Indiana Tribüne, Volume 28, Number 182, Indianapolis, Marion County, 25 March 1905 — Page 5

Das gnädige Mulein. Humoreske von Teo von Torn. Mit ihrem rechten Vor- und Rufnamen hieß sie Alberta Maria Elfride Alberta von Riffling. Wie man dazu gekommen, war, den unkalendarischen Namen Tolle" davon herzuleiten, war weder aus der Rifsling'schen Familienchronik festzustellen, noch hatte sich eine plausible Ueberlieferung erhalten. Dieser Name mutzte aus einer Zeit stammen, in der das Nesthäkchen des damaligen Oberstleutnants von Riffling noch die Neigung hatte, helle chinaseidene Tischdecken mit einer angelutschten Lakritzenstange zu bemalen oder rittlings die Treppengeländer herunterzusausen. Das alles lag weit zurück. Aus dem pummeligen kleinen Unband mit den etwas gekrümmten Bemchen und der eigenwillign Kikerikistimme war ein Backfisch geworden, der seine fünfzehn Lenze und das fußfreie Kleid mit Ernst und Würde trug. Trotzdem hieß sie immer noch Tolle im Hause, in der Schule, überhaupt bei allen, die sie kannten. Tolle Rifsling drehte die ihr überreichte Karte unschlüssig in den Händen. Einen orientirenden Blick darauf zu werfen, hielt sie für überflüssig. Der junge Mensch mit den feierlichen blauen Augen und dem weißlichen Schnurrbartansatz oberhalb der Mundwinkel war ein Leutnant eine Erscheinung also, die im Hause des Generals von Rifsling den Reiz der Neuheit nicht hatte. Ob der nun Müller oder Kunze hieß, war ja egal. Wie gesagt, Papa ist nicht zu Hause." Und die Frau Generalin?" Auch nicht. Es ist überhaupt niemand zu Hause. Bloß ich." Das ist aber schade." Der Blonde zupfte defangen an seinem Värtchen. Er machte den Eindruck, alZ wenn er dte Abwesenheit der Herrschaften wirklich bedauere, was Tolle Rifsling einigermaßen verwunderte. Meist waren die Leutnants, die aus irgend einem Grunde sich bei ihrem Brigadier zu melden hatten, ganz froh, wenn sie nur ihre Karte abzugeben brauchten. Wünschen Sie Papa in einer dienstlichen Angelegenheit zu sprechen oder " Wie man's nehmen will, gnädiges Fräulein; dienstlich, und in gewissem Sinne auch wieder privat." Einem jungin Mädchen, das trotz Einsegnung und langer Kleider immer noch Tolle" genannt wird, ist es nicht zu verdenken, wenn es sich durch ein gelegentliches gnädiges Fräulein" sympathisch berührt fühlte. Die dunkelblaue Schleife, die den Scheitel der kleinen Dame schmückte, neigte sich verbindlich. Mit einer hoheitsvollen Bewegung warf Tolle Rifsling den Zopf von der Schulter auf den Rücken und gab die Thür frei. Bütte, tröten Sie näher Papa kann joden Augenblück nach Hause kommen." - Wenn Sie gütigst gestatten " ' Djawoohl, bü'tte." Der Leutnant nahm auf dem Stuhle Platz, auf den ihn die Kleine mit einer graziösen Geste verwiesen. Sie selbst setzte sich steif in einen Sessel. Die Karte hatte sie in der Nähe auf ein Tischchen gelegt. Alles gemessen und vornehm, wie sie's an Empfangstagen bei Mama gesehen und wie sich das für ein gnädiges Fräulein gehörte. Sie wußte zwar, daß ihr diese Haltung nicht recht lag und daß sie sie schwerlich würde durchfuhren können. Augenblicklich aber war ihr so, und sie pflegte in allen Dingen ihren momentanen Eingebungen zu folgen. Die hohe Flöte im Ton gab sie jedoch schon gleich auf bewußt und mit Absicht. Sie mußte einen spitzen Mund machen, um so distinguirt zu sprechen, und das kleidete sie nicht. Außerdem erschien es ihr unfreundlich, einen so ungewandten Menschen noch befangener zu machen. Sie sprach also wieder ganz natürlich. Sind Sie schon lange hier?" Seit einer Stunde." Ach so dann sind Sie gar nicht von hier?" Ich komme aus der Residenz, gn'adiges Fräulein." Wie interessant! Da kennen Sie vielleicht Marie von Buschow, die vor einem halben Jahre mit ihren Eltern nach dort verzogen ist " Habe leider nicht den Vorzug," erwiderte der Blonde, der jede Antwort mit einer kurzen Verbeugung begleitete. Wenn sie sprach, schauten die feierlichen blauen Augen groß und mit einer gespannten, fast ängstlichen Ausmerksamkeit. Antwortete er, so senkte er den Blick entweder auf die Spitze seines Helms, den er zwischen Zeigeund Mittelfinger der schneeweiß behandschuhten Rechten balancirte, oder auf die Füße der kleinen Dame. So absichtslos das geschah, war es

Tolle Rifsling doch genierlich. An dem einen Schuh war die schleife nicht mehr ganz fest. Sie zog die Füße unter den Sessel und plauderte lebbaster. Wir werden jetzt auch öfter nach der Residenz kommen. Meme Schwester heirathet nämlich den Baron von Rehrkorn, Jagermeter ves Herzogs Kennen Sie Helmold von Nehrkorn? .O ja - sehr gut. Ich-"

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Kleine ihm begeistert in's Wort fiel: Das ist reizend! Ein riesig netter Mensch, nicht wahr? Wir stehen uns r l ' .. . c (v , ff. :jc jamos milemanoer. ur oen iaz iuj mir auch gern all' den Trubel im Sause fallen. Denn, wissen Sie.' solche Hocyzettsoorbercitungen sind greulich. Wochenlang ist von nichts anderm die Rede, und alles dreht sich darum. Daß ich hier allem zu Hause sitze, hänat auch damit zusammen.' Mama macht mit Eri und der Zofe Einlaufe., Heute wie alle Tage. Man' denkt, man hat alles, und . schließlich fehlt immer noch was.' Das Mädchen ist mit der Waschfrau und den Burfchen auf dem Hofe und hängt die Brautwasche - auf. ' Eine . Unmenge, sage ich Ihnen. Fünf große Korbe. Ich habe vorhin einen sehr schönen Kranz geflochten der dazugehangt werden soll weil das Glück bringt. Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich gestört habe " stot terte der Leutnant. Ach nein. Bleiben . Sie, bitte. sitzen. Sie dürfen nur nicht so auf meine Hände sehen die sind von dem Flechten nicht ganz sauber." Sie legte die Visitenkarte, mit der sie während der Unterhaltung gespielt hatte, auf den Tisch und verschränkte -die Finger. Ja. Was wollte ?ch doch noch sagen ganz recht: dem armen Papa geht's noch schlimmer. Seit heute früh ist er zu jedem Zuge auf der Bahn. Der Prinz ist angemeldet. Prinz Flieder. Er soll die Gluckwunsche des Herzogs überbringen. Da er auch mit dem Dreiuhrzug nicht gekommen ist, sind Mama und Eri einkaufen gegangen. Papa läuft aber noch unentwegt zur Bahn. Ist eigentlich eine furchtbare Unvernunftigkeit vom Hos. Man schreibt doch wenigstens Bescheid: mit dem und dem Zuge komme ich. Vielleicht stellen Sie Ihren Helm unter den Stuhl, Herr Leutnant." Die blitzblanke militärische Kopfbedeckung war den Händen des Blonden entfallen und ziemlich weit über den Teppich getrudelt. Nachdem der Leutnant den Helm ergriffen, stellte er ihn gehorsam an die bezeichnete Stelle. Das Knabengeficht hatte sich aeröthet und die feierlichen blauen Äugen blickten geradezu verstört. Tolle Rifsling bemühte sich mit feinem Takt, ihm durch besondere Munterkeit über sein Mißgeschick hinwegzuhelfen. ...Aber das ist so mit den hohen Herrschaften," zwitscherte sie leichthin. Selbst ihre Güte und Liebenswürdigkeit ist immer ein bischen überkandidelt. Auf den Prinzen bin ich nun ganz besonders neugierig. Er soll unglaublich schüchtern sein, auf alles Gedichte machen und eine geradezu verdrehte Vorliebe für Flieder haben. Daher Prinz Flieder. Unser rother Salon nebenan ist ganz unter Flieder gesetzt. Das hat emen Hausen Geld gekostet und duftet zum Umfallen. Wenn er nun heute nicht kommt, ist die ganze Ovation hm. Da Sie m der Residenz leben, kennen Sie den Prinzen naturlich. Der Leutnant klappte in einer zustimmenden Verbeugung vornüber. In seiner brennenden Befangenheit achtete er jedoch nicht des Helms, der unter dem Stuhle stand. Die nach hinten scharrenden Füße setzten ihn abermals in Bewegung.' Und da der Blonde sich eilig erhob, um ihm nachzulaufen, warf er auch den Skuhl um. Tolle Rifsling lachte hell auf. Gleich darauf that ihr das leid. Der Aermste machte eine zu unglückliche Figur. Er schien Neigung zu haben, sich zu verabschieden und das wäre ihr sonst auch ganz recht gewesen. Die Eltern kamen immer noch nicht, und die Nachmittagssonne warf ihre letzten schrägen Strahlen durch die Stores. In den Ecken des Zimmers lauerte bereits die Dämmerung. Mit einem solchen Abgang aber konnte sie den Menschen unmöglich entlassen. Das erlaubte ihr gutes Herz nicht. Sie lud ihn also freundlich ein, wieder Platz zu nehmen eine Anforderung, wtlcher der Blonde denn auch zögernd folgte. Tolle Riffling wußte jedoch nicht gleich, womit sie den Gast weiter UNterhalten sollte. Außerdem kam es ihr zum Bewußtsein, daß es doch wohl nicht richtig gewesen war, einen fremden Herrn allein zu empfangen und diese Erkenntniß beunruhigte sie. Besonders, da es schon dämmerte. Immer mehr und mehr. Erna Pohlmann, die nur knapp ein Jahr älter war, hatte einmal erzählt, wie ihr in einer ähnlichen Situation eine Liebeserklärung gemacht worden sei, ganz unversehens und aus heiler Haut. Tolle Riffling streifte den Blonden mit einem Seitenblick voller Sorge und Mißtrauen, und ein eisiger Schreck kroch ihr den Rücken hinauf. In den feierlichen blauen Augen flammte etwas wie ein Entschluß. Er fuhr mit dem Zeigefinger an der Innenseite seines Uniformkragens entlang, als wenn er sich Luft machen wollte.. Dann räusperte auch er sich und sagte: Mein gnädiges Fräulein, ich bitte um die Erlaubniß, eine Er klärung " Weiter kam er nicht. Tolle Riffling hatte einen Bleistift ergriffen, dessen Spitze eilig abgeleckt und zeich nete angelegentlich auf der Rückseite der Visitenkarte. Dabei fragte sie, ohne aufzusehen: Können Sie Bilderräthsel lösen, Herr Leutnant?"

Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein

habe mich noch nicht recht darin versucht." Aber ganz was Leichtes werden Sie doch rauskrieqen. Passen Sie mal auf: erst ein kleines c und darüber ein großes W.' Was ist das?" - Der Leutnant rutschte auf semem Stuhle hin und her und machte den verunglückten Versuch eines Lächelns. Nun, das ist doch ganz einfach' rief sie mit forcirter Lustigkeit. DaS bedel7let Hühnerauae!" Hühnerauge hin ganz recht " Na ja em großes Weh aus dem kleinen Zeh!" Ausgezeichnet. Sehr drollig. .Nicht wahr? Da will ich Ihnen gleich noch eins aufgeben. - Das ist aber schon schwieriger. Ein alter, maulfauler Oberförster kommt an sei nen Stammtisch, und zwar gegen die Gewohnheit ohne semen Teckel. Nach dem Verbleib von Männe befragt. zeichnet er folgendes auf den Tisch: Em aroßes W so! Und m diesem W die Initialen N II, F I, und E VII., was so viel bedeutet wie Nuolaus der Zweite, Franz Josef und Eduard der Siebente. Was bedeutet das?" Der Leutnant zoq die -blonden Brauen hoch und scheuerte rathlos seine Knie mit beiden Händen. Das wissen Sie auch Nicht? Ich muß gestehen " Damit ist ganz klar ausgedrückt. was dem Teckel gefehlt: die Potentaten im W. Richtig ausgesprochen: die Poten thaten ihm weh! Stimmts?" Das ist köstlich!" Und dabei glückte ihm wirklich ein Lächeln. Jetzt werde ich Ihnen noch m i drei Zügen ein lustiges und ein trauriges Schwein zeichnen." Alsbald hielt sie ihm die Karte hin. Er warf einen höflich interessirten Blick darauf und verbeugte sich anerkennend. Das traurige Schwein schien aber feine Stimmung übel beeinflußt zu haben. Die blauen Augen waren wieder ernst und feierlich. Da Ihre verehrten Eltern immer noch nicht kommen, gnädiges Fräulein, kann ich nicht umhin " Sind Sie musikalisch, Herr Leutnant?" fragte Tolle Riffling, indem sie vom Fenster, aus dem sie ängstlich einige Sekunden gespäht hatte, zum Flügel ging. Nur wenig." Aber den Flohwalzer können Sie doch begleiten den kann ich nämlich mit der Nase spielen, was gar nicht so leicht ist." Wenn Sie befehlen, will ich die Begleitung gern versuchen," bemerkte der Leutnant resignirt. Als er sich aber erhob, wehrte Tolle Riffling mit beiden Händen ab. Nein, nein! Lassen Sie nur! Ein andermal. Vielleicht haben wir bald wieder das Vergnügen. Mir fällt eben ein es wird doch Zeit, daß ich den Kranz herunterbringe. Ich wollte meine Schwester bei ihrer Heimkehr damit überraschen. Sie können ja mit 'runterkommen, nicht wahr? Es ist draußen viel netter wie im dumpfen' Zimmer, und die Wäscheausstattung meiner Schwester ist thatsächlich eine Sehenswürdigkeit. Einen Augenblick entschuldigen Sie nur, ich werde den Kranz gleich holen!" Der Blonde schien jeden Widerstand aufgegeben zu haben. Zum stillen Gaudium der bei der Wasche thatigen Bedienung war er behilflich, den glückbringenden. Kranz an einer der hochsten Stützen anzubringen. Zur Velohnung wurde er dann von Tolle Riffling durch die langen Reihen flatternder Batistes geführt und seine Bewunderung auf eine besonders ' schöne Stickerei oder kostbare. Spitze gelenkt. Alle Sorge und Besanaenheit war von Tolle Riffling gewichen. Sie freute sich des famosen Einfalls, durch den sie den Gast aus dem Zimmer geluchst, und wußte es auch so einzurich ten, daß er nicht wieder mit nach oben kam, sondern sich auf dem Hofe verabschiedet?. Tolle Riffling war wieder einmal außerordentlich mit sich zufrieden Eine knappe Stunde später jedoch suhlte sie ihre Zuversicht bedeutend er schüttert. Papa hatte im Kasino er fahren, daß der Prinz mittels Automobils eingetroffen sei. sich nur umaezogen habe und alsbald fortgegangen sei, um dem Herrn General seinen Be such zu machen. Darauf war Papa athemlos angestürmt und hatte die Visitenkarte gefunden. Auf der einen Seite stand Prinz Erich Woldemar", aus der andern Seite befanden sich un terschiedliche Kritzeleien, sowie ein lu stiges und ein trauriges Schwein chen ... In's Gebet genommen, schwur Tolle feiern und Bein, den Prinzen hervor ragend gut aufgenommen und vor trefflich unterhalten zu habend .Er wäre denn auch so aufgekratzt gewesen, daß er ihr geholfen habe, den Kranz anzubringen für den sich Eri Lbrigens noch nicht , einmal bedankt habe. r i cvr. .nn " , , w ajk nusnanung yane iym aucy tt)X gut gefallen. Während Mama in eine wsbltbätiae Ohnmacht fiel, raste Papa davon wayrschemlich, um den hohen Herrn noch zu greifen. Er hat ihn nicht mehr erwischt. Tolle Riffling aber sah sich glänzend rehabilitirt durch ein wunderschönes Gedicht, das sie noch an demselben Abend erhielt, nebst einem roilvaren traufc weißen Flieders.

Wie Jnlchen Eichle? zum Glucke

kam. Von Lotte Gubalke. Schluß. Wie er nun so da saß und in den Sommerabend- hineinträumte, kam Julchen Eichler auf der Landstraße daher. Sie machte immer eine dreitägige Tour, ging den ganzen Gau ab, der aus fünf Dörfern bestand, übernachtete in einem kleinen Flecken, um dann über Vebenroth heimzukehren. Sie war noch mehrere hundert Schritte von ihm entfernt, aber erkannte sie schon-von Weitem an ihrem Hut, den keine andere Bäuerin in dieser Gegend trug. Er hatte darüber nachgedacht, was sie ihm von ihrer traurigen Kindheit gesagt hatte. ' So lange er sie kannte, niemals hatte sie ihm von ihren Eltern erzählt. Und er kannte sie lange. Das Seifenlädchen, in dem sie ihre ersten Kenntnisse gesammelt hatte, lag in dem Haus in der Provinzialstadt, in dem die biedere Lehrerswittwe gewohnt hatte, bei L m r 1 i oer er m Penston war, als er oas Gymnasium besuchte. Und ??rau Kleinmichel hatte getreulich alle seine Niederlagen, die er auf dem Reib des Wissens erlitt, der lahmen Jungser Marth' berichtet. Julchen, die damals schon, kaum vierzehnjährig, Botengänge machen mußte, überbrachte ihm die Drohbriefe der Mutter und die Mahnungen zu Fleiß des Vaters und sie that das stets mit einer altklugen, sorglichen Wichtigkeit, die ihn damals schon mehr belustigte als ärgerte. So viele Jahre lang war sie dann in seinem Elternhaus aus- und eingegangen, die Kulturträgerin". Nie war ihm irgend ein zärtlicher Gedanke gekommen, aber er mochte sie treffen, wo immer es war, so empfand er einen wohlthuenden Eindruck. So ein Geruch von intensiver Reinheit schien von ihr auszugehen und so war ihm auch gestern zum erstenmal zum Bewußtsein gekommen, daß sie trotz ihrer sechsunddreißig Jahre noch ein frisches, schönes Frauenzimmer sei. Wer konnte etwas dabei finden, wenn er sie zur Frau nahm? Sie war eigentlich wie gemacht für ihn. Dumm war sie sicher nicht arbeiten konnte sie auch..." Er kraute sich in : seinem dichten, rothblonden Haar ob sie ihn wollte? ' Jetzt war sie ganz nahe herangekommen. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, denn sie hatte ja den Hut auf. Das war auch so eine von ihren Eigenschaften, die er liebte, daß sie den Anzug, den sie aus ihrer eigentlichen He'imath'her mitgebracht hatte, nicht ablegte. Heute hatte sie den grünen Oberrock aufgeschlagen, so daß der rothe Stoß, der ihn am unteren Rande,' umgab, weithin leuchtete. Sie ging ganz in Gedanken, sah nicht rechts und nichts links. So rief er sie denn an: He, Julchen siehst denn deine guten freunde nicht einMl?" ' Sie schrak " ein wenig zusammen und wurde dunkelreth. Guten Abends auch, Karl Gehrauch das ist wohl im leichte Arbeit .zusehen, wie die Immen eintragen, und dazu noch Voqelqesanq!" Ganz recht.' nur schade, daß mir niemand dabei hilft. Ich meine, das sollte Euch nicht schwer fallen, emen Kumpan zu srn den zu solchem Geschäft." Hör' 'mal, Julchen.". sagte Karl Gehrauch, ihre klelnenVosheiten überhörend, llstiq, tritt einmal etwas na her und laß ein Wort mit dir reden. Ich möchte Seife kaufen, du hast mich diesmal regelrecht umgangen und dann hab' ich schon lange fragen wol len. ob du nicht gelegentlich in der Stadt em paar Absatzquellen für mei nen, Honig weißt?" Wenn es etwas zu handeln gab, war Julchen stets zu haben: So kam sie denn unter den Lindenbaum, ließ sich ihren Korb abnehmen, ging mit ihm hinein in die Hausflur und besah den Honig und gerieth in heiligen Eifer, dak fo viel von der goldenen Gottesgabe unverkauft dastände. Sie wukte auch Rath. Da gab es Lev küchler, die die zweite Sorte nehmen würden, und reiche Leute, die den Blüthenhonig zum ersten Frühstück verspeisten.- Karl Gehrauch lächelte vergnügt. Als wenn er das längst nicht alles gewußt hätte! Aber es machte ihm Freude, wie wichtig sie nun alles nahm. Sie versprach ihm, bestimmt in einigen Tagen Antwort zu schreiben, dann wollte er seinen Korbwagen anspannen und den Honia zur Stadt brinaen. Als sie an der Wohnstube vorbeigingen, warf Julchen einen bekümmerten na rnn ein: ' 5a. meine Mutter ist eine gute Wirthin gewesen, ihr Auge und ihre Hand sehlt allenthalben. Jüsemt xerj ibr Bild ansebe. ibr feines, vornehmes Gesicht, dann wundere ich mich emmal darüber, daß sie so einen Bauern zum Sohn hatte und dann, daß sie nicht aus dem Rahmen heraustritt vor Aerger über die Unordnung, die hier eingerissen ist.. Meinst du, Julchen, da wär' noch die alte Ordnung im Wäscheschrank?" Obne eine Antwort abzuwarten trat er ein und 5ul4en folgte ihm, Iwie unter einem Zwange' stehend.

Karl schloß die Thüre eines alten, ei

chenen Schrankes auf. Sie schlug die Hände zusammen. Mein Gott, da j sah es freilich bunt genug aus! Da lag alles ungerollt. durcheinander. Wenn das die Frau Rentmeister erlebt hätte! Aber, die bina. von einer der Va ronessen in Oel gemalt, an der Wand und sah an den Beiden vorbei und kümmerte sich Nicht um schlecht gelegte Wäsche. . Wenn du einmal Zeit hattest und den Schrank in Ordnung bringen wolltest. . ." Heut? Nein heut Nicht heut muß ich heim, aber " Aber am Sonntag vrnmcht?" All' mein Lebtag bin ich Sonntags noch nicht hier herausgekommen!" Einmal thut man alles zum ersten Mal und Sonntaas ist es bier erst wtrkllcy schon. Eine myi Straßen find blitzblank gekehrt, die Leut' - sitzen vor den Thüren und schauen die Stadter an, die in den Wald ziehen, und im Stern ist Tanz. Wenn man die Fenster ausmacht, Hort man ganz von Weitem die Melodie meme Mutter liebte das so, ich hab' dann eine Pfeife angesteckt und still vor mich hingeträumt, die Mutter hat gestrickt, hat von ihren Mädchentagen erzählt, vom Vater, wie er so ungeschickt um sie geworben hat, daß sie schließlich noch ein Wort sagen mußte, und dann ist sie eingenickt. Wie sie älter wurde in den- letzten Jahren, kam das Einnicken immer oster vor. Julchen fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Äugen. Die Frau Rentmeister war immer gut zu ihr ein wenig stolz, aber das geHorte sich so, wergwerfen soll man sich nicht, dachte Julchen. Sie sagte, indem sie zur Thur hinaus ging: An einem Sonntag kann ich nicht kommen, aber es wird sich vielleicht demnächst einmal schicken, daß ich am Werktag hier vorspreche." Er half ihr die Kötze aufnehmen, hielt ihr etwas verlegen die Hand zum Abschied hin und wunderte sich nicht weiter, daß Julchen das übersah. Solche Ceremonien waren ja gemeiniglich keine Mode, wenn zwei Leute ihresgleichen voneinander schieden." Jule ging ein wenig schneller durch das Dorf als sonst. Sie rieb sich auch ein paarmal mit dem Handrücken die Augen. Was fiel denn dem Gehrauch ein? Und er sah ihr nach und dachte, warum hast du eigentlich nicht offen und ehrlich ohne Umschweife gesagt: Jule Eichler, zieh' als meine Frau hier ein, wir sind keine heißspornigen Liebesleute mehr, wenn wir aber unseren Kram zusammen thun, kann etwas ganz Gescheidtes daraus werden!" . Julchen saß an diesem Abend noch lange in tiefen Gedanken am Tisch. Sie- hatte getreulich ihre Einträge in ihr Hauptbuch gemacht und gerechnet, war zufrieden mit ihrem Verdienst und fand doch keine rechte Ruhe. Was fiel denn diesem Karl Gehrauch ein? Erst stritt er sich mit ihr über die Pappeln, dann lockte er die Geschichte ihrer traurigen Jugend aus ihr heraus und dann sollte sie ihm Ordnung m seinen Schranken machen! Uno Honig sollte sie ihm auch an den Mann bringen! guck einer an, wie schlau dieser faule Karl war! Das mit dem Honig, das wollte sie besorgen aber Sonntags feme Schränke aufräumen? Nem! Am anderen Tag hatte Julchen sehr viel zu thun. Die Klingel zu ihrem Hei nen Lädchen stand nicht stille. Es war die Zeit, wo die Bürgersfrauen große Wäsche hielten, das Wetter war schon, hell und klar, wie gemacht zum Bleichen. Und wenn irgend eine Magd aus einem wohlhabenden Haus, ihren Einkauf besorgt hatte, dann brachte Julchen die Rede auf Honig, pries ihn an, als gesund, als ein gutes SchlafMittel, als gut für dieBleichsucht, auch spare mann den Zucker zum Kaffee damit, und wirklich am anderen Tag und an den folgenden kamen Beste!lungen über Bestellungen, und auch die Lebkuchler waren nlcht abgeneigt, mit Julchen Honig - Geschäfte zu ma chen, wenngleich es noch etwas früh im Jahr war. Nach langer Ueberlezung schrieb sie dann eine Postkarte an Karl Gehrauch und stellte ihm an heim, seinen Honig in die Stadt zu fahren.die Namen der Kunden könne er bei ihr erfahren. Als Karl Gehrauch diese Postkarte mit den unbeholfenen Schriftzügen in der Hand hielt, wurde ihm feltsam zu Muthe. Mit der Rechtschreibung lebte dies brave Mädchen auf schlechtem Fuß aber was that's war sie nicht zuverlässig pünktlich und treu? Er schloß ein paar Minuten die Augen und vergegenwärtigte sich, wie sie all' ihr Leben lang durch so viel Trübsal gegangen war dachte daran, wie sie die Geschwister zu Grabe getragen und eigentlich nichts anderes gethan, als Lasten geschleppt und wenn sie dabei schwerfällig geworden war und das Lachen verlernte, fo so Karl Gehrauch nahm die Pfeife auö dem Munde, schnippte auf den blanken Deckel uno ging hinein in das Wohnzimmer, setzte sich in den Sorgenstuhl neben den braunen Kachelofen, nahm den Fensterplatz seiner seligen Mutter auf's Korn stellte sich vor. wie Julchen sich in diesem Korb-

Ys YF SIMM... 000 geliefert von A. B. MEYER & C0. Telephone S!uf : Alt -. um 44 Neu m 44 s s 10 Haupt-Vcrömdimgm Wir sind zu jeder Zeit szu haben Kohlenhof nahe bei Ihnen. Saupt Office : J Nord Pennsylvania Straße. sessel aüsnehmen würde, nickte zufrieden stand dann noch einen öugen blick vor dem Bild seiner Mutter und sagte laut in die Stille der Stube hinein: 3ch wag's!" Am selben Tag gegen Abend hielt vor dem Haus in der Lämmergasse Gehrauch's Korbwagen. Er winkte einen Jungen heran, nachdem er einen Strang am Geschirr gelockert hatte, und klopfte an das Fenster der Stube zu ebener Erde. Julchen fuhrHanz erschrocken zurück: Jenes! Gehrauch so bald fchon seid Ihr hier?" Ja ich hab mir vorgenommen, ick will mich nun in allen Stücken etwas beeilen, will mir ein Beispiel an dir nehmen, Julchen Eichler." Jule. sah verwundert auf. Sie wurde roth. Halb aus Aerger, halb fühlte sie sich geschmeichelt. Wir wollen von Geschäften reden, tretet doch ein." Nun stand er in dem kleinen, nie drigen, sauberen Stübchen und war zum erstenmal in seinem Leben verlegen, wie er diese Geschäfte, die ihm in dem Sinne lagen, ordnen sollte. . . Wir haben da noch einen alten Streit," sagte er, nachdem ihm Julchen die Namen der Honig - Kunden ausführlich gesagt hat. nebst einer ge nauen Angabe ihrer Wohnungen. Davon weiß ich nichts" meinte ' das Mädchen bestürzt. . Doch du stehst die Welt für. ein Jammerthal an und ich wollte dir gerne beweisen, wie gut stch's lebt, wenn wenn das Lebensschiff die richtige Bemannung hat." . Wie denn aber?" Da faßte stch Karl Gehrauch ein Herz und brachte schlicht und recht sein Anliegen vor. So viel weiß ich noch von meinem Vater her, der, obgleich r als Nentmeister starb, Theologie studirt hatte: Die Ehe ist ein bürgerliches Geschäft der Luther soll ? gesagt haben, sto' dich nicht daran, wenn du es noch nicht im kleinen Katechismus gelesen hast, der Mann hät noch mehr als diesen geschrieben und nebenbei bin ich dir von Herzen gut, Julchen Eichler, bist eine Frau, wie ste auf das Vien'gütchen Paßt, treu und fleißig und wenn du lachst, so mein ich, du müßtest sogar schön aussehen!" . . , Julchen hatte sich ganz erschrockem auf einen Stuhl gesetzt. War das denn ein Heirathsantrag?" Oder trieb der Mann seinen Spott' mit ihr? K-arl zog stch einen Stuhl herbei und setzte sich auch: Ich warte, bis du dir die Sache klar gemacht haft, Julchen " Und Julchen fing bitterlich an zu schluchzen. Da erhob stch Karl Gehrauch rnifr sagte lachend: Nun heule dich noch einmal richtig aus, altes Mädchen, und dann laß mich dafür sorgen, daß die Thränenströme abgedämmt werden." Es war dämmerig in der Stube geworden und der Junge, der , den Gaul hielt, wurde ungeduldig, darum klopfte auch er ans Fenster. Da fuh ren zwei auseinander und es wai merkwürdig, jetzt stand dem Manne eine Thräne im Auge und das Mädchen lachte. . . . .Julchen Gehrauch ist eine stattliche Frau geworden und Karl Gehrauchs Sohn ist über die Tertia hinaus gekommen. Er hat Theologie studirt und ist nicht Nentmeister geworden. Dafür hat Julchen gesorgt. Einmal an einem Sommerabend, als wieder die Akazien blühten und die Bienen eintrugen, hat Karl Gehrauch seine Frau gefragt, die neben ihm auf der Bank unter der Linde saß alt und grau, aber aufrecht: Hast du eingesehen, daß ich recht hatte, wenn ich sagte: Die Welt ist schön und jedem ist gegeben glücklich zu werden, wenn er nur will?" Ganz so ist es nicht, Karl wenn einer glücklich wird so ist noch ein Unbegreifliches mit im Spiel. Ich glaube, unser Sohn, der Herr Pastor, hat es Gnade" genannt."

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