Indiana Tribüne, Volume 28, Number 169, Indianapolis, Marion County, 10 March 1905 — Page 5
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OAOAOAOAOAOAGÜAOAOAOXOAOAO 1 Die Schlinge. o . o Z Erzählung nach dem Leben. 3 o o q von L. DrrnKcndorf. q QTOYOVOYOYOVOQTOYOTOVOYOVO jyiit jener jovialen Frische, die ihn tl beim Publikum wie bei seinen Amtsgenossen in den Ruf eines besonders humanen und Hebens würdigen Mannes gebracht hatte, erwiderte der Landgerichtsrath Doktor Gerstenberg beim Betreten seines Amtszimmers den bescheidenen Gruß des jungen Referendars. Guten Morgen, Herr Kollege, freut mich, daß Sie schon auf dem Posten jmd. Wollen mir aber ein bischen übernächtig vorkommen." Es war in der That gestern eine ziemlich scharfe Sitzung im .Goldenen Lötven,' Herr Rath," gestand der junge Jurist mit einem Anfluge von Verlezenheit, indem er sich über einen Stoß Akten beugte. Der Landgerichtsrath klopfte ihm vertraulich auf die Schulter. Macht nichts, Jugend muß austoben. Und in der Langeweile unserer biederen Kreisstadt ist ein guter Tropfen ja mitunter das letzte Zufluchtsmittel. Es thut mir nur leid, daß Sie in Ihrer Eigenschaft als interimistischer Protokollführer heute wahrscheinlich wieder einen recht heißen Vormittag haben werden. Dieser- Rösecke versteht sich darauf, einem Untersuchungsrichter das Leben sauer zu machen. Wie ich die Sache beurtheile, bringen wir den Schlaukopf heute oder morgen noch nicht zum Geständniß." Der Mann macht in seiner Schlichtheit und Ruhe einen so sympathischen Eindruck, daß es wirklich schwer ist, ihn für einen Meuchelmörder zu halten." Der Landgerichtsrath lachte. Alles Maske, mein Lieber nichts als geschickt festgehaltene Maske. Diese Art von Biedermännern kenne ich; aber ich verstehe mich auch einigermaßen darauf, sie zu behandeln. Mit Barschheit und Strenge ist da nichts auszurichten. Man muß sie vielmehr durch Geduld und scheinbare Gläubigkeit so lange ir. Sicherheit wiegen, bis sie anfangen, unvorsichtig zu werden und sich selbst den Strick drehen. Ein Untersuchungsrichte? kann gar keinen schlimmeren Fehler begehen, als wenn er einen Verdächtigen gleich auf jede kleine UnWahrheit oder jeden geringfügigen Widerspruch festzunageln sucht. Er muß sich vielmehr den Anschein geben, dergleichen gar nicht zu bemerken, muß die" handgreiflichste Lüge, sofern sie nicht zur Ueberführung hinreicht, mit dem freundlichsten Gesicht für lautere Wahrheit nehmen und den Sünder auf unverfängliche Art ganz sacht in das' Netz feiner eigenen Erfindungen zu verstricken suchen. Es gibt meiner Ueberzeugung nach keinen Verbrecher, der bei geeigneter Behandlung nicht früher oder später seinen Kopf selbst in die Schlinge steckte, und die Kunst des Kriminalisten besteht lediglich darin, sie im rechten Augenblick zuzuziehen." Der Rath hatte sich während dieser lehrhaften Unterweisung vor der Mitte des grünverhangenen Tisches niedergelassen, um in seinen Akten zu blattern. Auf wann ist der Forstassessor Werdenfels vorgeladen, Herr Referendar?" Auf neuneinhalb Uhr." Da müßte er also eigentlich seit Zwanzig Minuten hier sein. Die Entfernung bis zur Oberförsterei Vierlinven beträgt doch auf keinen Fall mehr als drei Viertelstunden. Und um acht Uhr könnte so ein junger Herr wohl aus den Federn sein." Er verdient, vielleicht einige Nachsicht, Herr Rath, wenn er sich etwas verspäten sollte. Als ich um ein Uhr den .Goldenen Löwen verließ, schien der Herr Forstassessor noch nicht an Aufbruch zu denken." So so, ist er ein so Seßhafter? Sie kennen ihn näher?" Nur ganz oberflächlich. Ich begegne ihm hie und da in Gesellschaften oder im Kasino, zu dessen Mitgliedern wir Beide gehören. Gestern Abend traf ich ihn zufällig auf der Straße, und er lud mich in den ,Goldenen Löwen' ein, wo er, wie ich später hörte, seit einer Woche allnächtlich bis zum Morgengrauen zu kneipen Pflegt." Es wundert mich, daß solche Lebensweise sich mit seinen dienstlichen Pflichten verträgt. Uebrigens ist er nicht ein großer, brünetter Herr mit uuffallend dunklen Augen? Ich glaube mich vom letzten Kasinoball her seiner zu erinnern. Es fiel damals auf, daß er fast unausgesetzt mit der jungen .Frau Heydebrandt tanzte. Man erzählte sich, daß er so eine Art Haus--freund auf Groß-Rischdorf sei." Das Rischdorfer Herrenhaus ist nur eine Viertelstunge von der Oberförsterei Vierlinden entfernt, und Herr Heydebrandt war ein alter Bekannter des Forsiassessors. So viel ich weiß, fällt bei diesem Verkehr kein Schatten auf den Ruf der jungen Frau." Wollte ihr auch nichts Uebles nachsagen, und habe mich im Uebrigen um die Privatangelegenheiten des Forstassessors nicht im Mindesten zu kümmern. Was sollte er uns denn eiaent-
lich bezeugen? Ach ja, ich entsinne mich schon. Er soll zugegen gewesen fern, ols Heydebrandt den verhängnisvollen
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ich wollte von ihm eine Schllderuna des Hergangs haben. Na, übermäßig wichtig ist das gerade nicht. Und wenn ihn etwa sein fiatzcnjammer verhindern sollte, heute zu ericyttnul, kommt er auch morgen noch früh genug. Was gibt's, Nitschke? Ist der 5Zeuae da?" Die Frage galt dem alten Gerichtsdicner, der sich geräuschlos zur Thür hereingeschoben hatte. Der, wo geladen ist, noch nicht, Herr Rath. Ader die Frau Ritterqutsbesiher Heydebrandt mochte den Herrn Rath auf einen Augenblick sprechen." Ich lasse bitten." Nach einem Zögern der Befangenheit trat die ganz in schwarze Trauergcw'änder gehüllte jugendliche Frauengestalt über die Schwelle. Der dichte. lana nlederwallende Wittwenschleier verbarg ihre Gesichtszüge, und ihre Stimme war bis zu kaum vernehmlichem Flüstern gedämpft, als sie die beiden Herren begrüßte. Der Landgerichtsrath, der seine verbindlichste Miene aufgesetzt hatte, verbeugte sich mit der Zuvorkommenheit eines wohlerzogenen Mannes. Wollen Sie gefalligst Platz nehmen. gnädige Frau. Sie habet: mir etwas Neues mitzutheilen?" Das eigentlich nicht," erwiderte sie ebenso leise wie vorhin. Ich mußte aus einer anderen Veranlassung in die bleibt fahren, und da glaubte da wollte ich" Sie wollten sich erkundigen, ob die Untersuchung noch nicht zu einem greisbaren Ergebniß geführt hat," half der Rath freundlich nach, da sie verlegen innehielt. Leider kann ich Ihnen darauf nicht mit Ja antworten, da der Inspektor Rösecke noch immer beharrlich leugnet. Aber Sie dürfen versichert fein, gnädige Frau, daß die That nicht ungesübnt bleiben wird. Wir wollen den verstockten Burschen schon zum Gejtandmß bringen. Und selbst wenn uns das nicht gelänge, würden die vorliegenden Indizien für jede Geschworenenbant hinreichen, ihn schuldig zu sprecyen." Die junge Frau hatte den Schleier zur Seite geschoben, um ihr Taschentuch an die Augen führen zu können. Das schmale junge Gesicht, das dabei zum Vorschein kam, war sehr bleich, aber von einer fast noch kindlichen Anmuth und Weichheit. Sie braucyte em paar Sekunden, um ihre Thränen zu trocknen, dann klarn es zaghaft und stockend von ihren Lippen: Aber wenn er es nun doch vielleicht nicht gethan hatte! Glauben Sie wirklich, daß man ihn auf den bloßen Verdacht hin verurtheilen dürfte?" O, inctne Gnädige, hier handelt es sich um mehr als um lloßcn Verdacht. Rösecke hatte am Tage vor dem Morde einen heftigen Streit mit Ihrem Gatten, er gibt selbst zu, daß Herr Heydebrandt ihm eine Beschimpfung in's Gesicht geschleudert und ihm seine Skilung gekündigt habe.' Nach den Beweggründen für die Rachethat brauchen wir also nicht lange zu suchen. Die Zeugen sagen übereinstimmend aus, daß der Inspektor während des ganzen Tages finster und wortkarg umhergegangen sei wie Jemand, der über einem folgenschweren Entschlüsse brütet. Zwei völlig einwandfreie Personen haben ihn nach Einbruch der Dunkelhcit im Park hinter dem Herrenhause gesehen, wo er durchaus Nichts zv suchen hatte. Es steht fest, daß er ein guter Schütze ist. und daß er mehrere Jagdgewehre besitzt, von denen er sehr leicht eines unter dem Mantel verbergen konnte. Er war mit den Lebensge wohnheiten Ihres Gatten auf das Genaueste vertraut und wußte, daß Herr Heydebrandt nach dem Abendessen allein in dem Speisezimmer zu sitzen und die Zeitung zu lesen pflegte. Die Fenster vieles zu ebener Erde gelege nen Zimmers gehen nach dem Park hinaus, und sie wurden nur selten durch Vorlegen der Läden verwahrt, da Ihr vollblütiger Gatte cs selbst Während der rauheren Jahreszeit liebte, hie. und da einen Flügel zu öffnen. So war cs für den durch die herrschende Dunkelheit geschützten mr v l. s . . AleuHeimoroer ein leissitr. ourcy va Fenster den tödtlichen Schuß auf den ahnungslosen Mann abzufeuern. Die begreifliche erste Verwirrung der Hausbewohner ermöglichte es ihm, unbemerkt in sein Zimmer zurückzulehren, die Waffe zu reinigen und an ihren Platz zu bringen, so daß ein Nachweis ihres eben stattgehabten Gebrauche- nicht mehr möglich war. Es ist festgestellt, daß Rösecke auffallend spät, als der Letzte von allen Haussenossen, am Thatort erschien, und daß sein Benehmen jedenfalls nicht ganz unverdächtig war. Ein Argwohn gegen irgend einen anderen Gutsinsassen erscheint durch nichts begründet. Ein Fremder aber hätte, da die beiden eisernen Pforten verschlossen gesunden wur den, die ungewöhnlich hohe und mit Gl ichcrben beleate Mauer uberklcttern'müssen, um in dcn Park zu gelangen. Das sind so die wesentlichsten unter den . zahlreichen BelastungsMomenten. Und es hat doch mit alle dem seine Richtigkeit, nicht wahr?" Die junge Frau zögerte mit der Antwort. Ich weiß es nicht" sagte sie endlich. Mir ist noch immer so wirr. wenn ich an die Vorgänge jenes schrecklichen Abends denke. Aber Rösecke ist em autmutmaer Mensch, und er ver trug sich' immer sehr gut mit meinem Manne. Wegen eines Wortwechiels und eine? in der Erregung hervorge-
stoßenen Beleidigung würde er gewiß nicht an ihm zum Mörder geworden sein."
Aber Herr Heydebrandt hatte lym qekündiat. Rösecke hätte binnen Kurzem seine angenehme "und gut bezahlte Stellung verlassen müssen. O, ich bin sicher, daß mem Mann die Kündiauna zurückgenommen hätte, wenn er am Leben geblieben wäre. Es Dar em unglücklicher Zufall, daß der Inspektor ihm aerade in den Weg kommen mußte, als er sich in so große? Aufregung befand." Es ist also nicht Rosecke gewesen. der diese Aufregung verschuldet hat?" Nemnem! Die Urmche war eme ganz andere. Aber ich ich möchte nicht darüber sprechen." Ihr ftines Gesicht war plötzlich wie mit Blut übergössen, und ihre letzten Worte hatten den Klang einer inständigen Bitte. Ich habe nur nach Dingen zu fragen, Frau Heydebrandt, die in irgend welchem Zusammenhang mit dem Verbrechen stehen. Und ich darf wohl annehmen, daß Sie aus freien Stücken sprechen würden, wenn eine solche Möglichkeit vorläge. Sie halten 'also den Inspektor nicht für den Mörder?" Nein, ich glaube nicht daran, daß er es gethan hat. Und ich habe keine Ruhe bei dem Gedanken, daß man ihn ohne Beweise verurtheilen könnte." Und die beiden Zeuaen, die ihn kurz vor der That im Park gesehen haben?' Sie haben sich ganz gewiß getäuscht. Wenn er es gewesen wäre, so würde auch ich ihn erkannt haben." S , e, Frau Heydebrandt? Ja. befanden Sie sich denn nicht zu der Zeit, da die That verübt wurde, in Ihrem Schlafzimmer? Der Diener. der Ihnen die Schreckensnachricht brachte, hat Sie doch da gefunden." Allerdings. Aber ich war erst wenige Minuten, bevor der Schuß fiel, in's Haus getreten." Und Sie haben sich bis dahin im Park aufgehalten?" .Ja." Auf einem getvhnten Abendspaziergangc vermuthlich?" Die mnqe Wittwe Nickte. Etwas Verdächtiges ist Ihnen also nicht aufgefallen? Und Sie sind dem Inspektor nicht begegnet?" : Nein." Aber auch keinem Anderen?" -Die Antwort der Gefragten bestand nur in einem Kopfschütteln. Sie hatte offenbar große Muhe, ihre Thränen hinunterzuschlucken. Der Landgerichtsrath zuckte die Achsein. Sie müssen selbst zugeben, gnädige Frau, daß damit für die Schuldlosigkeit des Inspektors nichts bewiesen ist. Es würde von Bedeutung sein, wenn Sie uns versichern könnten, daß die beiden Zeugen sich in der Person des abendlichen Spaziergängers geirrt haben. Aber da Sie nach Ihrer eigenen Erklärung überhaupt Niemand gesehen haben, liegt vorläufig nicht die mindeste Veranlassung vor, an der Richtigkeit jener Aussage zu zweifeln Die junge Frau hatte wieder ihr Taschentuch vor den Augen. Jetzt hörte man deutlich, wie sie schluchzte. Und nun stand sie plötzlich auf, um dicht vor den Tisch hinzutreten, , an dem der Untersuchungsrichter und sein Protokollführer saßen. Aber wenn er auch dagewesen wäre, Sie dürften ihn darum doch nicht für den Mörder halten. Er ist dessen nicht sähig, und er hat es auch nicht gethan, ich bin felsenfest davon überzeugt. O, ich bitte Sie: lassen Sie sich nicht durch einen falschen Schein gegen ihn cinnehmen. Denken Sie daran, wie furchtbar es ist. unter einem ungerechten Verdacht im " Sie vollendete den begonnenen Satz nicht, denn va Geräusch der hinter ihr geöffneten Thür hatte sie veranlaßt,sich umzuwenden. Sie sah den Gerichtsdiener und sie sah den hochgewachsenen jungen Mann, der ihm auf dem Fuße folgte. Mit einer beinahe ungestümen Bewegung zog sie den dichten Schleier wieder vor ihr Gesicht und wandte sich zur Seite. Der Zeuge, der in Sachen gegen Rösecke vorgeladen wurde, ist da," meldete der alte Nitschke. Und eine kurze, höfliche Aufforderung des Landgerichtsraths bedeutete den auf der r, i. v rf . ' i.c. (.n.t. i- - fr vcjujiucuc vsicyciiueuiicucuen. cuuciiüu einzutreten. Herr Forstassessor Werdenfels?" Zu dienen." Ter schlanke, schwarzgekleidete Herr war ohne allen Zweifel derselbe, dessen sich der Landgerichtsrath vom Kasinoball her erinnert hatte, denn die Be fchreibung paßte vollkommen. Eine kühn gebogene Adlernase sprang auffallend energisch aus dem hageren, tief gebraunten Antlitz hervor, und d; tiefliegenden Augen waren von einem so glanzenden Schwarz, wie man eZ nur selten beobachten kann. Er war mit raschen, elastischen Schritten bis nahe an den grünen Tisch herangeheten: aber seine Lippen waren merkwürdig fest aufeinander gepreßt, und die .steife Krempe seines Hutes knackte vernehmlich unter dem heftigen Druck seiner langen, aristokratischen Finger, während er mit einem raschen Blick über die dunkel gekleidete Frauengestali hmstreifte. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich gestört habe. Aber der Genchtsdiener Seine Stimme klang rauh und hei ser, und er mußte die wenigen Worte durch wiederholtes Rauspern imterbrechen. Sie stören nicht," fiel der Unter-
suchüngsrichtn ein. Es sei denn, daß Sie. mir noch etwas Weiteres mitzutheilen wünschen. Frau Heydebrandt?"
Das Nem der jungen Wittwe war ein kaum noch verständlicher Hauch. Sie grüßte die beiden Herren am Tische mit emem kleinen Neiaen des Kopfes und wandte sich zum Gehen, ohne von dem neuen Ankömmling Notiz zu nehmen und ohne nur für einen einzigen Moment das Gesicht nach der Seite zu drehen, wo er stand. Aber die Verwirrung oder Aufregung, m der sie sich allem Anschein nach befand, ließ sie die rechte Thür verfehlen, und da sie den zurechtweisenden Zuruf des Lanogerichtsraths onenbar nicht ver stand, sah sich der Forstassessor veranlaßt, ihr zu Hilfe zu kommen und mit einer stummen Verbeugung die auf den Korridor hinausführende Thür v?r ihr zu offnen. Frau Heydebrandt dankte ihm seine Ritterlichkeit nicht, ja, es sah fast aus. als ob sie wie in einer Regung des Entsetzens zurückpralle, als plötzlich seine hohe Gestalt vor ihr auftauchte. Mit tief gesenktem Kopfe ging sie an ihm vorüber, ohne ein Wort zu ihm zu sprechen oder semen Gruß zu erwidern. Der Referendar, der den kleinen Vorgang aufmerksam beobachtet hatte, warf dem Untersuchungsrichter emen erstaunt fragenden Blick zu; aber das joviale, behäbige Gesicht des alten Herrn, hatte seinen gewöhnlichen, unbefangen freundlichen Ausdruck. Das sonderbare Benehmen der Beiden, das ihren stadtbekannten freundschaftlichen Beziehungen so wenig entsprach, war also entweder seiner Beachtung entgangen oder es hatte für ihn weiter keine Bedeutung. Wollen Sie gefälligst Platz nehmen. Herr Forstassessor. Sie wissen aus der Vorladung, m welcher Angelegenheit Ihre Aussage verlangt wird. Der Form wegen muß ich Sie darauf hinweisen, daß Sie dieselbe vielleicht spater zu beschwören haben werden." Werdenfels verneigte sich stumm, und ließ sich dann auf demselben Stuhle nieder, auf dem vorhin Frau Heydebrandt gesessen hatte. Der eigenthüm lich gespannte Ausdruck, den sein Gelcht bis dahin gezeigt hatte, war ver'chwunden; aber ein tiefer, fast sinsterer Ernst lag auf seinen Zügcn, und mit einem seltsam bohrenden Blick hingen seme Augen-unverwandt an den Lippen des Untersuchungsrichters. Es ist Ihnen bekannt, daß der Rittergutsbesitzer Friedrich Heydebrandt auf' Groß-Rischdorf vor acht Tagen, ncirnjich am . März Abends neun Uhr- durcy einen ln das Fenster seincs zu ebener Erde gelegenen Speisezimmers abgegebenen Schuß ermordet worden ist. Der Verdacht, den Mord begangen zu haben, richtet sich gegen den, Gutsinspektor Eduard Rösecke, dem Heydebrandt"nach einem voraufgegangenen Streite ferne Stellung Tags zuvor gekündigt hatte. Alle diese Umuande sind Ihnen vermuthlich aus den Zeitungen oder auf andere Weise bekannt geworden." Sie sind mir bekannt." Der in Untersuchungshaft befindliche Rösecke leugnet seine Schuld. Ein Verdacht gegen eine andere Persönlichkeit aber liegt , bis zur Stunde nicht vor. -.Es. ist mir nun von Wichtigkeit, die Ursache und den Verlauf des Streites. zwischen den beiden Männern möglichst genau festzustellen. Und ich habe Sie vorgeladen, Herr Forstassessor, weil Sie dem Auftritt beigewohnt haben sollen. Verhält sich das so?" 41 .a. Wollen Sie mir dann freundlichst erzählen, wie sich die Sache zugetragen hat?" Es war am Abend vor Heydebrandts Tode. Ich war von Vierlinden nach Rischdorf herübergekommen und unterhielt- mich in seinem Arbeitszimmer mit dem Gutsherrn, als" Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche. Sie waren mit Herrn Heydebrandt eng befreundet und Sie pflegten ihn täglich zu besuchen?" Ein Stirnrunzeln des Forstassessors gab 5wnde von dem unmuthigen Erstaunen, in das diese Fragen ihn versetzten. Es wäre wohl zu viel gesagt, wenn ich unser Verhältniß als eine enge Freundschaft bezeichnen wollte. Wir waren alte Bekannte weiter nichts, und nur die nahe Nachbarschaft bedingte einen lebhafteren Verkehr." Wollen Sie also fortfahren!" Wir befanden uns im Gespräch, als der. Inspektor Rösecke in's Zimmer trat, um irgend eine Meldung zu erstatten." Können Sie mir nicht sagend was für eine Meldung das gewesen ist?" Nein, ich erinnere mich nicht mehr genau; denn die Sache hatte für mich natürlich kein Interesse. Ich weiß nur, daß es sich um eine Arbeit handelte. die der Inspektor anders hatte ausführen lassen, als es ihm von Heydebrandt aufgetragen worden war, und daß dieser ihn in sehr barschem Ton deshalb zur Rede stellte. Rösecke widersprach wohl etwas schärfer, als es seiner Stellung angemessen war, und darauf schrie ihn Heydebrandt an. er sei ein unverschämter Mensch und er solle sich zum Kuckuck scheren. Sobald ein Nachfolger für ihn gefunden ein werde, könne er Rischdorf verlasen. Das entspricht ungefähr der Darstellung, die der Inspektor selbst von dem Vorgange gegeben hat. - Haben Sie nun vielleicht den Eindruck gewonnen, Herr Forstasscssor, daß Rösecke nur das unschuldige Opfer von Heydebrandts schlechter Laune gewe-
sen ist? Haben Sie wahrgenommen,
daß er sich schon vor dem Eintritt des Inspektors in ungewöhnlicher Aufregung befand?" Nein." Kurz und scharf, mit einer befremdlichen Entschiedenheit, stieß Werdenfels das kleine Wörtchen hervor. Aber es hätte Ihrer AufmerksamUt doch wohl kainn entgehen können, wenn der Gemüthszustand Ihres Freundes ein heftig erregter gewesen wäre. Worüber hatten Sie sich denn mit ihm unterhatten, ehe der Jnspektor eintrat?" Ich kann mich dessen nicht mehr erinnern. Jedenfalls also über gleichgiltigc Dinge." Hat , Heydebrandt dann noch später zu Ihnen über sein Zerwürfniß mir dem Inspektor gesprochen?" Nein, er hatte' keine Gelegenheit mehr dazu, denn ich brach auf, gleich nachdem Rösecke das Zimmer verlassen hatte. Und ich habe Heydebrandt lebend nicht wieder gesehen." Sie waren also am Tage seiner Ermordung gegen Ihre Gewohnheit nicht auf Groß-Rischdorf?" Seine Halöaffektion . schien den Forstassessor immer stärker zu belästigen, denn er mußte sich wiederholt energisck räusvern. bevor er in seiner gewöhnlichen scharfen und bestimmten Weise antworten konnte: Nein, ich habe an jenem Tage das Herrenhaus nicht betreten." Vermuthlich auch nicht den dazu gehörigen Park?" Wie soll ich mir diese Frage erklären, Herr Landgerichtsrath?" Zwei von den Gutsbewohnern bekünden, kurz vor neun Uhr im Park hinter dem Herrenhause einen Mann gesehen zu haben, du, sie seiner Gestalt nach für den Inspektor Rösecke hielten." Und der nach Ihrer Ansicht möglicher Weise i ch gewesen sein könnte?" fuhr Werdenfels in unverhohlener Entrüstung auf. Nun, um einem derartigen Verdacht zu begegnen, erkläre ich, daß ich mich zu der Zeit, wo der Mord auf Groß-Rischdorf verübt wurde, hier in der Stadt aufgehalten habe, und zwar im Lesezimmer des Kasino, das ich um achteinhalb Uhr betreten und gegen halb zehn Uhr verlassen habe, um in das Speisezimmer hinüberzugehen." Hastig und erregt hatte er seine Erklärung abgegeben, seine Nasenflügel bebten und ein stechender Glanz war in seinen noch immer fest auf das Gesicht des Landgerichtsraths gehefteten Augen. Den Referendar an der Schmalfeite des Tisches hatte er bisher überHaupt nicht beachtet, und so nahm er auch in diesem Augenblick nichts davon wahr, 'daß der junge Mann plötzlich wie mit einer Geberde des Erstaunens den Kops zurückgeworfen hatte und dann für einen Moment dunkelroth im Gesicht geworden war. Es hatte beinahe den Anschein, als ob er sicy gedrängt fühlte, das Zeugenverhör durch eine rasche Zwischenbemerkung zu unterbrechen. Da spürte der Referendar plötzlich den Fuß des Untersuchungsrichters auf dem semlgen, und ein zweimaliger Druck gab ihm zu verstehen, daß Doktor Gerstenberg seine Absicht erkannt habe und ihn an ihrer Ausführung zu verhindern wünsche. Gleichzeitig aber deutete der Landgerichtsrath mit dem kleinen Finger seiner auf dem Tische liegenden Hand in nicht mißzuverstehender Weise auf das Schreibzeug vor dem Platze seines jungen Protokollführers. Und der Referendar hatte die stumme Zeichensprache begriffen, denn gleich darauf glitt seine Feder geräuschlos über das Papier. Es scheint, daß Sie meine Frage mißverstanden haben. Herr Forstassessor," fuhr der Landgerichtsrath fort, ich dachte nicht daran, daß Sie der Mann im Park von Rischdorf gewesen sein könnten, obwohl bei einiger Uebereinstimmuna der Kleidung eine solche sBerwechslung keineswegs undenkbar erschien, sondern ich hatte nur die Möglichkeit im Auge, daß auch Sie bei einem etwaigen Besuche den Menschen bemerkt und erkannt hätten. Durch Ihre Erklärung ist diese Annahme ja nun erledigt, und ich möchte nur noch zu meiner Orientirung über die, in Betracht kommenden Persönlichkeiten einige Auskünfte von Ihnen erbitten. Als häufiger Gast auf Groß-Rischdorf sind Sie doch auch wohl mit dem Inspektor Rösecke öfters in Berührung gekommen Welchen Eindruck haben Sie dabei von dem Manne gewonnen? Halten Sie ihn des Verbrechens für fähig, das ibm jetzt zur Last gelegt wird?" Ich bitte, mich darüber jeder Aeußeruna enthalten zu dürfen. Meine Beziehungen zu Rösecke waren bei der Verschiedenheit unserer gesellschaftlichen Stellung selbstverständlich nichtderart, daß ich Gelegenheit gehabt hätte, mir eine Meinung über seinen Charakter zu bilden." Das klang sehr hochmüthig, viel zu hochmüthig als Antwort auf eine so einfache und naheliegende Frage. Aber der Untersuchungsrichter in seiner unvermutlichen Liebenswürdigkeit schien das Abstoßende und Herausfordernde in dem Benehmen des Zeugen durchaus nicht zu bemerken. Um so besser müssen Sie natürlich auf Grund der alten Bekanntschaft Ihren Freund Heydebrandt beurtheilen können. Das Leumundszeugniß, das ihm von anderen Personen seines UmgangskreiseS ausgestellt wird, ist mcht unbedingt günstig. Man lobt seine Zuverlässigkeit und seine unerschutterliche Rechtschaffenheit; aber, man sagt
auch, daß er rüasichIcs. jähzornig, und nach dem Genuß geistiger Getränke
manchmal geradezu brutal gewesen sei. Stimmt diese Charakteristik mit Ihren eigenen Bccbcchiungen überein, Herr Forstasscssor?" Es widerstrebt mir, cmem Todten Uebles nachzusagen. Andere haben ihn auch wohl nach dieser Richtung hin besser gekannt als ich." In diesem Augenblick hatte der Referendar zu schreiben aufgehört und schob mit einer kleinen, unausfälligen Handbewegung das Blatt vor den Platz des Untersuchungsrichters. Während dieser ein paar Sekunden in seinen Akten blätterte, anicheincnd um sich über die noch weiter zu sollenden Fragen zu unterncyten, flogen seine Augen darüber hin. Mit gespanntem Blick beobachtete der Referendar seinen Vorgesetzten. Er erwartete ohne Zweifel, daß der Untersuchungsrichter auf Grund der ihm gewordenen schriftlichen Mittheilung sofort eine Frage an den Forstassessor richten würde. (Schluß folgt.) , Eine schreckliche Nacht hat der in In Nähe von Coon Valley, Minn., wohnhafte Farmer Hans Peterson dieser Tage verbracht. Als er, von einem Nachbar zurückkehrend, durch ein Gehölz kam, hörte er Wölfe heulen und es dauerte auch nicht lange, so' kamen sie heran; da das nächste Harls eine Meile entfernt war, blieb ihm ' nichts übrig, als auf einen der kleinen Bäume zu klettern, den die Bestien mit wüthendem Geheul umkreisten. Es war unterdessen Nacht geworden und auf seiner Farm wurde man besorgt über sein Ausbleiben. Sein bei ihm wohnender Schwager und ein Knecht begaben sich, mit Laternen und Flinten versehen, auf die Suche; sie Zamen auf die Farm, wo Peterson gewesen war. und die Männer suchten fast die ganze Nacht bis sie ihn fanden. Er war schon so steif vor Kälte, daß sie ihn vom Baume herunterholen mußten., Hände und Füße waren ihm so erfroren. daß Finger und Zehen amputirt werden mußten. irtn Mensche?: alter im Jrrenasyl. Die Behörden von Shelby County. Mo., weigerten sich unlängst, noch länger für den Unterhalt von 15 Patienten im Staats-' Jrrenasyl zu sorgen, weil sich dieselben schon viele Jahre dort befanden und als unheilbar betrachtet wurden. Unter den Patienten war ein Mann .Namens James Donohue schon seit 41 Jahren Insasse der Irrenanstalt, und da der Unierhalt für jeden Patienten 5130 per Jahr beträgt, so sind die Unkosten für die Insassen ziemlich bedeutend. Die Unglücklichen wurden im County-Armenhaus in Shelbina untergebracht. 5Die historische Windmühle in Friedrichsfelde bei Berlin ist jüngsthin einem Orkan zum Opfer gefallen. Die Mühle hat über 100 Jahre auf dem Mühlenberge bei Friedrichsselde gestanden. Seit zwei Jahren war sie nicht mehr in Betrieb, weil ihre Pächter gegen die Konkurrenz der Berliner Dampfmühlen nicht mehr aufkommen .konnten. Als historisches Wahrzeichen aber war sie insofern werthroll, als sie während der Franzosenzeit im Anfang des vorigen JahrHunderts sowohl den französischen wie später den preußischen Generälen als Aussichtspunkt gedient hatte. Davon legten noch zahlreiche eingekratzte Inscbriften aus iener Äeit Aeuanik ab. )ci o e u i j ch e Waarenverkehr mit den Ver. Staaten weist, nach der amtlichen Statistik, für das letzte Jahr sowohl hinsichtlich der Einfuhr wie der Ausfuhr einen bedeutenden Rückgang auf. Die Einfuhr ist um etwa e.000.000 Doppelcentner. die Ausfuhr um etwa 3,000.000 Döppelcentner niedriger als im abre 1903. Arme Ritter. Altbackene Semmel werden in Scheiben geschnitten, diese in gezuckerte Milch getaucht, dann taucht man die Scheiben in Eittkuchentcig, hüllt sie in geriebene Semmel und l'äckt in Laufet! schön hellbraun. Mit Zucker bestreut, gibt man sie mit einer Pflaumenmussauce zu Tisch. " v.io .KMm geliefert von A.. B. MEYER & C0. Telephone Nuf : Alt - -9tm - - 516" 10 Haupt-Vcrbindungcn Wir sind zu jeder Zeit zu haben. Nohlenhof nahe bei Ihnen.
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