Indiana Tribüne, Volume 28, Number 193, Indianapolis, Marion County, 7 April 1905 — Page 6

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UHnc sparsame Frau. HumorrsKe von Tro von Lorn.

Von Eifenbahnunfällen liest man alle Tage. Namentlich aus den interessanteren Gegenden Amerikas, wo die Fixigkeit im umgekehrten Verhältmß zur Sicherheit steht, kommt fcali) mal die Nachricht, daß zwei Blitzzüge ineinander gerannt und hohe Eisenbahndrücken just in dem Moment eingestürzt sind, in welchem ein Ausstellungsfliege? sie Passirte. Unsere abgebrühten Nerven reagiren kaum noch darauf, wenn die Blätter nicht mindeftens von zwei Tutzend Todten und Schwerverwundcten zu berichten wissen. Etwas intimer berührt wird man schon, wenn ein solcher Unfall sich in unserer deutschen Heimath ereignet. Im Lande der stillen Pauline," der Blindschleiche" und ähnlicher vorsichtiger Verkehrsmittel geschieht das ja glücklicherweise nicht oft. Aber es kommt doch vor. Und vollends aufgerüttelt wird man, wenn das Unglück einen Zug betroffen hat, den man selbst oft benutzt oder der von Verwandten und Bekannten häufiger benutzt wird. Ter Steuerrath Michalewski hatte die üble Angewohnheit, das Abendblatt gleich am Stammtisch zu lesen. Sowie die Zeitungsfrau das Blatt brachte, mußte der Kellner es ihm reichen trotz aller unserer Proteste. Eines Llbends hatte er kaum einen Blick in die Zeitung geworfen, als er diese sinken ließ und uns über den aur der äußersten Nasenspitze balanzirenden Kneifer hinweg entsetzt anstarrte. Hotzdunnerlichting," hauchte er. Eann fragte er zögernd, wie einer, dem vor der Bestätigung bangt: Mit welchem Zuge ist denn Schmielow heute Morgen gefahren ?" Mit den ersten, hat er gestern gesagt." Gleich nach fünf." Wieso?" Was ist denn los?" Hotzdunnerlichting," wiederholte der Steuerrath kopfschüttelnd. Er legte die Zeitung, was er sonst nie zu thun pflegte, breit auf den Tisch, stemmte die Arme darauf und las las, als trenn ihm Jemand sein eigees Todesurtheil vorgelegt hätte. Ab Mann, so reden Sie doch!" .Was ist mit Schmielow?" Xtx Frühzug ist bei Schachthagen mit einem Güterzug zusammengestoßen alle Wagen dritter Klasse sind demolirt ebenso beide Lokomotiven " Herrgott der arme Schmielow!" So'n lieber Kerl!" Frau und fünf Kinder!" Lesen Sie!"' -Was steht da noch?" Nee, ist es zu glauben!" Gestern noch so mobil am Stammtisch und heute!" Aber so lesen Sie doch, Steuerrath!" Nur der Wagen 1. und 2. Klasse ist wie durch ein Wunder intakt geblieben. Nicht einmal entgleist." Vielleicht ist er zweiter gefahren!" Tas ist sogar sehr wahrscheinlich." bemerkte H: Steuerrath sichtlich erleichtert. Ter Zug war schwach besetzt. Tie elf Passagiere dritter Klasse sind alle mehr oder minder verletzt tsrb hier namentlich aufgeführt. Unstr Schmielow ist nicht darunter " Na Gott sei Dank !" Das kam allen von Herzen. Bernhard Schmielow war eins der beliebtesten Mitglieder unserer Tafelrunde. Unentwegt höflich, liebenswürdig und wohlgelaunt und ein Erzähler, wie es keinen zweiten gab. Er hatte Forstfach siudirt. Seit er vor acht Jahren die steinreiche Wittwe eines Ziegeleibesitzers geheirathet, war er Rentier. Wider seinen Willen. Seine Frau hatte es entschieden abgelehnt, ihm in die Wildniß," auf eine Oberförsterei, zu folgen. Ueberhaupt diese Frau! Sonst eine ganz nette, muntere, rundliche Dame, machte sie ihrem Gatten das Leben sehr schwer durch eine, hart an Ger, grenzende Sparsamkeit. Nicht, daß sie ihm zu fühlen gab, daß sie das große Portemonnaie in die Ehe aebracht. Dazu war sie zu gescheidt und hatte ihren Bernhard auch viel zu lieb. Aber der Zuschnitt, den sie dem Hausstände wie überhaupt der ganzen Lebenshaltunq gab. war ein so enqer, kleinlicher und in den Verhältnissen so wenig begründet, daß der einstige flotte Forstasseffor und Feldjägerleutnant sebr darunter litt. Nie hatte et sich irr: E st darüber beklagt. Nur aus geleaentlichen kleinen Scherzen und selbstironisen Bemerkungen fühlte man das heraus. Auch war er als Gesellschafter erst dann in vollster Form, wenn seine Gattin nicht dabei war. Daß er auf drei Tage allein verreisen durfte ohne die Pfcnnigkontrolle seiner Frau hatte ihn fast ülermütbig geimmt. Das war er sonst nicht. Man kannte nur eine ruhige, ausgeglichene Heiterkeit cn ihm, die beinahe etwas Förmliches und Ueberlegen.es achabt hätte, wenn sie nicht so he: lich gewesen wäre. Unser tezirkshautmann Mederer traf ganz tos Rechte, als er. nach dein ersten Erörterungss:",rm, in sein Glas hineinlachte und sagte: .Herrschaften, ich kann mir ganz geirnu vorstellen, wie Schmielow sich verhalten hätte, wenn der Unfall auch um betroffen. ,Sie sind in einer unbeauemen Lae. meine Gnädige ich bedauere lebhaft,- Ihnen nicht behilflich sein zu können; mir sind selbst beide eine eingeklemmt.' Oder .Verzeihen Sie. mein Herr, wenn ich Sie etwas

beörücke, aber die Sache ist mir so überraschend gekommen, daß ich keine Seit hatte, einen geeigneten Platz zu suchen. Ihre Cigarren sind wohl ohnehin zerbrochen; ich werde mir erlauben, Ihnen nachher welche von meinen anzubieten wenn wir dann noch leben sollten.' So würde Bernhard Schmielow sich benehmen. Stimmt's?" Es stimmt!" riefen wir. fröhlich in der sicheren Hoffnung, daß der liebe Mensch uns erhalten geblieben. Und tbatsächlich bekamen wir noch an dem-

selben Abend durch ein Telegramm von ihm die Bestätigung. Für den Tag der Heimkehr bei alücklich Geretteten hatten wir glän zende Ovationen vorbereitet. Sein Stuhl war bekränzt. Den kaputen Teckel seines Stammseidels hatten wir durch einen neuen, mit entsprechen aer Widmung ersetzen lassen. Wir alle saßen schon vor der Zeit auf unseren Plänen ein jeder im schwarzen Anzug, mit weißer Halsbinde und Cylinder auf dem Kopfe. Selbst der alte Steuerrath, der schwor, nie solch ein Möbel besessen zu haben, hatte einen wider den Strich gebürsteten Bibi aus der Biedermeierzeit aufgetrieben. Dementsprechend feierlich war der Empfana. Bernhard Schmielow wurde zuerst mit einem Hoch begrüßt. Darauf Ansprache des Tischaltesten, die Bernhard Schmielow ebenso höflich als herzlich erwiderte. Dann begann die Fidelitas und das im verwegensten Sinne des Wortes. Zwischendurch mußte der Gerettete die ganze Geschichte erzählen einmal. zweimal, zehnmal. Er that das auch, so oft man es verlangte, mit seiner unermüdlichen, herzlichen Höflichkeit. Aber da ist es doch ein wahres Glück, Schmielow!" rief der Stadtqutspächter Asmus, daß Sie zweiter Klasse gefahren sind!" Das ist es allerdings. Andernfalls hätte ich heute wohl einen Arm oder ein Bein weniger." Hotzdunnerlichting!" fluchte der Steuerrath gerührt, indem er dem Cefeierten zutrank. Und was sagte denn Ihre Frau?" fragte ein anderer. Jawohl was sagte Ihre Frau?" riefen noch einige nach. Schmielows Gesicht verzog sich zu einem leisen, feinen Lächeln. Meine Frau je nun. meine Frau war natürlich sehr alücklich. Sie hat mich gar nicht aus den Armen ge lassen und immer umschichtig geweint und gelacht . . . Nur nachher " Was denn nachher?" Ja, nachher trocknete sie sich die Thränen aus den Augen und sagte recht vorwurfsvoll: ,Tu bist aber doch wieder zweiter Klaffe gefahren. Bernhard!'" probates Mittel. Mutter: Aber Kinder, was macht Ihr denn da mit dem neuen Militärroman in der Waschschüssel?" Die kleine T r u d e : Aber Mutti, Papa hat doch gesagt, das ist eine Schmutzgeschichte und da wollen wir sie rein waschen!" F.iisant. terriile. Die alte Tante soll auf Besuch kommen. Natürlich wird dem kleinen Fritz zuvor eingeschärft, er solle sich nicht über das Fehlen der Zähne bei der Tante lustig machen. Diese kommt im Glänze eines falschen Gebisses. Alles geht gut. man sitzt gemüthlich bei der Jause, als plötzlich Fritz, der die Tante schon die längste Zeit aufmcrksam beobachtet hatte, herausplatzt: Aber. Mama, der Tante fehlen ja gar keine Zähe!" Saliomortale eines Brautpaares. In dem Dorfe Neu-Werbig bei Brandenburg a. H. herrscht noch die alte märkische Sitte, daß beim Ausfahren der Hochzeitskutsche aus dem Torf quer über den Weg eine Leine gezogen wird, die erst dann von jungen Leuten des Dorfes in die Höhe gezogen wird, wenn sich der Bräutigam durch ein Geldgeschenk loskauft. Diese Sitte verursachte jüngst eine Tragikomödie, der das Brautpaar Höpfer zum Opfer fiel. Es wollte mit einem Trauzeugen von Neu Werbig nach Gräben zum Standesamt fahren. Ter Kutscher hatte den Auftrag, bei der Leine anzuhalten. Tie Pferde aber gingen durch und kamen selbst unangefochten durch die Leine, ebenso der Kutscher, der sich schnell bückte. Das Brautpaar aber, mitsammt dem Trauzeugen, wurde von der Leine erfaßt, arg geschunden und rücklings mit dem Wagensitz vom Wagen herabgcrissen. In dem auf der Chaunee herrschenden Schmutz überschlugen sich alle mehrmals. Auch ein Hochzeitsvergnügen! Geheimnitzvolle Verg i f t u n g s z e s ch i ch t e. Der 50jährige Maler Bianchini in Paris ist neulich vlötzlich gestorben, nachdem er vorher von Zuckergebäck genossen hatte, das ihm von unbekannter Hand übersandt worden war. Bereits im Jahre 1898 war Bianchini an einem Uebel erkrankt, das die Aerzte sich nicht recht erklären konnten. Es hieß damals. Bianchini sei von seiner 30jährigen Gattin vergiftet worden. Tie Frau wurde, trotzdem ihr Gatte sie kräftig vertheidigte und sie ihre Unschuld betheuerte, zu fünf Jahren Zuchthaus verurtheilt, aber schon nach wenigen Wochen begnadigt. Sie lebte aber seither von ihrem Manne getrennt. Bianchini sagte seinen Freunden oft. er werde an Gift sterben.

Das Arbkitcrdors Bournville. roftartige sanitäre Schöpfung eine eng: lisch? Fabrikbesitzers. Unter den vielen bedeutenden Schöpfungen, welche die englische Großindustrie im Interesse der Arbeiterschasi in's Leben gerufen hat, um dem Wohnungseleno der Massen zu steuern, ist vielleicht die großartigste das Arbeiterdorf Bournville, eine Gründung deö Fabrikbesitzers George Cadbury. Bournville liegt vier englische Meil:n südwestlich von der Industriestadt Birmingham. Cadbury besaß das Gut Bournville. Er bestimmte, daß es ein Aröeiterdors werden solle. Nach seinen Ideen aber sollten weder das Land mit Häuschcn. noch die Häubchen mit Menschen überfüllt werden. Jedes Häuschen sollte einen gutbemessenen Garten haben. Du Straßen sollten breit und mit Bäumen zur Seite bepflanzt sein. Ungefähr ein Zehntel alles bebauten Landes. Straßen und Gärten eingerechnet, sollte für Parks und Erholungsstätten reservirt bleiben. Nach diesen 6: sichtspunktcn wurden schon im ersten Jahre. 1879, 200 Häuser errichtet. Cadbury aber wollte mit seinem Acbeiterdorf nicht nur in sanitärer Hinsicht wirken, sondern auch in ästheti scher. Er gewann einen der ersten Londoner Architekten, W. A. Harvey, f2t den Bau seines Arbeitcrdorfes. Harvey sollte kleine Doppelhäuser oder Blocks von vier Häusern erbauen, lange, monotone Straßenzüge vermeiden und durch große Mannigfaltigkeit in der Behandlung der Formen wirken. Harvey hat seine Aufgabe glänzend und mit den einfachsten Mitteln gelöst. Jedes der Häuschen von Bournvitte ist ein kleines Kunstwerk. Ein großer Schornstein, ein überragendes Dach, ein flacher Erker, grüne Fensterrahmen, rothe Werksteine, das sind die Mittel, mit denen Harvey die traulichen Heime schuf. Die Mehrzahl der Häuschen hat zwei Wohnzimmer, eine Kochstube, htd Schlafzimmer und die üblichen Zubehörräume. Einige größere haben noch ein weiteres Schlafzimmer und eine Badestule mit heißem und kaltem Wasser. Die Gärtchen bei den Häusern haben über 550 Quadratyards Fläche. Nachdem Cadbury so sein Arbeiterdorf geschaffen, war seine Hauptsorge. es zu erhalten und auszudehnen in den Bahnen, die er für richtig hielt. Dazu übergab er das Torf einer Anzahl von Vormündern, einer Pflegschaft, die gonau nach Eadourys Gründungakie Torf und Grund verwaltet. Alles, was dieser Besitz einbringt, eignet der Pflegschaft. Sie muß aber die gesammten Einnahmen, den Unterhalt des vorhandenen Besitzes abgerechnet, verwenden, um neue Häuser zu bauen, neuen Grund und Boden am Land? zu erwerben. Sie kann dabei ihre Thätigkeit auf ganz Großbritannien ausdehnen. Zur Zeit umfaßt das Arbeiterdorf Bournville 518 Häuser mit über 2000 Bewohnern. Welchen Einfluß Bournville auf die Gesundheit ausübt, zeigen zwei Ziffern. In Birmingham starben 1901 auf 1000 Menschen 19.9. in Bournville 8.8. In Berlin, einer der gesundesten Städte des europäischen Kontinentes, ist die Sterblichkcitsziffer doppelt so hoch. Sie betrug 1902: 17.11. Und was das Arbeiterdors Bournville mit seinen Schulen, Erho-lungs-und Spielplätzen. Schwimmbädern und Turnhallen für das Lebensglück seiner Bewohner leistet, das läßt sich zwar errathen, aber nicht beZiffern. Der Ring und seine Geschichte. Ein Pariser Juwelier hat in einigen hundert Exemplaren die historische Entwicklung des Ringes darzuthun versucht. Ten Anfang der Sammlung bilden die etruskischen Ringe, schmale Goldreifen mit gravirten Feldern, ähnlich den heutigen Siegelringen. Tann folgen die Werke egyptischer Goldschniiede, gravirte Steine, oder Goldplättchen, Priesterinnen darsie ' lend; die römischen Ringe dienten meist als Siegel. Imposant sind dialtdeutschen Ringe aus Eisen mit haselnußgroßen, viereäigen, ziselirter: Schildern. Tie jüdischen Verl?!. ungs ringe mit n,ren ringsum angebrachten spitzigen Zacken, die den Bräuten in's zarte Fleisch schnitten, erfreuten sich trotzdem der Beliebtheit bei ihren Trägerinnen. Durch m.chtiae Edelsteine imponiren weit später die Papstringe, wählend die Renaissance eigenartige Ringwesen schuf, denn nur an der inneren Seite zeigten sich die Rin,'form, außen bildeten sie ein mit Steinen besetztes Dreieck, eine Mode, die

sich übrigens schüchtern wieder hervor wagt. Das 18. Jahrhundert überlieferte zierliche Ezemplare mit gemalten Miniaturen in Diamanträhmchen, das 19. Jahrhundert brachte Edelsteine in Herzform geschlissen mit, Ringe, auf denen bunte Edelsteine ein Sträußchen bildeten. Danach kamen die Marquisringe zu Ansehen, die sich bis jetzt i womöglich noch größeren, runder, spitzen oder eckigen Exemplaren erhal ten haben. Viele moderne Ringe klingen leise an ihre Vorfahren 'in der Renaissanceepoche an. Auch Ringe mir Geheimfächerchen gibt es wieder. Dc Verkauf von Schmucksachen, in erster Linie von Ringen, wächst von Jahr zu Jahr. Es gibt Bühnenkünstlerinn', und Geldprinzessinnen, die an ihren Händen 30 Ringe tragen.

Des 3arai iKniite.

Die sogenannten Schutzabthcilungcn" in Rußland. Ein Werk PlchweS-Tie kleinen Zaren. Hohe Saläre Thätickcit der Gewaltigen. Illustratoren" - Iwans Werkzeug - iu schreckliches Vlutbad. Zu den Posten in Rußland, um die sich die Offiziere mit Beamtenseelen," wie sie dort genannt werden, am meisten bewerben, gehören seit dem Regiment Plehwe die Stellen von Leitern der Schutzabtheilungcn. Diese sind von Plehwe in's Leben gerufen worden und mit unbeschränkten Befugnissen ausgestattet. Tie Bezirke, welche der Amtsthätigkeit einer solchen Abtheilung untergeordnet sind, fallen nichi mit den bestehenden administrativen Bezirken zusammen. Die Leiter der Schutzabtheilungen sind ganz unabhängig von den Gouverneuren, sie handeln auf eigene Faust und berichten direkt an den Minister des Inneren. Die Befugnisse der Leiter gehen so weit, daß sie oft in einer Nacht in klcinen Provinzialstädten 40 und mehr Arretirungen unter den Mitgliedern der Gesellschaft vornehmen, worunter man in Rußland die intelligenten Gesellschaftsklassen versteht. Es bleibt den anderen Verwaltungsbehörd.m ein undurchdringliches Geheimniß, wofür und warum Einzel- oder oft auch Massen - Verhaftungen vorgenommen werden. Tie Gehälter der Leiter sind hoch bemessen, so daß das Minimum an festem Diensteintominen für den niedrigsten Rang in diesen Stellen, also den eines Rittmeisters, jährlich 5000 Rudel (1 Rubel gleich 51.5 Cents) ausmacht. Das Gehalt eines Rittmeisters in der Armee stellt sich auf jährlich nur 1245 Rubel. Eine fieberhafte Thätigkeit entfalten die Leiter besonders bei der Kontrollirung aller Post- und Telegraphensendungen. Seit Plehwe ist diese Ueberwachung zu eine? bleibenden Einrichtung geworden, welche sich über den größten Theil Rußlands erstreckt. Ihre Hauptkoups machen die Schutzabtheilungen auf Anregung ihrer an jedem mehr oder weniger großen Postamtc angestellten Beamten, der Illustrator ren," wie man sie nennt. Diese Beamten tragen der Dienstbequemlichkeit halber" die Postuniform, unterstehen aber nicht im entferntesten der Postverwaltung. Sie mustern alles, was auf der Postabtheilung ankommt bevor es an die betreffende Adresse oder an die kleineren Postabtheilungen befördert wird. Wo sie etwas zu entdecken hoffen, werden die Briefschaften von ihnen entsiegelt, nachgesehen und eventuell dem Leiter der Schutzabtheilung zur Verfügung gestellt. Eine ähnliche Institution ezistirte übrigens schon unter dem Zaren Iwan IV., dem Schrecklichen. Damals war Rußland in ähnliche Rayons getheilt, an deren Spitze die Opritschniki, das heißt Leibwächter, standen. Eine trau rige Berühmtheit gewann damals alssolcher ein gewisser Skuratow, der sich eines besonderen Vertrauens des Zaren erfreute. Gleich Trepow wenig gebildet und geistig beschränkt, machte er alles vor seiner Grausamkeit zittern. Auch ein Vlutbad gab es zu jener Zeit unter ähnlichen Verhältnis sen wie am 22. Januar d. I. Als der Zar Iwan in Nowgorod einzog, zog eine Menge von Nowgoroder Bürgern mit ihren Frauen und Kindern, Heiligenbilder mit sich führend, zum Zaren hin, um auf den Knieen um Erbarmen und Schutz vor ihren Unterdrückern zu bitten. Sie wurden von den Opritschniki in den Fluß Wolchow hineingetrieben und ertranken sammtlich. Frösche als Fischrciter. Tie Beobachtung, daß sich die Frösche den Fischen derart auf die Köpfe festsetzen, daß sie sich mit ihren Zehen in oie Augenhöhlen der Fische festklammern, so daß die Fische erblinden, ihre Nahrung nicht mehr findend, eines qualvollen Hungertodes sterben müssen, glaubte man, weil diese Erscheinung zumeist zur Laichzeit der Frösche beobachtet werden kann, einem Begattungsübereifer der Frösche zuschreiben zu sollen. Diese entschuldigende Annahme ist indeß eine irrige, denn der sich behende auf den KoZ s jedev Fisches schwingende und festklammernde Frosch sitzt dort so fest, daß man ihn eher in Stücke reißen kann, bevor er sich ablöst. Durch, in Folge unersättlicher Freßgier impulsirtes. andauerndes Festsitzen des Frosches auf dem Fischkopfe oft krallen sich die Frösche auch in den Kiemen fest stirbt der Fisch eines qualvollen Todes durch Erblinden oder Ersticken. Sobald er todt auf der Wasseroberfläche treibend, mürbe in Folge Verwesung zu werden beginnt, stürzt die Gesammtfroschbesahung oe Fischgewäss?rs über ihn her und frißt ihn auf. während sich inzwischen andere Opfer gleichem Schicksale entgegenmarterN. Sowohl die Wasserals die Thau- oder Graöfrösche sollen jederzeit mi allen Mitteln aus Fischgewassern zu entfernen gesucht werden, denn sie sind nicht blos die ärgsten. unersättlichsten Nahrungskonkurrente'' der Zucht- und Besatzfische, sondern auch Brüt- und Laichräuber. In New Jersey wurde:: letztes Jahr 1,000,000 Gallonen Apfelmost gekeltert.

Das Bild. Novellette von Leo Berthold. Grüß Gott, Ellingen. Willkommen daheim! Endlich zurück von der langen Wanderschaft ... na, hoffentlich habt Ihr unsere Kunst auswärts zu Ehren gebracht." Wie der Mensch aussieht! Braun gebrannt und schlank geworden, aber, wahrhaftig, schon hier und da ein graues Haar, das holt man sich wohl da unten im Süden!" So wurde er begrüßt, der soeben im Geleite des Präsidenten der Kunstschule erschienen war anfangs gedrückt, scheu, und erst nach und nach offenbare Erregung überwindend. Da bringe ich ihn Dir, Luise," hatte Präsident Möller gesagt und Gottlob, daß Sie endlich wieder da sind," hatte die schöne, gütige Frau ihn bewillkommnet, ihn wie absichtslos aus dem großen Trubel entfernt und dem Wintergarten zugeführt, dessen warme Blumendüste zum Genuß einluden. Langsam waren sie dort beide gewandelt. Wir haben Sie schon lange erwartet, lieber Freund. Mein Albrecht und ich konnten uns dies lange Fernsein gar nicht erklären. Mit Nachrichten haben Sie uns auch nicht verwöhnt . . . nein, nein . ..," sie wehrte liebenswürdig ab, entschuldigen Sie sich nicht . . ich wußte ja, es würde lange dauern, bis Sie in diese letzte, trübe Bergangcnheit zurückgreifen wollten, wenn es auch wirklich treue Freundeshände waren, die Ihnen dies schmerzliche Tasten erleichtert hätten . . . nun sind Sie da . . . das ist die Hauptsache ... nun wollen Sie sich wieder zurechtfinden . . . nun wird es Ihnen gelingen . . . Ellingen. Paul ... hat die allmächtige Zeit noch nicht geholfen?" Sie hatte erschreckt in das blaffe Gesicht geblickt, das so kummervoll gespannt aussah ... als hätte die Frau eine noch blutende Wunde sondirt. Sie faßen an dem leise plätschernden Springbrunnen . . . allein, selbst Direktor Möller hatte sich zurüctgezogen . . . er konnte sich den Pflichten eines Comite - Mitgliedes nicht entziehen . . . es ging in den feinen Clubräumen gerade hoch her. Im großen Nebensaale fand der glänzende Bazar statt zu Gunsten jener jungen, armen Geschöpfe, die schon vor ihrer Geburt zum Elend vorbestimmt sind, denen selten ein aufleuchtendes Vaterauge entgegenstrahlt, deren jammervolles Weinen fast nie von heißen Mutterküssen zur Ruhe gebracht wird. Warme Herzen wollten Mittel und Wege finden, gerade solchen vom Familienglück ausgestoßenen, ärmsten Geschöpfen ein Asyl zu gründen, eine Stätte, an der die bcklagenswerthen Mütter, ob sie nun im Eheleben unglücklich geworden, ob abseits vom moralischen Geleise Wochen, ja Monate ihre Kleinen hegen und pflegen dürfen, ohne Mißachtung zu erdulden, ohne Hohn . . ., ein großes Werk echter Menschenliebe war da in Scene gefetzt im Rahmen eines Kunstgenusses, einer harmonischen, erlesenen Festlichkeit. Von weitem drang Tanzmusik . . . Lachen und Scherzen zu den Beiden, die da ein schmerzliches Wiedersehen feierten es war, als hätte der Mann absichtlich eine Pause gemacht, um nach dem frohen Lärm hinzuhören, er schüttclte den Kopf . . . Wie kam ich nur hierher?" wunderte er sich . . . mußte mich Möller gerade im Moment entdecken, als ich wieder davon gehen wollte . . ., ich gehöre nicht hin, wo Fröhlichkeit herrscht, nein, nein, theure Frau, lassen Sie mich, sehen Sie mich nicht so forschend, nicht so mitleidig an meinen einsamen Weg darf die Freude noch nicht kreuzen . . ." Ellingen, es ist über acht Monate her, daß Sie von uns gingen, um zu vergessen, um neue Kraft zu sammeln, um sich die Seele voll zu saugen an neuer Schönheit . . . ists denn nicht gelungen, war der Wille nicht stark ge NUg?" Der Wille!" Er ballte die Fäuste und senkte den Kopf darauf. Der Schmerz bändigte den Willen, er ließ sich nicht verscheuchen, nicht lindern, erst suchte ich dieselben Stätten auf, die ich damals, vor zwei kurzen Jahren, mit ihr gewandert ... da fürchtete ich, den Verstand zu verlieren, dann erging ich mich auf abgelegenen Pfaden, wich keinen Gefahren aus vergeblich, die Erinnerung ließ sich nicht bannen, ich hielt die Unthätigkeit nicht mehr aus, ich malte, malte, malte . . . immer sie, immer meine Stefanie, wie ich sie zuerst gesehen ... als Braut, dort . . . ferne im Norden, in dem kleinen hölzernen Kirchlein . . . als junges Weib mit dem Defreggerzopf ums Haupt geschlungen . . . aöes gelang mir . . . alles ... das braune, leuchtende Haar, die weiße Stirn, der Keine Mund mit dem sanften Lächeln und den Grübchen . . . aber die Augen, die Augen konnte ich nicht festhalten, nicht die Form, die Farbe . . . nun hatte ich sie in der Erinnerung . . . nun schnell . . . Palette und Pinsel . . . so., so müssen sie fein . . . Prachtvolle Sterne wurden es, aber nicht meines Heimgegangenen Engels Augen mit dem unnennbaren Zauber . . . dann warf ich die Arbeit wieder bei Seite, was nutzte mir Kreide und Farbe, wenn der Blick unsicher .... die Hand ungeschickt geworden . . . dann vergingen Wochen und Wochen, ich reiste herum, ich suchte ... bei

Frauen, bei halbwüchsigen Mädchen . . . in Italien, in Deutschland . . . vergeblich diese Augen fand ich nie, niemals wieder. Und da fragen Sie mich, ob ich ruhig geworden bin?..." Die Frau sah it,n sonderbar an und athmete schwer. Und wie haben Sie daheim alles gefunden, haben Ihre Getreuen gut Haus gehalten?" So fragte sie ihn. Es ist alles, wie ich's verlassen . . . ich weiß, welch' guter Engel dort gewaltet, wem ich's zu verdanken habe, daß die Stätte, an der ich so beispiellos unglücklich geworden, pietätvoll gehütet wurde ... ja Ihnen, theuerste Freundin, ist meine Stefanie eine Lebenserinnerung geblieben . . ." Und wie fanden Sie die kleine Steffa . . . prächtig gediehen . . . nicht wahr, Ellingen?" Ich habe das Kind noch nichi gesehen," sagte er dumpf . . . ich kann es nicht sehen, es geht über meine Kraft." . . . Unmöglich . . . Mann . . . unmöglich ... wo blieb' Religion, wo männliche Standhaftigkeit, wo der Instinkt der Vaterliebe . . . kann das denn sein? Wissen Sie, für welche armen Wesen man dort nebenan spielt und tanzt und sorgt und arbeitet? Für unschuldige Kinder, welche Vaterliebe und Vatersorge entbehren müssen, die aber das köstliche Gut noch besitzen rührende Mutterliebe. Ihnen diese zu erhalten, werden Liebesopfer aller Art gebracht . . . fürwahr ... die bejammernswerthen Kinder sind ja noch glücklich zu preisen im Vergleich zu jenem einst zum Glück prädestinirten Wesen ... die arme Mutter mußte es verlassen, und er der Vater, der das theure hinterlassene Gut doppelt liebevoll in seine schützenden Arme nehmen müßte ... er ist unmenschlich genug, sich dieser heiligsten Pflicht zu entziehen ... er überläßt bezahlten Dienern seinen heiligen Rest vom Glück Ellingen ich ich zweifle an Ihnen . . ." An dem unseligen Kind ist mein Weib zu Grunde gegangen . . . schelten Sie mich nur grausam, ungerecht, mciner Sinne nicht mächtig, ich muß es ertragen . . . lassen Sie mich nur meinen Weg weiter gehen Frau Präsident ich verdiene Ihre Güte nicht." Es waren fröhliche Menschen in den stillen Raum gekommen. Schnell erhob sich die erschütterte Frau und zog den unglücklichen Freund hastig mit sich fort. Kommen Sie, Paul, ich wollte Jhnen ohnehin die Galerie zeigen . . . dort in der ersten Etage, in der eine kleine Ausstellung zur heutigen Festesfeier zu besichtigen ist . . . Sie finden auch meines Mannes neueste Bilder dort gute Porträts ich möchte Ihr Urtheil hören . . ." Der kleine Saal war ziemlich leer. Erst in später Stunde sollte eine Lotterie stattfinden. . . Halb scherzend bot die Präsidentin dem stummen Beschauer ein Los an . . Glauben Sie nicht, daß ich spotte, Paul," sagte sie lebhaft, kommen Sie einmal hierher was würden Sie sagen, wenn Sie dies gewannen . . . dies füße, holde Kinderbild. . Das liebe, unschuldige, kleine Wesen, das mein Gatte gemalt hat nach der Natur ahnen Sie wohl, wo das Modell zu finden ist?" Er stand athemlos ... das Bild starrte er an . . . die Hand erhob er. . . die Brust hob und senkte sich . . . er wollte sich beherrschen, er konnte nicht. Ah!" Ein mühsam unterdrückter Schrei entrang sich seiner Brust... Die Augen ... die Augen", rief er dumpf . . . Das sind sie ja . . . sind meiner Stefanie Augen . . und das ist mein Kind . . . mein armes, verlassenes Kind ..." Er nahm das Bild von der Wand, er drückte es an seine Brust, heiße Thränen rannen herab, er schämte sich ihrer nicht . . ." Siehst Du, mein alter Junge, damit habe ich Dich überraschen . . . Dich herlocken wollen . . . nach Münchcn hab 'ich's geschickt, ein anderes nach Rom, wo ich Dich immer vermuthete . . . und nun sehe ich's, Recht habe ich gehabt daran wirst Du gesunden . . . na, das hat meine Alte ja fein gemacht, daß Du's gleich heute zu sehen bekamst . . . aber wo ist sie denn geblieben? . . . Frauchen!" Präsident Möller rief vergeblich. Diese Frau hatte keine Freude mehr am' Festestrubel gehabt . . . ihre Mission war erfüllt . . . nach der tiefen Erschütterung des Malers, deren Zeugin sie gewesen, konnte es für ihn nur noch einen Weg geben, den zu neuem Lebensglück . . . Sie überließ ihrem Mann das Feld. Und vatz ich's Dir nur sage, Ellingen, das holde Kind hat sich mir so ins Herz gelacht, daß ich's am liebsten ganz in mein Haus genommen und mit meinen Lieblingen zusammen erzogen hätte . . . und meine Luise . . . na . . . die könnte ja gar nicht mehr ohne die Steffa sein . . . aber ... es lohnt nicht," hat sie immer gesagt, es lohnt nicht, Mann, über kurz oder lang kommt er wieder, und dann weiß er, wo er hingehört ... nur einmal in die Augen gesehen, dann hält er sein Vermächtniß feft . . ." Dann hält er sein Vermächwiß fest," wiederholte Paul Ellingen. Da . . . Freund . . . nimm das Bild, ich habe ja noch kein Recht daran ... ich danke Dir . . . Du Treuer ... ich kann's Euch nie, nie vergelten, was Ihr mir gethan . . . aber nun laß mich, mich ruft des Bildes Original, mich ruft mein Kind..."

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