Indiana Tribüne, Volume 28, Number 207, Indianapolis, Marion County, 24 April 1905 — Page 7

Jndiana Tribüne, 2. April 190,3

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V . A Acucrvlumcn ioo V von Ö Ndolf Wilbrandt s .OYOO O OLOQ (Fortsetzung.) Es war Elend und Noiy bei Eucy, nicht wahr." sagte Wanda mitleidig. Die Kleine schaute nun einen Augenblick zu ihr hin, antwortete aber nicht. Elend und Noth, nun ja! Was denn sonst?" rief Keßler von der Thür, die zu seinem Zimmer führte. Was sollte da anders sein?" Tann ging er hinaus. .Setz Dich, liebesKind sagte Wandas ruhige, sanfte, liebreiche Stimme. Sollst was essen; wirst hungrig sein." Die Kleine blickte noch wild auf die Thür, durch die der Hausherr verschwunden war; sie blieb stehn und schüttelte den Kopf. Nach einer Weile hob sie eine 5and zum Hals und schlug mit dem Zeigefinger dagegen; die Geberde sollte offenbar sagen: mir steht alles hier, essen kann ich nicht! Ja. Tu armes Kind," fing Wanda wieder an. Du hast so viel Kummer. Um die todte Mutter." Auf einmal brach aus dem Kind heraus: Der sagt ja. sie war eine schlechte Mutter! Der der!" Sie zeiqte mit dem blassen Finger auf die Tbür. So ist's nicht gemeint. Kind Doch. doch, doch! So ist's doch gemeint! Ich sag' doch, wie's ist. Mußt nicht denken ich fürcht' mich vor Euch. Er will mich schlagen, sagt er. wenn ich so böse bleibe. Ich bleib' doch so böse. Immer! Doch. doch, doch'" Wanda trat langsam näher. Dicht vor dem verwilderten kleinen Geschöpf blieb sie stehn und sah es ruhig, voll Güte an; mit einem so himmlischen Lächeln, datz Werner das unglückliche Kind fast beneidete. Ach nein. Tu wirst nicht so böse bleiben." sagte sie dann ebenso ruhig. Er wird Dich auch nicht schlagen; bist ein kleines Mädchen. Niemand wird Dich schlagen. Glaub mir. Wart' nur eine Woche. Amanda: dann wirst Du Dich wundern und darüber lächeln, daß Du das heut gesagt hast. Ja, ja, wirst darüler sicheln Bist Tu müde. Kind? Willst Du schlafen gehn? Nach der langen Reise." Die Kleine, durch Wandas Lächeln und Reden nach und nach verwirrt, schüttelte nun wieder den Kopf. Noch ein wenig trotzig verzog sie den Mund: Lange Reise! Die war ja kurz. Wir sind so viel gereist!" Dann will ich Dir wenigstens Dein Zimmer zeigen; vielleicht freut Dich das. Da hast Du ein schönes, großes Bett; und es liegt ein schneeweißes Hemdchen drin. Wenn Du am Morgen den Vorhang aufziehst, so siehst Du nicht Mauern und Dächer und Schornsteine wie in Berlin, sondern einen hohen Wald, einen wunderschönen. Neben meinem Schlafzimmer war noch eine Stube, die hab' ich für Dich frei gemacht. Denn Du hättst wohl auch oben, eine Treppe hoch, ein hübsches Zimmer haben können; aber so ein kleines Mädchen, dacht' ich. ist doch lieber nah bei mir. Da oben fürchtet sie sich vielleicht." Amanda warf noch einmal die Lippen auf, und der kleine Kopf ging wieder heftig hin und her. Nein, ich fürcht' mich nicht. Ich hab' ja doch jetzt die gan-e Nacht " Sie sprach nicht zu Ende; die Augen gingen aber starr in die Ecke, als sähen sie dort die Mutter, wie sie todt auf dem Bette lag. Ein Schauder lief über Wanda hin. Sie wandte sich ab. Jetzt trat Werner näher; vielleicht kann ich ihr doch ein wenig helfen! dachte er. von einem innigen Verlangen erfüllt, auch etwas zu thun. Er nickte der Kleinen herzlich zu; streckt? ihr dann gemüthlich, zutraulich eine Hand entgegen. Sie sah ihn verwundert an, ohne sich zu regen. Mit einem menschenfreundlichen Lächeln sagte er: Könntst mir auch 'ne Hand geben. Kamerad." Aus den nicht mehr so scheuen Augen traf ihn nun ein forschender Blick. Sind Sie ein Kamerad?" fragte sie. Ja freilich. Ich bin hier auch in Wohnung und Kost bei der Tante Wanda. Weißt Du. es geht einem hier sehr gut. Ich kann gar nicht klagen Auch Schläge kriegt' ich bis heut noch nicht. Tante Wanda macht alles mit Liebe, weißt Tu." Das letzte ist wahr." sagte Wandc. da das Kind verwirrt und hilflos glotzte; sonst mußt Du denken, der Herr spaßt gerne. Hast Tu ihm schon 'ne Hand gegeben? So. das war gut. Nun gib mir dieselbe Hand, ich führ' Dich in Dein Zimmer. Ach. das freundliche, sanfte Pätschchen. Es ist auch ein schönes Bild über Deinem Bett. Und morgen draußen der hohe Wald!" Amanda ging still mit der schlanken Frau hinaus. Werner sah iynen in stummer Bewegung nach. Eine Weile blieb er so stehn; dann war ihm, als höre er das Kind schrill und heftig sprechen, und eine plötzliche Unruhe, mehr um Wandas willen, zog ihn hinterdrein. Er kam an die Thür von Amandas Zimmer; sie war nicht geschlossen, aber angelehnt. Durch irgendwas muhten die wilden Gefühle wieder erwacht sein, mit denen das Kind gekommen war; es rief, es schrie

fast: Er soll nicht so schlecht von meiner Mutter sprechen! Sie ist meine Mutter! Er soll nicht sagen, daß sie eine schlechte Frau ist! Und wenn er mich auch och so viel schlägt, ich hau' ihn doch! ich Hass' ihn!" Wandas Stimme erklang dann gedämpft, weich, sanft beschwichtigend. Sie fvrach so leise, daß Werner nur wenige Worte verstand; es war ihm 56er, als fühle er selber die Beruhigung. die aus solchen Tönen in das unglückliche kleine Herz hinüberfloß. Amanda ward wenigstens stiller, endlieh völlig still. Eine kindliche Müdigkeit l'Titte sich in ihren letzten Reden verrathen; sie mochte wohl auch nicht viel geschlafen haben in dieser Schreckens- und Kummerzeit. Sollte sie gar schon liegen und schlummernd dachte Werner, nachdem er noch ein? W?ile gehorcht hatte. Nun sprach aber Wanda wieder, mit etwas gehobener, klare? Stimme: Und nun will ich Dir noch was sagen. Kind. Tu hast vorhin Deine Händchen gerungen: .ich hab' keinen Vater und keine Mutter'' Es ist doch nic.it so. Eine Mutter, wenn Tu nur willst, hast Tu heut noch wieder; ja. hi?r sitzt sie. Tie ist es. Und Dein Bater Tu siehst ihn nur nicht, aber er sieht Tich. Unser alle? Vater; meiner auch! E? hat mich sey? lieo; aoe? er hat Dich ebenso lkb wie mich. Und was wir Schlimmes erleben, wird eir't unser Gutes Willst Tu nun zu Bett gehn? Bist müde. Ich bleib' dann bei Dir. bis Du schläfst." Amanda schien nur etwas zu nun meln; Werner verstand es nicht. Darauf war ihm. als wenn er sie weinen hörte. Es riß ibn hin, er öffnete leise die angelehnte Thür. Auf dem Bett der Kleinen sah er Wanda sitzen; da? Kind lag vor ihr auf den Knieen, der Kopf mit dem dünnen Hälschen ai'f Wandas Schooß. Sie weinte, zuer'i wie halberstickt, dann lauter; sie ze floß in Thrän-n. 18. K a v i t e l.

n ihrem stillen Feuereifer hatte Wanda gleich am andern Morgen begonnen, die lange Kleine lesen zu lehren; sie hatte sie aber, da das Wetter schön war. in den Wald gefübrt und dann auf einer der Bänle am See den Anfang gemacht. Werner sah ihnen eine Weile heimlich zu, vom waldigen Abhang hinter ihnen; es war ihm ein so neuer und lieblicher Anblick, die Gutsberrin von Grebbin als Lehrerin zu sehn, ein altes Kinderbuch auf dem Schooß. das sie unter den aufgehobenen Sachen ihrer Knaben gefunden hatte. Zuweilen hörte er Amanda mit ihrer frühreifen Stimme laut, unreif lautircn; dazwischen kam auch wohl einmal ein zwitscherndes Lachen, durch einen Scher', der Lehrmeisterin hervorgerufen. Diese erste Unterrichtsstunde war kurz, sie verdiente kaum ihren Namen. Wanda machte plötzlich ein Ende, offenbar um das Gehirnchen ihrer Wilden" nicht zu ermüden. Sie warfen Holzstückchen in's Wasser, brachen ein paar Schilfrohrstangen und Seeblumen ab, und schlenderten nach Hause. Mittags bei Tisch erstaunte Werner, wie Wanda sich verändert hatte: sie war so bleich, wie er sie noch nie gesehn ihre Wangen waren vielmehr in der letzten Zeit blühender geworden und es lag ein tiefer, schwerer Ernst auf ihr. Es fiel ihm auf. wie wenig si? aß; in Gedanken versunken starrte si auf den Tisch und raffte sich nur zu Antworten auf. wenn man sie aned?te. Was ist ihr denn gescbebn? dachte er beengt; denn jede kleine Störung in ihr störte auch ihn. wie wenn zwei verbundene Glöckchen miteinander läuten. Werner!" nef ibn endlich die Schwc ster an. Heut wirst Du uns doch niäV wieder im Stich lassen. Frau Minna und mich; wir haben eine Spazierfahrt rund um den großen See vor. wie heißt er doch? Gestern Nachmittag warst Tu uns schmählich durchgegangen; wir haben aber auch unterwegs böse Sachen über Tich gesagt!" Ja. das haben wir." bestätigte Frau Minna. Und haben uns an einen Herrn in Heilizenblut erinnert. der ebenso aussah wie Sie. aber viel wie soll ich sagen " Viel scharmanter war!" rief Christine aus. Ja. ja!" rief nun auch Minna und drohte ihm. Amanda sah das mit einem bösen Blick. Es mißsiel ihr an der hochmülhigen Tante Minna, daß sie diesen Herrn so behandelte, der sie gestern Kamerad" genannt hatte. Werner versprach, sich erstaunlich zu bessern; tal Mahl ging zu Ende und sie standen auf. Nach einiger Zeit, da er noch am Fenster träumte, entdeck er, daß Wanda. statt sich in ihr Zimmer zurückzuziehn. wie sie nach Tisch zu thun pflegte, in's Freie gegangen war; sie verlor sich eben im Wald, dem Seeufer zu. Ein Sonnenstrahl fiel auf etwas Weißes in ihrer Hand: es schien ein Blatt Papier zu sein. Ohne weiter zu denken, verließ er daS Kmmer, stieg nicht die Treppe hinauf, sondern ging aus der Hinterthür, denselben Weg wie sie. Es zog ihn ihr nach. Er wollte die Unruhe loswerden, die sie auf ihn übertragen hatte. Er wollte wissen, was sie bedrückte . . . Auf dem schönen, schattigen Weg am See. den sie offenbar eingeschlagen hatte, ihrem Lieblingsweg, schlenderte er hinterdrein. Der waldstille See zu seiner Linken, schon gleichsam sein Freund geworden, leuchtete im reinsten Blau, den ebenso reinen Himmel spiegelnd. Werner betrachtete ihn auf und ab; es ward ihm so bew.ubt wie noch

nie, wie seine landschaftliche Seele sich hier in wenigen Tagen eingewurzelt hatte. Die Wälder hüben und drüben schienen ihm glücklicher aufgebaut oder grüner oder friedvoller als andre, die er kannte. Tie schlanke Form des Sees, sein geheimnißvolles Verschwinden nach Süden zu. wo man sein Ende nicht sah, kam ihm wie eine seltene Schönheit vor. Ja sogar die gelben Kornfelder im Norden und Nordosten, die sich zum See hinuntersenkten, waren ihm traulicher, menschlicher gewor-den-die helfenden und segnenden Augen Frau Wandas hatten auf ihnen geruht. Es war eben alles ihre Heimath; also auch seine Heimath . . . Auf derselben Bank, wo sie heute Morgen mit Amanda buchstabirt hatte, saß sie nun allein. Sie war ohne Hut davongegangen; die edle Form des Kopfes, die schönen Wellen des dunklen Haars zeigten sich unverhüllt in der schattigen Dämmerung, die sie umfloß. Ein finsterer Schmerz bedeckte aber das bleiche Gesicht. Tie Lippenwinkel waren hinuntcrgezogen. die Augen starrten mit einem langen, gleichsam aus der Tiefe hervorbrechenden Märtyrerblick in die Luft. Dann schlössen se sich, und nun sah sie wie gestorben aus. Ein Schreck überlief ihn. Er trat eilig näher. Liebe, theure Frau Wanda." sagte er mit Fassung. Stör' ich Sie unerlaubt, so machen Sie nur eine Bewegung, und ich kehre um. Ich komm' nicht so zufällig des Weges, ich gesteh' es offen. Da Sie mir erlaubt haben, mich Ihren Freund zu nennen und nun Ihre Blässe. Ihre Versonnenheit bei Tisch und hier. Ich hab' keine Ruhe. Es ist irgend etwas geschchn. das Sie tief betrifft!" Das mich tief betrifft," wiederholte sie und nickte. O ja. Sie haben keine Ruhe. Sie Armer ... Ich hätt's Ihnen übrigens selber gesagt, sobald ich Sie allein gesprochen hätte; denn ich hab' Ihnen ja neulich alles erzählt, was dazu aehört. Dieses Kind diese Amanda o Gott! Vor Tisch packte ich ihr Köfferchen aus; da fand ich ein Blatt von ihrer Mutter für mich, in einem Umschlag, versiegelt. Die Kleine hatt' es hineingepackt und dann vergessen. Tarin schreibt diese Frau aber ich Hab's ja hier. Lesen Sie selbst!" Sie zog das zusammengefaltete Blatt aus der Tasche ein abgerissenes, fleckiges Stück Papier und reichte es ihm bin. Er las in einer flüchtigen, nicht ganz leicht zu entziffernden Schrift: Ich will Sie nicht täuschen. Es geht mir gegen die Ehre denn ich hab' doch noch Ehre, wie Sie auch darüber denken mögen daß Sie sich etwa meines Kindes annehmen, ohne zu wissen. wer dessen Vater ist. Sie wird mit Recht Amanda Löffler genannt, denn in der Ehe mit Löffler. die bis an seinen Tod bestand, hab' ich sie geboren, und er hatte sie anerkannt, wenn der gütige Mann auch wußte: sie war nicht sein Kind. Sie entstand, als ich ihn verlassen hatte; mit eben dem Mann verlassen, der Sie damals aufgab, weil er mich leidenschaftlich liebte. Tie Liebe hat nicht lange gewährt! Taran sind wir wohl Beide schuld. Er hat mich nicht beschuldigt, ich will ihn nicht verdammen. Wir waren eben Beide nicht zu dauerndem Glück 6estimmt. Die unglückliche Amanda aber, die ich nun sterbend verlassen muß. ist sein und mein Kind. Was werden Sie nun thun? Ich weiß es nicht. Mit einer Lüge, auch nur einer stummen, wollt' ich nicht davongehn. Ich hab' gehört, Sie sind eine gute Protestantin, eine gläubige, fromme Frau. Nun wird sich ja zeigen. ob Sie's sind; ich meine, ob Sie von ganzem Herzen an den Gott der Liebe glauben. Dann werden Sie das unschuldige Kind des Sünders und der Sünderin nicht verkommen lassen. Thun Sie's doch, dann lach' ich über Ihre Frömmigkeit! O Gottr nein, ich lache nickt. Ich will mich in dieser schweren Stunde, da ich den Tod schon in den Gliedern fühle, vor Ihnen demüthigen. Ich will Sie mit aufgehobenen Mutterhänden bitten meinen Bruder nicht; der ist nur ein halber Mensch aber Sie. die hochbegabte, edle Frau, die mir damals Mitleid zeigte: haben Sie nun Mitleid mit meinem Kind! Segne Sie dann Gott!" Werner hatte langsam, und manches zweimal gelesen; erschüttert sah er auf das Blatt und dann auf die Frau. Liebe Freundin!" sagte er nur, unfähig, mehr zu reden, und gab ihr das Papier zurück. Sie sank gegen die Lehne der Bank, schloß die Äugen wieder. Und was ich nun thun werde," murmelte sie, das fragen Sie mich nicht." Nein. Eine Frau wie Sie frag' ich danach nicht."

Ich danke Ihnen. Diese andre Frau hätt' auch nicht die Hände aufzuhebin brauchen. Ich das Kind verlassen? Tann wär' ich umsonst in Heiligenblut gewesen und hätte seitdem umsonst gelebt! Sie werden der einzige Mei.sch sein, der von diesem Blatt erfährt; auf Ihr Schweigen verlass' ich mich. Für Keßler, für alle Welt bleibt sie Amanda Löffler. Und ich ich werd' sie " Gott im Himmel!" rief sie auf einmal aus, die Hände gegeneinander und an ihre Brust drückend, Du legst viel auf mich! An das hätt' ich nicht gedacht! Nach seiner treulosen Flucht, sein Kind . . . O ja, nun begreif' ich wohl, wie sie ihren Kopf trägt; und das Wilde, die Leidenschaft; und dazu

hoch aufgeschossen. In Grebbin, in meinem Haus sein Kind! Er da irgendwo im Gebirg, sein verödetes Leben einsam, selbstsüchtig weiterträumend und hier bei mir, ohne daß er's ahnt, diese unglückliche, verlorene, verlasscne seine O was für ein Fluch liegt darauf, so ein Mensch zu sein! Und von so einem Menschen zu stammen, o Gott, was ist das für ein Fluch! Von so 'nem Vater und von solcher Mutter. Da leben sie nach ihrer Lust nennen es .Liebe,' wenn es länger als drei Tage dauert lachen über die Pflichtenmenschen, halten sich für die Vollsaftigen, die Ganzgesunden, die nur thun, was ihnen Freude macht .im Schöncn leben.' so nennen sie's gern. Nur im Schönen leben! Bis alles häßlich wird und das häßlichste Ende nimmt. Und dann bleibt so ein Tenkmal ihres Lebens übrig so ein armes, in die Welt hineingestoßenes Geschöpf, das von ihnen das Elend erbt und das Sündenblut!" Werner erwiderte nichts. Er hatte den Kopf auf die Brust gesenkt, ohne es zu wissen; ihre Worte hatten ihn gleichsam auf's Haupt getroffen, als wäre jedes für ihn gesagt. Er hielt ruhig still. Seine Brauen waren tief hinabgezogen, aber nur aus Schmerz, aus innerer Verfinsterung. Nur im Schönen leben." wiederholte er sich. Aus ihrem Mund waren das nun fo fremde, abgethane Worte . . . Plötzlich fuhr er nervös zusammen, da sie sich erhob. Mitleid mit ihrem Kind." sagte sie. O nein, mehr als Mitleid! Ich will's Euch entreißen. Euer unglückliches Kind, ich will's an mich reißen. Ich will thun, was ich kann, daß es an Euren Erbschaften nicht auch vergeht, daß es besser wird, daß es aufhört. Euer Kind zu sein! O lieber Freund. Sie haben recht; ich will nicht mehr traurig sein. Ich will Gott lieber danken, daß er mir diese Aufgabe acaeben hat. So ein arme? Kind . . . Aber mit Liebe. Liebe ist ihm wohl zu helfen. Jawohl, an den Gott der Liebe glaub' ich, Tu Unglückliche Und zu ihm, zu ihm bring' ich Euer Kind!" Ueber Werner kam ein Gefühl, das er nie gekannt hatte; hingerissen warf er sich Wanda zu Füßen, eh er noch wußte, was er that. Himmlische, einzige Frau!" sprach er mit wenig Stimme an sie hin. Er faßte ihre niedcrhängende linke Hand und küßte sie. Die Hand zuckte aber; die ganze Gestalt der Wanda zuckte. Stehn Sie auf!" sagte sie. Sie sind toll!" Er konnte sich noch nicht entschließen, zu gehorchen; ihre warme Hand, der erste Druck der Lippen darauf begann ihn zu berauschen. Liebe. Theure !" stammelte er. Ich vergöttre Sie!" Seine Augen ruhten auf ihrer blaßrosigen, zartgeäderten Hand, die er schon oft mit heimlichem Entzücken betrachtet hatte. Auf einmal lag sie so in seiner Hand, wie sein geworden . . . Er hielt sie fest, bedeckte sie mit Küssen. Doch es währte nur wenige Augenblicke; Wanda entriß sie ihm und trat zornig zurück. Was ist das?" fragte sie. ..Was machen Sie?" Nichts, nichts. Bewunderung. Verehrung " Sie stehn noch nicht auf?" Er erhob sich rasch; er hatte es nur aus Verwirrung vergessen. Wie konnten Sie das thun? Wenn nun Jemaild kam oder wenn drüben Jemand am See stand was mußt' er denken? Ja, nun machen Sie ein bestürztes Gesicht. Bitte, stören Sie unsern Umgang nicht. An die Damen aus Ihrer Vergangenheit müssen Sie in Grebbin nicht denken. Ich will nach Haus. Bleiben Sie hier. Ich geh' allein!" Sie entfernte sich mit raschen, vor Erregung ungleichen Schritten und ließ ibn zurück.

Fortsetzung folgt.) , W -. .. Ein Spiclcr-Trick." Das Kunststück, Hazardspiel und Betversammlung miteinander zu verbinden, brachte jüngst eine Gesellschaft Eisenbahnangestellter, Weiße und Schwarze, in Ferguson. Mo., fertig. Die Leute hatten Zahltag gehabt, und um diesen gebührend zu feiern, wurde am Abend ein gemüthliches Würfelspielchen veranstaltet. Auf irgend eine Weise hatte aber die hohe Behörde Wind bekommen, und Stadtmarshatt Graf mit zwei Stadtrathsmitgliedern unternahm es, das Nest auszuheben. Die Spieler waren so vertieft in ihre Beschäftigung, daß sie die Beamten erst bemerkten, als diese sich in unmittelbarer Nähe befanden und jede Rettung ausgeschlossen schien. Nur ein Weißer verlor seine Geistesgegenwart nicht. Mit einem raschen Griff schob er Würfel und Geld in die Tasche, zugleich ein lautes inbrünstiges Gebet anstimmend. Seine Kämeraden verstanden den Wink, und den Beamten schallte ein Hallelujah nach dem andern entgegen. Natürlich wußten sie ganz genau, daß die improvisirte Betversammlung nur au? ihre Dupirung abgesehen war, trotzdem aber konnten sie nichts thun, als unverrichteter Sache wieder abziehen, da sie die Spieler nicht, wie das Gesetz es für Verhaftungen vorschreibt, in flagranti ertappt hatten. Stuttgart hat mm auch le'iwn Kindorhilfstag gehabt, der glänzn d verlaufen ist und sehr erhebliche Sum men eingebracht hat. Das günstige Eraebniß ist zum großen Theile den Bemühungen des Kammerpräsidenten Bayer zu verdanken.

Sedan. Hätten die Franzosen bei Sedan siegen können? Der wist, der aus den SchliZchtseldern der Mandschurei zwischen Kuropatkin und Gripenberg Zum Ausbruch kam, hat bei vielen ranzojen die schmerzliche Erinnerung -;n einen anderen Zwist wachgerufen: in die Uneinigleit, die bei Sedan zwischen Wimpjfen und Ducrot herrschte. Wenn dieser Zwist der Unterbefelshaber MacMahons inFrankreich in den sieberhaften Jahren, die Dem Kriegsjahre folgten, nicht eine gewaltige Entrüstung hervorgerufen hat, so liegt das daran, daß allgemem angenommen wurte, daß die Niederläge in dem Augenblicke, wo die beiden Generäle mit sich widersprechenden Dienstbefehlen und Aktionsplänen gegen einander openrten, schon unvermeidlich und besiegelt war. Die Brüder Margueritte haben dieser allgemein verbreiteten Ansicht in einem meisterhaften Kapitel ihrer Chevauch6e au gousfre" Aufdruck verliehen: ... In das Zimmer, in dem es von Generälen wimmelt. tritt Wimpffen ein. lebhaft gestikulirend, die Arme zum Himmel erhoben: Majestät" spricht er wenn ick die Schlacht verloren habe, wenn ich besiegt worden bin, so geschah es. weil meine Befehle nicht zur Ausführung gelangten. Ihre Generäle haben sich zeweigert. mir zu gehorchen." Ducrot, der in einer Ecke saß, springt auf und steht ihm gegenüber. Gilt diese Anfpielung vielleicht ihm? Wenn wir eine vernichtende Niederlage erlitten haben, so verdanken wir sie Ihrem Dünkel und Jh?er Ueberhebung! Sie allein sind verantwortlich, denn wenn Sie nicht, meinen Bitten zum Trotz, die Rückzugsbewegung aufgehalten hätten, wären wir jetzt in Mziöres in Sicherheit oder doch wenigstens außerhalb der Schußlinie des Feindes." . . . Ohne sich um den Kaiser und um die kaiserliche Etikette zu kümmern, mit blitzenden Augen, die Wangen zitternd vor Zorn, maßen sich die beiden Generale indem sie sich hoch aufrichteten, mit feindlichem Blick und hielten bittere Worte nur mit Mühe zurück. Ein Anblick von tragischer Ironie, der dieser tapferen Heerführer, die sich geJenseitig eine solche Niederlage vorwarfen und einander einen Schatten von Sieg zu entreißen suchten, wie wenn nicht schon voraus alles unrettbar verloren gewesen wäre!..." Nun kommt aber ein französischer Militärschriftsteller. der sich durch gehaltreich: Studien über die Ereignisse des schrecklichen Jahres" einen Namen gemacht hat, und sucht nachzuweisen, daß die landläufige Ansicht von der unverweidlich gewesenen Niederlage durchaus unbegründet sei. In einem jüngst erschienenen Buch, dessen Titel Der Siez bei Sedan" zuerst etwas kühn und paradox erscheint, zeigt Alsred Duquet, daß ohne Ducroi und mit einem kriegswissenschaftlich gebildeten General die schmachvolle Kapiulation von Sedan sich in einen der ruhmreichsten, entscheidendsten Tage der französischen Kriegsannalen Hütte verwandeln können: es wäre Rocroi, Valmy. Castiglione.Austerlitz oder Jena geworden. (!!)" Wenn man so schreibt der Petit Parisien", dem wir bei der Besprechung des Duguerschen Buches folgen am Morgen des 1. September 1870 siegen konnte (und dieser Ansicht war. lange vor Duquet, schon General Chanzy), so ist es klar, daß Ducrot, indem er trotz des heftigen Widerspruchs von Wimpffen den Rückzug auf Mziöres befahl, einen außerordentlich schweren Fehler begangen hat. Der Rückzug auf M ziere war unmöglich. Duquet beweist es, indem er darauf hinweist, daß in der Nacht vom 31. August bis zum 1. September zwei detachirte Korps der dritten preußischen Armee die Meuse bei Tonchery und bei Don-le-Mesnil überschritten hatten und auf dem rechten Ufer vorgerückt waren, um sich dann nach Osten hin zu werfen und durch den Engpaß von Saint-Albcr: nach Saint-Menges zu gelangen. Die französische Armee war also im Westen abgeschnitten. Die Vertheidiger des Generals Ducrot haben nun behauptet, daß er der Umklammerung trotzdem Hütte entgehen können, wenn er durch die Wälder von La Falizette marschirt wäre. Aber auf welchem Wege? Ganze Truppenkörper, die mit ihrer Artillerie und ihrem Trair. marschiren, können nicht zwischen Dickicht und Buschholz hinabschleichen wie eine Kompagnie Jäger zu Fuß. Es gab aber im Jahre 1870 und selbst zehn Jahre später noch keinen passirbaren Waldweg, auf dem man M6zieres hätte erreichen können. Dageqn

I hätte, wenn Ducrot durch seinen Rückzugsbefehl nicht schon alles verdorben hätte, Wimpffens Plan nach Duquet den Franzosen noch Rettung bringen können: ... Wenn der Rückzug nach Mziores hin wegen des schwierigen Terrains und wegen der Streitmacht, die den Weg versperrte, unmöglich war, so ließ er sich doch nach Carignan hin, wenn auch schwer, bewerkstelligen, denn die beiden Hauptmassen der feindlichen Armee eilten nach Norden hin. um uns den Rückzug nach Mzieres und Belgien abzuschueiden, und befanden sich also weit entfernt von Carignan; denn es ist im Kriege die Regel, in schwierigen Lagen sich dorthin zu wenden, wo der Gegner einen nicht vermuthet; denn die Deutschen, die seit mehreren Tagen und noch in der Nacht vorher Gewaltmärsche gemacht hatten, waren nicht imstande, unsere nach Carignan hin ziehenden

So'.datcn zu verfolgen, ol;ne vorher wenigstens einen halben Tag geruht zu haben..." Und dabei war Dieses Entweichen aus dem ..Trichter" von Sedan nur der letzte Ausweg, um in letzter Stunde die Niederlage, die vom Feinde so klua vorbereitete Katastrophe

m vermeiden. Einiae Stunden früher aber hätte man weit mehr erreichen können. Jawohl, die Franzosen hatten bei Sedan den Sieg davontragen können." schreibt Duquet. Jawohl, das bißt: Wenn u.s.w. . . ?in Skandal au: dem Belgrader HofvaU. Das Organ der AntiVerschwörerPartei in der serbischen Armee, Oppositia". berichtet über einen Skandal, dessen Schauplatz der letzte Hofball im Konak zu Belgrad war. Zu diesem Fest waren alle Vertreter der fremden Höfe eingeladen, und diese hatten ihr Erscheinen auch zugesagt, allerdings in der festen Erwartung, daß Niemand von den Häuptern der Verschwörerpartei gegenwärtig sein werde. In dieser Annahme sahen sich die Diplomaten jedoch getäuscht; sie kamen zwar während des Diners nicht in unmittelbare Berührung mit den Verschwörern. unter denen sich auch Maschin befand, denn dafür war bei der Anordnung der Tafel gesorgt worden. Allein bei dem im Prunksaa! stattfindenden Balle gab es einen peinlichen Eklat. Anlaßlich der Aufführung einer Figur im Kotillon sollten nämlich alle Herren auf der einen Seite des Saales denen auf der anderen du Hände reichen. Hierbei erhielt der Vertreter einer europäischen Großmacht einen der Verschwörer zum Partner. In demselben Moment verließ der Diplomat plötzlich den Saal, gefolgt von den übrigen fremden Gesandten. Eine peinliche Pause entstand, und König Peter, der den Vorfall beobachtete, erreichte sichtlich. Schnell sprangen einige junge Leute hinzu unc füllten die Lücken aus. jedoch die Diplomaten kehrten nicht mehr in den Saal zurück, sondern hielten sich bis zum Schluß des Festes in einem Ne. denraum auf. Natürlich erregte der Vorfall arohe Sensation und beein. trächtigtedie weitere Festfreude. Diese Mittheilung der ..Oppositia". die ihre Information direkt aus den Kreisen der Gegenverschwörcr erhält, ist bisher nicht dementirt worden, un: auch von anderer Seite sind Bestätig gungen des geschilderten Vorfalles eingelaufen. Gegen den jugendlichen Raubmörder Hejn, der in Gumpendorf, einer Vorstadt von Wien, seine Meistersfrau getödtet unc beraubt hat, ist jetzt das Voruntersuchungsrerfahren eingeleitet worden, Das Höchstmaß der Strafe, zu der Hejny verurtheilt werden kann, ist zwanzig Jahre schweren Kerkers, da die Todesstrafe auf ihn wegen seiner Jugendlichkeit keine Anwendung findet. Ein eigenartiger Verbrechertypus ist dieser 17-jährige Mörder, wie aus den bishervon der Strasbehörde geleiteten Ermittelungen hervorgeht. Der junge Mann bethätigte einen gewissen Bildungstrieb, las viele Bücher und interesstrte sich hauptsächlich für boianische Werke. In einer Tischlade sand der Untersuchungsrichter bei einer Hausinspektion ein Verzeichniß dei Bücher, die sich Hejny mit dem nach dem Mord erbeuteten Geld anzu'chaffenbeabsicktiqte. darunter z. B. ein che-misch-technisches Handbuch. Werke über die Metalle und deren Gewiniing. Behandlung der Elektromotoren und Akkumulatoren, Bücher über die Ka ninchenzuckt. Ausnützung des Obstes, das Düngen der Obstbäume u. a. Für den Rest des Geldes wollte er sich eine einfache Ausstattung kaufen; ein zwei' ter Zettel gab darüber Aufschluß. :?elche einzelnen Gegenstände, meist sehr bescheidener Natur, er für seinen Be darf kaufen wollte. Sein sanftmüthi. ges. stilles Wesen und jener jäl)e. blutige Entschluß, der dann mit unbegreiflicher Tolltühnheit zur Ausführung gebracht wurde, bilden so krasse Gegensätze, daß die Behörde der Ansicht ist, die Seele dieses Sicbzehnjährigen müsse einen schweren Defekt aufweisen.. Aus wen schwören Sie ? Während einer Berliner Automobilausstellung stand ein Feldwebel von den Verkehrstruppen bei einer Reihe von Automobilen verschiedener Firmen. Prinz Heinrich wollte sein Urtheil über die mannigfachen Gefährte hören und richtete die Worte an ihn: Na. auf wen schwören Sie?" In strammster Haltung antwortete der Feldwebel: Auf Seine Majestät den Kaiser!" Gcdankcnlplittcr. Ein Tagebuch enthält die Grabschrist eines jeden Tages. Tas Huhn ift das Sinnbild der Reklame. f)at es wirklich 'mal ein Ei gelegt, dann schreit es die grhe That sogleich in alle Welt hinaus. Wie gefühllos manche Menschen sind, bemerkt man oft an der Art ihres Mitgefühls. Co mancher ift am Ende, bevor er sein Ziel erreicht. Wenn der Vorgesetzte verstimmt ift, zieht er mcift andere Saiten auf. Wo Glück ift, sammeln sich die Neider. Den Tadel nehm' ich hin mit Sack und Pack. Vom Lob jedoch verlang' ich auch Geschmack! Das Mäntelein, das man um eine Cache hängt, verräth oft mehr, all die bloße Sache thun würde.