Indiana Tribüne, Volume 28, Number 198, Indianapolis, Marion County, 13 April 1905 — Page 5

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Der gejagte Zager.

Seltsames Nimrods Abenteuer an einem canadischen Binnensee. fc Es war richtige rabenschwarze Nackt. Wie ein Leichentuch hatten sich die schweren Wolken über die Schultern der umgebenden Berge gelegt. und der Tee war in undurchdringliches Düster gehüllt, als Carnaby mit seinem Boot vom Gestade abstieß. Nur einige Augenblicke noch leistete ihm das flackernde Licht vom Fenster des BlockHäuschens und die Funken, welche aus dem Kamin emporwirbelten, von Weitem Gesellschaft; eine vorspringende Landspitze aber sperrte jählings das Licht ab, und nun war er ganz allein in der Finsterniß und dem Sprühregen. So wenig Comfort die Blockhütte auch bot, so war es doch hart, ihm in einer solchen Nacht zu entsagen und ein schweres Boot sechs Meilen hin und zurück zu befördern, zumal wenn man müde und steif von einer dreitägigen Rothwildjagd im Gebirge war! Doch es war ein ehernes Mutz, wenn Carnaby nicht verlieren wollte, wofür er und der alte Mackinnon, der getreue Waldführer, so schwer gearbeitet harten: das prächtigste Hirschhaupt und Geweih, das sie in einem Versteck am Ende des oberen Sees nothgedrungen zurückgelassen hatten. Sie hatten am Morgen des gewaltige Biest zur Strecke gebracht, und mit herzbrechender Mühe hatten sie es durch unwirthsamen Berg nach dem Gestade des oberen Sees herab geschleift, in der Absich:, von da auf dem gewöhnlichen Pfade den Heimweg zu machen. Aber das Programm erfuhr im letzten Augenblick eine bedauerliche Veränderung: denn Mackinnon hatte einen Unfall und verrenkte sich den einen Knöchel schlimm, daher mußte das Pony statt des Hirschhauptes und seines Riesengeweihes eine andere Last tragen. 2o war denn Mac für den Augenblick Invalid geworden, und jetzt saß er in der Blockhütte vor dem Feuer, rauchte seine Pfeife und pflegte sein Bein, während Carnaby die Expedition in dieser schlimmen Nacht allein machen mußte. Das Bild seines warmsitzenden Gefährten wollte nicht aus feiner Seele weichen und machte für ihn die Nacht noch kälter und den Regen noch nasser. Doch es erschutterte ihn keinen Augenblick in seinem Vorsatz; denn Carnaby was. ein echter Waidmann. lme halbe Stunde mußte er schwer rudern, ehe er die enge Fahrstraße erreichte, welche den unteren mit dem oberen See verband, und ihm ein unbestimmter weißer Schimmer aus der Ferne die Stelle andeutete, wo der schäumende Gebirgsstrom aus seiner Heimath im Schnee, 5000 Fuß da droben, wirbelnd in den See gestürzt kam. Als er endlich hier angelangt war, zog Carnaby das Boot an den strand, und nach vielem blinden Umhertasten und Straucheln entdeckte er glücklich den Haufen Steine und Baumzweige, unter welchem er seine große Jagdtrophäe versteckt hatte. Mit Freude bemerkte er, daß das Versteck nicht angetastet worden war, und er machte sich daran, die Beute freizulegen. Das machte keine besonderen Schwierigkeiten; aber zu einer argen Plackerei gestaltete sich die Beförderung nach dem Boot hinab, da das Geweih sich in jeden Gestrüpp verfing und an jeden unbedeutenden Baumschlößling hängen blieb. Doch mit zäher Beharrlichkeit und Muskelnanstrengung erreichte der Jäger endlich seinen Zweck und brachte die ungefüge Beute sicher im Hintertheil des Bootes unter; die furchtbaren Geweih - Enden standen mit ihren bajonnettscharfen Spitzen hervor. Wehe dem Nebenbuhler, welcher diesem Herrn des Waldes in's Gehege gekommen wäre! Als er mit seiner Plackarbeit zu Ende war, bemerkte Carnaby erst, daß er bis in's Mark hinein durchfroren war; seine Hände waren zu steif, um auch nur die Schnüre seines Tabakbeutels lodern zu können, und seine klappernden Zähne führten den reinsten Castagnettentanz auf. Unter solch;n Umständen die lange und jetzt noch beschwerlichere Ruderfahrt nach dem Lager zurück zu machen, das war alles Andere eher, als eine verlockende Aussicht. Aber ein Feuer im Freien zu machen zu suchen, um sich aufzuwärmen, das war in dem strömenden Regen zwecklos. Da fiel Carnaby ein, daß nicht weit bergaufwärts ein alt?r. verlassener Schuppen stand, vielleicht gerade gut genug für sein augenblickliches Bedürfniß. Ohne große Mühe erreichte er denselben. Eine der zwei Stuben war theilmeise eingestürzt,und er konnte eine Quantität lockerer Schindeln sammeln. Trocken waren sie zwar nicht; aber nachdem er sie mit seinem Jagdmesser gespalten, gelang es ihm schließlich, eine Flamme am Heerd zu erzeugen, und bald hatte er eine behagliche Wärme um sich, die neues Leben in seinen Körper hauchte. Die Stube war ohne alles Mobiliar; aber in der einen Ecke lag ein großer Haufe Blätter; in der Mitte des Haufens war eine Vertiefung zu bemerken, als ob irgend ein große Thier hier sein Lager gehabt hätte. Carnaby schob den Blätterhaufen unmittelbar vor das Feuer und legte sich in dessen Schein nieder, um sich noch em wenig Ruhe zu gönnen. Die lim-

mende Pfeife zwischen tzn Zähnen steckend, hörte er Äie eintönige Musik des sausenden Windes - und des klatschenden Regens, und seine Gedanken schweiften von seinen Jagd - Erlebnissen weit in die Ferne zu einem schönen Mädchen im Osten, bis er endlich in Morvbeus' Arme sank. 2. Wie lange er eigentlich geschlafen, darüber konnte er sich keine Rechenschaft geben; aber er fuhr jählings aus dem Schlummer auf, und mit einem Gefühl, als ob einen Augenblick zuvor etwas in der Stube gewesen wäre. Das Feuer war beinahe ausgegangen, und nur noch ein dünnes Flämmchen flatterte, von einem Windzug bewegt, welcher durch die offene Thüre kam. Carnaby wußte bestimmt, daß er die Thüre zugemacht hatte. Er sprang auf und lugte hinaus. Aber nichts war in der pechschwarzen Finsterniß zu sehen, und auch nichts zu hören außer dem Wind und dem Rauschen des Stromes drunten. Seine Schläfrigkeit war ganz geschwunden, und statt ihrer beherrschte ihn nur noch das Verlangen, nach dem Lager zurückzukehren, und wäre es nur, um das gemüthliche Schnarchen seines Gefährten zu hören, an das er so gewöhnt war. Doch er warf nochmals Holz auf das sterbende Feuer. Als dasselbe anging, huh! da zeigte ihm die aufschlagende Flamme Etwas, das am Fenster hereinblickte. Es war schon im Augenblick wieder verschwunden, ehe sich Carnaby auch nur eine unbestimmte Vorstellung von ihm machen konnte, aber in diesem Moment erfuhr er, was starre Furcht vor dem Unbekannten und Geheimnißvollen ist, welche auch dem muthigsten Mann das Herz zusammenkrampfen macht! Doch mit einem neuen Gedanken, welcher ihm durch den Kopf schoß, kehrte seine Fassung zurück. Wahrscheinlich war eine Berglöwe oder Conga?" ihm hierher gefolgt, vermuthlich durch die Witterung von dem Hirschhaupt angezogen. Und am Ende gar labte sich die Bestie jetzt an seiner schwer errungenen Jagdbeute drunten auf dem Boot! Dieser Gedanke gab ihm seine ganze heißblütig? Energie wieder, und die noch übrigenSchindeln in einem Bündelchen in das Feuer haltend, bis sie flammten, eilte er mit dieser Fackel den Pfad hinunter nach dem Strande. Indeß fand er das Hirschhaupt so vor, wie er es verlassen hatte, und in das Boot springend, stieß er ab. Noch immer seine Fackel schwingend, leuchtete er nochmals in das Dunkel der waldigen Uferbänke hinein und lauschte gespannt auf jedes etwaige Geräusch; aber er sah und hörte nichts Auffallendes. Endlich warf er den Fackelstumpf in das Wasser und ruderte los. Zu seiner Freude hatte wenigstens der Regen aufgehört; aber die Nacht war so stockfinster, wie nur je, und nur indem er ganz nahe am Gestade dahin fuhr, konnte er sick über die Richtung orientiren. Fern vom Gebirge her drang ein Geschrei von irgend einem Thiere, Klagelaute wie von einem verirrten Kind, und sie sandten einen eisigen Schauer durch Carnaby's Brust. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so unsäglich einsam gefühlt, und gleichzeitig hatte er ein Gefühl, als ob etwas Entsetzliches '.n dem Düfter des Waldes lauere und an jedem Landvorsprung ihn abzuschneiden drohe! Höchst thorhaft kam dieses Gefühl seinem Verstände vor; und doch, es wollte nicht weichen und lastete wie ein Alp auf ihm. Lauter nebelhafte Gestalten schienen, das dunkle Gestade zu bevölkern, und mit nervöser Aengstlichkeit trachtete er, so oft er sich wieder einer vorspringendenLandspitze näherte, auf as Peinlichste, in möglichst weitem Bogen um sie herumzufahren. Dann und wann lauschte er wieder; eine Zeitlang hörte er gar nichts, und

dann vernahm er etwas, wie das Raschein eines dürren Baumzweiges unter der Körperlast eines schweren Thiere?. Dieses Geräusch erstarb augenblicklich; aber er vernahm es abermals, als er das Rudern fortsetzte. Alle seine Sinne zur schärfsten Beobachtung anstrengend, fuhr er weiter. Die Zeit verrann und es war nichts mehr vernehmbar, als das Klatschen des Wassers am Gestade und der ächzende Wind in den Waldbäumen. Doch mit unheimlicher Treue, wie für das Auge im Schatten, folgte ihm das mysteriöse Geräusch immer wieder auf's Neue, stets einhaltend, wenn er einhielt, und sich fortsetzend, wenn er seine Bewegungen wieder aufnahm! Zum Teufel, was mochte das sein, das ihm nachstellte? Carnaby glaubte, etwas von den Gefühlen des Riesenhirsches zu empfinden, dem er am Morgen zuvor nachgestellt, und den er endlich erlegt hatte. Es kam ihm dies beinahe wie eine seltsame Vergeltung vor, ein gejagter Jäger zu sein, mit tiefgehenderem Angstgefühl, als em verfolgtes Thier durchkosten kann. Eigentlich hatte er keine Furcht im gewöhnlichen Sinne. Wenn er nicht von einer ganz besonderen Selbsttäuschung befallen war, wie er sie noch nie gekannt, so war es wohl der Berglöwe, dasselbe Biest, welches seinen Schlaf in der verlassenen Hütte gestört hatte, und, beständig vom Geruch des Hirschhauptes angelockt, ihm am Ufer entlang, weiter.. jl)gte, ia dez Erwar

tung, schließlich doch noch an dieJagdbeute herankommen zu können. Aber die Unsichtbarkeit des Verfolgers in Verbindung mit der nächtlichen Einsamkeit war es, was ihm durch Mark und Bein ging und seine Nerven so

gründlich erschütterte! Er hatte ganz vergessen, daß er sich' der engen Wasserstraße zwischen dem oberen und dem unteren See wieder näherte, welche stellenweise kaum zehn Fuß breit ist. Mit verdoppeltem Angstgefühl dachte er jetzt daran, als a mit dem Boot unmittelbar diese Statte erreicht hatte! Es schüttelte ihn durch und durch; aber er naym den ganzen Rest seines Muthes zusammen und machte sogar einen krampfhaften Versuch, sich auszulachen, während seine Zähne klapperten. Wenn irgendwo, so war hier die größte Gefahr, daß das mysteriöse Etwas ihn erreichen würde, und ein Ausweichen würde, und ein Ausweichen gab es nicht. Mit verzweifelter Entschlossenheit hatte er erst die Ruder angezogen; dann hielt er aber noch einen letzten Moment an der Enge lauschend, inne. Ein Weilchen hatte er jenes unheimliche Geräusch nicht mehr gehört; wiederum jedoch kam eine ebenso lebhafte, wie unbestimmbare Empfindung über ihn, daß das mysteriöse Geschöpf sich irgendwo in der schwarzen Finsterniß zur rechten oder linken Seite aufhalte, bereit zu einem verhängnitzvollen Sprung! Er fühlte sein Herz heftig klopfen, und kalier Schweiß umrieselte ihn. Dichter haben die Phantasie tu ne Himmelsgabe genannt; aber sie gaukelte Carnaby augenblicklich nur alle möglichen Schreckbilder vor, und er hätte gerne noch etwas dazu gegeben, diese Gabe loszuwerden. Wie um sein Grausen noch zu erhöhen, erscholl in diesem Moment von fern seeaufwärts das häßliche Spottgeschnatter einer Lumme. Doch dies httte wenigstens die Folge, die Spannung seiner Nerven zu lösen, und mit einem derben Fluch über sein feiges Zaudern schwenkte er mit dem Boot in die Enge ein, mit den Rudern fast gleichzeitig fahrend und tastend. Verwünscht! es war ihm, als ob diese Enge gar kein Ende nehmen, als ob die hohle dunkle Gasse niemals ihren Gefangenen freigeben wollte; denn jede Sekunde däuchte ihm eine Ewigkeit. Mit einem Seufzer der Erleichterung sah er es endlich wieder etwas Heller vor sich werden, und er wußte, daß er mit noch zwei oder drei kräftigen Ruderschlägen draußen auf dem oberen See war. Da, ein Baumast gab über seinem Kopf nach, und ein Etwas stürzte aus der Dunkelheit in den Hintertheil des Bootes! Carnaby war es, als ob seine Kehle sich zuschnüre. Aber wenn dies sein Verfolger war, so galt es jetzt die Aufbietung der ganzen Geisteskraft, vielleicht für einen fürchterlichen Kampf mit der Bestie und den Wogen zugleich! Der niederstürzende Gegenstand war schwer: denn das Boot kippte durch die Erschütterung seitlich, und das" Wasser schoß über die Querbretter. Ganz instinctiv warf sich Carnaby sofort auf die andere Seite und brachte das Boot wieder in Gleichstand. Dann aber ließ er die Ruder sinken und zog sein Jagdmesser, zum Kampf auf Leben und Tod mit diesem blinden Passagier". Jetzt, der Gefahr so unmittelbar gegenüber, schwand alle seine Furcht, oder sein Bang vor der lauernden Ungewißhat Merkwürdigerweise aber blieb es im Hintertheil des Bootes ruhig. Das Boot war jetzt auf der weiten Fläche des äußeren Sees, und die schwache Milderung der beklemmenden Dunkelheit ermöglichte es Carnaby zur Noth, eine unbestimmte Körpermasse zu erkennen, die im Hintertheil kauerte. Neues Bangen überlief ihn! Nach den Umrissen und dem Druck, den es übte, konnte das Thier entweder ein großer Congar" oder auch ein Bär sein. Warum es wohl nicht zum Angriff überging? Fühlte es sich jetzt seiner sicher und wartete nur auf einen unbewachten Augenblick, um aus der Dunkelheit auf ihn zu springen? Die schaurige Stille war so beängstigend, wie nur je. Carnaby konnte die Nervenanspannung schier nicht mehr ertragen, und einen Augenblick dachte er allen Ernstes daran, sich über Bord zu werfen und an's Gestade zu schwimmen zu suchen, oder auch alle gewöhnliche Jägervorsicht in die Winde zu werfen und selber zum Angriff auf die Bestie zu schreiten. Nur mit äußerster Anstrengung erlangte er wieder genügende Controlle über sich, um keins von beiden bedenklichen Dingen zu thun, sondern einstweilen ruhig, wenn auch unter gespannte? Wachsamkeit, auf seinem Platz auszuharren. Wenn er wenigstens die wirkliche Gestalt seines Feindes hätte sehen können, so würde ihm das wohl etwas Erleichterung gebracht haben; aber dafür war es noch immer :A zu dunkel, und ein flüchtiges Sucken nach Streichhölzern blieb erfolglos. Mit der Zeit schöpfte er etwas Beruhigung aus dem Gedanken, daß er vielleicht, wenn nicht sein Heim erreichen. so doch ihm sehr nahe kommen könnte, ehe die geheimnihvolle Bestie einen Angriff machte. Das Jagdmesser zwischen den Knieen haltend, ruderte er kräftiger und kräftiger; aber das Boot war bedeutend schwerer Qt

worden, sowohl durch den blinden Paffagier wie durch das eingeströmte Wasser, und es verging beinahe sine Stunde noch, bis Carnaby das Licht des Blockhäuschens durch die BaumWipfel schimmern sah. Beinahe hätte er einen Freudenschrei ausgestoßen; aber er bezwäng sich. 3. Mit aller Aufbietung semer Kraft ließ er die Spitze des Bootes an den Vorstrand laufen. Noch einen grausigen Moment hatte er zu bestehen: beim Anstoß des Bootes schien die Gestalt im Hintertheil, in die Höhe zu springen! Carnaby, mit einem Schreckensschrei, machte eine drohende Gegenbewegung, sprang aber auf den Sand und rannte hilferufend dem Haus zu. Mackinnon war schon mit einer Laterne an der Thüre, und als er die unzusammenyängenden Nase Carnabys vernahm, packte er, seine Fußoerletzung ganz vergessend, eine Flinte und eilte, Carnaby die Laterne reichend, dem Wassersaum zu. Alles war ruhig. Großer Gott!" schrie Mackinnon, als das Licht auf den Bootshintertheil fiel, das ist ja ein Mensch ein todter!" In der That! An eines der großen Hörner des Hirschhauptes gespießt, war ein beinahe nackter, nur mit etlichen Fetzen bekleideter Menschenkörper, mit langem, verwilderten Bart und Haupthaar, das sein Gesicht beinahe verbarg, und weit aufgerissenen, stieren Augen zu sehen! Es war die Leiche eines alten Deutschen, der bis vor etwa einem Jahre in der Nachbarschaft ein Einsiedlerleben geführt hatte und dann im Wahnsinn in die Wildniß verschwunden 'und längst für todt gehalten worden war. Beim Einspringen in das Boot war die Hornspitze gerade in sein Herz gedrungen, und Carnaby blieb so vor einem Kampf mit einem Wahnsinnigen bewahrt!

Komödie der Liebe. Skizze von Mathilda Nos. Aus dem Schwedischen von Martha Borin. Die Frage, die er immer wieder an sich stellte und deren Beantwortung er so innig herbeiwünschte, war diese: Wann werde ich heirathen können?" Er war nun drei Jahre verlobt gewesen, und mit jedem Tage, der verfloß, wurde seine Sehnsucht danach größer, sein eigenes kleines Heim einzurichten und seine geliebte junge Braut dort hineinzuführen. Aber dazu gehörte mehr als ein armer, noch unbekannter Künstler und Schriftsteller erwerben konnte. Er rechnete und rechnete, und so bald er einem seiner verheiratheten Freunde begegnete, fragte er, wie hoch sich seine jährlichen Auegaben beliefen. Aber da er dann immer so große Ziffern als Antwort bekam, hörte er bald mit Fragen auf und machte im Stillen seine Berechnungen. Es war ihm bis dahin alles im Leben geglückt. Seine Gemälde wurden gekauft, die Verleger bezahlten seine Arbeiten gut, und wenn auch sein hübscher Bariton ihm nichts einbrachte, so verlieh er doch seiner Person eine besondere Anziehungskraft. Die Menschen versuchten auch, ihn nach besten Kräften zu verwöhnen; aber es gelang ihnen nicht. In dem oft lärmenden, oberflächlichen Gesellschaftsleben verstand er es, sich die Sehnsucht nach dem stillen, reinen, häuslichen Glück, wie er es seit seiner Verlobung erträumt hatte, zu bewahren. Auch seine Braut war arm, und dazu kam, daß sie einer angesehenen Familie angehörte, die sich trotz ihrer Armuth nicht von den Ansprüchen an das Leben befreien konnte, zu denen ein verloren gegangener Reichthum sie erzogen hatte. Die Mutter, Wittwe eines hohen Beamten, lebte von einer kleinen Pension und hatte die Tochter erzogen, als ob sie eine reiche Erbin wäre. Diese selbst besaß alle Talente, die ein junges Mädchen anziehend machen; sie hatte viel gelesen, sang entzückend, spielte Klavier, und über ihrer Conversation lag ein feiner Duft von Nachdenken und poetischem Träumen. Aber vom Nähen verstand sie nichts anderes, als feine Stickereien zu machen, und in die Küche und die Speisekammer setzte sie niemals ihren Fuß. Alles das besorgte die Mutter, während die Tochter ihren geistigen Menschen entwickelte. Sie liebte den jungen Künstler mit der Liebe des Herzens und der Phantasie, und ihrer Träume Traum war der, einst als seine Gattin neben ihm zu stehen und ihn zu inspiriren, wenn er feine Meisterwerke schuf. Aber das Atelier, in dem sie sich dann sah, war hoch und geräumig, mit Marmorfliesen und schweren Portieren an den Thüren; der kleine Raum, in dem ihr Brauiigam jetzt zu arbeiten pflegte, war so eng und anspruchslos, daß sie ein richtiges Unbehagen bei döm Gedanken daran empfand. Einst, als er sie dorthin geführt hatt und sie hinter ihm stehend zusah, wie er malte, wandte er sich plötzlich um, warf den Pinsel von sich und sagte: .Haft Du Muth, mein Liebling, dann ergreifen wir das Glück und machen diese Stunde zum Anfang von tausend ebenso glücklichen?" Sie antwortete nicht sogleich und zog sich vor seinen feurigen Blicken zurück. Tief in dem Innern. ihrer Seele war stets dieser Schreck vor der Ar-

muth lebendig, der' ihr von Kindheit an so tief eingeprägt worden war. So lange sie zurückdenken konnte, chatte sie ihre Mutter und ihre beiden älteren, verheiratheten Schwestern sagen gehört: Was Du auch sonst thust, aber schaffe Dir keine ökonomischen Sorgen

an; Heirathe vor allen Dingen niemals einen armen Mann!" Und als sie sich dann mit dem unbekannten, mittellosen Künstler verlobte, überhäufte man sie mit höhnischen Schilderungen von solchen Ehen, wo die Frau jedes Jahr ein Kind gebar, der Mann dann früh starb und sie mit dieser Kinderschaar, oeren Minimum immer ein Dutzend war, ohne Mittel in der größten Noth zurückließ. Das arme Mädchen schauderte und weinte oft bitterlich darüber, daß sie so häßliche und prosaische Dinge mitten in ihrem schönen Jugendträum anhören mußte. Daher zögerte sie mit der Antwort, als ihr Bräutigam jetzt so warm und innig wiederholte: Hast Du Muth?" Aber als sie dann in seine dunklen. tiefenAugen blickte und sah, wie strahlend und liebevoll sie auf ihr ruhten, da kam ein bebendes Gefühl über sie, sie schmiegte sich in seine Arme uno flüsterte ein zuversichtliches Ja!" Sobald aber die Mutter von diesen Plänen erfuhr, wollte sie nichts davon wissen. Und des Abends, als man bei der Lampe zusammensaß, las sie dem Brautpaar Kiellands Novelle Erotik und Idyll" mit vielen persönlichen Anmerkungen vor. Der Bräutigam sagte nichts, aber als am nächstenTage dieselbe Novelle bei einer Tante vorgelesen werden sollte, stand er auf und schlich leise und verzweifelt davon. Warum fühlte er allein diese feste Zuversicht, daß, wenn sie blos Muth litten, das Glück zu ergreifen, es ihnen auch treu bleiben würde?" So vergingen wieder ein paar Iahre. Er fragte nur noch selten und nicht so inständig, wann sie die Seine werden wollte. Allmählich nahm ihr Verhältniß einen mehr prosaischen und nüchternen Charakter an. Er versuchte die Wärme festzuhalten, die sein Herz so lange für seine Braut erfüllt hatte; aber vergebens er fühlte, wie seine Liebe mit der Alltagsstimmung davonflog, die öfter und öfter sie beide überkam. Schließlich ergriff ihn eine kalte, hoffnungslose Verzweiflung. Der Gedanke, daß sein schönster Jugendtraum verflüchtigen und er sich schon alt und gleichgültig fühlen sollte, ehe er seine Braut zum Altar führen konnte, war ihm unerträglich. Und in einem Ausbruch dieser Verzweiflung schickte er ihr den Ring zurück. Er sah sie nicht mehr wieder. Sie schickte ihm seinen Ring und seine Geschenke außer einem seiner Gemälde, welches sie ihn bat, als Andenken an die schöne Vergangenheit behalten zu dürfen. Die Welt verurtheilte ihn streng. Acht Jahre lang hatte er sie an sich gebunden, und nun ihre Jugend vorüber war, verließ er sie! Er verantwortete sich nicht und ließ alles ruhig über sich ergehen. Er wußte ja doch, was die Welt nicht wußte, daß nicht eigentlich er die Schuld an dem Bruch gehabt hatte. Die Jahre vergingen. Nachdem seine Verlobung gelöst war, widmete er sich ganz und gar seiner Kunst, und er hatte Glück. Er erhielt ein Stipendium, reiste in der Welt umher und studirte die verschiedenen Schulen. Seine Gemälde wurden ausgestellt und lobend in den Zeitungen besprochen. Ein großer, origineller Künstler war er eigentlich nicht; aber seine Arbeiten waren beliebt und wurden gerne gekauft. Als er heimkehrte, standen ihm Stockholms liebenswürdigste und gebildetste. Kreise offen. Er führte ein fehr angenehmes Leben, ging ganz und gar auf in Kunst und Literatur und Vergnügungen. Aber glücklich fühlte er sich doch nicht. Die Sehnsucht seiner Jugend war nicht befriedigt worden. Von seiner früheren Braut hatte er nichts weiter gehört. Er wußte blos, daß sie mit einem reichen Gutsbesitzer in Vermland verheirathet war. Aber eines Abends, als er zu einem Souper bei einem seiner Freunde gehen wollte, hörte er zufällig, daß sie mit ihrem Mann in der Stadt sei, und daß er sie wahrscheinlich diesen Abend treffen würde. Sein erster Gedanke war der, sie zu fliehen. Er wollte seine alte Wunde nicht wieder aufreißen. Aber dann kam die Neugierde über ihn, sie zu sehen und wenn möglich zu erfahren, was das Leben aus ihr gemacht hatte. Und so ging er zu dem Souper. Als er in den Salon trat, bemerkte er sie sogleich. Sie saß auf einem Sopha und sprach mit einer älteren Dame. Es war eng und laut in dem kleinen Raum; sein Eintritt würd: gar nicht bemerkt, und ohne von ihr gesehen zu werden, stellte er sich in eine Fensternische, von wo aus er sie ungestört beobachten konnte. Sie war fehr verändert. Ueber den feinen bleichen Zügen lag dieser müde, stumpfeAusdruck, den viele Frauen bekommen, wenn sie einige Jahre verheirathet sind. Sie schien jedoch ganz zufrieden mit ihrer Welt zu sein; sie sprach lebhaft, und aus dem theilnehmenden Zuhören ihrer Nachbarin glaubte er zu entnehmen, daß sie ejne interessante Geschichte berichtete. Er verließ die Fensternische und stellte sich dicht hinter sie. Zugleich trat der Herr des Hauses an sie heran

und bat sie eifrig, ein kleines Lied zu singen. Sie schüttelte den Kopf und machte eine verneinde Geste mit der

Hand. Aber der Gastgeber war beharrlich und ließ sich nicht abweisen. Blos ein kleines Lied, bat er von Neuem. Ich erinnere mich, wie entzückend Ihre Stimme immer war!" Oh, das werdenSie jetzt nicht mehr sagen," antwortete sie lächelnd. Ich glaube, ich habe seit zehn Jahren keinen Ton gesungen, wenn man sieben Kinder und eine große Landwirthschaft hat. . . Die alte Dame an ihrer Seite nickte lächelnd Beifall: Nein, dann hat man wirklich nicht Zeit zum Singen!" Sieben Kinder und eine große Landwirthschaft! Er betrachtete ihren Mann, den reichen Gutsbesitzer, der Musik nicht liebte. Es lag eine ganze Lebensgeschichte in diesen Worten. ... Er fühlte, daß ein Singvogel, den man zwingt, zu schweigen. zur Hälfte stirbt. Der Abend verfloß lebhaft und angenehm. Er konnte sich auf die Dauer nicht mehr vor ihr verbergen, und er bemerkte eine schnelle Veränderung in ihrer Art, sich zu benehmen, nachdem sie ihn erblickt hatte. Einmal kam er ganz in ihre Nähe und sprach mit einem Bekannten über einen Roman, der neulich erschienen war. Er wandte sich mehrere Male nach der Seite, wo sie saß, und suchte halb zögernd ihren Blick. Aber sie blieb die ganze Zeit über still und theilnahmslos. Er hörte, wie Jemand sie fragte, ob sie das Buch kenne, und da schüttelte sie den Kopf und antwortete, daß sie keine Zeit zum Lesen habe. Es wurde auch musizirt; ein junger Sänger trug Lieder aus Schumann's Dichterliebe" vor. Sie saß ganz unberührt und starrte vor sich her mit einem gleichgültigen und nichtssagenden Blick; aber ihr Aussehen machte auf ihn den Eindruck, als ob sie innerlich weinte. Als sie später nach demEßsaal ging, folgten seine Blicke ihr nach. Es war etwas Unschönes über sie gekommen in diesen Jahren; in dem Schnitt des Kleides, in ihrer Frisur, in ihrem Gang und in ihrer Haltung lag etwas Trockenes, Prosaisches, Philisterhaftes. Die Poesie des Lebens war von ihr geflohen. Ihr Mann kam zu ihr heran und sprach mit ihr. Einmal faßte er sie um die Taille und flüsterte ihr etwas in das Ohr; da sah sie zu ihm auf und lächelte ein freundliches, mildes Lächeln. Nein, unglücklich war sie nicht aber glücklich? Nach dem Souper setzte sie sich wieder auf das Sopha und sprach mit einer anderen älteren Dame, und er und andere junge Künstler blieben bei einem interessanten Gespräch im Herrenzimmer. Die Minuten schwanden. Eine ängstliche Unruhe überkam ihn. Sollten sie wirklich ohne ein Wort, einen Blick, ein einziges Erinnerungszeichen an vergangene schöne Zeiten von einander gehen? Er näherte sich ihr mehrere Male aber es war ihm unmöglich, er konnte nicht zu ihr sprechen. Was hatte er ihr auch zu sagen? War nicht alles zu Ende zwischen ihnen? Endlich stand sie auf und holte ihren Mann, worauf sie sich beide verabschiedeten. Er that dasselbe und folgte ihr in das Enite. Eine unbeschreibliche Sehnsucht zog ihn an ihre Seite. Aber sie schien ihn nicht zu bemerken; sie zog sich ruhig an, nahm das Kleid sorgfältig auf und legte den Spitzenshawl über das Haar. Da fing drinnen Jemand von den zurückgebliebenen Gästen an ju singen. Es war eine Melodie zu den SchlußWorten aus Ibsen's Komödie der Liebe". Und ist mein Schifflein gestoßen auf Grund, So war es doch herrlich zu fahren! Die Töne quollen stark hervor, getragen von einem mächtigen, überwältigenden Gefühl. Da wandte er sich zu ihr, und ihre Blicke trafen sich. Sie war ganz verwandelt. In ihren Augen stand die Verzweiflung der Entsagung und eine brennende Sehnsucht. Er ging zu ihr und beugte sich nieder; alles, was heute Abend in ihm gearbeitet hatte, wurde von diesen Tönen gelöst. Ja ist es nicht so?" flüsterte er mit unterdrückter Leidenschaft. Es wäre doch herrlick' gewesen, zusammen zu fahren " Sie sah zu ihm auf und ihre Seele lag klar und offen in diesem Blick. Ja," flüsterte sie, es wäre herrlich gewesen!" Aber im selben Augenblick kam ihr Mann an sie heran, legte den Abendmantel um ihre Schultern und kniff ihr gleichzeitig neckend in die Wange. Da wurden ihre Züge wieder ruhig und still, und wie vor?r beantwortete sie seine Liebkosung mrt einem milden, freundlichen Lächeln. Filtriren. Einen Bogen Filtrirpapier faltet man zuerst zweimal zusammen und knickt ihn nochmals nach der Mitte, daß er im Ganzen strahlenförmig gefaltet ist. Man legt ihn in einen Trichter, durch den man die Flüssigkeit filtriren will. Sind in der Flüssigkeit Kerne und Schalen, so Takt man sie vorher durch ein Tuch seihen, um das Filtriren nicht unnöthig zu erschweren.