Indiana Tribüne, Volume 28, Number 213, Indianapolis, Marion County, 1 May 1905 — Page 7

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v Fcucrvlumen liornan tion Ö Adolf Wilbrandt 4 O I fO O Ci i OO 0?i?sOS00 (Fortsetzung.) Sie schüttelte den Kopf, auf ihn niederblickend. Der muh nun erst hinein in die Welt, und schaffen, bis er sich wiedcr achten kann. Denken Sie, ich hätt' iruch nicht auch verachtet, als ich bei Heiligenblut auf dem Schulerbübel stand? Aber wie ich da oben anfing, mich vor Gott zu schämen, da fing ich wieder zu leben an. Im Grebbiner See dürfen Sie nicht sterben; auch nicht so, wie der auf der Alm. Wenn Sie jetzt gesündigt haben, müssen Sie da verzweifeln? Zu Gott kommen müssen Sie! Ueber jeden muß sein Heiligenblut kommen. Dies ist jetzt Ihr Heiliaenblut!" Ich hab' Ihren Glauben nicht." Was lhut das? Nennen Sie's nach Ihrem Sinn. Sagen Sie Weltgeist oder Weltordnung oder wie es Ihrem Menschenstolz am lichten ist. Gott läßt sich ja nennen, wie die Menschen wollen. Wenn ihn einer ,Kraft und Stoff' nennt, ich denk' mir. da lächelt er, und findet auch darin noch ein Stück von sich. Lieber Freund! Lieber Freund!" Der unterdrückte Schmerz erschütterte sie jetzt, daß sie weinen mußte. Die Stimme starb ihr in Thränen hin. Frau Wanda!" Vor Überraschung stammelte er. Sie sagen , lieber Freund.' Verachten Sie mich denn nicht, wie ich mich verachte?" Sie saaen ja, daß Sie es thun. Ich seh' ja, daß Sie's tbun. Was kann ich denn, als Mitleid haben? Ja. ja, Sie haben viel zu sühnen. Sie haben unsre Wege getrennt . . . Unsre Menfchenwege. Als Kinder Gottes bleiben wir ia aber doch in einer Hand. Unverlierbar. Untrennbar . . ." Das TitvS ihres Herzens ward wieder zu groß. Gehn Sie!" stieß sie nur ncch heraus. Es ist besser, wenn wir uns nicht mehr sehn. Erst aber geloben Sie mir, daß Sie sich nicht todten!" Werner stand auf. Es nebelte ihm zwar vor den Augen; er taumelte etwas; er hielt sich aber aufrecht. Ja, ja," sagte er. Was Sie wollen. Sie haben recht; darum will ich, was Sie wollen. Ich gelob' es Ihnen." Sie blickte ihn unsicher an. Und Sie halten es qanz gewiß?" Ein Lächeln irrte über Werners e sicht. Sie meinen, weil ich nicht Ihren Glauben habe, halt' ich vielleicht nicht mein Wort? Sehn Sie die Inschrift dort an der Wand; von den vielen hat sie mir damals am besten gefallen. ,Tenn so die Heiden, die das Gesetz nicht haben, und so weiter, sind sie ihnen selbst ein Gesetz.' Ich will weiterleben. Das ist abgemacht. Schwer oder nicht . . . Dies war also unser Abschied. Ich kann nicht mehr reden. Morgen, übermorgen, schreib' ich Ihnen vom Meer, fünf Worte für alle Welt; die werden Ihnen sagen, was noch zu sagen ist. Segne Sie Gott der Sie mir " Er bewegte nur noch den Arm, zu einer Art von Gruß. Gleich darauf war er fort; die Thür fiel hinter ihm zu. 20. Kapitel. "?anda saß auf dem Sofa, da, wo Werners Kopf gelegen hatte; der Tag sank seinem Ende entgegen, ohne daß sie's merkte. Sie verbarg sich nichts. wozu sich belügen: es nagte ein so tiefer Gram in ihr, wie sie vielleicht noch keinen gefühlt. Selbst das Scheiden von ihrer sterbenden Freundin Josephine war ihr nicht so bitter, wie Werners schmachbefleckter Verlust. Da war's doch noch ein einfacher, scharfer Schmerz, ein gottgewolltes Entsagen; vielleicht ähnlich, wie wenn irgend ein Geist, ein Engel sich vom andern trennt, weil ihn Gottes Wille in einen andern Kreis des Weltalls, zu anderm Wirken beruft. Denn so mannigfach abgetheilt und geordnet stellte sich Wanda in Jenseitsträumen die Schafsenskreise der höheren Geister vor . . . Aber ach, wie anders hier bei Wnmi Ringhof, dem Weltkind," dem tiefversündigten, von dem sie vielleicht in der andern Welt ein Abgrund trennte; überbrückbar? überfliegvar? Sie mußte es nicht. Weißt Du's?" fragte sie vor sich hin, in die Luft hinaus, an Josephine denkend. Das überfüllte Herz, heut so viel gemartert, schlug wieder einen andern Schlag: Sebnsucht nach der Verlorenen ergriff sie, Sehnsucht, ihr näher zu sein, wenigstens ihrem Grab gegenüberzusitzen, von allen Lebenden getrennt sich ihr nah zu fühlen, in ihrer Seelennoth an sie hin zu sprechen. Was sitz' ich hier? dachte sie. Komm' ich hier zu Ruh'? Sie stand auf. mit einem jähen Entschluß; wie in einen Traum gehüllt ging sie durch die Zimmer hin. Sie nahm Hut und Schirm, ein leichtes Tuch legte sie sich über den Arm; so trat sie auf den Hof hinaus. Niemand vom Haus begegnete ihr. ' Zwischen reifem Korn und Stoppelfeldern eilte sie auf dem Landweg foci. bis sie die- große Fahrstraße zur Stadt erreichte. Die Luft that ihr wohl; die rasche Bewegung auch. Die schrecklichsten Gedanken schienen von ihr zu weichen, wie Gespenster, die der Tag verscheucht; es ward ihr nur wunde"lich: der Tag schwand dahin. Vom

bewölkten Himmel sank die Dämme-

rung herab. War es denn so spöt? dachte sie. So komm' ich ja erst zum Friedhof, wenn es dunkel ist. So war ja auch schon in Grebbin Abendessenseit! Amanda wird sich wundern über ihre Pflegemutter. Wer sorgt nun für mein liebes Kind? Sie stand still; sie sah nach ihrem unsichtbaren Haus zurück. Darauf Ichuttelte sie den Kopf. Umkehren? Sie konnte nicht. Schon so weit, und nun wieder heim; nach diesem Heim, vor dem thr graute . . . Morgen sah sie die Kleine wieder. Und wenn auch erst bei Rac'?t nach Hause der Mond wird wohl scheinen. Ihr bangte nietn; vor nichts, als vor chren einsamen. nachtschwarzen Gedanken. Ruhelos und rascher und rascher ging sie weiter, dem dämmenden Städtchen zu. Als sie zum kleinen Stadtpark kam, trat sie in dessen Vaumschatten ein: für den Friedhof war es doch zu spät. Was lag auch daran; auf der letzten Bank sitzend, nur durch ein Geländer vom Friedlos getrennt, sah sie die Grabsteine im dunklen Grün, auch Josephinens Marmorkreuz, das in allernächster Rcu;e weißlich schimmerte. Um sie war alles menschenleer; der Kleinstadter geht früh nach Haus. Es , , st . m stimmte ?l ihren Gemmen, oan es dunkelte: vor der Nacht um die Gräber her graute ibr nickt. Seit sie so in Gottes Gewißheit lebte, hatte sie alle Furcht verloren, auch die Kinderfurckt vor den Todten. Sie horchte, wie es stiller, immer stiller wurde; auch das gab ihr ein wenig Frieden in die Brust. Die kleine Stadt wa- bald so lautlos wie der F'-iedhof drüben. Nur ein paar Fledermäuse duschten zuweilen durch die windstille Luft. Der Mond blieb hinter Wolken versteckt; die große Leuchte ließ sich aber doch verspüren. ein bleicher Dämmerschein durchgeistete die braung.-aue Nacht. Zuweilen zerfetzte sich hier oder dort das Gewölk, und zwei. Ixti winzige, trübe Sterne blickten vom farblosen Himmel herab. Josephine! Ach, meine Josephine!" hauchte Wanda in die Luft. Ihre Sehnsucht wuchs; o, an Josephincns Herzen sich auszuweinen, vor ihrer reinen Seele zu beichten, an ihrer Stärke sich aufzurichten. Wie sie es nach der Heiligenbluterzeit gethan, als sie noch wund und aramscvwer und ungeübt war, ein Weultng tm 'Jteicqe i?önes, nach Bekräftigung und Stärkung hungernd. Da hatte sie an dieser gottesklaren Seele auch ein lebendiges Gewissen gehabt! Bin ich denn unschuldig an seiner Schuld? dachte sie, als frage sie an Josephinens Brust. Gott und ich, sagte er, haben ihn verlanen. Hätt' ich aestern sein Flehen erhören sollen? Nein, das sagst Du nicht. Das kannst Du nicht sagen. O Gott! Wie meine Schwester nie! Hätt' ich ihm sagen sollen: ja. ich will meine Ehe vor den Richter schleppen, will die .böswillige Verlasserin' spielen, damit der uns trennt, will meine Söhne dem Vater lassen, denn anders trennt uns der Richter nicht . . . Hättst Du das gethan? Du hast auch geliebt. Hättst Du das gethan? .Lasset die Kindlein zu mir kommen' war Dein liebste Jesuswort. Und hättst Du gar eigne Kinder gehabt, Tu sie dann verlassen? auch um den geliebtesten Mann? Nein, Deine Augen hätten mir wie Blitze in's Herz gezuckt: nie, nie, nie! Ach. durchfuhr sie's dann aber wieder. hätte Gott uns geholfen! Hätt' er's doch gethan! Da es eine Seele war, die sich retten wollte die so an mir hing, sich durch mich zu retten o hätt' er's anders gefügt hättst Du's anders gefügt, o Gott; hättst Tu für uns ein Wunder gethan! Vergib. Ach nein, nein. Da ich's auch nur denke, fühl' ich ja, daß das eine gotilose Thorheit ist. Wie solltest Du Wunder thun? Das hieße ja, etwas, das nach dem Weltlauf geschieht, den Tu bestimmt hast, das wollest Du anders machen also besser machen. Nein, nein, alles ist. wie es ist; es ist ja in Dir! Wir müssen still halten, an Deine Allweishcit glauben; weiter bleibt uns nichts. Wir leben ja alle nach Deinem Willen der Gläubige und der Zweifler, der F.omme und der Gottlose wir leben in Dir, ob wir wollen oder nicht . . . Sie sah nun wieder Werner vor sich, den Ungläubigen; sie dachte an den Brief; jammervolle Thränen stürzten ihr im nächsten Augenblick über das Gesicht. Sie fühlte, wie tief er ihre Seele, ihren Stolz gekränkt; und daß sie ihn doch nicht hassen konnte; daß sie mit ihm litt. All seine Schmach und all sein Elend waren wie auch ihr gc,chehn ... So hatte sie Niemand lieb gehabt, wie ihn. Ihr Geist, ihre Seele, alle edleren Sinne hatten sich an ihm gefreut. Sie fühlte sich erhöht durch ihn. War denn nicht ein neues Leben" auch in sie gekommen? Und nun alles aus! Sie wieder allein: VtacQ Wreornn zurück wie m ein Todtenhaus. Zu der wandelnden Leiche, neben der sie lebte. Wie viele Jahre nock Erst einunddreißig alt. Glückliche Josephine. Glücklich all Ihr Todten! Sie hüllte sich in ihr Tuch, da sie fror; die Nacht hatte sich gekühlt; eine feuchte Kälte kroch an ihr hinauf. Das dünne Tuch nützte nichts. Es war, als wenn etwas Eisiges auch von innen käme; auf der erschaudernden Haut schienen sie sich zu treffen, der innere und der austere Frost. Em Schauer nach dem andern rieselte von Zeit zu Zeit über sie hin. Sie fühlte zuweilen voraus, wie sie kamen; fast freute sie sich dann. Diese Schauer hatte sie schon als Kind geliebt; hatte sich mit

einer süßen Wollust ihnen hingegeben, bis sie drüber einschlief. C, wenn sie jetzt auch dabei hinüberdämmen könnte; aber gleich in den tiefen Schlaf. Daß sie sich hinwegfröre aus dieser Prüfungs- und Lcidensschule in die Ewigkeit! Ich geh' erst am Morgen heim," sagte sie vor sich hin. Es wird ja so früh Tag. Süße Josephine, ich bleib' noch bei Dir!" Ihre Thränen waren still geworden; nach wie langer Zeit? Sie wußte es nicht. Sie fühlte keine Zeit. Eine Art von dumpfem Frieden war nach und nach über sie gekommen. Auch die Welt blieb still. Es bellte wohl einmal ein Hund, aber in der Ferne. Ein verfrühter Hahnenschrei rief den Morgen an. In Wanda erwachte ein leises Hungergefühl; es that ihr aber eher wohl als weh; wie man sich ja zuweilen einen Schmerz erzeugt, um einen stärkeren nicht so stark zu fühlen. Ich geh' erst am Morgen heim." sagte sie noch einmal leise, mit müden Lippen. ?llö aber die Dämmerung begann, umschmeichelte sie der erste Schlaf. 27. Kapitel. Cfm Bartelsfelder Garten wa? am

j j nächsten Nachmittag ein heiteres &s Leben. Der Himmel leuchtete wieder sonnig klar; die Kinder spielten auf den großen Wegen, zuweilen auch über den Rasen hinüber, und auf dem Tennisplatz kämpfte Hugo Hoffmann gegen die Verbündeten Bettn und Hedwig. Es war allerdings ein ungleicher Kampf: Hugo hatte erst im Frühling von den jungen Damen das Rakett handhaben gelernt, und obgleich er rasch und gut gelernt hatte, schlugen sie doch noch besser. Nach einigen aoßartigen, verzweifelten Ausbrüchen seiner Ceschicklichkeit, px die er sogar beklatscht wurde, endete es für die Damen mit einem Sieg auf der aamen Linie." wie die drollig altkluge Hedwig lagte. Die Siegerinnen stießen ein kurzes Freudengeschrei aus. Tie Kinder rannten herbei, um mitjuschreien; darauf liefen sie wieder wea. Das ist 'ne schöne Geschichte!" seufzte Hugo, scheinbar tiefgebeugt. Diesmal hatt' ich große Hoffnungen auf mich gesetzt; hätt' beinah auf mich gewettet. Nun muß ich aber endlich fort!" Betty lächelte. Seit einer Stunde .müssen Sie fort!' " Ich muß auch. Mitten in der Ernte! Gradezu strafbar, daß ich hier Tennis spiele." Betty legte den Kopf auf seinem schönen Stengel, dem schlanken Hals, zurück und fragte muthwillig koketi: Warum sind Sie denn noch nicht fort?" Je. das möchtest Du wohl wissen! dachte Hugo und sah das große Fräulein an. Er versuchte, ihr durch einen längeren Blick mit der nöthigen Vorsicht zu sagen: Warum? Weil ich als verliebter Mann nicht wegfinde; und weil ich für mein Lebin gern ein paar Worte mit Tir allein sprechen möchte; die kleine schlaue Hedwig geht ja aber nicht weg! Fräulein Betty schien indessen diese Rede nicht verstanden zu haben; sie schaute danach an ihm vo -bei, als wär' nichts geschehn. Es ist doch zum Kuckuck holen! dachte Hugo. Steig' ich nun wirklich wieder zu Pferd, oder wart' ich noch? Sie verließen den Tennisplatz; d;e kleine Hedwig immer an seiner rechten Seite. Wir haben uns eigentlich gewundert, Betty und ich," fing die Schelmin an, als Sie heut Nachmittag anrückten. Wir dachten, Sie würden in Kolberg oder Swinemünde oder Heringsdorf sein." Ich? jetzt in der Ernte? Warum bc: n?" Ach, wir dachten nur. Weil Herr Ringhof und seine Schwester hingefahren sind. Ta sind Sie wohl falsch berichtet, Fräulein. Seine Schwester wollte hin; ist aber gestern von Stettin zuruckgekommen, wie mir mein Wirthschafter gesagt hat." Hedwig richtete ihre kurze, aber niedliche Gestalt auf, so hoch sie konnte: Wissen Sie, Herr Hoffmann, wie fleißig oder wie faul Ihre Tagelöhner sind, danach fragen Sie nur immer Ihren Wirthschafter. Aber bei Sachen von allgemeinem Interesse, da sollten Sie lieber junge Mädchen fragen. Das ist nur so ein kleiner Rath von mir!" Was wollen Sie damit sagen, Sie kluges Fräulein?" Daß ich zufällig mit dabei war. als Fräulein Christine Ringhof gestern Abend auf unserm Hof in den Wagen gestiegen und zum Bahnhof gefahren ist." Ah!" rief Hugo aus. Davon wußt ich nichts!" Die Mädchen saben einander an, nun ebenso überrascht wie er. Davon wußt' er nichts!" sprach ihm Hedwig nach. Betty sagte kein Wort; sie betrachtete aber Hugo mit einem heimlich forschenden Blick. Sein Gesicht war schon mit der Verwunderung fertig und schien schon wieder an andres zu denken, als an Christine Ringhofs Unternehmungen. Ein listiger Schelmenzug, den sie an ihm kannte, huschte über sein sonst so treuherziges Gesicht. Plötzlich entschloß er sich, auch in Hedwigs Gegenwart, auf gut Glück, ! von seiner Sache zu sprechen. Ein Citronenfalter, der eben über den Weg flatterte, brachte ihn auf seinen Gedanken. Könnten Sie einen Kohl-

Weißling gern haben?" fragte er, sich

an Bety wendend. Warum grad einen Kohlweißling?" antwortete Betty. Bunte Schmetterlinge hab' ich lieber." Zum Beispiel," rief Hedwig richtig, da mischte die sich schon wieder hinein! zum Beispiel, kennen Sie den kleinen Weinschwärmer? oder den Oleanderschwärmer?" Nein." erwiderte Hugo etwas ungeduldig; Oleander und Wein gibt's in Teschenberg nicht." Oder kennen Sie das rothe Ordensband? Die spanische Fahne? Die svannche Fahne hat Farben, Donnerwetter!" Tann lassen wir die, Fräulein Hedftia,; denn mit der hab' ich dann gewiß keine Aehnlichkeit." Die Mädchen lachten auf. Ja, haben ie denn mit dem Kohlweißling Aehnlichkeit? fragte Betty. O ja," erwiderte er. während er. von einem zweiten Gedanken ergriffen, an einen prächtig blühenden Rosenstock trat. O ja; mehr als eine. Erstens bin ich leider auch nur ein unbedeuteiides Menschenkind, ein .einfacher Mann vom Lande.' wie es manchmal in Anekdoten beißt. Hab' weder das Martialische eines bartwichsigen, tanzbeinigen, bersmuldeten Leutnants der ist wohl ungefähr wie die svanische Fahne noch das Erhabene eines großen Thiirs in Staat der ist wohl das rothe Ordenband. Ich baue nur meinen Kobl-" Sie fressen ihn aber doch nicht, wie die Koblweißlingsraupen!" fiel ihm die Kleine in's Wort. Nein, darin steh' ich allerdings über diesem infamen Kerl!" Hugo hatte sein Messer gezogen und eine der schönsten Rosen abgeschnitten; er überreichte sie jetzt der kleinen Hedwig. mit einer seiner etwas steifen, aber heiteren Verbeugungen. Darf ich anbieten?" fragte er. O, ich danke sehr. O, wie nett von Ihnen. Dürfen Sie auch in so 'nem fremden Garten Rosen wegnehmen?" Ich hab' 'nen schriftlichen Vertrag mit Frau Ebert: jede Woche darf ich hier zwei Rosen schneiden; dafür kriegt sie zwei Tassen Kaffee, so oft sie mich besucht." .So, so!" .Ja, so!" Dich bring' ich doch noch fort! dachte jrmar. während er eine zweite Rose abschnitt. Betty stand träumerisch neben ihm; es stieg ihr eine Ahnung auf, als sei bei seiner Schmetterlingsgeschichte eine stille Absicht. Jetzt haben wir aber erst eine Aehnlichkeit und eine Unähnlichkeit." nahm sie nun das Wort. Worin können Sie sich denn sonst noch mit dem Kohlweißling vergleichen?" Hugo überreichte ihr seine zweite Rose- sie dankte. Wir gehören beide zu den Scbmetterlingen. Wir flattern beide herum." Tas stimmt!" rief die kecke Hedwig. Bcuy ward über diese Keckheit roth: Hugo lächelte aber, als stimme er einfach zu. Aha!" sagte er dann, nach einem Blick den Weg hinunter, da hinten stehn auch Nelken; offenbar wundcrschöne. Meine Lieblingsblumen!" Richtig: er kannte seine kleine Hedwig. Im Erwidern von Freundlichkeilen war sie gut erzogen. Sie sagte auf seine Worte nichts; aber nach einigen Augenblicken begann sie sich fortzubewegen, wie zufällig, nach den Nelken hin. Hugo sah ihr lächelnd nach; darauf wandte er sich rasch zu Betty mit gedämpfter Stimme. Ja. es stimmt leider. Ich bin ein Schmetterling. Ich war einer, will ich sagen. Sie denken wohl darum auch ziemlich schlecht von mir liebes Fräulein Betiy." Ich?" fragte sie und ward wieder roth. Ja. Sie. Ich sprcch' ja eigentlich nur zu Ihnen! O, wenn Sie mir ehrlich sagen wollten, ob Sie mich darum gering achten . . ." Sie ist schauderhaft fix! dachte er gereizt, sich in seinem Satz unterbrechend: Hedwig kam schon zurück. Sie hatte eine rothe Nelte gebrochen, eine feurige, und hielt sie ihm zwischen zwei Fingern hin, mit einem drolligen Knicks. Ich erlaube mir, Sie glücklich zu machen," ,'agte sie komisch feierlich. Eine Ihrer Lieblingsblumen." Gott, wie liebenswürdig!" Hugo nahm die Nelke. auch mit zwei Fingern, und verneigte sich. Nein, wie danr' ich Ihnen! Wenn Sie mich aber ganz glücklich machen wollen, so müssen Sie mir aach noch eine weiße bringen; denn das ist meine eigentliche Lieblingsblume." Die Kleine sah ein wenig verblüfft zu ihm auf. Das verlangen Sie?" Ich bit:e darum." Eine weiße Nelke?" Tie rothe allein, das gebt nicht." Nein," rief Hedwig aus. indem sie langsam wieder abmarschirte. was mancke Leute anspruchsvoll sind!" Ja, wir Gutsbesitzer! Ach. liebes, gutes Fräulein Betty Sie sehn mich t.icht grade abschreckend, nickt verächtlich an. Das ist was ganz Ni derträchtigcs, wissen Sie, wenn man schon so lange ein Gut hat und keine Frau dazu! Da kommt man in's Suchen, in's Wählen hinein wie wen man auf dem Jahrmarkt wär' und wird ein ganz unwürdiger Mensch! Und flattert wie so ein Kohlweißling von Blume zu Blume, statt die eine, wabre " Mischung folgt.)

NuMnenminen in ZNogok.

Alte und neue Methode der Gewinnung der kostbaren Edelsteine. Interessante Ttädt,en utmnthige Vingeborene Lortircn der Tteme Ter Rubinenmarft Kostbare und wcrthlose Inwelen. Das Städtchen Mogok in dem Staate Birma oder Burma in Hinterindien ist durch seine Rubinenminen zu dem bedeutendsten Punkt für diesen Juwelenhandel geworden. Es ist ein echtes Geschäfts- und Industriestadtchen mit internationalem Gepräge, denn Engländer, Amerikaner. Franzosen und Deutsche machen dort mit den Eingeborenen, Juden und sonstigen weißen und farbigen Rassen bunte Reihe. Ueberall sieht man sie, die kleinen, rothen Steinchen, wie trübes Glas gefärbt, auf den ersten Blick werthloseZ Spielzeug, so daß man den Lärm und die Sorge um ihre Produktion beim besten Willen nicht begreift. Natürlich, es sind auch nicht die werthvollen Funde, die so zur Schau getragen werden. Erst wenn man die Arbeitsstätten aufsucht, wo sich alle Prozesse mit dem Gestein, von seinem Losbruch bis zum Schneiden abspielen und man so in das regste und eigentlichste Leben der Bevölkerung einen Blick geworfen, empfindet man das Interessante dieser Stadt, die buchstäblich auf Rubinenbrächen erbaut ist. Was nun die Edelsteingewinnung selbst anbetrifft, so hat man wohl zu unterscheiden zwischen einheimischen und europäischen Minenbetrieben, die übrigens nicht sich gegenseitig das Leben schwer machen. Die Art der Eingeborenen, zu tat Schätzen ihrer Heimatherde zu gelangen und sie zu verwerthen, ist prqnitiver und mühseliger als die der fre.den Ausbeuter. Aber beide arbeiten 'riedlich nebeneinander her. Die große Europäische Gesellschaft hat keine feindliche Aufnahme seitens der Eingeborenen zu befürchten. Im Gegentheil. Die Leute sind so harmlos und gutmüthig, daß sie sich noch ein Vergnügen daraus machen, fremde Juwelensucher mit ihrem Rath zu unterstützen. Der Wäschereiapparat der Eingeborenen besteht aus einem runden Grubenloch, in das sie die losgebrochenen Rubinlagerungen hineinthun; fließendes Wasser spült den Schlamm davon hinweg, und durch fortgesetztes Umherrühren behält man schließlich den gereinigten Sand wie die Steine zurück. Damit beschäftigen sich Männer, Weiber und Kinder. Die europäische Rubinminengesellschaft hat schneller und präziser arbeitende Mühlen zur Verfügung, die Steine und Schlacken voneinander trennen. In einem besonderen Saal, zu dem nur Europäer Zutritt haben, werden die größten Steine aussortirt und hinter Schloß und Riegel verwahrt. In einem anderen Raum suchen Eingeborene die werthvollen Steine aus und wie groß die Menge der werthlosen ist, die zusammengesucht werden, läßt sich be greisen, wenn man hört, daß hundert davon nur mit $9.40 bezahlt werden. Das sind die Steinchen, mit denen die Eingeborenen ihre Hüte und Sonnen schirme ausstaffiren. Einmal in der Woche findet eine größere Auktion von Rubinen statt, bei der fast alleNationen vertreten sind und die Nachfrage weit größer als das Angebot ist. Außerdem werden täglich Rubinen auf dem Markt feilgeboten. Steine von beson derer Schönheit kommen auf diesen Auktionen oder auf den Märkten zum Verkauf. Werden sie von Europäern gefunden, so halten diese es gern ge heim, und die Funde über ein bestimmtes Gewicht heraus, die die Eingeborenen machen, kommen in den Besitz des Königs Thiabau. der bei den Minen seine Wächter und Agenten hat. In den offenen Straßenwerkstätten, wo die Rubine und sonstige Edelsteine geschnitten werden, wird einem der Werth dieser Steinchen erst so recht zum Bewußtsein gebracht. Da sieht man Rubine. Saphire, Katzenaugen, die nicht nur ein kleines, sondern ein großes Vermögen kosten. Aber für den Laien ist es sehr schwer, den Werth des Steines von seinem Aeußeren abzulesen. Es kommt oft vor, daß bei Festlichkeiten Frauen oder Töchter solcher Rubinenkönige Juwelen an sich tragen, die einen Werth von mehr als $100,000 darstellen. Nach der Pracht ihrer Färbungen gelten Rubine erster Qualität $200 $250 der Karatstein, Zweikaratsteine bis $2500, Fünfkaratsteine bis zu $20,000 und darüber. In der Herstellung künstlicher Rubinen ist der französische Chemiker Vcrneuil am weitesten gekommen. In Paris sind derartige drei- und fünfkaratige Steine bereits auf dem Juwelenmarkt erschienen. Noch erweisen sie sich aber infolge ihres enormen Preises nicht als vollgiltige Konkurrenten der natürlichen, und vorderhand bleibt Mogok noch die Rubinenstadt. Die kleine Stadt Werda in Dahomey, einem westafrikanischen Negerstaat in Oberguinea, ist berühmt wegen ihres Schlangentempels, eines langen Bauwerks, worin die Priester bis zu 1000 Schwngen jeder Art und Größe pflegen. Die Schlangen werden mit Vögeln und Fröschen gefüttert, die von Eingeborenen als Opfergaben dargebracht werden.

Die Salpetcrcr. Im. badischen Hotzenwald werden die Salpeterer immer spärlicher, nur selten hört man noch etwas von ihnen. In früherer Zeit aber hat ihre ..Genoffcnschaft"(Sekte) wiederholt sehr viel von sich reden gemacht, namentlich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als sich die unter ziemlich ausgedehnter Selbstverwaltung lebenden Bauern der österreichischen Grafschaft Hauenstein, zum Theil St. Blasien zinspflichtige Gotteshausleute. unter der Führung des Salpetersieders Albiez gegen die Abte von St. Blasien erhoben. Der Aufstand wurde aber 1727 von österreichischem Militär niedergeschlageil und auch die späteren Erhebungen (1738, 1745 und 1754) wurden immer bald unterdrückt. In den Jahren 1816 und 1830, als Wessenberg in der Diözese Konstanz die kaiholische Kirche zu reformiren versuchte, traten die Salpetercr. als Widersacher Wessenberg's. ncch einmal auf kurze Zeit in den Vordergrund. Seitdem aber haben sich ihre Reihen von Jahr zu Jahr mehr gelichtet, woran auch der Umstand schuld ist. daß die Mitglieder ihrer Sekte nicht heiraten dürfen. Vor 25 bis 30 Jahren zählte der Hotzenwald noch 130 bis 150 Salpeterer. heute aber soll es deren nur noch 15 geben, die dazu auf der ganzen Erde zerstreut leben. In Birkingen (Amt Waldshut) ist kürzlich eine Salpeterin zu Grabe getragen worden, und sieben männliche und neun weibliche Personen, von denen aber wohl nur die Hälfte Salpeterer waren, gaben ihr das Geleit. Die Verstorbene war die 81jährige Maria Studinger. deren vor mehr denn 20 Jahren verstorbene Mutter ebenfalls der Salpetcrersekte angehörte. Sie erreichte ein Alter von 90 Jahren und soll vor ihrm Tode täglich das Salpeterergebet gesprochen haben: O Gott, laß mich nur noch so lange leben, bis der große Fürst auf dem weißen Roß kommt und uns Salpeterer zum Siege führt! Nur noch einen Tag laß mich leben, und ich erlebe den Sieg noch'" Ta Spioncnpaar ( rcolcssi Der Prozeß Ercolessi soll vor dem Schwurgericht Messina seinen Anfang nehmen: allem Anschein nach wird dieser sensationelle Prozeß aber noch weiter hinausgeschoben werden. Mit:lerweile sitzt das saubere Ehepaar in dem Kerker von Messina. Hauptmann Ercolessi, der gesundheitlich sehr gelltten hat und ganz eingefallene Züge zeigt, fährt fort, sich als das Opfer fremder Intriguen zu bezeichnen. Dir allein Schuldige sei der entkommene frühere Bersaglierihauptmann Mancinelli, der aus diabolischer Niedertracht ihn, den harmlosen, nichts ahnenden Kameraden ins Verderben gestürzt. Trotz der umfangreichsten Schuldbcweise leugnet er beharrlich. Auch seine biedere Gattin, Signora Guglielmina, ist natürlich mehr als engelrein. Sie ist (obschon man ihr die eifrige Unterstützung ihres Mannes zum Beispiel beim Photographircn rer Dokumente nachwies) überzeugt, daß die Geschworenen sie freisprechen werden, dann will sie sich, um ihre angebeteten Kinderchen zu ernähren, als Modistin irgendwo niederlassen und nur ihrer Arbeit und ihrem häuslichen Glücke leben. Außer dem Ehepaar Ercolessi wird niemand auf der Anklagebank sitzen; der an der Spionagegeschichte mitbetheiligte Hauptmann Mancinelli ist verduftet, und der große Unbekannte aus Frankreich", der gleichfalls seine Hände im Spiel gehabt haben soll, ist nicht aufzufinden. Der Kriegsminister seinerseits hat die Bezichtigung Ercolessis. daß verschiedene hohe Offiziere sich von Frankreich bätten kaufen lassen, als freche Lüge bezeichnet. Ende einer sozialistischen (Sründung. Wieder schickt sich ein sozialdemokratischer Konsumverein an, in die Bin sen zu gehen. Aus Hildesheim wird geschrieben Aeußerst ungünstig schließt die Jahresrechnung des sozialdemokratischn Hildesheimer. Konsumvereins für 1904 ab. Trotz der Aufsaugung der Reservefonds und des Dispositionsfonds von zusammen 11,412 Mark weist das Gewinn- und Verlustkonto nur einen Gewinn von 33 Mark 93 Pfennig aus. Dividende giebt es natürlich unter solchen Umständen nicht. Der Umsatz ist im Vergleich mit dem Vorjahre von 304.524 Mark auf 250,777 Mark zurückgegangen, die Mitgliederahl von 1413 auf 989 gegesunken. 461 Mitglieder haben im verflossenen Jahre schon nichts mehr gekauft. Sogar der Umsatz der Bäcktrei, die im Vorjahre den Rettungsanker des Geschäftes bildete, ist von 119.558 Mark auf 102,784 Mark und der Reingewinn dieses Geschäftszweiges von 10.154 Mark auf 4020 Mark zurückgegangen. Der Geschäftsbericht be zeichnet das Vertrauen zum Verein als stark erschüttert und schiebt dies auf die angeblich wüste Agitation der Gegner. Sodann bricht der Bericht erbarmungslos den Stab über das bisher geübte Borgsystem, welches er die Quelle alles Uebels nennt. Die Generalversammlung des Vereins, in der über diesen wenig günstigen Jahresabschluß verhandelt wurde, fand bezeichnenderweise unter strengstem Ausschluh der Öffentlichkeit hinter verschlossenen Thüren statt." Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu: wenn man wirthschaftliche Genossenschaftsgründungen mit politischen Tendenzen verquickt, ge hen sie todtsicher in die Brüche.

K U m