Indiana Tribüne, Volume 28, Number 191, Indianapolis, Marion County, 5 April 1905 — Page 7
Jndiana Tribüne, S April 1905
f Rstht AS" j Vornan von Gerhard Stein I (Entsetzung.) Nur eines vergaß er nicht. Von Zeit zu Zeit hielt er im Schreiben inne, legte die Feder nieder, und sein Blick flog hinaus in's Blaue, in's Unbekannte. Und vor diesem über den Raum hinwegschweifenden Blick stand die Gestalt eines jungen Mädchens mit dunklen Haaren, dunklen Augen und ernstem Gesicht die Gestalt Ediths. Und immer und immer wieder dachte er an sie mit einer steigenden, immer brennender werdenden Sehnsucht, mit einer Art Zorn und mit einer wahren Anbetung. (?r lechzte förmlich danach, sie zu sehen, und dennoch machte er nicht den einfachsten Schritt dazu. Jeden Tag, sobald er das Bureau verlieh, drängte es ihn, an die Thür im ersten Stock zu klopfen. Er durfte ja kommen, wann er wollte ja, es erschien sogar wie eine Undankbarkeit, daß er nicht kam. Aber ein unbestimmbares Gefühl hielt ihn davon zurück vorzusprechen, ehe er gerufen ward. Unwillkürlich machte er an der Thür Halt, wenn er des Morgens die Treppe hinabging, und er blieb mit klopfendem Herzen einen Moment vor der Thür stehen, wenn er Mittags oder Abends die Stufen zu seinem Zimmer emporstieg. Eines Morgens aber ereignete sich ein merkwürdiger Zufall. Just in dem Augenblick, da er vorbeiging, kam Edith heraus, im Begriffe auszugehen. Er wurde roth vor Verlegenheit und Freude. Sie grüßte ihn sehr freundlich, und Beide schritten die Treppe zusammen hinab. Als sie auf der Straße waren, blieb sie einen Moment stehen. Sie gehen wohl in Ihre Redaktion?" fragte sie. Ja," sagte er. Es wollte ihm durchaus nichts einfallen, was er etwa hätte hinzufügen können. Tas trifft sich ja ganz gut," meinte sie lachend, ich gehe gleichfalls in jen Gegend. Darf ich mit Ihnen gehen?" fügte sie mit einem schelmischen Blick hinzu. Es wird mir eine große Freude fein," antwortete er stammelnd. Und so gingen sie nebeneinander weiter. Das Sonnenlicht fluthete in den Straßen und überzog die Häuser, das Pflaster und auch die Menschen wie mit leuchtendem Golde. Die Gesichter der ihnen Begegnenden schienen lebensfreudiger, freundlicher zu sein als sonst, das Leben und Regen ringsum hatte etwas Frisches, Leichtes. Alles schien ein Ausdruck der Schönheit des sonnigen, wolkenlosen Tages zu sein. Edith undHeydemann gingen schweigend nebeneinander her. Er in jener galanten Haltung, welche die größte Sorge und Sorgfalt für die Dame verräth. Sie mit einem unwillkürlichen Lächeln auf dem hübschen Gesicht, die Augen in's Weite gerichtet, wie ein Mensch, der darüber nachdenkt, von welchem Ende er eine etwas verzwickte Sache anfassen solle. So näherten sie sich, ohne daß etwas gesprochen wurde, dem nördlichsten Punkt der großen Friedrichstraße. Der ganze betäubende Lärm des großstädtisehen Verkehrs schlug ihnen entgegen. Das Klingeln und Sausen der elektrischen Straßenbahnen, das Rasseln der schwer und langsam dahinfahrenden Lastwagen, das Rattern der Omnibufse und der Droschken ein Chaos von Tönen, ein Lärm, der durch die Bewegung gleichsam sichtbar und greifbar wurde. Jetzt bogen sie in die Friedrichstraße ein und mußten hier den Fahrdamm überschreiten. Menschen, Wagen und Straßenbahnen schienen sich an der Kreuzung zu einem unlösbaren Gewirr zusammengttnotet zu yaven, das den Uebergang über die Straße für Aengstliehe bedenklich machte. Heydemann wurde plötzlich von dieser Angst erfaßt, von der Angst für das Wohl seiner Begleiterin. Sein Herz zitterte förmlich bei dem Gebern ken, daß Edith in dem Gewirr der Wa gen ein Unfall zustoßen könnte. Und plötzlich seiner Aufgabe als schützender Kavalier sich voll bewußt, faßte er Muth und sagte: Der Uevergang ist hier geradezu gefährlich, Fräulein Edith. Darf ich Sie um Ihren Arm bitten?" Sie warf ihm von der Seite einen Blick zu und lächelte. Sie, die geborene Großstävterin, war gewandt genug, durch ein noch bedenklicheres Gewirr von Wagen rasch und gefahrlos durchzuschlüpfen. Aber sie nickte zustimmend und legte ihren Arm m den sei nigen. Er drückte ihn an sich wie einen Gegenstand, der seiner leichten Zerbrechuchkelt halber ungemeln zart behandelt werden muß. Und dabei fühlte er, wie ihm das Blut vom Herzen in den Kopf und wieder zurück in starken Wellen in das Herz strömte, und er hatte die Empfindung, als ob er fliegen könnte, als ob die Erdenschwere von ihm wie etwas Aeußerliches abgestreift sei. So gelangten sie über den Fahrdämm hinweg. Heydemann lockerte unwillkürlich seinen Arm, Edith nickte dankend mit dem Kopfe, und nun schritten sie wieder frei nebeneinander her. Aber die Spannung, die bisher das Schweigen verschuldet hatte, war gclöst. Er sprach etwas vom lebhaften Verkehr in den Straßen Berlins, sie
Das RAHsel des
antwortete, und ohne daß sie es Beide recht wußten, waren sie, mitten im Lärm der Straße, mitten im lebhaften Verkehr, der um sie her wogte und brandete, in ein Gespräch gerathen, das immer mehr einen persönlichen Charakt:r annahm. Wie ein vertrauter Bekannter, mit dem man schon oft Gedankenaustausch hatte und dem das Recht eingeräumt ist, allerlei zu fragen, richtete sie zwanglos an ihn verschiedene Fragen, die er offenherzig beantwortete. Es war nichts besonders Wichtiges, was sie sprachen, nichts Diskretes, was Edith wiijen wollte. Es war ein Plaudern wie zwischen zwei guten Freunden. S'e wollte wissen, wie es ihm in seinem Bureau gesi?l. Ob seine Arbeit ihm zusage. Ob er glaube, daß er die Journalinik als Beruf sich werde erhalten können. Und von welcher Art seine Arbeit sei, in welchem Theile des Vlattes man seine Beiträge lesen könne. Er antwortete mit einer Willfährigkeit, als wäre es ihm Seelenbedürfniß, über das zu sprechen, was sie gerade wissen wollte. Er schilderte ihr, wie glüalich er sich jetzt fühle, wie es fß dränge, zu arbeiten und immer mehr zu arbeiten und sich so auszubilden. daß er irich- nur als tüchtiger Berichterstatter, sondern auch als rechter Journalist und Schriftsteller repräsentiren könne. Und er erzählte mit Humor, daß er sich imc ein Nabob vorkäme, da er feit einiger Zeit weit mehr Geld verdiene, als er bei seiner Lebensführung verbrauchen könne, und daß ihm nun nichts anderes übrig bliebe, als Kapitalist zu werden. Sie hörte aufmerksam zu, und wenn er eine Weile schwieg, fand sie immer wierer ein Worl. eine Frage, die ihn weiter zum Sprechen brachte. Er merkte gar nicht, wie die Zeit verstrich und er seinem Ziel immer näher und näher kam. Und plötzlich standen sie Beide vor dem gewaltigen Bau de?
Tagesboten." Er wußte gar nicht, wie er hierher gekommen war. Er war auf's Höchste überrascht, sich schon vor dem Hause zu sehen und gerieth plötzlich in Verlegenheit. Da habe ich Sie ja von Ihrem Wege abgebracht, Fräulein Edith." sagte er bestürzt. .,), das lhut nichts," meinte sie lachend. Ich babe ja in dieser Gegend zu thun. Und dann wollte ich mir auch mal das Haus ansehen, in dem diese große Zeitung gemacht wird." Sie reichte ihm die Hand zum Abschiede, und er ging von ihr mit einer Empfindung, die ihn den ganzen Tag nicht verließ. Dieie Empfindung störte ihn sogar in der Arbeit. Er sah immer nur statt der Buchstaben, die er schrieb, den dunklen Kops Ediths mit den strahlendcn Augen, und die Stimme Ediths tönte fortwährend in seinen Ohren, wenn andere Leute zu ihm sprachen. Seine Zersireutbeit war geradezu auffallend. Sie wurde von feinen Kollegen bemerkt, denen er auf ihre Fragen kaum antwortete, sie wurde auch von Redakteur Schultze wahrgenommen, als sie Beide über eine eilig zu erledigende Angelegenheit sprachen. Was haben Sie denn nur heute. Herr Hendemann?" fragte Schultze mit verwundertem Lächeln. Ist Ihnen etwas Besonderes passirt? Sie geben ja ganz verkehrte Antworten." Hendemann wurde roth vor Verlegenheit, stammelte unzusammenhängende Wor:e und suchte sich zu sammeln. Nach Schluß der Arbeit ging er hinab auf die Straße und lächelte vor sich hin. Er fühlte sich so froh, so glücklich, er wußte selbst nicht warum. Als er am anderen Tage aufstand. galt sein erster Gedanke Edith, und sein zweiter war der Wunsch, daß ti günstiger Zufall sie wieder des Weg: führen möchte, wenn er das Haus bei ließ. Und sonderbar, der Zufall schien seinen Wunsch erhört zu haben. Gena wie gestern, fast zur selben Minute, a'v er die Trevve hinabschritt. trat sie anS der yur, morgenfrllcy, lacyelnd, freundlich, wie eine holde cj?ee, die ihrem Schützling Glück bringen will. Und wieder gingen sie miteinander desselben Weges, vertraulich plaudernd wie gute Bekannte, und wieder ging sie mit ihm bis zur Redaktion, wo sie von ihm mit einem herzlichen, festen Händedruck Abschied nahm. Er fühlie es und erkannte es bald: es war nicht der blinde Zufall, der hier waltete. Denn nun traf er sie jeden Tag. Bald an der Thür, aus der sie eben heraustrat, wenn er von oben kam, und wenn er sie hier nicht sah und traurig weiter ging, entdeckte er sie vor sich auf der Straße. Und wenn sie des Mc ens weder da noch dort zu finden wa.. erblickte er sie des Abends plötzlich irgendwo auf seinem Wege. Und er hatte ihr immer etwas zu erzählen, denn sie interessirte sich für alles, was er that, für alle Leute, mit denen er verkehrte. Sie wußte bereits so viel von der Art und der Natur seiner Thättgkeit, daß er mit chr über seme Ar beit und seine Pläne sprechen konnte wie mit einem Kollegen. Und sie ver. stand alles so gut, als wäre sie auch tagsüber seine Gefährtin, als säße sie neben ihm am Schreibtisch, als blickte sie ihm über seine Schulter, wenn er die Feder führte. Er wunderte sich sehr über diese scharfe Verständniß und sprach es auch emmal aus. Nun, man kann nicht wissen." meinte sie lachend, am Ende habe ich gar journalistisches Talent und werde eines Tages Journalistin. Es v.bt ja schon viele Damen, die Mitarbeiterin nen von Tcuieszeitunaen sind."
Er blickte Jxt überrascht und verwundert an und hatte eine Frage auf den Lippen. Aber sie ließ es nicht dazu kommen. Sie erinnerte sich plötzlich, daß sie eine wichtige Besorgung habe, und verabschiedete sich in großer Eile. So lebte er Tag um Tag in einem Rausch des Glückes, der seinem Körper und seinen Gedanken förmlich Flügel verlieh. Bis eines Tages alles aufhörte. Obne Ursache, wie sie eines Tages gekommen war, blieb sie plötzlich aus. Tie 2hiir der beiden Schwestern blieb fest geschlossen und wollte sich nicht öffnen. Er mochte noch so langsam die Treppe hinabsteigen, Edith trat nicht aus der Wohnung; er mochte ncch so lange zögernd auf der Straße verweilen und verstohlen zum Thor hinsehen und zu den Fenstern der ersten Etage hinaufblicken, die Ersehnte, die Erwartete war nichr zu sehen. Sie kam nicht heute, sie kam nicht am folgenden und auch nicht am nächstfolgenden Tage sie kam nicht. Mit einem Gefühl der Leere im Kopf und der Schwere im Herzen, mit einer Empfindung schmerzlichster Bitterkeit ging er in das Bureau, und dort dauerte es immer eine längere Weile, bis er sich wiederfand, bis er das Gefühl der Pein los wurde und seine Arbeit gewöhnheitsmäßig erledigte. Und sie kam nicht und war nicht zu sehen. Warum? Was hatte er denn gethan? Er stellte tausend Fragen an sich und fand auf keine eine Antwort. Warum hatte sie überhaupt angefangen? Warum hatte sie tagelang so gethan, als ob sie wärmeres Interesse für ihn hätte? Wollte sie ihm nur den Kopf und das Herz verwirren? War es bei ihr nur ein Spiel übermüthiger Laune gewesen? Dann war sie ja eine kalte, herzlose Kokette, ja, eine Kokette! Er wollte diesen Gedanken gar nicht ausdenken. Ihr Bild erschien ihm so rein. Nein, er konnte, er wollte nichts Böses von ihr glauben. Und er fühlte so viel Dank für sie in seinem Herzen. Sie war es doch gewesen, die ihn fast mit Gewalt dazu gedrängt hatte, sich von ihrer Schwester unabhängig zu machen. Nur im Gedanken an ihre Worte hatte er den Muth und die Euergie gefunden, seine Person dem Redakteur Schultze geradezu aufzunöthigen. Was er jetzt war. hatte er also indirekt ihr zu verdanken. Und doch war sein Gemüth voll Bitterkeit gegen sie er-
füllt. Voll von Bitterkeit und von Sehnsucht. Es war ihm, als ob ein Alpdruck auf ihm lastete. Das Herz war ihm schwer, die Seele bedrückt, ihm war, als ob ihm die Brust beengt wäre. Immer wieder seufzte er tief und schwer auf, und ein melanchohscher Zug lag auf seinem Gestchte. Die Leute, mit denen er verkehrte, bemerkten diese Schwermuth. Er gab aber auf Fragen so einsilbige Antworten, daß man bald zu fragen aufhörte. Er wußte es nicht, daß diese trüben Tage auch eine Wandlung in seinem inneren und äußeren Menschen hervorriefen. Er wurde etwas bitterer, fchärfer, harter, als er bisher gewesen war, zugleich aber auch etwas selbstbewußter. Er begann seinen Werth zu ahnen, ein gewier Stolz nahm von seiner Seele Besitz, der auf seine Haltung und sem ganzes Auftreten nucht ohne Ein fluß blieb. Und dieser Stolz hielt ihn auch von einem Schritte ab, den er anfänglich thun wollte. In der Unruhe, die ihn peinigte, wollte er den Schwestern einen Besuch machen. Er wollte Edith auf suchen und mit ihr sprechen, er wollte die Gründe erfahren, warum es plötzlich anders geworden war. Aber er überlegte es sich und ging nicht. War es nur ein Spiel von Edith gewesen, so wollte er nicht weiter Spielzeug sein. Und hatte sie etwas für ihn empfunden und ihr Herz hatte sich wieder von ihm abgewandt, so wollte er sich nicht aufdrangen. So vergingen mehr als zwei WochenNichts war wahrend dieser Jett von Edith zu sehen, und nicht die geringste Nachricht kam von Frau Driesen, deren Feder ja sonst so flint war. Die Verbindung zwischen dem Chambregarnisten im vierten und den Damen tm ersten Stock schien vollkommen gelöst worden zu sein. Und allmälig tauchte in ihm, erst zaghaft, dann mit einem gewien inneren Grimm der Gedanke auf, sein kleines Zimmer zu kündigen und in der Nähe der Redaktion Wohnung zu nehmen. Sein Herz sollte Ruhe finden, der tägliche Anblick der festgeschlossenen Thür sollte ihm von nün an erspart werden. Da plötzlich geschah das kaum mehr Erwartete. Eines Morgens flog diese Thür auf, und Edith trat heraus. Gerade in dem Augenblick, als er die letzte Stufe zum ersten Stockwerk herabkam. Sie schien überrascht, ihn zu treffen. Sieh da, Herr Heydemann, guten Morgen!" rief sie ihn an. Ihm blieb das Herz einen Moment stehen. Er fühlte, wie ihm das- Blut zu Kopfe stieg, und er hatte kaum die Geistesgegenwart, seinen Hut zu ziehen und den Gruß zu erwidern. Und als hätten sie sich wirklich erst gestern zum letzten Male gesehen, und als lägen nicht fast drei Wochen dazwischen, gingen sie wieder gemeinsam denselben Weg, lebhaft plaudernd, wie gute Freunde, die sich viel zu sagen haben. Sie hatten bereits den größten Theil des Weges zurückgelegt, und schon ward der große Bau des Tagesboten" sichtbar. Da fragte plötzlich Edith: Aber warum kamen Sie denn gar nicht wäh-
rend ver langen Zeit? Friederike ist sehr verwundert, sogar böse über Sie,
und meint, seitdem &t Journalist ge worden seien, wollten Sie von uns nichts mehr wissen." Aber Fräulein Edith," stammelte er, ich versichere Ihnen ... ich glaubte gerade im Gegentheil Nun, lassen Sie nur," sagte sie liebenswürdig. ich dachte mir schon dergleichen und weiß, daß Sie sehr beschäftigt sind. Und das sagte ich auch meiner Schwester. Wissen Sie übrigens, daß Herr Beutler inzwisck)en mehrmals bei uns war? Und auch sein Freund, Herr Bohne." Wie? Bohne ist auch da gewesen," fragte er unangenehm berührt. Er hat mir gar nichts davon gesagt, obgleich ich ihn öfter sehe." Sie blickte mit einem etwas malitiösen Lächeln zu ihm iuf. Dabei musterte sie unwillkürlich mit einem raschen Blick seine Gestalt und fand, was sie eigentlich schon im ersten Moment gefühlt hatte, daß seine Erscheinung anders, selbstbewußter, vortheilhafte'r war als vor mehreren Wochen. Er war, wie es schien, seitdem ein anderer Mensch geworden. Ja, Herr Bohne kam mehrmals," sagte sie, und wie immer ist er wirklich ein unterhaltender Mann. Denten Sie nur, er macht mir eifrig den Hof." Das ist in der That unverMmt!" fuhr Heydemann zornig heraus. Dieser Prahler, dieser Aufschneider" Aber was haben Sie denn nur?" fragte Edith in harmlosestem Ton. Herr Bohne hat allerdings eine etwas lebhafte Phantasie, aber sonst ist er doch ein ganz netter Mensch." Er gefällt Ihnen, nicht wahr?" sagte er mit einem Spott, der einen recht grimmigen Beigeschmack hatte. Edith entging der scharfe Ton durchaus nicht. Uno gerade das freute sie. Ihre Lippen zuckten in einem triumphirenden Lächeln. Ach Gott, ja, er gefällt mir ganz gut," sagte sie leichthin. Heydemann wurde still und blieb auch still, als ste langsam weitergingen. Es würgte ihn in der Kehle, er konnte nicht sprechen. Sie aber that, als bemerkte sie nichts von seiner verschlechterten Laune. Sie blieb heiter, ja, sie schien sogar lustiger zu werden. Nun waren sie vor dem Tagesboten" angelangt, und Heydemann zog den Hut, um sich zu verabschieden. Also kommen Sie doch endlich einmal wieder," meinte sie liebenswürdig, während sie ihm die Hand entgegenstreckte. Heydemann sah die kleine, fein behandfchuhte Hand, sein Blick weilte mit einem gewissen Schmerz auf ihr, aber er berührte sie flüchtig, ohne jeden Druck. Ich weiß nicht ... ich habe so viel zu thun. Ich möchte auch nicht stören." Und ehe sie etwas erwidern konnte, war er in dem Thorweg verschwunden. Was wollte sie denn nur mit diesem Bohne? Warum erzählte sie mir das?" fragte er sich mit innerem Grimm. Er dachte hin und her und überlegte, ob es nicht am Ende eine Andeutung sein sollte. Eine Andeutung, nicht mehr zu kommen, um nicht zu stören. Die Schwestern hatten sich während der ganzen Zeit seines Ausbleibens ohnehin nicht um ihn bekümmert. Frau Friederike schien ihn ja ganz entbehren zu wollen. Sollte Bohne inzwischen bei Frau Friederike an seine Stelle getreten sein? Aber warum machte ihm Edith Vorwürfe, daß er nicht kam? Warum sagte sie ihm, daß ihre Schwester böse sei? Warum lud sie ihn ein? Er kam aus den Widersprüchen und unangenehmen Gedanken nicht heraus, und mißmuthig, mit gequältem Herzen, setzte er sich zum Schreibtisch. Aber es wollte mit der Arbeit nicht vorwärts gehen. Er mußte seine ganze Energie aufwenden, um eine Plauderei, die ihm sonst spielend von der Feder floß, nur halbwegs logisch fertig zu bringen. Und in dieser geistigen Verfassung mußte ihn nochBohne stören. Ahnungslos war er in's Zimmer getreten, und mit gewohnter Lebhaftigkeit auf Heydemann zugegangen. Guten Moroen, Heydemannchen! Wie geht's?" rief er. Ich habe gute Nachrichten für Sis." So?" fragte Heydemann höhnisch. Bohne überhörte den Hohn, denn er erwartete ihn gar nicht. Ja, ich bin mit Krüger so weit, daß es bald losgehen kann. Er hat in der letzten Zeit bedeutende Ausgaben gemacht. Er will nächstens heirathen. Nun glaubt er sich bereits so sicher, daß er das Geld angreifen kann." Das bilden Sie sich eben ein!" bemerkte Heydemann. Wenn Sie sich nur nicht irren." Ich irre mich nicht," sagte Bohne, ich nicht, höchstens die anderen. Auch der gute Kommissär Wilke, mit dem C darüber gesprochen und unterhandelt habe." Und was sagt Wilke?" Was sagt ein solcher Bureaubeamter? Er sieht nicht über seinen grünen Tisch hinaus. Er sagt, daß Krüger völlig unbetheiligt sei. Er sagt, daß ich auf dem Holzwege bin, und daß auch Sie sich in Ihren Voraussetzungen und Annahmen täuschen. Er sagt, daß sich die Dinge ganz anders verhalten haben müßten. Kurz, er ist, wie es die Polizei immer ist, auf der Spur. Aber er wird so viel finden, wie er bisher gefunden hat." Und Sie. Bohne, Sie werden fin-den?"
Selbstverständlich." Nun will ich Ihnen sagen, was ich denke. Bohne," platzte nunmehr Heydemann in voller Wuth heraus. Ich denke, daß Sie lauter Unsinn reden. Aufschneidereien, weiter nichts. Und ich denke, daß Sie mich von nun an mit der ganzen Sache in Ruhe lassen. In Ruhe! Verstehen Sie mich? Ich will nichts mehr davon wissen! Auch nichts von Ihnen. Und ich bitte Sie hiermit, sich nicht mehr um meine Angelegenheiten zu bekümmern. Adieu." Bohne war starr. Durch den Kneifer sah er Heydemann entsetzt an. Dieser plötzliche, unerwartete Zornesausbruch toar ihm völlig unverständlich, unbegreiflich. Aber er faßte sich bald. Er hatte schon viel erlebt und er wußte, daß das menschliche Hirn mitunter sonderbare Wallungen hat, die eben wie Wallungen bald vorübergehen. Wer weiß, welchen geschäftlichen Aerger der zornige Mann heute gehabt haben mochte. So blieb er denn ganz ruhig und sagte: Nee, mein Jungchen. Bilden Sie sich nur nicht ein, daß ich ein Geschüft, an dem ich seit Wochen arbeite, aus der Hand geben werde, weil Sie heute schlechter Laune sind. Fällt mir gar nicht ein. Ich verfolge die Sache weiter, denn ich stehe schon fast am Ziel. Sie werden ja sehen, Sie werden ja sehen!"
.(Fortsetzung folgt.) "Vi r protzig. Richter: Warum gaben Sie das gefundene Portemonnaie nicht auf der Polizei ab?" A n g e k l a g t e r (verächtlich): Wegen vier Mark zur Polizei laufen? Das hätte ich nicht mal gethan, wenn vierzig drin gewesen wären." Mildernder Umstand. ?täjnm f&mi mm &S3fiä5 Sie sind überführt, aus der Müller'schen Waffenhandlung mehrere Säbel und Rapiere gestohlen zu haben und wollen behaupten, daß es sich nur um einen Mundraub handle?" Mit Verlaub, Herr Richter ich bin Degenschluck??." Kindermund. Der Papa von Klein-Lisbeth hat sich einen heftigen Katarrh zugezogen. Ein guter Bekannter des Papas erkundigt sich bei Klein-Lisbeth nach des Vaters Ergehen. Danke," knixt die Gefragte, dem Papa geht es wieder ganz gut, afttt jetzt hat meine liebe Mama einen so starken Kater." Im Raüen dcö TigerS. Bei einer Vorstellung in Hagenbeäs Menagerie rn St. Louis, Mo., hätte Herm. Boger, einer der Thierbändiger, beinahe das Leben einge büßt. In der Thierpyramide findet ein Königstiger Verwendung, der sonst auch seine Rolle gut macht, in der erwähnten Vorstellung leider aber alle Zeichen schlechter Laune gab und wie derholt den Befehlen des Bändigers nicht Folge leistete. Als dieser der Bestie momentan den Rücken zukehrte, sprang der Tiger ihm mit gewaltigem Satz auf die Schultern, ihn zu Boden werfend. Fast bevor die schreckensstarren Zuschauer sich des Gräßlichen bewußt wurden, hatte Tom," so heißt die Kanaille, den Kopf Bogers im Rachen. Zum Glück verloren die anderen Angestellten die Geistesgegenwart keinen Augenblick. Im Nu waren drei von ihnen in den großen Käfig gedrungen und gingen dem Tiger mit Eisenstangen so energisch zu Leibe, daß er sein Opfer fahren lieh und sich heulend in einen Winkel verkroch. Der bewußtlose Bändiger wurde sodann aus dem Käfig geschleppt und von einem unter den Zuschauern befindlichen Arzt in Behandlung genommen. Dieser fand, daß Boger außer mehreren Rissen der Kopfhaut keine Verletzungen erlitten habe, und kündigte das dem Publikum an, worauf die Vorstellung, als ob nichts Besonderes -vorgefallen sei, fortgesetzt wurde. Der Export von SchiffsV o r r ä t h e n in den Ver. Staaten stieg von $13,000,000 im Jahre 1903 auf $16.000,000 im Jahre 1904. Der Import von Spiritussen nahm um $500,000 ab. ZlnVerdeNerlict?. Richter: Sie waren jetzt wegen Diebstahl drei Jahre im Zuchthaus, und, kaum entlassen, stehlen Sie sofort ein der Anstalt gegenüber, auf der Straße stehendes Rad!" A r r e -ft a n t : Herr Richter, ich wollt' nur sehen, ob ich das Radfahren nicht verlernt bab'!"
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Gefahrkn des Handkusses. breitung von Influenza und anderen Infektionstrankhciten. Wegen bestehender Gefahr der gegenfeitigen Ansteckung und Verbreitung von Krankheiten ist in zahlreichen deutschen evangelischen Kirchen in jÜ7. gerer Zeit das gemeinschaftliche Trirt ken der Kommunikanten aus be:.. Abendmahlskelche abgeschafft worden. Professor Dührssen in Berlin schreibt nun hierzu: Eine Jnfeitionsquelle, durch die Krankheitserreger viel häufiger verbreitet werden als durch den Abendmahlskelch, ist der Handkuß. Nehmen wir an, Herr . ist an der Influenza erkrank:; er rafft sich aber trotzdem auf und geht zum Diner von Y. Er ist der erste Gast und küßt als galanier Mann der Frau ) die Hand. Die nachfolgenden Herren küssen der Hausfrau ebenfalls die Hand und nehmen hierdurch sämmtlich die von Herrn 3E. auf die Hand der Frau I). gebrachten Jnfluenzavazillen auf. Sie übertragen diese Vazillen dann weiter auf die Hände der andern Damen. Beim Essen gelangen diese Bazillen von den Händen in den Mund sämmtlicher Damen, z. B. in der Weise, daß die Serviette von dem Handrücken oder dem Handschuh Keime abstreift und mit der verunreinigten Partie der Serviette der Mund abgewischt wird. Nun kommen noch die I.'schen Kinder und küssen als wohlerzogene Kinder den sämmtlichen Damen die Hand. Auf diese Weise stnd allen Anwesenden die Influenzabazillen glücklich in die Mundhöhle eingebracht worden: Die Folge ist der Ausbruch einer ganzen Jnfluenzaepidemie! Man wird vielleicht einwenden, daß nur selten ein Jnfluenzakranker zum Diner geht. Nun, es genügt auch zur Erzeugung einer solchen Epidemie, wenn Herr X. Influenza gehabt hat, da er noch wochenlang für andere gefährliche Jnfluenzabazillen in seinem Mund beherbergen kann. Auf dieselbe Weise können noch andere Jnfektionskrankheiten, z. B. auch die Tuberkulose, übertragen werden, wenn Herr 3. etwa eine leichte Lungentuberkulose hat. Krankheitskeime haften an der Hand viel erher als an glattem Metall und stnd, selbst durch kräftige Desinfektion, auch schwerer zu entfernen. Der berühmte Mitbürger. Ein englischer Statistiker hat ausgerechnet, daß die Stadt Stratford in England, und zwar ist hier die Stadt allein gemeint, nicht auch die Bürger und Kaufleute, jährlich weit über $40, 600 durch Shakespeare verdient. Alljährlich kommen aus allen Theilen der Erde 20.000 bis 30.000 Besucher nach dieser Stadt, und wenn jeder einzelne nur eine Kleinigkeit verbraucht, so ergibt stch die angedeutete Summe. Im vorigen Jahre weilten in Stratford genau 26,610 Personen, öie an Eintrittsgeld für das Shakespeare-Haus insgesammt etwa $3248 verausgabten. Ein ziemlich hohes Entree floß dem Museum zu, dem Theater, endlich der Kirche, wo Shakespeare begraben liegt. Das stnd nur die offiziell registrirten und kontrollirbaren Einnahmen. Die unoffiziellen stnd vielleicht viel größer, als der Statistiker annimmt; denn das Gros der Besucher Stratfords stammt aus dem svlendiden Lande der Dollars, und diese überseeischen Shake-speare-Enthusiasten verlassen Stratford nicht, ohne ausgiebige Einkäufe an Shakespeare-Bildern, ShakespeareBüsten, Shakespeare-Medaillons etc. gemacht zu haben. Unter den stärker frequentirten deutschen Städten ist eine einzige, welche die Mehrzahl der Besucher durch die pietätvollen Erinnerungen anzieht, denen man stch dort hingeben kann. Und der Fremdenzufluß nach Weimar ist ein noch größerer als der nach Stratford. Reuevolle Sünder. Ein
etwa 40jäl)riijer gut gekleideter Mann erschien dieser Tage im Unterschatzamt zu Washington und erkundigte stch. ob Assiftent-Schatzmeister Fish in der Office sei. Auf eine bejahende Antwort hin zog der Fremdling ein verstegeltes Packet aub der Tasche und ft, daß man dasselbe Herrn Fish aushändige. Beim Offnen des Bündels fand man zehn 5100-Scheine. Von Gewissensbissen geplagt, war auch der Absender eines kurze Zeit danach im Schatzamt eingelaufenen Schreibcnö, in welchem die Summe von $12,000 in Banknoten eingeschlossen war. Ter Absender, der stch reuevoll als ein Sünder" unterschrieb, erklärte, er habe vor Jahren die Bundesregierung um Geld betrogen und zahle hiermit das unrecht erworbene Gut vierfach zurück, wie die Heilige Schrift es lehre. Diese Summe wurde ebenso wie die andere dem sogenannten GeWissensfonds" im Schatzamte überwiesen. Weibliche Sachverständ i g e. Unter den Sachverständigen bei den Berliner Gerichten befinden sich jetzt im .Ganzen auch zwölf Frauen. Drei stnd als Taxatorinnen beim Amtsgerichte II beeidet, zwei sind als Bücherrevisorinnen angestellt. Unter den gerichtlichen Dolmetschern sind drei: für Italienisch, Vlämisch und für Taubstumme, weiblichen Geschlechtes. Von den Gewerben haben die Dampfwäscherei, die Weibwaarenfabrikation und die Putzbranche Frauen als Sachverständige. Ferner ist noch einc Frau als Sachverständige für Handschriftenvergleichung thätig.
