Indiana Tribüne, Volume 28, Number 201, Indianapolis, Marion County, 17 April 1905 — Page 7
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Fcucrblmnen f No von O Adolf Wilbrandt 60 O'O-si'st' oa ooo?ezo (Fortsetzung.) Talente schlummern oft jahrelang," itaeaneie Werner mit seinem ernsten Schaiksgesicht. Ich war aber schon als Bub ein ss geschätzter Brüller, daß man sogar bedeutende Hoffnungen auf meine Zukunft setzte: entweder Clown oder Tragöde! Da ich aber nichts geworden bin. so bin ich auch das nicht oeworden." Minna schlug scherzend in der Luft nach ibm: Reden Sie nicht so! Ich wollt', es wären viele so wenig geworden wie Sie? Nun müßt Ihr mir aber den Löwen lassen," sagte sie zu den Kindern, die etwas beengt und mißvergnügt dastanden; sie schienen von der Dazwischenkunft der Tante nicht entzückt zu sein. Dafür könnt Ihr Euch heute Mittag bei mir abholen, was ich Euch von der Reise mitgebracht hab'; o. recht was Hübsches. Richtig, wir haben uns ja noch gar nicht gesehn; gestern Abend schlieft Ihr. Guten Morgen, Kinder!" Sie bückte sich zu den Kleinen hinab, die die Mündchen entgegenstreckten, und küßte Beide; etwas amtlich, ohne besondere Zärtlichkeit. Darauf nickte sie ihnen noch einmal zu, nahm Werners Arm und ging mit ihm und Christinen durch den Garten weiter. Also, lieber Freund," sagte sie, da Sie nun mit den Jüngsten des Hauses schon Bekanntschaft gemacht haben war er nickt wirklich entzückend. Christine? so ist's Ihnen vielleicht auch recht, wenn wir heut Nachmittag im andern Flügel einen Besuch machen, um die .aanze Bande' kennen zu lernen. Natürlich keine steife Visite; nein, zum Kaffee mit Topftuchen. Meine Schwägerin ist groß im Kuchenbacken. Wahrscheinlich kommt auch Wanda, meine Schwester: leider mit ihrem Mann; der ist keine Verschönerung. Aber was wollen wir machen; wir haben ihn nun einmal! Wär' es Ihnen recht ?" Das versteht sich ja doch wohl von selbst," erwiderte Werner. Minna lächelte: Ja, ja, Sie haben sich in das 'Äutsbesitzernest verirrt, Sie sind eingcfangen! Ach. wie bin k froh, kindisch frsh, daß ich Sie Be:d-. in meinem Garten hab', Sie und diesen Sckan?" Sie umschlana Christine mit ihrem freien Arm. Eben kamen sie auf den kleinen künstlichen Hügel, auf dem ein Tisch und zwei Bänke standen. Es war hier eine anmuthige Aussicht ziemlich weit in das Land hinein. Niederungen mit frijch gruneu Wiesen waren von Waldhügeln überragt; dazwischen wogten die mehr oder minder gelben Saaten, die der Ernte cntgegenreiften. Ein angenehm küblender Morgenwind trieb eine Heerde glänzender Wolken wie weiß wollige Schafe langsam über die Erde hm. In der Ferne leuchtete em Stadtchen mit einem stattlichen, farbigen Kirchthurm. Wasser sah man freilich kaum; nur einen Zipfel eines Sees. im Süden. Ist das der See, an dem Ihre Schwester wohnt?" fragte Christine. Minna schüttelte den Kopf: Nein, geliebtes Herz. Wanda wohnt da hinüber, nach Westen; ihren See können wir leider gar nicht sehn; auch ihr Haus nicht, nichts; obgleich wir nur 'ne halbe Fahrstunde auseinander sind. Ta, wo dieser kleine Seezipfel blaut, ist Herrn Hugo Hoffmanns Gut; das heißt, sein Gut liegt nicht am See. Es hat ja ausgezeichneren Boden und gibt gewöknlick sehr gute , Löhnung,' wie man hier sagt, aber mit landschaftlicher Schönheit prahlen kann es leider nicht. Das kann nur Wanda in ihrem Grebbin. Ra, der gönn' ich's! Dafür haken wir hier in Vartelshagen eine Munerwirthschaft; mein Bruder gilt für den tüchtigsten Landmann in der ganzen Gegend. Ueberhaupt auch seine Frau eine furchtbar tüchtige Hausfrau. Im ganzen linken Flügel des Hauses, da ist alles tüchtig, tüchtig. Die ttntüchtigkeit ist nur auf der andern Seite!" Da muß ich Ihnen zurückgeben," versetzte Werner, was Sie mir vorhin sagten: ich wollt', es wären viele so untüchtig wie Sie." Gott, er wird galant!" rief Minna. Nun sehn Sie mal, wie er lächelt. Christine. Schützen Sie mich vor Ihrem Bruder: er wird noch gefährlich!" 11. Kapitel. ach:".i:tazs saß man in Otto IrUeriä nrrhem ffinrtn 3 rn - V . - vtu p v . . v . . ,j .... ( w v:- o t Vw' hict, uic gunzc tfumuic uui versammelt, der behagliche, breitschultrig kraftvoll gebaute HausHerr mit den sinnenden blauen Augen an die Schwester Minna erinnerte wenig von ihm seine gemüthliche Hausfrau Lotte, die trotz ihrer Wirthschaftlichkeit schon zur Fülle neigte, und die vier Nachkommen, von denen Werner nur die jüngsten gefielen, die er schon kannte; die beiden älteren Knaben, neun und zehn Jahre alt, waren ihm zu tüchtige," derbe Landgermanen. Auch zwei junge Mädchen waren erschienen, die bei Frau Lotte Kochen und Wirthschaften lernten, die eine klein, die andre groß; die kleine hatte diesmal die Woche" und
schenkte den von ihr gekochten Kaffee ein. Christine sah noch etwas fremd, doch vergnügt umher; ihr gefiel diese ländliche, norddeutsche Gemüthlichkeit, die den ziemlich schmucklosen Raum erfüllte, sie wußte nicht, wie. Es mochte ein wenig in allem liegen: in der bedürfnißlosen Schlichtheit des HausHerrn, der dabei mit so klugen Augen in die Welt sah, in der ungeheuren Natürlichkeit der Frau, die förmlich Güte ausstrahlte, und in der freimüthigen
Wohlerzo-lenheit der Kinder; aelch die beiden Fräulein trugen wohl dazu bei, die. aanz fremd heraekommen. sich nun wie zu Hause fühlten. 'Nur Werner war nicht behaglich: er langweilte sich. Zu viel Familie! dachte er; und zu wenig Schönheit! Selbst Frau Minna erschien ihm hier weniger reizend als sonst: er fand, daß sie doch auch zur Familie gehöre, zu sehr Ebert" sei. Wenn er sich langweilte, ward er gerne ungerecht. Es überkam ihn dann eine Art von Wollust, sich zu erbittern; als zerstreue ihn das. als kürze es die Langeweile ab. Wie komm' ich nach Bartelshagen und zu Otto Ebert! fuhr ihm durch den Kopf. Die kleine Eva stand auf einmal vor ihm, der in einem Lehnstuhl saß. und schaute ihn mit ihren hellen Augen träumerisch listig an. Es war eine drollige Mischung in dem Geschöpfchen, die er schon im Garten verspürt hatte; er begann leise zu lächeln, während er sie betrachtete. In ihren Blicken rührt? sich mehr und mehr die Eva; ohne zu sprechen oder sich zu bewegen, faßte sie nur noch seine Haare in's Auge: endlich lächelte sie auch, mit schüchterner Schelmerei. Das Zeigefingercben ihrer rechten Hand löste sich von den andern ab. stieg vorsichtig in die Höbe und deutete dann muthig auf die Mähne über seiner Stirn. Die kleinen rosigen Lippen bewegten sich, wie zu einer Bitte. Werners Humor erwachte; zugleich die plötzliche Lust, dieses ehrbare Familienidyll durch einen kleinen Sturm zu unterbrechen. Nicht wahr, Eva. wir kenne n uns schon?" sagte, er zu dem Püppchen. Tu bist die kleine Schlanqe und ich der große Löwe!" Damit warf er sich die ersehnte Mähne in's Gesicht. Die Kleine schrie vor Freude auf. Jetzt stürzte auch schon Adolf herbei, um mitzujubeln. Aber brüllen!" rief er dann; immer döller brüllen!' Sie hi-ren." sprach Werner zur Hausfrau hinüber: Ihre Kinder haben noch unerfüllte Wünsche von heut Morgen her. die ich nun befriedigen muß." Er ließ seine Löwcnstimme los: ..entschuldigen Sie!" rief er dazwischen, dann brüllte er wieder und jagte den davonstürmenden Kindern nach. Es begann ein Nennen durck drei, vier Zimmer; die Kleinen rasten hin und her. versteckten sich, flohen wieder, und verlangten sich von Neuem zu entsetzen, wenn der Löwe still ward. Vater Eber: lochte; die Mutter sah mit etwas befangenem Lächeln drein; Minna verzog bald das Gesicht. Endlich kehrte Werner zu seinem Lehnstuhl zurück, um auszurasten. Die Kinder aber, unersättlich wie ste alle sind, drängten sich ihm an die Kniee und begehrten mehr; nochmal stru wclig machen!" rief Eva wieder und strebte zu seinem Kopf hinauf. Um Gottes willen!" mischte sich nun die Hausfrau ein; wollt Ihr den armen Herrn wohl in Ruhe lassen!" Werner winkte aber begütigend mit der Hand Lassen Sie sie nur Kinder, den Löwen wollen wir nun in den Käfig sperren; den haben die Herrschaften wohl genug gehört. Wir haben aber noch einen Elephanten hier; auf dem könnt Ihr reiten. Der Elephant ist bekanntlich ein kluges Tbier: er macht's Euch bequem" Inwendig übermüthig über die Ge sellschaft lachend, ließ er sich aus sei nem Stuhl aus den Teppich sinken, der das halbe Zimmer bedeckte, und streckte sich aus. 1 Kaum lag er. so saß schon Adolf auf ihm. Der kleine Schauspie ler begriff sofort, daß man mit so einem Elephanten schonungslos um gehen könne, und ritt auf dessen Leib in wilder Wonne herum. Eva, einen Augenblick ungewiß, was denn für sie noch übrig bleibe, stieg mit ihren hurtigen Füßen auf Werners Kniee und Beine hinauf; nun war sie höher als der sitzend? Bruder; sie jauchzte über ihre Verwegenheit. Ich tret' auf ih:n! Ich tret' auf ihm!" rief sie der oanzen Gesellschaft zu, mit der verwilderten süßen Stimme. Werner lachte, so gut er unter sei nem Reiler konnte; auf einmal war ihm. als hätt' er ein Traumgesicht Ueber ihm erschien in der Luft ein be kanntes und doch fremdes Antlitz: au: dem sahen ihn ein paar braune Au gen an. die er noch nie gesehen hatt: und doch fcbon aesebn. Es waren die durchdringenden Augen der Frai Wanda auf dem Heiligenbluter Bild: jetzt erkannte er sie, da auch jener gute, verklärte Ausdruck drin aufleuchtete. Sie lächelten ihn an. Sie schienen ibm nun doch nicht ganz so schön, wie er sie gedacht hatte; in diesem Idyll' von braven Landleuten und lustigen Ranqen tauchten sie aber wie ein Mär chen auf. Es war etwas Geheimnißvolles in dem tiefen Blick, das er selbst in diesem Augenblick verspürte Er hob das Knäbchen empor, machte sich zart auch von Evchen frei und stand auf. Sie sind wohl sehr km derlieb," sagte Frau Wanda ohne Weitercs, ichncht. feie lächelte oann auf die Kinder hinab. ja: ja. sehr." antwortete er ae dankenlos. Er sah sie nur an. 'ö;e
trug ein einfaches, hellbraunes Kleid, nicht übel geschnitten? mit einem kleinen Eigensinn gegen die eigensinnige Mode, aber vorteilhaft für die noch vollkommen schlanke Gestalt. Den Hut hatte sie schon abgelegt; der schöne Wellengang des gescheitelten Haars war ein Schmuck für die edle Stirn. War das ganze Antlitz schön oder nicht? Er wußte es nicht; er sah es aber gerne. Der Hausherr stellte ihn seine? Schwester vor und sie ihm; die Kinder drängten sich mit ihren noch ungestillten Wünschen binu; Frau Wanda
lachte. Sie hob die Kleinen in die Höhe und küßte sie herzhaft; beruhigte sie mit wenigen Worten; sprach dann wieder zu ihm. Werner erwiderte dies und das, aber obenbin; er hörte auch kaum, was sie sprach. Ihn beschäftigte. wie sie sprach. Hatte Frau Minnas Stimme et'.ras eigen Einschmeichelndes und Liebkosendes, so aina die der Schwester weich und gut durch den ganzen Menschen; er hatte noch keine so wohlthuende Stimme gehört. Es war kein Alt, aber eine zur Tiefe neigende Mittellage; sie hatte auch lieblich hohe Töne und ein helles Lachen. Plötzlich ließ sich eine andre Stimme vernehmen, die ihm desto mehr mißfiel; eine kalte, harte, nüchterne Mannesstimme. Ein Herr von mittelgroßer, guter Gestalt trat herzu, mit einem schongebraunten, rothwangigen, hübschen und doch nicht erfreulichen Gesicht. Georg Keßler, mein Schwager." sagte der Hausherr; er stellte dann auch Werner und Christine vor. Eine Art von Gespräch entspann sich; doch redete eigentlich Herr Keßler allein. Werner, völliq einsilbia qeworden. gab dieser kalten Stimme bald kaum mehr Antwort; er erbitterte sich wieder; die merkwürdigen braunen Augen waren auch bereits verschwunden. in den Garten hinaus. Die alles beobachtende Minna sah das zunehmende Gewitter auf ihres" Werner Gesicht. Sie machte der Unterhaltung geschwind ein Ende, nahm seinen Arm und führte ihn iuch dem Garten zu. Na?" fragte sie leise im Gehn. Ist dieser Schwager Georg eine Verschöneruna?" Warum hat Ihre Schwester diesen Bauern genommen? fragte er daaeaen. Bitte, nicht so laut!" flüsterte sie. Ack, ich hab' Ihnen ja schon in Heiligenblut erzählt: sie und ich, wir wollten aus dem Vaterhaus fort. Und dann kam wohl noch etwas dazu . . . Und dann: ja. wenn man mit zwanzig so qescheit und so erfahren wäre, wie man mit dreißig ist! Das soll aber noch erst erfunden werden. Für die jungen Mädchen wär' das wichtiger als alle Heilserums und die ganze Elektriziiät!" Sie unterliegen nun dem gemeinen Magnetismus zu sehr," ctutbcttc Wer ner. Minna nickte lebhaft: Ach ja! Das ist das Wort!" Sie holten Frau Wanda ein, die mit der Hausfrau den breiten Haupt weg des Gartens hinunterging; Wanda sprach, es war ein leises Klagen in ihrer Stimme. Das ist nun wieder das Elend," sagte sie. daß ich meine Beiden nur bis zur Hälfte der Ferien hab'; dann muß ich sie hergeben!" Sie spricht von ihren Knaben," erklärte Minna. Wanda wandte den Kopf und nickte; ein rührend trauriger Ausdruck lag auf dem zugleich ergebe nen, tapferen Gesicht. Warum müssen Sie sie denn her geben?" fragte Werner. Wanda blieb stehn. Da sind die Großeltern," entgegnete sie, die Achseln zuckend; meines Mannes Eltern. Die wollen die Kinder, wenn sie aus der Stadt nach Hause kommen, ebenso viel haben wie ich: und mein Mann der stimmt für die Eltern. In ein paar Tagen ist's wieder aus, dann sind die Bürschchen fort!" Sieben und acht Jahre sind die Kerlchen erst alt," erklärte Minna wie der. Werner nahm nochmals das Wort: Aber gestatten Sie mir eine Frage. gnädige Frau. Warum geben Sie b'e Kinder so früh in die Stadtschule und von Hauie fort?" Waruin?" Wanda wiederholte nur das Fragewort und antwortete nickt. Sie war bleicher geworden; ihr Gesicht verschloß sich nun aber ganz. Endlich murmele noch etwas, das mit ja" begann: mehr verstand er nicht. Es entspann sich, wie immer in solchen Fällen, ein gleichgiltiges Gespräch; Werner hörte bald nicht mehr zu. In Wandas ?uqen war ihm etwas Christliches." Märtyrerhaftes erschie nen, das ihm nickt genel. Er ent fernte sich endlich scyweigend, langsam, in den Wald hinein, der an die schönen Rasenflächen grenzte. Ich hatte ja ganz vergessen, dachte er, daß sie eine Gottselige ist! Wenn ihr die Kinde halb genommen werden, wenn ihr rothbäckiger Bauer sein Ja und Amen dazu sagt, so ist das ja eine Schickung von Gott, und m selbstzufriedener De muth hält sie ihr den Rücken hin. Es ist noch eine Art von erhabener Wollust dabei! Ich wollte schon Mitleid der schwenden; die Stimme geht einem so lächerlich zu Herzen und dazu die Augen, die Augen. Aber nur kein falsches Mitleid, Du Weltkind; das würd' sie ja vornehm lächelnd ablehnen, die Gottselige Es geht ihr nach Gottes Willen schlecht, also gut! Er wandelte noch eine Weile in ähnlichen Gedanken unter den hohen Väu men herum; dann kehrte er mit trau
mensch langsamen Schritten in den
Garten zurück. Als er dem Hause näher kam, sah er ein überraschendes Bild: auf der Nachbarbank neben der seinen von heute Moraen saß Frau Wanda ohne die Damen, aber mit seinen kleinen Spielkameraden. Eva saß auf ihrem Schooß, das Bübchen stand vor ihr, an ihre Kniee acschmieat, und sah andächtig zu ihr auf. Sie sprach. Sre erzählte. Hinter emen Baum am Wege tretend, um nicht zu stö.i und um ungestört zu sehn, horte er nun deutlich, wenn auch nicht Wort für Wort, daß sie den Kindern Märchen erzählte. Durch die Entfernung war ein Schleier über den Klang der Stimme aebreitet. der ihr noch einen traumhaften Reiz gab. Dazu saß sie sehr anmuthig da; die Märtyrerin, die um Kinder vergeben soll und andre Kinder so liebreich unterhält. Sie wird ihnen aber auch fromme Geschichten erzählen! ging ihm durch den mn; er lehnte sich aeaen diesen lieblichen Eindruck auf. Vom zukünftigen Paradies und so weiter! Die Kinder verlangten mehr und mehr, wie vorhin von ihm. Sie gab denn auch mehr und mehr. Es blieben aber Märchen. Auf ein trauriges erzählte sie schnell ein lustiges; und noch so ein histues; die kleinen Stimmchen lackten laut. Werner wunderte sich köpfschüttelnd über ihr Gedächtniß. Ob (v. gar eigene hinzu erfand? Es schien ihm doch nicht, so schnell, von den unersättlichen Geschöpfen erbettelt. folgten sie einander. Aber diese Heiterkeit mit dem Weh im Herzen, dieses Selbstoergessen ergriff ihn; es beschämte ihn, wie sehr er sich auch wehrte. Wieder ungerecht! dachte er. indem er noch horchend hinter seinem Baum stand. Ja, ja, fuhr er sich selber an, Du warst wieder ungerecht! Was ist da weiter zu sagen: die Frau isl aut. Wie das Weltkind Minna im Rupertihaus sagte: sie ist engelsgut! ftrew Wanda stand endlich auf: nun ist's genug!" sagte sie, nun gehn wir in's Haus!" Die Kinder versuchten. ste noch zurückzuhalten; da sie sich m Bewegung setzte, hängte sich erst der Bub. dann auch das Dirnchen an ihr Kleid. te ama ruhia weiter, mit einem lächelnden Blick rückwärts auf die kleinen Gewaltmenschen: die heßen sich mit fortschleppen. Eine Weile sonnte sie ihnen dieses neue, trotziae Vergnügen. Auf einmal rief sie dann im Kommandoton: loslassen! Marsch!" Nun geborchten Beide. Wie Hündchen und Katzchen neben der Tante her laufend kamen sie mit ihr fugleich in's Haus, in den linken Flügel. Werner aina ihnen lächelnd nach. Erst als er in's Gartenzimmer trat, verging ibm wieder die gute Laune: die Gesschaft hatte nch hier aus s Neue versammelt und Herr Georg Keßler, der Gatte, mit aufgehobenen Rockschößen am sommerkalten Ofen stebend vermuthlich seine Lledlinasstellung erzählte mit lauter, selbstgefalliger Stimme Jagdgeschlchten. Er war immer dabei aeweien, er hatte einen Wilddieb entwaffnet, drei Wildenten mit einem Schuß getodtet. vom offenen Wagen aus, im Fahren, einen Acht.zehnender erlegt. Er sprach saeßend. nicht ungewandt, aber so kräftig und aufdringlich, daß es dem empfindlichen Werner auf die Nerven ging. In seinen Geschichten sollen gewohnlich eimge richtige Einzelheiten sein, flüsterte Minna runter ihm. Können Sie diesen Nimrod ausstehn? Ich nicht!" Werner schüttelte auch den Kopf. Als Keßler die vierte Geschichte beginnen wollte, stand zum Glück der Hausherr auf, mit seiner behaglichen Entschiedenheit: Nun sollte uns Wanda noch etwas Musik zum Besten geoen; da Ihr a doch zum Aoenoesten nicht hier bleiben wollt!" Wanda warf einen unwillkürlichen Blick aus Wer ners aelanweiltes. verbissenes Gesicht: sie sah. wie es stch jetzt ausheiterte, und konnte ein flücktiaes Lächeln Nicht ver bergen. Ohne Weiteres ging sie in d;n angrenzenden Salon und letzte sich an's Klavier. Die andern zoaen ihr nach, oder blieben an der offenen Thür zurück. Frau Lotte Ebert leate ihr Noten hin. Walzer, wie Werner mit seinen guten Augen bemerkte; Wanda schob sie aber still beiseite und veuernn eine von Beethovens innigsten Sonaten aus seinen mittleren Jahren zu spielen. Sie wuNte ste auswenma. vermuthlich ganz; doch nach dem zweiten Satz, einem himmlischen Adagio, hörte sie auf und erhob sich. Das war das Schönste," sagte sie nach einer kleinen Stille. Und damit ist's nun aenua!" Sie nahm ein paar Ringe, die sie abgezogen und auf's Klavier gelegt hatte. ueate Ire wieder an. uno mit einem noch mustkträumenden Gesicht beweate fic nch lanasam. um fortzuaebn. (Fortsetzung folgt.) Der wegen Wechselfäl schuna flüchtige und steckbrieflich ver folgte Direktor der Derner Thonw-rke bei Dortmund, Peters, wurde in Montreal in Kanada festgenommen Er wird ausaeliefert werden. Gebt r a f l o s aus. 3n Lincoln. Kal.. ist die Klage wegen Vatermordes gegen einen gewissen Claus m . f . vctn abgewiesen woroen. eri.elve hat vor Kurzem seinen Vater niedergeschössen, um seine Mutter vor den Angriffen des Vaters zu beschützen. Der Bater selbst hatte kurz vor semem Tode ausgesagt, dah sein Sohn recht gehandelt hätte.
Einblicke in Franengefängniffe. In einer Versammlung der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur in Berlin hielt Fräulein Tyekla Friedländer einen Vortrag über Einblicke in Frauenge'ingnisse und soziale Aufgaben". Die Rednerin schickte einen historischen Ueberblick über die EntWickelung des Gefängnihwesens voraus und führte dann aus: Die Unter-
bringung von weiblichen Gefangenen n Arbeit und geordnete LebensverHältnisse ist ungleich schwieriger, als die der Männer. Wenn der männliche Strafentlassene nicht arbeitet, so steht er der Gefahr gegenüber, wieder seine Freiheit zu verlieren. Die jüngere weibliche Gefangene braucht nicht zu arbeiten für den Lebensunterhalt, sie hat den Ausweg des Leichtsinns. Die Noth des Lebens, die den Mann auf den guten Weg führt, wird für die Frau zur größten Versucherin. Das zweite ist, daß der Mann zumeist ein Handwerk gelernt hat, während die Frau fast durchgängig unvorbereitet ist ür den Lebenserwerb. Die weibliche Gefangene bedarf der Annahme und der Unterweisung. Unter den gefangenen Mädchen sind viele, die schlecht erzogen, allein aus Noth und Verführung schuldig geworden sind. Unter den Frguen solche, die in ihrer Ehe durch schweres Leid und Trübsal gegangen sind und dann in der Verzweiflung eine Strafthat verübt haben. Bei ihrem Freiwerden habet? diese Frauen aber Kinder zu erziehen und zu ernähren. Es ist Nicht zu verantworten, wenn solche Unglückliche im Gefängniß der Einwirkung verdorbener Elemente ausgesetzt werden. Die Anstalten mit gemeinsamer Haft haben die schadigendste Einwirkung; die schlechtesten Anstalten sind die, wo 6 bis 8 Gefangene in einer Zelle zusammen sind, zumeist ohne Aufsicht. Aber auch diejenigen sind schädigende, wo Gefangene am Tage gemeinsam unter Aufsicht arbeiten, aber Nachts in Schlafsälen zusammen sind. Die neuen Bestrebungen treten ein für Rückführung der besseren Elemente durch erzieherische Beeinflussung und handwerklichen Unterricht. Jede Gefangene sollte eineArbeit haben, bei der sie etwas lernt und dadurch vorbereitet werden für den späteren Lebenserwerb. Sie erfüllen eine große foziale Auf- ' gäbe, sie führen die einzelne Gefangene einer redlichen Existenz zu und treten damit zugleich ein für Die Wohlfahrt und Sicherheit der Gesellschaft. Große Reformen sind ausgegangen vom Ministerium des Innern in Preußen, dem Geh. Ober - Reg. - Rath Dr. Krohne. In diesen Anstalten besteht die maßgebenoe Veränderung, daß an der Spitze der Frauenabtheilung gebildete, erzieherisch begabte Frauen stehen, Oberinnen, die sich der Gefangenen annehmen und sie individuell behandeln und die handwerkliche Beschäftigung oryanisiren. Alle Mahnahmen sind auf Besserung gerichtet. Die Vortragende hebt eingehend die Einwirkung gebildeter Frauen als Gefängnißbearv.t hervor. Als Aufgaben stellt Fräulein Friedländer hin die höchst wichtigen der Vorbeugung: die Bestrebungen der Bodenreform, der Erziehungsfrage, Sittlichkeitsfrage, Arbeiterinnenfrage, Alkoholfrage, Rechtsschutzvereine, jedes Eintreten dafür ist ein Mittel zur Verhütung des Unrechts: die Bethätigung von Gefängnißbesucherinnen, von gebildeten Frauen, die in Gefängnisse gehen zur Hilfe der Gefangenen. Sie sollen aber nicht allein aus bestem Wunsche und Willen ihrer Liebesthätiqkeit nachgehen, sondern auf dem Untergründe der Kenntniß der Gefängnißkunde und der Gesichtspunkte der Gefamgenenfürsorge. Die Hauptaufgabe wäre, überall, wo unzureichende Gefängnißeinrichtungen sind, bei den Regierungen vorstellig zu werden, für Unterbringung der weiblichen Gefangenen in Sonderzellen bei Nacht, für Anstellung von Wissenschaftlich und fachwissenschaftlich Vorgebildeten weiblichen Oberbeamten an Stelle derJlispektoren und von geprüften Unterbeamten, für möglichst weite Ausgestaltung des handwerklichen, gewerblichen, hauswirthschaftlichen und, wo es angeht, landwirthschaftlichen Unterachtes. Ferner betont die Rednerin auf das Dringendste die Nothwendigkeit eines allgemeinen Strafvollzugsgesetzes und bringt Vorschläge für Gesetzesvaragraphen für Frauengefängnisse. Sie betont auch die Nothwendigkeit der Einführung der Disziplin der Strafvollzuqswissenschaft an den Universitäten. Ferner trit! sie eii' für eine vermehrte Anwendung der bedingten Begnadigung", vor Allem für zum ersten Male verurtheilte Jugendlich?: sie können sich den Erlaß der Strafe durch fortgesetzte gute Führung verdienen. Aber die bedingte Begnadigung findet allein dann erfolgreiche Anwendung, wenn sie mit Schutzaufsicht der Fürsorgevereine verbunden ist. Verbindung der Staatshilfe mit sozialer Hilfsarbeit! Dazu treten die Aufgaben der Familienfürsorge und die großen Aufgaben der Unterbringung der Entlassenen. Es hat sich ergeben, daß die Kriminalifiik unter den Mannern, insbesondere unter den Jugendlichen, erheblich zugenommen hat, während die Zahl der weiblichm Ge. fangenen nen erheblich RückaanU zeigt.
Vom Jnlandr. Eine der zahlreich st en Famitten im Staate Minnesota hat jedenfalls Anton Muggli zu Cold Springs, unweit St. Cloud. Muggli ist 40 Jahre cH und seine Frau zählt drei Lenze wei.iger; sie haben 18 lebendige Kinder, von denen eins im Durchschnitt alle 10 Monate geboren wurde. Wie Herr Muggli sagt, war noch nie eins krank und noch kein Arzt habe je die Schwelle seines Hauses überschritten. Der kinderreiche Papa ist ein wohlhabender Farmer, der außer seinem bedeutenden Landbesitz eine schöne Mahlmühle betreibt und allgemeines Ansehen in der Nachbarschaft genießt. Schwer heimgesucht wurde in den letzten zwei Jahren eine Familie Murweis in Newark, N. Y. Nicht weniger als fünf Angehörige derselben fielen während dieser Zeit dem Ällbezwinger Tod zum Opfer. Das jüngste Mitglied der Familie, die 24jährige Clara, erlag dieser Tage der Kehlkopfschwindsucht, eine Krankheit, die sie sich durch die anstrengende Pflege,welche sie ihren im Tode vorangegangenen Lieben angedeihen ließ, zugezogen hatte. Am 28. März 1903 starb der Vater, William Murweis, an einem Schlaganfall, im August desselben Jahres die Mutter an Zuckerkrankheit, und am selben Tage eine Tochter, Carrie, an Schwindsucht: vor einigen Monaten wurde ein Sohn, William, welcher als Lokomotivführer an der Pennsyloania-Bahn beschäftigt war, zwischen Rahway und Linden von einem Zuge überfahren und auf der Stelle getödtet. Auf Anrathen der Aerzte ging Clara vor kurzer Zeit nach Jeffersonoille, Sullioan Co., N. A., aber sie fand auch dort die gehoffte Genesung nicht mehr, und man brachte sie vor Kurzem zurück, damit sie die wenigen Tage noch im Kreise der noch überlebenden Angehörigen verbringen möchte. Die Germanistische G esellschaft von Amerika", welche im December des Vorjahres sich organisirie und deren Intention es ist, die Kenntniß deutscher Kultur in den Ver. Staaten und diejenige amerikanischer Civilisation in Deutschland zu verbreiten durch öffentliche Vorlesungen, Vertheilung zweckgeeigneter Broschüren und, Einrichtung akademischer Lehrstühle, hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits Ersprießliches o?leistet, nicht nur eine große Anzahl von Mitgliedern gewonnen, unter denen sich die Träger der besten Namen New Norks befinden, sondern bereits praktisch ihre segensreiche Thätigkeit damit begonnen, daß sie einen hervorragenden deutschen Gelehrten engagir-
te, der demnächst einen Cyklus von Volksvorlesungen in einer Reihe größerer Städte halten wird, und daß sie dem Verwaltungskörper der Colum-bia-Universität die Einrichtung eines Lehrstuhls für deutsche Kulturgeschichte anbot. Ist somit der eine Theil des von der germanistischen Gesellschaft sich selbst gestellten Programms in gutem Fortschritt, so hat sie mit dem anderen, der Vertiefung der Kenntniß amerikanischer Civilisation in Deutschland", noch nicht beginnen können, da ihr vorläufig noch die nothwendigen Mittel fehlen. Die Gesellschaft, deren Aufgabe es ist. mit an der Anbahnung einer immer größeren inneren Verständigung der deutschen und amerikanischen Nation zu arbeiten, appellirt jetzt an das Deutschthum in den Ver. Staaten, diese ihre Bestrebungen zu unterstützen. Ohne Heirath keine Landung" sag:n oie Einwanderungsbeamten auf Ellis Island, wenn sie zwei liebeglühende Herzen wittern, und da ist auch nichts dagegen zu machen wie kürzlich ein deutsches Paar zu seinem Leidwesen erfahren mußte. Das Leidwesen bestand nicht darin, daß sie überhaupt sich heirathen sollten denn darüber waren sie sich längst einig, aber auf Ellis Island wollten sie sich nicht trauen lassen, während in Copperstown, N. Dakota, die Hochzeitsfeier vorbereitet war. Der Bräutigam, ein strammer deutscher Farmer, Namens Bochert, seit 25 Jahren in Amerika, hatte in jüngeren Jahren ein Liebesverhältniß mit einem hübschen Vauernmädchen in seiner Heimath gehabt. Maria Schwan aber hatte inzwischen einen Anderen geheirathet, und kürzlich hatte Bochert, der inzwischen zu Wohlstand gekommen war und 160 Acker Land in Copperstown besitzt, gebort, daß Maria Wittwe geworden; per Kabel hatten ihm seine Landsleute die Nachricht übermittelt und schleunigst fuhr er nach seiner Heimath, sich die liebe Wittwe zu holen, nachdem er alle Anordnungen zu einer großartigen Hochzeit bei der Rückkehr getroffen hatte. Die Gäste waren eingeladen und alles bis ins kleinste bestimmt; auf der Statendam" kam das Paar herüber, während der ganzen Reise freuten sie sich auf den Empfang und die Feier in Copperstown und nun erklärten die Einwanderungsbeamten is nich!" Vergebens protestirte Bochert, vergebens weinte die bräutliche Wittwe; alles nutzte nichts, die Beamten bestanden auf ihrem Schein. Da die beiden aber unbedingt sich gegen eine Civiltrauung sträubten, wurde ein Mffsionär beauftragt, ihren Bund einzusegnen, und in gedrückter Stimmung verließen sie Ellis Island, sich gegenseitig tröstend: .zu Hause heirathen wir eben noch einmal.-
