Indiana Tribüne, Volume 28, Number 207, Indianapolis, Marion County, 24 April 1905 — Page 5
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Sein Wyomiuger Wappen.
Ew westliches Liebesgcichichtchen im Cften. Von I. F. D. R. Keine Geborene irgendwo im alten Europa kann sich auf ihren Familienstammbaum mehr einbilden, als die echte Amerikanerin Mrs. Dorrington Mrenn es that. Und im Kreis ihrer Bekannten und Gesellschaftsgäste in Gorham fand Niemand Zugang, der sich nicht über seine Ahnen ausweisen tonnte und ein Wappen führte. Daher war Mrs. Wrenn natürlich sehr unangenehm berührt davon, daß ihre theuerste Freundin, Mrs. Juilliard (geborene Van Twiller) sie durch das Telephon um Erlaubniß bat, zu einer musikalischen Unterhaltung, für welche Mrs. Wrenn die gefeiertste Primadonna der Großen Oper engagirt hatte, einen Freund ihres Gatten mitzunehmen. Wer ist der Mann? Wo stammt er her?" fragte sie, kaum fähig, ihre Gefühle zu bemeistern. Ich weih wirtlich im Augenblick nichts Bestimmtes darüber," antwortete ihre Freundin; er nennt sich Bill und kommt aus dem Westen, ist aber eine sehr präsentirbare Persönlichkeit. Und wenn er nicht mitkommen darf, dann müssen Dick und ich ebenfalls daheim bleiben, denn Bill ist der Gast unseres Hauses, und dieses ist sein erster Abend hier." Mit großem Widerstreben wurde daraufhin die Einladung telephonirt, denFremden mitzubringen; aber Mrs. Wrenn brummte den ganzen Tag darüber und verschmähte alles tröstliche Zureden von Frl. Winnie Dorrington, der hübschen jungen Nichte ihres Gemahls aus Virginien, welche den Winter bei ihnen verbrachte und selber oft von dem endlosen Geschwätz über die Familien - Vorfahren gelangweilt war. Bei uns in Virginien," sagte sie, ist die Ahnenschaft etwas so Selbstverständliches, daß Niemand davon spricht." Bill" war der einzige Gast der musikalischen Unterhaltung, welcher vorgestellt zu werden brauchte. Die Gastgeberin empfing ihn sehr frostig, obwohl er der stattlichste Mann war, den sie seit Monaten gesehen hatte. Sie thaute auch noch nicht auf, als sie hörte, daß sein letzter Name ebenso ausgesprochen wurde, wie der ihrige. Hm," sagte sie, Sie schreiben wohl den Namen nur mit einem n?" Nein, wir hängen stets ein zweites n an," versetzte er, obgleich es ziemlich zwecklos erscheint." Junger Mann," erwiderte sie scharf, dieses zweite n macht einen sehr, sehr großen Unterschied!" Mit triumphirenoem Lächeln wandte sie sich darauf Mrs. Juilliard zu und bemerkte: Sie können sich jetzt unterhalten, wie es Ihnen beliebt, bis Mme. Goritz kommt." Damit rauschte sie davon. Passen Sie auf, sie führt gewiß mit Ihnen noch ein Tänzchen über die Familienfrage auf, ehe der Abend vorüber ist," bemerkte Mrs. Juilliard zu Bill; .sie ist im Uebrigen eine liebenswürdige Dame. Jetzt will ich Ihnen das reizende Mädchen dort vorstellen, für welches mein Gatte allzu großes Interesse zeigt. Sie können Ihr so viel Aufmerksamkeit erweisen, wie Sie wollen." Schon zweimal hatte Bill mit lebhaftem Interesse nach Winnie gesehen, deren goldblondes Haar, rosige Wangen und marmorgleiche Schultern, vor Allem aber ihre bezaubernden Augen sie für jeden jungen Mann zu einer fesselnden Erscheinung machen mußte. Miß Dorrington, Mr. Wrenn, unser Freund vom Westen," stellte Mrs. Juilliard vor. Seltsam, daß ich heute Abend untcr lauter bekannte Namen gerathe bemerkte er leichthin; der Name un ferer Gastgeberin stimmt mit meinem überein. sogar bis auf dem überflüs sigen Buchstaben am Ende, und Dorrmgton ist mein mittlerer Name." ? " Z in der That seltsam," er widerie Zinnie mit sorgfältiger BetoM, zumal dies keine gewöhnlichen Namen sind. Tante Emily wird sich ein Verqnüqen daraus machen. Sie gehörig nach Ihren Vorfahren auszu fragen." Aber ich weiß davon keinen Schimmer. Das wird schon kommen, ehe sie mit Ionen fertig nt, und Sie ha ben im Voraus meine Sympathie." Ein Abend mit Wagner." So hatte auf der Einladung der Mrs. Wrenn gestanden, und Mme. Goritz , machte sicherlich mit ihrem Gesang dem großen Meister alle Ehre. Winnie, selber von bedeutenden musikalischem Talent, ging ganz in dem Parsifal" - Vortrag auf, und Bill ganz xrt Wmnie, die er mit Muße beobachten konnte. Von Augenblick zu Augenblick verliebte er sich mehr in sie, und im Stillen schwur er bei Allem, was den westlichen Cowboys" heilig ist, daß Winnie die Seine werden rnüsse. Als das formelle Programm erlediat war und die sogenannte zwanglose Unterhaltung wieder in ihreRechte trat, nahm Mrs. Wrenn wirklich den Fremden, welcher den Namen ihres srt - i "WsijL. TJ . . 1 Vemayis irug, gtuiiuuaj ui Man sagt mir, daß Sie Dorring ton Wrenn heißen?" fragte sie, ihn durch den Kneifer fixirend.
William D. Wrenn schreibe tcn
mich bei den meisten Gelegenheiten," erwiderte er höflich. Junger Mann," versetzte sie, nehmen Sie die Namen Dorrington Wrenn nicht zu leicht! Wissen Sie, was sie zu bedeuten haben?" Gewiß. Madame." Nun, sagen Sie mir es." Sie bedeuten die Grenze, bis zu welcher jede Bank in Wyoming AnWeisungen auszahlt, ohne daß sie beglaubigt zu sein brauchen," erwiderte er, sie mit seinen blauen Augen ganz unschuldig anblickend. Ach, ich meine nicht im geschästlichen Sinne," unterbrach sie ihn. 2ie bedeuten auch 150,000 Acres des schönsten Weidelandes westlich vom großen Fluß," fuhr er fort, mit vierfachem Stacheldraht eingefriedigt und Gott weiß wie viele Stück Hornvieh enthaltend." Es scheint, Sie verstehen die Tante noch nicht,' warf Winnie vermittelnd em; sie möchte etwas von Ihrem Stammbaum wissen." Stammbaum?" wiederholte er, mit einem Ausdruck, als ob er vor dem räthselhaftesten Ding der Welt stände; Baume giebt es auf unserer Weide auch, besonders an den Creeks; aber ich wüßte nichts Besonderes von ihnen. Einen Augenblick stieg in Mrs. Wrenn ein leichter Argwohn auf, daß er sie nur veralbern wolle. Aber sein Gesichtsausdruck sah zu treuherzig dafür aus, und so etwas würde er doch wohl nicht einer Urururenkelin eines Maats der Mayflower" gegenüber wagen. Es liegt mir daran, etwas über Ihre Vorfahren zu ermitteln," erwiderte ue mit Würde; wie weit konnen Sie dieselben zurückverfolgen? Hier im Osten giebt man sehr viel um die Familie. Bei uns zählt nur, was derMensch thut," antwortete er. Das mag sein. Ich bin nie weiter westlich als Vuffalo gekommen, und selbst so weit werde ich nicht wieder kommen. Im Osten aber muß man geboren sein, um irgendwo Zugang zu haben." O, geboren bin ich ganz regelrecht, versicherte er; es war in der gewöhnllchcn ich möchte sagen, in der einzigen Weise, auf die man im Westen in die Welt kommt." Winnie zweifelte nicht mehr, daß er die Gastgeberin zum Besten habe, fühlte jedoch, daß sie es verdiene, und mischte sich nicht weiter ein. Und von den Vorfahren," fuhr er fort, weiß ich nur, daß mein Vater ebenfalls William D. hieß, und mein Großvatn Samuel, und daß dessen Vater sein Heim in Massachusetts wegen der vielen Steine verließ. Das sollte Familiengeschichte genug sein." Es kam ihr wirklich der Gedanke, daß sie auf eine neue Zweiglinie der Familie ihres Gemahls gestoßen sei. Und was ist Ihr Wappen?" frug sie; Ihr Familienzeichen?" fügte sie erklärend hinzu. Ei, Sie meinen unser Brandzeichen?" erwiderte er, anscheinend mit neuem Interesse, als ob er wieder auf vertrautem Boden gerathen sei; es ist ein eingekreister Stern mit einein W. darunter; Jeder in Wyoming kennt' es." Also nicht zwei goldene Gamellen zwischen springenden Löwen?" sagte sieEr wußte wirklich nicht, was Gamellen" waren, antwortete aber ohne Zögern: Nein, danke. Der Vater hat nie etwas auf vielgekünstelte Brandzeichen gehalten. Wissen Sie, das Zeichen muß allen Kälbern aufgebrannt werden, und ein großes braucht zu lange zum Heilen; außerdem ist es grausam." Winnie erbarmte sich doch wieder. Das scheint mir wieder ein Mißverständniß zu sein," warf sie dazwischen; Mrs. Wrenn möchte wissen, welches Wappen Ihre Diener führen." Ich habe nur einen Diener, einen Chinesen," versetzte er, und der darf nicht gewappnet sein, das erlaube ich ihm nicht. Kutschenbedienstete brauchen wir keine, bei uns reitet Alles." Junger Mann, ich fürchte, Sie wien noch schrecklich wenig von den erlauchten Verbindungen Ihres Namens," sagte Mrs. Wrenn kopfschüttelnd, aber wenn Sie morgen Nachmittag um 3 Uhr komrien, wird Frl. Dorrington Sie in die Wrenn'schen Familientabellen einweihen. Ich hab? sie bis zum Jahre 1600 zurück." Mit dem größten Vergnügen," antwortete Bill, diesmal vollkommen aufrichtig. Aber duö geht ja nicht," flüsterte ihm Juilliard ,u, um 3 Uhr tritt der Direktorenrath zu sammen. Der Teufel hole den Diu'orenrath," gegenflüsterte Bill. Ein Diener in Livree, das Wrenn'sche Familienwappen führend, geleitete ihn am anderen Nachmittag in die Familienbibliothek, wo Tante und Nichte ihn bewillkommneten, und auf einem Mahagonitisch die FamilienStammtabellen, der Gothaische HofAlmanach und ähnliche interessante Literatur lagen. Eine genaue Nachforschung in den Stammtabellen, an derHand der dürftigen Auskunft, welche Bill über seinen Vater und seinen Großvater geliefert, ergab zu Mrs. Wrenn's großer Be-
friediauna, bak Vill zur Familie afr
hörte Vetter ihres Gemahls im zweiten Grade war. Erst jetzt ließ Mrs. Wrenn ihre Nichte und Bill allein; sie sollten noch dem mütterlichen Familienzweig des Letzteren nachforschen. Aber die Beiden sprachen bald von anderen Dingen; der Abend kam heran, und sie waren in ihren Stammbaumstudien noch nicht weiter gediehen. Wir könnten wahrscheinlich noch mehr Auskunft darüber in der Lenox - Bibliothek erhalten." meinte Wmnie, und mit Entzücken nahm Bill die Einladung an, mit ihr am andern Vormittag dorthin zu gehen. Es war ein sonniger, zum Spazierengehen einladender, wenn auch küh ler Morgen, und Winnie hatte durchaus nichts dagegen, daß Bill sich darauf beschränkie, in der Lenox - Bibliothek eine professionelle Stammbaumsucherin gegen eine sehr anständige Gebühr mit der Fortsetzung der Nachforschungen zu betrauen, worauf das junge Paar durch den Park lustwandelte. Im Gespräch machte Bill verschiedene Entdeckungen, die ihn sehr interessirten, so besonders, daß Winnie eine große Reitliebhaberin war. Schon für den nächsten Vormittag wurde ein Ausritt arrangirt, der ein großer Erfolg war und nach baldiger Wiederholung schmeckte. Als aber Bill wieder vor dem Wrenn'schen Haus angeritten kam, wurde ihm die niederschmitterndeAuskunft, daß Frl. Dorrington sich am Abend zuvor wo Alle gemeinschaft lich die Oper besucht hatten erkältet habe und ihn nicht einmal sehen könne. Ach, welche Qualen hatte sein männ liches Herz an diesem Tage zu erdulden! Er sandte einen Boten nach dem andern zu ihr mit Rosen, Zuckerwerk und schönen Büchern, und schließlich schickte er gar noch Depeschen, in denen er nach ihrem Befinden fragte, bis um 4 Uhr Nachmittags, als das letzte Telegramm einlief, Winnie versicherte, sie habe sich vollständig wieder erholt. Ich muß schon, Tante," sagte sie, sonst hat Dein Haus bald keinen Platz mehr für die Rosen und das Zuckerwerk, und American Beauties" kosten jetzt einen Stier das Dutzend." Er, was weißt D u denn vomPreis der Stiere?" frug die Tante erstaunt. Ich habe es zufällig in den Marktberichten gelesen," antwortete sie ausweichend. Wenige Tage zuvor hatte Winnie so ganz beiläufig die Bemerkung hingeworfen, sie würde gern einmal emen lebendigen Stier mit Bill's W y ominger Wappen" sehen, nämlich mit dem eingekreisten Stern und dem W darunter. Sie hatte schon nach fünf Minuten diese Bemerkung so gut wie vergessen; aber in Bills Gedächtniß hatte sie sich tief eingeprägt, und unmittelbar nachdem er sich damals von ihr verabschiedet, telegraphirte er an seinen Agenten in Chicago, ihm sofort einen lebendigen Stier mit dem Wrenn-Brandzei-chen per Expreß zu senden. Der Stier traf programmgemäß ein und wurde auf einem eingesriedigten vorstadtischen Bauplatz untergebracht, wo sich die Straßenaraber sehr mit ihm amunrten. Ein Schrei der Ueberraschung enifuhr aber Winnie, als Bill mit ihr im Automobil die Stätte erreicht hatte, und der Stier ihnen brüllend entgegengerannt kam. Ich habe Wort gehalten," sagte Bill, können Sie das Wyommger Wappen sehen?" Aber wie in aller Welt haben Sie das Biest so schnell hierher gezauberiT Per Expreß von Chicago aus. Es hat einen Waggon für sich allein gehabt." Na. Sie sind ein spatziger Mann," verhetzte sie. 4. Bill entschloß sich zu einem baldigen Sturmlauf; demnächst mußte er nach V .)oming zurück, um zu Cheyenne rn einem wichtigen Prozchfall vor richt zu erscheinen. Er hatte den -letzten Abend gemeinschaftlich mit den Wrenns und den Juilliards im Theater verbracht. Ge rade als die Partie den Musenternvcl verließ, rannte plötzlich ein junger Mann mit dem Ausruf: Alle Wetter, Billy Wrenn, bist Du's wirklich!" auf diesen zu und klopfte ihm auf die Schulter. Er entpuppte sich als Prescott Van Dykc; Mrs. Wrenn war die Erste, welche mit ihrer Lorgnette seine Persönlichkeit feststellte. Woher kennen Sie unsern tüti ehe Gast?" frug sie ihn. Ei, wer sollte in Harvard gewesen sein und Billy Wrenn nicht kennen," antwortete dieser, das Idol unserer Klasse?" Harvard?" rief Winnie aus, zu Bill gewendet; davon hatten Sie mir ja noch gar nichts erzählt. Da müssen Sie auch meinenBruder kennen gelernt haben. Wie Schuppen fiel es von seinen Augen. Was für ein Esel war er aewesen, daß er dieser Namensverbindung noch nicht nachgegangen war! Ah, wohl Everett Cary Dorring ton?" antwortete er, wir haben ihn immer Bud genannt; sollte ich meinen, daß ich ihn !enne, wir waren drei Jahre Studiums- und Schlafkameraden. In diesem Augenblick gab es einen
kleinen Unfall mit den Equipagen draußen; die eine Stute Juilliard's war erkrankt und mußte in den Stall gebracht werden, und in der Wrenn'schen Kutsche gab es daher Ueberfüllung. Billy schlug vor, ihn mit Frl. Dorrington allein in einem Automobil
wegfahren zu lassen, und im Drang der Umstände gab Mrs.Wrenn zu diesem Verstoß gegen die Etikette ihre Zustimmung. Also Sie sind wirklich der Bill?" sagte Winnie nachdenklich, als Beide allein waren; ei der Tausend, was für eine Menge Geschichten weiß ich von Ihnen, Bud hat mir Alles gebeichtet!" Und Sie sind T e d d y?" erwiderte er, auch von Ihnen weiß ich ein ganzes Schock Geschichten, Bud hat mir alle Briefe voraelesen." Der Schwerenöther, na Frl. Dorrington," sagte er ernster. ich habe Ihnen schon lange etwas sagen wollen; aber ich kannte Sie nicht lange genug, doch jetzt darf ich es sagen, denn Teddy" kenne ick schon seit sieben Jahren. Hier ist es: Ich liebe Sie unaussprechlich, wollen Sie die Meine werden? Der Westen und der Süden sind auf der Hochschule em so schönes Gespann gewesen, warum sollten sie es nicht im Leben sein?" Aber das geht ja furchtbar schnell," protestirte sie, .ich kenne Sie doch in Wirklichkeit noch keine zwei Wochen!" Das ist der Geist des Westens, meine Liebe!" sagte er stolz und zärtlich ihre Hand fassend, gegen ihn giebt es keinen Widerstand." Und mein Bud," sagte sie mit einem letzten Sträuben, er ist Alles, was ich habe, und ich bin für ihn Alles, was in dieser Welt existirt." Außer mir," fügte Bill eindnnglich hinzu, o Teddy", Bud hat mir eines Tages seine feierliche Zusage gegeben, daß ich von ihm Alles haben könnte, was ich wollte! Damit capitulirte sie. Nun, er ist wenigstens ein echter Wrenn," sagte die Tante, als sie von dem großen Ereigniß hörte und ihc erstes konventionelles Entsetzen überstanden hatte, nur westlich ausgeartet." Tie große Leidenschaft. Humoreske von E. Rolfs. Na, so geht's nicht weiter; das hält er nicht aus, und ich auch nicht." Mit diesem Seufzer erhebt sich die Frau Registrator Bräunlich vom Frühstückshch und greift kopfschüttelnd zum Staubtuch. Sie ist in großer Sorge um ihren Einzigen, die gute Mutter. Ihr Walter ist Lehrer an einer Gemeindeschule und nebenher dichtet er. Das wäre ja an sich nicht schlimm. Ihr Seliger hat auch gedichtet in seiner Jugend und ist nachher ein ganz vernünftiger Mensch geworden. Aber daß ihr Walter sie" andichtet, die gefeierte erste Liebhaberin des Hoftheaters, das macht der einsamen Frau schwere Sorge. Was soll nur daraus werden? Der Junge geht noch zugründe an dieser Geschichte. Er ißt Nicht mehr ordentlich, er sieht förmlich hohlwangig aus, sein ganzes Interesse gilt dem Theaterzettel, und all' seinen Privatstundenverdicnst trägt er in's Theater. Wenn ihr, Julia Grünwalds, Namen auf dem Zettel steht, nur dann natürlich! Und die Mutter hat den Jungen im Verdacht, daß er Blumen kauft und sie der Angebeteten vor die Füße wirft! Ganz, als wenn er ein großer Herr wäre, ein Kavalier mit einem unerschöpflichen Geldbeutel. Wenn sie nur wüßte, was sie gegen diese große Leidenschaft" thun soll. Sie muß etwas thun, denn es wird ja immer schlimmer. Gestern hat sie das Konzept zu einem Brief gefunden, in dem Walter die Schauspielerin beschwört, ihm einen Besuch zu gestatten. Ihr Junge und eine Schauspielerin! Er bildet sich wahrhaftig ein, es wäre möglich, daß die Griinwald seine Liebe erwidern würde. Freilich, warum nicht? Ihr Walter ist ein gar hübscher Junge, und zum Zeitvertreib, zum Spiel ist er der Schauspielerin vielleicht eben recht. Aber das darf nicht fein, das wird sie nicht dulden. Sie ist die Mutter und sie wird zu der Dame gehen und ihr Alles sagen, und sie bitten ja, um was, das muß sich erst finden. Aber auf keinen Fall darf es so weiter gehen. Wenn er den Brief wirklich abgeschickt hat, ist's morgen vielleicht schon zu spät. Heute, gleich mußte sie handeln. Schon nach einer Stunde steht Frau Registrator Bräunlich mit klopfendem Herzen und zitternden Knien im Vorzimmer der Schauspielerin. Die Zofe hat sie prüfend gemustert, als sie ihr Anliegen vorbrachte. Natürlich wieder eine Bettelei! Kein Wunder bei der lächerlichen Gurmüthigkeit ihres Fräuleins! Die kann nicht einmal nein" sagen, wenn sie um Hilfe angegangen wird. Und das ist dumm, denn nachher kommt's mitunter, daß man selbst in Geldnöthen und Schmalhans Küchenmeister ist. Aber Fräulein ist eben unverbesserlich. Ich kann keine betrübten Gesichter sehen, Lisi, sie laufen mir im Traum nach," so spricht sie und gibt mit vollen Händen. Bescheiden steht die schlichte Frau vor der Diva. Womit kann ich Ihnen dienen?" Voll wie eine Glocke tönt die Stimme, und Frau Bräunlich kriegt einen
ordentlichen Schrecken. Diese Stimme und diese imposante Gestalt und das schöne, ausdrucksvolle Antlitz wie soll sie nur ihr ungewöhnliches Anliegen vorbringen? Schüchtern, kaum vernehmbar beginnt sie: Ach, gnädiges Fräulein ich bin in so großer Sorge um meinen Jungen. Er er ist ach, verzeihen Sie nur er ist so furchtbar verliebt in Sie!" Die Schauspielerin lacht herzlich. Ist das so schlimm? Wie alt ist er denn, Ihr Junge? Sekundaner, was?" Ach nein, gnädiges Fräulein. Er ist schon fünfundzwanzig und Lehrer an einer Gemeindeschule. Und er trägt alles Geld in's Theater, wenn Sie spielen, und dann schläft er Nachts nicht, und bei Tage träumt er, und er dichtet gewiß hat er Ihnen schon Gedichte geschickt." Ihr Name, Liebe?" Bräunlich, zu dienen. Und mein Junge heißt Walter." Ach so. Ja, Gedichte, mit W. B. unterzeichnet, erhalt' ich fast täglich, manchmal auch zwei an einem Taae. Sie sind auch jedenfalls gar nicht Udel, es gibt jedenfalls schlechtere. Also die si,,d von Jlem Sohn? Sieh' mal an. Aber wie ist mir denn? In einem dieser Gedichte versicherte der Verfasser,
daß er von dem Augenblick an für mich glüht, da ich ihn einer Anrede aewürdigt habe, da der Strahl meines Auges ihn versengend getroffen. Ich kann mich aber durchaus nicht erinnern, Ihren Herrn Sohn " Doch, doch, es stimmt, gnädiges Fräulein. Sehen Sie, er hatte Sie schoif immer bewundert, und einmal hat er Ihnen, als Sie gerade in Ihren Wagen steigen wollten, ein Bukett aufgehoben, das Ihnen entfallen war, und da haben Sie gesagt: Vielen Dank, mein Herr! Und da ist er ganz toll vor Freude nach Hause gekommen und hat mich um denKopf gekriegt und gerufen: Sie hat mit mir gesprochen, Mutter, mich angeschaut sie ist ein Engel!" Und seitdem spricht er immer nur von seiner großen Leidenschaft." Ach, das thut mir leid! Ich kann mich absolut nicht erinnern. Ja, was kann ich nur dabei thun, meine Liebe?" Ach, gnädiges Fräulein, das weiß ich ja eben nicht! Sehen Sie, ich denk' mir, er wird nächstens mal bei Ihnen antreten und Ihnen von seiner Liebe vorreden. Nun thät' mir's so schrecklich leid, wenn Sie ihn ei.:fach auslachten, wie er's ja freilich verdient. Denn wenn ich Sie ansehe, eine so schöne, stolze Dame und so gefeiert und berühmt, und mein Walter nur ein Gemeindelehrer 's ist ja zum Lachen. Aber er ist so zart besaitet, meinJunge, wer weiß, auf was für schwarze Gedanken er käme. Ich meine, eine so gescheite Däne, wie eic, und die sich schon von Geschäfts wegen immer verstellen muß, die müßt's doch fertig bringen, meinen Jungen zu furrnn, ohne daß es ihm weh thut. Ich bin nur eine dumme, einfache Frau, mir fällt nichts ein." Hm. das ist nicht so leicht" die Schauspielerin lächelt ich kenne ja Ihren Sohn gar nicht. Da müssen Sie mir erst mal recht viel von ihm erzahlen. Ach, was ist da zu erzählen? Er ist eben bis auf seine verrückte Liebe zu Ihnen, bis auf seine große Leiden jchaft" die gute Stunde selber. Pflichttreu und fleißig, einfach und mäßig. So besorgt für seine Mutter, Sie glauben's nicht. Keiner Fliege kann er 'was zuleide thun. Nur eine An Anti Antipathie hat er. Ich weiß nicht, ob's so richtig ist, aber ich glaub', so heißt's. Er kann keine Katzen ansehen. Und gar eine anfassen nicht um die Welt! Na, wir haben zum Glück keine nöthig, wir haben keine Mäuse in der Wohnung. Und dafür gäb's ja auch Mausefallen. Wissen Sie, es ist ihm angeboren mein seli ger Mann konnt' auch die Katzen nicht ausstehen. Aber beim Walter ist's noch schlimmer. Ja, sonst wußt' ich nichts weiter von ihm zu berichten. Ach Gott, denn daß aus ihm und dem Gretchen, unserem Nachbar seinem Gretchen, ein Paar wird, daran ist ja wohl nicht mehr zu denken. Sie wird sich hüten und noch langer auf ihn warten. Die kann an jedem Finger einen haben. Und wenn sie merkt, daß sich der Walter nichts mehr aus ihr macht, dann nimmt sie sicher ihren Vetter, den Kürschner Holdermann. Dem sein Geschäft geht ausgezeichnet. Meinen Walter hat sie freilich lieber, aber er läuft ja allemal davon, wenn sie mich besuchen kommt, feit ihn die große Leidenschaft" gepackt hat. Es ist ein rechtes Leiden!" Nun, ich will mir Sache überlegen, Liebe. Vielleicht find' ich ein Mittel, Ihren Sohn zu heilen, und dann wird er hoffentlich Trost bei Nachbars Gretchen suchen und finden. Endlich! Walter Bräunlich ist auf dem Gipfel der Glückseligkeit angelangt, er steht vor der Pforte des Pa radieses. Kaum kann er's fassen. Aber er fühlt mit der Hand an seine Brusttasche, dort ruht die duftende Karte, die er als Antwort auf seine Bitte, sie besuchen zu dürfen, von der göttlichen Julia erhalten hat. Beseligt schaut er sich in dem entzückenden Zimmer um. Hellbezogene Möbel von bizarren For men, wie seinAuge sie noch nie geschaut, stehen da Palmen und Büsten schmücken die Ecken. Doch es bleibt
keine Zeit mehr zum Bewundern dieser märchenhaften Herrlichkeiten, denn die Thür öffnet sich, und sie" erscheint. Mit holdem Lächeln reicht sie ihm die ringgeschmückte Rechte, die er kaum zu berühren wagt. Willkommen, Herr Bräunlich! Ich freue mich, endlich den Verfasser der reizenden Gedichte kennen zu lernen. Bitte, kommen Sie in mein Boudoir. So gute Freunde empfange ich nicht im Salon." Walter ist wie berauscht. Gute Freunde Boudoir ist's denn möglich? Oder träumt er nur? Zaghaft folgt er der Voranschreitenden in einen mollig ausgestatteten Raum. Sie deutet mit einladender Bewegung auf einen niedrigen Sessel, während sie selbst am Kamin Platz nimmt. Aber brr auf dem Sessel liegt, behaglich zusammengerollt, eine Katze! Walter zögert ein Schauder faßt ihn. Er sieht die Schauspielerin ängstlich fragend an. Ja so, Herr Bräunlich, da hat sich Mieze breit gemacht. Na, schadet nichts " Mit raschem Griff hebt sie Mieze hoch und Walter nimmt erleichtert Platz, wenn ihn auch die Nähe des Thieres noch genügend bedrückt. Mieze
faucht wuthend und ihre Augen funkcln zornig. Ach, mein Liebling hat s übel genommen, daß wir ihn gestört haben. Komm her, Süßes! Ehe Walter nur weiß, wie ihm aeschieht, drückt ihm Julia Grünwald das verhaßte Geschöpf auf die Knie. ..So. da hast du deinen Willen, Miezchen, nun bist du zufrieden, gelt? Sie lieben gewiß die reizenden Geschöpfe auch, Herr Bräunlich? Warten gleich sollen Sie meine ganze Katzlgesellschaft sehen." Ohne die abwehrende Gedcrde des jungen Mannes zu beachten, springt Julia auf und ossnet die Thur zu einem kleinen Kabinett, fauchend und miauend stürzen fünf, sechs, sieben große und kleine Katzen in's Boudoir der Diva. Ein waorer erensadbaty entsteht. Bräunlich packt kaltes Ent setzen; feine Haare sträuben sich förmlich Julia merkt Nichts davon. Sie hascht eins der Thiere um's andere, wirft's hoch in die Luft und fordert Walter lächelnd auf, sich an dem lustigen Spiel zu betheiligen. Es ist ein schreckliches Durcheinander, ein Miaucn. Fauchen, Kratzen und Beißen. Walter fühlt, wie ihm der Angstschweiß ausbricht. Er wird todtenblaß. Wenn er geahnt hätte, daß die Herrliche solche Liebhaberei keine zehn Pferde hätten ihn hierher gebracht! Endlich faßt er sich ein Herz. Er kann das einfach nicht langer aushalten. Gnädiges Fräulein, Sie gestatten, daß ich mich entferne, ich ein plötzlicher Schwindel ich werde mir ein anderes Mal erlauben, jetzt mutz ich frische Luft es ist das einzige Mittel " O, das thut mir leid! Wirklich. Sie sind ganz blaß, Sie Aermster! Ich hoffe nicht, daß meine süßen Kätzchen aber nein die muß ja Jeder gern haben. Sehen Sie nur die gelbe an zum Todtlachen, diese Grimassen! Ein herziges Geschöpf, nicht?" Allerdings, außerordentlich ein allerliebstes Kätzchen! Aber, wie gesagt, der Schwindel " Himmel, der Schwindel! Den hab' ich schon wieder vergessen. Hoffentlich hat's nichts zu sagen damit. Wenn Sie meinen, in der frischen Luft würde Ihnen besser, dann darf ich Sie nicht länger aufhalten. Auf baldiges Wiedersehen, Herr Bräunlich!" Nimmermehr," so stöhnt Walter Bräunlich, als die Pforte des Paradieses" sich hinter ihm geschlossen hat. Als Julia Grünwald sich von dem Lachkrampf, der sie nach dem Abgang" ihres Verehrers befallen, etwas erholt hat, schellt sie ihrer Zofe. Lisi, befreien Sie mich so schnell als möglich von diesen gräßlichen Unthieren und schaffen Sie wieder Ordnung hier. Und fagen Sie den Besitzern der Katzen besten Dank für ihre Gefälligkeit." Mutter Bräunlich ist glückselig. Ihr Junge ist offenbar gründlich von seiner großen Leidenschaft" geheilt. Er dichtet nicht mehr, er geht nicht mehr in's Theater, er ißt ordentlich, und wenn Nachbars Gretchen auf einen Sprung" bei 'Mutter Bräunlich einkehrt, so verschwindet er nicht mehr, wie seither, unter irgend einem Vorwand. So wird hoffentlich bald AI les in's rechte Geleise kommen. Wie die Schauspielerin aber das Wunder zustande gebracht hat. das wird ihr wohl ewig ein Geheimniß bleiben. Nicht im Entferntesten denkt die arglose Frau daran, daß ihres Jungen noch gesteigerte Abneigung gegenKatzen mit seinem ersten und einzigen Besuch bei dem Gegenstande seiner großöQ Leidenschaft" auf's Engste verknüpft ist. Nützliche Thätigkeit. Die Thätigkeit des Dichterlings Schmierle ist doch ganz unnütz." Arzt: Erlauben Sie, der Mann hat mir schon ein paar Redakteure zu Pa tienten gedichtet!" 21" u München. Dame: ,.1k mein Mann vielleicht bei Ihnen?" Wirth: Wie schaut er denn aus?" Dame (nach der Uhr fehend): Elf Uhr und Salvatorsaison ... da wird er wohl schon recht, heiter ausschau'n! '
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