Indiana Tribüne, Volume 28, Number 201, Indianapolis, Marion County, 17 April 1905 — Page 6

Jndiana Tribüne, 17. April

ie Liebe Tihata's.

Romanze von einer namenlosen SüdseeInsel. Von A. C. 1 Nachdenklich saß Vater Johannes auf der rohgefügten Bank vor leinet Hütte und schlug in seinem Brevier, dem einzigen Buch seiner Bibliothek, das er aus dem Schiffbruch gerettet hatte, und das schon aus Rand und Band zu gehen drohte, die Vespergebete auf, während die windbewegten tropischen Bäume sich wie Silhouetten vom blauen Himmel und dem goldigen Glanz des scheidenden Tagesgestirnes abhoben. Da fühlte er sich durch ein gewisses Etwas veranlaßt, die Augen zu erheden. Durch wild verschlungenes Laubwerk hindurch konnte er bis zu einer moosbewachsenen natürlichen Bank blicken, und dort saß ein junger Mann seiner eigenen Rasse von hoher martialischer Gestalt, und, das Haupt an seine Brust gelehnt, eine dunkelhäutige Schönheit, doch nicht anz so dunZel. wie die übrigen Töchter dieses, noch auf keiner Karte verzeichneten Eilandes, und auch von regelmäßigeren Zügen. Deutlich drangen durch die Abendstille die Worte zu dem Priester: Rein, o nein, Tihata! Es war kein Unglück, welches mich an jenem stürmischen Morgen vor einem Jahre an diesen Strand warf. denn hast D u mich nicht gefunden, hast D u mich nicht in Deiner Hütte gepflegt? War es nicht ein schönes Jahr? O Geliebte, möge uns noch manches solche Jahr blühen!" Vater Johannes seufzte: Mich hat der Sturmwind in ein Gefängniß geweht, vielleian für immer; denn diese Insel scheint weit von allen VerkehrsPfaden abzuliegen. Doch ich habe im Weinberge des Herrn gearbeitet und hoffe, daß es zum Guten der heidnischen Eingeborenen ist. Aber Tihata, armes Kind!" Tiefer und tiefer wurden dieAbendschatten: der Priester trat in die Hütte und ließ sich, noch immer das Brevier haltend, am offenen Fenster nieder. Draußen kam die hohe Gestalt seines Schicksalsgenossen und Freundes vorüber, halblaut ein Matrosenliedchen trällernd. und nabm auf derBankPlatz. doch fuhr der plötzlich auf, als durch das Dunkel die Stimme des Priesters an sein Ohr schallte: Frederick, liebst Du Tihata wirtlich?" Ei, Vater," antwortete der junge Mann etwas verlegen, ehe ich meine Beichte beginnen soll, möchte ich noch etwas Zeit haben, mein Gewissen zu prüfen." Run, ich meine, ein Jcchr ist Zeit genug", versetzte Vater Johannes, heraustretend und sich neben den jungen Mann setzend. Du weißt, daß ich durch Deines Vaters gütige Verwendung die Stelle eines Kaplans auf dem Schulschiff erhielt. Von dieser Stunde an betrachtete ich mich als Deinen Bruder und als Deinen geistigen Vater. Unser Schiff ging unter; ich bin dessen gewiß, nach den Trümmerstücken, welche an den Strand getrieben sind. Ich habe keine Idee, wo unter Gottes Sonne wir uns befinden; und wüßte ich es auch, so scheint es unmöglich zu sein, der Welt Kunde von uns zu geben. Alle unsere Feuer auf den Hügeln und die anderen Zeichen haben nie eine Antwort erweckt." Ei. was liegt daran?" unterbrach ihn Maynard mit fröhlicher Stimme. Sehr schön gesagt In der That, Gott hat uns hierher gesetzt, um das Beste aus seiner Fügung zu machen. Ich will Deinem Ehrgeiz keine Schranken setzen, aber mein Beruf ist die Rettung von Seelen, ob sie sich in Amerika oder irgendwo auf dem Stillen Ocean befinden!" Die letzten Worte sprach er mit scharfer Betonung. Maynard gab keine Antwort. Das Passatschiff, das einst hier anlegte, wird nicht wiederkommen", fuhr der Priester ruhig fort. Hat denn einmal eines hier angelegt." Wer Tihata gesehen, kann das nicht bezweifeln", erwiderte der Priester lächelnd; sie ist aber schon sechszehn Jahre ah." Beide schwiegen einige Augenblicke. Endlich hob der Priester wieder an: Ich glaubte. Du würdest es leichter für uns machen." Ich verstehe nicht, Vater." Nun, hast Du sie nicht heute Abend gesehen? Fred, Du warst mein Zögling, mein Bruder; aber Du bist nur ein Mensch." Jawohl aber ein Mann", klang es heftig zurück. Habe ich nicht stets versucht, den Stolz Deines Geschlechtes zu wahren? Ich wußte von Deinen Bekanntschaften daheim; ich habe gewiß genug in Dich geredet. In der Gemeinschaft des Himmels gibt es keinen Unterschied der Rassen. Wenn ich Deinen Leib und Deine Seele retten möchte, weil Du über diesem Volk stehst, so möchte ich Tihata retten, weil Er hielt einen Augenblick inne, da er in den erregten Augen Fred's wahrzunehmen glaubte, daß seine Worte mißverstanden wurden. Na, weil?" wiederholte dieser ungestüm. Weil sagen wir, weil sie Dir vertraut hat!" .Soll das deinen, daft ick lihaia

r.icDT meqr MDn soll?" fragte Maynard mürrisch. ,F!ein, Fred; Du hast mir gelehrt, daß die Füße der Liebe weit über die Zehnmeilengrenzen dieser kleinen schwimmenden Welt hinausgehen; die Augen der Liebe dringen durch die Palmenaebänae." aier Johannes lehnte sich zurua und blickte durch die Lichtung nach der See hinaus. Er wußte, daß Maynard jetzt den ehrlichen Kampf seines Lebens kämpfte, und ein fernes und ein nahes Bild vor seinen Augen sich bewegten. . . Sie ist eines Häuptlings Großtochter, eine Prinzessin", sagte der Priester leise. Sie lernt rasch", sagte Fred, das Gesicht nach der See kehrend, deren rauschende Wogen das Echo einer schrecklichen Nacht in ihm erweckten. Sie ist gut Und schön." Und sie liebt Dich!" sagte Vater Johannes, während er in die Hütte ging. Mit erregten Schritten, unter denen das Bambusröhricht zitterte, ging Fred draußen noch ein Weilchen auf und ab. Entschlossen klang endlich seine Stimme: Ich werde Tihata heirathen." 2. Was für Narrenspoffen!" lachte Fred; sie hat jene große Palme ausgewählt, welche die moosige Erhöhung bei dem Vach beschattet, und diesen Baum soll sie heirathen! Seit zwei Wochen wendet sie die zärtlichste Sorgfält an ihn, und Blumen, Kränze und Farnkräuter bringt sie an den Stamm an, ich bin eifersüchtig." Fred, dafür ist nicht Tihata verantwortlich, sondern der alte Mann", erwiderte Vater Johannes. Er hängt an den alten Stammesbräuchen, trotzdem ich einen ziemlich guten Christen aus ihm gemacht habe. Dergleichen läßt sich nicht mit dem Evangelium ohne Weiteres auswischen. Mach' Dir keine Sorge darüber; ich werde den rechten Knoten einschlingen, wenn diese Ceremonie vorbei ist." Auf dem freien Naum vor dem Kreis der Hütten waren alle Eingeborenen versammelt. Tihata spielte ihr Rolle als ein, für den Brautkranz geborenes Kind, ohne daß Maynard sich einmischte. Es kam der Augenblick für die Vermählung der Braut mit dem auserlesenen Baum, als Totem und Seelenbindemitteln nach dem Glauben dieser Naturkinder. Ihr Großvater, jetzt zugleich OberPriester, deutete auf einen Baum, der ganz nahe bei der Hütte seiner Vorfahren wuchs. Tihata schüttelte den Kopf. Nicht dieser", sagte sie; komm!"

Und sie schritt voraus nach dem Baum ihrer Wahl, die Riesenpalme über der Moosbank am Bach. Des Häuptlings Antlitz verfinsterte sich, Tihata, nachdem sie erst den geschmückten Baum dreimal umarmt und dreimal ihre Wange gegen die Rinde gelegt, setzte über den alten Stammesbrauch hinweg und huschte auf die andere Seite des Stammes, zu dem Mann ihrer Wahl. Hunderte schwarzer fettiger Armen erhoben sich protestirend gegen die unerhörte Kühnheit des Mädchens! Doch Maynard verneigte sich, nahm Tihata in seine Arme und rief dem Pciester zu, der hinter ihm stand: ..Sage ihnen, dies ist ein Theil der Heirathsceremonie des Weißen Mannes." Ich kenne diesen Brauch nicht", antwortete der Häuptling, zu Vater Johannes gewandt; aber er soll den erwählten Baum umarmen und mir die Stammeshuldigung bringen.und dann kann er sie zum Weibe nehmen." Und Maynard, der schiffbrüchige amerikanische Flottenfähnerich, schlang die Arme um seinen erwählten Baum denjenigen, welcher der blumenumwundenen Palme Tihatas am nächsten stand und wurde mit ihm verwählt, wie Tihata mit ihrer Palme. Als so dem Stammesrecht Genüge gejcyshen, wallte Bater Johannes seines Amtes nach den Riten seiner Kirche. Ein Ohrgehänge des alten Häuptlings that als Trauring Dienst. I. Es war lange, lange darnach. . . Vater Johannes saß einsam vor seiner Hütte. Da erspähten plötzlich seine Augen am Horizont ein kleines weißes Boot, offenbar eine Dampfvinasse; und als es näher kam. wurden dahinter die Umrisse eines KriegsP PT - C l W - - y scylsses Deutlich ncylvar. Endlich!" murmelte er; Herr. Dein Wille geschehe!" Die Pinasse hielt. Drei Männe. bestiegen ein Branoungsboot und erreichten mit mächtigen Ruderschlägen den Strand, worauf sie ias Boot in den Sand herauf zogen. Einer schritt vorwärts, und einen Moment konnte der erregte Priester sein Antlitz sehen. Dann schob sich dichtes Laubwerk dazwischen. Doch bald tauchte der Ankömmling daraus empor; er trug die Uniform eines Capitäns der amerikanischen Flotte. Ein freudiger Ausruf entrang sich den Lippen Beider, als ihre Blicke sich begegneten. Du weißt, warum ich komme", sagte Maynard, als der Priester seine beiden ausgestreckten Hände mit Wärme faßte, wo ist sie?" Vater Johannes sah ihn mit einem lanaen. vorwurfsvollen Blick an.

.DU sou:en fragen: Was hat sie gelitten?" sagte er. ) sage mir ja nicht, daß meine schlimmsten Befürchtungen wahr geworden sind?" Sie sind es, Tihata ist seit sechs Jahre todt!" Fred zuckte zusammen und wandte sein Antlitz ab. Und nur so lange war ich weg", sagte er leise. Du vergaßest, daß sie Dich liebte, mit der Selbstlosigkeit eines Weibes vom Orient und der Standhaftigkeit ihres väterlichen Stammes. Du warst einen Monat ihr Gatte, ein Tag Trennung war acnua für sie." Trostlos sank Fred auf die Bank. Nach einer Weile frug er: Das Fieber?" Der Priester 'schüttelte den Kopf. Hah wohl dieses haarige Ungeheuer mit dem Pergamentgesicht? Hast Du ihm das verruchte Dasein ausgepustet?!" Nagor lebt. Du hast Niemanden anzuklagen, als Dich selbst . . . Ach, wie habe ich mich in der Menschennatur verrechnet, sogar in Deiner! Ich hörte die jungen Officiere in jener Nacht, nachdem das Schiff angelegt hatte, auf Dich einreden; diese Bambuswände brwahren Geheimnisse schlecht. Am liebsten wäre ich hinübergegangen und hätte diese Wichte durchgedroschen; aber ich hatte Vertrauen zu Deiner Festigkeit, und es machte mich glücklich, als Du noch, wie Du ihnen Gutenacht sagtest, hinzufügtest. Du könntest nicht anders, als treu sein. Und doch hast Du Dich vor Morgen feig davongeschlichen!" Ich folgte dem Ruf der Flagge.Bah! Unser Vaterland hat niemals verlangt, ein treues Weib zu verrathen. Du hattest Erlaubniß, sie an Bord zu nehmen. Als C a p i -t ä n würdest Du es wohl gerne gethan haben, doch ja, ich verstehe, die Andere!" Sie hat sich einen Monat vor meiner Heimkunft verheirathet", sagte Fred bitter. Aber mein Gott, erzähle mir doch von ihr, von ihr!" Nun, höre! Drei Stunden, nachdem der Petrel" jenen Morgen in die See hinausgefahren war, ging ich zufällig das Gestade hinab, und im Schatten eines Baumes sah ich Tihata sitzen, ihr Antlitz in ihrem Schooß vergraben. Sie war sprachlos vor Kummer; kein Seufzer entrann ihren Lippen. Ich stand vor einem schrecklichen Räthsel, und erst als ich ihr Haupt emporhob, las ich die Wahrheit, die mein Herz zusammenkrampfen machte. Ich glaubte, zu träumen", sagte sie nachher, als er im Morgengrauen sich über mich beugte und mich küßke. und ich den Kuß erwiderte.

Aber als ich an's Gestade kam, sagten mir meine Leute die Wahrheit, und Nagor grinste schadenfroh. Und ich wußte, daß meiner Mutter Traum sich erfüllt hatte!" Armes, arme? Kind! Fred, ich glaubte, ich hätte den Zorn überwinden gelernt, aber damals, als ich sie mit Gewalt vom Sande aufhob und nach ihrer Hütte trug, da kochte es wie ein Vulkan in mir, und ich muß sie rauh angefaßt haben! Ich betete ein glühendes Gebet, daß Tihata am Leben bleiben und vergessen möchte, und dieses eine Mal in meinem Leben stieß ich einen grimmigen Fluch aus: daß Du niemals vergessen könntest!" Weiß Gott, der Fluch hat sich erfüllt!" Aber mein Gebet ist nicht erhört worden; sie hat Dich nicht vergessen können! Sie hat sich nicht von einer Klippe gestürzt, sie hat nicht von den giftigen Kräutern der Insel gegessen, sie hat Nagor's Annäherung nicht ermuthigt, ihr Glaube war zu groß! Sie dachte. Du seiest gegen Deinen Willen weggeschleppt worden, und ich habe sie bei diesem Glauben gelassen." Der Capitän drückte ihm warm die Hand. Ihr Leben wurde ein einziges langes Wachen und Harren auf Deine Rückkehr", fuhr der Priester fort, und mittlerweile gab sie sich alle Mühe, ihre Kraft, ihren Muth und ihre Schönheit zu bewahren. Und nun" er zögerte soll ich Dir das Ende sagen?" Ich verdiene es. diesen Kelch auszutrinken", stöhnte der Capitän. Du weißt, daß sie nach Stammesbrauch den großen Palmbaum an der Moosbank geheirathet hatte. Mit rührender Kindlichkeit ging sie Tag für Tag dorthin, wand Blumen um den Stamm und holte Wasser vom Bach herauf für die Farnkräuter an den Wurzeln. Lange Stunden saß sie dort, lauschte dem geschwätzigen Wasser und brachte sich zu dem Glauden. daß Du der Baum seiest, und die Stimme der Wasser die Deine. Ich schalt sie darüber; ich fürchtete für ihren Verstand ; aber sie war unbeweglich. Die kalte Verzweiflung der Trennung machte die tiefe Weiblichkeit dieses Naturkindes nur um so mehr erglühen. Zu dieser Stunde jedes Tages wandelte sie nach ihren Trauerund Gedenkplatz, außer wenn der Grimm der Elemente Der Baum der Blitz!" schrie Maynard auf. Vater Johannes fragte freundlich: Möchtest Du sie gern sehen, wo sie ist?" Der Capitän erhob sich wie ein armer Sünder, der zu Richtstatt schreiten soll. Sie schritten um erne Gruppe dichtstehender Palmbäume herum und

erreichten rasch eine Lichtung, welche eine Aussicht auf die Stätte bot, wo der große Palmbaum der Liebe stand. Unter feinem Schatten saß Tihata, in vollkommenster Lieblichkeit, ihr Gesicht in tiefem Nachdenken auf die Wasser gerichtet. Vater", sagte Fred Gebend, ihr Geist! Siehst Du ihn?" Ich weiß keinen Grund, weshalb Du ein Monopol auf diesen Geist haben solltest," erwiderte Vater Johannes; natürlich sehe ich ihn oder vielmehr sie!" Freudenthränen fluthete in Freies Augen. Du hast gesagt, sie sei todt", sagte er. Jawohl, auch Lazarus war todt. Sie ist todt ohneDich! Vater", flüsterte Maynard mit heiserer Stimme, während sein Herz vor Jubel fast zerspringen wollte, Du weißt ja den Weg zurück." Und damit schob er den Priester sanft in das Buschwerk hinein und eilte wie auf Flügeln Tihata zu! Vater Johannes kehrte auf dem kürzesten Weg nach seiner Hütte zurück. Nur ein einziges Mal blieb er stehen und warf einen verstohlenen Blick hinter sich durch das Blattwerk nach dem großen Palmbaum. Dann citirte er für sich selbst das Bibelivort: Wenn Dich Dein rechtes Auge ärgert, so reiße es aus. . ' Einige Augenblicke später saß er wieder auf dem beschaulichen Bänkchen vor seiner Hütte. Das Brevier, das er in der Hand hielt, entfiel seinen zitternden Fingern; und die Hälfte des morschen Einbandes glitt in das Gras. Ich hoffe", murmelte er, Fred hat mir ein neues Buch mitgebracht." Das rothe Buch. Humoreske von Fr W. Krüger. Ein warmer Negen fiel von einem bewölkten Herbsthimmel herab und zeichnete allmählich in die kiesigen Pfade des großen, städtischen Parks anmuthige Wasserpfützen. Gleichzeitig hatte der Nebel die Liebenswürdigkeit, mit seiner in dieser Jahreszeit bekannten Verve auf alles hernieder zu sinken, was konkret hieß, und die Landschaft in einen dichten Schleier zu hüllen. Für diesen Umstand, der unter gewohnlichen Verhältnissen nicht gerade zu den angenehmsten gehört, waren dem Himmel zwei jugendliche Gestalten dankbar, welche an melancholisch flackernden Laternen vorüber auf einem der Ausgangswege des Parks nur zögernd vorwärts strebten. Denn weder der Doktor Georg Peters noch Fräulein Wanda Eschweger hegten in ihrem Innern die löbliche' Absicht, die kurze Entfernung, die sie noch von den häuslichen Penaten trennte, durch eine lebhaftere Jnanspruchnahme ihrer Piedestale abzukürzen. Eine angesichts des Regenwetters allerdings befremdliche Thatsache die indeß dadurch erklärt wird, daß die beiden unter demEinfluß jenes Affekts standen, den ein gewisser vorwitziger Götterknabe in den Herzen junger Menschenkinder zu erwecken pflegt. Ja, der Doktor Georg und das Fräulein Wanda liebten sich, und da die neugierige Welt aus bestimmten Gründen vor der Hand von diesem pathologischen Zustande nichts zu wissen brauchte, so traf man sich heimlich und auf Umwegen immer an den Tagen, an welchen die junge Dame aus der Gesangsstunde kam. Dies frohe Ereigniß fiel regelmäßig in die sechste Nachmittagsstunde. Dann gingen sie zusammen unter dem Schutze der früh einbrechenden Dunkelheit bis in die Nähe der Hausthür des Fräuleins, von wo sich der Doktor jedesmal seitwärts in dem Straßengewirr zu verlieren Pflegte. Heute nun schritten die beiden sicherer und unbefangener dahin als sonst. Die kühle, dichte Nebeldecke umhüllte sie und schloß sie ab von Späheraugen und Lauscherohren. Geliebte Wanda," flüsterte der Doktor nach einer Gesprächspause, hast Du in Bezug auf unserö Angelegenheit vielleicht schon irgend einen Plan?" Das Fräulein, ein blondes, schlankes und allerliebstes Figürchen, schmiegte sich fester an ihren Begleiter. Ach, mein theurer Georg, ich habe noch immer keinen. Tagsüber spreche ich mit Papa keine fünf Worte. Weißt Du denn nichts?" Der theure Georg wußte auch nichts. Er stampfte mit seinem Stock das aufgeweichte Erdreich und wollte dadurch ohne Zweifel seine Unzufriedenheit mit der augenblicklichen Situation darthun. Ja, die Geschichte war Problem sie hätte ruhig irgendwo als Preisaufgäbe figuriren können. Der Professor Eschweger, dem Fräulein Wanda das Dasein verdankte, gehörte zu den Leuchten der mathematischen Wissenschaft. Nicht weniger berühmt aber war er durch seine vielen Sonderbarkeiten, von denen seine weltentrückte, zurückgezogene Lebensweise nicht die kleinste war. In Bad B., wo Wanda während der großen Universitätsferien zum Besuch weilte, hatte der Doktor sie kennen gelernt und sein Herz verschenkt; aber die Sache erschien selbst für ein optimiftisch beanlagtes Gemüth zunächst als verlorene Liebesmüh", da das

Haus des menschenfeindlichen Professors für Schwiegersohncandidaten hermetisch verschlossen blieb. Wenn Georg Peters auch dieselbe Wissenschaft traktirte, in welcher der Professor als unbestrittene Autorität galt, wenn er auch auf Grund einiger werthvoller Untersuchungen über die Theorie der Kugelfunktionen" begründete Aussicht hegte, sich demnächst irgendwo als Privatdozent zu habilitiren, dem Ruhm des großen Eschweger gegenüber zerliefen seine Vorzüge wie Buttu an der Sonne. Der Mann, der des Gelehrten Töchterlein heimzuführen bestimmt war, mußte schon ein Menschenkind von ganz besonderer Art sein, ein Menschenkind, das neben seiner eminenten wissenschaftlichen Befähigung die ungleich schwerere Wissenschaft kannte, die Mauer zu durchbrechen, welche die Schrulle des alten Sonderlings um sein einsames Haus gezogen hatte. Ja, man mochte die Geschichte drehen, wie man wollte, sie schien ganz verzweifelt und so aussichtslos, wie etwa, um mathematisch zu reden, die Bemühungen um die Entdeckung der Trisektion des Winkels. Das sagten sich Georg und Wanda jeden Abend, so oft sie nach der Gesangsstunde beisammen waren und so oft sie schließlich von einander Abschied nahmen. Auch heute die gleiche Scene. Zwei Seufzer im Regen, das Gerausch eines Kusses im Nebel, dann eilte Wanda auf ein aristokratisches Haus zu, vor dessen Thür zwei große Laternen brannten, während der Doktor den Hut tiefer in die Stirn drückte und ebenfalls heimwärts wanderte. In seinen vier Pfählen angelangt, zündete er sich eine Cigarre an und warf sich der Länge nach auf das alte Ledersofa, daß es knackte. Dann begann er in dieser dem philosophischen Gedankengange vorzugsweise günstigen Lage seine Meditationen zu spinnen. Er sagte sich, daß der alte Eschweqer, von Angesicht zu Angesicht betrachtet, eigentlich garnicht so übel sei. Wenn er auf dem Katheder saß und über die partiellen Differentialgleichungen sprach, dann leuchtete sein Auge und seine Mienen glänzten von Milde und Freundlichkeit. Georg Peters nämlich versäumte kein Colleg seines großen Meisters. Er saß immer auf der vordersten Bank und schaute, in tiefe Andacht versunken, starr auf den Vortragenden, allerdings, seit der Bekanntschaft mit Wanda, weniger in der Absicht, aus dem Born derWissenschaft zu schöpfen, als in der Hoffnung, sich dem alten Herrn angenehm zu machen und vielleicht aus seinen Zügen einen Weg herauszuklügeln, welcher ihn unter das Dach des schönen Töchterleins hätte führen können. Bis jetzt freilich waren seine physiognomischen Studien ohne jeden Erfolg gewesen. Unter solchen interessanten Betrachtungen verging dieser Abend, wie die meisten seiner Vorgänger. Als sich der Doktor spät zur Ruhe begab, war er in Bezug auf den Schlüssel, der des Professors Haus schloß, um kein Haar klüger geworden. Am anderen Morgen strebte Georg wie gewöhnlich der Universität zu. Professor Eschweger las um neun Uhr. Bevor der Doktor sein Ziel erreichte, blieb er vor einem Buchladen stehen. In der vordersten Reihe der ausgestellten Sachen lag Romeo und Julia in rothem Prachtcinband. Georg dachte beim Anblick dieses klassischen Liebesgesanges an Wanda, sowie daran, daß er erst vor Kurzem mit ihr über die Schönheit des Shakespeare'schen Dramas gesprochen und daß er sie selbst im Innern unendlich oft mit der holden Tochter Capulets verglichen hatte. Einer raschen Eingebung folgend, trat er in den Laden und kaufte das Buch. Als er bald darauf im Colleg saß der Professor hatte feinen Vortrag bereits begonnen war nichts natürlicher, als das Folgende: Der junge gelehrte Zuhörer, der auch heute seine Augen fest auf die Gesichtsmuskeln Eschwegers gerichtet hatte, verwandelte in seiner Phantasie diese älteren Züge in ungleich jüngere und lieblichere, in Verfolg dieser etwas abschweifenden Gedankenrichtung dachte er dann an das Ebenbild seiner Liebsten, an die schöne Julia, und so kam es denn, daß er plötzlich seine Blicke von dem Vortragenden abzog und diese auf das in Roth gebundene Büchlein heftete, welches unter der Bank lag. Zwei Minuten später blätterte Doktor Georg, dann hatte ihn der Genius des großenEngländers mitBeschlag belegt er las so eifrig, daß er von der Weisheit, die vom Katheder herabströmte, auch nicht ein Sterbenswortchen mehr vernahm. Während dieser Zeit hatte sich auf dem Lehrstuhl etwas Seltsames ereignet. Professor Eschweger, daran gewöhnt, daß in der vordersten Reihe des Audetoriums ein junger, elegant gekleideter Mann saß, welcher scheinbar jedes seiner Worte verschlang, benutzte das aufmerksam lauschende Gesicht dieses unverwüstlichen Zuhörers gleichsam als einen festen, unverrückbaren Punkt, von welchem aus er seine gelehrten Erörterungen weiter spann. Heute nun zum ersten Male wandten sich diese starren Augen von ihm ab, glitten unter die Bank und blieben dort haften. Ueber diese unheimliche Entdeckung war der alte Herr so bestürzt, daß er stockte, von neuem anhob, sich in sehr verdächtiger Weise räusperte, abermals

stockte und offenbar gerade im Begriff war, den Faden zu verlieren, als Georg Peters, um sich her die Welt vergessend, das rothe Buch begeistert emporhob und mit lauter Stimme ausrief: ..Das ist herrlich, das ist göttlich." Ein allgemeines Gelächter ertönte als Antwort aus der Korona der Professor aber warf einen vernichtenden Blick auf den Ruhestörer, erhob sich kerzengerade von seinem Sitz und schritt mit mathematischer Gemessenheit zur Thür hinaus. Als der arme Doktor, aus allen Himmeln gestüzt, in seiner Wohnung anlangte, hätte er sich ohrfeigen mögen. Zornig schleuderte er Romeo und Julia an oie Erde und war unbefangen genug, sich einmal um's andere einen Esel zu nennen. Hätte er noch irgend eine Hoffnung gehabt, den Professor für sich zu gewinnen jetzt war auch diese vernichtet. Dann fiel ihm ein, daß heute keine Gesangsstunde sei, und er beschloßem Fräulein sein Herz auszuschütten und von diesem traurigen Fiasko Mittheilung zu machen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb einen acht Seiten langen Brief, der von Selbstanklagen und Verzweiflung überfloß. Am nächsten Morgen hielt er bereits die Antwort in den Händen. Die junge Dame schickte ihm einige ermuthigende Zeilen, wodurch sie wieoerum bewies, daß die Frau in solchen kritischen Augenblicken die Stärkere ist, urfb ferner ein kleines Packet, in welchem eine Broschüre lag. Als Fritz den Brief gelesen hatte, frohlockte er. Ja, Wanda hatte Recht. So mußte es gehen. Sie gab ihm den Ariadnefaden in die Hand, um sich aus diesem Labyrinth herauszuwickeln. Ueberglücklich hob er Romeo und Julia vo der Erde auf, that mit diesem Prachtwerk etwas durchaus Merkwürdiges, ergriff die Broschüre und eilte zum Buchbinder. Am nächsten Tage früh um neun Uhr saß Georg wieder im Colleg. Der Professor begann seinen Vortrag, und wieder sah er vor sich den festen Punkt, welchen für ihn das unbeweglich lauschende Gesicht des jungen, eleganten Mannes in der vordersten Reihe bildete. Da plötzlich genau wie vorgestern sinken dessen Augen in die Tiefe, wo sie sich, durchaus in Anspruch genommen von einer offenbar nicht zur Sache gehörigen Lektüre, festklammern. Der alte Eschweger, der soeben bei einer schwierigen Berechnungsmethode angelangt war, ist fassungslos. Er stockt auch heute, noch zwei zusammenhanglose Sätze, dann schweigt er gänzlich jetzt hat er wirklich den Faden verloren. Und mit einem Male ertönt in die lautlose Stille ringsum die Sti? me des lesenden jungen Mannes. Wie vorgestern das rothe Buch emporhebend, ruft er aus: Das ist herrlich, das ist wunderbar, das ist göttlich!" Dann, als er das Lachen um sich hört, scheint er wie aus tiefem Traum zu erwachen. Er erhebt sich verlegen und schreitet, offenbar um sich zu entschuldigen, langsam auf das Katheder zu. Doch der Professor, hochroth im Gesicht und keineswegs gewillt, derartige Ausschreitungen in seinem Colleg zu dulden, ist dem Missethäter entgegen gegangen. Jetzt steht er vor ihm. Mein Herr ich bitte um Erklarrung dieser sehr sonderbaren wiederholten Störung. Jawohl, ich bitte darum! Hm . . . und was ich fragen wollte, hm ... . welche Lektüre hat Sie denn so begeistert?" Der Angeredete überreicht mit niedergeschlagenen Augen und der zerzerknirschten Miene eines armen Sünders das rothe Buch. Der Professor öffnet und liest: Beiträge zur Theorie der krummen Flächen" von M. Eschweger den Titel seiner neuesten wissenschaftlichen Abhandlung, die er erst vor wenigen Tagen als Broschüre edirt hat. Nach zwei Tagen was konnte selbstverständlicher sein erhielt Georg Peters einer der begabtesten Jünger der Wissenschaft", wie ton Professor Esckweger jetzt laut und öffentlich nannte, eine Einladung zum Thee, welchen Fräulein Wanda bereitete. Ihr listiger Rath, in den rothen Umschlag von Romeo und Jutt Nroscküre besten zu lassen.

hatte sich ausgezeichnet bewährt. Acht Wochen später wurden die ersten Jnsertionsgebühren in der Zeltung bezahlt, und ein Jahr darauf die zweiten. Georg und Wanda waren verewigt ihr Glück aber dankten sie dem verwandelten Shakespeare. Boshaft. Gebirgler (sieht, wie ein Bergfex auf dem (sasthaustisch einen Strauß gepflückter Disteln ordnet und ruft): Mahlzeit!" Zartfühlend. Sie sind rn Trauer, Herr Müller?" Ja, die Mutter meiner Frau ist kürzlich gestorben!" Mein BeUeld!... Aber warum sagen S' denn nicht gleich Schwiegermutter"?" Ja, schau'n S', sie war hatt eine gute SeelT Individuelle Erklärung. Ehepaar: Hat man von je nem Hügel eine schöne Rundsicht?Bauer: Dös glaub' i' (zur Frau gewendet): auf dem Bergerl jehg'n S' a Dutzend Kirchen und (zum Ma.tn gewendet:) zehn Wirthshäuser!"