Indiana Tribüne, Volume 28, Number 184, Indianapolis, Marion County, 28 March 1905 — Page 5

,g$ooo$oo&oaoo$g

Ms Glnmsschmrm T g Erhmng von O ÖM.- 41 r 7 - x n-v-t , , ö ooo$ooooo o$o$oo$$ ls ich ihn kennen lernte, war er In! ein würdiger, alter Herr mit Gs sehr geregelten Lebensgewohnheiten, - ja sogar einem Stich in's Philisterhafte und Spießbürgerliche. Er trug immer blendend weiße Wäsche, meist lange bräune Gehröcke von elegantem, aber etwas verschöllenem Schnitt.' Wenn er über die Straße ging, krönte ein spiegelglatt gebürsteter Cylinderhut den Kopf mit dem noch immer vollen und dunklen Har und dem bartlosen, ernsten Gesteht, einem Gesicht mit den ausgearbeiteten Muskeln des Mimen, deren Beweglichkeit aber in der steifen Würde der Wohlanständigkeit erstarrt schien.' Auch seine Bewegungen, sein Gang, waren, feierlich und gemessen und die kleinen Leute .seines Viertels grüßten ihn mit besonderer Höflichkeit. - Ein .pünktlicher Zahler, kein Verschwender, kein 5wau--serer, musterhafter Gatte, musterhafter Vater und Großvater, dabei in al5en Stücken einer, der stch die Achtung, die er verdient, auch zu erzwingen weiß. -Auf Achtung legte er Werth. Die Menschen hatten während seiner Jugendjähre zu viel über ihn gelacht, ja, einzig ihrem Lachen dankte er, was er geworden war. Nun hegte er im Alter den Ehrgeiz, ernst genommen zu werden. Auch sprach er nur äußerst selten, nur .in Stunden besonderer Erregung von der Zeit,' da er als Cirkusclown von Ort zu Ort gezogen war, und wenn es geschah, immer sehr ernst, mit leiser Stimme, und in einem hochachtungsvollen Ton, der seltsam zu dem lustigen Handwerk kontrastirte, dem er sein ansehnliches Vermögen verdankte. Einmal fiel mir auf seinem Schreibtisch zwischen den dunklen schweren Vorhängen der Fenster eine kleine Bronze auf, ein Schwein. Ich hatte dergleichen Figürchen, bis zum Ueberdruß gesehen. Aber diesem haftete etwas Persönliches, Individuelles an und es war auf dem ehrbaren Schreibtisch, der sonst, nur Gebrauchsgegenstände solidesten Geschmacks trug, das einzre Schmuckstück. . Das ist Besste," sagte mein Freund mit einer seiner würdigen Handbewegungen. Befite? Ich hielt's für ein Glücksfchwein." Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, Glücksschwein? Ja, das ist's wohl wahrlich und in eigentlicherem Sinn ils Sie denken. Ich kann die Geschichte erzählen, Fennimore? Kann ich nicht?" Die-Frage war an seine Frau gerichtet, eine sehr korpulente, kleine Dame, die in ehrbarem, grauem Kleide auf dem Sofa saß, die Füße auf einem gestickten Fußkissen, ein Strickzeug in der Hand, den wohlgefütterten Mops auf den Knieen. Bei seinen Worten leuchteten ihre Augen, in warmer Zärtlichkeit auf, merkwürdig junge, blitzende Augen, die einige Schönheit, die ihr geblieben war.. . Gewiß, Bob. Die jungen Leute von heutzutage können dadurch nur lernen." Bob sah einen Augenblick vor sich hin. Dann begann er: Ich war damals ein Bursch von einundzwanzig Jahren, äußerst streng erzogen, wie die meisten Künstlerkinder zu meiner Zeit. Mein Vater war Parterregymnastiker und Jongleur, peinlich genau und sauber in der Arbeit. Aber derlei ist nur für Kenner.' Das Publikum jubelt anderen Tricks zu. -'Er machte also nicht viel Geld, eben genug, um mich und meine Schwester groß zu bringen, nachdem unsere Mutter im Dienst verunglückt war. Mit anderen Jungen herumtollen als Kind, und als junger Mensch in den Kneipen herumlungern hab' ich nie kennen gelernt. Trainiren und Ueben war mein Tageslauf. Die Kost wurde uns zugewogen, alle Düten mit Zuckerwerk, die freundliche Cönnerinnen bei den Vorstellungen spendeten, gleich in der Garderobe konfiszirt. Verheimlichten wir ja eine, bekamen wir Vaters Stallmeisterpeitsche kräftig auf dem Rücken zu fühlen. Ich dank's dem Alten noch heut'. Sich selbst beHerrschen können ist die erste Bedingung für jeden Künstler und dem Menschen kommt's auch zugute. In London begrub ich Vater. Die schweren Gewichte, mit denen er noch immer jonglirte, hatten ihn zu Grunde gerichtet. Er war schon vierzig, kem .Alter mehr für sein Geschäft. Aus mir hatte er gemacht, was man aus einem Burschen mit gesunden Gliedern machen kann, und ein wohlwollender Agent in London verschaffte mir einen Platz im Cirkus Cooper. Das loar ein Treffer, der alte Cooper genoß damals Weltruf. Poll hochfliegender Hoffnungen reiste ich also nach Hambürg, wo er gerade Vorstellungen gab. Allein schon die erste Probe vor ihm war schrecklich. Ich that mein Bestes, . saubere, gewissenhafte Arbeit, wie ich sie bei meinem Vater gelernt hatte. Aber sein kühler durchdringender Blick hatte etwas Lähmendes, , sein. Schweigen wirkte schlimmer als Tadel. Als ich geendet hatte und schweißtriefend vor ihm stand, betrachtete er mich mit herabattoaenen Mundwinkeln. .All riabt. Aber alles, was Sie da aemacht haben, das machen hundert . 1 i i ,. andere evenjo gui. lgenarr, &ir, n

vividualität! Sie sind ein hübscher

Kerl. Wenn aber weiter nichts aus Ihnen herauszuholen ist, dann taugen Sie nicht für Samuel Cooper.' ..Das war fast so gut wie eme Verabschiedung. Die ganze Nacht zermarterte ich mir den 5wpf nach Variationen. Pointen, einem Schlager, der mich zu einem ,Star,' emer',Ättraknon' machen könnte. Mir fiel nichts ein. Denn der Schädel des Menschen ist hart und das Unglück muß schon kräftig daraus herumhämmern, bis eine gute Idee herausspringt. Niedergeschlagen kam ich am nachsten Morgen zum Ueben in den Cirkus. Mr. Janos, der Parsorcereüer und Miß Hardee hatten gerade ihre SpringÜbungen beendet. Es war die Stunde für die Trapez- und Parterre- Akrobaten, die Jongleure und Clowns. Der dumme August schlug Räder, Miß Katie, eine Fünfzigerin in kurzem Kinderröckchen. übte auf Weingläsern dae Miserere, während ein Clown, auf dem Bauch liegend, auf seiner hinter den Rücken gehaltenen Geige den DonauWalzer strich. Von dem ganzen bunten Bild sah ich deutlich eigentlich nur eins, das meinen Blick unwiderstehlich festhielt, nachdem er emmal darauf gefallen war. Und das war ein ganz junges Mädchen, fast noch ein Kind, das m emem losen, weißen, aar nicht einmal besonders kurzen Kleid auf einem schlaffen Drahtseil kniete, wahrend eine Schaar weißer Tauben an ihrer Brust, ihren Armen, ihren Schultern sich festnestelie, wie ein phantastischer Kopfschmuck oben auf ihrem gelösten Blondhaar haftete. Ich weiß, der Trick ist seitdem oft gemacht worden. Damals war er neu. Fennimore Blanc ist die erste ,Taubenkorngin' der Welt gewesen und ich muß die Wahrheit sagen keine zweite hat sie je erreicht. Die kleme Künstlerin sah wohl die Bewunderung in meinem Blick Fennimore, Dear! ich bleibe dabei, Du hast sie gesehen. Frauen sind scharf in solchen Dingen. Sie richtete sich auf, balancirte einen Augenblick wie schwebend auf einer Fußspitze, immer umflattert, halb verdeckt, von ihrem Schwärm weißer Pfauentauben. Dann klatscyte sie in die Hände. Die Tauben flogen in ihre offenstehenden Käfige zurück. Sie verneigte sich wie vor dem Pubikum. Und dann setzte sie sich behaglich auf das Seil und sich wie auf einer' Schaukel leise darauf hin und her wiegend, fragte sie mich aus der Höhe herunter:,Was arbeiten Sie, Sir?' Ich wies auf den Kasten mit Gewichtstücken, den drei Stallknechte eben zuf den Sand stellten. ,Kommen Sie von weit her?' .Ich komme von London.' Sie schlug in die Hände. ,O, London .kenn' ich. London ist fein. Haden Sie m London gearbeitet?' Ich sagte ihr.- daß ich hingereist sei zum Begräbniß meines Vaters. Da wurde sie plötzlich sehr ernst. Sie glitt vom Seil herunter, trat zu mir. ,Sie haben, keinen Vater mehr? Wie leid thut mir das! Ich ich hab' auch keine Eltern, wissen Sie.' ,Jch bin ganz allein,' sagte ich. Meine Schwester war vor einem Jahr in Paris gestorben. Sie reichte mir die Hand ohne ein Wort. Aber es lag eine so innige Theilnähme in der Geberde, in dem Vlick, daß ich wie unsinnig die festen Fingerchen drückte. So wohl war mir in meinem ganzen Leben nicht gewesen. Leider stand Fennimore. aber doch nicht so allein in der Welt, wie ich mir's vorgestellt hatte. Aus der Stallthür kam eine Tante gestürzt. Ich wußte ohne Vorstellung, daß es eine war, denn sie schimpfte in fünf Sprachen. Cir-kus-und Theatermütter und -Tanten schimpfen immer. Es gehört zu ihnen wie die Streifen zum Tigerfell Was sie schimpfte, verstand ich nicht völlig, denn vier ihrer Sprachen waren mir fremd. Aber aus ihrem sehr schlechten Englisch entnahm ich ungefähr so viel, daß sie es für ,shocking' erklärte, wenn eine junce Lady, der die Auswahl zwischen Herzögen und Prinzen freistände, sich durch ein Geplapper mit ,everybody' ,everybody' war ich gemein mache. Dabei hüllte sie die Nichte in Shawls, zerrte sie mit sich zur Garderobe. um sie nach der Uebung umzukleiden, zu massiren. Mit ihrem lieben Lächeln ließ Fennimore sie gewähren. Ihre Augen blieben bis zur Garderobenthür auf mich gerichtet. Sie hörte wohl gar mch. was die Person mit der Hakennase und .den wirren Haarzotteln ihr in die Ohren schrie. Meine Seele nahm sie mit. Ich gehörte ihr von dem Augenblick an. ES gibt diese plötzlichen, leidenschaftlichen Sympathien zwischen jungen, unschuldigen Menschen. Ich weiß nicht, wie Ihre Philosophen sie erklären, ich weiß nur, daß sie sind. . Um Fennimore zu gewinnen mußte ich, da ich kein Herzog und kein Prinz war, wenigstens ein ,Star' werken. Wirklich kam mir ein Einfall. Die GeWichte, mit denen ich jonglirte, waren so schwer, wie irgend ein Akrobat sie handhabte. Wenn es mir gelang, zehn bis fünfzehn Pfunv zuzulegen, war ich einzig. . Ich versuchte es mit fünf Pfund. Meine leidenschaftliche Erregung gal mir. Kraft. Es gelang. Die verstärkten Gewichte schwirrten wie Bienen rnii um den Kopf. Was von Künstlern anwesend war und etwas von meinem Fach verstand, ließ seine Uebungen

vrängte herzu. - Sogar der Alte sah freundlicher aus. ' ' i Er engagirte mich fest auf vierzehn Tage. .Vielleicht wird doch noch was aus Ihnen, junger Mensch.' Als ich heimkam, fühlte ich, daß mir die Knochen zitterten. Ich frottirte mich, legte mich zu Bett. Am, Abend nahm ich, was kein Artist je thun sollte, einen Schluck Whisky zur Stärkung. . Ich hatte einigen Applaus. Bei meiner schmächtigen Statur verblüsfte, die Zahl der gehobenen Psunde, die der Direktor in's Publikum rief. ' Zwischen den Nummern sprach ich in einem Stallwinkelchen mit Fennimore, und was ste mir sagte, und .wie sie es mir sagte " Die Frau im Sofa räusperte sich. Sogleich brach er ab. Ein schwaches Roth stieg in sein welkes Clownsgeficht, rührend bei dem ältlichen, würdigen Mann. Nun, was sie sagte,- das gehört wohl nicht hierher. Sie können sich' ohnehin denken. - Es ist immer dasselbe. Nonsens für alte, vernünftige Leute, der höchste Ernst, das höchste Glück für die Jugend. - Das Schlimme war, daß ich mich an die verstärkte Last nicht gewöhnte. Der Schmerz in meinem Kreuz wuchs, die Glieder waren mir wie gebrochen. Ich wollte es zwingen. Ich legte noch zwei Pfund zu. Es war ein Sonntag. Sonntags gab der Alte zwei Vorstellungen. Mir war nicht gut. Aber das SonntagsPublikum ist anspruchsvoll. Ich durfte kein Pfund zurückstecken. Etwas anderes verwirrte mich. Jeden Abend faß auf dem ersten Platz ein junger Mensch, der meine Taubenkönigin in auffälliger Weise anschmachtete, ein reicher Kaufmannssohn schien's, sehr reich, und nicht einmal häßlich. Die Eifersucht machte mich toll. Und gerade bei meiner Glanz- und Schlußnummer, als ich das schwerste Gewichtsstück hebe, mir um den Kops wirbele, während vor Erschöpfung mir schon der kalte Schweiß an den Schläfen berunterrieselt und mein Herz zeitweise still steht, weht die Zugluft den Vorhang vor dem Stalleingayg beiseite und ich sehe unter einer Lampe zwischen den Boxen den Kaufmannsjüngling, den die Tante eben geschmeidig, lächelnd Fennimore vorführt. ' ' Es war ein Blitz, eine Vision.. Im Schreck versagen die überanstrenaten Muskeln. Das Gewichtstück entgleitet vorschnell meiner Direktion wie memen Fingern und trifft, in falscher Flugbahn hinsausend, mich. Als ich wieder zu mir kam, geweckt von einem unerträglichen Schmerz in meinem rechten Arm, lag ich in der Garderobe. Ein Arzt beugte sich über mich. -

.Gebrochen?' schrie ich mit einem Blick auf meinen unbeweglichen Arm. . ,Scien Sie froh, daß das Ding nur Ihre Schulter getroffen hat und nicht Ihren Schädel. Sonst unterhielten wir uns nicht hier miteinander.' Ich war nicht froh. Je klarer mir die Besinnung wiederkam, um so wilder raste, tobte ich. Ein Akrobat mit doppelt gebrochenem Armknochen!. . Es war der Rum, das Ende der Karriere und meiner Liebe. r Der Alte ließ mich in's Spital s chaffen. Er war fertig mit mir. Einmal besuchte mich Fennimore dort zum Abschiednehmen. Sie weinte. Wir weinten Beide. ,Jch werde Dich nie vergessen,' sagte i. ' Die Tante kam ihr nach,' riß sie fort. Sie hatte ein Engagement in emem aroßen Cirkus 'm Paris. Es war die Trennung für immer. Als mein Arm nothdürftig geheilt war, ging ich auf's Land. Der Arzt hatte mich in ein Bad schicken wollen. Ich wußte aber zu gut, daß kein Bad mich wieder zu dem machen konnte, was zch gewesen war. Bei emem holstemi schen Bauern miethete ich mich ein. saß die langen Tage weg, unter dem Vorwand, mich zu besinnen, was ich aus dem zertrümmerten Menschen, der ich nun war, noch machen konnte. Jch'ver stand und liebte nichts als meine Kunst. Die war mir verschlossen, Fennimore verloren. Sollte ich Ackerknecht werden oder Schiffer? Oder mit der Orgel auf dem Rücken auf die Märkte ziehen? Die Melancholie der Venwemuna be fiel mich. Als eine zufällig in meinen Zufluchtsort verschlagene Zeitung die Notiz brachte, daß die berühmte Taubenkönigin Fennimore Blanc sich sicherein Vernehmen nach demnächst m Pa ris mit einem russischen Fürsten ver mählen werde, ging ich nach einer durchwachten Nacht an den Kanal, um die Arbeit zu vollenden, die das abirrende Gewichtstllck nur halb gethan hatte. Es war früh am Moraen. Der Thau lag auf den Koppeln. Schiffe fuhren noch nicht. Kein Mensch an den Schleusen, kein Mensch, so weit das Auge reichte. Nur vereinzelte Lerchen schlugen hoch in der Luft. Mich quälte die Sorge, wie ich es anstellen sollte, um auch wirklich unter zu gehen, denn ich war ein guter Schwimmer. Während ich am Rand des Kanals umherirrte des alten, idyllischen, verstcht sich! Die Sache ist vierzig Jahre her und Steine sammelte, um meine Taschen zu beschweren, brach die Sonne durch den rosigen Himmelsstrich im Osten.. Die grauen Wasser des Kanals färbten sich und auf der purpurnen Fläche sah ich plötzlich etwas Helles. Glattes treiben. Es war kein Stück Holz, es war ein Kadaver; es fyiiU Eigenbewegung, heftige sogar. E zappelte, spaddelte, rang um sein Leber

mit wilöer. zäher Energie. Wär's ein ! Kind? ,

Ich streifte den Rock mit den steinbeschwerten Taschen ab, ich zog die Stiefel' aus. Nem, sicher kein Kind! Etwas viel kleineres, irgend ein Thier, jedenfalls etwas, das leben wollte, dem das Dasein köstlich dünkte, das ich von mir zu werfen, im Begriff stand.- Es rührte mich. Warum sollte es 'nicht leben? Einen Griff nur kostete es mich. Ich war icyon im Wasser. Ich erinnere mich, daß es mir eine lebhafte Freude, ein unvermuthetes Wohlgefühl . verursachte nach dem monatelangen, stumpf?n Hinbrüten einmal wieder die Kraft und Geschmeidigkeit memer Glieder zu erproben. Jetzt erkannte ich auch, was ich retten wollte. Ein kleines Ferkel war's. durch irgend einen Zufall von der Mutter weg und rn den Kanal gerathen und zefct im Begriff nach einer letzten, verzweifelten Anstrengung zu versinken. Ich erwifchte es eben noch an seinem Ringelschwänzchen und an dieser bequemsten Handhabe zog ich das Körperchen Mit mu zum User, warf es die hohe Böschung hinauf m's Gras und schwang mich nach. Da lag's nun schlaff und keuchend. wie sterbend. Aber nur wenige Augenblicke. Dann hoben sich die Oehrchen, die. kleinen Aeugelchen blinzelten unter den weißen Wimpern hervor. Die Sonne schien ihm gar so warm auf die rosige Haut, es spurte festen Grund unter sich, schöne feuchte Erde zum Wühlen. Ein paarmal klappten die Augenlider. Plötzlich stand's stramm auf seinen Füßen, stockstill zunächst, verwundert starrend. Es überlegte sich seinen Fall wie ein Mensch. Ein lustiger Seitenspruna, ein kurzer, rasender Galopp im Kreis mit flatternden Ohrläppen druckten alsdann seme Freude über die glückliche Errettung aus.. Ich hatte vordem me auf dem Lande gelebt. Und seit ich bei meinem braven Bauern hauste, war ich zu sehr mit mir-selbst beschäftigt gewesen, als daß ich dem Gethier um mich irgend welche Beachtung geschenkt hätte. Zum erstenmal kam mir die köstliche Drolligkeit eines jungen Schweins zum Bewußtsein. So erfrischend, so befreiend wirkte der Anblick seiner naiven Lebensfreude auf mein zerrüttetes Gemüth, daß mir der Vorsatz, mit dem ich gekommen war, plötzlich ganz unausführbar wurde. Ich raffte mein Ferkelchen vom Boden auf,i was es sich mit erschrockenem Quieken gefallen ließ, und trug es heim. Von meinem Wirth ließ ich mich umständlich in die Geheimnisse der Schweineäufzucht einweihen. Und ich, der seit Monaten Apathische, Stumme, fast Unbewegliche, riskirte einen wilden Wettlauf, um meinen Schützling am Äbend zeitig genug unter Dach zu bringen. 'Als der'Bauer Muthmaßungen anstellte, auf welchen Hof das Ferkel gehöre, wurde ich heftig. Mir gehörte es, keinem sonst! Ich hatte es mit eigener Lebensgefahr dem Tod entrissen. Sein früherer Eigenthümer sollte mir kommen! Geld? Vielleicht. Das Thierfyn selbst nie! " ' Ich hatte ihm ein Lager in meiner Kammer zuucht gemacht. Den ganzen Tag beschäftigte ich mich mit ihm. Zunächst, trieb mich wohl nur das Anklammerungsbedürfniß des ganz Einsamen an irgend welches Geschöpf, das zu ihm gehört. Bald aber fesselten mich die Intelligenz und der gute Charakter meines kleinen Schweinchens selbst. Ich hatte ihm den Namen Bessie gegeben. Schon am zweiten Tag hörte es darauf. Es kannte mich zwischen allen auf dem Hofe heraus, lief mir wie ein Hündchen nach, wenn ich spazieren ging. Eine ungemein fröhliche, kleine Kreatur, voll der schalkhaftesten Einfälle! Und :n seiner aesunden, stillvergnügten An Passung an die Umstände immer wie eme humorvolle Verspottung meines wilden Sehnens nach dem Versagten. Bessie lehrte mich wieder lachen. Sie lehrte mich, mich des Sonnenscheins freuen, eines bunten Schmetterlings, eines Vogelliedes, all der kleinsten Glücke um uns her, die doch ein verarmtes Leben reich machen. Halb spielend lehrte ich Bessie auch allerlei: auf zwei Beinen gehen, sich auf Kommando todt stellen. Taschentucher apportnen, über Stöcke und durch Reifen springen. Ich zeichnete mit emem Stecken den Rma eines Cirkusses auf das Brach feld, stellte Hürden auf und trieb Bessie an, sie zu nehmen. Es war ein Anblick zum Kugeln, wenn sie mit ihren kurzen Beinen und dem walzenförmigen Körperchen mit der Verve eines .'alten Springpferdes darüber hopste. Bessie begriff alles, lernte alles. Sie war ein kleines Wunder. Eines Sonntags führte ich sie der Familie meines Wirthes und einigen Nachbarn vor, aus Scherz, um mich dankbar zu erweisen für die Geduld, die sie monatelang mit meinem Trübsinn und meiner Querköpfigkeit geübt hatten. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen. .Warum ich das nicht auf dem Kieler Umschlag sehen lasse?' schrieen sie mir zu. Ich stutzte. Bis jetzt hatte ich Bessies Dressur nur zu meinem Vergnügen betrieben. Erst das ungestüme Ent--zücken dieser Leute machte mir klar, daß ich mit dem Thierchen ja wirklich und wahrhaftig den Trick in Händen hielt, um den ich mir den Kopf krank gegriibelt, um den ich in schlaflosen Nächten den lieben Gott mit gerungenen Händen angefleht hatte. Ganz unauffällig hatte er ihn mir entgegenschwimmen

lassen im Augenblick meiner höchsten Verzweiflung. Und in einer Regung von Varmherziakeit griff ich ihn auf

ohne zu ahnen, daß , ich mit dem in Todesangst bebenden Geschöpfchen den Talisman aus dem Wasser hob, der aus einem armen, verunglückten Akrobaten den Stern des Cirkusses machen wurde. Von nun an ging ich methodisch vor. Ich kaufte mir noch ein zweites Ferkelchen, dessen Begabung mir Gutes zu versprechen' schien, Besstes Genie hat Peter freilich nie erreicht. Dann schasste ich mir ein Clownkostüm an und übte kleme Szenen Mit meinen Zöglingen zusammen ein, leichte Arbeit, wie ich sie mit meinem steifen Arm noch leisten konnte, und immer nach der humoristischen Seite hin, drollige Karikaturen berühmter Reiter und Akrobaten. Im Dezember schrieb ich an Cooper, der wieder nach Hamburg kam: ich hatte em paar Schweme, die dasselbe leisteten, wie gut dressirte Pferde. Ob ich ihm meine Künstler- vorführen dürfe? Es war etwas ganz Originelles. Niemand hatte noch von dressirten Schweinen gehört. Die Antwort kam mit dem damals noch selten benutzten Telegraph: ,Sofort kommen!' " Gleich nach der Probe engagirte mich der Alte auf sechs Monate fest mit dem Gehalt eines ersten Schulreiters. Diese Gage wurde nach den ersten sechs Vorstellungen schon verdoppelt. Das Publikum raste. Alle Zeitungen brachten Berichte über Bessie. Täglich erhielt ich neue Engagementsangebote. In London, Wien, Petersbürg, spielten wir Abend für Abend vor ausverkauften Häusern. , In Petersburg erreichte mich ein Briefchen von Fennimore, die mir zu meinem Erfolg Glück wünschte. Sie war noch immer Fennimore Blanc, der Fürst eine Reklame und ein Wunsch der Tante. Sie hatte den Wunsch nicht erfüllt. Zwischen den Zeilen las ich, daß sie meiner noch gedachte. An dem Abend hab' ich Bessie geküßt vor Dankbarkeit und Glück. . In Paris haben wir uns dann wiedergefunden, und Sie sehen, wir sind Mann und Frau geworden. Aber hab' ich nun nicht recht, Bessie ein Glücksschweinchen zu nennen? Unser Glück hat sie begründet. Und wir haben's ihr zu danken gesucht bis zu der Stunde, da sie hochbetagt an Altersschwäche verschied." Dcr Zahn dcr Primadonna. Pauline Biardot, die berühmte Sängerin, hatte in der oberen Zahnreihe einen Schneidezahn, der länger war als die übrigen, und diese Unregelmäßigkeit schadete ihrem Gesicht nicht wenig. Namentlich beim Singen fiel der Zahn sehr unangenehm auf. : Einige Tage vor der Aufführung des Propheten" trat. Meyerbeer nach , der Probe m das Garderobeznnmer der Primadonna im Theater und sagte ihr ohne Umschweife, daß er ihr die Rolle der Fides entziehen müsse. Was soll das heißen?" rief die Künstlerin überrascht. Habe ich etwas in der Partie nicht richtig wiedergegeben? In diesem Falle thäten Sie besser, es mir mitzutheilen, denn jetzt könnte ich den Fehler noch gutmachen!" Nein, Verehrte, Sie sind die vollendetste Fides, die ich mir denken kann; ich wüßte keine vorzüglichere Tragödin und keine hinreißendere Sängerin aufzufinden," erwiderte Meyerbeer, aber es ist mir dennoch unmöglich, Ihnen die Rolle anzuvertrauen, wenn Sie nicht " Vollenden Sie," drängte Pauline Viardot mit Thränen in den Augen. Wenn Sie stch nicht entschließen, sich einer Operation zu unterwerfen, die Ihnen vielleicht zu schmerzlich erscheint." Was wollen Sie damit sagen?"" Einfach nur, daß Sie sich den vorsiehenden Zahn ausreißen und durch einen anderen ersetzen lassen," platzte der Komponist heraus. Aber, das ist entsetzlich!" rief die Viardot händeringend. Ich werde diese Schmerzen nicht ertragen können!" Doch, meine Gnädige. Ich habe den Zahnarzt Ihrer Majestät der KLmgin von Preußen besonders kommen lassen, um die Königin des Gesanges zu operiren, und Sie können seiner großen Geschicklichkeit unbedingt vertrauen." Die Viardot mußte wohl oder übel nachgeben, da dies die un:rläßliche Bedingung war, die der tyrannische Meyerbeer stellte. . Sie überließ also ihren reizenden Kopf den Handen de berühmten Zahnarztes, der sie denn auch mit wunderbarer Gewandtheit und außerordentlicher Raschheit von dem überflüssigen Stückchen Elfenbein befreite. . Einige Tage nach dieser schrecklichen" Operation erwarb sich die San gerin unsterblichen Lorbeer in der Rolle der Fides, in welcher sie niemals übertroffen worden ist. Nachdem der donnernde Applaus .des Publikums verstummt, die Blumen, die man ihr zugeworfen, beiseite gebracht waren, und die Künstlerin nach vielen Hervorrufen die Buhne verlassen wollte, ergriff Meyer beer,' zitternd vor innerer Veweauna, die Hand der schönen Fides und legte ihr ein Diamantenarmband im Werthe von 30.000 Francs um den weißen Arm. In der Mitte des Armbandes befand sich, von Rubinen umgeben, de? Zahn, den die .große Kunstlenn dem Meister geopfert hatte.

mropaischeS , ZZepartenenj ' Wechsel. Creditöricfc. Postanweisungen, auf alle Städte Europas.

Schiffsscheins von und nach Europa. n- und Verkauf ausländi scheu Geldes. No. 35 Süd Meridian Str. Itlercdaiits National Bank. n der Verwaltung Ihrer wöchentlichen und monatlichen allgemeinen Ausgaben, verfehlen Sie nicht. einen Theil Ihres Salairs zurückzuhalten, der Ihrem Spar Conto einverleibt wno, und machen Sie eö sich zur ersten Pflicht, daraus zu sehen, daß dieser Theil zu Ihrem Credit mit unserer Gesellschaft deponirt wird. Eine Ursache warum so viele Leute zu sparen vergeben, ist die, weil sie nie emen definitiven Plan der Handlung adoptirten. Probiren Sie diesen Plan und wir sind sicher, daß Ihr einziges Bedauern sein wird, nicht früher damit angefangen zu haben. INMAff A. TRUST CO., Capital $1,000,000 Ueberschuß.... .$250,000 Ecke Washington Straße und Virginia Ave. c. ...Rclhtsanwalt... (Früher VtaatSanwalt.) 323-32S Jndiana Trnft ElebandK Telephon (neu) 150. ' ptx Wauc porträlijl. Hör' 'mal," sagt Maler Pinslofsli seufzend zu seinem Freund, nimm mir's nicht übel, wenn ich endlich von dem rede, was mich schon' lange drückt l Ich bin Dir ja nicht neidig aber bei m i r will's gar nicht werden und. Du kommst immer mehr in Flor! Sag' mir doch, was hast Du denn für ein geheimes Zaubermittel?" Palettinski lacht vergnügt.' siisl tnttt ?CritnS " sntt PT n u liiiiii jtvmiv, I"d v , dann, Du sollst es wissen! Wir rnalerk. doch Beide .meist nach Photographien nicht wahr? Na, siehst Du, wenn ich da oft so unbemerkt vor der Auslage stand, ..l welcher die Photographien der. Kunden und daneben meine Porträts ausgestellt waren, dann hörte ich. wie die Leute beim Vergleiche kritisirten: ,Aber sehen Sie nur 'mal, gar keine Ähnlichkeit mit der Photogravbie! Der Mund aanz anders! Und die Nase! Und dann erst die Augen! . . . Nee, könnte mir einfallen, mich von dem malen zu lassen!' Siehst Du, da ärgerte ich mich oft', wüthend, und über dem Aerger kam mir plötzlich eine Idee: Jetzt male ich zuerst meine Porträts, lasse dann diese- . . , . pt rr C pyolograpmren uno neue nun na uno Photographie neben einander in die Auslage! Alles ist natürlich entzücke über die Ähnlichkeit. Man bestellt bei mir wüthend, und ich komme zu Ruhm und Geld! ,Probatum est!' Prosit lu's auch so!" :. ) Die XdjicXc Arnwatte. Dichter (nach der Premiere zu seiner etwas bösen Frau): Nun, liebe Regina, hast Du Dich in Deiner Loge nicht recht gefreut, als ich dreimal gerufen wurde?" S i e : Nein, aber geärgert und geschämt habe ich mich über Dich, so und so oft habe ich Dir vor Beginn der Vorstellung gesagt. Du sollst Deine Krawatte erst richten, bevor Du herauskommst, und trotzdem hat sie schon beim ersten Hervorruf schief gesessen!" Dio böse Zahl. Prinzipal: Haben Sie die neuen Jacken auch ganz genau kalkulirt?" P r o k u r i st : Ja, ich denke, für 13 Mark können wir sie gut geben." P rin z ipa l : Dann wollen wir sie mit 14 Mark auszeichnen;-die Zahl 33 liebt die Kundschaft nickU" Neue Farbe. Sag' doch, Männchen, sind meine .Augen eigentlich hell- oder dunkelbraun?" Na, so mehr salvatorfar-ben.- ' Günstiges Asiien. A. (zu B.): Fllr.meinen Aeltepen ist mir bange, der Träumer kommt gewiß nicht vorwärts in der Welt, der Zweite dagegen bringt sich durch, er hat jetzt schon Schulden genug!-

ton,

mm

Joi

kW