Indiana Tribüne, Volume 28, Number 184, Indianapolis, Marion County, 28 March 1905 — Page 7
Jndiana Tribüne, 28 Marz ,NF.
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t Das NntlM dcs f Rothen Aöwcn" f 10man von L (ßcvlyavh Stotn 4 .... I Eorisetzung.) Edith stand verstimmt auf und derließ das Zimmer. Einen Moment darauf ertönten Läufe auf dem Klavier. Die Läufe klangen unregelmäßig, zerhackt, man hörte ganz deutlich, daß der Zorn der Spielerin sich im heftigen Anschlag der Finger Luft machte. Am nächsten Tag verhielt sie sich völlig schweigsam. Sie blickte kaum von ihrem Teller auf und hörte dem Gespräch zwischen ihrer Schwester und 'Heydemann gar nicht zu. Sofort nach dem Essen stand sie auf, grüßte flüchtig und setzte sich, während die beiden weiter sprachen, zum Klavier. S begann eine Sonate von Mozart, schien ''aber schon nach den ersten Takten auf Schwierigkeiten zu stoßen. Sie wiederholte die Stelle, es klang nicht gut, sie ging darüber hinweg, begann dann aber noch einmal, ohne die Schwierigkeit überwinden zu können. Heydemann hatte unwillkürlich hingehört und mehrmals eine Bewegung leiser Ungeduld gemacht. Plötzlich stand er trnt einer kurzen Entschuldigung auf uud schritt auf Edith zu. Verzeihen Sie, Fräulein," sagte er, wie Sie es versuchen, werden Sie nicht fertig. Sie nehmen offenbar einen falschen Fingersatz. Gestatten Sie?" Und er beugte sich, während sie ihm Platz machte, über das Klavier und spielte die Stelle. Und dann auch der Rhythmus " fügte er hinzu. Und er spielte die Stelle noch einmal und erklärte ihr, welchen Fehler sie gemacht habe. ' Sie zeigte sich aufrichtig erfreut. Sie bat ihn, die ganze Sonate vorzuspielen und bemerkte, daß er ein guter, sicherer Spieler war, der auch schwierigere Werke bewältigen konnte. Sie hielt ihn nun am Klavier fest, und es wurde fast Abend, als Heydemann die Wohnung der Schwestern verließ. 4. K a p i t e l. m nächsten Tage wurde bei Tisch abermals von Frau Friedenke nur von den Aussichten auf Entdeckung des Diebes gesprochen. Tann kam sie auf ihren Roman, der jetzt von ihr geschrieben und von ihm umgeschrieben wurde. Edith verhielt sich wieder völlig schweigsam. Sie schien nichts zu hören, sie schien gleichfam gar nicht zu existiren. Sofort nach dem Nachtisch erhob sie sich, ging in ihr Zimmer und ließ sich nicht mehr sehen. Aber der folgende Tag brachte eine Wendung. Als Heydemann zu Mittag erschien, empfing ihn Frau Fri'derike mit der Frage: Haben Sie von der Polizei eine Mittheilung erhalten?" Nein" Na, da dürfte sie bald kommen. Ich habe heute das Mädchen, das verhaftet war, auf der Straße gesehen. Ich erkündigte mich vorsichtig und erfuhr, daß sie nur vierundzwanzig Stunden in Haft war, ebenso ihr Liebster. Dann wurden sie von der Polizei entlassen. Die Polizei meint, daß die Beiden mit dem Tieöstahl nichts zu thun hätten." Na, siehst Du, Friederike" meinte Edith vorwurfsvoll. Ach Du!" sagte Frau Friederike ärgerlich, was verstehst Du! Du b'st nur gewohnt, mit Deinen Schulkindern umzugehen. Als ob sich die Polinn nicht jeden Augenblick irrte! Und wenn sie schon sagt, daß Jemand unschuldig, ganz unschuldig sei, damit ist noch gar nichts bewiesen." Heydemann war sehr niedergeschlagen. Er hatte sich in den Gedanken, daß das Mädchen die Diebin sei, formlich hineingelebt. Nun war eine große Hoffnung zerstört, nun stand alles wieder so wie in dem Moment, als er das Fehlen des Geldes entdeckte. Und die Polizei schien keine Hand rühren zu wollen, um ihm zu helfen. Man saß bei Tisch ziemlich einsilbig. Edith hatte wieder nur Interesse für ihren Teller, oder sie blickte in den Pausen zwischen den einzelnen Gängen zum Fenster hin, als wenn das Haus drüben auf der anderen Seite der Straße heute etwas besonders Sehenswerthes böte. Frau Friederike aber strengte heute ganz ungewöhnlich stark ihr Denkvermögen an. Sie hatte in das Manuskript, das Heydemann mitgebracht, kaum einen flüchtigen Blick gethan, sie hatte es nicht wie sonst zu Tisch mitgenommen, sondern in ihrem Arbeitszimmer auf dem Schreibtisch liegen lassen. Wichtiger als das Manuskript war ihr die Frage, welche Wege nunmehr nach der EntHaftung der Verdächtigten im Interesse Heydemanns eingeschlagen werden sollten. - Und zwischen Braten und Kompott kam ihr plöklich der erlösende Gedanke. Man darf die Hände doch nicht in den Schooß legen und warten, bis die Polizei ihre Entdeckungen einem auf der Schüssel präsentirt," sagte sie plötzlich, als wenn sie nur zu sich selbst laut sprechen würde. Das wäre ungefähr, als wollte man warten, bis die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Nein, man muß sich selbst helfen, und ist es nicht auf die eine Art, muß man eine andere Art suchen."
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Sie hielt inne. Heydemann sah etwas ängstlich auf die Sprecherin, wahrend Edith ihre dunklen Augen mit größter Beharrlichkeit auf das gegen überliegende Haus richtete. Was kann da sein?" fuhr Frau Friederike in ihrem lauten Selbstgespräch fort. Die Polizei bedient sich oft ganz eigener Mittel, wenn sie die Verbrecher täuschen und dadurch entdecken will. Da nun die Polizei in Ihrer Sache nichts thut, wollen wir doch einmal eines ihrer Mittel benützen." Edith hörte auf, das gegenüberliegende Haus zu bewundern, und wandte
sich mit großer Spannung ihrer Schwester zu. Ai'ch das Gesicht Heydemanns drückte Spannung aus, gemischt mit einer Aengstlichkeit, die heute nicht von ihm weichen wollte. Frau Fnedenke nahm von den Mienen der Beiden gar keine Notiz, sie schien sie gar nicht zu sehen. Wenn ich sage: ein. Mittel fuhr sie fort, fo meine ich diesmal eigentlich zwei. Verfängt nicht das eine, so ist es nicht ausgeschlossen, daß dafür das andere um so mehr hilft." Sie machte wieder eine Pause, m der sie ihren Plan nochmals zu erwägen schien, dann sprach sie weiter: Diesmal lassen wir die Polizei ganz beifeite. Wir flüchten uns in die Oeffentlichkeü, wir wenden uns an die Presse. Nein, ich meine keinen Aufruf oder dergleichen," sagte sie lächelnd, als sie eine Bewegung des Erstaunens bei Heydemann gewahrte, nur eine Noth, die wir in die Zeitung einrücken lassen. ie lautet ganz lurz im ricyiigen 3a tungsml: In der Heydemann'schen Diebstahlsaffäre sind von der Polizei in den letzten Tagen mehrfache VerHaftungen vorgenommen worden. Die Polizei entfaltet eine eifrige Thätigkeit und ist dem Diebe bereits auf der Spur. Der Bestohlene hat eine Belohnung von dreitausend Mark für die Beibringung des gestohlenen Geldes ausgesetzt. Nun, was saaen Sie dazu?" fragte Frau Friederike triumphirend. Heydemann schwieg wie erstarrt. Nur Edith machte wieder eine Einwendung. Aber Friederike!" rief sie fast'he tig. das ist ja unmöglich. Das ist ja direkt nicht wahr. Wie kannst Du, noch dazu öffentlich in einer Zeitung, die Polizei hineinziehen. Du glaubst doch nicht, daß sie sich so was gefallen läßt!" Ach, Unnnn! Tu redest wie ein Kind!" antwortete Frau Friederike zormg. Was ist nicht wahr? .Hat die Polizei keine Verhaftungen in der Sache vorgenommen? Ist es eine Beleidigung, wenn man sagt, sie'rntfaltete eine eifrige Thätigkeit? Ist die Polizei dem Verbrecher nicht immer auf der Spur? Und wird Herr Heydemann nicht mit Vergnügen dreitausend Mark zahlen, wenn er dadurch zu seinem Gelde kommt?" Aber was sollen denn diese na, sagen wir halben Wahrheiten für einen Zweck haben?" fragte Edith. Siehst Du, an Deiner Frage erkennt man, daß Du die Sache nicht begreifst," antwortete die Schwester belehrend. Dls ist der bekannte Trick der Polizei, mit dem sie fdc oft Erfolge erzielt hat. Die Verbrecher werden dadurch sicher gemacht. Sie hören, daß ein anderer im Verdacht steht und verhaftet wird, und lassen sich dadurch zu Unvorsichtigkeiten verleiten. Das gestohlene Geld bestand ja aus lauter Tausendmarkscheinen, nicht wahr? Nun, wer Tausendmarkscheine wechselt, zieht jedenfalls die Aufmerksamkeit auf sich. Gerade durch solchen Geldwechsel sind schon oft die Diebe und Defraudanten entdeckt worden. Es kann ja auch in diesem Falle möglich fein. Und die Belohnung? Nun, vielleicht weiß noch ein anderer um das Geheimniß, oder er hat seinen Verdacht kurz, man kann auch auf diesem Wege zu einem Resultat kommen." Edith wollten die Gründe der Schwester aber gar nicht einleuchten. Auch Heydemann schien nicht für die Idee der Frau Doktor eingenommen. Aber sie beharrte mit so großer Energie auf ihrem Einfall, daß Heydemann an ihn zu glauben begann. Gehen Sie nur hin in den ,Tagesboten' und k-emühen Sie sich, daß die Notiz aufgenommen wird," redete sie ihm zu. Schaden wird sie der Sache auf keinen Fall, sicher aber nur nützen. Wenn Sie dann trotzdem kein Glück haben sollten, werden Sie .sich wenigstens nicht den Vorwurf machen miis sen, daß Sie unthätig zugeschaut 'haben, wie alles verloren gegangen ist." Und er gab sich darein, den Rath zu befolgen. Spät am Nachmittag, -nachdem er, gewissermaßen um sich mit dem Gedanken an feine Lüge vertraut zu machen, noch einige Stunden mit lässiger Arbeit verbracht hatte, machte er sich auf den Weg zur Redaktion des Tagesboten." Er brauchte ziemlich lange Zeit, um sein Ziel zu erreichen. Das Bewußtsein, die Redaktion einer großen Zeitung und in zweiter Folge auch die Öffentlichkeit zu hintergehen, fiel ihm schwer auf's Herz. Aber er hatte es der Frau, die sich so großmüthig seiner angenommen, fest zugesagt. Und dann war denn der Inhalt der Notiz wirklich eine so große Unwahrheit? Frau Friederike hatte nicht so ganz unrecht: Wenn man die Worte in richtigem Licht betrachtete, enthielten sie in ihrer Art jedenfalls eine Wahrheit, wenn auch eine schiefe Wahrheit. Nun stand er vor dem massigen, gewaltigen Hause der Zeitung, im letzten Moment noch zoaernd. ob er hinein
gehen sollte. Sem Blick war gedankenvoll auf den breiten, palastartigen
Thoreingang gerichtet, wo.sich die Bilder m unaufhörlichem Wechsel von Moment zu Moment änderten. Es war ein fortwahrendes Gehen und Kommen von Menschen, ein Auf- und AbftUthen von Droschken und schweren Fuhrwerken, eine Geschäftigkeit, die den Smn verwirrte. Eilig stürzten sich die n i. c z . r euie in oas aus, in noen gronerer Eile kamen andere aus dem Inneren, ein endloser Strom von Menschen, alle wie von Hast gepeitscht, rn fieberhafter Bewegung wie auf der Jagd um den Bruchthcil einer Sekunde, alle mit einem gleichsam abwesenden Ausdruck im Gericht, mit Blicken, die den Nacysten nicht wahrzunehmen und auf ein fernes, nicht sichtbares Ziel gerichtet zu fem schienen. Das huschte m stetem Wechsel der Erscheinung an ihm vorüber. Da wurde er etwas unsanft anqestoßen. Einer, der es besonders eilig hatte, hatte ihn angerannt und war gleich darauf, ohne sich nur mit einer Silbe zu entschuldigen, im Eingang verschwunden. Ja, es war unpraktisch, hier still zu stehen und die Leute zu b?gucken. So entschloß er sich endlich, einzutreten, mochte kommen, was da wolle. Und er trat ein. mit dem Gefühl eines Menschen, der sich in ein unbekanntes Reich begeben will. Doch schon der Eintritt benahm ihm fast den Muth. So hatte er sich die Sache nicht vorgestellt. Ein gewaltiger Saal mit einer Armee von Beamten that sich vor ihm auf. Hinter den Schaltern schien sich der Raum weit auszudehnen, und hinten, wo sich in langen Reihen große, elegante Schreibpulte aufbauten, schien sich das Beamtenheer Mann an Mann zu drangen. Vor den Schaltern aber wogte und wimmelte es wie in einem Bienenkörbe. Hier stand vor einem Schalter eine Gruppe von Menschen, dicht gedrängt auf Abfertigung wartend, dort war es em unaufhörliches Gehm und Kommen, eine Geschäftigkeit, die das Auge beunruhigte und den Sinn verwirrte. Doch er war hier nicht an der richtigen Stelle. Er erfuhr nach einigen schüchternen Fragen, daß hier die Expedition' fei, also die geschäftliche Betriebsstätte der Zeitung, während sich die Redaktion in den oberen Stockwerken befand. So stieg er die breite Treppe, die nach oben führte, hinan. Oben hielt ihn ein livrirter Diener, ein Riese von Gestalt, an und fragte ihn nach seinem Begehr. Heydemann that, wie alle, die nur selten in Berührung mit einer Zeitung kommen. Er erzählte mit einer gewissen Ausführlichkeit, welchen Zweck sein Besuch habe. Ter Diener horte neugierig zu, lachelte überlegen, wandte sich dann an einen der zahlreichen uniformnten Laufburschen, die wartend hinter einer Thür auf langen Bänken saßen,' und sagte kurz und befehlend: Führen Sie diesen Herrn zu Herrn Schultze." Und wieder gmg es eme Treppe hinan nach einem noch höheren Stockwerk, durch ein langes Labyrinth von Gängen mit zahllosen Thüren, bis der führende Bursche plötzlich Halt machte, eine Thür aufriß und Heydemann eintreten ließ. Da stand Heydemann nun wieder in einem neuen, fremden Raum, vor Menschen, deren Wesen und Art ihm völlig fremd war. Es war ein ziemlich großes, hell tapezirtes Gemach, dessen Wände stellenweise mit Bildausschnitten aus illustrirten Zeitschriften und Witzblättern beklebt waren, zum Theil überzeichnet, übermalt und in einer Weise behandelt, die die übermüthige und satirische Laune der Zimmerinsassen verrieth. Zwei riesige Doppelschreibpulte befanden sich im Gemach und vier Herren faßen da, jeder eifrig mit Schreiben oder Durchsehen von Manuskripten beschäftigt. Einer erhob sich es war, wie Heydemann später erfuhr, der Redakteur Emil Schultze, ein Herr mit einem klugen, freundlichen Gesicht, dunklem Haar, starkem Schnurrbart und zwei lebhaften Augen, die hinter einer scharsen, ungefaßten Brille hervorblitzten. Herr Schultz blickte den Besuch mit flüchtig prüfender Aufmerksamkeit an und fragte kühl: Was wünschen Sie?" Ich möchte um die Aufnahme dieser kleinen Nachricht bitten," sagte Heydemann befangen, indem er dem Redakteur einen beschriebenen Zettel reichte. Schulde prüfte rasch den Inhalt. Wer sind Sie denn?" fragte er etwas verwundert. Mein Name ist Heydemann das Geld, von dem hier die Rede ist, ist mir gestohlen worden." Ach so Herr' Heydemann," sagte Schultze, sich erinnernd, im Hotel...wie hieß es gleich?" Im ,Rothen Löwen'." Ach ja, richtig, eine merkwürdige Sache. Also Sie sind der Herr?" Schultze betrachtete ihn lächelnd und mit aufrichtigem Interesse. Ein Mann, der über Nacht zu Vermögen kommt und es sofort über Nacht wieder verliert, ist für einen Zeitungsmenschen jedenfalls eine bemerkenswerthe Persönlichkeit. Sie sind also nicht wieder zu Ihrem Gelde gekommen?" fragte Schulhe. Man hat ja seitdem auch nichts mehr von der Sache gehört. Ja... aber warum bringen Sie mir diese Notiz?" Ich möchte ich glaube, es wäre gut, wenn" stammelte Heydemann. Solche Nachrichten erhalten wir gewohnlich von der Polizei selbst oder
durch unsere Reporter," 'erläuterte Schultze. Es ist doch immerhin ungewöhnlich, daß die Parteien selbst
Auskünfte bringen." Es Ware' mir aber sehr damit aedient," wandte Heydemann schüchtern ein. Wieso denn?" fragte der Redakteur. Was haben Sie denn von der Verffentlichuna dieser Nacbrickt für einen Vortheil? Die Sache ist ja lediglich eine Polizeimaßnahme." Er überlegte einige bekunden, dann fuhr er fort: ..Na. ich will die Notiz brinaen. da Ihnen daran soviel gelegen scheint. Hauptsache freilich bleibt: Ist es auch wahr, was &xt iqreidenz Ja, würgte Heydemann heraus. ..Sie wissen es aam bestimmt? Sie baben die Nackrickt auf der Noliiei ersahren?" Ja. Sie verbüraen sick also für die Wahrheit. Bitte, schreiben Sie Tthxt Adnsse auf den Zettel. So ... nun. Sie werden es moraen im Blatt lesen. Ich wünsche Ihnen viel Glück." s- riipv.t . lsuzuiye leyle ncy wieoer uno nannt wieder seine frühere Arbeit auf. Heydemann aber ging, froh, daß dieses Gespräch, das einem Verhör glich, zu Ende war. 1 l W 1 M X Als er vie xrnir yimer uey zumaazie, warf Schultze noch einmal einen Blick aus die yconz und schüttelte mit einer gewissen Verwunderung seinen dunklen Kovf. 's ist ia schlieftlick aam II r 14 1 ' egal" brummte er zwischen den Zähnen. Dann schrieb er einige Zeichen auf das Blatt und warf es in ein auf dem Schreibtisch stehendes flaches Kästchen. Es mußte etwas ganz Ungewöhnliches geschehen sein, das Gestcht von Frau Friederike Driesen ließ etwas Besonderes ahnen. Das war mehrere Tage, nachdem Heydemann seinen Besuch in der Redaktion des Tagesboten" gemacht hatte. Er kam nunmehr als durchaus regelmäßiger Gast um die gewohnte Zeit zum Mittagessen, und die Frau Doktor empfing ihn mit einer Miene, so strahlend, wie er sie noch nie gesehen hatte. Ihre grauen Äugen glänzten im Triumph, jeder Zug ihres runden Gesichts, jede Bewegung ihrer gedrungenen Gestalt drückte helle Freude aus. Aber sie sprach nicht, sie schwieg, als wenn ihre Lippen versiegelt wären. Sie warf nicht einmal einen Blick auf das Manuskript, das er gebracht Hatte. Sie schien gleichsam ihre Kräfte zu sammeln, um ihr Geheimniß mit umso größerem Nachdruck, mit dramatischem Effekt herausschießen zu können. - Man faß bei der Suppe, und Frau Friederike schwiegt Es herrschte überHaupt tiefes Schweigen bei Tisch. Edith war seit einigen Tagen wie behext; sie war einsilbig, mißlaunig, und zeigte sich gegen Heydemann kalt, abweisend bis zur offenen Unfreundlichkeit. Wenn Heydemann und ihre Schwester sprachen, saß sie da mit zusammengepreßt ten Lippen und verschlossenem, gleichgiltig müdem Gesichtsausdruck, und in dem Moment, da das Essen vorüber war, stand sie rasch auf und verschwand in ihr Zimmer. Sie vermied es siehtlich, das Wort an Heydemann zu richten, und wenn er zu ihr sprach, waren die Antworten kurz und einsilbig. Auch heute war ihr Benehmen nicht anders. Sie schien die innere Bewegung der älteren Schwester gar nicht zu bemerken und blickte kalt und gleichgiltig vor sich hin. Nun endlich hielt Frau Friederike den Moment für gekommen. Mit dem Bemühen, Tuhig und gleichgiltig zu erscheinen, fragte sie. Heydemann: Haben Sie heute schon den ,Tagesboten' gelesen?" Nein," antwortete er. Sie wußte das. sie wußte, daß er erst nach dem Essen in ihrer Wohnung einen Blick in die Zeitung warf, und daß er zu Hause keine Zeitungen las. Es steht heute im ,Tagesboten' eine merkwürdige Notiz," sagte sie wieder mit dem Bemühen, ruhig zu erscheinen. Dann stand sie auf, schritt zum Büffet und holte von dort das Blatt, das zusammengefaltet in einem geschützten Winkel gelegen hatte. (Fortsetzung folgt.) . Der Allnyerr. Die Rüstung des Ahnherrn meines Mannes, der Kreuzritter." So, den wievielten Kreuzzug hat er denn rnitgemacht?" Alle, alle, lieber Profes-for!"
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Eine SchrttkenSnacht auf dem Schlachtfelde. Ich werde oft," so schreibt Her: Mackenzie, der bekannte Kriegskorrespondent der Daily Mail", nach der schrecklichsten (ccne gefragt, der ich wahrend des furchtbaren Krieges als Augenzeuge beigewohnt habe. Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn der ganze ttrieg ist nichts weiter als eine unaushöniche Reihenfolge von Schrecknissen der entsetzlichsten Art. Das Schlimmste in einem modernen Kriege mit den so weit tragenden Geschützen und Gewehren ist sicherlich, daß so viele Frauen und Kinder verwunret werden. Ich war bei General Kuroki, als er schnell um Liaojang herumzukommen suchte, um General Kurovatkm'ö Rückmarsch abzuschneiden. Wir wurden von den Russen an drei zur Aertheidigung eingerichteten Hügeln ausgehalten, und da keine Zeit zu verlieren war, so begannen unsere Truppen sofort den Angrijf auf diese drei Stellungen. Sechs japanische Batterien, die auf den gegenüberliegenden Anhöhen aufgefahren worden waren, begannen die Russen zu beschießen. Diese antworteten mit einem mörderischen Feuer, und eine Zeit lang sah es so aus, als stehe selbst der Himmel vollkommen in Flammen. Es verging keine Sekunde, ohne daß nicht eine ganze Anzahl von Granaten und Schrapnells krepirten. Mein Gott, mein Gott.sagte ein alter Veteran, kann dabn überhaupt noch Jemand am Leben bleiben?" Für einen Moment trat hier und da eine kleine Pause ein, aber sofort begann das Schießen mit noch größerer Gewalt von Neuem. Die Sonne verschwand dann endgiltig hinter den Veraen. Da entstand plötzlich ein Knattern, das Einem durch Mark und Bein ging. Es wa. ren Tausende von Jnfanteriesalven, die mit unglaublicher Geschwindigkeit einander folgten. Der Hauptangriss der Infanterie auf die wichtigste der drei Stellungen hatte begonnen. Die Leute begannen den, Sturm auf den Berg. Auf der einen Seite waren einige Hohlwege vorhanden, die wenigstens einige Deckung boten, aber das Feuer der Russen war so fürchterlich, daß selbst die furchtlosen japanischen Soldaten sich nicht mehr weiter vorwagten. Da sprangen die Offiziere plötzlich auf. Mit gezücktem Schwert lief einer von ihnen ein paar Schritte vor und rief seinen Leuten zu: Jetzt ist es Zeit, für Euren Kaiser zu sterben!" Ein wilder Schrei entstand in den langen Reiben, und die ganze Abtheilung rannt: vorwärts. Was konnten wir anders tkMN," sagten mir die Soldaten nachher, als unseren Offizieren folgen?" Auf der russischen Seite unterstützte andauernder Trommelwirbel den Muth der Leute, und bei den Japanern femrte Trompetengeschmetter die Soldaten immer wieder von Neuem an. Und dazwischen wieder hörte man wilde Rufe der Aufmunterung,' des Schreckens und der Verzweiflung des Todes. Nachtangriffe haben an sich schon etwas Grausiges, hier schien sich aber alles Grausige aller Nachtangriffe vereint zu haben. Der Boden war schon ganz glitscherig geworden von dem warmen Mens'chenblut, das über ihn unaufhörlich dahinfloß. Die Soldaten Tonnten schließlich kaum meh? über die Leichenhaufen hinwegllettern, die ihnen im Wege lagen. An Muth und Tapferkeit konnte keine Seite die andere überbieten, aber die Japaner waren schließlich doch die Stärkeren, und so frmen sie am Ende m den Besitz der Stellung."
In Gesellschaft eines TobsüchiZgen. Eine recht gefährliche Reise mußte ein berittener kanadischer Polizist aus Winnepeg in Maniioba zurücklegen. In der arktischen Wildniß war ein Missionar tobsüchtig geworden,und d?r Polizeiunteroffizier Field erhielt den angenehmen" Auftrag, diesen Mann aus seiner Einsamkeit zu holen und in Edmonton, der nördlichsten Eisenbahnstation im Nordwestcn. abzuliefer::. Unteroffizier Field reiste urner Benutzung von sieben Schlittenunden nach der Station, und es gelang ihm, den Missionär auf einem Schlitten festzubinden. Auf der Rückreise brach die Tobsucht des Kranken mit volle? G:walt aus. Er weigerte sich zu essen, und biß und kratzte den Polizisten, so oft dieser den Versuch machte, ihm Nahrungsmittel einzuflößen. Unte: blendenden Schneestürmcn und üvoi schneebedeckte, vom Wind gepeitsch!en Prärien hatte der Polizist einen Wez von annähernd 1000 Kilometer Länge zurückzulegen, ehe er nach 53 Tagen den Missionär in der nächsten Irrenanstalt abliefern konnte. Der Beamtz selbst liegt schwer erkrankt im Hospital. ' An der Technischen Hochschule in München ist in diesem Winterzum ersten Male eine Hörerin eingeschri:ben und zwar in der ArchitekturAbtheilung D iie Hamburg-Amerika-Linie kaufte in Berlin das Haus Unter den Linden No. 8 für 2.400.00 Mk. Sie verlegt dorthin ihre Abtheilung für Seefahrten und das Reisebureau vormals Stangen. An Stelle des Obersten Keller, der zurückgetreten ist, wählte der Bundesrats der Schweiz den Oberstdivisionär Sprecher von Bcrnegg zum Chef der Generalstabs-abtheilung
LeutwetN'Jovst. Zu der mehrfach erörterten Asfare Leutwein-Jobst wird der Dtsch. Tgsztg." neuerdings geschrieben: Bor mehrern Monaten wurde besannt, daß der Vater des Leutnants Jobst, der Ende 1903 beim Ausbruche des Bondelzwartsaufstandes gefallen war, eine Beschwerde über den Oberst Leutwein an den Reichskanzler gerich tet hatte, weil der Gouverneur in einer öffentlichen Rede sich belastend gegen den Gefallenen geäußert haben sollte. Darauf wurde ein Antwortschreiben des Reichskanzlers veröffentlicht, worin er eine Untersuchung der Sache an kündigte. Während des Aufenthaltes des Oberst Leutwein in Berlin hat nun diese Untersuchung ihren Gang ge nommen; wie von zuständiger Seite verlautet, wird sie wohl im Sande verlaufen. Daraus ist zu entnehmen, daß dem Oberst kein Vorwurf nach dieser Richtung hm gemacht werden kann." . Dazu bemerkt die Deutsche Tages zeitung": Die Mittheilung ist etwas unklar. Soll es heißen, daß Oberst -Leutwein die beleidigende Aeußerung nicht gethan habe, oder daß er zu ihr berechtigt gewesen sei?" Wir meinen, es wäre bei dem berechtsten Aufsehen, das die Affäre erregt hat, Pflicht der amtlichen Stelle. eine klare und bündige Auskunst zu geben. wie die Sache liegt. Dann wird weiter über die Angelegenheit zu reden sein.
Salvatorbier-Prozetz. In München gab es wieder einmal einen Salvatorbier - Prozeß, wie deren Ende der 90er Jahre mehrere verhan--delt wurden. Wie damals handelte es sich auch jetzt wieder darum, daß eine andere als die Paulanerbrauerei der Gebr. Schmederer, die den eigentlichen Ur-Salavtor" braut, ein ähnliches Bier auch Salvator" genannt hatte, die Spatenbrauerei nÄmlich. Die Paulanerbrauerei ist diejenige, die von altersher den Salvator braut, der dann im März auf der alten Schankstätte auf dem Nockherberge verschänkt wird. Als dann Mitte der neunziger Jahre eine Brauerei nach der andern ebenfalls Salvator ausschänkte, strengte die Paulanerbrauerei gegen alle Prozesse an, nachdem sie sich das Wort Salvator" patentamtlich hatte -schützen lassen. Die Spatenbrauerei hingegen war flinker und ließ sich ein Bildzeichen schützen,' in dem das Wort Salvatorbier vorkam. Segen alle Brauereien siegte die Paulanerbrauerei, nur die zum Spaten durfte das Bildzeichen führen. Neuerdings ist aber von letzterer auf Besiellungskarten. Zirkularen u. s. w. in der Oeffentlichkeit das Wort Salvatorbier. gebraucht worden, unabhängig vom Bildzeichen, und Hierwegen wurde die Klage erhoben. Das Landgericht sprach auch eine Geldstrafe von 150 Mark wegen Verletzung des Gesetzes zum Schutze der Waarenbezeichnungen gegen die Spatenbrauerei aus.
Auf der Suche nach der Ziegler Fialaexpeditiou. Wie uns au-s Tromsö gemeldet wird, hat Kapitän Kjeldjen, der dorthin zurückgekehrt ist, in London mit demAmerikaner Champ ein Segelschiff mit Hilfsschraube von 700 Tons gekauft, das 'für eine Hilfs-Expedition für die Ziegler - Fiala - Expedition ausgerüstet werden soll. Die Hilfsexpedltion geht vorau-sstchtlich am 1. Jum unter Leitung Champs und unter Führung Kjeldsen's ab. Die Besatzung besteht aus 22 Mann, außerdem sollen 6 Pferde und 20 Hunde mitgenommen werden. Falls ungunstige iöveryau nisse eintreten sollten, oll eine Schlit-ten-Ervedition ausae andt werden. Nack der Ostküste Grönlands wird ein kleineres Schiff entsandt werden, um die von Baldwin errichteten Depots auf Spuren von der Ziegler-Fialaex-pedition zu untersuchen. Seit der Abreise der Ziegler-Fiala-Expedition aitf der Amerika" von Norwegen im Jähre 1903 hat man keine Nachrichten von dem Schiffe erhalten. Es war bestimmt worden, daß das Schiff nach seiner Ankunft in Franz Josess-Land eine Verpflegungsbasis anlegen oUt, don der aus sorcirte Märsche in der Richtung auf den Pol unternommen werden sollten. Champ hatte bereits im Jahre 1904 auf dem Schiff Fritb. jof" vergeblich versucht, die ZieglerExpedition aufzufinden. Der Geheime Regierung sund Schulrath Hildebrandt, der langjährige Direktor der Seminarien von Mörs und Mettmann, ist in Wiesbaden gestorben. &djxvcvc Arveir. Rentier (den Straßenarbeitern zusehend): Da machen die Kerls schon Feierabend, und ich hab' noch nicht die Hälste von meinen Koupons abgeschnitten!" Fer Ssnntagsr-ottor. Der Herr Müller soll ja, wie er behauptet, fchon, ein famoser Reiter sein!" Nun, aufsteigen kann er schon selbst, aber das Absteigen besorgt vor läufig noch der Gaul." Gipkel der Zerstrentkcit. Von der Zerstreutheit meines Schwiegersohnes, des Professors, können Sie sich keine Vorstellung machen; der hat nach der Hochzeit sogar die Mitgift mitzunehmen vergessen!"
