Indiana Tribüne, Volume 28, Number 194, Indianapolis, Marion County, 8 April 1905 — Page 5

Jndiana Tribüne

8. April 1905 5

Kindersehnsucht.

Skizze von M Lorcnz. Weiht Du, Nickel in ein paax Tagen, dann reisen Mutter und Fräulein und Tante Elisabeth zu GroßVäterchen, auf das Gut, o, ich sag' Dir da ist's schön!" Die kleine Gertrud Riedinger saß auf der Steinstufe der Hinterhaustreppe, was ihr natürlich verboten war. Vor ihr in dem stemgepflasterten Hof mit den zwei Palmen aus Eisenblech, die die Hinterthür des schönen hochherrschaftlichen" Vorderhaufes flankirten, stand ein armseliges Rollstühlchen, in dem saß, gestützt von nicht hervorragend sauberem Bettwerk, der kleine Nikolaus, ein etwa achtjähriges, gelähmtes Kind mit schmalen, blayen Wangen und den übergroßen, traurigen Augen des Elends. Gertrud Riedinger war das einzige Kind des reichen Holzhändlers, ein blühendes, strotzendes Bild der Gesundheit, mit ihrer gepflegten Haut, ihrem köstlich glänzenden Blondhaar und den sonnigen, glücklich lachenden Augen. Sie hatte in ihrem siebenjährigen kleinen Leben ja nichts als Freude kennen gelernt! Ach Du das muß aber herrlich sein," sagte der kleine Junge, giebt's da auch Bäume so hohe, grüne Bäume, die wirklich richtig Laub haden und rauschen?" Na Du, so ausgestopfte Palmen wie die da" sehr verächtlich wies das Fräuleinchen nach der Hofoekoration die sind in Wiesenthal nicht 0, so große, alte Kastanien, die blühen jetzt wie lauter weiße Kerzen, und nachher werfen sie die buntenKastanien herunter!" O, ich weiß," rief der Junge, wie Vater noch lebte, hatte er einmal dreie mitgebracht, so glatt und so glänzend." Ja und Hühner und Stachelbeeren sind da und die kleinen, hübschen Hunde!" Gertrud drehte sich rund herum, daß ihre Locken flogen, und klatschte in die Hände. Ja," seufzte Nickel, und ich denke dann immer, wie Du da unter den grünen Bäumen spielst und lebendige Schmetterlinge fliegen um Dich her O Trude Trude, wenn ich . . ." Er brach ab. Sie aber in einer Aufwallung von Mitleid und dem Gefühl, gar so viel vor dem kranken, kleinen Freund voraus zu haben, schlang die runoen Aermchen um die kleine Jammergestalt und sagte tröstend: Laß man, Nickelchen, ich bring Dir auch was mit, einen Blumentopf, und ja, weißt Tu, Großpapa giebt mir'n einen jungen Hund!" Der Junge seufzte. Wenn Du's man nicht vergißt, Trudchen!" sagte er mit gramvollen Augen. Ach, so gerne säß' ich auch mal unter grünen Bäumen, bloß ein einziges Mal. Wie Vater noch lebte, trug er mich manchmal in einen schönen Garten o, da war's so schön!" Seine übergroßen Augen leuchteten verklärt in Erinnerung und Sehnsucht. Wenn wir in Steglitz wohnen geblieben wären," fuhr er nachdenklich fort, aber so, seit Mutter Schulzen geheirathet hat " .Ach was, nun bist Du hto!" Das gesunde, kernfeste Mädel hatte kein Verständniß für das sehnsuchtsvolle Herz des armen Knaben. Lamentir man nicht, komm, ich fahre Dich rum, so . . ." und sie setzte polternd das federlose Gefährt in Bewegung die leichte Bürde machte ihren kräftigen Händen keine Beschwerde und rollte es in Trabtempo um den Hof. Gertrud, aber Gertrud!" rief eine verweisende Stimme aus dem Küchenfenster des ersten Stockwerks. Komm sofort herauf!" Es war die Bonne. Gertrud senkte das blonde Köpfchen sie wußte ja, es war ihr verboten, mit dem armen Nikolaus zu spielen, man konnte doch nicht wissen, sein Leiden war ja am Ende doch ansteckend, und dann solche Leute! Wer weiß denn, was die Kleine zu hören bekam, oder sonst auflas! Betrübt sah der kleine Hilflose dem enteilenden Kinde nach, und es kam ihm vor, als sei der Hof nun ganz dunkel geworden, ganz öde, und er selbst ganz, ganz verlassen! Es war heiß und dunstig zwischen den hohen Mauern, des Frühlings seuchtwarmer Boden weckte allerhand üble Miasmen der Großstadt, die draußen nicht waren, draußen, da, wo die Gertrud hinreiste, wo die großen Bäume mit den grünen Blättern sä chelten und rauschten. Geduldig mußte Nikolaus harren, bis die Mutter, die auswärts alsPlätterin arbeitete, heimkam. Im Täschchen feines blauen, vielgeflickten Barchentkittels steckte noch sein Vesperbrot, er hatte es ganz vergessen. Er dachte nur an das, was Gertrud ihm erzählt hatte, an die Bäume, die Schmetterlinge, die Kastanien und an das Hündchen, das sie ihm versprochen hatte. Er spann die gcldenen Fäden seiner sehnsuchtsvollen Träume weiter und weiter. Draußen sank allmählich des Frühlingstages lichte Dämmerung herein; die drückend schwüle Hitzlust des gefangenen Sonnenscheins zwischen dem

Häuserviereck wich feuchter Abendkühle. Leute ginqen über den Hof achtlos an dem stillen Kinde vorüber. Endlich kam der alte Portier Firnkorn mit dem Gasanzünder nach dem Hinterhause, er ging, die Treppenlampen anzuzünden. Immer war er gütig zu dem kranken, kleinen Knaben. Auch jetzt sah er kopfschüttelnd auf dies Jammergestältchen, das sich frierend in das Stühlchen schmiegte. Die Schulzen is verdreht, daß sie den elenden Wurm hier in der Abendluft sitzen läßt," brummte er, und 'ne Verzierung für unsern Hof is er ooch jrade nich!" Als er von seiner Arbeit zurückkam, trat er zu Nikolaus : Is Dir nich kalt, Nickelchen?" fragte er gutmütbig. Ach nein. Herr Firnkorn, gar nicht!" Dankbar blickt? ihn das Kind an. Mutter muß ja nun auch jede Minute kommen." Warte, ist bring' Dich rein wo is'n der Schlüssel?" Unter der Thürmatte!" sagte das Kind. Da hob der Mann das Stühlchen mitsammt dem Jungen über die Schwelle und schob ihn in die dunkle Erdgeschoßstube, die Schulzens bewohnten. Hat Vater denn jetzt Arbeit?" fragte Firnkorn und setzte den Knaben worsichtig in die Sofaecke. Ja, Schulze," fagte er, ist auf dem Abriß des ?NüllerchenGrundftücks beschäftigt, und dann bauen sie da Ställe." Schulze is jut!" lachte Herr Firnkorn, warum sagste denn nich Vater, Jungeken?" Er ist nicht mein Vater," sagte ernst der Kleine, mein lieber Vater ist todt und da kann ich doch Mutterns Mann nicht als Vater ansprechen!" Geräuschvoll öffnete sich die Thür, gerade als der Portier die kleine Petroleumlampe angezündet hatte, die vor dem Sofa auf dem viereckigenTisch stand. ' Eine große, robuste Frau trat ein, einfach, aber sehr sauber gekleidet. Herrjeh," rief sie lebhaft, is'n wat passirt mit das Kind, det Sie bei Nickeln sind?" I wo Frau Schulzen," beruhigte sie der Mann, ick hab ihn man rmjebracht, et schien mich en bißchen kühle draußen." Sie nickte ihm dankend zu, nahm das Kind auf den Schooß. herzte und küßte es, während der Pförtner die Stube verließ. Dann nahm sie aus dem Korb, den sie am Arm getragen hatte, ein Stück Kuchen: Siehste Nickelchen, das hat mir die olle Excellenz, bei die ich geplätt' .hab', für Dich mitgegeben!" Du gute Mutter, iß Du's man," bat er, ich hab' keinen Hunger, siehste, ich hab' noch mein Vesperstullchen." Und dann brach sein ganzer hoffnungsvoller ErwartungSjubel aus irn hervor: Denk doch bloß. Mutter, die Trude bringt mir ja n junaen Hund mit!" Na nu! Det verbitt' ick mir aber so 'ne Töle, un denn die Steuer. Nee, mein juter Junge," sagte sie. als sie sein enttäuschtes Gesichtchen sah. det schlag' Dich man aus 'n Sinn det is nijcht für unser einen! Ja. weun's 'n Piepmatz wär' meinswegen aber 'n Hund Jott bewahre!" Ganz betrübt sah das kranke Kind vor sich nieder, während so alle seine Freude, mit der seine einsamen Gedanken schon den Spielgefährten begrüßt und gehegt hatten, in Trümmer geschlagen wurde. Ach dann hätte er keine einsamen, entsetzlich langen Nachmittage gehabt, wenn UnterdrücktesSchluchzen quoll heimlich aus der Kinderbrust. Nun mußte er es doch der Trude noch sagen, daß er den Hund nicht haben dürfte. Aber am andern Tage hörte er von Firnkorn, daß Frau Riedinger mit Gertrud und der Bonne abgereist sei. Immer länger wurd'n dem armen Knaben die einsamen Stunden, in denen Niemand sich um ihn kümmerte, und immer schwächer und schwächer sank die kleine Jammergestalt in sich zusammen. Ach, ob die Trude nun wohl unter den grünen Bäumen spielt und den bunten Schmetterlingen nachläuft, un' Mt kleinen Vögel singen hört und und ob sie das Hündchen hat? Große Thränen traten bei diesem Gedanken in des armen Kindes große, fieberglänzende Augen. Die Mutter jammerte ihm vor, daß sie nicht auf Arbeit gehen könne, weil er krank sei und im Bett liege; denn zum Sitzen im Rollstuhl war Nickel viel zu schwach und es war sonst Niemand da, der ihn hätte pflegen können. Schulze war mit einer Schaar jüngerer Ardeiter in's Rübenland ge fahren. Geh nur ruhig, Mutterchen," bat der kleine Junge, mit seinen geduldigen Augen aufschauend, leg mir bloß die Bilderfibel her und stell mir 'n Bissen Brot und 'n Glas Wasser her ich brauch' ja weiter nichts geh nur!" Und sie that's und ging. Und die Tage schlichen dahin, Schmerzen, Husten und Athemnoth quälten.das Kind, das heldenhaft und klaglos duldete und Niemand hatte,

dem es seine große Sehnsucht nach Crirn und Blumen und einem lebenden Wesen, mit dem es sich beschäftigen konnte, anvertrauen durfte. Draußen war's Herbst geworden. Nickel merkte in seinem schmalen Bettchen in der düstern Hofstube nichts vom Wechsel der Jahreszeiten, da war's immer gleich dämmerig und feuchtkalt. Es war Ende Oktober. Draußen heulte der Sturm und es regnete in Strömen. Mutterchen, ist die Trude wieder hier?" fragte er leise. Och, schon lange!" sagte sie gleichgiltig. Was kümmerte sie die reichen Leute, die nicht Kundschaft" waren! Ein Schauer rann durch Nickels abgezehrten Körper. Da hat die Trude es doch vergessen!" fagte er mit zuckenden Lippen. Wird se woll!" meinte die Schulzen. Die hat nu 'ne Französche und jeht mit die Comtesse drüben in 'n Schulcirkel, bei ein Fräulein von", die hat vor Dir keine Zeit!" Ich dachte sie würde mir doch das Hündchen noch bringen!" Es klang erschütternd resignirt aus dem Kindermunde. Er drehte sich mühsam nach der Wand die Mutter umfaßte ihn sachte, um ihm zu helfen. Da ging ein seltsames Zittern durch den kleinen Körper: Hör doch. Mutter." sagte er, kaum noch verständlich, wie die grünen Bäume rauschen!" Es war der Regen, der an die Fensterscheiben schlug! Am andern Morgen kam Riedingers Köchin und brachte Brllhsuppe und einenNelkenstock; das kleine Fräulein schicke es, sie hätt'Z bis jetzt rein vergessen! Es sei für den Nickel.... Der braucht's nicht mehr!" sagte die Schulzen dumpf. Aber sie schnitt die Nelken ab und gab sie ihm todten Kinde in die starren, kalten Hände.

Gedächtnitzschwäche bei Bühnen künstlern. Bei der 300. Aufführung des bekannten Schauspiels Alt-Heidelberg" passirte es dem Darsteller des Lutz, plötzlich stecken zu bleiben und völlig die Erinnerung zu verlieren an das, was er zu sprechen hatte. Das mag dem Laien fast unverständlich klingen, in Wahrheit sind aber gerade diese Entgleisungen" der Schauspieler in bis zur Ermüdung oft gespielten Rol len häufiger, als man glauben mag. Meistens nehmen diese kleinen Unfälle, die sich vielleicht gerade aus einer Ermüdung des Gehirns, wohl aber auch durch eine gar zu weitgehende Sorglosigkeit im Gefühl der Sicherheit erklären lassen, einen harmlosen Berlauf. Untenstehend ist aber auch ein Fall mitgetheilt, der etwas tragisch verlief. Ein ziemlich bekannter deutscher Helden- und Charakterspieler, der seine Kunst meist im Umherziehen betrieb, d. h. fast ausschließlich auf Gastspielreisen Ruhm und Geld erntete. gastirte einst in einem großen preußischen Stadttheater und spielte als Glanzpunkt den Tell". Pompös kündigten die Anschlagzettel und vorangegangenen Reklame - Notizen ein Jubiläum des Künstlers an: Zum hundertsten Male gab er den Tell". Das Haus war dicht gefüllt, der Beifall umtoste den beliebten Gast in altbekannter Stärke, Blumensträuße und Kränze hob der biedere Tell an den Aktschlüssen mit dankbarem Lächeln und feuchten Augen auf. Das ging so bis zu dem großen Monolog, da Tell den schlimmen Geßler in der höhlen Gasse erwartet, um ihm ein für allemal das Lebenslicht auszublasen. Der Künstler trat in altgewohnter Sicherheit mit seinem schönsten dämoNischen Lächeln auf und sprach die ersten Verse' . . . Aber er kam nur bis: es führt kein anderer Weg nach" da stockte er plötzlich und starrte vor sich hin. . . Nach nach" wiederholten seine zitternden Lippen, aber der Name des hundertmal in diesem Monolog genannten Ortes kam ihm nicht ins Gedächtniß zurück. . . Küß" nacht!" schrie die alte Souffleuse mit ihrem zahnlosen Munde. Ja Küßnacht" hörte man sogar aus den Reihen der Zuschauer murmeln und rufen der Künstler aber hörte und verstand nichts. Wie verblödet stand er plötzlich da und starrte ins Publikum. . . Eine furchtbare, bange Pause. . . Endlich griff der Darsteller sich plötzlich mit beidenHänden an denKopf und sprach weiter weiter denText des Monologes, ohne den Namen Küßnacht genannt zu haben. Ohne Ausdruck, ohne Seele, wie ein aufgezogener Automat. Dann wankte er ab und blieb während des ganzen Restes der Vorstellung zerfahren und unsicher. Das Publikum nahm den Zwischenfall wohlwollend und nachsichtig auf. dem Künstler aber kostete es Zuversicht und Selbstvertrauen. Er vermochte das Fiasko seines Jubiläumsabends nicht zu überwinden. Wenige Tage später brach er sein Gastspiel ab und zog sich bald darauf ins Privatleben zurück. Nur seine intimsten Freunde haben aus dem kleinen schlessiscken Städtchen, in dem er sich niederließ, hin und wieder ein kurzes Lebenszeichen von ihm erhalten. Heute Hamilton Bock!

Schneesturm.

Novellette von I. Jobst. Behr! Wahrhaftig, Sie sind' in eigenster Person! Aber Menschenskind, was führt Sie denn nach Paris?" Der Angeredete, der gerade so recht behaglich und breitbeinig die belebten Boulevards entlang schlenderte wie daheim die einsamen Feldwege auf seinem Grund und Boden, starrte zuerst verblüfft den Sprechenden an, um dann mit dröhnender Stimme zu rufen: Wartenberg! Na. nun wird's erst lustig bei den Parlez vous", das heißt, wenn Sie die Kerle verstehen." Wartenberg lachte herzlich. Sie haben natürlich keinen Schimmer, Behr ?" Keinen Schimmer? Erlauben Sie, ich spreche comme de l'eau"; aber glauben Sie, daß die Kerle ihre eigene Sprache verstehen? Und dann fangen sie selber an, das geht wie geschmiert. Doucement, doucement", sage ich, aber das rasselt weiter wie ein Uhrwerk, bis die Feder abgelaufen ist." Stimmt! Aber nun sagen Sie mir endlich, was Sie nach Paris führt, Behr!" Ich will mich amüsiren, mich bilden." Amüsiren? Das können Sie doch näher haben, in Berlin zum Beispiel." Nein, Paris ist die Parole. Seit der Kerl, der Below nämlich, in Paris war das ist mein Gutsnachbar, müssen Sie wissen lügt er uns die Hucke voll und imponirt den Weibern, es ist gar nicht zu sagen. Na, was der Below kann, das kann ich auch, dachte ich, und der alte Blücher hat's auch gekonnt. Also los! Seit heute Morgen erst bin ich hier, und heute Abend schon begegne ich Ihnen. Der Mensch muß eben Glück haben. Was führt Sie denn hierher?" Ich bin wieder mal auf der Jagd nach Alterthümern. Sie kennen ja meinen Sport." Versteht sich, doch wissen Sie, Wartenberg, alle Achtung vor antiken Formen die modernen sind mir lieber, besonders was die Weiber betrifft." Und da sind wir hier an der Quelle, Behr, wollen Sie sich meiner Führung anvertrauen?" Natürlich, nichts könnte mir lieber sein." In eifrigem Gespräch flcnirten die Herren weiter und waren bald so vertieft, daß die Schneeflocken, die so weiß und weich durch die Luft tanzten. sich unbemerkt auf Hut und Mantel legten. Und als der Wind zum Sturm geworden und mit vollen Backen aus Nord-Wcsten blies, den Schnee über die frostzitternde Erde nieder peitschend und alles heimlich schlafende Leben unter seiner dichten Decke bergend, war Behr an der Seite seines Begleiters in den überschäumenden, wilden Wogen des nächtlichen Paris untergetaucht, um sich erst zu früher Morgenstunde an das in der eleganten Pension seiner harrende Lager zu erinnern. Wie Blei überfiel ihn die plötzlich: Müdigkeit. Laß uns nach Hause gehen, Wartenberg. Ich kann die Augen nicht mehr aufhalten." . Wie Du willst, Behr." Sie bahnten sich einen Weg durch das Gedränge, in der Garderobe reichte man ihnen die Mäntel, und die Straße nahm sie wieder auf. Stumm war Behr dem Freunde gefolgt, stumm hüllte er sich in seinen Mantel und schritt das taghell erleuchtete Vestibül hindurch. Mit wildem Heulen blies ihm der Schneesturm ins Gesicht er fühlte es nicht. Mit stieren Augen sah er in das Toben hinaus und hörte nichts von dem, was Wartenberg fragte. Behr, nun steh' doch nicht da wie angewurzelt! Paradiesische Lüfte umspielen uns nicht, wenn die Natur mit Schnee anstatt mit Blüthen um sich wirft. Ich frage Dich schon zum dritten Male, wo Du wohnst?" Ich ick weiß es nicht mehr." Du weißt doch, wo Du abgestiegen bist?" Keinen Schimmer!" Weißt Du die Straße, in der Dein Hotel liegt?" Nichts gar nichts weiß ich. Ich zermartere mir den Kopf schon seil zehn Minuten, es ist alles wie ausgewischt." Ich will Dir mal die Namen der mir bekannten Hotels nennen." Ich bin in einer Pension abgestiegcn, die mir Below empfohlen hat." Ja, dann ist alles vergeblich, deren gibt es wie Sand am Meer. Also komm mit in mein Quartier, einer von uns schläft auf dem Sofa. Morgen 'rd Dir's schon einfallen." Aber der Morgen kam, und Behr fiel nichts ein; der Mittag war da. aber alles Grübeln hatte nichts geholfen. Draußen tobte der Schnee durch die Straßen und weckte bei dem LandWirth noch trostloser Gefühle, wenn er an die durch die ?chneemassen für lange Zeiten unterbrochenen Arbeiten dachte. Er hielt es für angebracht, so aus dem Stegreif heraus einen längeren Vortrag über den wachsenden Nothstand auf dem Lande zu halten, daß sich bei Wartenberg hätten von Rechts wegen die Haare auf dem Haupte sträuben müssen, wenn welche vorhanden gewesen wären. Das fiel aber doch zuletzt auch dem geduldigen Zuhörer auf die Nerven, und er unter brach seine Klagelieder mit der Frage:

Hast Du denn niemand auf Buchow Deine Adresse hinterlassen?" Natürlich! Herr Gott, wie kann man bloß so dumm sein! Meine Schwester weiß sie." Großartig! Also drahte! Mensch, was mackst Du denn für ein Gesiebt? Du kannst doch nicht so lange warten, bis in Deinem Oberstübchen Tag wird." Nein aber aber Was, aber?" Ich blamire mich bis auf die Knochen. Ich darf mich ja gar nicht mehr vor ihr" sehen lassen." Aha! Das ist wohl die. der Du mit Deinen Pariser Erlebnissen imponiren willst, weil Dich Below bei ihr ausgestochen hat? Wie yeißt denn die holde Dame?" Frau von Winterstein." Ei, ei, die schöne Wittwe auf dem gleichnamigen Gut? Du hast keinen schlechten Geschmack, das muß ich sagen." Du kennst sie?" Natürlich, sie ist doch Jntima bei meiner Schwester Carmen in Berlin. Aber da fällt mir ein, ich könnte ja an Deine Schwester telegraphiren. Ich muß zwar ein bischen viel Worte drahUn, um die Anfrage begreiflich zu machen, aber was thut man nicht alles für seinen Freund, um zu verhüten, daß er der Spottlust seiner Herzallerliebsten zum Opfer fällt!" Die Depesche ging ab, die Freunde warteten. Sie warteten bis zum Abend, sie warteten bis zum Morgen, es kam keine Antwort. Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Der Schneesturm war weiter gerast nach Osten zu und schüttelte über das ganze Pommerland, Buchow und Winterstein mit einbegriffen, seine Flügel aus. Begraben unter der weichen, nassen Last brachen die Leitungcn, jede telegraphische Verbindung hörte auf. Die Züge wurden auf den Bahnhöfen nicht mehr abgelassen. Buchow und Winterstein waren abgeschnitten von aller Welt, und die Depesche aus Paris wartete mit vielen anderen auf die Bestellung in besseren Tagen. Und diese kamen und mit ihncn eine Fluth von liegen gebliebenen Depeschen, Briefen und Zeitungen, die sich auch in großer Anzahl auf Winterstein einfanden. Die schöne Schloßherrin vertiefte sich voller Ungeduld in die Tagesblätter. und es war merkwürdig, daß sie sofort die Rubrik Ausland Frankreich durchflog. Schneesturm! Schneestürm! Von nichts anderm war fast d Rede, als von Schnee Schnee! Doch jetzt! Mein Gott! Die Hand der schönen Frau faßte krampfhaft die Lehne ihres Sessels, während die Lippen einzelne Worte hervorstießen: Unaufgeklärtes Verschwinden aus Pension Dunois ein Deutscher zwei Tage nicht zurückgekehrt Koffer mit Initialen R. v. B. Man vermuthet, daß er im Schneesturm verunglückt sei." Frau von Winterstein fuhr auf. Die Klingel läutete Sturm. Anspannen, joton!" herrschte sie den Diener an. Schicken Sie mir Marie!" Eine halbe Stunde später brauste das Rapvengespann der nahen Station zu und brachte seine Herrin zur rechten Zeit zum abgehenden Zuge. Fräulein von Behr aus Buchow expcdirte am Abend desselben Tages die Antwort auf Herrn von Wartenburgs Depesche, welche der Umstände wegen fast ebenso reichlich ausfiel wie die Anfrage. Endlich!" jubelte Behr am nächsten Morgen bei deren Empfang, und Wartenburg jubelte mit, denn sein Freund war gar nicht mehr genießbar gewesen in diesem Zustande der Heimathlosigkeit, der er doch auch durch seine Abreise kein Ende machen konnte, weil er seinen Koffer nicht im Stich lassen wollte wegen wichtigerer Papiere, obgleich der Freund versprach, ihn pünktlich zu expediren. Als der Wagen die Freunde vor das Haus brachte, in dem Pension Dunois sick. befand, stürzte der Portier auf den so schmerzlich Vermißten los und überfluthete ihn mit einem Redeschwall, den der also glücklich Auferstandene unverstanden an feinem Ohr vorbeirauschen ließ. Doch bemerkte er, daß er ein Ereigniß" war, denn von allüberall stürzten Menschen herbei, redend, fragend, bis er sich ungeduldig los machte, um nach oben zu eilen, indessen Wartenberg sich noch ein wenig länger mit dem Portier unterhielt. Die Thür der Pension öffnete sich, und es fehlte nicht viel, so hätte Madame Dunois Behr umarmt. In schauderhaftem Deutsch radebrechte sie: Ein Dame sei angekommen da in Zimmer will zum Ambassadeur hat gelesen in die Journal. " ..Behr fuhr auf: Meine Schwester?" Oui, c'est votre Soeur! Sein Porträt liegt auf das Tisch Porträt! Auf dem Tisch! Mein Gott, ich verstehe nicht! Sollte " Behr sagte gar nichts mehr, sondern drängte an Madame vorbei, öffnete behutsam die Thür tu seinem Zimmer und schloß sie ebenso leise. Im Sessel saß Frau von Winterstein und hatte ihr Gesicht in beide Hände verborgen. Sie schluchzte zum Erbarmen. Vor ihr auf der Tischplatte lag ihre Photographie . Mit raschen Schritten war er bei ihr und legte den Arm um ihre Schultern Marie, weinen Sie um mich?"

Frau von Winterstein sprang empor und blickte Behr an, als traue sie ihren Augen nicht. Dann aber huschte ein verschämtes Lächeln über ihr verweintes Gestcht, als sie leise sagte: Ich weinte um einen armen Vermißten, der im Schneesturm umgekommen sein soll. So stand es in allen Zeitungen." Und da er wieder lebendig geworden ist, Marie, wollen Sie nicht lieber mit ihm lachen, anstatt über ihn weinen?" So schnell acht das nickt." -Warum nicht?" saate er bittend. Blicken Sie hinaus, Marie! Wo vor Kurzem alles im Schneesturm begrabcn war, lacht jetzt die goldene Sonne. Und wir sollten es anders machen? Marie, Sie können ja nicht mehr zurück, selbst wenn Sie wollten, denn ich rufe es in die lachende, sonnige Welt hinaus, daß Sie von selber zu mir komen!" Sie sind ein ganz gefährlicher Mensch." Wußten Sie das noch nicht? Ein Narr wäre ich. wenn ich Sie wieder ftei gäbe, Marie!" Thun Sie dem zerstreuten Menschen den Gefallen, meine gnädige Frau," tönte es von der Thüre her, in der Freund Wartenberg lachend stand, und nehmen Sie mich zum Zeugen, denn sonst könnte er morgen vielleicht schon vergessen haben, mit wem er sich heute verlobte." Politische Demonstrationen in russischen Theatern. Ein hervorragender deutscher Künstle? gastirte in Odessa als Wallenstein in Wallensteins Tod". Er erzählt darüber: Am Schluß der Vorstellung, während der lärmenden Beifallsbezeigungen, füllte sich die Bühne plötzlich mit einer Schaar junger Leute, deren Führer mir mit einer stummen Verbeugung eine Papierrolle überreicht. Sofort ertönte aus dem Zuschauerraum in deutscher und rufst scher Sprache der hundertfache Ruf: Lesen! Vorlesen!" Der junge Mann entfaltete nunmehr die Papierrolle und verlas ihren Inhalt in russischer Sprache. Kaum war darauf der Vorhang gefallen, als sich die Bühne mit einer weiteren Anzahl junger Leute, offenbar Studenten, füllte, zwischen denen sich aber mehrere russische Offiziere zeiqten; ich sage Offiziere, weil ich diese Herren nach ihren Uniformen und grauen Ueberröcken für Offiziere hielt; erst einige mir von einem Collegen zugeflüsterteWorte belehrten mich später, daß die vermcintlichen Offiziere Polizeibeamte waren. Als ich das Theater durch eine Seitenpforte verließ und mein Schlitten durch die Nacht dahinsauste, sah ich etwas geradezu Entsetzliches! Polizeisoldaten in großer Menge, welche sich hinter Mauervorsprüngen, Brunnen, Thorbogen versteckt gehalten hatten, tauchten plötzlich überall auf und hieben mit ihren Knütteln und Todtschlägern auf die Studenten, die einem Schauspieler harmlos zugejubelt hatten. ein! Am nächsten Tage erfuhr ich dann, daß es eine Menge Verwundeter gegeben hatte, während eine größere Anzahl von Studenten verhaftet sei. Die sttatsgefährliche" Adresse, welche im Namen der Studenten der neurussischen Universität" auf der Bühne verlesen worden war, enthielt außer den gewöhnlichen Complimenten nur eine von jugendlichem Enthusiasmus diktirte Stelle, welche der Obrigkeit in Rußland vielleicht mißfallen könnte. Sie lautet: Möge der Kritiker starre Doktrinen aufstellen, die Worte Dalileis, die Sie als Uriel Acosta eindringlich ertönen ließen: Und sie bewegt sich doch!" Und darum Räuber und Mörder? Darum diese abscheuliche Menschenjagd ?! Ja! Das schöne Rußland hat auch seine recht häßliche Seiten." Derselbe Künstler gab nun 1894 bei der zu Ehren der Krönung des Zaren von der deutschen Botschaft veranstalteten Festvorstellung wieder den Wallenstein. mußte aber die SchlußWorte Wallensteins dieses Mal fortlassen. Diese Verse im ersten Akte lauten: . . .Frohlocke nicht! Denn eifersüchtig sind des Schicksals Mächte. Voreilig Jauchzen greift in ihr Rechte, Den Samen legen wir in ihre Hände. Ob Glück, ob Unglück aufgeht, lehrt das Ende. Barnay, der den Wallenstein gab, und der der erwähnte Künstler war, erzählt: Nach der Vorstellung hatte ich die Ehre, rem Zaren und seiner Gemahlin sowie seinem Oheim, dem Großfürsten Sergius und der Schwester des Zaren Xenia durch unseren Prinzen Heinrich vorgestellt zu werden. Der Zar unterhielt sich in fließendem Deutsch mit mir über deutsche Kunst und deutsche Künstler. . . Am drolligsten erging es mir mit dem Fürsten von Bulgarien. Er schüttelte mir die Hand, betonend, er sei einer von denjenigen, die mit ganz verstanden haben, denn er sei mit den deutschen Klassikern aufgewachsen und aufgezogen worden. . . So unterbrach er seine Ansprache plötzlich mit der Frage: Sie wissen doch, wer ich bin?" Fast erschrocken antwortete ich: Selbstverständlich, Königliche Hoheit!" Diese Anrede war aber zu sehr anticipirt, plötzlich wandte sich der Fürst nach links zu anderen Gästen, und ich sah das markante Vrofil de5 Koburgers und wußte nun erst, daß es der Fürst von Bulgarien war." i