Indiana Tribüne, Volume 28, Number 210, Indianapolis, Marion County, 27 April 1905 — Page 7
Jndiana Tribüne, 27, April 1905.
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9 o o tNotoaooo4g I Jeuerblumen I
o Vornan von 0 Adolf Wilbrandt i N i O C O i Ci OO. - O ? Ö (Fortsetzung.) r Jch bin ihm doch eigentlich nur ein lebendiger SÖorttraif; und gegen den Erhärtet er sich! Sein Eigensinn, sein Starrsinn ist ja seine Stärke. Ttztt kann er gut, hundert Jahre lang. Aehn lich war's ja auch in seiner sonst so ungleichen Schwester; darin waren sie dasselbe Blut! Er hat sich versteinert in seiner Selöstgerechi'qkeit. Ich glaube, er schämt sich nur. daß er einmal aus Liebe zu mir so aclogen hat; UM die Lüge an sich schärn l tx sich wohl nicht." Aber fein Herz! seine dufte!" ri?f Werter aas. Er Ifcfci nur noch seine Pferde und seine Hunde; andre Liebe braucht er nicht Ach, aber lassen wir jetzt das alles; es ist so häßlich. Wie kamen Sie nur darauf? Ich will etwas schöne Musik spielen; daö ist besser!" Wanda stand auf; sie ging in ihr Zimmer voran, in dem die Vorhänge geschlonen waren draußen ward eben volle Nacht und eine Lampe brannte. Werner folgte stumm. Sie fetzte sich an's Harmonium und begann aus dem Gedächtniß, was ihr eben ciafiel. Es war Kircüenmusik; sie spielte eines ihrer Lieblinge st üäe, ein ergreifend schönes. Tann fuhr sie fort und soielte ein Lieblingsstück nach dem andern; er kannte sie schon alle. Er licbis sie auch, schon weil sie sie liebte. Aber indem er nun lauschte, sich an ihnen zu freuen meinte, ward ihm immer enger, beklommener, elender zu Muth. Sie schienen ihn heute alle trostlos melancholisch; dampfe Ergebung in das erbärmliche Menschenfchicksal, Sehnsucht nach Gott dem ewig unerreichbaren; Hoffnung auf ein himmlisches Paradies das nicht kommen wird. Es schüttelte ihn endlich. Er sehnte sich nach Sonne, nach Glück! Er hob einen Arm gegen sie, wie um sie zu bitten: hör' auf! Wanda bemerkte es nicht. Nun legte er den Kopf auf den Nacken zurück und seufzte tief. Sie stand auf und kam zu ihm. Was ist Ihnen?" fragte sie. Heut sind Sie iar nicht wie sonst, lieber Freund. D, was für ein verfinstertes, unglückliches Gesscht. Und ich wollt' Ihnen durch die Musik eine besser: Stimmung machen. Ist Ihnen etwas Böses geschehn?" Er antwortete nicht. Er nahm nur ihre Hand, hob sie und legte sie sich gegen die heiße Stirn. Wanda entzog sie ihm. )! sagte sie mit halbe? Stimme. Fangen Sie doch wieder an? Nachdem Sie diese Tage so artig gewesen." Ja, ja," murmelte er. Was man doch in dieser Welt alles artig oder unartig nennt!" Lieber Freund, es mutz doch Ja, ja! Mir ging eben durch den Kopf, was mir Ihr Brudev gestern von seiner kleinen Eva erzahlt hat. Vor zwei Monaten, glaub' ich, ver reisten er und seine Frau auf einige Tage nach Stettin. Sie hatten von den Kindern Abschied genommen, fuhren nach der Bahn. Nach ein paar Mi nuten fällt der Frau Ebert ein, daß sie ctwa vergessen hat; sie fahren zurück. Tie Frau tritt in das Zimmer ein, wo die Kinder spielen. ,AH!' sagt Crcchen, als sie die Mutter sieht, ,seid Ihr schon wieder da Was habt Ihr uns mitgebracht?' " Wanda lächelte. ,,Tas dreijährige Gehirnchen!" Noch so ganz ohne Gefühl der Zeit! Es überraschte mich; und doch ist's natürlich. Ach! hatt' ich eben gedacht. als ich Ihre Hand nahm, wenn's auch meinem einunddreißigjährigen Gehirn noch so gehen könnte! Wenn's auch nur mein Traum wär', mein' ich, daß diese letzten fünfzehn Jahre schon vor über wären; wenn sie auch nur erst Minuten wären wenn ich Zu ihnen sagen könnte: seid Ihr wieder da? Was habt Ihr mir mitgebracht? ftnhi ffir rrnr d?n v?rr?r Nin.ino? "V v) ' ""D7 I von damals wieder mitgebracht, den sechzehnjährigen Schwärmer, den Schwärmer für große Thaten, für Ehre und Ruhm, für den erhabenen Imperativ der Pflicht? Ja, ja, das war einmal alles da. Wirken wie der alte Faust! Schaffen wie der alte Fritz! Sich bewähren, bethätigen. nützen! Tann wuchs aber ein andrer Werner Ringhof auf und dem Schwärmer über den Kopf; vielleicht auch 'ne Erbschaft von einem meiner Vorfahren, die in meiner Entwickelung ihre vorgeschriebene Eintrittsstunde hatte. Der beschauliche, ästhetische Mensch! Der seine Sinne täglich mehr und mehr verfeinert, täglich auch empfindlicher wird gegen alles, was die Harmonie des Inneren stört; der von der Welt nur das Schöne will und Nützen ist selten schön. Pflicht ist nicht schön. Sie macht zu Philistern. Diese Erb schaft, bildete ich mir allmälig ein, ist mein wahres Ich! Und in diesem Glauben hab' ich gelebt bis Grebbm! Wanda stand noch immer vor ihm. der auf dem Sofa in der Ecke saß. So wär's ja nun gut," sagte sie mit ihrer tröstenden Stimme. So hätt' diese gefährliche Erbschaft sich nun ausgelebt; wie ihre vorgeschriebene Eintrittsstunde hätt' sie auch ihre Austrittsstunde gehabt. Und hier m Grev
Dtn wäre der dritte Werner Ittüigöof an den Tag gekommen; der letzte und der beste!" Werner sah sie mit den brennenden, Verzehrenden braunen Augen an. Sie haben die mitfühlendste Stimme, die es gibt. Und die mitfühlendsten Au
ren aua?. Sie machte eine abwehrende Vewegung: Sprechen wir nicht von mir. Von bnen ist die Rede; von dem dritten Ningbof. Warum thun Sie denn so melancholisch? Taß der Herr nun da istist ja wunderschön. Und vom Zweiten soll ja alles Schöne bleiren. 30 onn? renn aoer zum ersten ptxüd: sich betliäiiaen, wirken, schaffen! Der erhabene wie sagten Sie " ..Imperativ der Pflicht." Imperativ der Pflicht! Das schreiben Sie sich in goldenen Buchstaben auf die weipe Fahne. Und dann in s Leben hinein! ' Werner lächele; es war aber ein fast tronicies Läcncln. In' was für ein Leben? Das ist ja die Frage. Liebe, weiie, ubernrei'e Frau. Es gehört auch Son'.'.e Mn. Es bort auch lüc dazu! Gecen Sie mix das nöthige Glück!" (fi, das wird sich finden. Aber mit diesem Imperativ: ,qib mir das nötlnae Glück!' fenai man als Gottes schöpf da Leben nicht an! UeberHaupt lieber Freund mir deuckt, mit dem einfachen Glücksverlangen dürfen wir Gott überhaupt nicht kommen; dafür ist diese Welt nicht gemacht. Und kann irgend eine Welt mit so buntem Ich und Tu dafür gemacht sein? edes Ich soll zurechtzeschmiedet wer den, wie der Hammer auch wehthun man. Ueber jeden soll die Seiiakeit der inneren Erfüllung kommen, wie viel Kummer auch in sein Kleid et webt ist. Ich denk' mir, auch im Jenseits mag's noch Kummer geben; ur.b vielleicht lieferen; dafür auch höhere Seligkeit! Werner wollte reden, wollte zustimmen und widersprechen; in seinem armen, iinaeoerdigen Ich war aber das eine Gefühl zu groß, das Wandagefühl. Er hörte nur und sah sie an. Schön ist sie eigentlich nicht! dachte er auch jetzt; aber etwas Lieberes, Süßer:s hab' ich nie se'ehn!" Sie haben mich nicht verstanden," begann er endlich zögernd. Ich sagte nicht zu Gott: ,gib mir das nöthige Glück'; ich Hab's zu Ihnen gesagt. Bitte, starren 2ie mich nicht so an; es ist der beste, heilig 'te Ernst. Ich wollte Ihnen sagen aber vor diesem strengen Besicht gefriert mir das Wort. Ich wollte Ihnen sagen: ja, der dritte Ringhof ader hier in Grebbin ist er an o;n .aa aewmmen. Greovin ist sein dmrt$9ti, Grebbin ist seine Heimath. SBfe soll er leben ohne Grebbin? Da verlief er nicht. O Gott und Grebbin sind Sie!" Wanda zitterte. Sie sah ihm mit erblaßten tilgen bang in's Gesiebt. Frau Wanda, ich kann nicht mehr. Ich muß es Jknen sagen! Tas ist keine Verlieben?, g'au'ben Sie mir doch; das ist einfach ein Schicksal. Sie fühlen es ja auch selbst: Sie haben aus mir d:n dritten Menschen gemacht! , wie ich zum erstenmal Ihr Bild sah, in Heili'7.enblnt da ging's schon wie eme dnmrte Ahnung durch mich: oas stnd chiaiaisaugen. uns ten fini seD an. innen ?u trogen: und hab' hier dann fortgetrotzt mich ge wehrt, gekämpft immer, immer . . . M kämpf' auch noch, (sezen Ihren Gott. Was ist mir Ihr Jenseits? Taran glaub' ich nicht. Aber in Ihnen ist das alles so eins fo selig so gut. Und ich weiß teine Frau auf der Welt wie Sie. Ich denk' nur an Sie. Es lebt Niemand in mir als Sie. Tas ist schnell gekommen, nicht wahr? Und doch sehn Sie, das fühl' ich, das weiß ich und doch ist's nun für die EwigZeit!" Bitte, hören Sie auf." sagte Wanda, gegen den Sturm ihrer Freude kämpfend, fast ohne Fassung und ohne Stimme. Hören Sie auf, oder Ihre Uebertreibungen machen mich verrückt. Oder ich muß fort!" Nein. nein, ich sag' nichts mehr; bleiben ie nur, bleiben Sie. Grebbin! Ich sprach von Grebbin. Ich hab' hier angefangen, Landmann zu werden; ja, nun lächeln Sie. Hab' angefangen, weil Sie eine Landfrau sind, weil es Ihr Grebbin ist; jedes neue Gefühl kommt mir ja von Ihnen! Ach. lächeln Sie noch einmal fo himmlisch, wenn ich Ihnen sage wenn ich Jbnen sage " Sie wartete; er sah sie aber nur unheimlich strahlend an. Was?" fragte sie. Vor Wonne und Wonnegrauemöcht' ich eten nicht mehr reden. Frau Wanda' Sie Einzige! Wenn ich wirklich Landmann würde? und kaufte Grebbin?" Ich versteh' nicht. Und wo blieb' ich?" Sie blieben hier!" Ah! Und wo " Sie zitterte vor dem Weiterfraaen. Bßit einem erkünstelten Lächeln, um noch abzulenken, schüttelte sie den Kopf: Das wär' nichts für Sie. Ein jugendlicher Traum des dritten Werner Ringhof der ja noch so jung ist. Landmann! Sie! Weil Sie einige Tage mit zu Felde gegangen sind, halten Sie's für möglich" Und es ist auch möglich! Ich bin ein anderer Mensch!" Verzeihen Sie: doch wohl nicht so ganz. Das wär' ein Wunder, an das ich glaub' mehr als Sie aber an dieses Wunder glaub' ich nicht. Sie baben es am darum m .:
glauben Sie's nicht!' Und doch, doch ist's geschehn!" Sie schüttelte immer wieder den Kopf: Verlangen Sie nicht zu viel von mir. Wir sind alle eitel, ich auch. Aber so eitel bin ich doch nicht, daß ich mir einreden ließe, ich hab' aus einem .beschaulichen, ästhetischen Menschen' einen Landwirth gemacht!"
Werner stand vor ihr, sein Gesicht war blässer und blässer geworden; um 10 starker glühten die Augen und erschreckten sie. Die Stimme fast unnatürlich dämpfend, sie wußte nicht warum, sagte er wie ein Flehender: Wenn Sie mir helfen, Frau Wanda, dann werd' ich's gewiß! Denlen Sie, ich hätt's gelauft. Es wär' mein Grebbin. Wenn Sie bei mir blieben " Herr Ninghof!'t Stürzen Sie nicht fort! Hören Sie mich an! Wenn nicht Ihre Seele Nein sagt wer ist Georg Keßler? Das ist keine Ehe mehr. Das ist ein unwürdiger Zustand, in dem Sie nicht leben sollten, eine Frau wie Sie. Sie glauben da Got: zu gehorchen; hat er Ihnen gesagt, was er will? Wenn Sie Ihr Werk an mir vollenden wollten wenn Sie mich lieben könnten" Sie schluchzte einmal auf; aber nur dieses eine Mal; dann bezwäng sie sich. In ihm erweckte es aber ein rasendes Freudegefühl, eine erste Hoffnung. Frau Wanda!" rief cr. Tie Stimme rach wieder mäßigend wagte er das Wort: Werden Sie meine Frau!" Jetzt war's, als erwachte sie. Ihre Augen gingen umher; auf ihrem Schreibtisch fanden sie, was die noch halb träumende Seele suchte. Neben dem Bild der todten Freundin standen da die ihre? Knaben, die sie ihm vor einer Woche, nach der großen Beichte c.cizt hatte. Sie deutete mit dem zinaer hin. Und die?" fragte sie. Und die?" Tie bleiben beim Vater, wollen Sie wohl sagen. Sehn Sie nun, daß das alles unmöglich ist. Meine Kinder verlassen . . . Nie!" Liebste, theuerste " .Nie. nie, nie!" rief sie aus. Ich hab' sie geboren. Ich hab' meinen Gott. Durch mein Mutterwerden hab' ich tarn gelobt, sie nicht zu verlassen. Sagen Sie nichts mehr. Nie, nie, nie!" Es entstand eine tiefe Stille. Werner, die Hände vor die Augen, vor die Siirn geschlafen, stand in wortloser Verzweiflung da. Wanda betrachtete ibn eine Weile, da er es nicht sehen konnte; ihre Augen feuchteten sich Endlich schien ihr das Beste in dieser Noth, leise hinauszugehen, ihn allein zu lassen und allein zu sein. Sie that einige Schritte gegen die Thür, fast ohne Geräusch; er schien's nicht zu hören. Ein Gefühl, das sie ms. ge kannt hatte, hielt sie dann aber zurück. Mitleidig, bange, trostlos, alles zugleich, sank sie auf einen Stuhl bei der Thür. Im nächsten Augenblick sie begriff nicht, daß es so gesazwind möglich gewcsen stürzte er vor ihr auf die niee. auf beide, und hielt sie mit den Händen fest. Wanda!" stammelte er an sie bin. Stoßen Sie mich nicht rn Verzweiflung. Jagen Sie mich nicht in den Tod! Ich lasse Sie nicht. Ich kann Sie nicht lassen! Wenn Sie mich lieb haben können . . . Sie sagen nicht Ja. Sie sagen auch nicht Nein. Ich bin Ihr Geschöpf; ja. ja! Sie werden Ihr Geschöpf nicht vergehen layen. Wenn Sie mich retten wollen und wenn uns Ihr erbarmungsloser Gott. Ihre Pflicht wenn ich Sie nicht ganz o, einen Tropfen Glück! Dieser Abend. Wanda: es ist wie ein Schicksal, daß wir so allein r c o w i "v ' nno. ycern, nein, nein, Nicht pn! ;$co lasse Dich Nicht. Ich kann Dich nicht lassen . . ." Er umschlang sie mit den zitternden Armen, er suchte ihre Lippen. Nun erschrak er aber über die Kraft, mit der sie sich losriß. Als hätte sie, aus einer Vetäubng erwachend, während seiner glühenden Worte all ihre Stärke allr s v a s i r f r s v i 1 1 a zi j . . iua.uj ijCUMi.iCü, u uucuic ic uuu seiner Umarmung heraus und stieß ihn zurück. Fort!" sagte sie. Sie sind em Teufel, der mich mit schönen Reden berücken will. Ja, ja, ja, meine Pflicht! Sie wissen nicht, was das ist. Rühren !i? mich nicht mehr an. Nie mehr!" Sie stürzte aus der Thür. Eine Weile sah er ihr nach; zuerst furchtbar klar empfindend, waö ge schehen war, zuletzt ohne Sinn und Verstand. Er warf sich endlich auf das Sofa hin, das Gesicht nach unten Wanda!" stieß er noch zuweilen hervor, mit erstickter Stimme. Wahn sinn! Nie mehr. Wanda! Wanda! Ein Teufel..." ein erz zyal iym zu grimmig wey; er raffte sich, wie um sich zu ret ten, zu einem heißen Trotzqefühl auf. Ihm kehrte gleichkam die Lebenswärme wieder; in all seinem Elend eine süße, schaurig wohlige Empfindunq. ..Ein Teufel!" wiederholte er sich. Sein Trotz wuchs und wuchs ... Ein Lächeln, das ihn zu befreien schien, verzog seine Lippen. Er sah wie mit anderen Augen umher; dieses Zimmer reizte ihn. es empörte ihn. All die frommen Jnjchnsten an den Wänden schienen ihn zu verhöhnen, über seine Nieder läge zu spotten. Pflicht! Pflicht!' rief es aus allen Winkeln her. Er schüttelte sich und ging aus der Thür. Draußen nahm er seinen Hut und trat in die Nacht hinaus. Es war eben erst dunkel geworden; er sah es auch auf seiner Uhr. Die Schwüle lag noch fest auf der Erde; einige seltsame
Wolkenaebilde schlichen lanasam über
den fahlblauen Himmel hin; der Mond, der sich rn der letzten Woche halb gefüllt hatte, teuentete aoer nell aenua. dan Werner die Zeiger auf demZiffernblatt erkennen konnte. Ein letztes Gefühl von Grauen überwindend, schritt er über den Hof, dem Bartelshaaer Wea zu. Also Feuerblume!" sprach er mit einem verwilderten Lacoeln in die tiefe Stille. Als er auf die Höhe kam. an der die kleine Kirche lag, sah er den schmalen, langgestreckten See, der sich gleichsam da unten vor der Welt versteckte; der Mond streute aber ein zitterndes Funkenmärchen über ihn aus. Weich und streichelnd wtfste ihm hier die Luft entgegen. Rückwärts am Wald glänzte das weiße Haus wie kalter Schnee . . . Wie wenn ibn von dort die Furien maten, vor ihm die Elfen der Sommernacht flüsterten und lockten, so stürmte er schneller und ruheloser seinem Ziele zu. 22. Kapitel. Wagen, der Christine und 3 Anwnic von der Bahn geholt hatte, brachte zuerst das Fräulein nacq Bartelshagen, dann führte er Christine nach Grebbin zurück. Es war Mittag, als sie dort ankam; der Regen, in den sich die gestrige Schwüle früh am Morgen gelöst hatte, trocknete schon auf. Von dem Hausmädchen, das sie empfing, erfuhr Cbristme, daß der Hausherr verreist sei; Frau Keßler sei mit der kleinen Amanda zu einer ranken m s Tors gegangen. Und mein Bruder?" fragte Chnstine. Der ging aestcrn Abend noch nach Bartelshagen, wo er wohl übernachtet hat; heut morgen ist er wiedergekommen. und in seinem Zimmer." Christine stieg die Treppe hinauf und klopfte an Werners Thür. Drinnen blieb's aber still. Was? dachte sie, er wird doch um Mittag nicht schlafen? Sie horchte r.ne Weile, dann klovfte sie noch einmal. Werner!" rief sie mit halber Stimme durch's Schlüsselloch. Jetzt kam ein mattes Herein!" Sie öffnete und trat in's Zimmer. Werner saß am Fenster, einen Arm auf dem Fensterbrett; er schaute nicht hmaus. sondern vor sich hin. Im ersten Augenblick fiel ihr seine Blässe auf; der volle Tag schien auf sein sonderbar verdüstertes Gesicht. Das Bett war noch ungemacht; er mußte darin gelegen haben; vielleicht so in allen Kleidern, denn er sah verwahrlost aus, wie sie ihn aar nicht kannte. Sein Haar und sein Bart waren ungepflegt. sein leichter Hausrock zerdruckt. Die schönen Siiaragden- und Rubinenrinoe, Uhr und Kette lagen auf dem Nachttisch. Er blickte nur flüchtig zu ihr Mn und nickte ihr zu, dann starrte er wieder wie abwesenden Geistes auf die Erde. Guten Tag, Bruder! Was hast Du?" saate sie etwas erschrocken. T siehst so - - so fremd aus. Bist Tu nicht gesund?" JBUte, keine Fragen," gab cr zur Antwort, indem er die Augen schloß. Du weißt, Fragen zur Unzeit machen nervös. Nimm an, in der Maschine ist irgend eine kleine Störung . . . Man spricht nicht davon, dann geht sie vorüber. Also Du bist wieder da?" Ja, ich bin wieder da. Ach, mein celiebter Werner ... Sie athmete einen tiefen Seufzer aus; ihre leuchtenden Augen fingen aber an zu lachen. ,.&!as hast denn Xur fragte er. der dies Lachen nicht sah, nur das Seufzen hörte. Auch eine Störung in der Maschine?" O Gott! Ganz was anderes. Mein Herz ist so voll. Ich hätt' Dir so viel zu sagen. Werner. Und nun komm' ich offenbar zur ,Unz?it,' wie Tu eben sagtest, und muß nur machen. daß ich wieder hinauskomm , und werd mich nicht los!" Werner zwang sich, sie anzusehen. In seine starren Augen, deren Weiß rund um den Apfel schimmerte, kam ein Hauch von Wärme. Willst Dich loswerden; hm. hm. Die alte, ewige Geschichte Also dann nur zu; ohne Schonung! Du hast ja die ältesten Rechte, Christel. Ich werd' schon zu hören, wenn ich auch so dasitze. ,Dein Herz ist so voll Ich kann mir's schon denken!" Nein, Du kannst Dir's nicht denken," erwiderte sie, die Augen bang und übermüthia alücklich auf ihn geheftet Sie sank auf einen Stuhl, der ihm gegenüber stand, nahm ihren Hut ab und legte ihn auf ihren Schootz. Das ist ja eben die Geschichte, Werner: Du kannst Dir's nicht denken! Da liegen sie ja noch auf dem Tisch, Deine Photographicn von Heiligenblut. Ich schäm' mich im Stillen, so oft ich sie sehe; weil mir dann immer unser großes Gespräch im Rupertihaus einfällt: zu Frau Minna nach Pommern gehn! Ja- Du fährst so zusammen. Ach ja, ich mach' Dich offenbar nervös. Licber, guter Werner, soll ich lieber gehn?" Er schüttelte verneinend die Hand. ..Laß. laß. Kümmre Tick um nichts. Ich bin ja doch kein hysterischer Schwächling. Gib gar nicht acht, was ich thue oder nicht thue, und halt' Deinen Vortrag!" tn ir, Mir, ,1k trnu Winnn 0 vv. gu IJ K nach Pommern gehn! Damals pendelte ich inwendig zwischen diesen beiden Männern schauderhaft hin und her; ach. und das war noch nicht so schlimm. Das Schlimmste war, daß ich mich durchaus nach Nützlichkeitsgründen entscheiden wollte; .prakti
sches junges Mädchen!' sagtest Du auch selbst. Ich hatt' mich eben ganz in's Nützliche verrannt auö einer Art von .rotz gegen Dich, der Du das immer angriffst und redete mir vor: nur
nicht unvernünftig, nur nicht so 'ner ocrliebten Laune folgen, wer weiß, wie das endet! Du zuckst schon wieder; ich langweil' Dich. Also ganz kurz: ich hab' mich damals unwürdig praktisch benommen und ich schäm' mich sehr Tann kam ich ia bald hierher, nach Grebbin, und lernte diese himmlische Frau näher kennen, und sah an ihr. wie man vernünftig leben und doch so ganz ideal bleiben kann, em Jungmädchenherz haben kann; und so manches, das sie mir sagte manche goldnc Worte kurz, das Sichschämen fing an! Und wie ich eben so weit war, da kam auch schon sein erster Brief . . ." Christine bielt inne. S warf cmen raschen Schelmenblick auf den Bruder, um zu sehn, wie dme Worte wirkten; dann schaute sie zum Fenster hinaus, auf den ee und die große Weide. Sein erster Brief? Wessen erster Brief V fragte Werner, die starren Augen mit An strengung bewegend. Erschrick nur nicht. Des schwarzen Doktors. Wolfgang Dietl mein' ich? Wir hatten ihm bei der Abreise, weißt Du, unsre pommersche Adresse geben müssen; damals kam mir oiz erste Ahnung, daß er schreiben wird! Er bitte um Vergebung, schrieb er, daß er es wage und so weiter. Er hab' sich selber Schweigen geboten, hab' in möglichst männlicher Fassung abgewartet, ob sein Herz durch die Trennung nicht zur Ruhe kommen werde. Aer das Gegentheil sei gesch-hn. Es sei ihm völlig klar geworden, daß fein erstes Gefühl, in der ersten Stunde, auch das rechte gewesen sei; daß er nun nie mehr von mir lassen könne; daß er ohne mich Ach, es ist so komifch, wenn man das selber erzählen soll. Es war halt ein rührend verliebter Brief!" Und davon hör' ich erst jetzt? Christine! Wozu sollte Christine eher davon reden, als bis bis sie wußte, was daraus wird! Er schrieb dann noch allerlei, natürlich; über die Aehnlichlcit unsrer Empfindungen, die Verwandtschaft unsrer Seelen, über mein .Alpenherz'; und er bat mich, nur um Gottes willen nicht schnell über meine Zukunft zu entscheiden; er hab' Aussichten ans eine gute Stellung, Hofsnungen . . . Dann war's Plötzlich aus. Es war fo 'ne rührende Plötzlichkeit; bitte, lach nicht, Werner! Ach nein, danach siehst Tu gar nicht aus. Mir ging's dann schrecklich im Kopf herum! Nicht ganz so plötzlich, aber doch bald kam mir das Gefühl: ich hab' ibn wohl eigentlich immer lieber gehabt als den .blonden Germanen'; übrigens, das klingt so und ist doch falsch: der schwarze Doktor ist ebensogut ein Germane und was für einer! Ja, hab' ihn wohl immer lieber gehabt; aber das verwünschte .praktische Madchen' . . . O, ich schäm' mich wüthend!" . (Fortsetzung folgt.) yorn Aa fernen lssf. Sergeant (zu einem Rekruten, der bei einer markirten Salve zu früh abdrückt): Was stnd Sie doch im Civilstande, Meier?" R e k r u t : Schauspieler. Herr Sergeant!" Sergeant: Aha! Und nun möchten Sie auch hier gleich Vorschuß haben!" Die jährlichen Ausgaben für die Marine belaufen sich in Großbritannien auf 177,628,660; die Ver. Staaten kostet die Flotte jährlich $82,618,034; Frankreich, $62, 694,305; Rußland, $61,747,835; Teutschland. $51.760.000; Italien. $24,200,000; Japan. ?11,774,520; Oesterreich. $10,196.000; die Niederlande. $6.948,700; Spanien, $5,162.000; Portugal, $3.066.790. vichicrnow. Von T. fSnüu .Amsel, Frau Amsel meine schönste Rede, renz! Sah sie nicht wo den Junker Lenz? 5)at mir dcr Schelm doch vor Wochen Goldene Berge versprochen! Amsel sagte: Zükütt. zükütt. 5zier im Apfclbaum ist cr nit, Aber draußen beim Tchlehen Sah ich sein Tüchiein wehen. Als ich kam dem Schiehbusch nah, Welch ein Wunder sah ich da! Trug die braune Haide Ginjrcrs Goldgcschmeide. jauchund warf ich mich mitten hinein. Kann ein Kvnig reicher sein? Ueber mir zusammen Schlug es wie goldene Flammen. Ein Verbot der Frauenarbeit aui Bauten verlangte der kath. Frauenverein m Wurzourg in emer Eingabe an den dortigen Stadtmagistrat. Das Gesuch wurde abgelehnt, doch soll in Erwägung gezogen werden, ob es sich nicht empfehle, bei Verwendung ron Frauen auf startischen Bauten dieEin holung der magistratlichen Genehmi gung vorzuschreiben. Englische Aristokratinnen genircn sich nicht, Geld durch Arbeit zu vercif' nen. So macht die Gränn v. Lime. rick augenblicklich eine Konzert - Tour durch die Vereinigten Staaten. Te: Ertrag ihrer Kunst soll zur Errichtung einer Musikschule in Dublin dienen. In London wird Lady Wimborne, d: Gattin eines Kohlen- und Eifenmag naten. in der Nähe ihres Palastes in Mayfair einen Buchladen eröffnen.
Das Anschlagen der
Pferde. Daö sogenannte Anschlagen kommt an Vorder- und hinterfußen ziemlich gleich oft, aber nur fcci schnelleren Gangarten vor. Das Anschlagen verursacht meist starkes Lahmgehen und geschieht durch den öuf selbst: die Verletzung hat immer den Charakter einer Quetschung. Kräftige Pferde schlage sich nur bei ungünstigen Bodenverhältnissen oder bei schlechter Führung zufällig einmal, abgearbeitete und übermüdete sehr häufig. Das Anschlagen erfolgt an den Vorderfüßen am Knie und an der oberen Schienbeinhälfte oder am Fesselgelenk, an den Hinterfüßen nur am Fesselgelenk. Diese Nachtheile lrerden am besten durch sogenannte Pantoffeleisen vermieden. Den inneren Hufeisenarm hat man in diesem Falle nach unten und innen schräg anzuziehen, abzudachen und überdies noch den Huf vorstehen zu lassen, welcher dann gut ab-. gerundet wird. Kann durch zweckmäßigen Beschlag das Anschlagen nicht gehoben werden, so werden gewöhnlich die sogenannten Streifbänder angewandt, jedoch meist ohne den erwarteten Vortheil. Tie Gewalt des Ausschlagen wird um so weniger vermindert, als die Streifbänder aus hartem Material hergestellt stnd. Pikiren der Gemüsepflanzen. Bei vielen Gemüsepflanzen ist es sebr erwünscht, daß dieselben vor dem Aussetzen eine kräftige Wurzelbildung haben. Dazu gehört besonders der Blumenkohl. Kohlrabi und Sellerie. Wir vermehren die Wurzelbildung, wenn wir die jungen Pflänzchen nach der Entwickelung des ersten Blattes ausnehmen und sie in Entfernungen von ein bis zwei Zoll auf ein wohlzubereitetes, fruchtbares Gartenbeet verpflanzen. Bei dieser Gelegenheit wird die Pfahlwurzel um die Hälfte verkürzt und der Sämling eine 5Ucinigkeit tiefer gepflanzt, als er auf dem Samenbeete stand. Die Gärtner nennen dieses Verfahren pitiren. Es bilden sich nun viele Wurzeln, welche der Pflanze reichlich Nahrung zuführen können. Bei dem Ausheben der Setzlinge ist aber große Sorgfalt zu beobachten; denn werden sie au dem Vodcn gerissen, so bleiben viele Saugwurzeln in demselben sitzen. Die Folge davon ist, daß die Pflänzchen kränkeln und auch wohl eingehen. Düngen der Spalierreden. Man schütte in ein Faß einen Theil reinen 5iuhmist, ohne Streu, mit zweimal soviel Wasser und einigen Handvoll Kalkstaub. Dann rührt man alles gut mit einem Holzpfahl um und wiederholt dies Umrühren innerhalb 14 Tage mehreremal, damit der Kuhmist im Wasser gänzlich aufgelöst wird. Wenn sich dann im Vorsommer die Trauben zu entwickeln beginnen, lockert man unter dem Weinstock die Erde leicht auf und begießt den Stoc mit der Flüssigkeit. Am erfolgreichsten ist die Anwendung dieses Düngers kurz vor oder auch während eines Regens. Wenn dieser Düngerguß über Sommer einigemal wiederholt wird, bilden sich nicht nur schöne große Trauben, sondern auch der Weinstock selbst kräftigt sich, ohne Schaden zu leiden. Verhütung der Finnenk r a n k h e i t. Um die Finnenkrankheit bei den Schweinen zu verhüten, gibt es nur ein Mittel, und dieses besteht darin, daß man die Schweine von den Abortgruben fernhält und ihnen überhaupt jede Gelegenheit nimmt, menschliche Exkremente zu fressen: denn haben die Thiere keine Gelegenheit, Eier des menschlichen Bandwurmes aufzunehmen, so können sie auch keine p'wnen bekommen. Wollen aber die Venschen keinen Bandwurm bekommen, so müssen sie den Genuß sinnigen Fleisches meiden. Am besten ist es daher, wenn man kein rohes Schweinefleisch verzehrt. Tas Kochen tödtet die Finnen ganz sicher. Schon bei einer Temperatur von 86 Grad Fahrenheit sterben sie ab. Zur Ziegenfütterung. Körner müssen für die Ziegen stets gequetscht verabreicht werden, da das Gebiß der Thiere eine schlechte Mühle ist. Oelkuchen sollte man der Ziege nicht geben, und ebenso sind ihr gekochte Erdäpfel nicht zuträglich, da sie leicht Verstopfung erregen und die Verdauungsorgane erschlaffen lassen. Bei der Fütterung mit Rüben und Kartoffeln ist zu beachten, daß diese nie so fein zerkleinert werden, daß den Thieren das Kauen erspart bleibt. Rohe Kartoffeln bekommen der Ziege besser. &d einer Mischung der Kartoffeln mit Dreichaofällen. 1 bis lh Zoll langem Häcksel u. s. w., wird dcr Fuiterbrei ein lockerer, die Ziegc m' langsamer fressen und kauen, und das Mutter schlägt deshalb gut an. Die Erinnerung an v?n Untergang des Dampfers Elbe", bei dem gegen 350 Menschen das Le' cn verloren, wird durch das traurige Geschick von Fräul:in Anna Böckcr, der einzigen bei der Katastrophe geretteten Frau, wieder wachgerufen. Wie jetzt englische Blätter erzählen, hat sie durch den Bankerott ihres Anwalts ihr ganzes Vermögen im Betrage von Mark, das sie sich mühsam erspart hztte, verloren. Damals nach ihrer Rettung war sie in Osbcrne von der Königin Viktoria und Kaiserin Friedrich empfangen worden, die ihr wegen des von ihr bewiesenen Muthes hohes Lob spendeten. Sie blieb dann als Gouvernante in England, um jetzt zum zweiten Male Schiffbruch zu leiden.
