Indiana Tribüne, Volume 28, Number 203, Indianapolis, Marion County, 19 April 1905 — Page 7

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8 V M . S cucrviumrtt ? NWM V0N Adolf Wilbrandt 0'0-OiOO'OrO!'0'00 (Fortsetzung.) r 'ca also: Außerdem bin tcy oer Meinung, über bedenkliche Familienmitglieder offen zu sprechen, wenigstens gegen einen Mann wie Sie, ist gewitz das beste; damit der andere nicht denkt: die sind blind also auch bedenklich! Ter Mann, mein Schwager, iit ein guter Jäger, aber kein guter Landwirth. Grebbin kam nicht vorwärts. sondern es ging zurück. Wanda, sagt' ich ihr endlich, paß auf! Ihr kommt in die Vredulje; das geht im Leben nicht gut! Sehen Sie, von diesem Augenblick an, da pahte sie auf; und wie! Sie dacht' an ihre Kinder na. und wohl auch an den Mann. Otto, sagt sie zu mir, was er nicht weiß, das will ich lernen, und was er nicht thut, das soll er thun! Und erstaunlich ist es wenn auch ihr Bruder, ich muß es offen sagen nur so im Umgang mit Hoffmann und mir, durch Fragen und Nachdenken und wieder Fragen, und Zuschauen und Mitanfassen, hat sie nach und nach so viel gelernt, daß sie ungefähr alles versteht. Und was sie noch nicht versteht na, da lernt sie weiter. Wie heute. Sie haben's ja gehört!" MitBewunderung," erwiderteWerner. Aber was sagt der Mann dazu?" HmI Nu ja. Das ist die Geschichte. Beschränktheit und Eigensinn scheinen ja siamesische Zwillinge zu sein! Georg Keßler will sich nickt dreinreden lassen; wozu denn? Das ist ihm .schanirlich'; und er kann ja alles selbst! Da muß nun die arme Frau Evaskünste brauchen mag sie gar nicht; muß aber und ihm jeden guten Vorschlag, jede Neuerung so ganz sachte, so auf Umwegen beibringen, daß er am Ende denkt, das ist auf seinem eigenen kleinen Gehirnacker gewachsen. Na, dann ist er hoch! Dann kommt er damit zu Hoffmann oder zu mir: da ist mir was emgcfauen. das kann meine Wirthschaft glaub' ich. noch besser auf den Damm bringen. Nämlich so und so! Na, und dann schieben wir, wieder so ganz sachte, nach. Und so fo wird nun in Grebbin gewirtbsckaftet, lieber Herr. Es geht mit Umstän den. aber es geht!" Werner versank in Gedanken. Sie sprachen darauf noch, alle vier, über dies und das. So kamen sie nach L)aus. Nach Tisch auf seinem Sofa liegend, um ein wenig zu ruhn, kehrte Werner zu diesen Gedanken zurück, die inzwischen wohl leise in ihm fortgesummt hatten; verwundert bewegte er den Kopf auf der Lehne hin und her. Das ist eine merkwürdige Frau! dachte er. Ich versteh' es nicht. Für Ihren Geschmack gewiß zu fromm," sagt mir ihre Schwester tm Rupertihaus; bei allem an's zukünftige Leben denkend" oder so ungefähr. Und wie find' ich sie? Diese Frau mit den Märchenaugen ist der wahre Gutsherr von Grebmn! Dazu als holdselige Tante gestern . . . Von Frömmigkeit noch keine Spur! Freilich, ein furchtbarer Pflichtenmensch," sagte Frau Minna auch. Damit wär' dann alles erklärt ... Alles? Beethoven? Wie hat sie die Sonate gespielt. Nicht wie Rubinstem oder Bülow, durchaus nicht aber mit so feinem, süßem Gefühl; mit der Kraft der Innigkeit. Sie saß edel da; aber wie ein Mensch; nicht wie ein Engel, oder ein Jenseitsträumer. Und sie will die Kleistwiese tiefer legen. Ich verlieh' es nicht! Eine merkwürdige Frau! wiederholte er sich, den Kopf wieder schüttelnd. Diese Wanda . . . Die Gottselige, die die Schläge anders eintheilen will . . . Damit schlief er em. 13. Kapitel. ur Werner kamen ewige unwirsche Tage; eine Erkältung hatte ihn irgendwie ergriffen, mit der sich eine Verstimmung der Nerven verband, und wenn er auch Bett und Zimmer verlassen konnte, so hielt er sich doch in den vier Wanden. deren Gastfreundschaft er genoß. Am liebsten blieb er in seiner Stube, die er nach alter Gewohnheit mit den Nachbildungen von Kunstwerken veredelt hatte; hier die Stunden verlesend, verickauenö, veroammerno lernen er sich am geschwindesten wiederherzustellen. Es war ihm recht, daß Chr: ftine mit Minna an jedem Nachmittag nach Grebdin fuhr: sie sah dort ein neues Stück dieser neuen Welt, sie kam auch mit Hugo Hoffmann zusammen, der gern zu seiner landwirthschaft licken Freundin auf eine Stunde hinüberritt, doppelt gerne jetzt. Ritz Wer ner etwa der Wunsch empor, mitzu fahren und Frau Wanda wiederzusehn, so beschwichtigte ihn ein dumpfes, ihm selber unklares Furchtgefühl, das sich ?ym wte ein abkühlender Schatten aus die Sle legte. Am vierten Morgen empfand er da gegen nur die Freude der Genesung; er trat in der Schwester Zimmer: Ehrt stell" sagte er, dieser unwürdige Leichnam meldet sich gcsund!" Christine fiel ihm in ihrer Freude um den Hals. Er führte sie dem Fenster zu, das weit offen stand und durch das die schon sonnenwarme Spätmorgenluft flutbete: auch schräae Sonnenstrablen

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stahlen sich mit herein. Uebrigens, da

ich nun wieder rüstig bin." fuhr er lächelnd fort, werd' ich auch indiskret; denn alle buta! gesunden Leute haben bekanntlich weniger Zartgefühl. Du hast nun diesen Gutsbeiitzer aus und zu Teschenberg jeden Tag gesehn. Na, Kleine, wie ist Dir jetzt?" Er deutete auf ihr Herz. Christine sah ihn muthwillig an. Soll ich Dir sagen, wie mir ist?" ..Ja, diesen Wunich hab' ich eben geäußert." Frau Wanda Keßler ist eme himmlische Frau!" Frau Wanda Keßler?" Ja." Das ist Deine neueste Schwärmerei?" Eine neue, aber furchtbar starke. Werner. Ich hab' mich jeden Tag, jede Stunde mehr in sie verliebt." Hm! Das mag ja sein. Sie hat was hat was, das Wir wollten aber von Herrn Hoffmann sprechen. Wie denkst Tu jetzt über den?" Frau Wanda Keßler ist eine himmlische Frau!" Werner lachte; es war ihm dabei aber sonderbar zu Muth. Hm! ' machte er wieder. Alo eine Wetznbuhlerin für den Gutsbesitzer; an diese Gefahr hat er wohl nie gedacht! Die Frau gefällt Dir also so gut" Gefallen! Das ist gar kein Wort!" Werner war eine Weile still. Er lehnte sich auf das Fensterbrett. Ein Sonnenstrahl traf ihm jetzt die Brust; ihm war, als ging' ihm der gradesWegs in's Herz. Die Singvögel san gen nicht mehr, die Zeit war vorbei; aber das Zwitschern eines kleinen Vo gels vielleicht nur eines Sperlings war ihm wie Musik. Das ist gar kein Wort," wiederholte er endlich, gedankenlos, fast unbewußt. Ja und ich allein war noch nickt in Grebbin. Da muß ich ja heute hin!" Gott et Tant, daß Tu das sagst. Freilich mußt Tu hin! Wie hat es ihr leid gethan, daß Tu noch nicht konntest. Wie hat sie Dich bedauert . . . Das kann ja gar kein Mensch so wie sie. Wenn sie nur sagt, so ganz sanft: ,wie thut mir das leid' das lauft einem ordentlich über die Brust. Sie hat eine Stimme Du machst so ein stilles Geücht. Hast Tu das noch nicht gefühlt?" O ja," murmelte er rn die sonnige Luft hinein. Etwas wohl. O ja." Ach, dann hast Tu's noch Nicht ge fühlt!" rief Christine aus. Bei Teinem feinen Obr das versteh' ich nicht. O. und sie hat. Mich schon so gern. Bruder; wahrhaftig. Ich bin furchtbar stolz darauf. Gestern sagte sie einmal aus Versehen Tu zu mir, nachdem sie mit Frau Minna gesprochen hatte; das war mir ein wonniges Gefühl ... Sie hat mich auch schon eingeladen, auch bei ihr zu wohnen; wir haben schon Pläne gemacht. Wahrhaf tig! ,Am liebsten gleich,' sagte sie gestern; ,denn morgen bin ich wieder ganz allein. Ta wären Sie mir ein rechter Trost' . . . Heut reisen nämlich ihre Buben ab. Es geht ihr so zu Herzen. Mir schaun sie zu sehr dem Vater gleich; haben auch schon ein ähnliches Reden wie er; aber für ne Mutter mag's wohl anders sein. Dann ist sie , wieder ganz allein'; das klingt sonderbar; nicht? Da a btx Mann noch da ist. Aber freilich, was für ein Mann. Der ist auch gar nicht mehr ihr Mann, sagt Frau Minna. Sie sind nur noch wie gute Bekannte; sie geben sich kaum die Hand!" Werner ging vom Fenster weg; er schritt durch das Zimmer. Tu überschüttest einen ja formlich," sagte er mit einem Zucken im Gesicht, wie nervös geworden; Du plapperst 'ne ganze Welt auf mich herunter. Wohl ihr, wohl ihr, daß sie mit diesem Mann Kurz, Du bist blind ver liebt, Kleine. Ich nicht. Ich werd' meine Augen doch noch offen halten. Heut Nachmittag fahr' ich also mit nach Grebbin aber mit Kritik!" Er sah nicht mehr zurück und ging aus der Thür. Das Wetter blieb sonnig schön; es war ein erbarmungslos heiterer und erheiternder Nachmittag, als Werner dgr Kritische" mit seinen Damen in den offenen Wagen stieg. Die wellige Landschaft ward allmälig reizender, wenn auch eigentlich gegen seinen Willen; die Hügel stiegen kräftiger, interessanter aus dem nützlichen" Ackerland empor, selbst die einfachen Landwege waren von schönen Birken oder Weiden eingefaßt, einzelne BaumMajestäten ragten in stiller HerrscherPracht an den Wicsenrändern. Hier und da schwammen Sonnenfunken auf einem Wässerlein; oder die weißen Seerosen schimmerten aus dem himmelspiegelnden Dunkel hervor . . . Ueber Werner kam nach und nach eine Ungeduld, die ihn ärgerte; ein Zustand wie in Knabenjahren. Sie sagten doch: nur eine halbe Fahrstunde?" sprach er endlich zu Minna hinüber, die unter ihrem Sonnenschirm lächelte. Bon Grebbin und dem Grebbiner See ist noch nichts zu sehn!" Wfrd schon kommen," erwiderte sie ruhig. Plötzlich fuhren )t auch, aus nnem ansteigenden Hohlweg heraus, in das Dorf hinein; die Häuser mit den kleinen Gälten lagen lang an der Straße hingestreut, die noch immer stieg. Oben, noch über der Straße, zeigte sich ein kleiner Friedhof und ein Kirchlein, leider ohne Thurm; daran ging's vorbei, dann jenseits auf offener, häuserfreier Bahn hinab. Böllig überraschend erschien nun der &xti biner See, in der Tiefe zwischen schön anwachsenden Waldhügeln gebettet.

schmal, wie ein hinwegfließender brei-

ter Strom; die Sonne warf einzelne flimmernde Streifen über seine Däm1 ieruna hin. Vor seinem höheren Waldberg zur Rechten stand ein schneeweißes, langgestrecktes Haus; em schlichter Bau ohne Thurmchen oder Erker, aber vor dem feierlichen, hochaufragenden Grün der Bergwaldriesen wirkte eben diese Einfachheit. Weitabgeschieden! dachte Werner. Das weiße Haus da unten am Wald, bis zu diesem Augenblick so heimlich versteckt, nahm sich aus wie das Abbild einer rcinen Seele, die vor den lärmmachenden Eitelkeiten der Welt zurückweicht und sich an die Brust der still erhabenen Natur lehnt. Aber eine werkthätige Seele: vor dem Haus lag der Hof, in den sie nach dem Hinuntcrrollen einfuhren; ein malerisch unregelmäßiges Viereck, zunächst die höherliegende Schmiede, die Stellmacherwerkftatt, dann die Ställe und Scheunen, unten aus Felsen," schönfarbigen rohen Granitblöcken, aufgemauert, oben Ziegelbau; links neben dem Wohnhaus eine Brennerei, ein zierliches Gebäude, von seinem Schlot überragt. Eine kleine Terrasse war der hochliegenden Hausthür vorgebaut, und mit hohen Pflanzen geschmückt. In diesem Grün stand Frau Wanda, ohne Hut, in dunklem Kleid. Sie winkte mit der gehobenen Hand; der kritische Werner fühlte mit leisem Verdruß, daß es ihn wie einen guten Jungen erfreute." Nach wenigen Augenblicken stand sie unten am Wagen; sie stiegen aus, er fühlte ihre warme Hand. Wie gut ist das," sagte sie mit der vollkommenen Natürlichkeit, die er nun schon kannte, daß Sie wieder gesund sind! und daß ie zu mir kommen! Minna hat mir's geschrieben, ich hab' mich schon seit Mittag gefreut. Sie finden aber wirklich Niemand als mich! Als die Kinder eben fort waren, hat auch der Vater abreisen müssen; plötzlich, nach Berlin. Er muß eine kleine Wilde holen; das ist aber eine längere Geschichte, die erzähl' ich später. Jetzt schauen Sie sich an, wie ich wohne, und gehn an unsern See und in unsern Wald!" Sie traten in die Zimmer ein. Es war ein ähnlicher Geist wie der, welcher die Ebert'sche Wohnung eingerichtet hatte; ländliche Einfachheit, viele ..brave" Möbel aus Großvaters leiten mit neuerem Ersatz oder Zuwachs gemischt; Reinlichkeit, die nicht die Gemüthlichkeit störte; wohlgenährte große Blattpflanzen hier und da. Blumen auf den Tischen. Was aber die Wände vornehmer inachte, waren Kupferstiche und Photographien nach edlen Gemälden; Raphael. Murillo, Correggio, Bellini, nicht unwürdig eingerahmt. fielen Werner in die Augen. Es waren alles religiöse Bilder; einige Madonnen. die meisten aus Christus' Leben. Die Frömmigkeit beginnt! dachte er . . . Doch diese von Schönheit verklärte Gottseligkeit" konnte ihm nicht miß fallen. Ihm ward erst unhold und kritisch zu Muth, als sie in Wandas persönlichstes Zimmer traten, das sie ganz mit ihren Erinnerungen und Gesinnungen gefüllt hatte. Wie man sonst wohl in modernen Wohngemächern auf nachgeahmt altdeutsche, mehrfarbige Jnschrifttafeln stößt, die über den Thüren oder an den Wänden Lebensweisheit predigen: Treu unser Herz, Frei unser Wort, Deutsch unser Sang, Gott unser Hort!" oder die einem auch nur zurufen: Mensch. ärgere Dich nicht!" so waren hier überall grausam schlichte Papptafeln aufgehängt oder angenagelt, die einfach schwarz auf weiß mit Sprüchen aus dem Neuen Testament bedruckt waren. Schöne, sinnvolle, edle Sprüche; jeder ein Edelstein, jeder auch das Herz treffend; aber sie erfüllten gleichsam die ganze Luft. Sie sahen wie aus hundert Pastorenaugen von den Wänden nieder. Was sonst noch da war, alterthümliche. gutgeschnitzte Schränke, Glaskästen, Andenken und Zierlichkeiten, der Schreibtisch mit dem Büchergestell, alles schien nur als weltlicher Untergrund, als Postament für diese Bezeugungen der christlichen Lehre da zu fei. Es war dem verblüfften Werner fast, als sei er in eine alte puritanische Kapelle eingetreten, die ein praktischer Nachkomme, um seine Möbel unterzubringen, so verweltlicht hätte. Ich wußt' es ja. dachte er; Frau Minnas Worte im Rupertihaus fielen ihm wieder ein. Das Herz zog sich ihm zusammen; mehr und mehr verstört blickte er hin und her. Auf einmal traf er Wandas Augen; sie betrachteten ihn, sie schienen schon lange so auf ihn gerichtet zu sein. Auf ihrem etwas blassen, edlen Gesicht lag ein weich wehmüthiges Lächeln, ein ganz befremdender Ausdruck. Er berührte ihn stark; er begann ihn aus der Fassung zu bringen. Wem galt dieses übersinnliche Lächeln? Offenbar doch ihm. Warum ihm? Warum dieser Ausdruck? Wenn Jemand hier zu lächeln hatte, war er's oder sie? Mit einer seiner jähen Bewegungen trat er an ein Fenster und sah in die grüne Nacht des Hochwalds hinaus. Nur ein schmaler Gartenstreif zog sich hier rückwärts am Hause hin, dann begann sofort das Reich der Bäume, das mächtig und prächtig anstieg. Seine umherirrenden Augen trafen zu ihrem Erstaunen em durchscheinendes Glasbild von Heiligenblut, das an diesem Fenster hing. Die Schneegipfel des Glockners, das Dörfchen im Thal mit der himmelansteigenden Kirche schwebten so ganz unerwartet vor ihm. k Unwillkürlich wandte er das fragende

Gesicht der seitwärts stehenden Haus-

frau zu. Sie trat mit ihren weichen Schritten heran. Wie das Hciligenbluter Bild hierherkommt?" sagte sie ohne Weiteres, sein Gefühl errathend. O, das ist eine Erinnerung . . . Ta hab' ich einmal etwas ganz Besonderes erlebt. Da hab' ich das gesunden oder es hat mich gefunden was Sie hier eben so fremd berührt hat." Werner blickte in s Zimmer hinein. Fremd! Das wohl" Und unangenehm. Nein, das nicht; sondern" Doch, doch! Aber lassen wir das," setzte sie mit einer liebenswürdigen Geberde hinzu. Ich hätt' ja nie ein Wort davon gesprochen wenn ich nicht von Ihnen eine so gute, hohe Meinung hätte." Er starrte sie an. Sie von mir?" Sie lächelte: Nun ja! Sie meinen. weil ich Sie noch so wenig kenne ? Ach. Sie verstecken sich nicht so sehr. Und wie ich Sie mit den Kindern fand und was Sie mir dann über das Klavierspiel sagten und Ihr Gesicht dabei. Ja, und wie Sie neulich 10 gelegentlich über Goethe und über Bismarck sprachen " Ich? Ich wüßte nicht!" Nun lachte sie hell auf. Aber ich! Da stehn nun aber die Damen in der Thür und warten; wir müssen in den Wald hinaus, und so weiter. Sie sollen ja Hinterpommern etwas achten lernen . . ." Sie lud ihn durch eine Bewegung ein, zu gehn. Dann schritt sie voran. Ueber einen Korridor, darauf durch ein fast leeres Gartenzimmer, wo sie einen Hut nahm, kamen sie in's Freie. Rechts und gradeaus dämmerte der Wald, der sich auf dem reichgegliedcrten, von Wegen durchkreuzten Berg in feierlicher Majestät erhob, wie ein Natursäulentempel, von hohen, grauen Buchenstämmen getragen. Links zog sich eine üppig grüne Wiese langsam sinkend bis zum See hinab, von dem man nicht Anfang noch Ende sah; ein einsamer, mächtiger, ruhiger Strom schien vorbeizugleiten. Ehe die Wiese im Schilf verging, stieg, wie von ihr hervorgebracht, eine hohe Weide mit reicher Krone empor. Ihr matt silbernes Grün, das zarte, zum Theil zur Erde strebende Gefieder ihrer Zweige, die aristokratische Absonderung, mit der sie vom Wald getrennt ihren Lebenstraum träumte, gab ihr einen melancholischen Zauber, der den Träumer Werner sogleich ergriff. Eine hohe Meinung von mir? dachte er, während ihm dieses Bild in den Auqen laa. Und ich erwartete das Gegentheil. Was kann ich ihr sein? Ein oberflächliches Weltgcschöpf, ein Sinnenmensch, der weder Wiesen entwässern, noch den Himmel erklettern kann. Aber mit dieser unwiderstehlichen Stimme sagt sie mir und mit diesen Augen : Ach, Sie verstecken sich nicht fo sehr!" Und ich, der ich sie eben recht gering achten wollte Ein starker, aber seliger Druck lag ihm auf der Brust. Wie um sich Luft zu machen, nahm er geschwind das Wort: Das ist ja etwas für Buridans Esel, dieses Doppelbild. Man kann sich nicht entschließen, was schöner ist: das Waldbild oder das Seebild, mit der Frau Fürstin Weide. Ueberhaupt gnädige Frau gar so eigen schön hab' ich mir's nicht gedacht!" Wandas Wangen blühten auf; so hatte er sie noch nicht gesehn. O, das ist gut, das ist lieb," erwiderte sie, daß Sie mn das sagen. Ich hatte heut Nachmittag das Gefühl, als fürchte sich die Gegend, weil einer mit so verwöhnten und verfeinerten Augen kommen sollte, wie sie hier selten sind. Aber nun ist's gut. Sehn Sie, wie stillvergnügt der See und die Baume sind. Jetzt bitt' ich Sie also im Namen der Gegend, steigen Sie in den Wald hinein!" k (Fortsetzung folgt.) praktisch. Spezerei-Kommis Balduin kann Jedermann als Beispiel von Sparsamkeit dienen. Um die Auslage für eine Schnurrbartbinde zu ersparen, legt er vor dem Sonntagsausgang auf fünf Minuten seine Krawatte an! Vornehme Hehlerin. In Mailand, Italien, wurde eine Diebesbände ausgehoben, deren Haupti.uartier die Wohnung der Gräfin Rizzala war. Viele gestohlene Schmucksachen wurden gefunden. Die Gräfin wurde verhaftet.

Schulung öer Ättges. Ueberrafchcnde Schleiftungcn der wil: den Völkerschaften.

Erfahrungen und Beobachtungen der Aor? schcr .vcl,rrcich, Sehprove Wie' die Wilden machen V!etkiodische Kentbkicksübungen in der Echule. Schon im vorigen Jahrhundert erzählten viele Reisende, daß sie oon den Sehleistungen der wilden Völkerschaften überrascht gewesen seien. Humboldt theilte im Kosmos mit, daß die Jndianer in Chillo seinen Freund Bonpland, der den fast vier geographische Meilen entfernten Basaltkegel des Pichincha erklommen, mit bloßem Auge früher sahen, als Humboldt ihn mit dem Fernrohr fand. Bergmann berichtete von einem Kalmücken, der auf 12 Meilen Entfernung angab, daß jemand auf einem Schecken einen Hügel hinaufreite, was sich in der That bewahrheitete. Stanley erzählte, daß die Waganda mit ihren Augen die Leistungen eines guten Fernrohres übertrafen, und Fischer berichtete, daß die Elephantenjäger in Ostafrika Antilopen öfters mit bloßen Augen wahrnahmen, die er mit seinem Opernglas nicht zu erkennen vermochte. Man glaubte früher, daß die großen Sehleistungen der Wilden auf einem feineren Bau der Netzhaut ihrer Augen beruhten. Dem ist aber keineswegs so. Allerdings konnte schon vor langen Jahren nachgewiesen werden, daß die Nubier, die Kalmücken, die Helgoländer, namentlich aber die Beduinen, durchschnittlich doppelt und dreimal so weit die Sehproben erkannten, als die civilisirten Völker. Als jedoch ein deutscher Fachmann 50,000 Schüler in Breslau untersuchte, fand er, daß hier wie bei den Wilden, 45 Prozent ein- bis zweifache und 37 Prozent zwei- bis dreifache Sehschärfe besaßen. An die Möglichkeit, daß die Ueberzahl der Deutschen ebenso weit sehen könne, als die Wilden, war also gar nicht mehr zu zweifeln. Wenn sie dennoch in ihren Sehleistungen weit hinter den Uncivilisirten zurückbleiben, so kann die Ursache nur daran liegen, daß sie ihr Auge nicht fo schulen wie die Wilden. In der That erklärten Wilde ihre Wunderleistungen in sehr einfacher Weise. Nicht durch anatomische Merkmale, tUm durch die Entfernung der Spitze des Geweihs vom Ohr, konnten die Indianer auf mehrere hundert Aards einen Bock von einer Ricke unterscheiden, sondern an einem eigenthümlichen Galoppsprung erkannten sie die Böcke. Zur Schulung des Auges empfiehlt Hauptmann a. D. von Ziegler in einer kürzlich erschienenen Schrift, schon m der Schule mit dem Abschätzen und Abmessen von Distanzen zu beginnen. Zu diesem Behuf ist es nach Ziegler sehr nützlich, wenn sich zwei Abtheüun gen von Schülern in 100 bis 300 Iards Entfernung einander gegenüber stellen; ein zeder muß sich schnell emprägen, welche Körpertheile des Gegenüberstehenden er in diesen Entfernungen noch genau sehen kann. Wet terfahnen und Kirchthurmspitzen in der Ferne werden beschrieben. Spater kann man sie größere Entfernungen abschätzen lassen, und die Unterschiede der Schätzung bei klarem oder trübem Wetter, sowie die Täuschungen bei hellem oder dunklem Untergrund lehren. Den Orientirungssinn kann man ohne Kompaß, an alten Bäumen, an Steinen, die nach Norden immer mehr verwittert sind, üben. Es leuchtet ein. daß Schüler, die ihr Auge so schulen, auch später ganz anders ihre Aufmerksamkeit den Gegenständen im Freien zuwenden werden. Was aber die Hauptsache zu sein scheint, ist, daß nun endlich einmal die Kinder durch methodis,e FernblicksÜbungen der Entstehung und Zunahme der Kurzsichtigkeit vorbeugen können, die sie durch allzuviel anhaltende Nah arbeit zweifellos in Tausenden von Fällen erwerben. Guten Morgen, Herr Fischer!" Dieser vermeintlich echt bajuwarische Biergesang ist vom Norden in Bayern eingefuyrt. Die illustnrte Wochen schrift Das Bayerland" gibt hierüber folgende interessante Details: Wer kennt nicht diese wenigen Worte aus dem berühmten Bockhymnus, der von tausend durstigen Kehlen gesungen wird, wenn in den Hallen des Hofbräuhauses die Bocksaison eröffnet ist. Wohl Niemand wird ahnen, daß dieses geflügelte Wort seine Entstehung nicht an der Jsar fand, nicht einmal rn Altbay?rn, sondern zu Königsberg Tort starb im Jahre 1839 ein altes bemoostes Haupt, der zur Straßenfigur gewordene ewige Student und Hofpitalit Johann Wilhelm Fischer. Die auffällige armselige Erscheinung des sich ständig auf der Straße herum treibenden Mannes erregte die allgemeine Aufmerksamkeit und verschaffte ihm, wenn auch ganz gegen semen Willen, eine unheimliche Popularität. Ganz Königsberg ergötzte sich daran, ihn, wann und wo er sich blicken ließ, Mit einem munteren Guten Morgen. Herr Fischer" zu begrüßen. Der also Gefeierte fand daran kein Vergnügen, sondern wurde höchst erbost. Aber ver gebens bestürmte er die Polizei mit fortwahrenden Eingaben, ihn 31 schützen, ja, in einer Jmmediateingabe an den König von Preußen flehte er die Majestät an, ihn zu beschirmen, aber selbst das war vergebens.

MN graucnliaftc Mordthat ft bei Kcmpten in Allgäu an einem

achtjährigen Mädchen begangen worden. An einem Sonntag Abend begaben sich vier Mädchen, zwei Gechwistcrpaare, nach der sogenannten Engelhalde", um dort den Funken", der mit Einbruch der Nacht entzündet werden sollte, zu sehen. Es herrscht nun !rei den Kindern, die die Funken" (Frühlingsfeucr) zusammentragen, der Brauch. Erwachsene, die dem Abbrennen des Funkens zusehen, um em kleines Geldgeschenk zu erjuchen. Die vier Mädchen kamen dabei zu einem Burschen, der aber davonlief; die Maochen folgten, und um die Kinder noch weiter von dem Funken wegzubringen, zog er feinen Geldbeutel und that, als ob er gesonnen Ware, den Kindern etwas zu schenken. Dabei entfernten sie sich immer weiter von den Leuten. Während die Mädchen nun mit dem Burschen, der ihnen schmeichelte, sprachen, neigte ncy dieser plötzlich zu der achtjährigen Bertha Salger und sagte: Du bist halt doch die Schönste von allen", zog ein im Griffe feststehendes Messer aus der Tasche und stieß die Mordwaffe dem Kinde in die rechte Halsseite. Der mit Wucht geführte Stich durchschnitt die rechte Halsschlaaader, bildete also eine todtliche Verwundung. Mit einem Aufschrei fiel das blutüberströmte Mädchen zu Boden. Die anderen drei Mädchen und ein etwa zwölfjähriger Knabe, d;e in kurzer Entfernung den schrecklichen Vorgang beobachteten, schrieen um Hüls?. Mit zynischem Grinsen wusch der Mordbube seine blutigen Hände im Schnee, ergriff eines der Mädchen und trocknete seine Finger an den Haaren des sich sträubenden und heftig schreienden Mädchens ab. Dann ergriff er sein Opfer, das sich rasch verblutet hatte, an den Beinen und zog die Leiche nach einem Abhang hin, wo man sie später mit aufgeschnittenem Bauche fand. Der Mordbube ist noch nicht ergriffen. Nm die Ebenbürtigkeit. Zur Streitsache des Grafen Alexander v. Wlsburg gegen den Großherzog von Oldenburg, die vor dem Landgerichte in Old'enburg zur VerHandlung gelangte, hat Professor Dr. Rehm. der bekannte Staatsrechtslehrer der Universität Straßburg i. E.. in ei ner Schrift Stellung genommen, die den Titel Oldenburger Thronanwärter" führt. Rehm ist vielleicht unter den deutschen Juristen der beste Kenner des Fürstenrechtes, das er auch in einem vortrefflichen Lehrbuche systematisch dargestellt hat. Wir müssen es uns versagen, auf seine Darlegungen des näheren hier einzugehen. N''.r soviel sei gesagt, daß auch Rehm sich auf die Seite des Grafen Welsburg stellt und dessen Ansprüche sür vollauf berechtigt erklärt. Er thut dies in einer Schlußbetrachtung mit den Worten: Jedes genauere Studium der Angelegenheit zwingt geradezu zu dem Ergebniß: der Sohn des Herzogs Elimar von Oldenburg besitzt einen festgegründeten Anspruch auf oen oldenburgischen Thron, obwohl er mütterlicherseits seine Abkunft nur aus niedrigem Reichsadel abzuleiten vermag." Bemerkenswerth ist es auch, daß Rehm sich hier als ein erklärter Gegner des Grundsatzes der Ebenbürtigkeit bekennt. Seine Broschüre endet mit folgenden Sätzen: Warum sollen die Töchter des eigenen Landes nur dann fähig sein, zur Gemahlin des Herrschers erhoben zu werden, wenn sie aus altem Geburtsadel stammen, wo den Töchtern sremver regicrenden Familien der Weg hierzu selbst in dem Falle offen steht, daß es dem Geschlechte, aus dem sie entsprossen, an jeder Weihe des Alters und Ansehens gebricht, und ihm erst vor Kurzen, vielleicht aus abenteuerlicher Herkunft das Aufsteigen zur Würde eines Regentenhauses gelang?" Man kann gewiß jedes Wort unterschreiben. Der weibliche Rechtsanwatt in ctarnrn" lebt immer noch munter weiter, aber nicht in Hamm, sondern in Tagesblättern und Zeitschriften. Jetzt sieht man den weiblichen Dr. juris aus Hamm" im letzten Heft einer Wochenschrift austauchen, wo er in einerPlauderei von Dr. Robert Hessen Die Frau auf dem Katheder" eine wichtige Rolle spielt und sogar für eine wissenfchaftlicke Stastikik mit als Mat?rial dient!" Wie unseren Lesern b:sannt ist. so schreibt der Wetf. Anzeiger. verdankt der weibl ch Dr. juris in Hamm" einem Annoncenscherz des Theaterdirektors Julius v. Bastineller seine Existenz, der. um das Interesse für eine Aufführung des Lustspiels Fräulein Doktor" wachzurufen. in einer scherzhaften Anzeige vcrhec ankündigte, an dem und dem Tage (demTage derAufführung) halte Frl. Dr. jur. Johanna Diettrich (die TitelHeldin des genannten Stückes) in Obergs Saal Abende von 8 bis 10 Uhu" eine Sprechstunde" ab. Ein auswärtiges Blatt hatte diesen Scherz zufällig entdeckt, ihn ernst genommen und gelehrte Betrachtungen an die Niederlassung eines weiblichenRechtsanwaltes in Hamm" geknüpft. Seitdem ist der Ruf des weiblichen Dr. juris in Hamm" durch ganz Deutschland und darüber hinaus verbreitet.