Indiana Tribüne, Volume 28, Number 197, Indianapolis, Marion County, 12 April 1905 — Page 7

Jndiana Tribüne, R2 April 1905.

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ossooo$o l Fcucrblumen !

V Noman von Ö O Adolf Wilbrandt o O0l )a0000 (Fortsetzung.) Er drückte Hugos gebräunte Hand mit seine? zart weihen so herzhaft, daß Hugo sich verwunderte. Es ging ihm überhaupt sonderbar mit diesem Aesthetiker;" jetzt stieß er ihn ab, jetzt zog er ihn an; das pendelte immer hin und her. In diesem Augenblick war ihm sehr weich zu Muth; ich bin ja sehr glücklich!" stieß er hervor, daß ich dem Fräulein hab' belfen können ich bin riesig glücklick!" Sie traten auf den Balkon hinaus, sahen auf die Berge, mit der gemachten männlichen Ruhe, die sich so stellt, als habe sie gar keine Sorge und herrlich kaltes Blut. Zum Glück ward diese Ruhe auf keine lange Probe gestellt: nach wenigen Minuten ging die Thür hinter ihnen auf, und als sie in's Zimmer zurücktraten, kam ihnen der junge Toktor entgegen, der Christine am Arm führte. Gut is's gang'n, sagteer gemüthlich, nix is g'schehg'n. wie die Wiener sagen. Das Fräulein hat sich das Knie geschunden, aber nur so äußerlich; das Gelenk weiß nichts davon. Etwas Schonung, dann ist's gut!" Werners Augen strahlten. Aber die Schmerlen?" bemerkte er dann. Beim Gehen zieht und spannt sich's; das gefällt der wunden Stelle nicht. i muffen auch bedenken, wie empfindsich heut die Werben sind, nach dem Sturz kopfüber. So ein Geländer! Tas ist ja unerhört! Das haben wir hier noch nicht erlebt!" Minna war mit Antonie nun auch eingetreten. Herr Toktor," sagte sie, den Titel geflissentlich betonend, und Sie meinen, auch keine Salbe zur Linderung? Nichts ?" Wolfgang Dietl schüttelte den Kopf. Dann wird das Knie höchstens nachdenklich und bild't sich waS ein. Ruhe? Roch nicht viel gehen! Weiter nichts." Christine lächelte den jungen Dotlor dankbar an: darauf machte sie aber ein ernstes, beinahe kindlich klägliches Ge sicht. Aber die Berge? Ich will ja auf die Berge steigen. Darum bin ick ja hier!" Das freut mich, daß Sie darum hier sind," erwiderte Wolfgang Dietl; er stand nun frei neben ihr und betrachtete ihre anmuthige, geschmeidige Gestall mit unverhohlenem Wohlgefallen. Sollen Sie auch, mein Fräulein. Uebermorgen auf die Franz JosephsHöbe, wenn Sie wollen; später auf den Sonnblick oder was Ihnen sonst beliebt." Christine sah ihn ungewiß an. Sie machen Spaß!" O nein. Ganz und gar nicht. Ich steh' hier ja als Doktor. Wissen (Bit, mit Knieen kenn' ich mich aus; hab' mir die meinigen beim Kraxeln so oft zerschunden. ncch ganz anders als Sie. Und bin dann doch den ganzen Tag damit herumgestiegen; nur daß ich sie zweckmäßig bewegt hab'. Hat mir nichts gemacht!" Ja, Sie!" rief Christine aus. Sie sah ihn wieder vor sich, wie er am Morgen den Berg hinuntersprang. Mit Ihnen werden wir ja auch vorsichtiger sein," sagte Wolfgang lächelnd. Heut wenig mehr gehen, schön ruhen; morgen nur auf der Landstraß', oder unten im Thal. Tann sind Sie übermorgen so frisch wie je danach schauen Sie aus! und steigen wie 'ne Bergziege zum Glocknerhaus und zur Franz Josephs-Höhe hinauf." Und dann auch auf den Sonnblick?" .Gewiß!" Da muß man aber wohl 'nen Führer nehmen." sagte Christine, die vor Freude lautlos lachte. Wolfgang verneigte sich: Wenn die Herrschaften einen unentgeltlichen wollen, fo nehmen Sie mich!" .Sie!" Ihn erheiterte dieses tiefverwunderte Sie." Ich bin ja in diesem Gebirg wie zu Haus, mein Fräulein; ich kenn', sozusagen, jeden Stein. Von früh auf war ich Sommer für Sommer hier her. um irgendwo, auch in's Salzburgische und Tirolische hinein; und die Kraxlerei liegt mir nun einmal im Blut. Am wohlsten ist mir da oben . . . Aber 3ie 'ie en noch immer, Fräulein; sollten kliöer sitzen, oder liegen. Und ich halt' die Herrschaften mit meinem Schwatzen auf." Nein, nein!" rief Christine, da er gehen wollte; sie setzte sich geschwind und lud ihn durch eine Geberoe ein. es auch zu thun. Im nächsten AugenbNck ward sie dunkelroth; voreilig! nicht sehr mädchenhaft! dachte sie. In ihren Augen glänzte aber doch die Neugier weiter, von diesem Kraxler" mehr zu hören, den ihr das Schicksal so gnädig geschickt hatte. Sie müssen uns doch noch sagen, Herr Doktor," fing sie etwas schüchterner wieder an, von wo Sie beut herunterkamen, als Sie so in's Thal stürzten." Von einer Alm hoch oben, Fräulein. Da bad' ich jetzt acht Tag' gelebt." Acht Tage?" Allein?" fragte Minna fast bestürzt. Mit wem?" fragte Werner. Nicht so ganz allein; es warm da Kühe, Ziegen, ein Hirt; manchmal auch ern Jäger." Aber wo wohnten Sie denn?" rief Minna.

Beim Hirten, in seiner Hütte." Und wovon lebten Sie?" Wolfgang lächelte: Ich hatt' ja einen Koch bei mir. Als ich hinaufzog, nahm ich in meinem Rucksack allerlei gute Sacken mit: Mehl. Butter, Eier, Wurst, und was man für 'ne einfache Küche braucht. Meist hab' ich mir dann Klöße gemacht; tüchtige, ahrhafte Alvenklöße. Aber manchmal hab' ich vier Gänge gehabt: Klöße, Worther-fee-Scknitten. Äepfel " Und der vierte?" fragte Werner. Eine Cigarre. Man weiß ja nur da oben, was Rauchen ist! Ueberhaupt, alles, alles weiß man eigentlich nur da oben. Da wird einem die Welt so klar . . ." Er lächelte: Ist ja auch natürlich. Was die Menschen treiben, sieht man aus der richtigen erhabenen Entfernung an; und die Sterne sind einem so viel näber. Ich geh' Heuer noch einmal auf zwei Wochen hinauf, zum Jagen und zum Klettern, eh ich nachWien in's Joch urückaeh'!" Ist das auch eine Feuerblume?" dachte Hugo. Beinah klingt es so. Aber er geht wenigstens wieder .in's Joch'!" O Gott, wie haben Sie recht!" rief dagegen Christine aus, die dem Doktor mit brennenden Augen und Wangen zugebört, ihren Sturz darüber ganz vergessen hatte. ..Bei den Ziegen da oben wohnen himmlischer Gedanke! Den Sonnenaufgang zu sehn und den Untergang; und herumzuklettern " Sich den Hals zu brechen," warf Werner dazwischen. Na ja! Einmal ist's ja doch zu Ende! Ich will auch bei den Ziegen wohnen!" rief Christine übermüthig, wie ein Kind. Sie sprang dabei aus; die jähe Bewegung that aber dem Knie fo weh, daß sie das Gesicht verzog. Sei Du froh, wenn Tu auf's Glockncrhaus kommst," bemerkte Werner etwas ältlich weise. Uebermorgen! Ja!" Sie sagte es sich selber zum Trost; setzte sich und rieb verstohlen ihr Knie. Und dann auf den Sonnblick; mit einem unentgeltlichen Führer; wie gut. Sie wollen wirtlich?" Ich? Sehr gern!" antwortete Wolfgang. Auch zum Glocknerhaus; wenn die Herrschaften wollen " Da ist wohl keine Frage!" sagte Werner heiter, rerbindlich. Der Vortheil ist ja ganz auf unsrer Seite!" Hören Sie?" Christine lächelt? den Toktor wieder dankbar an; so fröhlich, daß es dem etwas eifersüchtig zuschauenden Hugo fast das Herz bedrückte. Acer als hätte sie das gefühlt, warf sie nun ihm, ihrem Retter," einen herzlich guten Blick aus den leuchtenden Augen zu. Hugo verneigte sich unwillkürlich vor Freude.

.Kapitel, oktor Wolfgang behielt recht; feine Patientin" war am übernächsten Tag so ganz hergestellt, daß der gemeinschaftliche Aufstieg zur Franz Josephs-Höhe jetzt ihrer sechs getrost unternommen werden konnte. Zu Christinens und der andern Tamen Schonung hatte Wolsgang vorgeschlagen, erst am Nachmittag hinaufzugehn, im Glocknerhaus zu übernachten und am andern Morgen zur Franz Josephs-Höhe anzusteigen, wo man das riesige Eismeer des Pasterzengletschers völlig überblickt. So machten sie sich denn erst um Fünf auf den Weg. Es war etwas schwül geworden, für die Zukunft regendrohend aber jetzt noch klar. Gegen Norden zu verließen sie bald das offene Thal,, langsam bergan; die Möll, die aus der Pasterze hervorströmt, durchrauschte neben ihnen ihre tiefe Schlucht. An der. Abhängen hörten die Ackerfelder auf; die Gießbäche, die aus der Höhe zu Thal gingen, hatten keine Mühlen mehr. Hugo war mit Christine hinter den andern ein wenig zurückgeblieben: sie standen still und schauten in das noch besonnte, liebliche Thal mit der sernhin wirkenden Kirche zurück. Also das wissen Sie." fragte Hugo ver gnugt. was die kleinen Hütten ode: Stadel da an den Bächen entlang bedeuten?" Na, das stnd doch Mühlen," antwortete das Mädchen ernstbaft. Hier hat jeder Bauer so 'ne kleine Mühle: da mahlt er sich selber sein Mehl; wann er grad' was braucht. Ist Das nicht hübsch, Herr Hoffmann?" Freilich ist es hübsch. Eine sehr bequeme Einrichtung, diese Sturzbäche! Und durch's ganze Jahr! Aber daö können Sie mir wohl nicht sagen, mein Fräulein, was die merkwürdigen Instrumente vorstellen, die man überall an den bebauen Berten sieht; sie schanen nämlich wirklich wie eine Art von musikalischen Instrumenten aus. Nur daß sie ganz von Holz sind; und es müßten schon diesen drauf spielen." Christine lachte ein wenig. Sie werden ja auch Harpfen genannt! und das soll so viel wie Harfe heißen. Wenn im August und Seötember das Getreide gemäht wird, dann hängen sie die Garben querüber und immer höher an diesen Gestellen auf; gleich neben dem Ackerfeld. Das Stroh kommt möglichst nach außen, die Aehren nach innen, so daß sie Wind und Wetter nicht, trifft. Nach und nach werden dann die Garben, so wie man sie braucht, von den Harpfen ,heruntergespielt'; bis das Lied zu Ende ist. Nicht wahr, das ist auch hübsch?" Hugo sah sie so unheimlich an, daß sie wieder lachte. Was gucken Sie so?" fragte sie.

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Ich wundre mich nur. Woher wissen Sie das cti'es?" Ich hab' doch gestern den Doktor gefragt, als er uns besuchte. Man will doch was lernen. Besonders auf Reisen." Es ist mir nur so merkwürdig, Fräulein! Sie interessiren sich also für die Landwirthschaft?" Ach Gott." warf sie hin, warum nicht; o ja. Besonders für alles im Gebirg; da geht mir gleich 's Herz auf." Sie lächelte: Und Sie haben ja neulich Abend gehört, ich will nicht gern so ein fideles Unkraut werden, will mich nützlich machen. Hätt' ich nur erst eine Ahnung, wie!" Hugo antwortete nicht. Ihm war. als hätt' er so eine Ahnung; ihm war überhaupt wunderlich zu Muth; er blieb aber stumm. Das Fräulein sah auch gar so gleichmüthig heiter in die Welt hinaus . . . Sie gingen wieder den andern nach. Der Weg stieg so fort. An einer freundlichen Kapelle, an einem schön stürzenden Wasserfall vorbei kamen sie endlich auf die böse Platte," wo es ungemüthlicher, steiler wird. In die langsam beginnende Dämmerung schien nun aber das Mondlicht herein: die noch unfertige Scheibe stiea hinter ihnen über den Bergen auf, ganz als wär' sie auf diese Stunde bestellt, um das bevorstehende große Schauspiel mit ihrem geisterhaften Gelb zu beleuchten. Denn nach und nach wuchs nun das Schneegebirg, das sich lange versteckt hatte, wie aus der Versenkung hervor: der langgestreckte Glocknerkamm mit der Glocknerspitze, davor und darunter der untere Pasterzengletscher, der sich in gewaltigem Absturz in die Tiefe wendet, in eine breite Schlucht hinab, wo er dann aber in starrer Majestät sich mtl seinem etwas schmutzigen Mantelsaum bedeckt. Zu diesem blaugrün durchschimmerten Absturz stieg das bleichgoldne Licht des Monds vom Schneeweiß des Hochgebirgs über das grauere Gletschermeer herab, eine verzauberte, gespenstische Helligkeit verbreitend, die immer märchenhafter ward, je mehr der Tag versank. Die Wanderer kamen näher und näher, sie eilten aber nicht; die Welt war wirklich einmal wie ein Traum. Dazu war die Luft noch mild, durchschwült; röthliche Wolkenstreifen schwebten wie etwas Warmes am kalt blauen Himmel. Nun? Ist das nicht schön?" sagte Christine zum Bruder, der in Sinnen versunken auf und nieder blickte. Er hob eine Hand und streichelte sie: Antwort gab er nicht. Ackselzuckend ging sie weiter; so kamen sie endlich an's Glocknerhaus. Ein einfacher, kleiner Holzbau, an den sich ein kleinerer Anbau lehnte, stand sondcrbar fremd in dieser vollkommenen Einsamkeit, in der winterlich umeisten Wildniß. Hinter dem Hause senkte sich der grüne Abhang hinab, von dem man den Absturz des Gletschers recht vor Augen hatte. Es nachtete jetzt; aus der offenen Thür schien gastliches Licht heraus. Eben kommt mein Hunger! das trifft stch gut!" sagte Frau Minna lustig und ging dem voranschreitenden Führer, dem Tottor, vor den andern nach. Als ste in's Haus trat, erschrak ste fast: von rechts, aus dem Führerzimmer, trat eben eine mächtige Gestalt hervor, die ihr neben dem eher kleinen Toktor wie ein Riese erschien. Es war ein breitschultriger Mann, ähnlich alpenmäßig" wie Wolfgang gekleidet, in ebenso oerwetterter Joppe; den fast kahlen, aber auffallend schön geformten Kopf trug er hoch auf dem freien Hals; den Hut hielt er in der Hand. Sieh da!" sprach er den Doktor an und streckte ihm eine seiner großen, braunen Hände bin. Trifft man Sie hier einmal?" Darüber muß i ch mich wohl eigentlich wundern," gab Wolfgang zurück. Wie kommen Sie zum Glocknerhaus?" Der Riese wollte antworten; er sab nun aber Minnas Gesicht, auf das aus einer aufgehenden Thür ein Lichtschein fiel, stutzte, schaute noch einen Augenblick hin, wandte stch dann ab, als falle ihm etwas andres in's Auge. Minna bemerkte nur noch eine lange, schwachgeröthete Narbe, die ihm schräg übe? die Stirn lief. Doktor, ich muß Ihnen was sagen!" murmelte seine tiefe Stimme. Kommen Sie gefälligst einen Augenblick vor die Thür!" Damit ging er an Minna vorbei hinaus, in den Mondschein. Wolfgang ging ihm nach. Wer ist das? dachte die junge Frau; sie stand regungslos still. Hab' ich den nicht schon gesehn? Indem sie's noch dachte, und ehe sie noch zur Klarheit des Bewußtseins kam, überlief sie ein leises Zittern; ein dumpfes Gefühl in ibr hatte ihn schon erkannt. Ja, ja, ja," sagte sie dann in großer Verwirrung vor sich hin; er M's!" Werner und die andern traten nun auch in's Haus; sie ließ sie aber an sich vorbei, links in das Gastzimmer hinein; ihr Hunger war vergangen, ste wartete aus Wolfgang. Die Zeit deuchtc ihr endlos, bis er wiederkam. In ihrer Aufregung ergriff sie ihn am Arm und hielt ihn fest; er schaute sie verwundert an. Sagen Sie, Herr Doktor! Woher kennen Sie diesen Herrn?" Von meinem Almenleben da oben; weiter nicht. Warum fragen Sie?" ' Bitte! Wie heißt der Herr?" Die Leute nennen ihn den Baron; anders weiß ich's auch nicht. Er kam jetzt hierher, weil aber das interessirt Sie nicht. Kennen Sie ihn, gnädige Frau?" Ich glaube, , ich hab' ihn gekannt.

Ich Es kann ja auch Tauschung sein. Es ist lange her. Er hat sich sehr verändert . . ." Wlfgang lächelte. Sie sind also doch überzeugt, daß er's ist!" Sie zog die Schultern, wie von etwas Unheimlichem berührt; ach, lassen wir das. Es toar mir nur fo merkwürdig, als ick aus dem phantastischen Mondschein kam, in dieser schaurigen Cede, zu einem PfefferkuchenHäuschen wie im Märchen: da steht auf einmal dieser Mann Sonst ist's ja ganz g'eichgiltig Gott sei Dank, mein Hunger kommt wieder; gehn wir zum Essen!" Sie trat mit Wolfgng ins Gastzimmer ein. An einem langen Tisch saßen allerlei Gäste, lauter Herren, und wie es schien, lauter echte Alpinisten"; um einen kleineren Tisch in der Ecke hatten sich ihre Mitwanderer gesetzt. Die Hausmutter begrüßte sie, eine kleine, schwarzgekleidete Alte; eine frische Kellnerin fragte nach ihrem Begehr. Gebirgskarten. große Ankündigungstafeln der andern AlpenvcreinsHütten in diesem Gebirg, der Gastböfe in den nächsten Orten, bedeckten die niedriaen Wände. Alles sagte nur: hier ist Hochgebirg! Christine strahlte in ihrer Ecke, daß ste dieses erste Ziel erreicht hatte; es stand schon ein Fläschchen Wein vor ihr. Minna setzte sich neben ste. ihr wie zum Glückwunsch die Hand drückend, und mit einem zutraulichen, zärtlichen Streicheln über ihr genesenes Knie; inwendig dachte sie aber an ganz andres. Sie aß und trank, aber nicht mit der hingebenden Lust wie sonst. Als alle abgetafelt hatten die andern Gäste gingen schon schlafen, um früh aufzustehn bielt sie es nicht länger aus. von gleichgiltigen Dingen zu reden und zu hören. Sie faßte Plötzlich Walfgang in's Auge, der ihr schräg gegenüber saß und seine geliebte Cigarre rauchte. Baron nannten Sie diesen Herrn, den Sie vorhin bei der Hausthür trafen? Nennt er sich Baron?" Wolfgang schüttelte den Kopf. .Er wird da oben in den Bergen so genannt; vielleicht seiner majestätischen Erscheinung wegen; vielleicht auch weil er so ein gewisses Wesen hat. Sie nennen ihn zuweilen auch den norddeutschen Goliath; denn das Norddeutsche hört man ihm doch noch an, wenn er auch viele österreichische Worte und Redensarten einmischt. Wie er eigentlich heißt wissen Sie, hier oben fragt man nicht viel: wer bist Du? was stellst Du vor? Das wird alles fo nebensächlich. Er fragt auch nicht. Er lebt so hin." Ja, wo denn? Sie sagen ,oben.' Auf den Gletschern lebt er doch nicht?" Nein, aber nicht weit davon. Das ist der sonderbarste Mensch, meine Herrschaften, den ich bisher in den Alpen angetroffen hab'; ein Mensch, über den man nachdenken muß. Den ganzen Sommer haust er im eigentlichsten Hochgebirg; bald hier, bald da, eine Art Alpennomade; lebt von Schmarren und Milch und Klößen wie ich, wenn ich oben bin; in die Thäler kommt er nicht vor dem Herbst. Er jagt, er photographirt, er steigt herum; das ist der verwegenste Kraxler, den ich je gesehn hab'. Wenn wir uns irgendwo treffen, dann sprechen wir uns recht gut; er wird zutraulich in seiner Art; einen oder zwei Tage lang; Plötzlich ist er dann fort. Heut hab' ich ihn zum erstenmal unter civilisirten Menschen gefunden, hier im Glocknerhaus; er hat wollen einen Führer sprechen. Sonst geht er den Fremden aus dem Weg, als hätten sie die Pest!" Aber warum?" fragte Minna, möglichst harmlos; ihre Augen fragten errcgtcr mit. Er hat die Menschen halt satt, wie er sagt; wenigstens die sogenannten gebildeten. Mir scheint, er hat viel erlebt; ich war ein wilder Kerl, sagte er mir einmal, als wir auf einem Felsstück Ziegenmilch tranken; hab' alles gründlich genossen, und wie! Besonders die drei W: Wein, Weiber und Würfelspiel! Dann ist aber endlich das Gefühl der Wurschtigkeit über mich gekommen; zuletzt wird alles so lang wie breit. Da hab' ich mich aus dem Staub gemacht; 's war auch wohl hohe Zeit. Das Geld war hin und alles. Jetzt leb' ich im Winter in der langweiligsten österreichisck)en Stadt, die es gibt, und im Sommer bei den Gemsen und Ziegen; das kostet wenig Gehirn, wenig Gewissen und wenig Geld und bekommt mir besser!" Ein wunderlicher Heiliger," murmelte Werner. Eine Feuerblume." brummte Hugo in seinen blonden Bart. (Fortsetzung folgt.)

Georgias Peonaae"Gesetz. Durch eine Entscheidun i de5 Bundes-Obergerichts in dem Falle eines gewissen" Samuel M. Clyatt ggen die Ver. Staaten wird das im Staate Georgia bestehende Gesetz über unfreiwillige Dienstbarkeit (peonage") als Strafmodus aufrecht erhalten, indem das Gericht die Entscheidung des Kreisappelationsgerichts. welche zu Gunsten von Clyatt gelautet hatte, der angeklagt war, zwei Neger Namens Gordon und Ridley unfreiwilliger Dienstharket wieder überantwortet" und 311 Sklaven gemacht zu haben, umgestoßen Hai.

Amer', kanifche Droschk e n werben in den letzten zwei Iahren in erh. blicher Anzahl in Malta eingeführt. j

Der Sport und die Damen dcr englischen Gesellschaft.

Eine Londoner Skizze von Otto Marx. Bis vor wenigen Jahren wurde in England die Bezeichnung Sport" in Verbindung mit einer Dame ausschließlich für deren Theilnahme an einer Fuchsjagd gebraucht. Seit undenklichen Zeiten haben englische Frauen an dem Weidwerke sich betheiligt, und eine der Vorfahren des Lord Salisbury hatte gar ihre eigene Meute. Königin Viktoria ritt in den ersten Jahren ihrer glücklichen Ehe gelegentlich zu den Jagden inmitten einer fröhlichen Jagdgesellschaft, und in die Regierungszeit dieser Königin fällt auch ein beträchtlicher Wechsel, soweit die Stellung des schönen Geschlechts" in den Sportkreisen der oberen Gesellschaftsklassen in Frage kommt. Die Vertheidigerin der Rechte der Frau in der Betheiligung an Jagden war die Comtesse de Paris, die viele Jahre hindurch zu den besten Schützen in England zählte. Gelegentlich ihres Aufenthaltes auf dem königlichen Herrschaftssttze in Sandringham überraschte sie jedermann, und besonders die biederen Norfolker, durch ihre guten Treffer, und da der Graf keinen Anstoß daran nahm, daß seine blaublütige Gattin, die ihre Abstammung auf ein hundert Könige zurückführen konnte, sich an den Jagdpartien des damaligen Prinzen von Wales, heutigen Königs Eduard, betheiligte, lag seitens des englischen Gastgeberpaares gewiß keine Ursache vor, andere Damen auszuschließen. Das Beispiel der "anzösischen Comtesse wurde bald voi. 'inigen enthusiasmirten englischen Gesellschaftsdamen nachgeahmt, und heute würde es einer derselben recht übel vermerkt werden, wenn sie nicht im Gebrauche der Flinte und der Angelruthe bewandert wäre. Königin Alexandra von England war von allem Anfang an eifrig darauf bedacht, ihre Töchter zu guten Anglerinnen auszubilden, und sie begab sich zu diesem Zweck mit ihnen in jeder Herbstsaison nach Schottland, um in den dortigen berühmten Lachsflüssen zu fischen. So ist es denn heute kaum zu verwundern, wenn die Herzogin von Fife zu den besten und begeistertsten Freundinnen dieses Sportes gehört, und daß sie vor einigen Jahren mit ihrer Angelruthe die größte Zahl von Fischen fing, die jemals von einer Frau an der Dee an einem Tage verzeichnet wurde. Wenn die Herzogin zur Erholung in der New Mar Lodge weilt, begibt sie sich fast an jedem Tage in Begleitung einer Freundin oder ihres Gatten nach dem nahen Flusse, um dort zu angeln. Eine andere bekannte Sportsdame ist die Gräfin von Annesley. Sie fand an dem Angeln schon lange vor ihrer Hochzeit Vergnügen, und ihr erster an der Deesite gefangener Lachs wog nicht weniger als zwölf Pfund. Ihr Gatte, Lord Annesley, ist dem Sporte nicht minder leidenschaftlich ergeben, und das gräfliche Ehepaar verbringt Jahr um Jahr viele angenehme Stunden beim Angeln nicht nur in Schottland, sondern auch in Irland, woselbst ihr prachtvoller Herrschaftssitz Castle Wellan gelegen ist. Lady Annesley hat. wie viele andere englische Sportsdamen. ihre eigenen Anschauungen über die richtige Ausrüstung einer Anglerin und sie betrachtet zum Beispiel eine schwere Angelruthe entschieden als ein Hinderniß. Nach ihrer Ansicht darf eine Ruthe nicht mehr als 240 Gramm wiegen, und noch peinlicher achtet sie auf die Schnurrolle, die aus Aluminium gefertigt sein muß und nur 90 Gramm wiegen darf. Lady Allington ist eine andere bekannte englische Anglerm, die sich alljährlich mit zahlreichen Freundinnen und Bekannten nach Schottland begibt, um dort während der Herbstzeit ihrem liebsten Vergnügen obzuliegen. Es ist eine wissenswerthe Thatsache, und sie spricht für weibliche Ausdauer und weiblichen Muth nicht wenig, daß zwei der besten Jäger auf reißende Thiere Frauen sind. Mrs. Allan Gardner und die Herzogin von Somerset sind weit gereist, und sind oft nur um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen. Mrs. Gardner ist in England vestbekannt als Sportsdame und Verfasserin vieler Bücher, die ihre Jagderlebnisse schildern und mit Federzeichnungen von ihrer Hand geschmückt sind. Die Dame '.st die Tochter eines wohlbekannten liberalen Abgeordneten und die Gatlin eines Parlamentariers für einen Londoner Wahlkreis, des Obersten Allan Gardner, eines jüngeren Bruders des Lord Burghclere von Walden. Mrs. Allan Gardner ist seit dreizehn Jahren vermählt und die glückliche Mutter von vier Kindern, aber das und ihre großen gesellschaftlichen Pflichten hindern sie nicht, sich nach wie vor dem Jagdsporte mit Eifer hinzugeben. Sie kennt die wildesten Gegenden von Centralindien und sie zählt zu ihren Freunden eine große Zahl von indischen Fürsten, die aufrichtige Bewunderer ihrer Kunstfertigkeit im Gebrauche des Gewehres und des Speeres sind. In Begleitung ihres Gatten hat sie nicht nur aufregende Jagdabenteuer in Indien, sondern auch in wilden und wenig bekannten Gegenden von Afrika, darunter auch Somaliland, auf der Suche

nach großem Wi!d durchstreift. Sie ist eine der wenigen Frauen, die an Tiger- und Löwenzagden theilgenommen haben, und ihre unter dem Titel .Einen Tag mit den Tigern" veröffentlichten Jagderlebnisse ist eine der interessantesten sportlichen Abbandlunzen, die auch zeigt, wie os: die Dame zhnc Zucken dem Tode getrotzt hat. c?s. Gardner sucht auch in der Jagd aus Rothwild ihresgleichen davon zber, daß sie das Jahr und den Tag .richt nur mit sportlichen Vergnügun:jen ausfüllt, zeugt, daß ste eine eifrige Förderin der englischen Kunststicker3tlvist, auch selbst auf diesem Gebiete hervorragendes leistet. Die Herzogin von Somerset vereint :ine literarische mit einer sportlichen Neigung. Sie war mit ihrem Gatten viele Monate hindurch auf einer abenteuerlichen Expedition im Wilden Westen von Amerika begriffen und legte später ihre Erlebnisse in einem höchst fesselnd geschriebenen Buche: Die Eindrücke eines Weichfußes" nieder. Der Herzog und die Herzogin leben während ihrer Jagdtouren stets in einem Feldlager, mit dessen Unannehmlichkeiten sich ur wenige Sportsfreunde abfinden würden. Die Dame liebt die ungebundene Freiheit und das eben erwähnte Karawanenleben, und sie soll im Gebrauche des Petroleumkochers nicht minder gut Bescheid wissen, als ihre Freundinnen und Bekannten daheim mit den luxuriösesten Kochapparaten. Eine gewisse Gruppe von Sportdamen der englischen Gesellschaft richtet ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich darauf, dem Rothwild nachzustellen. In diesem Zusammenhange sind besonders die Namen der Mrs. Platt, Lady Tweedmouth und Lady Vreadalbane, ebenso der Herzogin von Hamilton, erwähnenswerth. Mrs. Platt schoß vor einiger Zeit in Schottland einen Neunender, und im August vorigen Jahres brachte sie in Schallland den besten Bock zur Strecke. Lady Tweedmouth kennt nur ein Steckenpferd, und das ist der Sport. Sie ist eine gute Anglerin. aber sie widmet ihre größte Aufmerksamkeit der Jagd auf Rothwild, der sie. gleichviel ob die Wetterverhältnisse günstig sind oder nicht, in jedem Herbste einen ganzen Monat obliegt. Sie ist von keiner anderen Frau als Jägerin übertroffen worden und hat viele tadellose Hirsche geschossen. Die Gräfin von Vreadalbane. die jüngste Tochter des verstorbenen Herzogs von Atontrose, ist ebenfalls eine der enthusiasmirtesten englischen Sportsdamen der Gegenwart. Daneben hat sie sich aber als feinfühlige Dichterin einen Namen gemacht. Adeline, Herzogin von Bedford, als eine der größten Wohlthäterinnen und Anhängerin der Enthaltsamkeitsbewegung bekannt, war in ihren jungen fahren, beziehungsweise vor ihrer Wittwenschaft, eine andere sportliebende Dame der Gesellschaft. Die gegenwärtige Herzogin von Bedford zählt zu den besten Schützen in der Welt, obgleich sie sich erst nach ihrer Vermählung der Jagd widmete. Die Herzogin ist die Tochter eines höheren englischen Geistlichen, der vordem in Indien wirkte, woselbst sie auch die Bekanntschaft ihres jetzigen Gatten machte. Die Dame benutzt eine ungewöhnlich kleine Flinte, die besonders für sie angefertigt ist. Der Herzog und die Herzogin Pflegen in Begleitung von zwei Retriever-Hunden allein auf die Jagd zu gehen, und nicht selten tragen sie ihre Beute allein nach Hause. Die Herzogin von Newcastle ist seit langer Zeit als eine Sportsfreundin bekannt, und es wird ihr zum Verdienst angerechnet, daß sie die schönen russischen Wolfshunde in England eingeführt hat. Sie verfügt über eine eigene Meute und nimmt regelmäßig an den Jagden in der Umgebung ihres Schlosses theil. Als die letzte englische Sportsdame sei die Prinzessin Viktor Dhulepp King die Tochter eines englischen Grafen, heutige Gattin eines indischen Fürsten genannt. Sie lebt mit ihrem Gemahl in der Hockwold-Hall in der Grafschaft Norfolk, wo das Paar beim Angeln und auf der Fuchsjagd die jährliche Saison verbringt. Der Maharajah lebt seit vielen Jahren in England und ist daselbst als einer der besten Cricketspieler bekannt. Er nimmt an den Wettspielen nicht als Amateur, sondern als Fachmann theil und das auf diese Weise alljährlich von ihm erworbene Vermögen soll in die tausend Pfund Sterling laufen. Wer die englischen Sportvekhaltnisse kennt, wird daran schwerlich zweifeln, aber für den europäischen Beobachter und Zeitungsleser nimmt es sich entschieden doch etwas merkwürdig aus, daß ein indischer Fürst seinen Zeitvertreib in einem Ballspiel findet und daß er danach trachtet, seine gewiß nicht geringen Haushaltskosten durch das Erlangen von Recordpreisen wieder wettzumachen. Wie es um diejen Zweig des englischen Sportwesens bestellt ist. läßt erkennen, daß viele englische Pro fessionsspieler stch eine vielköpfige Dienerschaft halten und daneben in EquiPagen und Automobilen ihre Ausfahrten machen. Maharajah Duhleep King kann oft in seinem Kraftwagen" in London beobachtet werden, wo er der Fürst Zutritt zu den höchsten Kreisen hat. Das beweist, mehr als alles andere, welche Zeiten in dem demokratischen England aufdämmern.