Indiana Tribüne, Volume 28, Number 197, Indianapolis, Marion County, 12 April 1905 — Page 5
Jndiana Tribüne 12. April
S
Wie die Liebe kommt.
Von Elis.' Krafft. CoUc!" Er rief einmal, zweimal und zum dritten Male. Er bekam keine Antwort. Aergerlich nam er seine weiße Sportmütze, warf . die Thür seines Zimmers heftig zu und trat auf den Corridor, wo bereits die beiden Fahrräder neben einander gegen die Wand gelehnt standen. Davor seine Mutter. Sie schüttelte den Kopf. Schon wieder radeln? Du solltest Deine paar Tage Urlaub auch besser anwenden, wie ewig in Staub und Hitze auf der Landstraße zu liegen. Gesund ist's sicher nicht. Und Lotte hat sonst was zu thun, als die schöne Zeit zu verbummeln." Was hat sie denn zu thun?" Er zog und zerrte ungeduldig an seinem hellen Anzug herum und blickte nach der Thür, die in Lotte's Zimmer fübrte. Die Mutter warf einen klagenden Blick zur Decke. Du lieber Himmel! Welche Frage! Was bei uns zu thun ist! Was für ein junges Mädchen, das bald zwanzig Jahre alt wird, zu thun ist? Frag' nicht so dumm. Junge. Denkste, ich solle alle Strümpfe allein stopfen, alle Wäsche selber flicken und nebenbei noch die Wirthschaft machen, kochen und Euch bedienen, während das Fräulein sich draußen irgendwo im Walde amüsirt? Fahr' Du man allein, Lotte bleibt heute hier." Er hob den Kopf. Trotz der Sommersonne, die durch eine geöffneteZimmerthür den Corridor erhellte und sein Antlitz streifte, sah er blaß aus. Lotte fährt mit. Schon vierzehn Tage war sie nicht dabei. Ich Hab's ihr auch schon gesagt, also basta!" Er schritt an der Mutter vorüber und Lotte's Zimmer entgegen. Ohne anzuklopfen, ganz brüderlich und ungenirt, öffnete er die Thür. Ein leiser Aufschrei, und mit bloßen Schultern, im weißen Rock und weißen Mieder, flüchtete das Mädchen in eine Ecke. Herrjeh hab' Dich doch nicht," sagteMax achselzuckend. Warst doch sonst nicht so! Bist Du fertig?" Sie stand blutübergossen, mit hochgehaltenen Händen neben dem Tisch. 3a gleich aber bitte, mach' die Thür zu, Max," stotterte sie. Er gehorchte lachend. Es war aber ein heißer, ungewohnter Blutström in seiner Stirn empor gekommen, als er die Scham, die Gluth der Schwester sah. Dummes Mädel! Er trat zurück und fuhr mit gespreizten Fingern seiner unzufriedenen Mutter in plötzlich bessererLaune durch das Haar. Sei friedlich, Alte, und blas' keine Töne. Ich thu' ja doch, was ich will. Tu ja auch. Sie wurde ganz weich vor dem lackienden hübschen Gesicht ihres Einzigen. "Ja, ja, Junqchen, wenn ich Dich nicht hätte " -ie trat seufzend in das Wohnzimwer zurück. Er folgte nicht. Er schraubte mechanisch an seinem Rade herum und lauschte dabei nach Lotte's Zimmerthür. Ihm fiel plötzlich jener Tag ein, da er zum ersten Male die neue kleine Schwester gesehen hatte. Wie lange mochte das nun wohl schon her sein? Zwölf Jahre schon? Er Sekundaner mit dem ersten Flaum über den Lippen, sie achtjährig, winzig klein und dumm. Sie gefiel ihm eigentlich gar nicht. Aber die Mutter hatte ihm schon so viel von dem neuen Vater und seiner kleinen, mutterlosen Tochter vorgeschwärmt, daß es ihm schließlich nur lieb sein konnte, wenn die verlassene Wittwe zum zweiten Male glücklich werden wollte und einen braven Mann bekam. Und Lotte's Vater war viel zu gutmüthig und harmlos, als daß er dem Stiefsohn gegenüber etwa ein strenges Regiment hätte führen können. Also bekam Max einen neuen Vater, Lotte wieder eine Mutter, und die Iahre kamen und schwanden in Friede und Ein:racht, so gut es eben gehen wollte. Man dachte kaum der Thatsache nach, daß es einstmals Tage gegeben, da Mar und Lotte noch nicht Geschwister waren. Nur heute fiel's ihm wieder ein. Heute, als das alberne Mädel so zimverlich mit ihren nackten, weißen ckiultern that, die doch eigentlich sehr hübsch waren. Der junge Mann richtete sich aus seiner gebückten Stellung über dem Rade auf und fühlte, daß er einen rotben Kopf hatte. Darüber ärgerte er sich wieder. Er batte alle Lust zu der gemeinsamen Radparthie verloren. Gerade wandte er sich feinem Zimmer zu, als Lotte kam. Die lichte Blouse, der fußfreie, dunkelblaue Rock, die weiße Mütze, das alberne Mädel sah todtschick aus, wie Max innerlich feststellte. Kommst Du endlich," fuhr er sie in echt brüderlicher Liebenswürdigkeit an. Weiß der Kuckuck, was so einToilettemachen bei Euch Mädels lange dauert. Und dabei hast Du fast gar nichts an!" Er neigte sich und tippte mit dem Finger gegen den Passentheil der Blouse, unter dem rosige Haut durchschaute. Weg," sagte sie und schlug ihm auf die Hand. , Sei nicht frech, Max!" Gleich darauf folgte ein ängstTlcher
Blick gegen die angelegte Wohnstube-
hür. Mutter will's wohl nicht, daß ich ahre?" Er lachte. Die alte Dame will manches nicht, was wir wollen allons. Lotte!" Er hob ein Rad auf die Schulter, während er das andere, leichtere mit einer Hand die Treppe hinab zu tragen begann. Das jungeMädchen wandte sich noch einmal. Adieu, Muttchen!" Keine Antwort. Lotte trat in das Zimmer und streckte bittend die Hand gegen die nähende Frau am Fenster aus. Bist Du böse?" Unsinn!" sagte Frau Lübke gereizt. Bin froh, wenn ich Ruhe hab'. Geh' nur!" Lotte zögerte noch. Sie trat nahe zu ihrer zweiten Mutter heran uni ihre Lippen zuckten. Ich möcht' so gern mal wieder raus, sieh mal, die Sonne! Und und der Wald ist jetzt so grün und die Heide blüht bald." Die Frau blickte auf. S sah das feine, blasse Gesichtchen und ihr Zorn legte sich. Aber schelten mußte sie deshalb doch. Paßt sich überhaupt gar nicht, mit dem Max so allein im Walde oderGott weiß wo herumzubummeln. Was sollen die Leute dazu sagen? Das Mädchen blickte sie Verständnißlos an und als die Mutter schwieg und nur heftig denKopf schüttelte, wiederholte Lotte fast flüsternd wie fragend: Mit Max mit meinem Bruder nicht allein?" Jawohl, mit Deinem Stiefbruder! Das hat Vater auch schon gesagt!" Sie wollte noch mehr hinzufügen, aber Lotte war nicht mehr im Zimmer. Sie war über den Corridor, die Treppe hinab und auf die Straße gelaufen. Max schimpfte schon wieder. Ich soll wohl hier zum Bratapfel auf der Straße schmoren! Was hast Du denn so lange mit der Mutter zu schwatzen gehabt?" Nichts," sagteLotte, mit ungewohnt schweren Füßen sich auf das von dem Bruder gehaltene Rad schwingend. N ni ichts," äffte er ihr nach. Das dauert wohl auch 'ne halbe Stunde?" So fuhren sie. Zuerst die heißen, staubigen Straße der Stadt entlang, später die Chausseen der Vororte, die Sanowege bis zur Heide am Rand des Waldes.' Sie sprachen nicht viel. Das thaten ste ja überhaupt nie bei solchen Radtouren. Ein keckes Wort hinüber, herüber, ein Witz von seiner, eine gute Antwort von ihrer Seite, so war es sonst gewesen. Heute ging es seltsam schlecht mit den Witzen und den guten Antworten. Es war schon weit draußen auf der Chaussee, unter Bäumen, in denen frühes Obst leuchtend unter dem Laub hervorschaute, als derAbstand zwischen dem jungen Mcnn und dem Mädchen so groß geworden war, daß Lotte's Rad hart den Grabenrand streifte. Achtung," rief Max. Wo willst Du dahin? Du fährst heute na, schön ist anders. Was hast Du denn? Warum bleibst Du denn nicht nfben mir?" Sie sah ihn nicht an, doch lag eine schwere, dunkle Gluth in dem jungen Gesicht, so daß sich das blonde Haupt tief hernieder neigte. Er bemerkte es. Er wunderte sich, wie hübsch sie eigentlich war. Roch niemals war ihm das so aufgefallen. Hopp, spring' mal ab, Lotte," rief er froh. Sie hörte gar nicht. Er hielt und rief noch einmal. Sie fuhr langsamer und wollte sich umdrehen. Dabei streifte ihr Rad einen Baum und fiel zur Seite. Lotte fiel mit. Sie saß aber sehr weich und gut am Rand des Chausseegrabens und um sie waren bunte Gräser, dicker, grüner Klee und lichtblaue Vergißmeinnicht. Alle Achtung, das hast Du ja großartig gedeichselt," lachte er, sein Rad führend, und zu der Schwester tretend. Wie lange willst Du hier sitzen bleiben?" Er beugte sich, um, wie er es sonst auch gethan, den leichten Mädchenkörper empor zu ziehen. Dabei streifte sein Schnurrbart ihre Wange und seine Lippen waren den ihren so nahe, daß sie seinen Athem spürte. Sonst hätte sie ihn vielleicht nicht gespürt. Heute schlug es wie brennende Lohe dabei in ihr Gesicht. Nein nicht ich kann allein aufstehen," widerstrebte sie. Da zwang er sie, sitzen zu bleiben. Bist Du verdreht? Nun bleibst Du erst recht so lange sitzen, wie ich es haben will. Und ich leg' mich dazu basta!" Sie antwortete nicht. Aber es war eine große Angst in ihren Augen. Rings umher kein Mensch. Nur Korn.über das leiserauschend derWind strich, und dicht dabei der Wald, über dem die Junsonne stand. Ein Vogel sang unweit des Baumes, unter dem die Geschwister saßen Horch mal," sagte er, das ist ein Regenpfeifer, was? Da mußte sie lachen. Er nannte nämlich jeden Vogel, den er nicht kannte, Regenpfeifer. Und viel Vögel wußte er wahrhaf
tig nicht beim richtigen Namen zu nen-
nen. Nein, ein Buchfink. Max!" Sie sprach sehr leise. Er begann sich's bequem zu machen. Er nestelte sich ganz und gar in die hohen Gräser ein und legte dann den Kopf in ihren Schooß. So ist's hübsch, Lotte!" Sie rührte sich nicht. Heiß und roth und lieblich sah sie aus. Er pflückte langstielige Halme und begann die Schwester damit zu kitzeln. Zuerst die schmale, leicht aebräunte Hand. Dann den Hals, grade wo die Haut durchzuschimmern begann, zuletzt das Ohr. das ganz versteckt von krausen blanden Haaren war. Sie schüttelte sich. Laß das, Max!" Er lachte wie ein kleiner Junqe. Wo bist Du am kitzlichsten, Lotte? Ich glaube, an der Nase." Seine Hand war jetzt dicht über ihren Lippen. Sie hatte die Augen zugemacht und lächelte. Ein seltsames Lächeln, weich, willenlos, süß. Er ließ das Gras jäh fallen. Am war eben gewesen, als säße da eine ganz Fremde vor ihm. Und doch wieder keine Fremde, mit diesen Lippen, diesem Lächeln. Aber er hätte sie in diesem Augenblick nicht anzurühren gewagt. Hastig sprang er auf. Die Sonne sinkt bereits und wir wollten noch durch den Wald, Lotte." Sie nickte. Als er ihr beim Besteigen des Rades behilflich war, zitterte sie. Und als sie weiter fuhren, lag es über ihnen beiden wie ein schwüles, unverstandenes Sehnen. Er begann zu pfeifen. Einen Gassenhauer. Sing mit," rief er zwischendurch. Sie sang nicht. Was hast Du denn heute?" fragte er dann plötzlich. Bist ja wie 'ne Drahtpuppe! Liebeskummer?" Er wußte selbst nicht, wie er auf dieses Wort gekommen war. Aber ste hatten doch schon so oft von Liebelei und Flirterei gesprochen. Die kleinen Mädchen, mit denen er getanzt, geradelt, die er gern und nicht gern gehabt, sie kannte sie alle durch ihn und wußte sie alle mit Namen zu nennen. Und sie hatten sich alle beide manchmal über diese oder jene lustig gemacht, die dem hübschen, jungen Beamten Ansichtskarten mit brennenden Herzen oder Verse auf rosa Briefpapier ins Haus geschickt. Ebenso die Herren, die sich für Lotte interessirt hatten, kannte der Bruder. Viele waren es freilich nicht, aber hin und wieder kam doch ein Freund des Bruders oder ein Bruder einer Freundin als Gast in die kleine Familie und begann das Madchen anzuschwärmen. . Max mertte das zedes Mal. Solche Mädels sind ja zu dumm, um so was lange für sich behalten zu können, sagte er sich. Nun, hier in der Einsamkeit dachte der junge Mann plötzlich an diese Freunde. Vor allem an einen. Ein College. Beamter wie er, und in gleich gesicherter Stellung. Er konnte den Menschen aber nicht leiden, obwohl Lotte ihn sehr nett fand. Max fuhr langsamer durch den Wald. Er sah die Schwester an und schlua vlöklich wüthend mit leerer Hand nach einem Zweig am Wege. Herrgott noch mal, Madel! Red doch gefälligst 'nen Ton. An was denkst Du jetzt?" Sie blickte erschreckt auf. An was soll ich denn denken?" Na, vielleicht an Paul Richter, an den schönen Paul," höhnte er. Ja, darf ich denn das nicht? Dich werde ich doch darum nicht erst um Erlaubniß fragen," versuchte sie zu trotzen. Er lachte schrill. Also Du wärest wirklich im Stande, diesen Menschen zu heirathen." Ja," sagte das Mädchen ruhig. Und in einer Art Bitterkeit setzte sie ganz unvermittelt hinzu: Du hast Dich ja auch schon dreimal verlobt." Verlobt ist gut! Hast Du 'ne Ahnung!" Er trat jetzt mächtig die Pedale. Sie blieb scheu und roth und trotzig neben ihm. Na, die Grete damals und Lieschen Jäger und mit der Wanda Hallendorf warst Du auch schon sehr weit." Er warf den Kopf zurück. Die Affen! So was heirathet man doch nickt!" Warum nicht?" Ihre Stimme war plötzlich ganz heiser Warum nicht? Das ist doch klar! So'n Mädel, die sich mit jedem trifft und duzt und küßt und heimlich stundenlang mit dem ersten Besten, der will, im Walde oder Gott weiß wo herumbummelt, an der ist doch sicher nicht viel d'ran! Zum Heirctthen braucht man doch ganz etwas anderes!" Was denn?" Er blickte auf. Er sah die kleine Schwester an, die doch eigentlich keine Schwester für ihn war und es wurde ihm weich um's Herz. Ganz leise sprach er: Eine, die rein, die brav, die treu und wahr ist! Ein Hausmütterchen und ein guter Kamerad zugleich Lotte!" Se lachte unsicher, sagte aber nichts. Sie waren jetzt ganz tief im Wasde, über dessen moosigen Grund nur ver-
inzelte, blasse Sonnenlichter huschten.
Es war ein schlechter Fahrweg und die Räder stockten. Steig ab, Lotte. Und dann omm' mal her!" Sie gehorchte schweigend. Er nahm ihre Hände und als er ihr banges Gesichtchen sah, war seme Stimme, als ob er zu einem Kinde sprach. Nun sag mal, was Du eigentlich an diesem Richter findest, Lotte? Er verdient gar nicht solche Frau, wie Du eine werden wirst wirklich nicht!" Sie begann plötzlich zu weinen. Sie lammerte sich an seiner Hand fest und bog den Kopf nach hinten über. Es war, als wollte ste etwas Schweres, Quälendes von den jungen Schultern abschütteln. Im ich muß heraus, mal heraus, Max! Verstehst Du das '5 Muter ist oft so hart so furchtbar hart. Sie schilt so oft und," sie stockte und versuchte ihre Hände wieder aus den seinen zu ziehen. Er hielt sie aber fest. Mach' Dir doch da nichts draus! Mutter meint das nicht so! Poltern ist ihre Art, Wenn sie auch so wenig energisch und so gutmüthig wie Dein Vater wäre, hatt s wohl manchmal schlimm mit den beiden ausgesehen. Solche Ehe taugt nicht!" Sie sah ihn n?it starren Augen an. Dein Vater," hatte er gesagt, nicht einfach Vater". Sie weinte nicht mehr. Aber die große Angst verstärkte sich in ihrem Antlitz. Mutter kann aber weich sein und gut. Zu Dir ist sie's." Er liefe ihre Hand los und trat von ihr zurück. Er verstand plötzlich ihre Angst, ihre Scham, ihr seltsames Wesen. Und deshalb, Lotte, deshalb willst Du von uns fort und diesen Richter heirathen?" Sie nickte. Er quält mich schon so lange! Und ich ich wäre dann doch selbstständig, frei!" Dem Manne wurde schwer ums Herz. Er sah die kleine, blondeSchwester an und eine riesengroße Angst war plötzlich in seiner Seele. Hast Du ihn lieb, Lotte? So lieb, daß Du ihm Alles, Alles jauchzend geben könntest?" , Er packte sie wild an den Schultern. Deine Lippen, Dein ganzes, junges blübendes Leben, Mädchen?" Sie wich von ihm zurück. Sie war rotb bis in das helle Stirnhaar hinein geworden. Und nun geschah etwas Seltsames. Sie streckte die Arme nach dem Bruder aus und es war wie ein Schreien in ihr. Hilf mir, Max, bitte, bitte, hilf mir doch!" Da konnte er gar nicht anders. Da mußte er thun, was eine dunkle Sehnsucht schon Wochen-, monatelang in ihm forderte. Er nahm die kleine. Schwester wie eine Braut an's Herz und küßte ihre Lippen. Meine süße, meine dumme Lotte!" Sie hielt ganz still. Alle Angst, alle Thränen wichen. Und mich?" fragte er lächelnd. mich könntest Du auch nicht so lieb haben?" Ihr Antlitz neigte sich vor seinen Blicken. Dich hab' ich ja schon so lieb!" Also kam's, daß die Geschwister ein Brautpaar wurden. ,Anf dem Winzerfest. Skizze van F. Wilde. Schenk mir doch ein kleines bischer' Liebe Liebe; sei doch nicht so schlecht zu mir!" Er blickt noch immer in ih? lachendes Gesicht bittend, verlangend. Sie biegt den feinen Kopf mit den blonden Defreggerslechten zurück. Die Arme stützt sie auf die Tischplatte und leyt ihn an, keck trotzig. Ich will nicht," sagt sie dann und wirst die Stahlketten iyres Sammtmieders schaukelnd hin und her. Ich habe sehr strenge Prinzipien, mein Herr! Als da sind?" Liebe und Ebe sind bei mir un trennbare Begriffe. Eins ohne das andere giebt es nicht! ..Soll's ia auck nickt!" Fühlst Du nicht die innig süßen Triebe Triebe, wie mem Herz ver lanat nach dir? Sie wiegt sich nach dem Rhythmus des Liedes, daft ibr weites Tirolerröckchen lustige Schwenkungen macht. Ich kann Ihnen ja auch sagen, wa rum ich Sie nicht ernst nehme." Also?" Sie sind ein Kavalier!" Danke sehr!" Klug, vornehm, gewandt!" ..Danke sebr!" Aber ein Ehemann?" Sie zuckt die Achseln und schüttelt den Kops. JD! ?t& mun dock bitten!" Jetzt wird sie ernster. Und dann ich! Cm ganz, ganz armes Maochen. Aber ein liebes, süßes!" Und er beugt sich ganz dicht zu ihr hin. Ich kann doch thun und lassen, was ich will. Ich bin unabhängig, in guter Position. Unwillkürlich schweifen ihre Gedrn ken nach Haus zu ibren Anaeböri gen. O diese Kluft zwischen ihm
uno oen Ihrigen:
Es ist ja unmöglich!" .. Tirolermädel! . Wenn Du mich lieb hast! Da ist nichts unmöglich." Ihr ganzes Gesicht strahlt vor Glück, als sie antwortet: Ja, ich bin Dir gut. Die lange Zeit vom vorjährigen Winzerfest bis heut hab' ich gedacht: Möchtst ihn wohl mal wiederschauen. Aber der Zufall bracht's nicht! Hast Du überhaupt irgendmann an mich gedacht?" So oft!" Und er legt den Arm um ihre Schulter und zieht sie zu sich hran. Nun bleiben wir zusammen was?" Sie nickt, dann schiebt sie ihn leise zurück und eilt davon. Hüte schwenken Bänder flattern Röckchen fliegen Hacken klappern! Tanzende, bunte, lärmende Lust! Papierguirlanden, Weinblätter und volle Reben winden sich um lange Laubengänge. Winzerlust und Winzerstimmunz. Der Sekt moussirt im Glase. ftrcn Helmer sitzt mit seinen beiden Kollegen in der Laubennische. Er hebt das Glas und blickt in die hundert kleinen Perlen, die da auf-
und niedersteigen. Der Sekt ist wie ein blondes Lieb was?" Wenn's frisch und köstlich herbe st!" Wie Käthe Wallroth hm?" So lustig und schlau und dazu diese Schelmenaugen." Da tanzt sie gerade an ihnen voroa Helmer wirft eine Konfettirolle nach hr aus, so geschickt, daß die Tanzende ich verwickelt, daß sie ganz gefangen wird und verwirrt um sich blickt. Sie sind verliebt, Franz! Ja!" .Das geht vorüber." Die beiden anderen lachen und schütteln den Sekt m Glase. Winzerstimmung!" Der Morgen ist schon angebrochen. Müde Augen. Das heiße Roth der Wangen zusammengeschrumpft in kleine Hitzflecken, die auf den Wangen brennen. Im Saal bis zu den elektrischen Bogenlampen hinauf sich schlan gelnde, dichte, blaue Staubwolken. Papierfetzen Atlasschleifen und zertretene Blumen über das Parkett verstreut. Nun ist's genug," sagt Franz Helmer, indem er sich von den Herren verabschiedet, ich sehne mich nach meinem Bett." Käthe Wallroth walzt bis zum letzten Moment. Helmer entreißt sie ihrem Tänzer und führt sie in die Garderobe. Es ist Zeit!" Wie schade!" Er hält ihr den grauen Sackpaletot hin, und sie schlüpft mit den weißen, runden Armen in die weiten Aermel. Dann klappt er ihr zärtlich besorgt den Kragen hoch. Wir nehmen emen Wagen." Wir??" Natürlich! Ich bring' Dich nach Haus, mein Tirolermädchen." Bitte nein!" Aber er klinkt den Wagenschlag auf. Steig ein!" Und als er Miene macht, ihr zu folgen, sieht sie ihn groß an. Etwas Strenges, Zwingendes hat ihr Blick. Da tritt er zurück und klappt die Thür zu. Käthe liegt noch lange mit wachen Augen, ehe sie Schlaf finden kann. Es war zu schön, das Fest, zu jchon! Sie dehnt ihre weichen Glieder und drückt steh wohlig in die warmen Kissen. Von einem kaufmännischen Verein zus wurde dieses Fest alljährlich veranstaltet. Im vergangenen Jahr hatte sie Franz Helmer kennen gelernt. Die ganze Nacht tanzte er mit ihr, nur mit ihr; er wich nicht von ihrer Seite. Und sie verliebte sich in ihn ach, es war unvergeßlich! Immer, wenn sie dann im Geschäft hinter ihren Büchern saß und Zahlen in die Rubriken kritzelte, dachte sie an ihn. Manchmal bekam sie solcheSehnsucht, daß es kaum zu ertragen war. Das Fest kebrte wieder. Ihr klopfte das Herz. Ob er da sem wurde? Ja er war gleich einer der ersten. Ein Leuchten ging über sein Gesicht, als er sie sah; und sie freute sich, sie war jehr glucklich. Aber, sie blieb zurückhaltend. Sie war trotzig, übermüthig, alles nur nicht sie selbst! Dafür war es ja auch Winzerfest, fast jeder spielte eme Rolle. Und sie durfte sich nicht aeben, wie sie wollte. In ihrem Herzen stritten die Zweifel an seiner Liebe, daß cr stark genug sein würde, alle die Unannehmlichkeiten zu überwinden, die ihm in ihrer Familie begegnen müßten. Dann aber wandern ihr: Gedanken wieder zum Fest zurück. Doch er hatte sie wirklich lieb! Wie er gesprochen, sie angeschaut! ES klang aufrichtig, auch hatte er gutmüthige Augen. Manches arme Mädchen ist ja schon vom Glück begünstigt worden. Vielleicht! Und Käthe schließt die Augen, um von der Zukunft zu träumen. In den nächsten Tagen giebt es Ift zu thun im Geschäft.
Käthe Wallroth arbeitet angestreng, mit beißen Augen und blassen Wangen. Zu Tisch ißt sie in einem kleinen Bierlokale und wandert dann die Friedrichstraße hinauf wieder zum Geschäft zurück. Sie hat noch n wenig Zeit, darum geht sie langsam, athmet die klare, frische Winterluft ein und bleibt hier und da vor einem Schaufenster stehen. Da tritt Jemand ganz dicht neben sie sieht ihr unter den Hut und lacht! Sie hat so mit ihren Gedanken zu thun, daß sie den Betreffenden erst gar nicht erkennt. Also doch abgefangen das ist famos!" Da wird sie roth und giebt ihm die Hand.
Ich wußte, daß Sie diesen Weg nehmen zum Geschäft. Warum erlaubten Sie denn kein Rendezvous? Sollte ich erst Sehnsucht bekommen?" Käthe ist befangen und kann den rechten Ton nicht gleich finden. Dann sagt sie: Winzerstimmung, da schwatzt man vieles! Sie sollten im grauen Alltag mit sich zu Rathe gehn." Wie tragisch das klingt," entgegnet Helmer und dreht seine Schnurrbartsvinen. .und wie blak Sie dabei aussehen! Wo sino denn die rosigen Wangen des Tirolermädchens?" Ich habe viel zu arbeiten jetzt im Geschäft. Ich kann auch nur über eine halbe Stunde verfügen." Also trinken wir eine Tasse Kaffee." Käthe hatte ihre Jacke nur aufge knöpft und die Handschuhe anbehalten. weißwollene, gestrickte Handschude. Wie reizlos, wie dunn und Icqmai sie aussieht in diesem schwarzen Kleid mit dem kleinen, weißen Pappel über dem hohen Stehkragen! Wie still und müde ne deute drernschaut! Wo sind die lachenden Schelmenauaen. die ihn fasannten und umstrickten? Wo der süße Liebreiz der kecken Tirolerin? Ist es möglich, bafc diese hier ein und dieselbe ist? Ist das möglich? ..Sie sind wie ausaewechielt heute, sagt Helmer, seine Enttäuschung nicht ganz bekämpfend. Käthe merkt sie sofort heraus un) antwortet gemessen: Das war Winzerstimmung heut ist Alltag!" Aber, wenn man jung ist, soll man immer lustig sein! Das Leben ist wirklich so schön!" Er legt seinen Kopf auf die Seite und versucht, ihr in die Augen zu sehen. Sie sieht über ihn hinweg, sinnend zum Fenster hinaus. Dann bin ich vielleicht zu ernst für das Leben; ich könnte mich nicht leichthin amüsiren." Da wurde sie ihm langweilig. Das Gespräch stockte. Flüchtig sah sie ihn dann an, aber ihre Augen begegneten sich. In den ihren lag eine stumme Frage eine ängstliche Erwartung: Sprich doch von dem was auf dem Winzerfeste zwischen uns gewesen ist. Doch Helmer sah fort. Er warf Zucker in seinen Kaffee und rührte ihn um. Es stiea in ihr auf, heiß, zornig. Aber dann sank diese Blutwelle wieder, und sie wurde ganz blaß. Jetzt wußte sie, daß sie getäuscht war. Winzerstimmung welter nichts! Da knöpfte sie ihre Jacke zu und schickte sich zum Gehen an. Ich möchte noch ein wenig in den Zeitungen blättern," sagte Helmer. Sie nehmen es mir nicht übel " Aber, bitte schön!" Er kämpft mit einiger Verlegenheit. Vielleicht führt uns der Zufall bald wieder mal zusammen oder im nächsten Jahre auf dem Winzerfest!" Im Geschäft wartet die Arbeit. Mit zitternden Händen trägt Käthe die Konten ein. Da fallen zwei schwere Tropfen auf die frisch geschriebenen Zahlen und löschen sie aus. Und Käthe Wallroth muß um Urlaub bitten so schmerzen sie die Augen. Der Meter englischen Ursprungs. Visher hatte man allgemein anaenommen, daß das metrische System rein französischen Ursprungs ist und von der konstituirenden Versammlung des Jahres 1790 geschaffen wurde. Jetzt hat man indessen einen Brief von James Watt aus dem Jahre 1783 gefunden, in dem der englische Gelehrte der Regierung seines Landes die Annähme eines Dezimalsystems vorschlägt, das in atm Punkten dem System entsprich:, das Frankreich durch das Gesetz vom 10. December 1799 endgiltig entführte. D'cse Entdeckung ist um so bemerkenswerter, als gerade die Engläno bis jetzt sieb aus nationale? Eigenliebe gesträubt haben, das metrische System anzunehmen. Dauerndes Andenken. Sommerfrischler (indem er sich rasiren läßt): Ich war vorige Woche schon einmal hier und habe mich bei Ihnen rasiren lassen." Dorfbader: Ja. ja ich seh's!" Schlau. Warum veranstaltest Du Deine Soireen immer gegen Ende des Monats?" Weil die junSen Leute um diese Zeit nicht mehr vnl Geld haben und da finden sie meine Töchter besehrcnswertber."
