Indiana Tribüne, Volume 28, Number 192, Indianapolis, Marion County, 6 April 1905 — Page 6
Zttdiana Tribünc. April 1905
Europäische Nachrichten. Hldenvurg. Oldenburg. Die in der Hunte aufgefundene Leiche ist als die des Hausdieners Karl Ranke, geboren 24. August 1871 in Altenwalde. Rgbz. Stade. rekognoszirt worden. Ranke, ein solider und fleißiger Mensch, der am 29. Novemkxr o. I. aus dem ftädtischen Armen - Arbeitshause als gefund und arbeitsfähig entlassen war, wollte, sich von hier, wie er angab, zu einen Verwandten in der Umgegend von Ge e st e münde begeben. Ob ein Unglucksfall. was wohl anzunehmen ist, oder ob Selbstmord vorliegt, darüber hat sich nichts Bestimmtes seststellen lassen. Brate. An Bord des Getreidedampfers Main" am Pier verun glückte hier der Arbeiter Cordes aus Zetel. Der Dampfer war entleert, die Arbeiter stiegen an der Schiffsleiter
nach oben, von der obersten Stufe I (tilnU HTnv.P 1 V ttl - . . V. . ! (tutete viuiwsj 111 uzn ixaum llliv wuz sofort eine Leiche. Jever. Stabsarzt der Landwehr a. D. Minssen erhielt die rothe Kreuzmedaille. L a h r. Hier brannte das Wohnund Wirthschaftsgebäude des SchankWirthes Georg Sommer ab. Rüstersiel. Der Sohn des Herrn Janen von hier, der vor einiger Zeit auf dem Eise sich an der rechten Hand Verletzungen zuzog, die eine Amputation des Armes zur Folge hatten, ist im Werftkrankenhause zu Wilhelmshaven gestorben. Irere Stctdte. Hamburg. Der Senior-Chef des bekannten Aus- und Einfuhrgeschäfts I. Silberberg & Co.. Julius Silberberg, feierte mit seiner Gattin Frau Bertha, geb. Heinemann, die goldene Hochzeit. Die Mutter Silberberg's starb kürzlich im Alter von fast 99 Jahren. Vor kurzem wurde der in der Amsinctjtraße wohnende Bahnarbeiter August Francke. als er die Schienengeleise beim Hannoverschcn Bahnhof überschritt, von einem heranbrausenden Schnellzuge überfahren und auf der Stelle getödtet. In der hamburgischen Ortschaft Geesthacht brannte das Ge meindearmenhaus ab. Dabei ist der 28 Jahre alte Arbeiter kippke. dessen Mutter Bewohnerin des GemeindeHauses war, in den Flammen umgekommen. Oberlehrer Blunck in Ohlsdorf konnte auf eine 25jährige Thätigkeit als Leiter der Erziehungsund Besserungsanstalt in Ohlsdorf zurückblicken. Der Heizer H. D. Dipp stürzte an Bord des Dampfers Belgravia" in den Heizraum hinab. Innerlich schwer verletzt, mußte der Verunglückte nach dem Hafenkrankenhaus gebracht werden. Bremen. Unter dem Namen Galerie-Verein" hat sich eine Gruppe kunstsinniger Damen und Herren von Bremen zusammengeschlossen, um nach dem Vorbild anderer Großstädte, z. B. Berlin. Hamburg und Paris, durch Schenkungen und Ankäufe die Kunsthalle zu ergänzen. Es sollen Gemälde deutscher und ausländischer Meister der Gegenwart erworben werden. Der Vorsitzende des Vereins ist Generaldirektor Wiegand. Lübeck. Als letztens während einer Aufführung des Freischütz" der Sänger des Kasper. Adolf Scholz. zu Ende des dritten Aktes von der Bühne getragen wurde, verlor ein Statist seinen Hirschfänger. In dem Augenblick, als der Hirschfänger aus der Scheide fiel, stürzte Scholz so Unglücklich zu Boden, daß der Hirschfänger ihn erheblich verletzte. Der herbesgerufene Arzt ließ den Verunglückten nach seiner Wohnung bringen und vernähte die Wunde. Geschirrmeifter Muß der hiesigen Feuerwehr feierte sein 25jähriges Jubiläum. Der Senat verlieh ihm den Titel Brandmeister". Schweiz. Bern. Hier starb im 80. Lebensjähre einer der ältesten eidgenössischen Funktionäre. Karl Müller-Sommer. von Zürich. Beamter der eidgenössisehen Jndustriedepartements. B ü r g l e n. Einen grausigen Kampf um's Leben kämpfte der Obersäger Erb im hiesigen Sägewerk von Gebr. Arnold & Cie. Er wurde von einer Transmissionswelle erfaßt, konnte sich aber dank seiner Geistes gegenwart mit fast übermenschlicher Kraft an einem Lagersockel halten, bis ihm sämmtliche Kleider des Oberkörpers, Joppe, Weste und Hemd, vom Leibe gerissen und auf der Welle aufgerollt waren. Erb kam mit einem aus dem Schultergelenk gerissenen Arm und starken Quetschungen davon und wird in einige? Zeit wieder hergestellt sein. Gontenschwil. Hier starb. 85 Jhre alt, Obergerichispräsident Dr. Frey. K e r z e r s. Kürzlich wurden auf der Staatsstraße von Murren nach Norden, in der Nähe von hier, der Gemeindepräsident von Ried, Gutknecht, und ein Pächter aus Erli, Namens Hans Ryser, von unbekannten Individuen angefallen, vollständig ausgeraubt und so schwer mißhandelt, daß Ryser in kurzer Zeit seinen Wunden erlag. M u r t e n. Dieser Tage feierte der Murtenbieter" Hierselbst, das liberale Blatt des freiburgischen Seebezirks, daS Jubiläum feines 50jährigen Be-
Schmitten. In der Nähe von hier beobachteten kürzlich zwei Jünglinge einen im Rhein dahertreibenden menschlichen Körper. Mit einem Holzhaken zogen sie ihn an's Land. Der Todte, ein Mann im Alter von vierzig Jahren, steckte in einer wasserdichten Seaeltuchumhülluna und trua auf dem Rücken einen gut aufgeschnallten Rucksack. Die bezirksamtliehe Untersuchung ergab, daß sich im Rucksack des Verunglückten ein teiqähnlicher, weißer Brei und zwar durch die Nässe aufgelöstes Sacharin vorfand. Es war klar, daß man es mit einem verunglückten Schmuggler zu thun hatte. Nachforschungen stellten die Identität des Mannes fest. Es war der schon längere Zeit vermißte Bärenwirth von Emsbauern im Vorarlbergischen. Ohne daß er professionsmäßiger Schmuggler gewesen wäre, verlockte ihn der in Aussicht stehende Gewinn (circa fünfhundert Franken) zum Saaarinschmuggel, de,r ihm zum Verhängniß werden sollte. Luxemburg. Luxemburg. In Scheidgen fanden Nachbarn den allein wohnenden 67jährigen N. Jans mit zertrümmertem Schädel am Fuße der Treppe seines Hauses todt vor. I. war beim Schlafengehen die Treppe herabgestürzt. Differdinger. Der Maschinist H. Steinbiß nahm auf der Usine von Differdingen im Drahtwalzwerke an den Gasmotoren Reparaturen vor. Er fand durch Emathmung von entweichenden Gasen den Tod. Kehlen. Hier starb nach kurzer Krankheit im Alter von 73 Jahren, der hochgeschätzte vensionirte Lehrer Her? Michael Dosbourg. Mecklenburg. Schwerin. Die Leiche des Knaben Alfred Jochens, der auf dem Eise derWarnow einbrach und ertrank, wurde letztens von Fischern aufgefunden und gelandet. Dieser Tage blickte der hiesige Ministerialsekretär Geh. Hofrath "Dr. jur. Rudolf Piper auf eine 50jährige Dienstzeit im landesherrlichen Dienste und damit auf eine reiche Amtsthätigkeit zurück. Das früher Eisenbahnstellmacher Witt'sche Ehepaar feierte die goldene Hochzeit. Bandelstorf. Die Altentheiler Jürtz'schen Eheleute begingen in seltener körperlicher und geistiger Frische, umgeben von Kindern, Enkeln und Urenkeln, ihre goldene Hochzeit. Dammhusen. Der Arbeiter Nohring wurde von einem Fuhrwerk überfahren, dessen Pferde durchgegangen waren. Er erlitt so schwere Verletzungen, daß er in das hiesige Krankenhaus gebracht werden mußte. L u d w i g s l u st. Hier verunglückte auf dem Kirchenplatze beim Bäumeabholzen der Arbeiter Glöde. Der Verunglückte wurde sofort in eines der Nächstliegenden Häuser gebracht, wo ihm ein zufällig anwesender Arzt einen Nothverband anlegte und ihn dann in's Stift Bethlehem sandte. M a l ch 0 w. Der frühere Schlachtermeister, jetzige Rentier Reeps feierte sein 50jähriges Bürgerjubiläum. Schade! Vertheidiger (zum Mörder): Hat in Ihrer Familie noch niemand einen Mord oder einen Todtschlag begangen?" Mörder: Nein!" Vertheidiger: Oder ist ;tbon jemand im Irrenhause gewesen?" Mörder: Auch nicht!" Vertheidiger: Schöbe, da haben es schon Ihre Nachkommen besser, die können sich alle bei begang:nen Verbrechen auf Sie facttfia!" Großes Aufsehen e r -regt in England der ofjuielle Beitritt einer weithin bekannten Aristokratin, der Gräfin Warwick, zur sozialdemokratischen Föderation. Die im 45. Lebensjahre stehende Dame ist die Gemahlin des fünften Earl of Warwick, welcher das historisch berühmte und architektonisch hervorragende Schloß gleichen Namens besitzt. Daneben gehören dem Earl 10.000 Acres. Die Gräfin überragt ihn jedoch nicht nur an geistigen Fähigkeiten, fondern auch an Grundbesitz; sie bezieht die Einkünfte von 23,000 Acres. In früheren Jahren beschäftigte sich die Gräfin nur mit gemeinnützigen Werken. Sie gründete auf ihren Gütern Spitäler, technische und wissenschaftliche Schulen, ließ die Mädchen in nützlichen Handarbeiten unterweisen und wandte ihre Aufmerksamkeit speziell dem Gartenbau zu. über den sie sogar ein von FachMännern anerkanntes Buch schrieb. Im übrigen war Gräfin Warwick eine ausgezeichnete Reiterin, und man sah sie oft hinter den Hunden galoppiren. In einem rothbemalten Automobil wird sie nun ganz England durchqiieren, um in Dörfern und Provinzstädten für die Ideale der sozialdemokratifchen Föderation Propaganda zu machen. Die Gräfin wurde bereits von zahlreichen politischen Vereinen und Arbitergenvssenschaften eingela den, ihre Ideen über das Volkswohl auseinanderzusetzen. Sie verlangt unter anderem das Stimmrecht für die Frauen und Mädchen, die das 21. Jahr zurückgelegt haben. Die Wirthschaftliche Lage der Frauen und Mädchen soll auf dem Wege der Gesetzgebung verbessert, das Leben der Kinder soll glücklicher gestaltet werden. Die Idee, mittels eines Kraftwagens Propagandareisen zu unternehmen, hat Gräfin Warwick dem greisen Fürrer der Heilsarmee, General Booth, entlehnt.
Retonchiert.
HumoreS?e von Hermann Heinrich. Ich bin ein leidlich hübscher Mann am Ende der Dreißiger, in sicherer Stellung und mit reichlichem Vermö1 gen. Verhältnisse eigenartiger Natur nöthigen mich, mir auf diesem Wege eine Lebensgefährtin zu suchen. Ich liebe blonde Haare, frische Wangen und blaue Augen, Vorzüge, die ich selbst nicht besitze. Vermögen nicht nöthig, gute Familie und vollkommene Bildung unablälsige Bedingung. Damen nicht über dreißig, auch junge Wittwen, werden gebeten, mich durch Einsendung ihrer Photographie und Darlegung ihrer Verhältnisse in den Stand zu setzen, das Ziel meinesStrebens, eine auf geistige und gemüthliche Gemeinschaft gegründete Ehe, zu erreichen. Vertrauen gegen Vertrauen! Einsendungen unter A. R. 99 an die Redaktion dieses Blattes." Wie gebannt starrte Frau Lina Landmann auf die Annonce, die sich durch Form und Inhalts so glänzend heraushob aus der Schaar jener Dutzendofferten, die den Stempel des Geschäftlichen an der Stirn trugen. Aus diesen Worten sprach ein eigenartiger Charakter, in dem sich Geist und Gemüth zu schönem Bunde oereinigten. Sie hielt von Heirathsannoncen im Allgemeinen nichts. Dem Trivialen war sie gründlich abhold, und einen Funken aus der leuchtenden Jugendromantik hatte sie sich in den Wittwenstand hinübergerettet. Wenn sie dessen ungeachtet den Annoncentheil ihrer Zeitung täglich studirte, so folgte sie damit einer instinktiven Neigung. Früh verheirathet, war sie früh Wittwe geworden. Das Glücksbedürfniß ihres Herzens hatte die kühle Ehe mit dem bedeutend älteren Manne nicht zu stillen vermocht, trotz des reizenden Töchterchens, das ihr die gütige Vorsehung geschenkt hatte. Die Sehnsucht nach vollem persönlichen Glück, nach dem edelsten Genuß, den das Leben zu bieten vermag, wollte nicht schweigen. Als sie beim Anbruch des Sommers in's Bad geeilt war. hatte sie in erster Linie das Glück ihrer Elisabeth im Auge. Man mußte dem neunzehnjährigen Mädchen, dessen reine, junge Sinne sich der Schönheit dieser Welt zu öffnen begannen, etwas bieten. Aber wenn der glückliche Zufall ihr dabei selbst eine süße Frucht vom Baum des Lebens in denSchooß warf, sollte sie sich asketisch abwenden? Dieser brünette Herr mit den schwarzen Haaren und dunklen Augen so etwa müßte.er nach seinen eigenen Andeutungen aussehen war doch etwas anderes, alsHerr Klein, der reiche Ofenfabrikant, der sie schon seit Wochen mit duftenden Bouquets und trivialen Schmeicheleien verfolgte. Hier war Originalität, Gemüth Schönheit; wenigstens von jener geistigen Schönheit mußte der Mann sein,öie auch ein weniger formschönes Gesicht veredelt. Frau Landmann war in der glücklichen Lage, alle in der Annonce aufgestellten Bedingungen erfüllen zu können. Blonde Haare, blaue Augen, frische Farben, Geist und Bildung damit hatte sie schon manchen bezaubert; lag doch der asthmatische Ofenfabrikant gegenwärtig in ihrem Bann. Nur in einem Punkte entsprach sie d:n Anforderungen des unbekanten Herrn nicht ganz. Sie hatte nämlich die Dreißig seit fast einem Jahrzehnt überschritten und war ihm deshalb im Alter gleich. Aber den amtlich beglaubigten Geburtsschein verlangte er ja nicht, und für alles übrige mußten die Toilette und der Photograph sorgen. Wenn sie ihn nur erst einmal persönlich vor sich hatte, dann wollte sie ihn schon an sich ketten. Kühn war der Schritt, aber doch völlig gefahrlos. Diesem Herrn konnte sie sich ruhig anvertrauen; der Gentleman sprach aus jedem Wort. Der schnelle Entschluß wurde schnell ausgeführt. Als sie dastand in oer reizenden Toilette, die in einfacher Form gediegene Pracht zeigte und die Vorzüge der Dame in entzückender Weise zur Geltung brachte, trat Elisabeth ein. Sie hatte im Garten in der Hängematte den neuesten Roman gelesen, und als ob die Heldin lebendig geworden wäre, sah sie jetzt ihre Mutter vor sich. Mama, ach wie schön!" rief sie aus. So jung, so licht!" Dann legte sie ihre Arme um den Hals der Mutter, küßte sie zärtlich auf Mund und Wangen und flüsterte: Meine liebe schöne Mama!" Die naive Bewunderung that der Mutter wohl. Sie erwiderte die Liebkosungen der Tochter und sagte: Gefalle ich Dir? Das ist ja prächtig. Ich lasse mich photographiren," Elisabeth war der Mutter schönes Ebenbild. Wie sie, Kopf an Kopf, sich umschlungen hielten, hätte man meinen können, die eben sich öffnende Rosenknospe neben der voll aufgeblühten Rose zu sehen. Die zwanzig Jahre freilich, die zwischen Mutter und Tochter lagen, machten sich augenfällig geltend. Die feinen Linien und Fältchen in Frau Landmann's frischem Gesicht, die Schriftzeichen, die die Jahre ihr auf Stirn und Wangen geschrieben hatten, redeten neben den von dem Schmelz der Jugend verklärten Antlitz Elisabeth's eine deutliche Sprache. Das Mädchen trat ein und setzte einen mit prachtvollen Rosen gefüllten, vergoldeten Blumenkorb auf denTisch.
Frau andmann zog die Karte heraus
und sagte lächelnd: Herr Klein natürlich!" Ich glaube, Mama, Du läßt Dich für ihn photographiren." Und wenn ich es thäte?" Warum nicht. Mama? Er ist ein würdiger, guter IDiann. Äls Papa sehr annehmbar. Richt?" Kindskopf!" sagte die Mutter mit hellem Auflachen. Sie nahm eine Marechal Niel aus dem Korbe, steckte sie sich an die Brust und ging. Auf Wiedersehen, Hansel!" Die Aufnahme im Atelier war bald erfolgt. Haben gnädige Frau noch einen beonderen Wunsch?" fragte der Photograph. Jung, Herr Schütze, so jung wie möglich! Das Alter drückt mich zwar noch nicht, aber ich habe diesmal ein besonderes Interesse daran, sehr jung auszusehen." Selbstverständlich, gnädige Frau. Das ist ja Sache des Retoucheurs. Gnädige Frau werden zufrieden sein." Sie kannte die Leistungen dieses Ateliers, war aber trotzdem freudig überrascht, als sie die Bilder nach einigen Tagen in Händen hielt. Ein helles. jugendliches Gesicht schaute sie an; kein Fältchen, kein Schatten trübte den entzückenden Eindruck. Mindestens fünfzehn Jahre hatte die Kunst des Retoucheurs aus dem Buche ihres Lebens gestrichen. Jung und frisch wie die Marechal Niel da an der Brust sah sie selbst den Beschauer an. Das Bild mußte fesseln, hinreißen. Wer nicht genau hinsah, konnte es für die Photographie Elisabeth's halten. Schnell warf sie einige geistreiche Zeilen auf den zierlichen Briefbogen und fügte ihren Namen Lina Landmann hinzu. Nichts weiter! Es ist den Männern nicht gut, wenn sie alles auf einmal erfahren. Ihre Wohnung bezeichnete sie so genau, daß die Antwort auf jeden Fall in ihre Hände gelangen mußte. Sie legte die Photographie ein, schloß den Brief und steckte ihn selbst in den Briefkasten. Nun mochten die geheimnißvollen Mächte, die das Schicksal des Menfchen weben, ihres Amtes walten. Sie hatte das ihrige gethan. Die frohe Zuversicht hielt den Tag über an. Als sich aber die Schatten des Abends auf die Erde senkten, stiegen Bedenken in ihrerSeele auf. Hatte sie recht gethan? War es nicht übereilt, sich einem unbekannten Menschen auf Gnade und Ungnade zu übergeben? Einer unruhigen Nacht folgte ein unruhiger Tag. Auf oer Promenade, am Strande, in lebensfroher Gesellschaft, überall quälten sie die gebeimnißvollen Befürchtungen. Und als am dritten Tage keine Antwort eintraf und auch am vierten noch alles still blieb, da war sie fest überzeugt, eine große Dummheit begangen zu haben. Der Ofenfabrikant, der inzw:fchen mit allen Kräften auf sein Ziel losging, fand deshalb keine Zurückweisung, als er Frau Landmann zu einer Partie nach dem idyllisch gelegenen Wabnitz einlud. Sie brauchte Zerstreuung, laute Unterhaltung, die die Stimme ihres Innern zum Schweigen bringen sollte. Und wenn sie sich in ihren Befürchtungen täuschte, wenn wirklich noch nichts verloren war. dann konnten zwei Eisen im Feuer nach der Bismarckschen Maxime nur von Nutzen sein. Elisabeth war allein zurückgeblieben. Sie wußte ja. um was es sich bei dem Ausflug handelte, irtio als verständige Neunzehnjährige sagte sie sich, daß dabei so ein Baby wie sie nur stören könnte. Uebrigens freute sie sich, in aller häuslichen Stille den angefangenen Roman zu Ende lesen zu können. An der spannendsten Stelle wurde sie durch das Mädchen gestört, das eine Karte abgab. Der Herr wünscht Sie zu sprechen." Mich? Doch wohl meine Mama." Nein, gnädiges Fräulein. Er sagte ausdrücklich Fräulein Landmann." Das ist ja komisch. Nun, ich lasse bitten." Gustav Steinitz, Fabrikbesitzer," las Elisabeth. Sie konnte sich nicht entsinnen, den Namen jemals gehört zu haben. Der Herr trat ein. Eine hohe, kräftige Gestalt verneigte sich tief und refpektvoll vor der jungen Dame. Ein gesundes Gesicht mit dem Ausdruck großer Gutherzigkeit, volles, kurz geschorenes Haar, dunkle Augen und schlichter Schnurrbart im Ganzer, eine sympathische Erscheinmlg. Eine gewine Befangenheit stand zu der eleganten Gestalt in einem seltsamen Gegensatz. Womit kann ich dienen, Herr Steinitz?" Zunächst, mein qnädizes Fräulein, danke ich Ihnen herzlich für das gütige Entgegenkommen." O bitte! Warum nicht? Nehmen Sie Platz! Meine Mama ist leider nicht anwesend " Das trifft sich ja herrlich. Selbstverständlich wird es mir eineEhre sein, auch Ihre verehrte Frau Mama aber bei dem vertraulichen Charakter der Angelegenheit " Der Herr stockte und sah wie verzaubert in das liebreizende, schalkhaft lächelnde Gesicht der jungen Dame. Also vertraulich! Bitte lassen Sie sich nicht stören." Es handelt sich um die Annonce in der Deutschen Welt", auf die Sie in so geistvoller Weise zu reagiren die Güte hatten.-
Elisabeth schüttelte den Kopf. Davon weiß ich nichts." Sie haben recht, gnädiges Fräulein. Din Landstraße ist für edlere Naturen kein sympathischer Weg. Aber der Zwang entschuldigt manches. Lasfen wir das Mittel fallen, nachdem es seinen Dienst verrichtet hat." ' Wie meinen Sie das?" Der Herr lächelte. Er hatte seine anfängliche Befangenheit überwunden. Nehmen wir an, gnädiges Fräulein, ein guter Geist, der es mit uns beiden gut meint, habe uns zusammengeführt. Aber nein, das ist mehr als Annahme, das ist Wirklichkeit. Ist es nicht die Vorsehung, die den scheinbar willkürlichen Thaten der Menschen einen tiefereu Sinn verleiht? Lassen wir also unsere Herzen sprechen! Als ich Ihre Photographie gesehen und Ihre Zeilen gelesen hatte, da wußte ich, daß mein Schicksal in Ihren Händen liegt. Ich reise hierher und finde 0 gnädiges Fräulein, wie armselig ist doch eine Photographie, auch wenn sie aus einem renommirten Atelier hervorgegangen ist. Ihre Gestalt könnte nur der Pinsel eines gottbegnadeten Malers bannen." Elisabeth sah den Herrn mit großen Augen verwundert an. Wenn er nicht so bübsch und fein ausgesehen und dabei gute, freundliche Augen gehabt hätte Denken Sie sich also meine Situation! Ich bin von einem Kreise von Verwandten umgeben, die es alle herzlich gut mit mir meinen, aber jede selbständige Regung hemmen. Onkels, Tanten, Cousinen und Cousins ersten, zweiten und dritten Grades sie alle kaprizieren sich darauf, daß ich meine Cousine Walburg heirathen, mindestens aber mit meinem Kohlenbergwerk in der Verwandtschaft bleiben müßte. Ich will gegen die junge Dame nichts Böses sagen; genug, daß ich sie nicht liebe. Ueberhaupt die ganze bucklige Freundschaft! Pardon, gnädiges Fräulein, aber wenn Sie wüßten, wie sie jede meiner Absichten hintertrieben haben ! Wenn sich je einmal zwischen einer Dame und mir ein zartes Band zu knüpfen begann, so sägten zwölf Zungen daran herum, bis es durch war. Toll! Nicht wahr? Meine ganze Selbständigkeit empörte sich gegen die Bevormundung, und da wählte ich denn halb aus Trotz, halb aus Verzweiflung den Weg, der uns beide zusammengeführt hat." Uns beide, Herr Steinitz? Sind Sie denn mit Bezug auf mich Ihrer Sache ganz sicher?" Ich beuge mein Haupt in Demuth, gnädiges Fräulein. Das hängt natürlich von Ihnen ab. Lassen Sie mich hoffen " Daß ich ganz wahr sein werde, selbstverständlich!" Elisabeth war ernst geworden. Sie hatte begriffen, daß eine Verwechslung vorlag. Wer auch an Sie geschrieben und seine Photographie eingesandt hat, Herr Steinitz, ich bin mit dieser Dame nicht identisch. Ich weiß davon nichts und würde auf diese Weise nie einen Mann suchen, selbst wenn er so nett wäre wie Sie!" Unmöglich, gnädiges Fräulein!" Haben Sie Brief und Photographie bei sich?" Gewiß. Aber wenn sie die Dame nicht sind " Dann ist Diskretion Ehrensache," fuhr Elisabeth fort. Ich verzichte." Doch nur auf die Photographie, nicht auf mich " Sie!" Elisabeth drohte mit dem Finger. Herr Steinitz stand erregt auf. Kurz und gut, gnädiges Fräulein, ist es ein Irrthum, so ist es der Herrlichste, der mir je begegnet. Ich nehme ihn für Wahrheit, wenn Sie selbst nicht protestiren." Elisabeth reichte ihm die Hand, die er entzückt an seine Lippen drückte. Kommen Sie morgen um diese Zeit, Herr Steinitz. Mit meiner Mama wollen wir alles Weitere besprechen." Als Frau Landmann von dem Ausflug zurückkehrte, erstattete ihr Elisabeth von dem Geschehenen getreulich Bericht. Die Mutter erschrak, als sie den Zusammenhang der Dinge erkannte, aber mit der ihr eigenen Beherrschung unterdrückte sie schnell die aufsteigende Erregung. Ruhig lächelnd sah sie ihr Kind an und sagte: Ein guter Geist hat Euch zusammengeführt, meint Herr Steinitz? Er hat recht, ich selbst habe es gethan, Du weißt, wie sich Herr Klein um mich bemühte. Aber eine erwachsene Tochter in einer zweiten Ehe, das thut niemals gut. Da las ich die Annonce, ich gewann Vertrauen zu dem unbekannten Inseraten und handelte statt Deiner. Die Entscheidung lag ja in jedem Falle in Deiner Hand." Liebste Mama! Und die Sache mit Herrn Klein, das ist fest?" Nein, Kind, ich verzichte. Es ist mir heute klar geworden, ganz klar, daß mein Herz diese Verbindung zurückweise, so vortheilhaft sie auch dem Verstände erscheint. Ich werde für Dich sorgen, Elisabeth, und in Deinem Glück mein eigenes finden." Stürmisch umarmte Elisabeth die Mutter und dankte ihr mit zärtlichen Küssen. Er ist schön und lieb und gut, und eine Fabrik und ein Kohlenbergwerk hat er. Und ein Mann ist er, ein ganzer Mann!" Dann lachte sie plötzlich voll Uebermuth und rief: Aber waö wird die bucklrge Freund schaft dazu sagen?"
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