Indiana Tribüne, Volume 28, Number 193, Indianapolis, Marion County, 7 April 1905 — Page 7

Jndiana Tribüne, 7 April 1905.

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i" "i ! vv n teßsttiiicii n ".V V 1. Kapitel. ie Morgennebel sanken, da die Sonne siegle; der offene Landauer rollte vom PutzenD Ö bachcrjcyen Gatyaus am Bahnhof fort und im ebenen Thal auf das bergan gelegene Dölsach zu. Nun begann es auch jchon warm zu werden; ein richtige! Julitag. Frau Minna fah erstaunt umher, daß zwischen so hohen Pergen, die unheimlich gewaltig über den Nebeln aufragten, sich so viel Wärme versteckt hatte; gestern Abend bei der Ankunft hatte sie's eher kalt gefunden. Sie fpannte ihr blahblaues Sonnenschirmchen auf, unter dem ihr fo leicht erglühendes Gesicht bleicher, edler" wurde, und warf ihren Umschlag zurück. Und da müssen wir den Berg hinan?" fragte sie den Reisemarschall," Hugo Hoffmann, der ihr g:g?nüber saß; sie lächelte fast etwas bc klommen. Tie ganze Bergwand leuchtete in der Sonne. Putzenbacher junior sagte ja, es geht nicht anders," antwortete Hugo. Bis da oben, wo die kleine Kirche steht, müssen wir hinauf." Aber fehr bequem, sagt er," setzte Fräulein Antonie hinzu, die neben Frau Minna saß. In langen Zickzacken hin und her." Sehr bequem für die Sonne!" rief Frau Minna aus. So hat sie tiiaV tig Zeit, uns zu brennen!" Ach was!" sagte sie dann und lachte. Tas Spiel des Lichts auf den Nebeln, das Wogen und Wallen, wie wenn eine unsichtbare Hand den Schleier von den leuchtenden Bergen zöge, machte ihr auf einmal viel Vergnügen; mit großen Augen, andächtig wie ein Kind sah sie zu. Sie bewegte sich so gern durch die Welt; nur nicht hocken auf einem Fleck. Wie schön lvar es auch, daß man endlich die Bahn verlassen hatte, auf der man vom Norden her so weltweit gerollt war, daß man im offenen Wagen kutsmirte, einen hübschen jungen Kutscher mit Edelweiß und Camsbart am Hut vorne auf dem Bock, die Koffer hinten angeschnallt. Die großen braunen Pferde schnaubten; das hörte sie von klein auf so gern. Die großen blauen Augen des schlanken, schönbärtigen Hugo Hoffmann ruhten in weiche? Bewunderung auf ihr; das mißfiel ihr auch nicht. Sie fühlte, daß sie ihm sehr gefiel; immer mehr; zu sehr? Ach was! dachte sie; auch davor fürchtete sie sich nicht. Von ihren kleinen Noinancn" war ihr noch nicht einer so mißrathen, daß sie ihn bereute. Ueberhaupt, bereuen . . . Der Kutscber wandte den Kopf zurück; ein angenehmes, braunes, bescheidenes Gesicht. Ich möcht' Euer Gnaden fragen," sagte er, ob 's Rauchen erlaubt wär'." . Gewiß!" rief sie und lächelte. Gemiß!" Er zog eine lange Cigarre hervor und zü.idete sie an. Rührende Leute, diese Tiroler! dachte die schöne Frau, ihr Köpfchen schüttelnd. Bei uns in Hinterpcmmern ich glaub' nicht, daß da irgend ein fremder Kutscher gefragt hätt', ob er rauchen darf? Er hätt' sich einfach sein Pfeifchen in's Maul gesteckt . . . Tie ebene Fahrt hörte auf, es ging nun bergan; die Rosse trabten nicht mehr. Tas Torf Tölsach kam ihnen näher, zu dem sie hinaufstiegen; stattliche Bauernhäuser, allerlei Gewinkel, eine schmucke neue Kirche, frei und hoch gebaut. Ist das nicht die Kirche," fragte ftrau Minna, von der uns der junqe Gasiwirtb sagte? mit dem Tefregger'schen Bild?" Ja," erwiderte Hugo; er rieth uns, hier auszusteigen und es anzusehcrt." Halten Sie, lieber Mann!" rief Minna mit ihrer lrzlichen, liebkosen den Stimme; scharmant" wie gegen jeden hübschen Mcn'chen; man neclte sie gern damit. Der Wagen hielt, de: Kutscher stieg ab, die drei stiegen auö. Sie batten einige Schritte bergan zu gehn, bii sie die Bergterrasse erreicht hatien, auf der ein üppig grünender und blühender kleiner Friedhof schwebte, in dessen Miite die Kirche stand. Stufen führten zum Friedhof hinauf. Minna ging voran, ihre hurtigen Schritte wurden langsam, die schöne und ernste Stimmung des Orts fiel ihr doch auf das leicht bewegte Gemüth. Zwischen den gepflegten, blumengeschmückten Gräbern mit den gußeisernen und frei nernen Kreuzen blieb sie stehn: der Blick in's 3al überraschte sie. Nur noch ein letzter Nebeldust schwamm darüber hin; einige Wölkchen klammerten sich noch, wie cs schien, drüben an die Bergriesen, die sogenannten Unholde," die wildzerrissenen Tolomiten, deren Reich jenseits der Trau beginnt; diesseits, weit und breit, hcrrscht das Urgebirge. Am Fuß jener gewaltigen Kalkschrofftn dehnte sich das breite, flache, wiesengrüne Thal; an seinem Ende glänzte im Duft eine langgestreckte Stadt, mit hohen Tbürmen. von Burgen oder Ruinen und Landhäusern überragt, die nn Morgensonnenlicht schimmerten. Seitenthäler thaten sich auf, in die hochgethnrmte Ferne lockend. Milde, weiche, noch em wenig nebelfeuchte

4 Vornan 0011 Hdclf aXUbrandt - .' i l 4h$ . . " 55 . . . Wärme zog wie das leise Streiche!', einer Hand vorüber. Die Stadt da ist Lienz, nich! wahr?" fragte Minna. Der nachdentlich träumende Hugo nickte. Lienz an der Trau," bemerkte Fräulein Anlonie, die Gesellschafterin, die aern einmal einen Finaer auf il)r; ölenntmne legte. Qtes iit noch Tirol, oben kommen wir aber nach Kärnten hinein." Ach, was liegt daran," murmeltc Frau Minna. Wie schön, wie schön ist cs hier! Warum sind wir eigentlich nicht in Lienz geblieben? Tas ist doef ein Unsinn : da läßt man sich durch andre Leute immer weiter und weiter jagen, vielleicht oft am Schönsten vorbei. Tu mußt nach Heiligenblut! nacr Heiligenblut! sagte meine Schwester immer. Tas ist erst das Wahre! Sr daß ich mich im Stillen schon schämte: was bin ich mit all meinen Reisen für ein unwissendes Kind, ich war nock' nicht in Heiligenblut! Und nun dreht man sich einmal um Herrgott! was für 'ne Herrlichkeit ist da hinter uns!" Wir kommen ja wieder zurück, liebe Freundin," sagte Hugo wie tröstend Das liebe Freundin" kam ihm sehr weich aus der Kehle; sie fühlte es und es that ihr wohl. Ja, ja, Sie haben recht," sagte sie fast ebenso weich, um ihm auch eine Freude ?.u machen; warum nicht. Alsr in die Kirche!" Sie trat ein; nun stand sie wieder vor Ueberraschung still. Tie Kirche, die ihr jetzt viel größer erschien, als sie draußen gedacht hatte, war so prächtig, wie sie noch kaum eine Dorfkirche gefehn; völlig ausgemalt, auch über die ganze Decke hin, und mit reichen Altären geschmückt. Links, an einem der Seitenaltäre, erkannte sie gleich da große, hohe Tefregger'sche Bild; sie hatte es früher im Holzschnitt gesehn. Langsam trat sie mit den andern näher; in der Kirche war sonst kein Mensch. Sonnenlichter spielten in die schöne, sanfte Kühle herein. Es war etwas so festlich Frohes in der ernsten Stille, das ihr sehr gefiel. Und ist das nicht schön?" sagte su nach einem ungewöhnlich langen Schweigen, mit dem geschlossenen Son nenschirm auf das Bild deutend. Wie lieb die drei bei einander sind, fo ganz allein auf der Welr; wie rührend einfach es ist! Unten nur die hohe Lilie und der heuige Joseph, so tief in's Lesen versunken; oben sitzt Maria mit ihrem aufrechten Kind und schaut niu an. Schaut sie uns an? Man weiß ei nicht. Sie schaut in die Welt hinein. Ist sie glüulichi eine sogenannte glückliche Mutter? Das weiß man auch nicht. Sie ist so himmlisch ernst. Sie ist eben, was sie soll!" Fräulein Antonie nickte. Mir ge fällt der Joseph so gut," sagte Hugo Hoffmanns gedämpfte Stimme. Die schönen, tiefen Farben; und wie feierlich er dasteht. Der edle Kopf!" Der alte Mann?" murmelte Frau Minna. Na ja; für so einen alten Aber die junge Maria, das geht zu Herzen. Sie sieht einem so durch und durch; man fürchtet sich ordentlich. Man schämt sich vor ihr . . . Aber dann blickt sie doch wieder so mild, so gut; wie wenn sie sagen wollte: ich versteh' ja alles; jeder ist, wie Gott ihn geschaffen hat; mich hat er erhöht, ohne mein Verdienst! Ach. Du süßes Wesen. Ja, wer auch so rein wär' wie Tu. Ach ja, wer das könnte ... Es wird ernem so Ja, ja, Meister Defreg ger, das ist Dir geglückt!" O was sie für Augen hat, was sie für Augen hat," flüsterte Fräulein Antonie. Sie erinnert mich an Ihre Schwester, lagte öugo zu Minna. An die fromme Wanda?" Frau Minna warf einen raschen Blick hinauf, schüttelte dann aber den Kopf. Die Augen, mein' ich. Der Blick." Der Blick! Nun ja, so ein bischen Ich hab' aber einmal bier irgendwo in Tirol ern junges Mädchen gesehn eine echte Tirolerin die war so was wie diese Maria; wahrhaftig. Ich sag' Ihnen, hübsch wie der Teufel und da bei eine junqe Heilige. Als hätte Te fregger die abgemalt; natürlich, etwas verschönert, verklärt. Für ein Altarbild! Ich bin ganz benommen, lie ber Freund. ES geht so zu Herzen . . Und dann, wie hübsch, wie rührend das ist. Fran', Tefregger, der Bauernsohn, das Tiroler Kmd, der für diese hei mathlicb Kirche so ein Prachtbild malt als Weihges.enk. Was ist das für ein Lebensbild! Was liegt alles drin!" Sie seufzt vor Bewegung, was sie gerne that; sie setzte sich auf die nächste Bank, ließ aber das Bild nicht aus den Augen. Da sie nun ganz im Schatten saß nur ein einziger lustiger Sonnenstrahl huschte ihr unten über das Kleid sah sie so ernst uno beseelt aus wie vielleicht noch nie; Hugo staunte sehr Er hatte leinen Blick mehr für Joseph und Maria; er betrachtete nur noch bai Weltkind" auf der Bank, das so madonnenhaft m die Höhe blickte. Ihr noch so runges Wittwengesicht war da durch älter eworden, aber fehr verschö nert. Sie schien auch gar nicht zu füh-

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len noch zu ahnen, daß sie so betrachte:

wurde. Ihre blaulich grauen Augen euchteten sich. Was ist denn da noch viel zu besinnen? dachte er. Ein Weib, das so aussehen kann... Die oder keine wird meine Frau! Sie schwiegen alle drei; es war eine lange Stie. Plötzlich sprang Frau Minna auf, wie Jemand, der sich losreißt, aus feinen Gedanken in die Welt zurückkebr. Wir wollen ja noch nach Heuigenblut!" sagte sie mit andrer Stimme. Unser armer Kutscher ist wohl schon bei seiner zweiten Cigarre. wir noch den Berg hinauf körnmen, ohne zu verbrennen? Süße heilige Frau, leb wohl!" Sie grüßte Maria mit emer etwas weltlichen Bewegung ihrer kleinen Hand, die in einem röthlich braunen Handschuh steckte, und ging entschlossen ylnaus. Die Beiden folgten. Xtx Kutscher hatte mit Wagen und Pferden eine schattige Stelle ausgesucht, einige Schritte weiter; sie stiegen wieder ein und die eiaentliche Bergfahrt begann. Es ward julimäßig warm. Die schöne, noch neue Straße stieg langsam, m lanaen Kehren, aber fort und fort; die Rosse gingen bedächtig, der Abhang warf die Sonnengluth zurück, als käme sie aus seinem Innern. Fräulein Antonie kroch unter ihrem Sonnenschirm ganz in sich zusammen. Minna schien nun aber nichts zu spuren; sie warf nur zuweilen einen verlorenen, leeren Blick umher, sonst saß sie still, gegen ihre Gewohnheit in sich versunken. Die Kirchenstimmung schien noch immer auf ihrer Seele zu liegen. Es war sogar noch etwas von dem Madonnenhaften auf ihrem kindlich weichen Gesicht. Und waruin auch nicht ? dachte Hugo, der zuweilen einen heimlichen, forschenden Blick auf sie warf; er war wieder bei seiner ewigen Frage. Weil sie ein richtiges Weltkind" ist? Na, sie hat doch eben gezeigt, daß das Höhere -und man sieht's ja noch! Daß sie sich nach dem Tod ihres Mannes so schnell getröstet hat? Der Mann war auch danach; Gott hab' ihn lellg! Ihr Reiseteufel," wie Frau Wanda sagt; na, so soll sie reisen; sie kommt ja doch immer wieder an's Haus. Es ist ja doch ruhrend, daß sie bei ihrem sogenannten Wellhunger noch auf ihrem Wittwensitz m Hinterpommern hoc:, statt in Berlin oder Rom oder Paris Wie reizend jetzt ihre Hand an der rechten Wange liegt. Ueberhaupt diese Wange, diese weiche, süße Ne, ne, ne, so geht'S nicht! Verliebtheit, kusch? Kein Augenverblenden! Henathen, als Gutsbesiner, als Landmann, ist eme verflixt ernsthafte Sache! Ist sie 'ne richtige Landfrau? Das ist jetzt die Frage. Kann man mit ihr so dreißig, vierzig Jahre lang Sehn Sie nur diese sonderbaren Bäume, gnädige Frau!" rief eben Fräulein Antonie aus, mit ihrer störend hohen Stimme. Solche hab' ich noch nie gesehn. Etwas ähnlich wie manche Cypressen in Norditalien, wissen Sie noch; oder wie die dünnen Pappeln in der Lombardei; aber diese hier sind ja dunkelgrün!" Ja, das weiß ich auch nicht," erwiderte Minna träumerisch, sich aus Gutmüthigkeit auch ein wenig wundernd. Da müssen wir den Reisemarschall fragen. Schauen Sie einmal diese langen Stangen an, beinah ohne Zweige, wie Soldaten Mann an Mann, und übereinander, den Berg hinauf. So interessant schwarzgrün. Herr Hofsmann! Woran denken Sie?" Diese Bäume?" fragte der aufgeschreckte Hugo zurück. Die sind Tas ist offenbar nicht Natur. Richtige Fichten sehn Sie aber die Schüsse werden ihnen immer abgeschnitten, weil man sie braucht, vielleicht als Streu. Davon werden sie so himmellang mager; wie Kinder, die man oft hungern läßt." Wahrhaftig!" rief Fräulein Antonie aus, die sich aus wissenschaftlicher Strebsamkeit im Wagen aufgerichtet hatte. Und ich hielt's für Natur! Und ich wollt' sie schon in mein Album zeichnen, als ganz etwas Neues!" Ja, was der Herr Hoffmann alles weiß," sagte Frau Minna mit einem anerkennenden Blick, immer noch verträumt. Darum taugt er so gut zum Reisemarschall. Gut, daß wir ihn haben." 1 (Fortsetzung folgt.) Kürzerer 'eg. Du Bummel, hast Du das Testament Deiner verstorbenen Tante angefochten?" Das Testament nicht aber die Erben!" DiriIterpecl?. Im Park sah ein Tichter im Mondenschcin. Es plätscherte leis die Fontäne Und sprühte ihm neckisch in's Antlitz hinein Tie silberhell funkelnde Thräne. Im sslicdcrstcauch sang die Nachtigall Ihre t?ehmuthzitt?rnde Weise. Im Herren erweckte der süße Schall Bin Lied von der Liebsten ihm leise: Tu blüthcnnmduftcte lfengestalt, Von Märchcnzauber umwoben, (5 preist deine Schönheit der brausend? Wald. Tie Vlumen des Feldes dich loben. Tir neigt sick die glühende Rose zu, T?r Baum rcicht dir schneeige Zweige, Tie Nachtig.,ll singt dich in selige Ruh', Wenn tränmcnd der Tag geht zur Neige," Doch nimmer hat er zu Ende gebracht Tas Lied, so freudig begonnen, Ihm sind in stiller verschwiegener Nacht Auf's Blatt die Thränen geronnen. Warum er eweint. warum er geklagt? Warum er nicht we.iter geschrieben? Es sei euch ganz heimlich und leise gesagt: Er hatte gar keine zum Lieben!

Das Räthsel des Rothen Iöwrn"

Romsn von Werl)ard Stoin (Schluß) Ich bin bereits gerufen worden," ssgte Heydemann, und gehe eben hin." So, Sie gehen? Ich komme mit!" rief Bohne. Wird wieder ein schöner Unsinn werden." Wozu wollen Sie denn mitkommen?" fragte Heydemann. Die Sache geht ja mich doch ganz allein an?" Nicht ganz, mein lieber Heydemann," sagte Bohne bestimmt. Au) mich göht sie an. Ich habe dafür bereits acht Stunden auf er Polizeiwache gesessen das ist doch g?rade genug. Und dann was schadet's Ihnen? Ich möchte gleichfalls hören, was der kluge Kommissär sagt." Es blieb Heydemann nichts übrig, er durfte stch nicht unfreundlich zeigen. So setzten sich denn Beide in eine Droschke und fuhren zum Polizeipräsidium. Als sie sich anmelden ließen, wurden sie sofort zu Wilke geführt. Ueber sein ernstes Amtsgesicht flog ein heiteres Lächeln, als er Bohne hinter Heydemann erblickte. Er wandte sich auch zuerst an Bohne. Nun, Herr Bohne," fragte er, haden Sie sich schon über mich beschwert?" Na, es kann noch kommen, Herr Kommissär," sagte Bohne. Geniren Sie sich nicht, lieber Herr, geniren Sie sich gar nicht," meinte Wilke wohlwollend. Sie wissen, ich nehme nichts übel, und wir bleiben nach wie vor gute Freunde. Uebrigens ist es mir nicht unlieb, daß Sie da sind. Ich möchte ein Experiment machen, und habe nichts dagegen, wenn ein Polizeigenie, wie Sie es sind, als Zeuge dabei ist. Ich mache Ihnen am Ende die Freude, daß sich die Polizei abermals blamirt." Dann bat Wilke die Herren, Platz zu nehmen, blätterte eine Weile in einem ziemlich umfangreichen Aktenbündel und wandte sich darauf an Heydemann. Ich weiß, Herr Heydemann, Sie waren bisher der Meinung, daß ich mich um Ihre Angelegenheit nicht gekümmert hätte. Sehen Sie sich diese Akten da an: Sie finden hier Verneh-mu;-g?n, Verhaftungen, Zeugenaus sagen, Protokolle über Nachforschungen ein ganzes Buch. Ich habe die Sache fast Tag für Tag verfolgt, denn l'e interessirte mich wirklich. Ich habe sorgfältigste Nachforschungen anstellen, zahlreiche Personen beobachten lassen immer mit demselben Resultat. Es kam nichts, absolut nichts dabei her aus. Selbst der letzte Verdacht, den man auf den oder jenen haben konnte, ist geschwunden. Nach' menschlichem Wissen, nach sorgfältigstem Ueberlegen mußte man zur Ueberzeugung kommen, Sie hätten das Geld auf der Straße verloren. Aber Sie behaupten mit Ge )ißheit, daß Sie das Geld unmöglich auf der Straße verloren haben konn ten, weil Sie wüßten, daß Sie es nicht bei sich hatten. Das ist nun ein böses Dilemna. Im .Rothen Löwen' war es nicht, Diebe sind nicht entdeckt worden und verloren haben Sie es auch nich.. za Mwev. mir venn seit längerer $tu ein Gedanke vor. Ich glaube, man hat die Sache zu komplizirt angefaßt und ist mcht den einfachsten Weg gegangen Ich hätte meinen Gedanken ich be reits durchgeführt, wenn mir nicht Herr Bohne in den Weg gekommen wäre Ich gestehe, ich hatte gleichfalls Ver. dacht gegen Krüger. Als ich nun Herrn Bohne bei ihm sah, wuß:e ich, datz mn eine Arbeit abgenommen wurde. Sie nehmen gern den Mund ein bischen voll, Herr Bohne, aber wir kennen uns ja, ich weiß, Sie sind sonst ein ganz kluger Mensch. Zum richtigen kriminallstischen Rechercheur fehlt Ihnen nur die Ruhe. Sie sind immer ein bischen übereilt. Na, also. Ich sah Herrn Bohne bei Krüger und wußte, es mutz:, über kurz oder lang etwas komme" Es hat allerdings länger gedauert, 's wir Beide glaubten, nicht wahr, Herr Bohne? Aber es kam. Sie saßen eine ganze Nacht auf der Polizeiwache. Sie stürzten dcnn voller Wuth über mich her, aber ich hatte schon vorher eine Zleme Vernehmung gemacht, uno mn dieser Vernehmung und als so vo! ler Zorn vor mir standen, sah ich auf einmal klarer. Zunächst, daß Krüger mit der ganzen Geschichte absolut nichts zu thun hat" Erlauben Sie, Herr Kommissär, warf Bohne ein. Nein, vorläufig erlaube ich nichts, warten Sie es nur ab " fuhr Wilke fort. Also, ich kam nochmals auf die Idee zurück, die ich lerciis hatte, aus die Ueberleauna. daß man das Allereinfachste, das Nächstliegende noch gar nicht versucht hat. Tas passtrt un manchmal so. Es ist echt menschl'. man stellt sich die Dinge meist iompli zirter vor. als sie in Wirklichkeit sind. Ich will nun den anderen Weg gehen und zur Einfachkeit wie gesagt, zum Nächstliegenden zurückkehren, das noch nicht gesucht und noch nicht versucht wurde. Und dabei müssen Sie, Herr Heydemann, anwesend sein. Auch t e können dabei sein, Herr Bohne, wie ich bereits sagte, schon um des Vergnügens willen, zu sehen, wie sich die Polizei wieder blamirt." Was wollen Sie thun, fragte Bohne interessirt.

Das werden Sie schon sehen." Wilke drückte auf einen elektrischen Knopf, und ein Kanzleidiener erschien. Sagen Sie den Schutzleuten Lippert und Beyer. sie sollen fertig zum Ausaeben hier antreten. Und lassen Sie unten eine Droschke vorfahren " befahl Wilke. Sehr wohl, Herr Kommissär." Es war ganz still im Zimmer. Wilke blätterte in seinen Akten, und Heydemann und Bohne warteten gespannt auf die Dinge, die nun kommen sollten.

Die beiden Schutzleute erschienen. Jetzt, meine Herren," sagte Wilke, sein Pult verlassend, jetzt wollen wir mal zum ,Rothen Löwen' fahren." Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Gasthof, und der Wirth, Herr Weigel, machte em fehr verdrießliches Gesicht, als er die fünf Männer kommen fah. Aber mit der Polizei ist nicht zu spaßen, und ohne Aufenthalt führte er auf Wilkes Wunsch alle in das Zimmer, das Heydemann eine Nacht bewohnt hatte. Ist alles hier noch in demselben Zustand wie damals, Herr Heydemann? Dieselben Möbel?" fragte Wilke. Heydemann blickte sich prüfend um. Soweit ich mich erinnern kann ja." Der Schreibtisch?" fragte Wilke. Ich glaube, es ist derselbe," sagte Heydemann. Stimmt es, Herr Weigel?" fragte Wilke. Die Möbel sind nicht entfernt worden, sie stehen in allen Zimmern seit Jahren auf ihren Plätzen," antworteie der Wirth. Wilke preßte die Lippen zusammen, und sein Gesicht zeigte den Ausdruck höchster Spannung. Er betrachtete den Schreibtisch eine ganze Weile mit größter Aufmerksamkeit, tastete mit dem Finger an den Schiebladen herum, blickte wieder von oben nach unten und begann die Schiebfächer zu öffnen. Eines nach dem anderen, zwei und drei zusammen. Alle waren leer. Noch einmal betrachtete er den Schreibtisch, in der Nähe und aus einiger Entfernung, schüttelte den Kopf und blieb überlegend stehen. Na, nun also noch das allerletzte," brummte er vor sich hin. Er wandte sich zu einem der Schutzleute: Lippert, gehen Sie hinunter in die Küche und lassen Sie sich ein Beil geben." Der Schutzmann verschwand, und Wilke fuhr fort: Es thut mir leid, Herr Weigel, ich muß dem Schreibtisch energisch zu Leibe. Aber ich werde mich bemühen, Ihnen nicht viel Schaden zu machen. Die Kleinigkeit wird bald reparirt sein." Ver Schutzmann kam mit dem Beil. und Wilke ließ den Schreibtisch weit von der Wand abrücken. Er warf einen Blick auf den Fußboden, dann betrachtete er dieRückwand des Schreibtisches und mit einer raschen Bewegung holte er mit dem Beil zu einem kräftigen Schlage aus. Das schwere Möbelstück erzitterte, die Rückwand krachte und barst auseinander. Mit beiden Händen faßte Wil?e das durchgebrochene Brett und zog beide Hälften mit einem energischen Ruck aus den Fugen. Und dann sah er in das Innere hinein, mit schnellem Blick von oben nach uuten. Na ja, da haben wir'S!" rief er in starker Erreaung. Bitte, meine Herren, alle, Beyer, Lippert ... sehen Sie mal da hinein. Da links, fast in der Mitte. Sie müssen von oben hineinblicken. Sehen Sie es? Ja? Eine ziemlich seichte Lade. Nun wollen wir mal sehen, wie wir das Ding herausbekommen." Er stieß gegen den Rücken der Schieblade, aber sie rührte sich nicht von der Stelle. Er ging wieder nach vorne, fand aber keine Spur von einer Andeutung, daß eine verborgene Lade vorhanden sei. Nun begann er die Schiebfächer sämmtlich zu öffnen, und da er nichts entdeckte, suchte er sie an der bestimmten Stelle herauszuziehen. Es ging leicht bis auf zwei, die durchaus nicht aus dem Schreibtisch genommen werden konnten. Wilke bückte sich, sah von unten nach oben hinein und stieß plötzlich einen leisen Ruf aus. Da ist es ja," rief er. Er griff mit dem Finger hinein, die Rückwand der Lade klappte nach innen, und hinten ward eine andere sichtbar, in der die vermißte Brieftasche lag. Brillant gemacht!" fuhr Wilke fort, sich zur Ruhe zwingend. Sehen Sie, meine Herren, die äußere Schieblade ist etwas kurz. Es fällt dem flüchtigen Blick wenig auf. Hier oben ist ein Druckknopf in das Holz eingearbeitet. Wer es nicht weiß, kann ihn gar nicht sehen. Wenn man die Feder in Bewegung setzt, klappt die Wand herab, und die verborgene Lade kommt zum Vorschein. Wirklich raffinirt. Ich wundere mich gar nicht, daß man bei der ersten Durchsuchung nicht darauf gekommen ist. Es war absolut nichts von dem Geheimfach zu merken. Den Kasten erst entzweischlagen ... na ja, gut Ding will Weile haben . . . Na, hier ist die Tasche. Ist es Ihre Brieftasche, Herr Heydemann?" Heydemann ergriff sie. Seine Hände zitterten. Jawohl meine Tasaze. Hier sind auch die Tausend- und Hundertmarkscheine. Unberührt!" Schön," sagte Wilke, sich fteif aufrichtend, in kühlem Amtston. Ich bitte um die Tasche und um das Geld. Sie können beides noch heute oder morgen von Amts wegen zurückbekommen. Denn was hier geschah, war eine AmtsHandlung. möchte nur wissen."

fügte er in gemütlicherem Tone hinzu, wie Sie es anstellten, gerade auf den verwünschten Knopf zu drücken?" Das verstehe ich selbst nicht," meinte Heydemann nachdenklich. Ich war im Rausch, im Glücksrausch, im Weinrausch, die Seele erregt, die Hände zitterig, die Finger unruhig wahrscheinlich ein überflüssiger, unwillkürlicher, unbewußter Griff, und es war geschehen." Na, und wie stehe ich da?" rief plötzlich Bohne. Wem haben Sie es zu danken, he? Wäre ich nicht gestern da unten hinausgeschmissen worden, wer weiß, ob der Herr Kommissär auf seinen genialen Einfall gekommen wäre. Ich verlange jedenfalls mein Honorar,

die zehntausend Mark. Sie werden wohl mit sich sprechen lassen, Herr Bohne," meinte' Wilke lachend. Schön, meinetwegen, ich will es etwas billiger lassen. Aber Herr Kommissär, die Geschichte mit dem Hausfriedensbruch, die ist bitter!" Wir wollen mit Herrn Weigel sprechen. Vielleicht läßt er sich erweichen." Heydemann hatte sich an diesem Tage bei den Damen selbst zu Tisch geladen. Und sie waren nicht im Geringsten erstaunt, als er kam. Frau Doktor Friederike Driesen empfing ihn mit einem liebenswürdigspöttischen Lächeln und einem fehr warmen Händedruck. Und die beiden Damen waren nicht wenig überrascht, als er ihnen die Neuigkeit des Vormittags erzählte. Edith schien über den Fund des Geldes geradezu bestürzt. Mein Gott," sagte sie, was willst Du mit dem Gelde machen? Du bleibst doch beim ,Tagesboten?' " Selbstverständlich. Und das Geld? Ich brauche es nicht. Vielleicht einmal in einer Zeit der Noth, oder wenn wir alt werden. Und ich hoffe, wir werden noch alt miteinander, geliebte Edith." Da ertönte draußen die Klingel, und Frau Friederike ging rasch hinaus, um einen Ankommenden zu empfangen. Es ist Herr Veutler." sagte Edith schnell. Sie verloben sich heute." Wer? Deine Schwester und " Beutler ja. Er gefällt ihr. Sie hat da Geld" Und er den Verlag. Will er ihre Romane verlegen?" Nein, sie riskirt es nicht auf sein Zureden. Vorläufig will sie nicht mehr schreiben." Aber, da fällt mir ein," sagte er plötzlich mit einer Miene komischen Entsetzens, mit Beutler kriegen wir ja Bohne in's Haus!" Geh, Du bist undankbar!" rief Edith lachend, und dann: ist er nicht ein wirklich amüsanter Mensch?" Ende. Sonderbarer Gegenbeweis. Freundin: Also Ihr führt eine glückliche Ehe? Dein Mann behauptet allerdings das Gegentheil!" Junge Frau: Ach. der hat nichts zu behaupten!" Bubenstreich. Die rechtzeitige Entdeckung eines auf das Geleise der New Aort, New Haven & Hartford Eisenbahn dicht außerhalb der Stadt Newport, R. I., gelegten Hindernisses durch den Lokomotivführer verhütete letzthin die Entgleifung eines Zuges. Fünf Bahnschwellen waren zwischen die Schienen gelegt und die Lokomotive traf dieselben mit bedeutender Gewalt, obgleich Gegendampf gegeben und die Bremsen angezogen waren. Bier Schwellen wurden von dem Kuhfänger vom Geleise gemorsen und die fünfte zwischen die Leitung und die Räder geklemmt. Eisenbahnbeamte glauben, daß der Vorfall durch einen Jungenstreich hervorgerufen wurde und daß nicht beabsichtigt war, den Zug zum Entgleisen zu bringen. Irrsinniger im Straßenbahnwagen. Ueber eine Stunde lang hatte ein anscheinend Wahnsinniger den Straßenbahnhof in Omaha, Neb., in feinem Besitz und machte alle Bemühungen, ihn zu fangen, zu Schanden; dabei brachte er sich bei der Berührung eines geladenen elektrischen Drahtes beinahe selber um. Er sprang auf einen Strahenbahnwaaen, der auf einem Nebengeleise stand, und fuhr auf das Haupigeleise zu. Schließlich kletterte er auf das Dach des Wagens und packte den elektrischen Draht. Der elektrische Schlag warf ihn nieder und die Polizei konnte sich nun seiner bemächtigen. Der Mann nennt sich Edward Ballett und behauptet, aus Vincennes, Ind., zu kommen. Verkaufte seine Frau. Für $10 verkaufte dieser Tage ein gewisser John Perry in Skinners Eddy, Pa., seine Frau an einen William Blackmore, und er that dies in vollem Einverständniß mit seiner Gattin. Blackmore hatte jüngst Gelegenheit, den Kaufkontrakt Richter Atkinson von Carbondale. Pa., zu zeigen, als Perry den Blackmore und die Frau hatte verhaften lassen, weil sie aus seiner Wohnung gewisse Möbel weggenommen hatten. Blackmore bewies, daß sie der Frau gehörten, und zeigte dabei auch den Kaufkontrakt über die Frau. Da Perry nicht erschienen war, wurden Vore und die ftnm entlassen. Die hönere Eot?ter. Elsa, was verstehen Sie unter einem Fragment?" Eine Liebesgeschichte, in der sie sich nicht kriegen!"

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