Indiana Tribüne, Volume 28, Number 206, Indianapolis, Marion County, 22 April 1905 — Page 7
Jndiana Tribüne, 22. April 1905
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liornan von Adolf Wilbrandt 00 I G QQ 04 O'O 0$0C (Fortsetzung.) -ö. Kapital. ftn Bartelsbagen war der Tag zu 1 j Ende gegangen, eben dieser Tag: Betty und Hedwig, die beiden Kochenlernerinnen, hatten sich in ihr gemeinsames, großes Schlafzimmer begeben, das nach rückwärts auf den Garten ging, und kleideten sich aus. Betty war wie gewöhnlich die erste, die im Bette lag; die kleine Hedwig hatte länger mit ihrem braunen Hoar zu schaffen, ihrer größten Schönheit, oie sie mit liebevoller Andacht pflegte. Zuweilen zog sie auch noch ein verschlossenes kleines Buch hervor. in das rie geschwind und halbverstohlen ein paar Bemerkungen, Tenkwürdigkeitc.' über ln eben vergangenen Tag eintrug, die sie der Nachwe'' aufbewahren wollte. Diesmal ließ sie das Buch in Ruhe, aber ihre Gedanken ließen ihr keine. Auch als sie endlich unter der & ecke lag, blieben die Auge-' tiefrersonnen offen. Sie löschte aucv das Licht nrcht aus. Endlich lächelte sie; es wa' ihr bekanntes listiges Lacheln. Gute Nacht!" sagte Betty von drüben; sie lag an der entgegengesetzten Zimmerwand, bei dem andern Fenster Gute Nacht," gab Hedwig rerträumt zur 'ck. Kind, warum lächelst Tu so?" Hedwig wandte den Kopf nach links, zur andern: Das Kind ist klug und denkt sich was." Ach. wie merkwürdig! Du könntest aber doch das Licht ausmachen; morgen müssen wir wieder früh heraus. Es 'A sckrecklich, ich brauch' o viel Schlaf wie Moltke; und was noch schrecklicher ist. so viel krieg' ich fa nie! Du kluge Kleine, was denkst Tu Dir denn?" Aha! Nun möcht' sie's doch wissen. Nein, wai gibt's doch für neugierige Menschen! Weißt Du, große Hedwig, schlafen wollen und neugierig sein, das geht schlecht zusammen." Betty richtete sich auf dem Ellenbogen auf: Ach, red' doch nicht so furchtbar gescheit. Was soll aus Dir werden, wenn Tu schon mit ,ho!de Siebzehn' so neunmalklug bist? Also nun sag, was Du Dir gedacht haft. und dann lösch das Licht." Hedlvig blieb aus dem Rücken liegen. die Augen gegen die Decke. Ich hab' mir das jetzt zusammengereimt; die ganze Geschichte! Frau Minna Weinttaut wollte doch länger fortbleiben; und ste bleibt doch immer lange fort; aber plötzlich ist sie wieder da. Mit dieser jungen, fidelen Hessinwarum hat sie die mitgebracht? Sie hatten sich ja früher gar nicht gekannt. Und ihr Reilebegleiter, der Her? Hoffmann, ko war der geblieben? Statt dessen kommt ein andrer mit, ein eleganter Lord Byron, mit den schönen Händen und den schönen Ringen Na ja. ihr neuester Schwärm!" warf Betty hin, etwas altklug lächelnd. Das mag ja auch sein, daß sie für ihn schwärmt so lang, wie es dauert. Aber er ist doch zugleich der BruderBetty. merkst Tu was? Nein, sie merkt noch nichts. Brüder bringt man doch gerne mit. wenn was Besondere' los ist. Und wo ist denn der Herr Hoffmann geblieben? Der ist doch nicht unter die Torfwagen gekommen? Ach nein, am nächsten Tag ist er auch schon da! Er hat nur rechtsherum renen müssen, und die andern Herrschaften linksherum. Und nach fünf, sechs Tagen, kuck doch mal! Da ziehn die Herrschaften wie die reinen Nomaden weiter. nach Grebbin. Betty. merkst Tu noch nichts? Nein, sie merkt noch nichts. Na, wer kommt denn sonst noch jeden Tag nach Grebbin? Der Kutscher hat es uns doch erzählt. Dein Herr Hugo Hoffmann, der Dir die Ansichtskarte nicht geschickt hat und von dem Tu in Deiner Tück'schigkeit nun gar nicht mehr sprechen willst. Der reitet da jeden Nachmittag hin; oder auch am Vormittag. Ta kann er Chr: stinchen aus Hessenland viel bequemer sehn, und ohne dah es so auffällt wie hier. Er hat ja mit der Frau Keßler die Wirthschaft zu besprechen! Und es fällt ja auch gar nicht auf, wie es scheint- wenigstens den großen, langen Vlondzöpfen nicht. Da ist blos so ein kleines, kluges Mädchen, mit rehbrau nen Augen, das durchdenkt sich die Sache und kommt ihr auf den Grund Heirathen wollen sie sich, Hugo und Chrntmchen. Gib nur acht, emes Tlox gens wird man plötzlich in der Zeitung lesen: Hausfrau für Teschenberg wird nicht mehr gesucht, Stelle ist besetzt! Betty rührte sich nicht und sprach kein Wort. Nach einer Weile wunderte sich die Kleine; sie richtete sich halb auf, beide inde aufgestützt. Du! Betty chläfst Du schon? Sag blos noch hab' ich nicht recht?" .Ach, Du" Nur diese beiden Worte kamen von drüben; was noch folgte, verging in einem dumpfen, unklaren Geräusch Hedwig horchte auf. Nun hörte sie aber nichts mehr. Sie sah auch vcn BNty nichts, als eine Schulter. Das Gesicht war abgewandt, nach der Wand gekehrt. .Bettv?" haait sie. fast bestürzt
Was?" Hast Du denn eben geschluchzt?" .Ich?" Na ja. Du." ..Ach. Du bist wobl unklug." Es klang aber doch wahrhaftig we ein leises Schnucken. Du hast wirklich nicht geschnuckt?" Betty rührte sich nicht; sie lachte aber auf. Hedwig, Tu wirst zu gescheit, Tu lebst nicht mehr lange! Warum sollt' ich schnucken? Ob .mein Herr Hoffmann', wie Tu ihn nennst, da' Fräulein oder Frau Minna heirathc oder sonst Jemand das ist mir doch wohl einerlei. Ich muß aber schlafe. . ast Tu die Woche? Ich had' die Woche. Asse gute Nacht!" Ja, ja. Ueber Herrn Hoffmann hab' ich aber doch recht " Ja, Tu hast wie immer recht. Und nun pust' tii Licht aus; das in Teincm Kopf vnd das ans dem Tisch!" Die Kle e blies, bis dac Licht erlosch. Gute Nacht!" sagte sie dann auch. Es ward tiefe Stille. Betty rieb
leise, sanft über ihre linke Brust; in die hatte sie vorhin mit allen Fingern der Hand bw.cinegriffen. um ihre Gefühle unter'uknegen. die sie bei einem Haar verriethen. Die Brust that nun u?ch weh; und das Herz darunter... Sie war tapfer wie irgend eine; mit einem stark zerscyundenen Knie hatte ie vorm Jahr eine halbe Nacht geant; und auch seelische Schmerzen onnte sie verbeißen. Ties war ihr nur eben fr plötzlich gekommen . . . Su dachte an ihre ernen Zeiten nier in diesem Haus: da gefiel offenbar sie dem Hugo Hof) mann so gut. Da kam er ast so oft nach Bartelshaqen geritten, wie jetzt nach rcdbin; hatt' immer etwas mit Herrn (5bert zu besprechen. wie zetzt mit Frau Keßler. Und wo dann Betty auch war. immer fand er sie . . . Und die arme dumme Betty war so bald verliebt. Warum eigentlich? ietne vierunddreißig Jahre und ihre neunzehn . . . Aber es kam so, und wuchs, und wuchs ihr über den Kopf. Und die andern fingen schon an zu munkeln: die wird wohl Gutkherrin von Teschciberg! Bis Frau Minni merkte: mein Ritter kommt nicht mehr um mich, sondern um dieses Ding! und die Sache nun in ihre kleine feste Hand nahm, und ibm Auaen machte. und alle Springbrunnen springen ließ, und chn alles hosien ließ, wa er hof fen wollte ; und den wieder Eingefar genen in die Alpen schleppte Ach, dachte die arme Betty. requnqslos und kummervoll: und wären sie aU ci..r ci. . ociiuuic i luaueiuiiiincn, uiu ipuroen NUN Mann und Frau sie ist ja reizender als ich, gebildeter als ich tragen müßt' ich's ja! und ich Hielt's auch aus! Aber daß er so ein Jßaittxoetft ist... Wenn man so treuherzige Augen Hat so Hirnrnelblaue und wenn ich immer hab' denke?, müssen-, auf einen Mnn wie den ka-'.n man sich verlaffen und NUN ist er so! Die Hessin! Fräulein Christine? Ihr Bruder ist viel schöner als sie. Ich bin doch gewiß stattlicher. Neulich sagte sie selbst zu mir: ich be neid Sie um Ihren Wuchs! Ach. sie ist ja überhaupt lieb und gut zu mir. Aber was nützt mir das? Dieser lange Mensch mit den himmelblauen Augen ich kenn' nicht diele so hübsche wie die! der d?n Kopf beinah senken muh. wenn er mit mir spricht und der zu Frau Ebe"t sagte: Eine, die nichl Plattdeutsch kann, die nehm' ich grivits nicht jetzt 'äuft er dieser kleinen Hessin nach. Die mich neulich fragte: appeldwalsch. was ist das? Ach. ich bin so unglücklich. Ich hab' von ihm so hoch gedacht! Ich hatt' noch eine Hoffnung es war wie ein Aber glaube mit der Ansichtskarte. Wenn er mir die schickt, dacht' ich . . . Ach. es war so dumm. Ach. ich bin wohl überHaupt so dumm. Es liebt ihn aber doch Niemand. Niemand so wie ich . . . Das ..Sinucken" wollte wiederkommen; sie erschrak, sie fuhr mit dem Kopf unter ihre Decke. Dort ward ihr aber bald zu heiß, zu stickig; wieder hervorkriechcnd, tiefen Athem holend. horchte sie nach Hedwias Bett. Die Kleine schlief offendar; ihr Athem ging so sacht und so gleichmäßig, lcie wenn er auf dem Exerzierplatz marschirte Die Glückliche! fuhr ihr durch den erhitzten Kopf. Die lieft nur einen Leutnant, den sie blos von Ansehen kennt; so wie man die Sterne liebt. Ja, die kann wohl sch'afen! O, ick möcht' recht was Schlimmes thun. Jcb möcht' Hugo Hoffmann und Christine Ringhof auscinanderbringcn; sie ihm verleiden, ich weiß nicht, w'e; durch irgend eine Schlechtigkeit! Ich möcht' etwas Furchtbares. Entsetzliches thun, was noch kein neunzehnjähriges Mäd chen gethan hat . . . Ja. das möcht' ich thun! Es kam ein Grauen vor ihr selbst über sie. das ihr woblthat. in dem sie sich berauschte, eie brachte es fast bis zum körperlichen Schauder; aber doch nicht ganz. Die Schlechtigkeit ließ sie auf einmal im Stich. Gott im hoben Himmel! dachte sie, und beinahe laut. Ich bin ja wohl verrückt geworden. Ich kann mich ja wohl vor keinem Menschen mehr sehen lassen, etty! Betty Schäm' Dich! Sie schämte sich fürchterlich. Tann erschrak sie auch: eine unheimliche Angst kam dazu. Furcht vor dem Einschlafen Sie war schon einmal im Traum wegen einer Schlechtigkeit Hingerichte worden . . . Wenn das heute wiederkäme! Warum sollt' es nicht wiederkommen. Da ihr das Gewissen schlug da sie so ernstlich an schreckliche Ge , meinheiten aedacht batte . . .
Nein, dachte sie, der Traum war zu gräßlich; bessere Dich ganz geschwind! Was? So aus Furcht? aus Feigheit? Und ich will ein tapferes Mädel sein? Nein, nun gerade bleib' ich schlecht. Grundschlecht! Ich will mir was ausdenken, wie ich diesen Hugo Hoffmann mit den falschen Augen und die kleine Hessin Plötzlich brach das Schluchzen hervor; laut, fast überlaut; entsetzt fuhr sie auf. Sie starrte in Sie tiefe Nacht, gegen den Krampf in der Kehle kämpfend. Sie horchte. Endlich konnte sie wieder hören, wie es drüben stand in dem anderen Bett. Ruhiges, gleiches Athmen. Die Kleine, die den idealen Leutnant li bte, war nicht aufgewacht. Indem sie auf dieses Athmen horchte denn es that ihr wohl schlief sie selber ein. Darauf tam's nur an: nun schlief sie. nach des Tages Arbeit, wie immer die ganze Nacht. Sie träumte auch nicht, daß sie hingerichtet werde. Früh Morgens erwachte sie mit eine... Ruck, durch Hcdwis hohe, rufende Stimme: ..Vetty! Langschläferin! 's ist die höchs.e Zeit!" 17. Kapitel.
Ojn der großen ..Kälberbucht" T y rührte sich's. die der Gutsherr G von Grebbin seitwärts vom Haus, auf einer idyllischen Waldsaumwiese. ..nach seiner Idee" eingerichtet hatte; die Idee war ihm freilich durch xau Wanda eingegeben worden. Die zur Mannbarkeit heranwachsenden Kälber, in allerlei Farben gefleckt, zogen aus ihrem Traumwinkel in etwas beschleunigter Langsamke't dem Hause zu. wo hart am Gitter die angen Tröge standen, in die ihnen die nährende Magermilch eingeschüttet wurde. Sie hörten das dumpfe Stampfen der Eentrifuge, ihren Abendgrüß aus dem Milchkeller. Werner hörte ihn auch, der eben vom Hochwald herunterkam. Es freute ihn. die schon tattlichen, schöngefärbten Thiere so jugendlich würdevoll dahinschreiten zu sehen, durch die Stimme der Maschine gelockt, die der kluge Mensch ersonnen hatte. Ich will zur Eentrifuge hineingehen! dackte er; eines seiner neuen Wirthschaftsgefühle erwachte. War noch gar nicht dort, und bin nun schon den vierten Tag hier. Vielleiicht ist sie da! Er dachte fast nur noch sie"; Wanda" verstand sich von selbst. Als er in die Kellerwelt hinabgestie gen war. unter deren Wölbungen eine ctwaö beklemmende Dämmerung herrschte, sah er die kräftige, breitschulterige Figur der Mamsell" mit den klugen Äugen, aber auch Wandas Wohlgestalt. Sie stand neben Franz. dem Blinden, der die Kurbel der Cen trifuge mit ferner unerschütterlichen Ruhe drehte. Das Abendlicht fiel auf fern unbewegliches, ernstes, blickloses Ecstcht. (?3 nahm sich aus, als sei dieser baumstarke Mann mit den hin und he? gehenden Armen auch nur eine Maschine, an die andere whägt. Aus den beiden Röhren der Eentrifuge floß die zertheilte Flüssigkeit in dünnen Strahlen heraus, hier die Sahne, dort die Magermilch. Tie Kellermeisterin, die Mamsell," gab dem räthselhaften Ungeheuer, das Werner nachdenklich anschaute, ron Zeit zu Zeit neuen Stoff, aus den großen Zinngefaßen, die die Mädchen vom Kuhftall hergefahren hatten. Dazwischen plauderte sie zu Wanda hinüber; beide sahen den sacöt Herangetreienen Nicht. Ja, da ist beschämend," sagte er endlich heiter, daß man von diesen Erfindungen der Neuzeit eigentlich nich's versteht!" Sie sind da?" fragte Wanda. Ja, ich bin so frei. Bitte, verwundern Sie sich nicht so beleidigend. Ich wünsche mich zu bilden " Im Milchkeller?" Auch da. Sie scheinen noch nicht zu ahnen, Frau Wanda, was jetzt in nix vorgeht. Ich bekomm' ein Herz für die Landwirthschaft. Sie verklären mir eben alles. Ja, Sie!" Spotten Sie?" fragte Wanda. Das würd' ich mir doch gegen die Gutsherrschaft nicht erlauben. Aber nein, im tiefsten Ernst. Ich seh' Ihnen so gern beim Arbeiten zu." Hier arbeit' ich doch nicht! Die Mamsell da arbeitet sehen Sie nur, wie sie eben die Milchkanne mit ihren prachtvollen Armen hebt und der starke Franz.' Ueber das starre Gesicht des Blinden flog ein kleines Lächeln. Dann wechselte er mit den Armen und drehte wie ein Holzbild weiter. Wanda warf einen mitleidigen Blick auf ihn. Ja. was wären wir ohne Franz!" sagte sie dann heiter. Dreimal täglich dreht er die Eentrifuge; und bei der Butterknetmaschine haben wir ihn auch. Der ist unentbehrlich! Wissen Sie, zu was der im Stand' ist. obgleich er nicht mehr sehen kann? Er geht allein in's Wirthshaus im Dorf, geht auch in die Stadt. Und wenn er da zum Kaufmann will, so findet er dessen Haus." Franz lächelte wieder einen Augenblick, doch als wollte er eigentlich nicht. Die Maschine schnurrte ruhig weiter. Werners Herz flog Wanda zu; er verbarg es aber auch, wie Franz. Können Sie mich nicht auch verwenden?" fragte er lustig, mit heimlicher Melancholie. Ich verspüre einen wilden Drang, mich nützlich zu machen und" Sie?" Ja. ich. Mir geht es hier zu gut. Ich möcht' mir's verdienen! Ja. ja. es geht mir hier so gut wie noch nie. fcf) steh' oben auf meinem Bercr: mei-
nen Lebensgipfel mein' ich. So wird's
ja nicht bleiben, das weiß ich; aber den Henker auch, was thut's! So lang es dauert, ist's gut!" Wanda sah hin und her; es schien sie zu befremden, daß er hier, vor diesen Leuten solche Reden führte. Warum sollt's nicht so bleiben fragte sie, um etwas zu sagen. ..Kann es denn so bleiben?" fragte er zurück. Sie antwortete mcht. Ich bin wieder zwanzig Jahre alt!" fing er wieder an. mit einer cewissen Heftigkeit. Bei Gott, ich werd' lächerlich iung! Ich komm' wieder in die Zeiten, wo ich einen wilden Ehrgeiz hatte, wo ich immer etwas leisten, etwas schaffen wollte. Da hätte mich so eine Maschine Ich versteh' sie nicht. Ich wciß nicht, wie sie diesen Zauber macht: das Fette und das Magere so auseinanderzuscheiden. Die ist ja gescheit wie ein Professor!" Wanda lächelte. Die Eentrifuge? Die will ich Ihnen einmal genau erklären, wenn Sie wollen. Wenn sie grad nicht arbeitet." Das können Sie auch?" Meine Eentrifuge? Die ist ja wie mein Kind!" Die Mamsell lachte; der Blinde derzog das Gesicht. Ein Wagen schien draußen auf den Hof zu rollen; dazu hörte man die ungeduldigen Kälber brüllen. Ich wollte ja sehen, wie sie trinken! dachte Werner und ging dem Ausgang der Kammer zu. Indem er zurückblickend grüßte, hörte er, wie Franz zu Wanda sprach; er verstand aber die Worte nicht. Wanda kam ihm nach. Sollten das schon Keßler und das Kind sein?" sagte sie im Gehen, auf das Rollen horchend. ..Wds hat Ihnen derVlinde gesagt?" fragte Werner. Ein Wort über Sie. O. der hört alles, und denkt über alles, spricht auck über alles. Das ist ein Herr, der hat noch Lebensmuth! sagte er eben zu mir." Werner lächelte. Richtiger hätt' er gesagt: der hat wieder Lebensmuth! Ich hab' ihn schon öfter gesehen, diesen Blinden, wenn er auf dem Hof zur Pumpe ging, ohne Stock, langsam, aber sonst wie Sie und ich. Nur als er dann in sein Häuschen ging, da sah ich, daß er nicht sah. Seine Thür war nicht um einen Zoll höher als er; jeder Mensch mit Augen hätte sich gebückt; er ging aber steif aufrecht durch!" Sie kamen nach oben und auf die Terrasse am Haus. Es war ricktig Georg Keßler, der heimkehrte; der offene Wagen hielt schon, das DienstMädchen lief hinzu. Keßler saß mürrisch im schwarzen Tuchrock, einen schwarzen Hut aus dem Kopf; ein unerwartet lang aufgeschossenes, mageres Kind saß neben ihm, ebenfalls schwarz gekleidet; der Anzug schlotterte ihm aber um die eckigen Formen. Es hatte auffallend goldig blondes Haar, dazu graue, dunkel wirkende Augen, die scheu und wild umhersahen. Die Dienstmagd wollte ihm beim Absteigen helfen. es riß sich aber los und sprang hinab. Wanda schaute unsicher auf das Kind; Werner glaubte sogar zu bemerken, daß sie einen Augenblick zitterte. Sogleich gefaßt, sagte sie aber weich und herzlich: Guten Tag, Amanda!" und hielt ihr die Hand hin. Guten Tag!" gab das Mädchen, ohne aufzusehen, fest unverständlich zurück. Ihre kleine Hand schwebte bann ungewiß. willenlos in der Luft; Wanda nahm sie aber. Sie gingen alle in's Haus. Eine ganz unglaubliche Wirthe schaft!" begann Keßler mit laute? Stimme, als sie ohne die Magd im Speisezimmer standen; er hatte die Frau und den Gast höflich, aber mit immer umwölkter Stirn begrüßt. Ich sag' Dir, Wanda, eine unglaubliche Wirthschaft! Nicht allein, daß die Frau das Kind wie 'ne Wilde hat aufwachsen lassen es kann nicht 'ne gedruckte Zeile lesen! auch sonst war nichts da. Ein einziges gutes Kleid? Gott bewahre. Nichts als Fetzen. Lumpen. Ich hab' vor allem in so ein Magazin gehen müssen, wo man fertige Sachen kauft; aber allein, ohne das Kind; in den Lumpen hätt' ich's ja nirgends welcher Mensch hätt' geglaubt, ich wär' Gutsbesitzer oder sonst ein anständiger Mensch. Ta hab' ich ihr einstweilen so viel zum Anziehen gekauft, daß ich mit ihr reisen konnte. Sie gibt einem aber kein gutes Wort. Das waren Tage! O, das waren Tage! An die werd' ich den' ken!" Er ging um den langen Eßtisch, während er sprach. Die Augen des Kindes gingen immer mit; schöne, große Augen, aber mit dem Blick eines wilden Thieres, voll Haß und Zorn; das ganze Gesicht war durch Haß entstellt. Die mageren Wangen zuckten zuweilen. Sie sah jetzt eher einem Knaben gleich; das schöne Haar war ungepflegt. . . (Fortsetzung folgt.) Snstrktii?nskTnde. Sergeant: Wozu hat der Soldat die Zahnbürste? Na, weiß es keiner? Dumme Kerls, er hat sie dazu, damit er sie nicht zum Stiefelputzen nimmt." Im Zweifel. Sohn (als die Wirthsstube besetzt ist, zum Vater): Vater, der eine Gast find't kein' Platz mehr; soll ich einen Stuhl aus der guten Stube holen...oder soll ich 'n gleich 'naus-schmeißen?"
Zum Schillerlag. Die Heimstätte der ..Glocke" Geduldig Studien. Ein schlichtes Gedenkblatt zum rauschenken Festjubel, der, wo immer Deutsche wohnen, am 9. Mai die Bedeutung Schillers feiern wird, erinnert die nachstehende Zeichnung an die Tage, da dasjenige Werk entstand, welches unter den poetischen Erzeugnissen des deutschen Geisteshelden wie kein anderes bekannt und verbreitet ist, an die Glocke." Als Schiller sich mit dem Gedanken trug, die Beziehungen der Glocke zum menschlichen Leben in einem Gedichte zu verherrlichen, besuchte er eifrig mit seiner späteren Gattin Charlotte von Lengefeld und deren Schwester, Frau von Wolzogen, die Glockengießerei in Rudolstadt, um dort die Geheimnisse der Technik des Glockengusses genau kennen zu lernen. Mit der unserem Dichtcrheroen eigenen Gewissenhaftigkeit hat er hier an Ort und Stelle alle Vorgänge scharf beobachtet und all die rein mechanischen Handlungen in ein Gewand voller Poesse gekleidet, wovon für einen gewöhnlich beanlagten Menschen ganz gewiß in einer Glocken-gießerei-Werkstätte nichts zu spüren ist. Zur Erinnerung an die vielen Stunden, während welcher der Dichter an der Seite der beiden ihm geistesverwandten Frauen aufmerksam all den schwierigen Vorgängen an dieser Stelle
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Tas Glockellgieszerhail. zugeschaut hat. ist an dem Hause eine Votivtafel angebracht, welche den Vorbeiwandernden diese Zeit in folgenden Versen in das Gedächtniß zurückruft: ..Stcl) Wand'rer still, beim hier erstand. Taß keine zweite möglich werde. Gebaut voll Schillers Meisterhand. Die größte Glockenforin der Erde." So besitzt das schlichte Glockengießerhaus in Rudolstadt auch ein äuße' res Gedächtnihzeichen an die Zeit, da von ihm so Großes ausgegangen. Der bchwnrzc Mann." canuS' bevorftel,eder Rücktritt aus dem Dienste Kaiser Wilhelms. Nachdem schon wiederholt Meldungen über den Rücktritt des Chej des Geheimen Civilkabinetts des deutschen Kaisers, Wirklichen Geheimraths Hermann v. Lucanus, als der BegrünHerll'.ailil v. LucanliS. dung bar sich herausgestellt hatten, scheint sich die neueste Nachricht von seiner bevorstehenden Demission zu bestätigen. Als sein Nachfolger wird der derzeitige vortragende Rath im gleichen Kabinett, Geheimer Oberregierungsrath v. Valentini, genannt. Lucanus wird am 24. Mai 74 Jahre alt. Seit dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. im Jahre 1888 ist er Chef des CivilkabineUs gewesen. Eine seiner Aufgaben bestand darm, hohe Beamte, deren Resignation dem Kaiser als wünschenswerth erschien, hiervon in geeigneter Form zu verständigen. Diese nicht gerade sehr angenehme Thätigkeit trug Lucanus den Namen der Schwarze Mann" ein Hermann Lucanus wurde als Sohn eines bürgerlichen Apothekers in Halberstadt geboren. Er absolvirte das dortige Gymnasium, studirte in Hei dclberg und Berlin die Rechte und wurde, nachdem er als Auskultator in den preußischen Staatsdienst erngetre ten. im Alter von 28 Jahren bereits in das Kultusministerium berufen, in dem er 29 Jahre, bis zu seiner Berufung zum Chef des Geheimen Civil kabinetts verblieb. Lucanus hat eine außerordentliche Karnere gemacht: er übersprang rni Kultusministerium den Ministerialdirektorposten und wurde vom Wirkliehen Geheimen Rath sofort Unterstaatssekretar.
Ein Rlumonpamkies. Die Narriffenkulturcn der Srilly: Inseln und ihre Entstehung.
Sin Schrecken der Schiffsakzrt Echucrttch Erinnerungen - Verlassene Mönchniederlassung - Reformator TorriemSmity GlücklicheS V rperirnent. Im äußersten Südwesten von England liegen, der Halbinsel CornwaUis vorgelagert, die Scillyinseln, 140 Winzigc Felseneilande, von denen aber nur die fünf größten bewohnt sind, während die kleinen nur den Vögeln als Brutstätten dienen. Tie Inselgruppe hat insofern einen traurigen Ruf, als unzählige Schiffbrüche bei ihr stattgefunden haben und trotz aller Vorsichtsmaßregeln und Warnungszeichen noch immer stattfinden. Eine Halle der abgeschiedenen Seelen" bewahrt zahllose Erinnerungen an solche Schiffbrüche auf, Anker, Wappen, Schiffsfiguren und dergleichen mehr, was die Bewohner der Insel aus den Fluthen herausgefischt haben, eine düstere Stätte, die aber anziehend gemacht wird durch die zum Theil wunderhübschen Muscheln, mit denen Decke und Wände der Halle geschmückt sind. Diese Halle befindet sich am Eingang des Abteigartens der Benediktinermönche von Tawistock. Die Mönche haben ihre Niederlassung auf den Scillyinseln längst aufgegeben, obgleich sie schon vor der Eroberung Englands durch dle Normannen gegründet wurde und eine geradezu herrliche Lage hat. Tie wenigen Bewohner der Inseln waren ein allzu rauhes, unlenkbares Material, nur damit beschäftigt, zu schmuggeln und Nutzen zu ziehen aus den Schiffbrüchen, die sie nicht selten verrätherischerweise selbst herbeiführten. Eine Besserung dieser Zustände trat ein, als ein gewisser Tor-rien-Smith von der Krone als zeitweiliger Eigenthümer der Scillyinseln eingesetzt wurde. Tieser würdige Mann nahm Wohnung in der ehemaligen Benediktinerabtei, und die wunderbare Blumenpracht, die ihn in seinem weitläufigen Garten umblühte, weckte in ihm den Gedanken, die für Blumenzucht ganz ausnahmsweise günstige Lage der Scillyinseln zur materiellen, damit ab?r auch zur geistigen und sittlichen Hebung seiner Insulaner auszunützen. Der neue Besitzer verstand es, durch Leutseligkeit und weises, väterliches Eingehen auf ihre Interessen sich schnell das Vertrauen seiner Untergebenen zu erringen. Und als er so weit war, flößte er seinen Leuten den Gedanken ein, der sich ihm beim Anblick seines wundervollen Abteigartens ausgedrängt hatte, den, pfc Blumenzucht zu ihrem Lebensberuf h machen. Eine Anzahl von Menschen gab es darunter, denen die Annehmbarkeit seiner Idee sofort einleuchtete. Sie folgten also dem Rathe des Mr. Dorrien-Smith und legten Kulturen von solchen Blumen an, dl? im Winter zur Blüthe ge bracht werden und das blumenfreundliche London zu einer Zeit mit seinen gewohnten frischen Vasen- und Knopflochzierden versorgen konnten, in der die sonstigen Lieferanten versagten. Die Hauptpflanze, die man kultivirt, ist die Narzisse, die sich ihres süßen Geruches und ihrer leuchtenden Farben halber einer besonderen Beliebtheit bei den Londonern erfreut. Das Experiment gelang fast über Erwarten gut und warf einen Ertrag ab, der auch die anfangs Zweifelnden schleunigst zur Nachahmung bewog. In den Monaten zwischen Neujahr und Ostern bilden die fünf bewohnten Jnselchen mit ihren 3000 Acker anbaufähigen Landes einen ungeheuren Blumengarten von märchenhafter Schönheit. Dabei gedeiht alle diese Pracht auf offenem Felde, ohne künstliche Treibmittel. Das Klima ist den Pflanzen so zuträglich, und der Boden ist dermaßen fruchtbar, daß, wenn die Blumen heute geschnitten sind, dieselbe Pflanze in Zeit von einer Woche schon wieder neue Blüthen zeitigt. Einen Tag um den anderen legt ein besonderer Dampfer an, der die duftende Fracht abholt, und auf der Höhe der Erntezeit hat er jedesmal 30, 40, manchmal 50 Tonnen hinwegzubefördern. Am Hafenorte Penzance werden die Tonnen auf einen besonderen Blumenzug" verladen und eiligst nach der Hauptstadt weitergeführt. Hypnotismus als HeilMittel. Ein junger Student der Medizin, Namens Otto W. Greenberq, brachte dieser Tage vor den Professoren der Chicagoer Universität den Nachweis, daß er mittelst Hypnotismus Krankheiten und körperliche Gebrechen kuriren könne. Ein hilfloser Krüppel aus dem Asyl für Unheilbare wurde auf einer Tragbahre in einen Saal der Universität gebracht und von Greenberg hhpnotisirt. Unter diesem Einfluß wurde ihm geboten, seine Glieder zu gebrauchen, und als er wieder aus dem Schlafe geweckt wurde, konnte er seine Beine wieder bewegen, was er seit lange Zreit nicht mehr thun konnte. In der Stadt Lünebürg, Provinz Hannover, wird in der Johanniskirche eine etwa 70 Fuß hohe Marmorsäule gezeigt, die einst in altheidnischer Zeit auf dem Kalkoerg: das Bild der dort verehrten Mondgöttin. Luna, getragen haben soll; davon wird der Name Lunaberg" abge-leitet.
