Indiana Tribüne, Volume 28, Number 160, Indianapolis, Marion County, 28 February 1905 — Page 5

Jnblsna Trlbüno, 28 .. Februar 1903

5

4ttVVQtt4&VlrtVQ4&

7 s I Dcr alte $rlmimtr V ? A - I r z. Aus den Erinnerungen, eines Kriminaibesmtcn van S er n fr n . . . . Z. G. 4-vini4. sYt ommißbrot ist ein schweres GiiV rai i r- v-jsu l? c.. WV UUUIC U19 JUll' ger Mensch, als ich Soldat werden mußte, und mein Herz war deshalb sehr beklommen. Es war zu Anfang des Novembers, als ichden Abendzug bestieg, um von meiner Vaterstadt nach Frankfurt an der Oder zu fahren, wo ich am folgenden Tage als Rekrut eingestellt werden sollte. In dem Wagenabtheil dritter Klasse befanden stch zuerst außer mir nur ycch zwei andere Passagiere, und zwar war der eine ein dicker heiterer Viehhändler, der zweite ein ehrsamer Schlächtermeister, wie aus ihrem Gespräch hervorging, dem ich wider Willen zu lauschen gezwungen war, denn die Beiden unterhiclten sich sehr laut über ihre miteinander so nahe verwandten Berufsinteressen. Als wir nach etwa einer Stunde vor dem Stationsgebäude eines kleinen Ortes einige Minuten hielten, kam noch ein vierter Passagier zu uns, der gleich beim Eintreten einen derben WiZ riß, über den der dafür sehr empfängliche Viehhändler in ein schallendes Gelächter ausbrach. Der anständig, ja sogar mit einer gewissen Eleganz gekleidete Witzbold war ein Herr von reichlich dreißig Jahren, mit markirtem, etwas verlebt und gelblich aussehendem schlauen Gesicht, listig funkelnden Augen, dunklem Kraushaar und Schnurrund Kinnbart. Ich betrachtete ihn ziemlich gleichgiltig, und dabei kam es mir so vor. als müsse ich diesen Menschen schon früher einmal gesehen haben. Zur großen Belustigung der beiden anderen Herren ließ er noch weiter seinen Witz glänzen und brachte allerlei tolle Schwanke vor. Ter Witzbold erzählte eben den Schwank, wie er einst bei einer früheren Eisenbahnsahrt einmal aus Ulk die Nothleine gezogen habe. Dafür mußten Sie dann aber doch dreißig Mark Strafe bezahlen," meinte der Viehhändler. Keinen rothen Pfennig habe ich bezahlt," terseizte er. Wie haben Sie es denn gemacht, der Strafe zu entgehen?" Will's Ihnen gern zeigen. Ganz einfach so." Er stand auf und zog die Noihleine. Ein schriller Pfiff der Lokomotive ertönte. Alle Wetter" rief der Viehhändler. Da bin ich doch wirklich einigermaßen neugierig, wie Sie sich ohne Geldcuße aus dieser Geschichte herauswicleln wollen." Das werden Sie gleich sehen und dann Ihr Leben langen diesen schönen Spaß denken!" Es wurde gebremst, dann hielt der Zug. Der sonderbare Witzbold öffnete die Thüre und sprang hinaus. Er stieg hurtig die schräge -kleine Böschung hinan und dann über die Drahteinfriedigung des Ackers oben. Ein Schaffner lief jetzt eilfertig herbei. Hier ist die Nothleine gezogen worden?" rief er. Jawohl," versetzte der Viehhändler. Was gibt's denn hier?" Nichts." Nichts." Es liegt kein Nothfall vor?" Nein." Dann kostet das dreißig Mark Strafe; es muß gemeldet werden." Wenden Sie sich nur an den Herrn, der's gethan hat." Wer ist das?" Er ist aufgestiegen, aber drobei. sieht er ja noch im Mondschein." Der Schaffner wandte sich um. He. Sie da!" schrie er. Was wünschen Sie?" fragte der Witzbold von oben herab. Sie haben die Nothleine gezogen." Ja, freilich." Warum haben Sie das gethan?" Weil ich hier irgendwo herum in einem Dorfe ein nothwendiges Geschäft zu besorgen habe und deshalb auszusteigen wünschte." Es muß gemeldet werden." Melden Sie es immerhin; ich habe daaegen durchaus nicbts einzuwenden." Das kostet dreißig Mark Strafe." Hahaha! Daraus mache ich mir nichts." Wer sind Sie, wie heißen Sie?" Ich heiße Müller und bin aus Berlin. Notiren Sie das, wenn es Ihnen Vergnügen macht. Adieu, mein lieber Eisenbahnrath! Leben Sie wohl, meine Herren! Ich empfehle mich Ihnen bestens auf Nimmerwiedersehen!" . Danach setzte er seine langem Beine in Thätigkeit und lief querfeldein. Kannten Sie den Herrn?" fragte der Schaffner den Viehhändler. , Nein," sagte dieser. Er stieg in Neuzelle ein." : Das weiß ich." - Ein richtiger Spaßvogel! Er hat uns herrlich amüsirt." , - Hol ihn der Kuckuck! Ich will doch inen Namen notiren." Müller aus Berlin?" Jawohl." Haha! In Berlin gibt es viele tau? send gute und wohl auch einige böse Leute, die Müller heißen. Da dürfte tl also vermutklick ziemlick sckmii

tm, ven Herrn ausfindig zu machen." Jch muß allerdings befürchten, daß Sie darin recht haben." In verdrießlicher Stimmung entfernte sich der Schaffner und gleich darauf- setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Schade, daß er. fort ist," sagte der Viebbändler. Wer?" fragte der Schlächtermeister, der Schaffner?" Nein, ich meine natürlich den Spaßvogel. Das war ein höchst ergötzliche: Mensch."Sonderbar ist's doch, daß er so plötzlich den Zug verließ." Er hatte ja, wie er sagte, Geschäfte irgendwo da in der Gegend. Ha, ha! Das paßte also gut zu seinem Ulk." Hm!" brummte etwas ungläubig und kopfschüttelnd der Schlächter. Sechs oder sieben Minuten lang hatte die Fahrt wieder gedauert, als plötzlich der dicke Viehhändler wie ein Wahnsinniger sich zu geberden anfing. O verwünscht!" schrie er, indem er an sich herumtaflctc. Was ist das? Ha, der elende Wicht, der verdammte Schurke! Ter Lump!" Und ehe wir uns dessen versahen, sprang er wie ein Besessener von seinem Sitze auf und zog ungestüm die Nothleine. Abermals erscholl ein schriller Pfiff. Es wurde gebremst und der Zug hielt. Der Schaffner lief höchst aufgeregt herbei und riß die Thüre zu unserem Abtheil auf. Er befand sich in der schlechtesten Laune. Schon wieder!" rief er grimmig. Was ist denn nun los? Wer zog die Nothleine diesmal?" i Ich." versetzte der Viehhändler. Warum?" Ich bin schändlich bestohlen worden. Meine Brieftasche ist verschwunden." War denn viel darin?" . . Dreitausend und siebenhundert Mark in Reichskassenscheinen." Potztausend, ein schönes Sümmchen! Und Sie glauben vermuthlich, daß der Mensch, der vorhin auf solche sonderbare und auffallende Art den Zug.verließ, den Diebstahl verübt hat?" Jawohl, davon bin ich überzeugt." Deshalb zogen Sie die Nothleine?" Ja. Der Dieb muß schleunigst verfolgt werden." Bester Herr, Sie müssen doch einsehen, daß solches jetzt, augenblicklich ganz unnütz, ja unmöglich ist. Wir sind seitdem ja schon eine ganze Anzahl Kilometer weiter gekommen, und er ist auch nicht mehr da, wo wir ihn verließen. Sie hatten also keine genügende, keine zwingende Ursache, die Nothleine zu ziehen, und werden deshalb eine Geldbuße bezahlen müssen-" Daran dachte ich nicht ich war so bestürzt, als ich den Verlust meiner Brieftasche entdeckte " Ich muß den Vorfall dienstlich mclden. Man wird schwerlich Ihren Entschuldigungsgrund gelten lassen. Ein wenig Nachdenken hätte es Ihnen gleich klar machen missen, daß es ganz nutzlos sein würde, das zu thun, was Sie gethan. Was den Dieöstahl betrifft, dessen Opfer Sie geworden, so rathe ich Ihnen, wenden Sie sich sogleich nach der Ankunft in Frankfurt an die Polizei." Das werde ich selbstverständlich thun." Ob sie diesen spitzbübischen Müller aus Berlin ausfindig machen kann, erscheint freilich recht fraglich, um so mehr, als anzunehmen ist, daß der

Spaßvogel, wie Sie zuerst ihn nannten, sich einen falschenNamen beigelegt hat." Danach gmg der Schaffner weg und die Fahrt wurde fortgesekt. Der Dicke befand sich nun gar nicht mehr m heiterer Laune. Anstatt die Schwanke des nichtswürdigen SpaßVogels noch ferner zu bewundern. schimpfte er mörderlich über ihn und schwur ihm fürchterliche Rache, wenn er ihn erwischen könne. - Der biedere Schlächtermeister meinte, daß dazu wohl leider 'nicht viel Hoffnung sei. Der Bursche fei zweifellos einer der Schlauesien seines Gelichters und würde es vermuthlich verstehen, sich und seinen Raub m rrsnd cmer Großstadt in Sicherheit zu bringen, um das erbeutete Geld da rasch zu verjubeln. Nun mischte ich mich in's Gespräch, mdem ich sagte: Ich muß diesen Menschen schon früher einmal gesehen haben, denn er kam mir gleich bekannt vor." Wo haben Sie ihn früher gesehen?" fragte interessirt der Viehhändler. Darauf vermag ich mich leider nicht zu besinnen." Dann nützt das freilich nicht viel." Mir schien er so etwas wie ein reisender Jahrmarktskünstler zu sein," sprach der Schlächtermeister. Dafür möchte ich ihn halten. Vielleicht ein Taschenspieler, der im Pech ist, und seinen Vortragswitz und seine geübten Hände zu dem Spitzbubenstreich benutzte." Nun weiß ich's," rief ich. Die Bemerkung des Herrn da hat mich plötzlich darauf gebracht. Ja, im Jahrmarktstrubel habe ich ihn gesehen." Als Taschenspieler?" fragte der Viehhändler gespannt. . Nein. Als Ausrufer und Anlocker vor einem Affentheater. Er lud auf lustige Art das Publikum zum Eintritt ü ein. Das ist eine gute Spur. Wissen Sie, wem das Affentheater gehörte?" Ich glaube,' einem gewissen Martini." Sehr gut. Ich danke Ihnen bestens V . Wir langten ohne weitere Abenteuer

gegen neun um AvenoZ in Frankfurt an. Man führte uns mit aller Höflichkeit in ein Bahnhofbureau. Die Angelegenheit wurde kurz verhandelt und protokollirt. Dann wurde dem dicken Viehhändler eröffnet, daß er vorläufig dreißig Mark zahlen müsse. Höheren Orts aber solle amtlich angefragt werden, ob vielleicht in Anbetracht der besonderen Umstände ihm die Buße erlassen werden könne. Falls eine Entscheidung in günstigem Sinne erfolge, würde er das Geld zurückerhalten. Danach begaben wir uns nach dem Polizeiamt und machten unsere Aussagen, über den Vorfall. Die Behörde versprach dem Bestohlenen. daß unverLalick alles möalicke aufgeboten werden solle, um den Spifcbuben dingfest zu machen. Durch meine wichtige Mittheilung, daß er ein Jahr zuvor beim Aartinischen Affentheater thätig gewesen sei, würden rasche und wahrscheinlich sichere ' Nachforschungen ermöglicht, so daß ein günstiger Erfolg wohl zu erwarten fei. Die Bemühungen der Kriminalpolizei hatten in der That schnellen Erfolg. Eine Anfrage bei dem in einer mecklenburgifchen Stadt sich aufhaltenden Besitzer des Affentheaters ergab, daß der Spitzbube nicht Müller heiße, sondern August Heinrich Schultze. und er stamme nicht aus der deutschen ReichsHauptstadt selbst, fondern aus der kleinen Stadt Nauen. Vom Affentheter sei er damals fortgejagt worden wegen Unredlichkeiten. Nachdem man so den Namen festgestellt und einen Steckbrief erlassen hatte, dauerte es gar nicht lange, bis man den Gauner verhaftete und nach Frankfurt an der Oder transportirte. Zu der Gerichtsverhandlung war ich als Zeuge geladen. Schultze war, wie sich ergab, ursprünglich ein begabter Mensch und in anständiger Stellung gewesen, dann aber von einer abenteuerlichen Existenz zur anderen und zuletzt zum Verbrecherthum herabgesunken. Schon mehrmals war er vorbestraft wegen Hochstapelei, Betrug und Diebstahl; jetzt wurde er wegen des Eisenbahnraubes zu mehrjährige? Zuchthausstrafe verurtheilt. Von dem geraubten Gelde hatte man den größten Theil, nämlich dreitausend und zweihundert Mark, bei ihm gefunden, die der Viehhändler zurückerhielt.. In der Freude seines Herzens schenkte d:r brave Mann dankbaren Sinnes mir ' einen Hundertmarkschein, zog dann noch mit mir umher in der Stadt und traktirte mich gar herrlich in verschiedenen Wirthschaften. Dhs hatte zur Folge, daß ich Abends viel zu .spät in die Kaferne kam und noch dazu stark angehe!-' tert. Dafür wurden mir drei Tage Mittelarrest zudiktirt. Beim Militär gefiel es mir doch viel besser, als ich anfänglich gedacht hatte, und auch das Kommißbrot fand ich immer recht schmackhaft. Es gefiel mir so gut, daß ich dabei zu bleiben beschloß. Ich war Gefreiter geworden und sollte Unteroffizier werden, wenn ich kapituliren wollte' Das that ich. So diente ich denn nach Ablauf der ersten drei Jahre noch weitere -neun. Nach zwölfjähriger Dienstzeit erhielt ich meinen ehrenvollen Abschied und die Berechtigung zu einer Civilversorgung im Subalterndienst. ... Ich beschloß, mich dem Polizeifach zu widmen, wozu ich einigen Beruf in mir verspürte. Ich wurde zuerst einfacher Kriminalschutzmann in Posen. Als solcher war ich zwei Jahre lang thätig und fand Gelegenheit, mich auszuzeichnen. 'Man erkannte meine Fähigkeiten im Aufspüren und Enthüllen geheimnißvoller Verbrechen, was zur Folge hatte, daß ich Geheimpolizist wurde und Gehaltszulage erhielt. Unterdessen hatte ich mich verheirathet und lebte recht zufrieden. Es war an meinem Geburtstag:, am 5. Juni, und das schönste sonnigste Frühlingswetter, als ich Vormittags gegen zehn Uhr durch die Straßen schlenkerte. Da sah ich vor Wagners Hotel den Besitzer stehen im Gespräch mit einem fremden, sehr elegant gekleideten und geschäftsmäßig aussehenden Herrn schon reiferen Alters mit glattrasirtem Kinn und langem, bereits etwas in's Graue schimmernden Kotelettenbari nach englischer Art. Das Gesieht fiel mir auf. mir kam's so vor, als müsse ich den Herrn vor langer Zeit schon einmal gesehen haben, vermochte mich aber doch im Augenblick nicht klar darauf zu besinnen, wo das gewesen sein könnte. Da er aber jedenfalls nicht zu den vier oder fünf damals gerade eifrig Gesuchten gehörte, auf die ich fahndete, und deren steckbricfliche Signalements ich im Gedächtniß trug, so schritt ich achtlos vorbei. Ein Vierteljahr nachher ereignete sich folgendes: Schon seit längerer Zeit betrieben man wußte- nicht, ob in Deutschland, Holland, Belgien, der Schweiz, England, Frankreich, Nordamerika oder sonst irgendwo sehr geschickte Fälscher höchst erfolgreich die Fabrikation russischer Rubelbanknoten, die ganz vortrefflich angefertigt waren. Es wurde behauptet, sie wären ebenso gut gemacht wie die echten; ja, einige besonders gewiegte Sachkenner meinten sogar, sie wären noch besser gemach!. Auch in unserer Stadt waren zum beträchtlichen Schaden mehrerer Bankiers und Kaufleute derartige falsche Rubelscheine gegen gutes deutsches Geld umgewechselt worden. Ich erhielt Auftrag, der Sache nachzuspüren, und erfuhr bald, daß der Rubelmann ein fremder Geschäftsmann schon reiferen Alters von sicherem, noblen Auftreten und vertrauenswürdigem Aussehen ge-

Wesen sei. Jemand gab den danken?werthen Hinweis, er glaube ihn einmal gesehen zu haben im Restaurationszimmer von Wagners Hotel; es erscheine also wohl möglich, daß er dort logirt habe; eS- sei zu Anfang Juni gewesen. Ich begab mich sofort nach dem GastHofe und sprach mit dem Wirthe über die Angelegenheit. Herr Wagner sagte nachdenklich: Ich entsinne mich eines Herrn, der vor etwa einem Vierteljahre bei mir logirte und möglicherweise der Gesuchte sein könnte, denn er wünschte damals allerdings einen Hundertrubelschein von mir gewechselt zu haben, was ich jedoch zu meinem Glück ablehnte." Wie ist sein Name?" fragte ich gespannt. Ja, dessen entsinne ich mich äugenblicklich nicht. Aber das ist sehr leicht zu ermitteln; wir brauchen ja nur im Fremdenbuch nachzusehen." Hat er nur das eine Mal bei Ihnen loairt?" Nur das eine Mal." Längere Zeit?" Nur wenige Tage." Das Fremdenbuch wurde gebracht. Der Wirth blätterte eine Anzahl Seiten darin zurück, die vielen Namen mit flüchtiqem Blick musternd. Dann rief er: Hier steht's! Dieser ist es! Am 5. Juni: Müller. Laufmann, Berlin." Er bekam plötzlich einen Lachanfall. Weshalb finden Sie das so komisch?" fragte ich erstaunt. Weil es vermuthlich ein falscher Name ist, unter dem er sich eingetragen hat, falls er wirklich mit dem Rubelschwindler identisch sein sollte," versetzte er. ; Haha, in Berlin gibt es viele tausend Leute, die Müller heißen, wohl auch etliche hundert Kaufleute des Namens. Nichts bequemer für einen Schwindler, der seinen wahren Namen zu verheimlichen gegründete Ursache hat, als zu sagen, er heiße Müller und sei aus Berlin." Mich aber durchzuckte in diesem Augenblick eine seltsame Ahnung. Vor vielen Jahren, als junger Mensch, hatte ich ja einmal etwas ähnliches erlebt mit einem falschen Müller" , aus Berlin, und der dicke Viehhändler, dem ich damals einen so wesentlichen Dienst leistete, hatte dem Eisenbahnschaffner gegenüber die beinahe gleiche Bemerkung gemacht von den vielen tausend Verlinern, die Müller heißen. Und dann: am 5. Juni hatte der Gast des Hotels diesen Namen in's Fremdenbuch geschrieben. Das war mein Geburtstag. An dem. schönen Tage .hatte ich ihn vielleicht gesehen im Gespräche mit dem Wirth. ' Bitte, beschreiben Sie mir ungefähr

sein Aeußeres, so gut Sie sich dessen noch zu entsinnen vermögen," sagte ich. Das that er. Ja, kein Zweifel, es war. richtig der nobel aussehende GeschMsmann . reiferen Alters mit dem .schon in's Grauliche spielenden Kotelettenbart nach englischer Art. Es ist der'Spaßvogel von damals." dachte ich. Mein alter Bekannter! Natürlich' ist er 'gealtert seitdem, wie ich selbst ja auch, und sein Bart ist ein ganz anderer als früher. Aber sicherlich derselbe Mann; ich bin davon überzeugt; deshalb schien mir sein Gesicht auch , nicht unbekannt, als ich ihn vor dem GastHofe stehen sah." . Nun," meinte der Wirth achselzuckend, da wird sich wohl nicht viel machen lassen nach Verlauf von über drei Monaten. Schwerlich wird die Polizei ihn ermitteln können." O doch!" versetzte ich. In kürzester Frist werden wir ihn haben." . So heißt er also wirklich Müller?" Nein; er heßt Schultze und ist ein Hauptgauner, dcr schon alle möglichen Geschäfte, betrieben hat, jedoch keines davon auf ehrliche Art." Wie können Sie das alles so bestimmt auf einmal wissen?" Ihr Fremdenbuch hat mich auf die richtige Spur gebracht." Das freut mich! Dann wünsche ic Ihnen viel Glück zu dem guten Fang." Auf meinen Bericht in dieser Sache wurde seitens der Kriminalbehörden energisch vorgegangen. Ermittelt wurde rasch, daß ein Vetter . von August Heinrich Schultze in einem Vororte Berlins wohnhaft sei. Dieser Mann war früher Lithograph geWesen, hatte sich mehrere Jahre lang in Rußland' und Polen aufgehalten, und galt für wohlhabend, denn er lebte angeblich von seinen Renten und zahlte eine ziemlich beträchtliche Einkommensteuer. In einer kleinen Villa wohnte er, etwas abseits von der Straße. Auaust Heinrich Schultze war häufig bei ihm zu Besuch, oft monatelang, dann aber wieder abwesend, anscheinend auf Reisen. Gerade gegenwärtig war er da und auch noch ein anderer Herr, der wie ein Ausländer aussah. Eines Abends wurde der verdachtigen Villa von der Kriminalpolizei ein Besuch abgestattet. Das Resultat war, daß man die Fälscher bei der Arbeit überraschte, wie sie sich gerade emsig mit der Anfertigung von falschen Rubelscheinen beschäftigten. August Heinrich Schultze, dessen Vetter und noch ein dritter im Bunde wurden verhaftet, vor Gericht gestellt und zu scbweren Strafen derurtheilt. t Mir brachte meine erfolgreiche Thätigkeit in dieser wichtigen Sache eine neue Beförderung im Amte nebst abermaliger Gehaltszulage. Einige Zeit später wurde mir auch ein russischer Orden verliehen. Solche alte Bekanntschaften erweisen sich oft als recht nützlich.

ZNeik Dabersack's Zchreibcbrief.

S. 581. Seöhrter Mister Edithor! Jesser, ich hen mit den DehgoMeyvche noch e ganze Latt Trubel gehabt. Wie mer da noch in den Parier gewese stn, hen mer alles mögliche getreit, uns mit den eitelljien Mehdche verständlich zu mache, awwer se Hot kein Wort engiisch un auch nit deutsch getönnt. Die Selma Hot in die alte Slontrie e höhere Döchterschul besucht un Hot immer damit gedrückt, was se do sor e feine Ettjuiehschen gekriegt Hot. Ich hen zu se gesagt: Nau, Seima, jetzt probir du emot mit deine gute Ettjukehschen. was du aus den Mehdche erauö bringe kannst. Do is se gebloscht wie alles un Hot gesagt, wann's einige annere Lengwitsch wär, dann wär se ziemlich gepohstet, awwer sie hätt den eitelljen Kohrs nit genomme. Das is ecksäcktlie was ich gedenkt hen, hen ich gesagt. Do is einer vonie Baldrians Kids uff e schmarte Eidie komme. Onkel Meik, Hot er gesagt, in die Schiepseit Aellie wohnt der Benehnesmann; das is en Eitelljien, un wann ich den hole, der kann uns schuhr genug aushelfe. Jehs, Sonnie, hen ich gesagt, geh UN hol ihn. Der Bub is gleich, fortgelaufe un in e paar Minnits is der'Dehgo mit ihm komme: er Hot off K'rs auch gleich sei Basket mit Benehneses mitgebracht, bikahs die Feger hen immer en Auge sor Bißneß. Ich hen zu ihn gesagt, er sollt emol das' Mehdche frage, wo se stappe deht. Do Hot er dann die Kwestschen in eitelljien an se gepappt UN sie Hot ihn en ganze String gesagt. Dann Hot der Dehgo translehtet: Stappi Frend Sistlano Bohrdinghaus". So, jetzt hen mer das gewißt. Frage Se jetzt emol, ob se keine Rielehschen in Taun Hot," hen ich gesagt, un der Dehgo Hot Widder translehtet. Nachdem sie geennsert gehabt Hot, do bot er gesagt: se hätt keine annere Riel'ehschens wie en Pa. Frage Se emol, wo der Pa is, hen ich gesagt. Der Dehgo Hot gefragt un dann is die Sennsehschen komme. Das Mehdche hvt auf mich gepeuntet un Hot gesagt, ich wär ihr Papa. Se Hot en Schlipp Pehper erausgeholt un do druff Hot gestanne: Dies hier Mehdche is mei Dochter, sie zs ahlrecht. Die fcclma Hot en Schrei von. sich gewwe un Hot gefehntet, un der Christ Hot gesagt: Ihr Buwe geht in Euer Bitt. ' Wie die Kids autseit wäre, do Hot er gesagt: Meik. eim eschehmt of juh." Ich hen ihn mit meine Fist eine gege - den Stommeck aestoße, daß er umgefalle wär wann er sich nit an den Dehgo festgehakte hätt. Du bist e Rindvieh, hör ich gesagt un wann du's nit glauwe duhst, dann komm- mit zu en Nohterri Poblick, un ich will dazu schwöre. Er Hot awwer keine Anstalte gemacht, for mitzugehn un do denk ich. daß er's auch geglaubt Hot mitaus daß ich dazu geschwore hen. Wie mer die Selma Widder riestohrt gehabt hatte. do hen ich gesagt: Ich hen so en Eidie als wann ich in e Krehsihaus wär, wenigstens is der Christ der größte Lunnetick, wo ich gesehn hen un die Selma is e klohse Seckend. Jetzt gebt emol acht un ich will euch die Sach so iesig ecksplehne, daß ihr euer Tschickenbrehn gar nit anzustrenge braucht, bikahs ich will doch nit Wege Diehrkwehlerei in Trubel komme. Als ich mit den Mister Mehr in Neujorl war, sin mer such an en Emmigrentboot gange un hen das EmmigräntsDiepoh inwestigehtet. Dort hen ich das junge Mehdche gesehn un die Affissersch hen se grad Widder nach die alte Kontrie schicke wolle; awwer ich hen Pittie an se genomme un do hen ich den Schlipp hier geseint. Das is all was ich von den Mehdche weiß un wann Ihr inich nit glciuwe wollt, dann sagts reit hier un dann nemm ich eines von euch un haue die annern mit dobt un ich . meine was ich saae. Do hen se awwer die Auge usfgerie. Ich hen den Dehgo alles was ich gesagt hen zu das Mehdche translehte mache un wie ich dann gefragt hen, ob das die Wahrheit wär, do Hot se gesagt jehs'. Well damit war die Geschicht gesettelt un ich hen den Dehgo gesagt. er könnt jetzt Widder for heim schnieke. Do Hot er gesagt: Mi no Benneni. fein gutti Benneni, tenna Cents ' a Dozz; tutti gutti frutti." Well, hen ich gesagt, geb mich emol e koppelk Dahlersch werth un was wer'n S denke, er Hot mich das ganze Bäske! voll do gelosse un Hot mich die Händs gekißt un Hot gesagt: Grazia Sinori, motfchi oblitscho danke schön." Ick hen gesagt: Well, Selma, was mach mer jetzt mit das Mehdche Host du kein Juhs for se? Ich denke es U ganz gut, wenn du e wenig Help host. Nit for e Milljion, Hot die Selma gesagt. Do müjt ich ja erseht noch emol in die Schul gehn un eitelljien lerne un dann sin ich auch effrehd, daß du

t ft JMl i ....i i4

Eitelljiens e wenig buggie sin, daS meint nit so eckstra klien. Ich nemme mich liewer e deutsches Mehdche, sofcmcj sie grien sin, kann mer se auch billig hen. Der Dehgo, wo noch immer da war Hot gesagt, er deht gleiche das Mehdche zu sich zu nemme. Seine Frau deht siwwezehn Bohrdersch halte un do wär die Arweit doch e wenig zu viel for sie, espeschjellie, weil se noch alle Dag aus deht gehn wasche un Obends for e Fäckterie Jwwerahls mache deht un bieseids daß doch auch zu die sechs Kids tende müßt. Er Hot das Mehdche gefragt, ob se mit ihn gehn un den Echapp eckzepte wollt un do Hot se gesagt mit Bergniege. Den Schlipp, wo meine Sicknetscher drusf war, Hot se falle losse un ich hen wie en Hund danach geschnappt un hen das Pehper in's Feuer geworfe. Wie se mit ihren neue Baahs fort is, Hot der Kunne gefragt, ob er noch emol Ben neenesses bringe sollt for die annere Piebels. Ich hen awwer gesagt, wann er sich noch emol in unser Haus sehn, deht losse, dann deht ich ihn in die Pennitenscherie schicke. Er sagt Mill Grazias, Sennori" un dann Ware se alle beide drauße. So is der ereignißreiche Dag zu End komme. Das war Widder emol en Pruhf dafor, daß mer die viemehle Weiblichkeit nicks schriftlich gcwwe soll. Mit allerhand NiegardZ Juhrs Trulie, Meik Habersack, ESkweier un Schelfs von Apple JkS Holie Terrer Kauntie. Nlge ttrcdse

Versuche, die über, die Intelligenz der Krebse angestellt worden sind, er regen ganz besonderes Interesse. Es wurde hierbei die sogen. Labyrinthmethode" benutzt, ein Verfahren, das zur Erkennung der Intelligenz der Thiere öfters Anwendung findet, und das darin besteht, daß die Versuchsthiere in einen Kasten von bestimmter Form gesetzt würden, der gegen den Horizont geneigt ist und aus dem sie durch zwei Oeffnungen in ihr Wasserbassin gelangen konnten. Es wurde beobachtet, in wieviel Fällen jede der beiden Oeffnungen, die rechte oder linke, von dem Krebs benutzt wurde. Die häufiger benutzte wurde dann mit einer Glasplatte verschlossen und nun die Zahl der Fälle beobachtet, in denen das Thier gleich den richtigen Weg wählte und in denen es den falschen einschlug. Endlich wurde die geschlos sene Oeffnung freigegeben und die vorher offene geschlossen. ' In den ersten 100 Versuchen schlug der Krebs 85 Mal den Weg links ein, 15 Mal ging er rechts. Nun wurde der linke Äusgang verschlossen und 250 Versuche in dieser Anordnung durchgeführt. In den ersten 50 derselben versuchte das Thier noch 10 Mal den verschlossenen Weg zu gehen, 40 Mal ging es den vorher fast gar nicht benutzten rechten Weg. In den letzten 50 Versuchen kam nur eine einzige Fehlreaktion vor, und es dürfte deshalb die Ansicht berechtigt sein, daß die Krebse imstande sind, zu lernen. Ein Liebesidyll aus dem Kriege wird aus Tokio gemeldet. Die russische Krankenpflege rin Vogdanow, die in Japan als Kriegsgefangene in Männerkleidung ankam, erzählt dort über die Motive, die sie zu dieser Verkleidung bewogen, eine ganz romantische Geschichte. Sie ist in Charbin wohnhaft und war mit einem Rechtsanwalt verlobt, der nach Port Arthur einberufen wurde. Sie ging dorthin freiwillig als KrankenPflegerin mit und machte die ganze Belagerung durch. Nach der Uebergäbe wollte sie ihren Bräutigam in die Kriegsgefangenschaft nach Japan begleiten. Zu diesem Zwecke schnitt sie sich die Haare ab, zog eine Soldatenuniform an und marschirte mit der Kwantung - Artillerie nach Dalny wo das Regiment au! ein Transvortschiff gebracht und nach Japan übergeführt wurde. In der Quarantänestation zu Ujina wurde ihre Verkleidung erkannt, und da erzählte sie dann diese Geschichte und' bat, ihren verwundeten Bräutigam auch in Japan Pflegen zu dürfen, obwohl dies gegen die dort herrschenden Vestimmungen ist. VT VT SVM, 000 o o o geliefert von A. B. MEYER & C0. Telephone Nuf : Ali - . Neu - - 516" 10 Haupt-Verbindungen Wir sind zu jeder Zeit zu haben ttohlenhof nahe bei Ihnen. Sanpt Ofsice : 19 Nord Pennsylvania Straße.

K

ä

i iP