohn abhanden kam?" fragte Frank, ihn unterbrechend. Auf der anderen Seite, am Dreisichten - Paß, da. wo er in die Wüste ausläuft, wir " Ah, auf dem Bidwell - Wege?" sagte Leo. Ja o ja aber jetzt schnell, meine Herren, um eines armen Vaters Willen, ich flehe Sie " Wer ist bei Ihnen? "fragte Frank noch. Mein Vormann," antwortete der Herr hastig, während er sich die, vom Staub stark gerötheten Augen rieb; er sagte mir, daß Jemand an diesem schrecklichen Platz lebe mein Name ist Hardicut wir waren auf unserm Weg " In diesem Augenblick schnitt ein gewaltiger Windstoß feine Worte ab und hüllte ihn ganz in eine Wolke von Alkali - Staub, so daß er für den Au genblick völlig unsichtbar war. Hardicut!" hauchte Leo seinem Bruder zu, und wir müssen ihm Ulhnm
Jawohl, und mit Einsetzung unseres Lebens," erwiderte Frank. Die beiden Brüder sahen einander in's Gesicht, und Jeder sah mit Genugthuung, daß der Andere so dachte, wie er, i nd einen Feind, der hilfesuchend vor die Thüre gekommen war, alle Nächstenliebe angedeihen lassen wollte. Es hätte aber keinen Zweck, wenn wir alle Beide gingen," flüsterte Leo noch hastig, und ich kenne die Wüste am besten. Und sollte es sein, daß wir uns nicht wiedersehen, leb' wobl. mein Alter!" Leo qing rasch auf das Buggy zu, machte das angebundene Sattelpferd los und schwang sich in den Sattel. Herr Hardicut," sagte er, Sie thun besser, hier zu bleiben, ode.r S;e können in dem Gefährt au der Schwefelquelle warten. Gehen Sie nicht wieder nach dem Paß zurück, der Wind wird immer schlimmer inio es ist keine Zeit zu verlieren." In rasendem Ritt sprengte Leo zunächst am Saume der Wüste entlang, Meile auf Meile an dem Landvorsprung dahin, welcher sich weit in die Alkaliwüste hinein erstreckte, und wo die kalte, übelriechende Schwefelquelle sprudelte, bis er -den Paß erreichte, welcher nach den drei Fichten, einem hervorragenden Wahrzeichen, seinen Namen erhalten hat, und wo der junge Hardicut entsprungen war. Tausend Pläne, den Verirrten zu finden, schossen unterwegs durch fern Hirn, aber er mußte sie alle bei augenblicklichem Nachdenken als nutzlos verwerfen. Indeß konnte er auch auf nichts Zweckmäßigeres kommen, und er mußte sich sagen, daß die Aussichten sehr schlimm waren für zwei Menschenleben. Er fand den blassen und nervösen Vormann an dem Paß und erklärte ihm in fliegenden Worten, daß es am besten wäre, das Pferd sofort zurückzunehmen. Ich werde nicht mehr hierher zurückzukehren suchen," sagte er, denn das könnte nur verderblich werden." Aber warum wollen Sie denn nicht das Pferd weiterreiten?" fragte der Vormann, ganz verdutzt. Es würde bis zu den Knieen einsinken," erwiderte Leo; die Alkalikruste kann einen Menschen tragen, aber sie ist durch die Regenfälle zu weich für ein Pferd geworden." Und dann rannte er durch den wild wirbelnden, athembeklemmenden Staub vorwärts und war im Nu ganz verschwunden. Nun begann ein schier hoffnungsloses, schreckliches Suchen. Stets sich durch die Richtung des Windes orientirend, strebte Leo erst vorwärts, dann nach rechts und nach links, alle Allgenblicke in dem Sturmestosen nach einem besonderen Laut lauschend. In diesem fürchterlichen Hin- und Herwandern verstrich eineStunde nach der anderen. Sein Mund begann, zu trocknen, seine Lippen sprangen auf, sein Haar und seine Ohren waren mit dem giftigen Pulver gefüllt, und seine Kleider waren weiß und schwer davon! Endlich kam auf Sturmesflügeln ein Signal für ihn, ein Mittelding zwischen Geheul und teuflischem Gelächter: ein Coyotenschrei. Es folgte eine Antwort, und dann erscholl ein Duett, das aber wie ein Chor von einem Dutzend Prairiewölfe klang. Von einem grausigen Gefühl bewegt, schritt Leo weiter. Die Richtung des Windes täuschte ihn ein Weilchen, aber plötzlich wurde er durch einen Riß in den Staubwolken die Coyoten ansichtig. Es waren vier oder mehr haarlose, ausgemergelte Geschöpfe: denn das Alkali tödtet das Haar auf der Haut, und die Thiere magern hier arg ab. Die Coyoten umkreisten einen auf dem Boden liegenden Gegenstand, offenbar eine Menschengestalt. Leo sprang in ihre Mitte und versetzte eiijem Thiere mit der Faust einen so verzweifelten Schlag seitlich auf den Kopf, daß es betäubt liegen blieb. Dann packte er es an den Hinterbeinen und benutzte es als Keule, um die übrigen zurückzuschlagen. Hungrig, wie sie waren, räumten diese feigen Beinen das Feld. Dann hob Leo jene Gestalt auf und schleppte sie weiter, während derSturm noch fürchterlicher wurde! Zeitweilig betäubte ihn ein Wirbelwind fast völlig, und der Alkalistaub wurde erstickender als je. Mit seiner neuen Last fand es Leo unmöglich, durch die Nase allein zu athmen; daher war sein Mund bald in einem schrecklichen Zustände. Zu Allem hin wurde es auch immer dunkler! Die Noth war auf's Aeußerste gestiegen, und Leo war schier von Verzweiflung übermannt. Doch verfiel er noch auf einen hilfreichen Gedanken. Seine Last einen Augenblick ablegend, reinigte er seinen Hals und die Nasenlöcher, so gut er konnte, und mit erhobenem Hanpt, das Gesicht dem Wind zugewendet, schnoberte er forsehend an den fliegenden Staub. Erst war dies ganz ergebnißlos, und schon wollte ihm der Muth vollends sinken. Dann drehte sich der Wind ein wenig nach Süden, und Leo stieß einen heiseren Freudenschrei aus. Denn einen starken Schwefelgeruch führte der Wind ihm zu, und dies bedeutete, daß sie Beide gerettet waren! Noch eine Swnde mächtigen Ringens, aber mit einem klar bewußten Zielpunkt, und Leo hatte glücklich mit feiner Last den langen Vorsprung fruchtbaren Landes erreicht, wo er an der Schwefelquelle Mund und Gesicht
mit dem stechenden aber gesunden Wasser netzte. Die Schlacht war geWonnen. Der alte Hardicut, der inzwischen mit seinem Gefährt schon mindestens ein Dutzend Mal zwischen der Hütte und der Schwefelquelle hin und her gerast war, kam auch schon durch das Gestrüpp gesaust. ,um Beide wegzubringen, und er war überglücklich! Die Hütte bot Nachtquartier für Alle. Am nächsten Morgen wurde der kranke Junge, der sich merkwürdig erholt hatte obwohl er noch immer ein wenig im Fieberwahn war sorgfältig eingehüllt uno im Buggy fortgebracht. Gott segne Euch," sagte der Vater, als er die Hütte verließ, zu Leo, und keine Belohnung, die Ihr verlangen möat. soll mir zu roß sein!" Ich danke Ihnen sehr," erwiderte Leo stolz, aber die B u r r o w sJungens sind nicht gewohnt, für die einfache Erfüllung einer Pflicht eine Belohnung anzunehmen!" Hardicut war wie vom Donner gerührt. Die Burrows - Jurgens?" wiederholte er, beinahe atyemlos. Mehr konnte er nicht hervorbringen. Das Buggy fuhr ab, und Leo und Frank konnte er nur wie durch einen Schleier an der Thüre stehen sehen, zum Abschied grüßend. Zwei Tage darauf kam Frank jubelnd in die Hütte gestürmt. Leo, freue Dich!" rief er, der Einhaltsbefehl ist aufgehoben, der Graben ist voll Wasser; sie wollen uns leben lassen! Ich sag's ja immer, Du bist ein Glückbringer." Auch Du hast das Deine gethan," sagte Leo und drückte ihm die Hand.
Rauschgift. Von Maria Holma. Die stille, müde Schwermuth eines späten Winterabends. Das Diner war vorüber. Ich zog mich zurück von oer Gesellschaft, eine freiwillige Einsamkeit, ein Jnsichselbstversenken jenseits der Menschen. Matte Dämmerung in dem stillen Winkel, den ich mir ausgesucht, unter Blattpflanzen und blühenden Blumen versteckt. Ein Stückchen Tropenland, die Illusion des Südens in diesem nüchternen, unwirklichen Norden. Auf dem Tische funkelte das silberne Kaffeegeschirr, blitzte das Krystall der Liqueurflaschen. Der starke, aromatische Dunst edler Cigarrenmarken. Drei Damen, vier Herren. Alle über die Mitte des Lebens hinaus. Feine, geistvolle Charakterköpfe, in welche das Leben mit feinen Kämpfen Fürchen und Runen gezogen. Die Frau des Hauses mit dem prachtvoll edel geschnittenen Junokopf hat trotz der Silberfäden um Schläfen und Nacken die volle Jugendlichkeit der Seele und die ungebrochene Künstlerschaft bewahrt, die ihren Ruhm als Sängerin in alle Erdtheile getragen. Daneben die beiden anderen Frauen. Der feine, dunkle Botticellikopf mit dem atlasweichen, schwarzen Scheitel, der feinen, schlanken Sezessionsfigur, eine bekannte Blumenmalerin, daneben das leidenschaftliche, ergraute RömerProfil einer bekannten Schauspielerin. Sie verfugt über eine Ironie, die wie ein scharf geschliffenes, blitzendes Schwert schneidet. Die beiden Herren trinken ihren Mokka, sie rauchen schwere Cigarren, die Frauen haben sich Cigaretten angesteckt. Neben der riesenhaften Cyclopengestalt des amerikanischen Ingenieurs mit den hartgeschnittenen, energischen Zügen die schmächtige Gestalt, der feine Künstlerkopf des berühmten Münchener Malers. Ein Jünglingsköpf unter silbernen Haaren. Das jo viale Rheinländergesicht des HausHerrn, Großindustrieller, Lebenskünstler par excellence und feinsinniger Mäcen. Der schlanke, dunkle Mann am Kamin mit dem krankhaft gelblichen Teint der Tropen raucht nicht. Er hat als Arzt und Mitglied einer englifchen Sekte Abstinenz von Alkohol und Tabak geschworen. Lange Jahre seines Lebens hat er als englischer Militärarzt in den Tropen zugebracht. Jnfalge eines schweren Malaria - Anfalles nahm er ehrenvollen Abschied und verbringt nun als wohlhabender Mann seine Zeit mit schriftstellerischen Versuchen und wissenschaftlichen Experimenten. Er erzählte von seiner Dienstzeit in Ostindien, einer fremden Welt voll Duft und Farbe, Sonnenglanz und unerklärlicher Räthsel. Er sprach von den seltsamen Fähigkeiten indischer Fakire, infolge Autosuggestion und berauschendcr Mittel wochenlang in einer Art Scheintod zu verbringen, und er erwähnte ein neues Mittel, mit dem er in der letzten Zeit mit Nervenkranken experimentirt hätte, ein Rauschgift, das erst jetzt in sehr kleinen Quantitäten in die Hände der Europäer gelangt wäre, dessen Wirkungen jene sämmtlich bekannten Opiate weit überträfe. Der Name dafür sei Meskal. Ich horchte auf. Das Wort, der Name ritz mich aus meiner Versunkenheit. Ein losgelöster Ton der die Verbindung herstellt mit dem vollen Akkord. Ein Duft, der noch nach Iahren eine todte Erinnerung weckt. Ein Wort, das man einmal horte, vor langen, langen Jahren. Die Kette der Gedankenverbindung! Die LebendigTodte steht auf von den Schatten! Meskal - Beatrice Collins.
Vor Jahren war es, irgendwo in einem der Luxuskurorfe der Rioiera. Ein dämmriger Winterabend wie heute, da lernte ich sie kennen. Eine weiche, süße Frauenstimme, ein feiner, aber berauschender Duft, der aus ihren Kleidern strömte. Das war das erste, was ich von Beatrice Collins wahrnahm. Sie sprach mich als erste an. mit der ruhigen, weltgewandten Sicherheit der vornehmen Frau, die täglich so und so viele neue Menschen kennen lernt. Sie trug einen goldenen Trauring und Trauerkleidung, also nahm ich an. datz sie Wittwe sei. Im Fremdenbuche war sie eingezeichnet als Mrs. Collins aus Sydney, Australien. Sie trug sehr elegante, vornehme Kleidung, die kostbarsten Pelze und Juwelen von fabelhaftem Werthe. Sie mutzte unermeßlich reich sein. Sie schien über die erste Jugend hinaus zu sein, trotzdem war es schwer, über ihr Alter klar zu werden. Die Gestalt geschmeidig und mädchenhaft, volles, blondes Haar, das Gesicht sehr weitz und fein qezeichnet. Seltsame graue Augen hatte sie mit eigenthümlich großen Pupillen. Zuweilen sah sie ganz jung aus, mit lebhaften, jugendlichen Bewegungen, leuchtenden Farben und strahlenden Augen in übermüthiger, sprudelnder Laune. Zuweilen aber erkannte man sie kaum wieder, so blaß, so elend und gealtert schien dies Gesicht, so stumpf waren die glanzlosen, von dunklen Schatten umgebenen Augen. Sie hatte die ganze Welt gesehen, sie hatte mehrere Jahre in Indien zugebracht, die grotzen Hauptstädte Amerikas und Europas besucht, sie schien überall eine tonangebende Rolle gespielt zu haben. Sie wurde bald bei uns der MittelPunkt der Geselligkeit, sie fiel auf durch ihre seltsame Schönheit, ihren mahnsinnigen Luxus, der selbst in diesem Kreise verschwenderischer Lebewelt unerhört war. Die Männer brachten ihr heiße Bewunderung und Verehrung entgegen, die Frauen neidische Mißgunst. Man erzählte sich viel von ihrer Spielleidenschaft, ihrer unersättlichen Putz- und Verschwendungssucht, ihrer Kaltherzigkeit Männern gegenüber. Trotzdem wagte es Niemand, etwas gegen ihre Frauenehre zu sagen, dafür war ihr Benehmen zu sehr ladylike. Wir schlössen uns eng aneinander. Ich fatzte eine seltsame Zuneigung zu dieser jungen, vielgeschmähten Frau. Wir machten Ausflüge in die Umgebung, in die Spiclsäle von Monte Carlo und Spazierfahrten im Automobil an der Küste entlang. Sie besuchte mich häufig auf meinem Zimmer, ich aber kam niemals in das ihrige. Sie hatte mir einmal unzweideutig zu verstehen gegeben, daß sie häufiger leidend sei und dann vollkommene Einsamkeit brauche zur Erholung ihrer Nervenkraft. Sie sagte das mit einem eigenthümlichen irren Lächeln. Sie schloß sich häufig mehrere Tage in ihr Zimmer ein und war dann keinem zugänglich. Wenn wir sie dann wiedersahen, sah sie blühend, jung und verschönt aus. Man hatte sich allmählich an ihre sonderbaren Launen gewöhnt. Ich fcbe sie niemals nach ihrer Vergangenheit gefragt. Auch ihren richtigen Namen habe ich niemals erfahren. Aber schon damals hatte ich das dunkle Empfinden, daß über diesem Leben in Glanz und Pracht eine dunkle Wolke lagerte, daß diese Augen, die so lachend in's Leben blickten, viel geweint hatten in der Heimlichkeit. Ihr ganzes Leben war eine Lüge; aber schlecht war sie nicht, sonst hätte sie nicht so sehr gelitten, und der Rausch des Glanzes, dem sie sich ergab, das war nur die Betäubung ihres inneren Elends. Einmal überraschte ich sie durch Zufall. Ich hatte ihr eint Botschaft zu bestellen, die keinen Aufschub gestattete. Sie schien mein Klopfeil überhört zu haben, denn ich bekcm keine Antwort. So trat ich ein. Eine betäubende, schwüle Luft war in ihrem Zimmer, die mir fast den Athem raubte. Die rothen Vorhänge waren fest zugezogen, der schwere Duft wilder Blumen, exotischer Parfüms füllte das Zimmer. aber noch etwas, etwas unerklärlich Dumpfes. Berauschendes. Einschläferndes. Sie selbst lag auf dem Sofa, halb entkleidet, das Gesicht dunsei geröthet, die Augenlider halb geöffnet, man sah das Weiße ihrer Augen. Sie war im Zustande vollkommenen Rausches, gänzlicher Bewußtlosigkeit. Ein Fläschchen lag halb geöffnet und zur Hälfte geleert neben chr. Ich kostete die legten Tropfen sic schmeckten eigenthümlich bitter und aromatisch. Ich fühlte eine sofortige, seltsame Wirkung. Das Blut hämmerte in meinen Schläfen. Es war ci:i eigenthümlicher, wohlthuender Rauschzustand, leuchtende, verschwimmende Farben, ein Meer von Duft und Tönen. Ich hielt mich gewaltsam aufrecht. Endlich stieß ich die Fenster auf: die klare, reine Luft brachte mich zurBesinnung. Ich flößte ihr fchwarzen Kaffee ein, allmählich kam sie wieder zum Bewußtsein. Sie war wie rasend vor Zorn, daß ich sie geweckt und ihr Geheimniß errathen hatte. Dann fiel sie mir in einem Weinkrampf hilflos um den Hals. Ich sprach ihr gütig zu wie einem kranken Kinde; ich strich ihr das Haar aus den feuchten Schläfen. Sie richten sich ja zu Grunde, weshalb weshalb thun Sie das, Beatrice?" Ein Blick der Verzweiflung war in
ihren Augen. Ich habe a nur den Rausch, der mir über die Qual des Daseins hinweglilft." Wie lange gebrauchen Sie schon Morphium?" Es ist kein Morphium," sagte sie, es ist ein indisches Rauschgift. Ich habe es von drüben mitgebracht. Ich habe die Kraft nicht mehr, mich davon zu befreien. Ich bin zu unglücklich." Ich sah sie erstaunt an. Sie, in Ihrem glücklichen, reichen, sorgenlosen Dasein?" Ein bitteres, wehes Lächeln zuckte um ihre Lippen. Sie haben recht," sagte sie. Sie ging mir von nun an aus dem Wege. Sie führte ihr tolles Leben weiter, unsinniger, verschwenderischer und leichtsinniger als je. Wie eine Berauschte des Lebens war sie. Da lernte sie ihn kennen. Eine seltsame Liebe war es. So rührend in ihrer Alltäglichkeit. Einer aus unseren Kreisen war es, ein junger, norddeutscher Gutsbesitzer. Weder besonders glänzend noch sehr geistreich. Ein warmherziger, noch ganz unverdorbener Mensch, der hier im Süden weilte zur Heilung seiner Lunge. Einer von jenen zahlreichen, die wie die Schmetterlinge in das Licht stürzen, über deren Leidenschaft sie sonst spöttisch und kaltblütig hinweggegangen war. Was sie gefesselt haben mochte an diesen jungen, unbedeutenden Menschen, sie, die vielbegehrte, schöne Frau, ist mir ein Räthsel geblieben. Sie zog sich zurück von der ganzen Gesellschaft. Sie lebte still und bescheiden. Zuweilen sah man sie an seiner Seite gehen, still und versonnen, mit gesenkten Augen, wie ein junges Mädchen, das sich zum ersten Male feiner Liebe bewußt ist. Ihre Augen leuchteten, ihre Stimme hatt einen anderen, weichen Klang. So ganz Weib war sie in jener Zeit. Dann kamen wieder Tage, wo sie sich vor allen, auch vor ihm verschloß. Sie war wieder dem Rausche verfallen. Einige Wochen lebte sie so in diesem Wechsel von Rausch und Ernüchterung. Eines Abends kam sie zu mir, zitternd und todtenblaß. Er hat mir von seiner Liebe gesprochen er will mich zu seinem Weibe machen!" Ich zog sie in meine Arme. Liebes Kind, dann, ja dann ist ja alles gut!" Sie senkte das Haupt. Große Thränen drangen unter ihren gesenkten Lidern hervor. Wenn Sie wüßten! Ich darf ja nicht ich bin ja seiner nicht werth." Und leise fügte sie hinzu: Ich habe ihn so lieb." Sie legte den Kopf auf meine Schulter, ihr Körper bebte in krampfartigem Schluchzen. Und mit thränenerstickter Stimme machte sie mir ein schmachvolles Ge ständniß. Der Glanz und der Reichthum, der Name und die Ehrbarkeitalles war eine Lüge. Sie selbst waV ein Kind des untersten englischen Pro letariats, das gefehlt und wieder gefehlt hatte gegen Sitte und Gesetz. Sie führte ein Leben des Elends und des grenzenlosen Qual, über das ihr nur noch der Rausch hinweghalf. Und nun kam ihr die Erlösung, die erste reine Liebe ihres Lebens, dic sich ihr bot, wie ein Göttergeschenk, die sie aus der Lüge ihres Lebens erlösen konnte, die sie aber nicht mehr ergreifen durfte mit ihren befleckten Händen. Sie verließ mich. Ich blieb zurück in tödtlicher Erstarrung. Die halbe Nacht noch hörte ich sie ruhelos ausund abwandern in ihrem Zimmer. Am nächsten Tage war sie abgereist, ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen. Der junge Mann war verzweifelt. Bald hörten wir von ihr durch Steckbriefe, die hinter ihr erlassen waren. Lange blieb sie das Gespräch der Rivieca.' Sie war eine jener gefährlichen Abenteurerinnen und interna tionalen Hochstaplerinnen, die man als seinesgleichen behandelt hatte, ein gänzlich gesunkenes. ver.achtungswürdiges Weib. Dann aber kam eine neue Sensation, und Beatrice Collins war vergessen. Ich aber dachte noch häufig an sie, an das schöne, weiße Gesicht mit den großen, todttraurigenAugen. WaS mochte sie gelitten haben, als sie zum ersten Male in ihrem Leben eine reine, starke Leidenschaft empfand, der sie nicht nachgeben durfte, weil sie vom Staube des Lebens befleckt war! Sie, die Gehetzte, Verfolgte, die nur noch im Rausche Erlösung von der Qual des Daseins fand! Vor mir sehe ich noch oft ein blasses, wunderschönes Frauengesicht, todttraurige Augen und ich empfinde den seltsam betäubenden Geruch des indischen Opiats Rauschgift. Einen eigenartige Grund für einen Diebstahl brachte ein junger Russe, der Sohn sehr reicher Eltern, bei seiner in Berlin erfolgten Verhaftung als Entschuldigung vor. Er logirte in einem Hotel in der Geor genstraße und hatte während seines hiesigen Aufenthalts so flott gelebt, daß er schließlich nicht einmal so viel Geld mehr besaß, um nach Hause telegraphiren zu können. Um sich nun diß Depeschengebühren zu verschaffen, eignete er sich einen Paletot an, wurde aber dabei ergriffen und der Polizei übergeben. Trotzdem der telegraphisch benachrichtigte Vater sofort in jeder Weise für seinen leichtsinnigen Sohn eintrat, mußte dieser doch als fluchtverdächtiger Ausländer in das Untersuchungs - Gefängniß eingeliefert werden, da feine Bestrafung unausbleiölich ist.
