Indiana Tribüne, Volume 28, Number 198, Indianapolis, Marion County, 13 April 1905 — Page 7
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Jndiana Tribüne, 13 April 1905
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o cucrblumcn tioman von Adolf Wilbrandt 0;siC5'ß OJ teO OCteQ (Fortsetzung.) Minna schien eine Weile mit sich selbst zu sprechen; dann sah sie wieder den Doktor an. Ich bemerkte eine lanae Narbe auf seiner Stirn; woher hat er die?" Wolfgang lächelte: Ich hab' ihn nicht gefragt, gnädige Frau. So wenig wie nach dem kahlen Schädel, obwohl er doch nicht alt sein kann; ungefähr vierzig, denk' ich. Er wird oft plötzlich furÄtvar ernst, wenn er eben ganz heite? war. Manchmal saß er doch so finster da, und so in sich versunken, als wär' er allein auf der Welt; mir ist der König in Uhlands Ballade ,Des Sängers Fluch' eingefallen; wahrhaftig. Ter hat was auf dem Gewissen, hab' ich dann gedacht! Uebrigens hat er dann auch plötzlich wieder über etwas lachen können; wie wenn er sich in diefer Versunkenheit frisch aufgemischt hätt' . . Minna murmelte etwas, das man nicht verstand. Aber jetzt jetzt lebt er schuldlos wie ein Lamm?" warf sie dann so hin. Lolsgang zuclte die Achseln. siu sen Sie, mit dem Gefühl der Wurschtigkeit nimmt er's wohl nicht so genau; wenigstens was das zweite W, die Weiöer betrifft. Tie Jäger und Hirten da oben haben ihn sonst recht gern; aber zuweilen sind sie gefahrlich eifersüchtig auf ihn. Er hat mir einmal selber erzählt, daß er in der Dämmerung, ich weiß nicht wo, einen Schuß gehört hat und ihm eine Kugel am Ohr vorbeigepfiffen ist. Das sei wohl der Waschtel gewesen ein Jäger von wegen seiner Sennerin, seiner Kathi. Ich glaubt! Mitunter reden die Buben da oben, sobald sie über ihn sprechen, schauderhafte Sachen! Wenn er nicht einmal beim Krareln abstürzt und sich den Hals bricht, so schießt irn noch so ein Othello auf der Alp über den Haufen; das ist meine Meinung." JSSSf jedenfalls das richtige Ende!" stieß nun Hugo heraus, indem er eine flaust auf den Tisch setzte. Warum meinen Sie?" fragte Werner. Huqo, offenbar etwas aufgeregt, in sittlicher Entrüstung, blickte Werner fast herausfordernd an. Na, so einem Taugenichts, so einem wüsten, nichtsthueriscken. verdorbenen Kerl, der die Welt durch sein überflüssiges Dasein unsicher macht, dem gönn' ich so ein Ende! Diese Art von Feuerblumen werden Sie doch wohl auch nicht in Schutz nehmen. Der säß' besser im Zuchthaus, scheint mir, als frei auf der Alm!" Woher wissen Sie das?" fragte Werner wieder, in äußerer Ruhe, dorf etwas gereizt. Sie kennen ihn ja gar nicht. Sie reden nur vom Hörensagen." Aber ich hör', was der Herr Doktor sagt! der doch gewiß nicht lügt. Und der doch nicht parteiisch gegen ihn eingenommen ist." Werner nickte, seine Brauen hoben sich: Der Herr Doktor ist eben vorsichtiger als Sie. Er erzählt nur wieder, was ihm der andre selber gesagt, was er an ihm beobachtet hat; er erlaubt sich nicht, ein verurtheilendes Wort zu sprechen. Aber Sie" Er hielt inne. Aber ich?" fragte Hugo. Sie. der Sie ihn nicht kennen, steigen sogleich wieder auf Ihr hohes Pferd entschuldigen Sie und schicken diesen Überflüssigen' Herrn in's Zuchthaus. Weil er einmal ein ,wilder Kerl' war" Und es offenbar auch heut noch ist!" rief Hugo. Tie Sennerinnen, meinen Sie! die Katbi-! Lassen Sie ihn doch. Er hat offenbar eine Schwäche für das andre Geschlecht; na. die haben viele. Ich auch. Ich bekenne mich schuldig, Herr Hoffmann, und wenn ich auch Ihren sittlichen Zorn dadurch erregen sollte. Warum ist das andre Geschlecht so verfübrerisch reizend? Was können wir armen Männer dafür? Und einige haben feine, scharfe Augen für diese Reize, andre haoen stumpfere; emige haben feuriges, andre haben fischiges Blut. So gebt es auch sonst wohl mit den Reizen dieser Welt: der eine verspürt sie in jeder Faser, mit tausend fem fübliqen Crqcnen. der andre geht in einer Hornhaut herum. Er muß sich ja aber darum nicht gleich für den Siegfried halten. Er kann ja auch was dres fern: Ein Dickhäuter, meinen Sie " Bitte, bitte, werther Herr! Ich hab' nichts dergleichen gesagt! Aber ie meinen, Sie denken es." sagte Hugo, dem die sonst so feste Stimme unncher zu werden anfing; er warf den erhitzten Kopf zurück und schob ihn wieder vor. Ein gewisser biederer Stumpfsinn, memen Stt . . Ich qlaub' aber, Herr Ringhof. da irren Sie denn doch. Ich hab' meine Sinne so gut wie die andern, und meine Lust nach allerlei schönen, ver botenen Sachen, meinen Welthunger, oder wie Sie s nennen wollen; ich bekämpf' ihn nur, weil mir scheint, das ist meine sittliche Pflicht. Und ich hab' die Kraft, ihn zu bekämpfen, weil ich mir den Tag über tüchtig zu schaffen mache weil ich in der Arbeit lebe. Aber
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die schöngeistigen, feinfühligen Nichts
thuer" Von wem reden Sie?" unterbrach ihn Werner. Nur von diesem Baron auf der Alm! Was hat der sein Leben lang aus der Welt gethan? Offenbar nichts, als Die Reize dieser Welt in sich aufnehmen, alles für erlaubt zu halten, was dem Herrn gefällt, fremdes Glück zerstören bis auch das eigene hin ist. Nur nicht arbeiten! Nur nichts schaffen! Das ist für die gemeine Arbeitsbiene. Die Ameise. Nein, wie die Wespenbienen, wie all diese Schmarotzer, dieses Raubgesindel, in die fremden Nester gehn, von der fremden Arbeit leben; und wenn man sich müde schmarotzert hat, sich zu den Bergziegen zurückziehn, ven Himmel angaffen; aber auch da noch immer nach der Kathi des andern machten pfui Teufel!" Hm!" fuhr es aus Werner hervor, ver nun auch über das ganze Gesicht erglühte. Sie schwingen ein scharfeSchwert über Ihre Mitmenschen... Auf Ihrem Arbeilerthron sitzen Sie so hoch, so gut! Sie müssen mir aber Doch freundlichst erlauben, zu bemerken: zlle Achtung vor Ihrer .Arbeit' aber Daß Sie jährlich so und so viel Weizen und Butter oder Sahne verkaufen, das bnen doch eiaentlich noch kein yteevt, mit yren Feldsteinen nach auen denen zu werfen, die nicht ebenso sind wie Sie. Eine gar so erhabene Thätigkeit für das Wohl der Menschheit kann ich nicht drin sehn! Was aber diesen Baren betrifft ich hab' wie Sie nicht die Ehre, ihn zu kennen. Aber vielleicht es könnte ja doch sein viel leicht wär' es angenehmer, mit ihm auö der Welt zu fliehn, als mit der sögenannten Welt über ihn zu richten!" Nun, dann bedaure ich " Hugo hatte die Stimme erhoben: auch seine Gestalt hob sich, sie strebte vom Stuhl empor. Aber nach dem vierten Wort verstummte er plötzlich. Ehristine, die ihm gegenüber saß. hatte ihr junges, erbleichtes Gesicht vorgeneig! und sah ihn mit den blassen, bittenden Augen an. Es war ein Flehen darin, das ihm durch das Herz ging. Ein rührend reizender Ausdruck war's. Ein wenig bewegte sie auch ihre rechte Hand. Nicht weiterreden! fuhr ihm sogleich durch den Kopf. Dann bedaur' ich Sie und Ihre ganze Sippschaft!" hatle er sagen wollen; jetzt suchte er nur nach einem raschen, guten Uebergang. Zunächst erzwäng er ein Lächeln wie es nun auch ausfiel. Tann bedaur' ich, daß wir auf die. sen Baron gekommen sind." fing er wieder an; oder daß der Baron he?gekommen ist. Ich sprach ja wohl schon wieder zu viel. Mein Renner geht so gern mit mir durch. Ich sag' litber gar nichts mehr. Ich trink' meinem Rest; auf Ihr Wohl." .Danke!" erwiderte Werner trocken. Gleichfalls!" setzte er nach kurzem Zaudern höflich hinzu und leerte aucb sein Glas. Die andern waren alle still; die Augen blickten halb oder ganz verstohlen auf Cb'-ii'tine. die ihr blutrot aewordenes Gesicht gegen den Tisch sinken Alle schienen gemerkt zu haben, ebenso wie sie, wem man diese plötzliche Friedfertigkeit d?s streitbaren Pommern zu verdanken hatte. Sehr zur rechten Zeit trat jetzt die kleine Hausmutter an den Tisch; sie war vom Vorplatz gekommen. Mit fast ängstlicher Artigkeit, die Hände aufeinander gelegt, sah sie zuerst die Damen, dann die Herren an: Bitt' vielmals um Entschuldigung. Das Haus ist nämlich gar so luftig; alles, alles hört man. Und für das Glocknerhaus ist's ja auch schon ziemlich spät. Grad' über Ihnen liegen vier Herren, die beschweren sich eben, daß sie nicht schlafen können; urd früh um Drei wollen sie fort." Dann gehn wir also still zu Bett!" sagte Werner flüchtig lächelnd, mit unwillkürlich gedämpfter Stimme. Menschlichkeit vor allem!" Die Gesellschaft erhob sich; sie rüsteten sich zum Gehn. Die Alte erschöpfte sich in Entschuldigungen, daß sie sich hab' erlauben müssen, so was vorzubringen. Hugo lächelte sie an und Werner drückte ihr die Hand. Als sie hinausgingen, hielt Minna ihren alten Freund zurück, mit einem listig spöttischen Blick hinter Ehrisiinen her, die eben aus der Thür trat. Nun?" fragte sie, sobald sie sich mit Hugo allein sah. Nun?" fragte er ebenso. Es scheint, Sie sind recht gern im Eeoirg. Und neulich hatten Sie durchaus fortgewollt?" Ich möcht' nur noch sehen," sagte c: nach kurzem Bedenken, wie weit Sie meinen Nachfolger bringen." Sie sind ja doch ein ganz abscheullcher Mensch!" Minna schlug ihm mit ihrer kleinen. aber kräftigen pommerschen Hand auf die Finger. Er verneigte sich gegen sie und ging. So endete diese seine große Liebe!" Er schämte sich eigentlich. 7. K a p i t e l. er von der Schwüle angedrohte y Regen war gekommen; als die sechs Bergsteiger am naerV sten Nachmittag in's Rupertihaus zurückkehrten, trieften die Wolken schon stundenlang herunter. Es strömte nicht, aber alles war naß und grau; die Farben der Dinge waren wie verblichen. Werners Augen, die immer nach Licht und Farbe hungerten, fühlen sich wie auf schmalsie Kost gestellt, als hätte d'.c spendende Natur Bankerott gemacht. Er saß in seinem Zimmer am Fenster, von
der Wanderung nicht ermüdet, aber abgespannt; zu viel Berge! Und in seiner Seele kein eingeborener Sonnenschein. Den thätigen Menschen kümmert's nicht viel, ob der Himmel grau oder heiter ist; in seinem Innern ist der schaffende Tag. Der unthätige fühlt sich von draußen umringt, die Natur hat ihn wie in ihrem Mantel; warm oder feucht oder frostig wie er nun gerade ist legt er sich ihm auf die See'e, die weiche, empfindliche. Werner sab unsres) umher; was thun? Die großen Photographien nach Tizian und Giorgione, Rembrandt und Dürer, mit denen er sein Zimmer geschmückt hatte, wie er auf Reisen immer that sie brauchten im Koffer so wenig Platz; und wenn auch! heute sagten sie ihm alle nichts. Seine eigenen Versuche mit dem Silöerstift und den Farbenstiften, an denen er sich zuweilen ergötzte, kamen ihm jetzt ent'etzlich dilettantenhaft. läppisch vor; er drehte sie herum, um sie nicht zu sehen. Ein Buch? Auf dem Tisch da lagen genug; er mochte nur nicht lesen. Die einen waren ihm heut zu leicht, die andern zu schwer. Es hätte ein Buch sein müssen, so in der Mitte etwa zwischen berauschendem Tiefsinn und göttlichem Humor; ein Buch zum Todtlachen und zum Weinen zugleich, mit Geschichten und Gefühlen, die noch gar nie da waren; kurz, ein Buch, das es nicht gibt ... Was thun? Zu Frau Minna Weintraut gehn . . . Sie hatte ihn eingeladen, sie in ihrem entzückenden Zimmer zu besuchen; mit einer so lieben Stimme und so warmem Blick, daß es ihn gestreichelt hatte. Eine heitere, erfrischende, angenehm gefährliche Frau! Nicht viel Geist; wozu auch? Aber das Unnennbare, das den Adam reizt und anzieht; so eine Mischung von Kühle und Feuer; so etwas warm willig Weiches das dann vielleicht doch wieder wie Luft entschlüpft . . . Sie war ihm gut; so schien es. Und er ihr? Gewiß. Eine Feuerblume," zu einem Roman der Liebe wie geschaffen . . . Er starrte nachdenklich in den grauen Tag; der graue Tag starrte herein. Ihm ward wieder frostig zu Muth. Na, was ist denn das? dachte er. So laulich um's Herz? so unjung? Da winkt mir doch ein Abenteuer, wie ich's nur wünschen kann. Ob ein Allegro furioso des Erfolgs oder ein Adagioreizend jedenfalls. Warum lauf' ich nicht mit Wonne zu ihr? aus dieser verregneten Einsamkeit? Was ist denn mit diesem jungen Manne von einunddreißig Jahren? Bin ich denn bin ich denn Er mochte das Wort nicht denken, vor dem er sich seit Jahren heimlich fürchtete, das schnöde, kalt klebrige, regengraue Wort blasirt!" Ihm war in diesem Augenblick, als stand' es draußen vor dem Fenster, zwischen den fallenden Tropfen, auf die farblose Luft wie auf eine Leinwand gemalt; nur die Fenster öffnen, so kommt's herein. Einunddreißig Jahre, und so nahe vor diesem Gespenst: Blasirt!" Und als grüner Jüngling hatte er gedacht: Das vixd ewig dauern, viejer Levensyunger,
oteie (L?chonyeits- und X5ievesdurst. dieser Weltgenuß. Kommen Sie doch!" sagt ihm heut eine reizende Frau; und ihre plauderhaften, glänzenden Augen sagen: Sie gefallen mir!" Er steht aber am Fenster, räsonnirt und philosophirt . . . Er nahm Marnel und Hut und lief aus der Tour. Als er nach einer M nute im andern Haus, eine Treppe hoch, in Frau Minnas Wohnzimmer stand, lernen Mantel abwarf und die ihm en:gegentreiende junge Frau mit seiner anmuthigsten Verbeugung begrüßte, lächelte er so vergnügt, so gleichsam ac heimnißvoll, wie wenn er ein Junge wäre, der sich plötzlich entschlossen hätte, die Schule zu schwänzen. Sie haben recht!" sagte er dann umherschauend Das ist das hübscheste Zimmer im Rupertihaus. Diese Vertiefung da mit dem Schreibtisch: wahnsinnig gemüthlrch. Und wie der große, gedeckte Bal kon um die Ecke geht . . Nicht tvahr?" Minna lächelte nun auch: Und dabei bin ich so wahnsinnig selbstlos, daß ich alle Tage Ihnen diese Wohnung wünsche; denn Sie mir Ihrer Künstlerseele genössen sie noch mehr als ich! Ja, staunen Sie nur; so gut mein' ich's mit Ihnen Abe.wie schön, daß Sie heut noch kommen; es liegt mir ja auf dem Herzen,' so ganz in Ruhe allem mit stiren An tonie liegt mit Ermüdungskopfweh auf dem Bett über diesen unheimlichen Baro von der Alm zu sprechen. Ich kenn' lhn ja Sie kennen ihn?" Ach, nur zu gut. Und so sehr ich lonst zu Ihrer Fahne schwöre zu Jbren Ansichten, wissen Sie; ich bin j wie ein Ableger von Ihnen in diesem emen Punkt hat zufällig der Herr Hofs mann recht. Ja. ia. das ist ein abscheulicher, gefährlicher Mensch, dieser sogenannte Baron. Der hat was auf dem Gewissen, ich versichere Sie. Wollte Gott, wir hätten ihn nie gesehen, mein? Echwester und ich! .Ihre Schwester?" ,Ja; mit der fing es an." Sie lud ihn lebhaft ein, sich zu setzen; dann saß sie auch schon ihm gegenüber, mil tief ernstem Kopfnicken, und warf ihm große, tragische Blicke zu. Wanda, meine einzige Schwester, ein Jahr älter als icy aoer viel gescheiter . . . Vor un gefähr elf Jahren verliebte sie sich in ihn; das heißt, der schöne junge adelige Herr nicht Baron, aber von Adel der machte ihr stürmisch den Hof: und sie und ich, wir sehnten uns Beide aus dem Elternhaus. Wissen Sie, die Mutter war todt, und der Vater der Va-
ter Man soll ja von den Eltern
mchts Böses sagen; aber warum mich vor Ihnen verstellen? Sie verstehn ja alles. Der Vater lebte also nicht, wie man leben soll; und wir jungen Mädchen sollten mit seiner Geliebten umgehn wie mit einer Freundin; und was war sie? Eine ungebildete, schlechte Person! Da kam dieser Mann; damals noch nicht dreißig alt; Wanda etwa zwanzig. Er gewann ihr Herz. v&te DCTiootcn stcy. Geld war da, aus beiden Seiten; es sollte bald Hochzeit sein. Man sagte uns wohl: Der ist nichts, der will auch nichts, will nur Herzen brechen, das ist seine Leidenschaft; aber so junge Mädchen, nicht wahr, denen ein Mann gefällt, die wissen alles besser. Und so glaubte Wanda an ibn, und ich, ihre getreue Jüngere, mit! Da erleb' ich eines Tages plötzlich " Minna hielt inne und ward roth; eZ verbreitete sich auch ein Juncnnädchenausdruck über ihre Züge, als bekäme sie wieder das Gesicht von damals. Werner bemerkte es. mit verstohlenkm, bei nahe gerührtem Lächeln; dieses Gesicht gefiel ihm sehr. Sehn Sie, ich schäme mich fast, es zu sagen," fuhr sie nach einer kleinen Stille seit: auf einmal macht er auch mir den Hof! Ich war zuerst starr vor Schreck, können Sie sich denken; und dann ach, das ist abscheulich. Es gibt Männer, di? können ein unschuldiges Mädchen toll, yalb verrückt machen; ich hab's damals selbst erlebt. Warum soll ich's einem Mann wie Sie nicht ganz offen sagen, es ist ja so lange her: ich kam in große Gefahr; wahrhaftig. Er hatte eine Stimme, die konnte alles, sie konnte weinen und donnern und liebkosen; und dann konnt' er sich selber schlecht machen, daß man Grauen und Mitleid hatte; und dann war er auf einmal wieder seelengut. Dazu die mächtige Kraftgestalt, so ein rechter Mann; damals hatt' er auch noch schönes Haar; gestern hätt' ich ihn fast nicht erkannt: ein Kahlkopf! Kurz, ich wurde sehr ver rückt. Wir hatten so gefährliche Gelegenheiten, uns allein zu sehn. Er könnte nicht ohne mich leben, sagte er natürlich; es sei eine unwiderstehliche Macht; ich sollte mit ihm fliehen . . . O, was waren das für Tage, und was für schlaflos hingequalte Nächte. Gott sei Dank, ich hielt heroisch stand: ach, wie kann ich von heroisch sprechen. Der Bräutigam meiner Schwester!" Jedenfalls war es jetzt ein h?roisches Bekenntniß," sagte Werner und drückte ihr die Hand. Ich dank' Ihnen sehr." Ach, Ihnen könnt' ich alle? sagen! Ich hatte also endlich qt siegt, hatte ihn das bttllU ich mir ein zur Vernunft gebracht; Wanda soll nie ein Wort davon erfahren, dacht' icb, sein Herz wird zu ihr zurückkehren, sie ist so ein Engel; sie kann noch mit ihm glücklich werden! Ja, so ein dummes Ding. Ein par Wochen später, er war nach Berlin zurückgekehrt, da erfahren Dir: er ist mit einer andern durchgeZangen, mit einer verheiratheten Frau. Gleich darauf kommt ein Brief von ihm: er hab' in der Stille nachgedacht das schrieb dieser Mensch und er hab' doch den Eindruck bekommen, daß er sie nicht glücklich machen könne, und er geb' ihr ihr Wort zurück. Wanda in starrer, dumpfer Verzweiflung! Mein jüngerer Bruder Eduard, damals eben Referendar geworden und Reserveleutnant, ein leicht erregter. hitziger Mensch, mit einem starken Gefühl von Familienehre der ältere Bruder hatt' es nicht so schwer genommen aber Eduard reist dem Menschen nach, findet ihn, ich weiß nicht wo, stellt ihn wüthend zur Rede, und sie schlagen sich. Säbel, schwere Forderung, oder wie das heißt. Mein Bruder verwundet ihn schwer daher hat er offenbar diese Narbe am Kopf, die ich gestern sah aber der arme Junge ihm ging's an's Leben. Ein Schlag oder Stoß in's Herz. Wir haben ihn nur noch todt gesehn!" In Minnas leichtgerührte Augen drängten sich Thränen. Sie stand aus und ging einem ux Fenster zu. Das ist die Geschichte," murmelte sie im Gehn. Werner ging ihr nach einer Weile nach. Eine häßliche Geschichte." murmelte er auch. Erlauben Sie aber eine Frage. Ihr Bruder im Duell gefallen...Jst dem Mann darauf nichts geschehn?" Sie wandte sich ihm wieder zu, nachdem sie sich die Augen mit dem kleinen Spitzentaschentuch getrocknet hatte: Er war ja gleich über die Grenze, spurlos weg; mit dieser Frau oder allein, ich weiß nicht. Und nach einer Weile glaubten wir dann hörten wir durch Jemand er sei auch gefallen; ach, das ist eine lange, unerquickliche Geschichte. Man hatte uns getäuscht, es war nicht so. Viel später erfuhr meine Schwester einmal, daß er doch noch lebte; und das geschah hier im Gebirg. Dann warmer wieder verschollen bis gestern. Ach, lieber Freund Ich sag' schon ,lieber Freund' zu Ihnen; das kommt wohl davon, daß ich Ihnen das erzählte. Entschuldigen Sie!" Werner lächelte, mit ernsten Augen. Ich dank' Ihnen und ich bitte, lassen Sie mir das!" Vortsetzung folgt.) Die Aauptsache. Du, Elschen, warst ja auch mit in der Cchülervorstellung im ,Tell.' Sag' doch mal, wie es Dir gefallen hat?" Gut, Papa, aber ... wer kriegt eigentlich denn den Apfel?"
Die Arbeit der Töchter.
Auf den ersten Blick, so schreibt ein deutschländisches Blatt, mag die Behauptung etwas gewagt erscheinen, daß Mädchen viel früher Geld verdienen als Knaben, und doch ist es so, man giebt sich nur darüber gewöhnlich keine Rechenschaft. Wenn der Junge aus der Schule kommt und sich mit den Aufgaben gut oder schlecht abgefunden hat, so widmet er sich im übrigen der traditionellen Obliegenheit, sich im Hause unnütz zu machen. Die Mädchen verstehen es allerdings unter Umständen auch, den Jungen in l.olchen Extravaganzen erheblich Concurrenz zu machen, aber sie wissen daneben der Mama auch zu helfen und zu nützen und kommen so weit eher in die Lage, geldwerthe Leistungen aufzuweisen, als die Knaben, die höchstens ein paar heilsame Katzenköpfe verdienen. Das macht sich bei der Anhäufung der kürzlich von uns besprochenen Erziehungsschulden nicht unwesentlich geltend. In den Berechnungen der Kosten, die ein Mensch bis zur Beendigung seiner Lernperiode, also bis zum Eintritt in die Arbeitsperiode verursacht, ist auch der Zinszuschlag enthalten, das heißt: die Zinsen der AufWendungen sowie die Zinseszinsen werden bis zu jenem Zeitpunkt zum Erziehungskapital hinzugerechnet, aber bei Mädchen wegen ihrer Mitarbeit im Haushalt nur bis zum zehnten Lebensjahre. Während also die Kosten der Knaben bis zum Abschluß der Lernperiode durch die Zinsen fortgesetzt erhöht werden, kommen die Mädchen durch ihre kleinen Handdienste im Hause in die Lage, die Zinsen ihrer Erziehungskosten schon zu verdienen. Wenn auch ihre Dienste zunächst nur sehr unbedeutend sind, so repräsentircn sie doch nach dem Grundsatz, datz jede Arbeit ihres Lohnes werth ist, eine geldwerthe Leistung. Um den Geldwerth dieser Leistungen ziffernmäßig festzustellen, hat man die Dienstleistungen, die die kleinen Haustöchter im Laufe des Tages verrichten, rechnerisch zusammengezogen, und es stellte sich dabei heraus, daß die Leistungen etwas herangewachsener Haustöchter im Hauje, wenn sie oezahlt werden müßten, im Jahre gar nicht unerhebliche Kosten verursachen würden, und daß die Ersparnisse dieser Kosten den Haushalt thatsächlich wohlfeiler machten. Man hat für Mädchen im Alter von über 10 bis 12 Jahren eine durchschnittliche Gesammtarbeitszeit im Haushalt von zwei Stunoen täglich angenommen und die Entlohnung auf 3 Pfennige für die Stunde bemessen. Das ist freilich nicht viel, aber dafür ist die Arbeitszeit von zwei Stunden wohl reichlich genug ausgedehnt. Auf dieie Weise ergicbt sich für diese kleinen Herzblättchen ein Jahresverdienst von 21 Mark 90 Pf. Wenn also meine kleine Naschkatze das Taschengeld in allerlei Süßigkeiten anlegt, so kann sie mit gutem Gewissen sagen, daß sie sich die Schleckerei redlich verdient hat, wenn auch nicht gerade im Schweiße ihres Angesichts. Und kommt sie in das Alter von über 12 Jahren, so werden ihr bis zum 15. Lebensjahre schon drei Stunden täglicher Arbeitszeit im Haushalt angerechnet und dann sogar mit 5 Pf. für die Stunde honorirt, und so erreicht der Jahreswerth ihrer Leistungen in diesem Alter bereits 55 Mark. Da kann sich eins schon öfter einen Windbeutel mit Schlagsahne leisten. Später, wenn die Haustöchter der Schule entwachsen sind, steigert sich die Zeit ihrer MitHilfe in der Wirthschaft vorausgesetzt, daß nicht mit chronischer Hartnäckigkeit gestreikt wird noch mehr und ebenso der Wertb dieser Hilfe. Nimmt man für dieses Alter eine durchschnittliche Arbeitszeit von täglich vier Stunden an und bewerthet sie mit dem gewiß nicht hoch angenommeNcn Honorar von nur 10 Pf. pro Stunde, so macht das einen Jahresverdienst von 146 Mark. Da langt es auch schon für ein paar hübsche Handschuhe und dergleichen Nothwendigkeiten, und der rechnende FamilienVater wird nun gewiß mit Genugthuung wahrnehmen, daß die wirthschaftliche Hilfe feines Töchterchens in seinem Etat zu einem ziemlich bemerkenswerthen Ausdruck kommt. Di Schlangenzunge. Die Zunge dient der Schlange scheinbar hauptsächlich als Tastorgan. Eigentlich aber ist diese Bezeichnung doch nicht zutreffend, weil die Schlangenzunge so empfindlich ist, daß eine Berührung mit den Gegenständen für sie nicht erforderlich ist. Sie schein: also der Sitz eines Gefühls zu sein, das der Fähigkeit mancher Leute ähnlich ist, die auch im Dunkel Hindernissen ausweichen, ohne sie berührt zu haben, nur daß dies Vermögen in der Schlangenzunge noch sehr gesteigert ist. Bekanntlich läuft die Zunge der Schlangen in zwei Spitzen aus daher das bekannte Symbol der Doppelzüngigkeit und ist hinter der Gabelung noch mit zahlreichen Falten versehen, um die empfindliche Oberfläche zu vergrößern. Unter der Haut und in den Falten liegen starte vielverzweigte Nerven, die schließlich in äußerst feine Fasern nach allen Nichtungen hin auslaufen. Die Anschauung, daß die Schlangen mit ihrer Zunge zu stechen vermögen, ift natürlich Aberglaube.
Restereffen.
Mit den Leiden der Hausfrau befaßt sich eine Plauderei in einer deutschländischen Zeitung. Resteressen! Wenn in einem Hause eine größere oder kleinere Gesellschaft stattfinden soll, ist es mit die schwerste Sorge der Hausfrau, das Menü zusammenzustellen und das Festmahl herzurichten. Aber am folgenden Tage, wenn die Schüsseln mit den Resten in Küche und Speisekammer fast vorwurfsvoll umherstehen, beginnt dle Hausfrau sich zu fragen, wie sie die übrig gebliebenen Delikatesten am vortheilhaftesten verwenden kann. Sie thut es ebenso oft mit Seufzen wie mit Frohlocken. Denn wenn es auch erfreulich ist, noch genug Gemüse und Braten vorzufinden, um beides zu einem leckern Mittagsgericht aufzuwärmen und dadurch die Unkosten der Gesellschaft zu verringern, so ist dagegen mit einer halben Schüssel schlapp gewordener Schlagsahne oder mit einer schmelzenden Eiskegelruine so gut wie nichts anzufangen. Doch findige Hausfrauen richten aus den traurig dastehenden Schüsseln noch ein schönes kaltes Büfett her, falls ihnen eine glückliche Form einfällt, in der schnell ein paar Einladungen für den näcbsten Tag gemacht werden können. Und nun werden die vorhandenenReste einer kritischen Prüfung unterzogen. Aus dem sehr zarten Fisch läßt sich noch eine wundervolle Majonaise herstellen und aus dem kalten Braten italienischer Salat" anrühren. Unter dieser Flagge, segelt bekanntlich jedeComposition säuerlichen Geschmacks, link weicht sie einmal gar zu bedenklich vom Herkommen ab; so spielt man das Experiment auf eine provinzielle" Sitte hinaus. Die Heimathskunst steht ja heute hoch in Schätzung. Die Käseschüssel wird wieder neu und kunstvoll aufgarnirt, ebenso die D?ssertschalen. So merken die Nachzügler nichts davon, daß sie diesmal nur zum Resteressen versammelt waren und vergnügen sich vielleicht um so besser, als die ganze Sache höchst ungezwungcn zustande gekommen ist und dabei die großen Abendtoiletten sowohl wie die unter andern Umständen nicht zu umgehenden Reden wegfallen. Für die nicht mehr einwandfreien süßen Speisen, die man bei dieser Gelegenheit doch nicht mehr auftischen kann, findet sich auch schon noch Verwendung. Die besten Tortenstückchen werden für Großmütterchen zurückgelegt, dem man wenigstens dabei nichts vorzumachen braucht. Mit den andern Ueberbleibseln darf am Nachmittag das schulpflichtige Töchterchen einige Freundinnen bewirthen, die es noch nicht übel zu nehmen pflegen, wenn die Leckereien auch nicht mehr ganz frisch dreinschauen. Oder man macht sich bei der Porticrsfrau damit beliebt, daß man bei der Gesellschaft auch an sie gedacht hat." Jedenfalls ist die Hausfrau, die solchergestalt gleich mehrere Schlachten auf einmal zu schlagen versteht, nicht gerade der Rückständigsten eine. Sind ihre Siege auch nur auf dem Gebiete der Küche und Speisekammer gewonnen. ein wenig Feldherrntalent und etwas Diplomatenkunst gehört doch dazu, sich mit Anstand aus der Affäre zu ziehen, daß alle Betheiligten ihr zuletzt Dank wissen. Und sie selbst hat das befriedigende Gefühl, daß sie, als kluge und tüchtige Frau, nichts hat umkommen lassen. Ei Rath Menzels a junge Künstler Der verstorbene Adolf v. Menzel hat zwar Schule gemacht, aber doch eigentlich nur einen einzigen Schüler gehabt: Fritz Werner. Doch mit seinem Rath, seiner Aufmunterung, stand er ernst strebenden jüngeren Kräften gelegentlich gern zur Berfügung und dachte dann wohl an seine eigene schwere Jugend. So hatte einmal vor vielen Jahren der Leipziger Künstler Otto Gramer sich an den Meister gewandt. Er führte Klage, daß er als Lithograph um des lieben Brotes willen so viel süßes Zeug machen müsse, daß Müller und Schutzes Behagen das freie Kunstschaffen störe. Menzel erwiderte, daß jede unverdroffene Leistung früher oder später sich als förderlich erweisen werde, auch wenn man harte, unerquickliche Arbeit überwinden müsse: Aber noch etwas macht Ihnen zu schaffen das keinem, der nicht gerade in Coupons emballirt zur Welt kam, erspart wird. Das Ding hat viele, überall andere Namen. Bei Ihnen heißrs also süßes Zeug", im Leben heißt das bittere Kraut Muß".auch friß Vogel oder stirb" Man weiß von Leuten, und zwar die heute ziemlich was gelten, an die in ihren hilflosen Jugendtagen noch andere Ansinnen gestellt wurden. Und mußte alles als Gelegenheit zum Ueben, zum Lernen mit benutzt werden. Es ist da kein anderer Weg. als der, der heißt: sich aus allem eine künstlerische Aufgabe machen, sofort hält man nichts mehr für seiner unwürdig, auch süßes Zeug wird interessant, lehrreich, sogar schwer. Das Leben hat für verneinende Gesinnungstüchtigkeit der Jugend wenig übrig . . . Das täglich Umgebende ist am besten, am gründlichsten zu studiren. Die alte Kunst ist auf keinem anderenWege zu Flor gekommen. Die alten Kunstler waren noch ganz anders auf ihr Zuhause angewiesen.-
