Indiana Tribüne, Volume 28, Number 183, Indianapolis, Marion County, 27 March 1905 — Page 5

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Eine Enttäuschung. Humoreske von Albert Malden. Der Herr Bürgermeister kam etwas später als sonst zum. Mittagstisch. Seine Frau empfing ihn mit finsterer Miene. Na, hättest wohl auch ein bischen pünktlicher sein können! So lange auszubleiben!" ' Ja, es ist diesmal nicht anders gegangen. Eine Unmenge von Amtsgeschäftcn war zu erledigen, und zuletzt hat mich noch Dr. Hartmann mit seinem Besuche aufgehalten. Denk' dir nur: er verläßt uns."Er verläßt uns! Wie meinst du das?" Er hat in der Kreisstadt die Stelle eines Bezirksarztes bekommen und gibt deshalb bei uns das Amt eines Gemeindearztes auf." In dem hageren Gesicht der Frau Bürgermeister lag der Ausdruck hochster Spannung. Und wer erhält den Posten bei uns?" Der Bürgermeister zuckte wieder mit den Schultern. Das wird sich erst ergeben. Ist halt eine neue Sorge für die Gemeinde. Ich habe gleich für morgen eine Sitzung einberufen, damit wir über die Ausschreibung der Stelle schlüssig werden." Die Frau Bürgermeister trat jäh an ihren Mann heran und faßte ihn, wie sie dies immer zu thun pflegte, wenn sie etwas erregte, am Arme. . Du, Anton, wenn ihr darüber berathet, dann mußt du darauf dringen, daß der Bewerber um die Stelle auch angibt, ob er ledig oder verheirathet ist und daß er seine Photographie beilegt." Der Bürgermeister sah seine Frau verwundert an. Seine Photographie?! Wa.s fällt dir denn ein!" Ueber das Gesicht der hageren Frau glitt, ein überlegenes Lächeln. Was mir einfällt? Man verlangt jetzt allgemein von einem Bewerber um eine Amtsstelle nicht bloß ein kurzes Lebensbild, um doch etwas über ihn und seine Familie zu erfahren, sondern auch seine Photographie. Man gewinnt dadurch eine Vorstellung von dem Aeußeren des Mannes, ob er Vertrauen erwecken könnte, und das , ist doch, bei einem Arzt wichtig, ferner ob er ritt schöner Mann ist . . Bei den letzten Worten hatte die Frau Bürgermeister bedeutungsvoll mit den Augen gezwinkert. Doch ihr Gatte schien sie nicht zu verstehen. Ach, was!"' entgegnete er. Sein Aeußeres ist Nebensache. Wenn er nur gute Zeugnisse hat und seine Sache versteht!" Aber da riß die Frau Bürgermeister wieder heftig ' am . Rockärmel ihres Mannes. - O du, Kindskopf, du! Wenn du's noch nicht begeifen kannst, will ich dich mit der Nase daran stoßen. Denkst du denn gar nicht an unsere Anny? Da .war der Bürgermeister in meiner Heimathstadt schon vor einigen zwanzig Jahren gescheidter. Wie da die Stelle des Gemeindearztes zu vergeben'war, ließ er sie einem jungen Doktor zukommen, der ledig war und noch dazu ein hübscher Mann, so daß ihm die 'Tochter des Bürgermeisters gern zum Mann nahm. Na, begreisst du's jetzt?" Der Bürgermeister fuhr sich mit der Hand über den kahlen Scheitel. Ah, so meinst du's! Freilich, da werde ich schon dafür sorgen. Es ist ja wahr: so ein Gemeindearzt soll Vertrauen erwecken, soll freundlich und gutmüthig sein schon der Ortsarmen wegen, und da ist es angezeigt, die Photographie des Gesuchsstellers zu verlangen. Ich werde es dem Gemeinderath schon erklärlich machen." Und am folgenden Tage wußte er es auch in der Sitzung den Stadtvätern erklärlich zu machen. Mit besonderer Veredtsamkeit trat er dasür ein, daß der Bewerber um den Posten des Gemeindearztes, dem Gesuche feine Photographie beizulegen habe. Man fand die Gründe für stichhaltig und so war denn auch in der an maßgebender Stelle veröffentlichten Ausschreibung des freigewordenen Amtes von der Beifügung der Photographie zu lesen. Bald darauf langte im Bürgermeisteramte Gesuch um Gesuch an. Jedes einzelne nahm der Bürgermeister mit nach Hause, um es eingehend- zu prüfen. Dabei gingen ihm Frau und Tochter an die Hand und oft fand geradezu ein Familienrath statt. Man hatte eben die Qual der Wahl. Da lief einmal wieder ein Gesuch ein. Der Bewerber schien das Ideal aller Gesuchssteller zu sein. Seine Zeugnisse waren die denkbar besten. Sein Alter von 28 Jahren sprach für ihn, sein lediger Stand, selbst seine männlich festen Schriftzüge, vor allem aber seine Photographie, die den schönen, stattlichen Mann erkennen ließ. Fräulein Anna schlug verschämt die Augen nieder, als ihr die Mama mit fragendem Blick das Bild gab. Die Frau Bürgermeister lächelte. Sie nahm nochmals die Photographie in die Hand und studirte sie wieder durch. Dann sagte sie kurz: Ich glaube, der ist der beste." Man wurde im bürgermeisterlichen Hause ohne weiteres einig. Die Wahl fiel auf den jungen Doktor Raimurch Nietling ans Wien. Nun sollte es der Bürgermeister, ae-

schickt anstellen, daß diese Wahl auch im Gemeinderathe durchgesetzt' wurde. Er löste die Aufgabe in ebenso geschickter, wie unauffälliger, Weise. Zuerst hielt er mit seinem Stellvertreter, dem Herrn Notar, Rücksprache, dann mit diesem und jenem ö?rrn aus dem (Äemelnderathe. !vcancyer der Wtavrvöter, der zu Hause . gleichfalls eine heirathsfähige Tochter hatte, wollte sich die Sache gründlich überlegen und nahm sich die Gesuche sammt ihren Beilagen mit in feine Wohnung. Die Frau Bürgermeister erkannte dadurch, daß. sie nicht die einzige klug berechnende Frau in der Stadt war und daß es für sie hieß, auf der Hut zu sein. Zum Schluß stellte es sich mit seltener Uebereinstimmung heraus, daß der Auserwählte der Stadtväter auch der des bürgermeisterlichen Hauses war. In den nächsten Tagen fand zwischen dem jungen Doktor und dem Bürgermeister ein reger Briefwechsel statt. Und als der erstere bald darauf im Städtchen ankam, um noch vor Antritt seines Amtes nach einer WohnungUmschau zu halten und dies und jenes zu besorgen, holte ihn der Bürgermeister selbst auf dem Bahnhof ab und versprach, ihm in allem an die Hand zu gehen. Zuvor lud er ihn jedoch zu Mittag an seinen Familien tisch. Der junge Arzt war erstaunt über die Zuvorkommenheit des gewichtigen Mannes. Unwillkürlich durch die unerklärliche Liebenswürdigkeit etwas skeptisch gestimmt, sah er den Bürgermeister einige Mal verstohlen mit dem prüfenden Blick des Mediziners an. Er meinte nicht anders: Der Mann müsse trotz seines blühenden Aussehens nicht Lanz gesund sein und sehe in ihm den zukünftigen ärztlichen Berather, den er nun für sich zu gewinnen trachtete. In dieser Meinung wurde Dr. Nietling noch durch die überaus herzliche Aufnahme bestärkt, die er im Hause des Bürgermeisters fan. Die Frau Bürgermeister, durch die stattliche Erscheinung des zukünftigen Gemeindearztes und die bestechende Art desselben hocherfreut, konnte sich gar nicht genug thun . an Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit. Fräulein Anny streifte die Besängenheit, die sich ihrer anfangs bemächtigt hatte, bald ab und gab sich bei Tische die erdenklichste Mühe, sich gebildet und geistreich zu zeigen. Die Frau Bürgermeister wußte aber auch noch andere Vorzüge ds Töchterleins in's nöthige Licht zu setzen. Alsder Gast die Vortresflichkeit des Mahles rühmte und der Hausfrau darüber sein Compliment machte, lenkte die kluge Frau das Lob in edler Selbstaufopferung von sich ab und ihrer Tochter zu, wiewohl es einzig und al-

lein der aus dem Bohmerlande geburtigen Küchenfee gebührte. Der Doktor sollte die Haustochter eben auch in dem gewinnenden Kleide der Häuslichkeit kennen lernen. Nach Tische konnte er in ihr auch die Künstlerin rühmen. Fräulein Anny begleitete sich auf dem Flügel zu ihrem Gesang, und dann zeigte die Frau Bürgermeister noch einige schön eingerahmte Aquarelle, die von Fräulein Annys Hand herrührten. Der Doktor kargte nicht mit seiner Bewunderung, und diese kam so warmen Tones aus seinem Munde, daß sie aufrichtig sein mußte. Als er dann aus dem Hause des Bürgermeisters schied, um sich nach dem Gasthof zu begeben, in welchem er für einige Tage Aufenthalt genommen hatte, drückte man sich herzlich auf baldiges Wiedersehen die Hand. Es war unverkennbar: Gast und Gastgeber waren gleicherweise voneinander entzückt. Hausherr und Hausfrau hatten den jungen Doktor aus dem Salon hinausbegleitet. Fräulein Anny blieb zurück im beseligenden Gefühl des winkenden- Glückes. Als Mama und Papa wieder in den Salon zurückkehrten, war das erste, was die Frau Bürgermeister sprach: Nun, Anny, wie gefällt er dir?" Fräulein Anny schlug die Augen nicht mehr verschämt nieder. Lebhaften Tones rief sie: Sehr gut, Mama! Ausgezeichnet!" Dabei leuchtete' es aus ihren graublauen Augen. Die Frau Bürgermeister warf ihrem Manne einen trmmphirenden Blick zu. Und du, Anton, was sagst du?" Der Bürgermeister, der sich eben eine neue Cigarre angesteckt hatte, antwortete zwischen den Zähnen: O, mir hat er gleich wunderbar gefallen!" Da trat "seine Frau an ihn heran und gab ihm einen leichten Backenstreich. Du, Kindskopf, du! Und was sagst du zu mir?" Der Bürgermeister schlug seiner Frau gleichfalls leicht auf die Wange. Na, ja, ich sag's ja immer: Du hast ein Ministerköpfel!" Das bürgermejsterliche Trio lachte. Ihr Herzen schlugen voll der frühesten Hoffnungen. Und die ho ffnungs freudige Zuversicht steigerte sich .noch, Qls der junge Gemeindearzt in dem Städtchen zu wirken begann. In kurzer Zeit erwarb er sich den Nuf eines einsichtsvollen und geschickten Arztes. Die Frau Bürgermeister ward es mit ihren Späheraugen freilich bald inne, daß man den Doktor auch in dieser und jener Familie, zu sich lud und zu fesseln strebte. Es war das etwas.

was sie mit Büngniß erfüllte. Am meisten fürchtete sie das Haus des al-' ten Hofrathes Dürmann, der sich vor einigen Jahren nach seiner Pensionirung aus der Großstadt in sein Heimathsstädtchen ' 'zurückgezogen hatte. Seine-schöne Tochter schien der Frau Bürgermeister die gefährlichste Nebenbuhlerin Annys. Sie entschloß sich deshalb, nicht lange zu zögern und allen' anderen, die da hofften, das Edelwild einzufangen, rasch zuvorzukommen. Als Dr. Nietlina eines Nachmittags wieder im Hause des BürgerMeisters zu Besuch war, fand er nur Mutter und Tochter anwesend. Fräulein Anny entschuldigte stch dem Gaste gegenüber: sie habe die Schneiderin im Hause und müsse dabei tüchtig mitthun. So mußte der Doktor mit der Frau Bürgermeister allein vorlieb nehmen. Die kluge Frau beschloß, die Sache sofort in's Rollen zu bringen und begann als wohldurchdachte Einleitung: Also, wie ich von meinem Manne börte, Herr Doktor, sind Sie mit Jhrem Amte bei uns sehr zufrieden?" Gnädige Frau, über alle Maßen! Meine Hoffnungen waren ohnedies hochgespannt. Aber ich finde mich in meinen freudigsten Erwartungen übertroffen. Ich habe vollauf zu thun. Ich weiß es, gnädige Frau; ich habe dabei Ihrem werthen Hause viel zu danken . . O bitte, Herr Doktor!" wehrte die Frau Bürgermeister bescheiden ab. Und ich weiß auch gar nicht, wie ich die Dankesschuld werde abtragen können. Sie haben mir den Weg geebnet, gnädige Frau. Man verlangt nach meiner Hülfe, ruft mich sogar nach auswärts. Erst dieser Tage wurde ich wieder als Gutsarzt bestellt, und auöh die große Fabrik im Dorse kam mir heute zu, kurz: ich kann meine Stellung mit Freude als eine bleibende bezeichnen." In den Augen der Frau Bürgermeister leuchtete es auf. Na, das ist schön von Ihnen, daß Sie uns treu zu bleiben gedenken." Hoffentlich wird die Stadt auch mir treu bleiben?" Daran wird es nicht fehlen' Herr Doktor ganz gewiß nicht. Man hat Sie in der Stadt so rasch schätzen gelernt, und was mein Mann und ich dazu beitragen können . v ." Ich weiß es, gnädige Frau, und deshalb wende ich mich 'auch jetzt voll Vertrauen an Sie l . . die. Gelegenheit, daß ich so ungestört mit Jhyen sprechenkann. .." .. Er stockte. Der Frau Bürgermeister schlug das Herz in freudigster ErWartung. Sie glaubte, ihn aufmuntern zu müssen. Bitte, Herr Doktor, sprechen Sie ungenirt!"; ... Ja, " das will ich, gnädige Frau. Sie begreifen: ein Mann in meiner Stellung ... es heißt schon in der Bibel: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei" und gar ein Arzt. Darum gedenke ich mir hier in der nächsten Zeit mein eigenes Heim zr gründen." Die Frau Bürgermeister hätte- auf-, jubeln mögen. Da würde ihr' ja die Sache überaus leicht gemächt. Er kam ihr selbst entgegen. Offenbar waren Annys häusliche Vorzüge von tiefem Eindruck auf ihn gewesen. In dem freudigen Gefühl, das sich ihrer bei diesem Gedanken bemächtigte, rückte sie unwillkürlich mit ihrem Sessel näher. Sie haben recht, Herr Doktor. Ein Arzt soll nicht lange allein dastehen besonders in einer kleinen Stadt Sie sagten vorhin, daß Sie sich vertrauensvoll an mich wenden wollen. Sie wissen: ich nehme lebhaften Antheil an Ihrem Geschick und wenn ich in der Sache etwas thun kann ..." Jawohl, gnädige Frau. Ich wage deshalb eine Bitte an Sie. Mich be-

seelt der Wunsch, die Frau meiner. Wahl m ein geordnetes Hauswesen einzuführen. Nun bin ich aber in der Stadt doch noch zu wenig bekannt, fühle mich auch nicht . erfahren und kundig genug, eine passende größere Wohnung ausfindig zu machen . und einzurichten. Eine weibliche Hand wüßte da besser Bescheid . . ." Er mußte unwillkürlich vor dem verwunderten Blick der Hausfrau innehalten. Sie starrte ihn verstandnißlos an. Wie! An eine Wohnung dachte er schon und an die Einrichtung derselben und sie sollte ihm dabei behilflich sein?! Aber im nächsten Augenblick begriff sie: ja, gerade an sie wandte er sich deshalb an die Mutter der Auserwählten. Mit freudestrahlender Miene sagte sie: Also, Sie suchen eine geeignete Wohnung, Herr Doktor? Aber ich denke, wenn man ein eigenes Heim gründen will, muß man doch vor allem..." Ueber das Gesicht des Doktors zuckte ein eigenartiges Lächeln. O, gnädige Frau, das andere, das Herz, das hätte ich bereits gefunden." Die Frau Bürgermeister erbleichte. Dann aber, da sie in das beitere Ge. sicht des Doktors blickte, erhellte sich . rwi ' rviecer iyre inerte. Der Schelm von einem Doktor hielt es für ausgemacht, daß er keinen Korb erhalten würde oder.... ja, so mußte es sein: er hatte schon hinter ihrem Aücken mit Anny gesprochen und sich ihrer Hand versichert.

Und unter diesem Gedanken entaeq-

nete sie. mit stillem Lächeln: Ah. Sie haben also bereits gefunden? Und darf man fragen...?" Der Doktor machte eui etwas ern steres Gesicht. Gnädige Frau, lch will mich kurz fassen. Sie wissen: mein Vater ist Lehrer.' Das Leben des Reichen lernte lch also mcht kennen umsowemger, als ich eine hübsche Anzahl von Geschwistern habe. ES wäre auch mir und meinen jüngeren Geschwistern das Stuomm gar nicht ermoqllcht aewesen. hätte sich nicht ein College meines Vaxers gesunden, dessen Verhältnisse günstigere waren und der meinem Vater unter die Arme griff. Dieser treue Freund, .hatte nur ein einziaes Kind ein Mädchen. Sie ist die Freundin meiner Kindheit und es ist zwischen uns unv in un eren Familien befchlossene Sache, sie als meine Frau, heimzuführen, sobald ich eine gesicherte Stellung gesunden habe. Der Frau Bürgermeister war es bei den letzten Worten, als wäre ihr das Herz erstarrt. Auch ihr Gesicht erstarrte plötzlich in eisiger Kälte. Diese Enttäuschung! Und aerade in dem Augenblick, da sie schon so sicher gehofft hatte! Aber ihr geschah ganz recht! Warum hatte sie, als die Stelle des Gemeindearztes ausgeschrieben wurye, Nicht daraus gedrungen, daß der Bewerber im Gesuche nicht blos über ledig" oder verheirathet" Auskunft. zü geben hatte, sondern auch über das Mittelding davon: verlobt". Haß gegen den Mann, der da neben ihr saß und Zorn gegen sich selbst wühlten in der Brust der enttäuschten Frau. Nur mit Mühe konnte sie die Erregung unterdrücken. Aber frostig, wie es ihren eisig starren Zügen entsprach, kam es von ihren Lippen: Ah das ist ja höchst interessant, Herr Doktor! Da werden wir also bald zu gratuliren haben. . Was Ihre Bitte betrifft ich weiß nicht, ob ich da den nöthigen Blick habe, aber- wenn Sie meines Rathes bedürfen . . ." - Sie brach plötzlich ab und warf einen Blick auf die Uhr. Sie. glaubte, die Erregung, die in ihr tobte, nicht länger niederhalten zu können. Und warum- sollte sie stch denn auch noch Zwang' anthun?' '7Ach, schon sechs Uhr!" rief sie und erhob sich. Verzeihen Sie, Herr Doktor!' Ich' versprach der Hofräthin, um diese Stünde bei ihr zu' sein. Wir haben eine Sitzung in, Angelegenheit des Unterstlltzungsvereines." Auch der Doktor erhob sich. Er war erstaunt über die jähe Wandlung. Dann schien er' plötzlich zu begreifen. Sichtlich verlegen empfahl er .sich. Die Frau Bürgermeister gab ihm nicht wie sonst das Geleite. Kalt und förmlich verabschiedete- sie sich - von ihm. Sie hätte diesen Mann erdrossein können. In ihr kochte es vor Zorn und Empörung. Diese Enttäuschung! . Aber nun wollte sie wirklich sofort hinüber zur Hofräthin. . Die sollte auch von der gitteren Pille.der Enttäuschung ihr Theil, zu verkoslen bekommen. Und alle die in der Stadt, alle, die sich in frohen Hoffnungen eingewiegt hatten,alle sollten es sofort erfahren. Und der erzürnten Frau war es in ihrem Leid ein Trost, daß auch noch andere an der herben Enttäuschung zu tragen haben würden. Einst und jetzt. Einst bezahlte man bei einem Kleide den Stoff, jetzt bezahlt man die Faon". Es gibt auch heutzutage noch kostbare Kleiderstoffe, wie es auch in früheren Zeiten vorkam, daß die Anfertigung des Gewandes viel kostete. Im großen Durchschnitt aber ist das Verhältniß des Stoffwerkes zu dem Preise der Faon" geradezu charakteristisch für den Wandel der Zeiten. Lobredner der Vergangenheit werden ihn beklagen. Die ersteren können zur Begründung ihrer Meinung sagen, daß jetzt die künstlerische Arbeitsleistung" um so viel mehr geschätzt wird (wenn auch in der Regel den Hauptgewinn nicht der Arbeiter, fondern der Händler hat), die letzteren können dagegen halten, daß jetzt der Werth eines Kleides, wie so mancher andere Werth, nur ein eingebildeter ist, daß eine Laune, eine Modewendung heute fast werthlos macht, was gestern noch gewaltig viel Geld kostete. Interessant in dieser letzteren Beziehung ist die Thatsache, daß früher ein Kleid so viel war, wie ein Kapital. Soaar im öffentlichen Leben, galt es dafür. Ein Kleid verlor nicht seinen Werth von heute auf morgen, es war auf die Dauer von Menschenaltern soviel wie baares Geld. Diese Auffassung kam auch in manchen Sitten undGebräuchen, in manchen rechtlichen Bestimmungen zur Geltung. - So mußte z. V. nach altdeutschem Recht bei Antretung der Hinterlassenschaft eines Hörigen das beste Kleid des Verstorbenen als Steuer an den Herrn entrichtet werden. Welchen Werth hätte heute für ine gnädige Frau die Sonntagstoilette ihres Mädchens für alles? Sogar als Legitimation galten Kleider. Im Westfälischen mußte der Sohn eines Hörigen, wenn er seinem Vater im Hofgute nachfolgen wollte, sich bei Gericht durch Vorzeigung des besten Kleides des Versiorbenen legitimiren. Wo gilt heute der Rock deö Vaters noch so viel?

Wie die Zlamen entstanden. ' Zon Hermann Kohlmetz. ' . Gar mancher, der heute einen reck; kuriosen Familiennamen hat, frägt sich oft seufzend: Wie mögen wohl nieine Vorfahren zu diesem lächerlichen Namen gekommen sein?" Leider kann er sich darauf keine Antwort geben und trägt ihn resignirt, wie etwas Unabänderliches weiter. Professor VilmarMarburg nun hat sich der Mühe unterzogen, die Herkunft und Abstammung der Familiennamen zu erklären. Er ging von der richtigen Voraussetzung aus, daß unsere Vorfahren vor vierhundert Jahren nur Eigenoder Vornamen trugen und sich dann erst, um den Zeit-, Schreib- und Rechtsverhältnissen' und den dadurch hervorgerufenen Verwirrungen zu steuern, noch einen Schreibnamen zulegten. Auf diese Weise entstanden die Fa-mitten-und Geschlechtsnamen,.die sich wieder im Laufe der Zeit oder je nach der hoch- oder niederdeutschen Mundart veränderten. So entstand, um ein Beispiel zu geben, aus der Beschäftigung entnommen, der Name Hirt; niederdeutsch wurde daraus ein Herder" (Herdentreiber), Harder, Höroer. Aus Töpfer: ein Töpper, Potter,Pottgießer; süddeutsch Graper. Grapengießer u. s. w. Viele Familien nannten sich nach ihrem Gewerbe. So entstanden: die , Schneider, die : sich niederdeutsch in Schröder, Schröder, veränderten; die Schumacher (Schumann, Schubert, Schuhof, Schöber u. s. w.); die Schlosser (Schlosser, Schlöffer); die Böttcher (Botticher, Büttner, Bin der u. s. w.); die Wagner (in Wegner u. f. w.). Andere leiteten ihren neuen Namen von ihrem Vornamen ab. Aus Jakob entstanden: , die Jackel, Jäckel, Kober, Koppe, Koppling. Die Endsilbe ing" bedeutet im Niederdeutschen so viel wie jung oder klein. Also Jakob Koppling war der kleine Sohn vom Vater Jakob. Aus Michel wurde der weitverbreitete Name Kleinmichel. Aus Christian bildeten sich: die Chrisien, Kersten, Karsten, Kerstings u. s. w.; aus Friedrich: die Fritze, Fritzsche, Fritsche; aus Heinrich: die Heinz, Heintze, Hentze u. s. w.; aus Dietrich: die Dieterl, Diele, Thiele, Thilo u. f. w. Viele nannten sich nach ihren Behausungen und deren Lagen- die Hoffmanns, die Vormberge, Berger, die von der Haid u. s. w.; andere nach ihrer Heimath, wie:. Frankfurter, Leipziger, Hamburger, oder nach ihrem Volksstämme, wie Baier, Sachse, Schwabe u. s. w.; der Name Flemming (niederdeutsch) heißt hochdeutsch Flamländer. Die Namen Geßner und Gasner entstammen dem- Schweizerdialekt und werden vom Geis- oder Ziegenbuben hergeleitet. ..Die' Badern welche im Mittelalter eine Badstube hielten, wurden Stöber, Stüber, Slübner genannt, daher diese Namen. Leute, die vom Westen, Osten oder Süden eingewandert waren, nannten sich Ostermann oder Westermann; so sollen die Vorfahren des Dichters Sudermann, dessen Familie seit langen Jahren in Königsberg lebt, aus dem Süden eingewandert sein. Vielen wurde vom Volk ein Spottname beigelegt, den sie nicht mehr los werden jonnten, und da sie alle Welt so nannte, bekehrten . sie schließlich' sich selbst dazu So nannte man früher die Anatomen allgemein Leichnamschneidert und thatsächlich existirten Familien dieses Namens. Ein Josef Leichnamschneider war 1755 Hofpfarrer in Wien. Im 15. Jahrhundert gab es eine Familie Teufelskind vermuthlich waren diese Teufelskinder Abkömmlinge einer berüchtigten Hexe. Auch die Namen Gutthenreiter (ein Mann, der sich kindisch benimmt), Teufelskerl und Manteufel, Frohböse (schadenfroh), Leisetritt, Giftheil u. f. w. sind ursprünglich Spottnamen geWesen. Andererseits aber gingen auch die guten Eigenschaften der Vorfahren auf den Schreibnamen über. So giebt es Hilgermann (heiliger Mann, Einsiedler), Frohmuth, Süßkind, Liebeskind, Seltenreich (glückselig) und andere Namen. Auch aus sonstigen Eigenschaften 'entwickelten sich Namen. Anfangs nannten sich die Leute, um sich voneinander zu unterscheiden: Johann der Gute, Paul der Lange, Fritz der Kreideweiße, woraus Johann Gute, Paul Lange, Fritz Kreideweiß entstanden. Dazu gehören auch die originellen Namen: Lobetanz (so viel wie Verlobungstanz) und Klubertanz (Holzhauertanz). Der Name Biester heißt so viel wie Dunkel und ist niedccdeutschen Ursprungs. ' Andere nannten sich nach den Geräthen und Werkzeugen, wie: Dreifuß, Hacke, Löffel (Löffler), Fingerhut; auch Schaumlöffel giebt eS viele; ferner: Tischbein, Holbein, Schliephacke u. s. w. Auch Zahlen fi.iden sich theilweise zusammengesetzt, oder einfach unier den Gefchlechtsnamen, wie: Dreischock, Vterort, Siebenkäß, Tausendteufel (Dusenddübel), Hundertmark u. f. w. Andere leiten ihren. Namen vom Fleisch ab: Magerfleisch, Rindfleisch, Klopffleisch u. s. w. Eine Familie, die noch heute sehr zahlreich m dem Städtchen Rothenburg a. d. Fulda vertreten ist, nennt sich sogar Fleisch und Blut". Auch das Bier muß herhalten, namentlich war die Seroindung Sauer" bei Bier und Speisen beliebt. So giebt es: Sauerbitt und

Europäisches Zlchartencnt lr Wechsel, Creditbriefe, Postanweisungen, auf alle Städte Europas. Schtffsschetne von und nach Europa.

ln- und Verkauf auö'iSudi' scheu GeldeS. 3ta 35 Süd Meridian Str. Mercliants National Bank. Jolio C. UfMim, ...Rcchtslintvalt... (Frühn Vtaattanwalt.; 323-325 Jndiana Trust Gkbändt Telephon (neu) 150. Gutbicre, Sauerbrei, Sauerteigs, Schmecke- und Schluckebiers. Das hesfische Dorf Höringshausen bei Darmstadt ist größtel.theils von Schluckebiers" bewohnt. Der komisch" Hin gende Familienname Sauerhering sindet sick bäuiia in Qstvreuken und ist durch Einwanderer bis nach Amerika verpflanzt worden. Verfasser dieses fand im Staate Wisconsin unter den Deutschen manchen amerikanisirten Sauerhering". Ferner giebt es Familiennamen wie Milchsack, Hafersack, Dotterweich, Ziegenspeck, Bockshorn, Ochsen- und Rindsköpfe; denn viele Geschlechter haben ihren Namen aus cfc:. je. if.t.t o:.. rzxt UClll -ilCllClUJC CiUlClU. ""i Ochs, Wolf und Fuchs u. st w. mußten herhalten, besonders aber hat der Hase reiche Beiträge zur Bezeichnung des menschlichen Geschlechtes gegeben; siehe Hasenclever u. f. w. Das schlesische Grafengeschlecht Schafgottsch modelte sich seinen Namen nach demersten Ahnen, der sich Gottfried Schaf nam te; auch sind die Geschlechter der Schweine, von Schweinsberg", der von Riedesel u. f. w. bestens bekannt. Auch die Vögel nun en ihren Nennen dem Menschen ablassen. Am meisten nhfr finh ht hitrvnmfn urtifr htn V J v w Juden vertreten. Auch das Pflanzenreich, die Blumen, Kräuter, Wurzeln, Blätter, Gemüse bis auf das Suppenkraut, Petersilie, Meerrettich und nnfsrntÄ fctmmlir Srr2 ßitirp'ihp itnh V VVVM V VUW V V V Korn mußten ihren Namen hergeben. Am häufigsten finden sich auch Zusammensetzungen mit Baum Busch Holz. Eichholz, Weidenbaum, Nußbaum, Schlehbusch, Weinlaub.

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Auch caturcrjcyemungen wie slurm. Blitz, Brausewetter,- Sonnenschein, Mond, Sterne, Feuer, Funkc :, Rauch (Stubenrauch), Wasser (Stob- und Kaltwasser), Regen (Stoffregen) alle sind vertreten. Ebenso Meer, Bäche, Seen,' Land, Steine, ja es findet sich sogar der Name Nobis (Abyssus) vor, welcher auf deutsch sich mit Abgnmd der Hölle" übersetzen läßt. Auch die Glieder des menschlichen. Körpers: Bein, Kopf. Finger, Arm,. Knochen, Fuß (Streckfuß), Dollfuß)x die Bekleidungen: Hut, Rock, Mantef (Zuckermantel), Schuh (Holzschuh, Buntschuh), finden sich als Familiennamen. schließlich giebt es noch eine Gruppe von Namen, die einen Befehl oder eine Gewohnheit ausdrücken, wie: Bleibtreu, Haberecht, Hausschild, Schlagintweit u. f. w. Die Namen Habenichts, Thunichtgut sind wiederum Spottnamen, ebenso wie Zickendraht für einen Schuster (soll heißen: Zuck den Draht, Schusterdraht), auch ist der in Schlesien häufig vorkommende Name Opitz und Apitz ein Spottname, der aus dem Slawischen mit der Silbe itz korrumpirt wurde und auf deutsch Affe oder Aeffchen bedeutet. Ebenso wurde der Name Kretschmer dem Slawischen entlehnt, welcher so viel wie Kneipenwirth" bedeutet. Auch die lateinische und andere Sprachen wurden zur Verfeinerung des schlichten deutschen Namens herangezogen. Kurz, es giebt nur wenig Dinge, mögen sie noch so kom!sche Bennenungen tragen, die sich nicht auch als Familien- oder Geschlechtsnamen finden. Das Obergericht in Connecticut hat dieser Tage eine Entscheidung abgegeben, welche das Urtheil ds dortigen Superiorgerichtes bestatigt, wodurch erklärt wurde, der versiegelte .Brief in Philo S. Bennett'S Testament, durch den an William X Bryan $50,000 vermacht wurden, bilde keinen Theil des Tesmentö. Bryan hatte gegen die Entscheidung der Vorinstanz die Berufung eingelegt, -mit em eben erwähnten schlechten Erfolae.