Indiana Tribüne, Volume 28, Number 213, Indianapolis, Marion County, 1 May 1905 — Page 5

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Jndiana Tribüne, l. Mai 1905. S

Die Petroleumquelle. Nach einer wahren Begebenheit von Jvo. 2? dicke Bäckermeister Karl Köpping und sein Freund Schmied Michel unterhielten sich schon geraume Zeit eingehend über die Vorzüge des Bahnanschlusses, den die kleine Stadt vor wenigen Wochen erhalten hat Das sag' ich dir, Karl, we.'.n wir nun nicht Großstadt werden, dann werden wir es überhaupt nicht." Kann sein," erwiderte der Angeredete, kann auch nicht sein. Für mich ist jedenfalls die Hauptsache, daß wir jetzt die Bahn haben, und daß die Bahn unsere natürliche Verbindung mit der Außenwelt ist. Das brauche ich für mein Petroleum." Wie meinst du das? JÄ habe immer geglaubt, du bist Bäcker. Was hast du mit Petroleum zu thun?" Na, damit du's auch weißt, und er mäßigte seine fette Stimme zum Flüsterton herab, sie haben bei mir im Keller eine Petroleumquelle entdeckt." Der Schmied that, als hätte er einen schlechten Witz gehört, und sah seinen Freund zweifelnd von der Seite an. aber der fuhr unbeirrt fort: Sieh mal, die Sache ist so gekommen: Letzten Mittwoch, wie meine Frau große Wäsche hatte, fand ich in der Wohnung und im Laden überall solche Flecken auf den Dielen, als wenn da Jemand in nassen Schuhen herumgelaufen wäre. Aber die Stellen trockneten nicht, und es war nicht Wasser, sondern Fett, und es roch wie Petroleum. Und die Fußtapfen kamen alle von der Treppe nach dem Wafchkeller her. Ich gehe also die Treppe hinunter und leuchte unten in allen Ecken nach, und richtig, vorn links im Winkel ist der Boden ganz feucht, und zwischen den Steinen steht solch Oel, das wie richtiges Petroleum riecht. Na, damit war ja nun die Sache aufgeklärt, und ich dachte mir, da werden wohl die V!ädckens die Petroleumkanne umgeworfen haben oder eine Lampe haben fallen lassen. Der Fleck wird gründlich aufgewischt, und alles ist in Ordnung. Aber wie ich gestern durch den Keller komme, ist die Stelle wieder naß. und so oft ich seitdem habe aufwischen lassen, das Oel ist immer wieder herausgesickert. Es muß also wohl aus der Erde kommen. Wenn du 'ne Probe sehen willst, da!" in holte ein Fläschchen aus der Tasche und hielt es gegen das Fenster. Es war mit einer schmutziggelben Flüssigkeit angefüllt, die im auffallenden Licht bläulich schillerte. Der Schmied griff hastig nach der Flasche, entkorkte sie und hielt sie unter die Nase. Donnerwetter, wahrhaftig, das ist nichts anderes als Petroleum und stinkt, als wenn es eben erst aus Amerika gekommen wäre." Ja. ja, und ist eben so echt wie da nebenan dem ollen Krause seins." Dabei wies er mit dem Daumen über die Schulter nach dem Nachbarhaus. Dort wohnt sein ehemaliger Freund, Kolonialwaarenhändler Krause. Die Freundschaft war aber vor einem Jahr in die Brüche gegangen. weil der Kaufmann feinem Sohn verboten hatte, um die blonde Bäckerstochter anzuhalten. Ingrimmig fuhr der alte Meister fort: Weißt du. Michel, was ein Faß von dem Zeug kostet?" Na. ich denke, so 20 M." Falsch gerathen. 50 Mark hat heute morgen Krause zu unserem Gesellen gesagt. 50 Mark muß er für die Tonne bezahlen." Am nächsten Tage hatte sich die Kunde von der Petroleumquelle wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt verbreitet. Die Gasse vor dem BäckerHaus stand voll Neugieriger, ohne Unterlaß quietschte die Ladenthür, und die blonde Grelhe hatte alle Hände voll zu thun, um die Käufer zu bedienen. Obwohl einige böse Zungen behaupteten, die 'Semmeln des Meisters Köpping schmeckten auch schon nach Petrotroleum, war der Andrang der Kunden nie so groß gewesen wie in dieser Zeit. Die Bäckerstochter war recht froh, als in der DämmFcstunde der Verkehr nachließ. Sie fühlte sich wie zerschlagen und sank erschöpft in den alten Ledersessel nieder, der in der Ecke des Ladens stand. Da ertönte die Klingel, und ein verspätster Käufer trat ein. Das Mädchen sprang erschrocken auf und starrte den Ankömmling mit weitgeöffneten Augen an. als sähe es einen Geist. Dann sank sie mit einem Freudenruf an seine Brust. Es war Fritz, der Nachbarsohn. Von seiner Reise zurückgekehrt, hatte er die merkwürdige Geschichte von der Petroleumquelle erzählen hören und benutzte das gleich als Vorwand, um sein Liebchen in unauffälliger Weise zu besuchen. Zärtlich schlang er den Arm um das bebende Mädchen und begann leise von vergangenen Zeiten zu reden. Als er sie so ein wenig beruhigt hatte, erkundigte er sich nach den näheren Einzelheiten der neuen Entdeckung und entwickelte einen Plan, wie er mit Hilfe der wunderbaren Quelle die Einwilligung seines Vaters zur Heirath zu erringen hoffe. Er beabsichtigte mit Hilfe seines Freundes, der in technischen Fragen Bescheid wußte, den Vater für die Sache zu interessiren und so zunächst eine Annäherung zwischen den feindlichen Nachbarn herbei-

zuführen. Das Weitere würde sich dann schon von selbst fügen. Und wirklich hatten sie nach langem Hin- und Herreden am folgenden Abend den alten Krause so weit, daß er bereit war, in Unterhandlungen zu treten. Meister Köpping traute kaum seinenAugen, als der feine Nachbar kam, um persönlich die Quelle zu besichtigen. Er klopfte sich den Mehlstub ab, zog sich einen besseren Rock an und ergriff die Lampe. Das können Sie mir qlauben. Herr

Krause, unter 50 Mark gebe ich das Faß nicht ab. Klar wie Gold ist das Oel. Sie werden schon sehen." Der Kaufmann that zwar, als hörte er es nicht, aber in feinem Kopf begannen wieder die phantastischen Projekte zu spuken, die ihm sein Sohn und der junge Techniker da hineingesetzt hatten. Der Bäcker leuchtete in die Ecke, w& sich eine kleine Lache gebildet hatte, auf der, wie die Fettaugen in der Suppe, schillernde Tropfen schwammen. Herr Krause suchte sich möglichst unbefangen zu geben: Ja, das ist ja ganz schön, lieber Nachbar, aber die Fabrik, das Pumpwerk, die Raffinerie, meine ich, das kostet zunächst viel theure Gelder, ehe das alles so weit ist." Und er wandte sich an den Techniker, der schon einige Steine ausgehoben hatte und zu graben begann. Wie hoch meinen Sie wohl, daß sich die komplette Anlaae stellen wird?" Der Gefragte zuckte die Achseln. Im vorliegenden Falle dürften 30bis 40.000 Mark ausreichen. Das würde sich aber in Kürze glänzend rentiren, denn die Ausbeute scheint eine ganz hervorragende zu sein." (5r wies die ausgebrochenen Steine vor. die buchstäblich von Oel trieften. Bei der Nennung der Summe war dem Bäckermeister etwas Angst gewor den. und er hielt es für angebracht, die Verhandlungen hier unten abzubrechen. ..Aber, meine Herren, das können wir ja oben beim Glase Bier alles weit bequemer besprechen. Tarf ich bit ten!" Und damit complimentirte er die Gesellschaft die Treppe hinauf und führte sie in's gute Zimmer. Bald war eine eifrige Unterhaltung im Fluß, und der Kaufmann, dem immer noch die Oeltropfen vor den Augen tanzten, überschlug sich schon im stillen, was für ihn bei dem Geschäft herauskommen könne. Denn der gute Bäcker war doch absolut nicht der Mann, allein eine solche Goldquelle zum richtigen Fließen zu bringen. 68 wurde allein Ernstes erwogen, die Erschließung und Ausnutzung der Quelle auf gemeinsame Rechnung zu betreiben. Des alten Zwistes geschah dabei keinerlei Erwähnung, und alles schien vergeben und vergen. bis die blonde Grethe mit dem schäumenden Bierkrug erschien, um den Männern einzuschenken. Als sie Herrn Krause sen. erblickte, blieb sie wie versteinert und mit niedergeschlagenen Augen an der Thür steYen. Das Gespräch stockte, eine Peinliche Stille trat ein. Da stand der alte Kaufmann auf und ging mit ausgestreckten Händen dem erröthenden Mädchen entgegen. Nun, Fräulein Greihe. das im vorigen Jahre war ja gar nicht so bös gemeint. Ich glaubte blos, es wäre gut, wenn Sie beide noch etwas warteten. Aber daß es Ihnen so weh thun würde, das habe ich wirklich nicht gedacht." Sie hatte während dieser Worte tapfer mit den Thränen gekämpft, die unwiderstehlich m ihr aufstiegen. Aber jetzt war es um ihre Fassung geschehen, sie setzte den Krug nieder, preßte aufschluchzend die Schürze vor die Augen und wollte fort. Indeß der Kaufmann winkte seinem Sohn. Fritz, komme mal her. Ich hab' es wohl gemerkt, daß du dem Mädel noch grad' so gut wie früher bist, nicht wahr?" Der nickte nur zur Antwort. Da legte der Alte die Hände der beiden ineinander. Dann will ich von heute ab auch nichts mehr dagegen haben. Seid ihr nun zufrieden, Kinder?" Ja, Vater!" riefen sie mit jauchzender Stimme, und vorFreude bebend lagen beide an seinem Halje. Während dieser Familienscene hatte Fritzchens Freund das Bier eingeschenkt, und noch mancher Krug wurde auf das Wohl der Verlobten geleert. Von dti Petroleumquell? aber ist an dem Abend nicht mehr viel die Rede gewesen. Am nächsten Morgen kam der Vrunnenmeister. Es wurden Bohrversuche angestellt, aber je tiefer man kam, desto mehr ließ der Oelgehalt der Erdproben nach. Zudem zeigten sich an der Wand dicht über dem Boden einige fettige Stellen. Und als man die Mauer durchbrach, stellte sich heraus, daß nebenan in Nachbar Krauses Lagerkeller eine Petroleumtonne leck geworden und das Oel einfach durchgesickert war. Seitdem wurde über die Petroleumquelle überhaupt nicht mehr gesprochen. Nur bei ganz besonders festlichen Gelegenheiten läßt sich der Inhaber der Firma Fritz August Krause jun." einmal dazu herbei zu erzählen, wie für ihn und ftrau Grethe eine undichte Petroleumtonne zur Quelle des Glückes geworden ist. Und da hat es der Verfasser auch ge-hört.

Das Pantoffeln. Eine altpommersche Dorfgeschichte von I. Fischer-Markgraff. Es war im Juni des Jahres nach dem großen Kriege, der Deutschland frei machte von jahrzehntelanger, schmachvoller Fremdherrschaft. Durch das Land wehte Friedensstimmung und wie ein Aufathmen, wie langverschlossene, neugelöste Lebensfreudigkeit blühte es in den Herzen. Trotz der drückenden Armuth, der ausgesogenen Volkskraft, der großen Verluste an Menschenleben, waren noch nie so viele Hochzeiten gewesen als in diesem Jahre. Es war, als kämen bei dem frischen Aufleben zuerst die Urinstinkte des Menschen zu ihrem Rechte, als hätten sie es eiliger denn je, ein neues Geschlecht zu gründen, das mit seinem frischen Lebensodem den letzten Rest der Mutlosigkeit und des Trübsinns fortjagte, den lange, drückende Knechtschaft im Volke zurückgelassen hatte. So war der Sommer ins Land qeo-

gen mit Sonnenschein und Blüthenduft; auf den so lange brachliegenden Feldern sproßte und blühe es, als wollte die Natur selbst dem ausgesogenen Lande zu neuem Lebkr verhelsen; das Gras auf der bienenumschwirrten Wiese stand so hoch, daß man bis zu den Knieen darin versank, und in Steinmoker verging keinSonntag, wo nicht ein junges Paar an den Altar trat, um den Eid der Treue zu schwören. Am Rande des grünen Fleckchens, wo die Holunderbüsche eine natürliche Grenze zwischen den Feldern bildeten, saßen im Schatten der sich im Winde schüttelnden Zweige zwei Mädchen, mit Vespern beschäftigt. Die eine, zu deren Füßen Sichel und Harke lagen, hatte die nackten Füße in das Gras gestemmt, die Ellbogen auf die Kniee gestützt, und schnitt Bissen um Bissen von dem Brotkanten ab, den sie in der Linken hielt. Ihre Gefährtin, ein braunhaariges, schlankgewachsenes Ding mit kecken Augen, hatte sich lang in den Schatten gestreckt, daß die Halme über ihr zusammenschlugen und blickte sinnend in die grünen Zweige. Plötzlich hob sie sich wie von einem Gedanken getrieben auf den Ellbogen und blickte zu der Kameradin hinüber, die, behaglich essend, anscheinend gedankenlos, die sommerwarme mit Heuduft erfüllte Luft auf sich einwirken lich. Sie wandte erschrocken den Kopf, als sie sich von der Freundin angerufen hörte. Was willst, Wiesing?" Ich fragte blos, warum dein Martin nicht herüberkommt?" Die andere sah sie verwundert an und zerschnitt ein Stück Speck in kleine Theile: Er sagte, er könnte nicht, sie wollten heute noch mit der Wiese fertig sein . . ." Wiesing hatte sich aufgerichtet und die kecken Augen blitzten: Und das läßt du dir gefallen, Hanning? Seit drei Tagen ist er nicht mehr zum Vespern gekommen, immer hat er 'ne Ausrede, und Sonntag habt Ihr Hochzeit; was soll denn das werden mit euch, wenn er jetzt schon alles thut, was er will?" Die junge Braut rückte etwas unbehaglich hin und her: Ich weiß gar nicht, was du willst," sagte sie ärgerlich. Martin ist doch so gut. Denk' doch an die schöne Schürze, die er mir von Anklam mitgebracht hat, als er mit der letzten Kartofselfuhre hinüber war." Was will denn das sagen?" fiel die andere ungeduldig ein, sein Vater hat doch einen großen Bauernhof." Die Gefährtin ließ sie nicht ausreden: Du weißt aber doch auch," be gann sie vorwurfsvoll, wie furchtbar arm wir alle nach dem Kriege geworden sind; er hat sich's mühsam absparen müssen, er hat wochenlang keine Pfeife geraucht und kein Glas Dünnbier darum getrunken und dann," fuhr sie eifrig fort, als Luise um verächtlich die Achseln zuckte, in der vorigen Woche hat er mir Abends noch heimlich die ganze Ecke von der Wiese abgemäht, die ich andern Tages hatte machcn sollen, und er hatte doch so dägern arbeiten müssen, es kann sich jetzt ja keiner Dienstdierns und Knechte halten. das Meiste, was da kommt, ist verlaufenes Volk." Die Freundin hatte einen Krug mit kaltem Kaffee entkorkt und goß den Inhalt in den einfachen, sauber geputztenZinnbecher: Ach red' und red'," saate sie und trank den Kaffee hinunter, sperr' dich nur nicht so. du möchtest deinen Mariin doch eben so gern Pantoffeln, wie alle anderen Frauen auch, man muß es nur richtig anzufangen wissen." Sie füllte den Becher von Neuem und hielt ihn der andern hin. da. Hanning, auch 'n lütten Schluck?" Sie rückte dichter an die Gefährtin heran, die nachdenklich an dem kühlen Getränk nippte, und bog den Kopf so nah herüber, daß ihr krauses, dunkles Haar deren Wange berührte: Ich weiß ein Mittel, wie man's Regiment in die Hand bekoinmt," wisperte sie wichtig und aufgeregt; und wenn du keinem etwas sagst, Hanning Prochnow, will ich dir's verzählen. Gieb mal die Hände her, nein, so nicht, über Kreuz, und sag' mal wahr und wahrhaftig" so " sie umfaßte die Schulter der' andern, die nun auch aufmerksam zu werden begann, wei'N du vor der Trau stehst, Hanning, und der Herr Pastor hat den Segen über euch gesprochen, dann

mmmst vu den nnren Fuß und )ttt ihn, so stramm du kannst, auf seinen rechten Stiefel, da, wo die kleine Zehe sitzt, von da an hast du's Regiment und kannst ihn tüchtig Pantoffeln." Hanne Prochnow schüttelte denKopf in ihrer ruhigen Weise: Jh. dgs ist ja all dummes Zeuq. Wiesing." uije hatte den Arm sinken lassen und blitzte die Freundin entrüstet an mit den schwarzenAugen: Das nennst du dummes Zeug? Na hör' mal. Weißt du. von wem ich das hab'?" fuhr sie eifrig fort, von Tante Dürten. die hat's auch so gemacht." Sie sah der andern vielsagend in die Augen, ,.na. nu glaubst du mir doch, nich' Ha-ning? Herrgottdochman," fuhr sie herum, knackt das nicht hier im Busch?" Jh bewahre, was du auch alles hörst," lachte Hanning. bei dir spökt's am Ende schon am hellen Tage." Sie packte Messer. Flasche und Becher in den nebenstehenden Henkelkorb und stand dann auf, die Krümel un?Bröckchen mit der flachen Hand von der Schürze klopfend; man to. Wiesing. das Stück bis an die Beek müssen wir heute noch fertig haben." Und sie nahm Sichel und Harke und ging von der Gefährtin gefolgt an die Arbeit. Als sie jedoch ein Stückchen gegangen waren, wandte sich Hanning plötzlich um: Weißt' was, Wiesing, ich glaub', ich thu's." Während die Mädchen über die Wiese schritten, bogen sich die Zweige des Holunderbusches auseinander und der Kopf eines jungen Mannes erschien zwischen den Zweigen, mit lachendem Mund und blitzenden Augen. Dann schlug das Gebüsch wieder zusammen, und er richtete die schlanke Gestalt in ihrer ganzen Länge auf und blieb nachdenklich, die Hände in den Hosentaschen, ein Weilchen stehen und blies den Rauch der kurzen Pfeife in Gedanken versunken in die sonnige Luft. Das war ja 'ne verteufelte Geschichte, was konnte er da machen gegen solche Zympathie"? Wiesing war seine Cousine und Tante Dürtens Mann auch sein rechter Onkel, na und, solchen Jammerkerl" wollten sie aus ihm machen, der zu allem ja und Amen sagte? Den ..sein Wies" hin und her schob wie ihren öbbersten Knecht? Da si,' doch Gott den Deubel dod schlagen " er schob die Thonpfeife noch mehr in die linke Mundecke und kaute nachdenklich daran, während sich um den frischen, gutmüthigen Mund eine tiefe, nachdenkliche Falte eingrub er war seinem Hanning sehr gut, aber sich so Pantoffeln lassen. wie Onkel Fritz, ne! Plötzlich ging ein Leuchten über sein Gesicht, er nahm die Pfeife aus dem Mund und bog sich vor innerem Lachen, während er mit der Hand auf das Knie schlug; das ging, ja das ging . Ein wahres Glück, daß er, um sein Hanning zu überraschen, an dem Busch entlang geschlichen war und nun alles gehört hatte. Da sollten sie mal sehen, was aus ihrer Zympathie" wurde. Er lachte noch immer in sich hinein, während das qutmütlnge, hübsche Gesicht

seinen Schein ihm sonst fremder Entschlossenheit annahm, und schüttelte die Faust gegen die Wiese hin: Na täuw, Hanning." Am Sonntag Nachmittag schickten die Glocken des Dorfkirchleins ihren Klang weithin über die blühenden Felder, und ans dem Thor des BauernHofes bewegte sich der Hochzeitszug. Voran die Hochzeitsbitter mit keulenförmigen Blumensträußen in den Aermelaufschlägen und,' vom Hute flatternd, ein Heer seidener Bänder in allen Farben. Ihnen folgte das Brautpaar Hanning und Martin, ein jeder zwischen zwei Brautführern, deren lange blaue Röcke mit buntbebänderten Sträußen verziert waren. Hinter ihnen wanden sich die Gäste durch die Menge der Zuschauer im Sonntagsstaat; zwar weniger kostbar gekleidet als vor der Franzosenplage, aber sonst kreuzfidel, und alles, wie es schien, schon sehr in Stimmung. Die Trauung nahm ihren Verlauf wie gewöhnlich. Da es dem Kirchlein an einer Orgel fehlte, sang der Küster vor und war den schwerfälligen Bauern vermöge seiner größeren Kehlfertigkeit immer um zwei Töne voran, doch that das der Andacht keinen Abbruch. Hanning schluchzte, wie es Brauch war, in das große, spitzenbesetzte Taschentuch, doch war sie nicht so ganz bei der Sache, wie es sich für eine Braut aebört. Sie fiiMte w;nng & Äugen aus nco ruhen uno wartete innerlich bebend auf den großen Moment, wo sie sich vermittels deren Sympathie" das Regiment im Hause für alle Zeiten festlegen würde. Im Laufe der Woche hatte sie es sich doch überlegt, daß es gar nicht so übel war, den Mann ein wenig zu pantofsein, und war fest entschlossen, das Mittel in Anwendung zu bringen. Jetzt hatte der Pastor den Segen gesprochen, das Brautpaar erhob sich, und schnell setzte die Braut den nicht gerade zierlichen Schuh mit voller Wucht auf den Stiefel des Bräutigams. Da hallte ein halbunterdrückter Laut aus Männermund, derSchall einer derben Ohrfeige und der Schreckensschrei einer Frauenstimme von der Wölbung wieder, und ruhig, als sei nichts vorgefallen, wandte sich der glückliche Bräutigam dem Geistlichen zu: Man weiter. Herr Pastor, 't iS all gut, nu kann sie mich Pantoffeln. . .

Die Getreuen von I v e r", wer erinnerte sich ihrer nichi aus der Zeit Bismarck's? Regelmäßig zu seinem Geburtstage brachten si dem Gründer des Reiches 10Q Kibitz. eier. Auch jetzt noch versammeln sich die Getreuen" in Jever zu einem Umtrun?. Die Reihe derer, die von Anfang dem Verein der Getreuen" (im Jahre 1871 gegründet) angehören. hat sich freilich bereits stark gelichtet. E i n Liebesdrama war dieser Tage im Elsaß das Tagesgespräch. Kürzlich wurden bei HeidWeiler die Leichen eines elegantenPaa. res aus dem Canal gezogen und spättt als unbekannt beerdigt. Neuerdings sind sie wieder exhumirt und festgestellt worden. Es handelt sich um ein junges Mädchen aus Montbeliard. Sie hatte ein Verhältniß mit einem jungen Kunstschreiner, der erst vor Kur zem mit einem Preis von 5000 Francs prämiirt worden war. Die Mutter des Mädchens war gegen die Verbindung. Infolgedessen reiste das junge Wesen ab, angeblich, um in Berlin als Lehrerin Stellung zu suchen. Von Basel aus schickte sie dann ihr Gepäck und ihr Geld nach Hause und stürzte sich mit ihrem Geliebten in den Rhein. Aus Bukarest wird von einer musikalischen Erfindung berichtet. die Prof. Heinrich Schebela in Krajowa gemacht hat. Schebela ist ein gesuchter Musiklehrer und gleich-

zeitig Elektrotechniker. Er hat nun nichts geringeres erfunden als eine elektrische Militärkapelle, oder genauer gesagt, den elektrischen Ersatz für eine Militärkapelle. Das Werk soll eine vollständige Musikbande ersetzen, trotzdem nur ein Einziger der Erfinder selbst dabei thätig ist. Er ist es nämlich, der durch Spielen eines beliebigen Musikstückes auf einer Art Orgel nicht weniger als 226 Blas-, Schell- und Paukinstrumente in Bewegung fetzt, die durch ein elektrisches Kabel mit den Tasten verbunden sind. Der Ton dieses neuesten Musikwerkes ist stärker als der durch persönliche BeHandlung der Instrumente hervorgebrachte. Es spielen: 18 Klarinetten, 36 Flöten, 36 Pikkolos, 10 Waldhörner. 18 Pistons. 20 Posaunen u. s. w. Schebela, der schon einige Concerte mit seiner Erfindung gegeben hat, will demnächst eine Weltreise antreten und seine Erfindung in allen größeren Städten hören lassen. DasMitgliedder Opera Comique in Paris Herr Zocchi, von Geburt ein Italiener, war nach Rouen gefahren, um dort in einer Matinee mitzuwirken. Abends jedoch hatte er in Paris in der Cavalleria Rusticana" zu singen. Unglücklicherweise versäumte er nun den Nachmittagszug in Rouen. Was thun? Schnell entschlössen miethete er ein Automobil, und nun begann ein Wettrennen mit dem bereits abgegangenen Zug. Galt es doch noch vor diesem in Nantes einzutreffen, um dann von hier aus nach Paris zu gelangen. Aber mit des Schicksals Mächten oder richtiger mit den französischen Landgendarmen ist kein ewiger Bund zu flechten. Zocchi wurde von einem Gendarmen angehalten und wegen zu raschen Fahrens aufnotirt, eine Prozedur, die mehr als 20 Minuten beanspruchte. Dann ging's weiter, aber als der Sänger nach Nantes kam, war der Expreßzug schon wieder abgefahren. Nun setzte er die Reise mit dem Automobil fort und erreichte Paris Abends 9 Uhr. Die Cavalleria" war als letz tes Stück angefetzt, er war also noch rechtzeitig eingetroffen. In seiner Garderobe jedoch fand er einen Brief seines Direktors vor, in dem er ihm mittheilte, daß er ihn um 2000 Francs gestraft habe, weil er ohne Erlaubniß Paris verlassen habe. Außerdem entdeckte der Sänger, daß er sein Portemonnaie mit allem Geld, das er überhaupt noch besaß, verloren habe. Eine eigenthümliche Spezialität hatte sich die 38jährige Hausadministratorin Frau Kubowsky in Wien gewählt, die kürzlich verhaftet wurde, und der man bereits Schwindeleien im Betrage von 100,000 Kronen nachgewiesen hat. Sie machte sich an schwerkranke, einsam stehendeGreise heran, pflegte sie bis zu ihrem Tode und brachte dann ihr ganze Hinterlassenschaft an sich. So starb in ihrer Wohnung der wohlhabende Kaufmann Röhalmi; nach Angabe der Kubowsky hat er nichts hinterlassen. Ein ähnlicher Fall ereignete sich mit dem Privatier Gotthilf Eberle. Auf ein von ihm veröffentlichtes Inserat hin meldete sich die Kubowsky und wurde als Wirthschaften engagirt. Sie zog mit ihm nach Abazzia, wo Eberle starb. Als die Verwandten das Erbe beanspruchten, erklärte die Kubowsky, die Krankheit des Verstorbenen habe viel gekostet, auch habe er ihr große Geschenke gemacht. Von dem Bankdepot und den Sparkassenbüchern, die er besaß, fand sich nichts vor. Das Vorleben der Betrügerin ist sehr romantisch, ohne geradezu erbaulich zu ein. Sie war die Gattin eines Zahntechnikers Kubowsky in Klagenfurt und unterhielt ein Liebesverhältniß mit dessen bestem Freund, dem Forstbeamten Nikolini. Kubowsky überraschte das Paar und stieß Nikolini sein Jagdmesser in's Herz. Der Frau, die entfliehen wollte, versetzte er einen Messerstich in den Rücken. Nikolini starb, Kubowsky wurde jedoch vom Schwurgericht freigesprochen.

(Gefährlichkeit der Primeln. kautcrkrnnfungcn durch Tchlüffelblume und die Ursachen. Eine sehr beliebte und auch im Zimmer viel gezogene Zierpflanze ist die Primel oder Schlüsselblume mit ihren sehr verschiedenen Arten. Besonders oft findet man die Primula ovconica." die in China entdeckt wurde und sich feit 1883 im europäischen und amerikanischen Handel befindet. Ueber dieses zierliche Pflänzchen ist nun schon öfters die Klage geführt worden, daß durch die Berührung mit der Pflanze bösartige Entzündungen der Haut verursacht wurden. Ab und an erkrankte eine Dame, welche IM Ballkleid an der Brust ein Sträußchen Primeln trug: eine andere Dame beim häufigen Hinaussehen aus dem Fenster; sie kam mit der Nase und Stirne den Primeln, die als Topfzierpflanzen auf dem Fensterbrett standen, in Berührung. In einen: anderen Falle kaute eine Person ein Stückchen des Blattes und trug eine hochgradige Schwellung der Mund- und Rachenschleimhäute davon. Zur Klarstellung der Frage hat nun Professor Nestler eingehende Untersuchungen und Versuche, zum Theil am eigenen Körper, ausgeführt. Er befestigte ein Stück

des Blattstieles der Primula obconica mittelst eines Gummibandes an der Unterseite des Unterarmes in der Nähe des Handgelenks und ließ es etwa zwei Stunden liegen. Am zweiten Tage war die betreffende Stelle geröthet und ein heftiges Jucken stellte sich in. Hierarf traten neben einer Anschwellung zahlreiche kleine Blasen auf, die si.b später zu einer großen vereinigten und nun ein gelbliches Blutserum entließen. Nach ungefähr vier Wochen war die Heilung vollendet. Die Ursache dieser heftigen Hauterkrankung fand Nestler in den Drüsen haaren, die etwa 0.1 Zoll groß sind und fast die ganze Pflanze bedecken. Diese Drüsenhaare sind an der Spitze kugelartig angeschwollen und entlassen beim Platzen dieser Anschwellung einen gelblichen Saft, der an dem Haar herunterläuft und hier oder auf der Blattfläche eintrocknet; hierbei scheiden sich in diesem Tropfen gelberscheinende Kristalle aus, die von dem eingetrockneten Tropfen fest umschlossen werden. Diese Kristalle sind unlöslich in Wasser, löslich in Alkohol. Chloroform und Aetber und lassen sich leicht isoliren. Nestler machte nun Versuche sowohl mit dem ausgeschiedenen Saft aus den Trüsenhaaren. als auch mit dem isolirten. und erzeugte besonders durch die Kristalle meist eine deftige Hauterkrankuna. Durch die Klebriakcit des ausgeschiedenen Tropfens kann der Giftstoff sehr leicht auf alle möglichen Körperstellen übertragen werden; es sind Erkrankungen der Stirn. Augen, Nase, des Mundes und der Extremitäten beobachtet worden; in erster Linie kommen natürlich die Fingerspitzen in Betracht. Der Giftstoff, der an den Fingern kleben geblieben ist, kann auch auf andere Personen leicht übertragen werden. Die Dauer der Krankheit beträgt meist 10 bis 30 Tage, kann sich aber auch auf Monate und selbst Jahre ausdehnen. Hat Jemand eine unliebsame BegeZnung mit dieser Primel gehabt, so ist es rathsam, die Hände oder die betreffende Hautstelle mit möglichst starkem Spiritus abzureiben und darauf mit Seife und einer Bürste gründlich abzuwaschen. damit der Giftstoff zuerst gelöst und dann vollends entfernt wird. Ist das Jucken schon eingetreten, so helfen Bäder in möglichst heißem Wasser; bei fortgeschrittener Erkrankung ist entschieden der Arzt zu Rathe zu ziehen. Ebenso gefährlich wie die Primula obconica ist die ebenfalls aus China stammende Primula sinensii, serner die Primula Sieboldii Morren, sowie die japanische Schlüsselblume (Primula cortusoides). Tribut der Bälkcrzunft. Im Mecklenburger Lande besteht noch mancher alte Brauch, der in die Gegenwart nicht mebr hineinpaßt, aber trotzdem noch sorgfältig eingehalten wird. In Wismar beziehen z. B. Rathsherren und andere städtische Angestellte neben ihrem Gehalt verschiedene Naturalcinkünfte. Bei der dortigen Stadtkämmerei erhält jedes Ratkismitglied von dem zu Wismar gehörigen Erbpackthofe Tammhusen jährlich zwei lebende fette Gänse und von den drei bäurischen Erbpächtern zu Vor-Wendorf. einem andern wismarfchen Gute, einen Hasen. Das Wismarer Backeramt." die Bäckerzunft. muß ar.i Eharfreitage den Kämmereiherren sowohl wie den Provisoren, Tcputirten und dem Sekretär der Kämmerei sogenannte Reihensemmeln und außerdem zu Weihnachten den Räthen der Kämmerei Kringel und Kuchen liefern. Weiterhin empfangen die sogenannten Hebungen" auf Grui-.d noch bestehende? Stiftungen Reihnsemmeln, Stollen. Holz und Wein für ihre Beamten. Der Bürgerausschuß wollte diese Bräuche, die sich ja längst überlebt haben, abschaffen und wünschte die Umwandlung dieser Naturaleinkünfte in Geldzahlungen, die in die Stadtkasse fließen sollten. Der Stadtrath hat dies aber abgelehnt, da die Betheiligten ihre Zustimmung nicht gegeben haben. Die H a u p t f e st e des Islam sind der Beiram und der Ramadan, sowie der Geburtstag des Propheten,