Indiana Tribüne, Volume 28, Number 199, Indianapolis, Marion County, 14 April 1905 — Page 5

Jndiana Tribune 14. April 1005.

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John Brettons Liebeswerbnng.

Autorisierte Uebersetzung aus d?m Englischen von Teut Obach. thut mir leid, Herr Bretton, aber ich kann nicht Ihre Frau werden." sagte Frau Dallinger. Die so jprach, war die Lehrerin der Schule von Broten Ridge und wurde trotz ihrer zweiunddreißicz Jahre für die bei weitem schönste Frau in jener rauhen Minenstadt gehalten. Ist es ist es, weil Sie jemand lieber mögen?" forschte John Bretton hartnäckig weiter. Nein, nicht das," antwortete die Frau ziemlich niedergeschlagen. Ich ich mag Sie sehr gern. Ich mochte Sie vom ersten Tage an, wo ich Sie sah. Denken Sie noch daran? Als Sie mich photographirten?" John Bretton erröthete im Stolze feines Berufes. Er war der Photograph des Ortes, der einzige im ganzen Distrikt, und scharrte sich auf bequeme Weise ein Vermögen zusammen, indem er die Grubenleute von Broken Ridge bei jeder sich bietenden Gelegenheit abkornerfeite, denn der Goldgräber giebt, wenn er gut verdient, sein Geld leicht aus und hat bei all seinem rauhen Aeußeren eine ziemliche Portion persönlicher Eitelkeit. Es war das schönste Bild, welches ich je anfertigte," brach John enthusiastisch los. Aber es konnte ja auch nicht anders als schön werden," fügte er hinzu, während seine Augen auf ihrer schönen Gestalt ruhten und dem hübschen, jetzt sanft von dem eben empfangenen Complimente gerötheten Gesichte. Ist es, weil Sie die Schule nicht gern aufgeben wollen?" fraoe er dann weiter, indem seine Augen durch das niedliche Wohnzimmer des Schulhauses wanderten. Nein, nein! Das ist nicht der Grund," sagte sie mit leicht zitternder Stimme. Nicht weil man mir gekündigt hat und ich in einem Monat fort muh. Ich bin von der Schule entlassen." Von der Schule entlassen!" rief John Bretton erstaunt aus. Entl lssen. nachdem Sie hier von Eröffnung der Schule an Lehrerin waren? Nach acht Jahren!" Ja, ich bin entlassen," antwortete Frau Dallinger traurig. Sie sie haben etwas gehört etwas Nachtheiliges über mich, und nun glauben sie, daß ich nicht mehr die geeignete Person bin, um ihre Kinder zu lehren." Sie meinen, sie haben gehört, daß Ihr Mann " Sie haben gehört, daß mein Mann einen Mord beging!" rief Frau Dallinger bitter aus. Und für sein Verbrechen soll nun die Frau, die er vor zehn Jahren verließ, bestraft werden. Sie soll als unwürdig des Verkehrs mit ihren Mitgeschöpfen gebrandmarkt und in den Rinnstein geworfen werden, um Hungers zu sterben!" Die feigen Schurken!" sagte John Bretton zornig. Ich möchte ihnen einmal meine Meinung sagen und ich werde es auch. Was haben Sie denn gethan, möchte ich wohl wissen. Sie haben Ihr Brot ehrlich verdient und Ihre Pflicht gethan. Nicht werth, ibre Kinder zu lehren, in der That! Viel zu gut sind Sie dafür! Sie sind ein Engel vom Himmel für sie, und da ist nicht ein- unter den kleinen Göhren, das nicht gern sein zartes Leben aus Liebe für Sie hergeben würde. Aber ich weiß wohl, wer das gethan hat. Ich weiß, wer diese elende Geschichte ausgegraben hat. Das ist Harold Venners Werk! Er hat Sie immer gehaßt!" Ich glaube nicht, daß Herr Venner mich haßt," sagte Frau Dallinger, schwermüthig über Johns ungestümen Zorn lächelnd. Hat er mich doch sogar einst dadurch geehrt, daß er mich bat, sein Weib zu werden." Coroner Venner hat Sie gebeien, sein Weib zu werden?" rief John Ustürzt aus. Coroner Venner und Herr John Bretlon haben mir beide diese Ehre erwiesen," sagte Frau Dallinger feierlich. Aber warum sind Sie so erstaunt darüber?" 0, nichts, nichts," antwortete Bretton schnell. Ich werde es Ihnen moigen erzählen." Einige Augenblicke stand er in Gedanken. Dann erhob er sich, durchquerte das Zimmer und stand an der Lehrerin Seite. Frau Dallinger." sagte er ruhig, ich möchte Sie um etwas bitten. Ich weiß, es wird Ihnen Schmerz bereiten, aber ich bitte Sie, mir zu erzählen. was Sie über den Mord wissen, den Jbr Mann beging." Ich kann Ihnen wenig darüber fagen," erwiderte die Frau langsam. Ich lag zu der Zeit schwerkrank in Adelaide, und man hat mir erst davon erzählt, nachdem Monate darüber vergangen waren. Ich heirathete Mark Dallinger vor dreizehn Jahren. Ich war damals neunzehn und wurde für hübsch gehalten. Aber Marks Liebe war lange nicht so echt wie die meinige. Er wurde bald meiner überdrüssig und begann, mich schlecht zu behandeln. Einmal ging er darin ein wenig zu weit. Die Nachbarn begannen darüder zu reden, und die Geschichte kam meinem armen, alten Vater, welcher damals noch lebte, zu Ohren, und. alt rpie er war, peitschte er meinen Mann öffentlich aus und nahm mich dann

mit sich. Das nächste, was wir von Mark höiücn, war, daß er in Ballarat unter dem Namen Alfred Fort wohnte. Ungefähr nach einem Jahre schrieb er mir einen reuevollen Brief, erzählte mir, er habe in den Minen Geld verdient, und schickte mir 50 Dallors. Er sagte mir. er sei im Begriff, mit seinen Grossen andere, neuere Minen aufzusuchen, und wenn alles gut gehe, wolle er seßhaft werden und ein neues Leben beginnen, und er hoffe, ich würde dann zu ibm zurückkehren. Er sagte, er habe Goldstaub im Werthe von nahezu 5000 Dollars bei sich, so daß wir ganz wohlhabende Leute sein würden. Bald darauf wurde mein Vater krank und verschied nach monatelangem Leiden. Dann brach auch ich unter rem Kummer und den Anstrengungen der Pflege zusammen und lag monatelang danieder. Später erzählten sie mir, daß Mark nordwärts gegangen sei und daß er mit seinem Genossen in Streit gerathen sei und ihn ermordet habe, wie man annahm, wegen seines Antheils am Golde. Dies geschah an einem einsamen Platze, MertonsDrive genannt, und so wurde die Leiche erst nach mehreren Tagen entdeckt. Obwohl der Kopf völlig vom Körper getrennt war, wurde doch festgestellt, daß es der Mann sei, welcher mit Alfred York durch einige Städte gewandert war. Seit jener Zeit, es sind nun zehn Iahre her. habe ich niemals wieder etwas von ihm oder über ihn gehört. Nach meiner Genesung widmete ich mich dem Lehrfache, und vor acht Jahren erhielt ich diese Stelle in Broken Ridge. Ich behielt meines Mannes Namen, verbreitete aber den Glauben, daß mein Mann todt sei. Manchmal wünsche ich, es wäre der Fall!" Wenn Sie die Gewißheit hätten, daß er todt wäre, Frau Dallinger, würden Sie mich dann heirathen?" fragte John Bretton ernsthaft. Ja. John Bretton, wenn ich es gewiß wüßte." sagte Frau Dallinger freundlich, aber dieses Wenn" macht, was Sie wünschen, unmöglich." Noch eine Frage, Frau Dallinger," sagte John, wußten Sie, als Sie nach Broken Ridge kamen, daß es nur wenige Meil.n von Mertons Drive entfernt liegt?" Ich wußte es nicht bis vor einem Jahre." Und wußten Sie, daß der Kopf

des Ermordeten niemals entdeckt wurde?" Nicht bis der Schädel vor einer Woche gefunden wurde," sagte die Frau mit Schaudern. Es waren einige thörichte Worte, die ich damals sprach, welche die Welt darüber belehrten, daß ich eines Mörders Weib fei." Würden Sie tapfer genug fein, der Verhandlung beizuwohnen, welche morgen wgen des Schädels stattfinden wird, Frau Dallinger?" fragte Bretton eindringlich. Oh, ich kann es nicht," rief die Frau entsetzt aus. Ist es denn nothwendig? Und ist es rathsam?" Es ist nicht nothwendig," erwiderte Bretton, denn man wird Sie nach nichts fragen. Trotzdem wünsche ich Jhret- und meinetwegen, daß Sie kommen." Ich verstehe Sie nicht," sagte Frau Dallinger. Schadet nicht," entgegnete Bretton. Werden Sie kommen, weil ich Sie darum bitte?" Ja. wenn Sie es wünschen, werde ich kommen." Das Gerichtsgebäude von Broken Ridge war gedrängt voll. Es ging das Gerücht, daß die Verhandlung wegen des bei Mertons Drive gesundenen Schädels sogar noch besser als ein Verhör sein werde, und ein Verhör stand in Broken Ridge beinahe in derselben Achtung wie ein Circus. Allerdings schien auch das Gerichtsgebäude selbst etwas Außergewöhnlichcs zu versprechen, denn über jedem Fenster hing eine Rolle dicken, schwarzen Tuches. Ihr Zweck wurde eifrig diskuhri, als der Burgermeister erschien, worauf sofort allgemeine Stille eintrat. Meine Herren," sagte der Bürgermeister, ich bin im Zweifel, wie ich die Verhandlung, in welche wir jetzt eintreten wollen, bezeichnen soll. Man kann sie kaum eine Untersuchung nennen, da wir eine solche schon vor zehn Jahren wegen des Körpers des Man nes, von dem wir annehmen, daß ihm der kurzlich gefundene Schädel gehört habe, angestellt haben. Inspektor Short hat mir gewisse Argumente vorgetragen, und er wünscbt nun dieser dieser Versammlung von Mitbürgern einige interessante Beweisstücke vorzulegen, welche seiner Mei nung nach klarstellen werden, daß der Schädel Richard Somers gehörte, welcher vor zehn Jahren in Mertons Drive ermordet wurde. Sie wünschen. Herr Inspektor?" Ich sagte, ich würde beweisen, daß er dem ermordeten Mann gehöre," sagte der Inspektor. ..Ganz recht, ganz recht." fuhr der Bürgermeister fort. Inspektor Short ist ängstlich besorgt, daß ich keinen Irrthum begehe. Wir müssen natürlich im Auge behalten, daß es im Bereiche der Möglichkeit liegt, daß der Schädel irgend einem anderen Individuum gehört hat und nicht dem Ermordeten. Meine Herren! Ich betrachte dieses nicht als eine formelle Untersuchung, aber ich habe doch den Coroner. Herrn Venner, gebeten; der Verhandlung beizuwohnen, damit er, wenn er es für

nöthig hält, nachher eine offizielle Lei-

chenschau des Korpers ich meine natürlich des Schädels abhalten kann. Da Herr Venner erst seit sechs Iahren in unserem Distrikt wohnt, in welcher Zeit er zu der geachteten Stellung eines Stadtrathes und Coroners emporgestiegen ist, bin ich sicher, er wird aern ein kurzes Resume der ersten Leichenschau hören, und ich zweifle Nicht, daß außer ihm viele m diesem Saale zum ersten Male davon hören werden. Meine Herren! Vor zehn Jahren, am 17. März, kamen zwei Männer nach Broken Ridge, die ihre Namen als Alfred tyoxt und Richard Somers angaben. Wer sie waren und von wo sie kamen, hat man nie erfahren. Man wußte nur. daß sie Goldgräber waren und daß jeder eine große Menge Goldstaub besaß. Sie blieben in der Nacht im Grand-Hotel. Beide Männer waren wohlgestaltet, aber in ihrem Wesen waren sie sehr verschieden. D?r eine war roh und heftig und trug ein rothes Hemd und keinen Kragen. Der andere glich mehr einem Dandy und war mit mehr Sorgfalt gekleidet. Es war der letztbezeichnete Mann, welcher einen so plötzlichen Tod fand. Am nächsten Morgen bezahlten sie ihre Rechnung, verließen zusammen das Hotel und wurden dann auf dem Wege nach Mertons Drive von einem Mann, Jack Rowley, welcher inzwischen gestorben ist, gesehen. Seitdem hörte man nichts mehr von ihnen, bis der Körper des besser gekleideten Mannes, Richard Somers, einige Tage später todt in Mertons Drive aufgefunden wurde. Der Kopf war völlig vom Körper getrennt und wurde me entdeckt, aber von dem jetzt gefundenen Schädel mmmt man an, daß er derjenige des Ermordeten ist. Vor zehn Jahren wurde Alfred Aork wegen Mordes veruriheilt, es gelang aber nie, ihn zu verhaften. Meine Herren! Ich bitte nun Herrn Inspektor Short, den Beweis anzutreten." Inspektor Short war ein gewandter, kleiner Mann, der schnell ans Werk ging. Zunächst wurden die Zeugen aufgerufen, die über die Auffindung des Schädels berichten sollten. Dann wandte sich der geistreiche kleine Inspektor leicht lächelnd an den präsidirenden Bürgermeister. Euer Ehren." sagte er, ich werde Ihnen jetz' inige Beweismittel unterbreiten, d Sie in den Stand setzen werden, den Schädel, welchen Sie hier auf dem Tische vor sich sehen, zu erkennen. Ich bitte John Bretton vorzutreten." Sie sind Photograph?" fragte er. Jawohl." Am 17. März vor nunmehr zehn Jahren photographirten Sie zwei gerade angekommene Männer, welche ihre Namen als Alfred York und Richard Somers angaben?" So ist es." Es war dieser Photographie zu danken, daß der Körper des Richard Somers einige Tage nach dem Morde identisizirt wurde?" Jawohl." Glauben Sie, daß der Schädel hier auf dem Tische der Schädel Richard Somers ist?" Ich glaube I nicht," antwortete Bretton unter allgemeiner Aufregung. Bringen Sie Ihre Gründe vor," sagte der Inspektor. In wenigen Augenblicken waren die dicken, schwarzen Vorhänge vor die Fenster gezogen, und der -Gerichtshof war in Dunkel gehüllt, nur daß ein paar Gasflammen brannten. Eine weiße Leinewand wurde am Ende aufgerichtet und in der Mitte des Saales ein Gestell mit einer Laterna Magica" aufgebaut. Bald darauf erschien eine Scheibe weihen Lichtes auf der Leinewand, und die anderen Flammen wurden niedergedreht. Mit verblüffender Schnelligkeit wurde eine vergrößerte Photographie des Schädels auf die Wand geworfen, und man hörte deutlich John Brettons Stimme in dem schweigsamen Saale. Dieses, meine Herren, ist eine Aufnähme, welche ich kürzlich von dem Schädel gemacht habe, von dem behauptet wird, daß er Richard Solners gehöre." Dann verschwand der Schädel, und nach wenigen Augenblicken erschien an seiner Stelle das Antlitz eines schönen Mannes. Dieses, meine Herren, ist das Bild, welches ich von Richard Somers am 17. März anfertigte." Minutenlang war jedes Auge auf die Wand gerichtet und viele schienen sich des schönen Gesichtes zu erinnern. Seltsamerweise beschränkte sich dieses nicht auf die älteren Einwohner. Meine Herren!" fuhr John Brettons klare Stimme fort, die Stellung, in welcher ich den Schädel photographirte, war identisch mit der Stellung, in der Richard Somers Kopf gehalten wurde. Ich werde jetzt beide Photographien ' gleichzeitig auf Die Wand werfen, oie eine über die andere und doch beide zugleich sichtbar, und ich bitte Sie, zu beachten, daß die Züge, besonders die Zähne und Augen, nicht aufeinander passen und rm Schädel nicht am rechten Platze zu sein scheinen." Unter lautloser Stille begann das Gesicht auf der Leinewand in der Gegend von Augen und Mund zu verfchwinden und einen geisterhafte Ausdruck anzunehmen. Plötzlich

konnte man den Schädel deutlich unter dem lächelnden Gesichte erblicken, aber, wie John gesagt hatte, die Augen waren nicht genau in den tiefen Augenhöhlen des Schädels. Auch die Zähne und Kinnbacken paßten nicht genau zu jinn und Mund. Meine Herren!" sagte John, ich werde jetzt das Gesicht mit einem anderen vertauschen und bitte Sie, genau auf die Veränderung zu achten." Allmählich veränderte sich das Gesicht, und die Züge fügten sich verblüfsend genau den Knochen an, daß die Wirkung eine schauerlich geisterhafte war. Es sah aus wie ein von dem gespenstigen Bilde eines lebenden Gesichtes umgebener Todtenkopf. Meine Herren!" sagte John, dieses ist das Gesicht des Mannes, dem, wie ick behaupte, der Schädel gehört. Lassen Sie mich den letzteren entfernen und Ihnen die Gesichtszüge von Alfred Sork zeigen, oder, um ihm seinen rhten Namen zu geben, von Mark Dallinger, dem Ehemann unserer Schullehrerin, welche kürzlich als die Frau eines Mörders gebrandmarkt wurde, wo man sie als die Frau eines Gemordeten hätte bemitleiden sollen." Donnernder Applaus folgte dieser Erklärung, und hätte John nicht einen Schieber mit den Worten Es kommt noch mehr!" bereit gehabt, würde die ganze Versammlung sich aufgelöst haben vor lauter Eile, die schöne Lehrerin von Broken Ridge um Verzeihung zu bitten. Die Ruhe wurde schnell wiederhergestellt, und wieder erklang Johns Stimme über der Menge. Es kommt noch etwas, meine Her-

ren," sagte er. Ich möchte Ihnen noch einmal das Bild von Richard Somers zeigen, welchen wir nun als den Mörder bezeichnen können. Vielleicht werden Sie ihn erkennen." Wieder erschien das erste schöne Gesicht, und alle strengten ihre Augen an. Geben Sie Acht," sagte Bretton. ich werde jetzt ein anderes, neueres Bild desselben Mannes darüberlegen. Beachten Sie, wie Haar und Bart das Gesicht verändern, aber wie wenig die Züge wechselten." Langsam begannen Haar, Kinn und Oberlippe dunkler zu werden, und nach wenigen Augenblicken erschollen wilde Rufe aus der beobachtenden Menge. Ich erkenne ihn jetzt! Ich erkenne ihn: .Es ist Venner, der Coroner!" schrie es laut. Im Nu waren die schwarzen Vorhänge heruntergerissen. Aber der Coroner war verschwunden. Sein Sitz war leer. Unter den ersten, die vortraten, um Frau Dallingers Hand zu erfassen, war der Bürgermeister und Vorsitzende der Schulbehörde. Gewähren Sie mir Verzeihung, meine liebe Frau Dallinger," sprach er. Sie denken doch natürlich jetzt nicht daran, die Schule zu verlassen?!" Ich fürchte doch." sagte John Bretton ruhig, denn sie hat eine Lebensstellung bei John Bretton angenommen." Der Herzensknackcr. Humoreske von Tco von Torn. Es gibt eine Seelenstimmung, die so unklar, zerfahren und Widerspruchsvoll ist, daß man sich selber in ihr nicht ausrennt. Ein Philosoph aus dem Volke hat diese Stimmung einmal in die Worte gekleidet: Ich habe so'n Durscht. daß ich nicht weiß, wo ich vor Hunger schlafen soll so friert mich." Rittmeister von Plath war um drei Uhr von seinem Besuche bei seinem Oheim, dem Domänenrath Hirsekorn auf Saatwinkel, heimgekehrt , und um fünf Uhr saß er immer noch auf der von blutrothem wilden Wein umsponnenen Veranda seiner Wohnung, völlig im Unklaren darüber, ob er sich krank melden, eine halbe Flasche weißen Portwein trinken, eine längere Reise unternehmen, einen stehrischen Jodler riskiren oder mit seinemArmeerevolver sich todtschießen solle. Was ihm begegnet war, das hatte er nicht erwartet.' Kein Mensch hätte es erwartet, 'der den Rittmeister von Plath kannte und seine unfehlbare Sieghaftigkeit. Er war abgefallen abgefallen bei seiner eigenen Cousine in einer Herzenssache, wie sieErich von Plath herzlicher und ernsthafter in seinem ganzen Leben nicht gemeint. Er hatte einen dicken Strich gezogen unter die vielen, mehr oder minder belasteten Conti jenes Schuldbuches, das Gott Amor als Hauptbuchhalter geführt; er hatte sogar damit angefangen, einige Wechsel zu bezahlen, anstatt sie prolongiren zu lassen , eine Thatsache, die für seinen Bankier beinahe verhängnißvoll geworden wäre. Sally Bromberger hatte eine krampfartige Maulsperre bekommen. Ja, der Rittmeister von Plath hatte es sogar über sich gewonnen, seiner allerersten wahren Liebe ein ziemlich umfassendes Geständniß abzulegen theils weil ihn Herz und Gewissen dazu gedrängt, theil auch, weil es immer praktischer ist, emiges selbst zu gestehen, als alles von andererSeite zutragen zu lassen. Gerade davon, daß er Magda Hirsekorn rückhaltlos sein Herz und dessen bisherige Fehler offenbart, hatte er sich Bedeutendes versprochen. Er war ordentlich selbst ergriffen gewesen von seiner tapferen Wahrhaftigkeit. Er hatte sich geläutert gefühlt, frei von aller Schuld und würdig, das reizendste, blondeste, liebenswertbeste Mädcke

sein nennen zu dürfen. Daß dreseS Mädchen ihn liebte, wußte er. Er hätte nicht Erich von Plath sein müssen, um das nicht zu merken. Wenn sich zwischen seine Reisepläne und den Armeerevolver auch das anscheinend deplacirte Bedürfniß drängte, seinem Herzen durch einen Jodler Luft zu machen, so geschah das eben in jener beseligenden Gewißheit. Als er heute auf Saatirinfei eingetroffen war, hatte ihr Händchen in seiner Rechten gezittert, und ihr warmer, leuchtender Blick hatte seine guten Vorsätze gefestigt und zur Reife gebracht. Als er dann aber seine Bekenntnisse vollendet und imAnschluß daran die große Frage an sie gerichtet, hatte sie sich abgewandt und nein gesagt ein so ungeduldiges, herbes, gereiftes Nein!", daß er kein Wort mehr gefunden und im Leichenträgertempo mit seinen so jäh gestorbenen Hoffnungen nach Hause geritten war. Er war nicht einmal zum Abschied ins Schloß gegangen. Er wollte Niemand mehr sehen und hatte auch Niemand gesehen, als Liddie Hirsekorn. seine jünaere. fünfzehnjährige Cousine. Sie hatte an jener Stelle gestanden, wo das Parkgatter sich auf die Chaussee öffnete, hatte den Zeigefinger gegen dieStirn gedrückt und ihm etwas zugerufen, was sich wie Hammel oder Kameel angehört. Auch diese merkwürdige AbschiedsPantomime drängte sich in den Kreis seiner verzagten Erwägungen. Was hatte der quecksilberne Backfisch, mit dem er sich sonst vortrefflich stand, damit gemeint? Ein an die Stirn gelegter Zeigefinger drückt bei den Tungusen ebenso wie bei den Mit.teleuropäern den Verdacht der Verrücktheit aus. Hatte er etwas gethan, was diesenVerdacht rechtfertigte ? Ein wilder Grimm packte ihn. All das Grübeln und Sinnen, die Rathlosigkeit und Zerfahrenheit der letzten Stunden drängte nach einem Ausdruck. Er warf die Reitpeitsche auf den Tisch und Preßte beide Fäuste gegen die Schläsen. Ja bin ich denn verrückt?" knirschte er laut vor sich hin. In demselben Moment ließ er die Arme sinken und sprang auf. Complett " hatte eine Stimme

mit ruhiger Ueberzeugung geantwortet. Gleichzeitig raschelte s in dem rothen Laube, und Liddie Hirsekorns pfifftges Gesicht schob sich durch die Blätter. Während sie sich mit der einen Hand an der Brustwehr der Veranda festhielt, strich sie mit der andern das lose Haar aus der Stirn und nickte dem Verdutzten freundlich zu. Guten Tag. lieber Vetter hilf mir mal, bitte, erst hier herüber, dann will ich Deine Frage an das Schicksal eingehender beantworten. So vielen Dank." An der Hand des Rittmeisters war sie mit einem Sprunge auf der Veranda. Sie schüttelte das Haar aus dem Nacken und warf sich unter glucksendem Auflachen in den nächsten Korbsessel. Wo kommst Du her?" fragte der Rittmeister, immer noch völlig consternirt. Von Saatwinkel natürlich. Ich habe Dir doch noch beim Abschied einige Honneurs gemacht " Wofür ich Dir die Ohren schrauben werde. Wie kannst Du auf offener Straße Hammel hinter mir herrufen?" Das habe ich nicht gethan." Ich hab's gehört!" Da hast Du mich entschieden mißverstanden. Ich habe Kameel gesagt, und dazu hatte ich meine Gründe. Wir wollen uns aber darum nicht zanken, Vetter. Ich kann nur wenige Minuten bleiben. Der Josef ist zur Post gefahren und soll mich auf dem Rückwege hier abholen. Wir müssen also die Zeit nützen " Wer schickt Dich?" Niemand. Wer soll mich schicken? Mein edles Herz schickt mich. Magda braucht schon das dritte Dutzend Taschentücher, und Papa ist wüthend " Auf wen " Auf Dich natürlich. Weil er schon hundert Flaschen Sekt zur Verlobung bestellt hat und weil nun aus der Geschichte nichts werden soll, da Du ein unverbesserlicher Aufschneider und Renommist bist." Des Rittmeisters Stirn röthcte sich. Mein liebes Kind," sagte er ernst, unsre verwandtschaftlichen u.id freundschaftlichen Beziehungen gestatten es wohl, daß wir uns gelegentlich im Scherze zoologische Namen beilegen wie Du das vorhin wieder gethan hast. Was Du da aber soeben bemerktest, geht doch etwas zu weit. Du weißt weder, was Du sprichst, noch worum es sich handelt!" Mein lieber Vetter," erwiderte die Kleine, indem sie seinen ernsten Ton drollig nachäffte, ich weiß beides. Ich weiß überhaupt alles. Um es kurz zu machen, werde ich Dir das sofort klarlegen. In den fünf Monaten, seit Papa Saatwinkel übernommen hat, bist Du ständiger Gast bei uns. Daß Du wöchentlich drei-, auch vier- und fünfmal herauskommst, um Papas friesische Ackerpferde zu besehen oder Dir einen Vortrag über Lupinen als Zwischenbau halten zu lassen, hat mir gleich nicht eingeleuchtet. Ich war die erste, die es gemerkt hat, daß Du es auf Magda abgesehen hast. Bald darauf muß es auch Magda gemerkt haben , denn jedesmal, wenn Du kommen solltest, hatte sie Fieber, und wenn Du weaaeaangen warst, mit, dem Versprechen, Jörgen ierzukomMen.. hat.

sie mir immer einen fürchterlich heftigen Kuß gegeben. Zuletzt hat es sogar Papa gemerkt. Umständlich, wie Väter in solchenSachen sind, hat er sich hier in der Stadt nach Dir erkundigt."

Ach du himmlische Güte " Ja, das kannst Du ihm aber nicht verdenken. Trotz der nahen Verwandtschaft kennen wir uns doch eigentlich erst seit ein paar Monaten. Was er vorher von Dir gewußt, schien nicht das Beste zu sein. Jedenfalls hat er unter der Hand verschiedene Deiner Kameraden ausgeholt. Auch bei Herrn Bankier Bromberger hat er sich erkündigt " Allmächtiger !" stöhnte der Rittmeister, indem er sich schwerfällig in einen Sessel niederließ und den entsetzten Blick in die vergnügt zwinkernden Schalksaugen der Kleinen bohrte. Na. und ?" Du bist der beste, solideste und ordentlichste Mensch." Der Rittmeister schluckte ein paar mal heftig, dann brauste er auf: Und Du bist eine dumme Gans, die sich schlechte Witze mit mir erlaubt!" Liddie Hirsekorn war nicht empfindlich. Sie lachte hell auf und trommelte vor Entzücken mit beiden Fäustchen auf ihre Knie. Dann warf sie mit einer raschen Bewegung des Kopfes die Haare in denNacken und bestätigte vergnügt: Thatsache. Der beste, solideste und ordentlichste Mensch. Alle haben's gesagt. Trotzdem aber hatte Papa noch einige Zweifel, und da hat er sich eines Abends in der Krone" DeinenFreund Kroßberg vorgeknöpft, der nebenbei auch ein Pathenkind von Papa ist und zu dem er volles Vertrauen hat. Man habe doch früher mancherlei gehört, was ein schiefes Licht auf Dich werfe Kroßberg möchte mal reinen Wein einschenken. Das hat er denn auch gethan." Kroßberg! Oh, dieser " Er hat gesagt, daß Du nur einen Fehler hättest. Und wenn Du irgendwo in einem schiefen Licht ständest, dann läge das an diesem Fehler. Wäh rend andere Leute ihre Aventüren zu verschleiern suchten, bildetest Du Dir solche ein und renommirtest sträflich damit. Wenn also dergleichen irgendwo laut würde, so sei das nur auf Deine Aufschneiderei zurückzuführen." Der Kerl ist auch verrückt!" schrie der Rittmeister. Ihr seid überhaupt alle " Liddie Hirsekorn winkte mit einer pathetischen Handbewegung ab. Nuc keine Retourkutschen, lieber Vetter mit denen Du Dich außerdem an der Familie deiner Braut ver sündigst. Selbstverständlich bat Papa mit Magda über Deinen einzigenFehler" gesprochen. Und nun kannst Du Dir selbst ausmalen, was es für einen Eindruck machen mußte, als Du sogar in der geweihten Stunde, in der Du Magda endlich Dein Herz öffnetest, in Deinen alten häßlichen Fehler verfielst! Es war gräßlich, Erich. Schauderhaft war's. Du kannst mir's glauben, denn ich saß hinter einer dicken Buche und habe jedes Wort gehört. Deine Liebeserklärung an sich war ja sehr hübsch. Wenn mir Jemand eine solche Liebeserklärung machte, ich würde ihm vor Freude in die Waden kneifen. Thatsächlich. Aber in einem solchen heiligen Moment mich mit Renommistereien ankohlen lassen, das würde mir auch nicht gefallen. Das war verdreht. So was läßt sich ein vernünftiger Mensch nur mit aller Gewalt aus de? Nase ziehen, nachdem er längst verheirathet ist. Deshalb habe ich an die Stirn getippt und Kameel gesagt. Jetzt weißt Du's." Der Riltmeister wollte etwas erwidern, aber er verzichtete darauf. Er lehnte sich gebrochen in seinen Sesscl und versank in dumpfes Brüten. Ein fürchterliches Dilemma: Wenn er die Freunde, welche es gut gemeint hatten, dementirte, so setzte er sich dem Eindruck aus. als wolle er an seinem einzigen Fehler" eigensinnig festhalten. Wenn er sich aber zu diesem Fehler bekannte, so machte er sich lächerlich und verstieß aegen seine guten Vorsätze betreffend Offenheit und Wahrhaftigkeit. Seine Haltung drückte solche Verzagtheit aus, daß die Kleine ihm endlich tröstend auf die Schulter tippte. Laß nur nicht gleich die Nafe hängen, Vetter," sagte sie mit mütterlicher Herzlichkeit. Ich werde die Sachi deichseln. Verlaß Dich darauf. Die Hauptsache ist doch, daß Magda Dich liebt. Das ist der Fall. Und nicht zu knapp." Glaubst Du wirklich. Liddie?" fragte Herr von Plath, indem er beide Hände seiner kleinen Cousine ergriff. Thatsache." Und wofür hältst Du mich ?" Ich ?" fragte der Schelm, indem er sich losmachte und bis zur Treppe zurückzog. Ich halte Dich auch für einen Renommisten. Denn wenn Du wirklich der Herzensknacker wärest, für den Du Dich ausgibst, so hättest Du mir längst einen Kuß gemaust!" Sprach's und wirbelte davon. Glpfel. Wie kommi es, daß immer nur Deine Collegin Anna am Schlüsselloch horcht, wenn's bei der Herrschaft einen Skandal gibt?" Zofe: Ja, die Anna hat von uns übrigen weiblichen Dienstboten das Schlüsl selloch gemiethet." Rauckt die Tish I Min?o.

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