Indiana Tribüne, Volume 28, Number 159, Indianapolis, Marion County, 27 February 1905 — Page 5
Jndkana Tribüne, 27. Februar 1905.
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o(l martern! K & x 5 ' ?sch alten ZZrixsen erzählt von Vertha Kehren H W Ä W Ä WXMXUXMXMXMXMK ie Schlacht bei KöniggräK' war gezchlagen. Mit blanker Sense war der Tod einhergeschritten und hatte in den Ruhen der Kämpfer eine furchtbare Ernte gehalten. Der Ausgangdes Krieges war entschieden. Waffenstillstand! Das war das Wort, bei dem die von den Strapazen des Feldzuges erschöpften Truppen erleichtert aufathmeten; Friedensverhand.lungert hieß die Botschaft, bei deren Klapz die Herzen der Soldaten aufjauchzten: Nun geht's bald zurück in die Heimath!" Das Blutvergießen freilich hatte ein Ende. Der Tod, der wie ein gewaltiger Held mit freiem, kühnem Antlitz über die Schlachtfelder geschritten war, begleitet vom Donner der Geschütze, vom Trompetengeschmetter und dem Hurra der anstürmenden Kolonnen, hatte die Waffe niedergelegt. Aber ein anderer Feind hatte sie wieder aufgenommen, ein Feind, dessen feigem Morden kein Waffenstillstand Einhalt gebot, ein Feind, der alle Friedensverhandlungen mit eisigem Höhne von sich wies. Die Cholera war es, das bleiche Gespenst, das sich schon lange in den Dörfern umhergetrieben hatte. Heimtückisch schlich sie sich in die Reihen der hoffnungsfrohen Soldaten, wo immer sie auch weilten, in's Lager, in's Quartier, Zn's Lazareth. Sie vergiftete dem wackeren Kämpfer den Trunk, nach dem in der sengenden Julihihe sein Gaumen schmachtete; sie wandelte seine Träume von Heimath und Wiedersehen in wilde Fieberphantasien, die neu erwachte Lebensfreude in bittere Todesqual. Fast vergebens war der opfermuthige Kampf der Aerzte gegen den gräßlichen Würgengel, welcher Tausende hinmordete, die von der Kugel verschont geblieben waren. Schwer waren die Tage bei Gitschm ..nd Königgrätz gewesen, da alle Häuser, ja alle Scheunen und Speicher vo'er Verwundeten lagenals jeder Arzt sich hundert Hände wünschte, um all die jammernden Bitten um Verband und Pflege auf einmal erfüllen zu können. Aber es war doch eine erfolgreiche Thätigkeit gewesen im Vergleich zu jener, die ihn in den Choleralazarethen erwartete. Es war am Vormittag des 29. Juli. Wie ein Lauffeuer hatte sich von emem Truppentheil zum anderen die frohe Kunde verbreitet, daß kurz zuvor in Nikolsburg die Friedenspräliminarien unterzeichnet w.orden seien. Auch, die Mitglieder der' zweiten Sektion des dritten Feldlazareths vom siebenten Armeekorps, die etwa dreißig Mann stark der Stabsarzt, die Assistenzärzte und der Apotheker zu Pferde, ein EinjährigFreiwilliger Arzt, der Lazarethinspektor, die Gehilfen und Burschen zu Fuß sich auf dem Weg von Poysdorf nach Schloß Walterskirchen in Niederösterreich befanden, besprachen lebhaft das fruidirtP (9renmh I O Am Morgen hatten sie in dem nur zwei Meilen von Rikolsburg entfernten Poysdorf den Komg Wilhelm mit seinem Sohne, dem Helden von Königgrätz, und dem ganzen Hauptquartier, mit Bismarck, Moltke und Roon durch kommen sehen und ihnen begeistert zugejubelt. Es hieß, der König wolle sofort rynry yRirim ntntrf t hrrt um r rt Onnh, tuM sitiit gutuuktm wüt wti Stuuu tag zu eröffnen; die Truppen sollten schon am 2. August den Rückmarsch antreten, die Aerzte und das Lazarethper sonal jedoch würden der vielen Kranken wegen erst etwa vierzehn Tage spater als die übrigen entlassen werden. Bei diesem Gedanken flaute die anfänglich sehr gehobene Stimmung der auf der heißen staubigen Landstraße Dahinziehenden immer mehr ab. Auch der Anblick der sonst sehr anmuthigen und fruchtbaren Gegend war heute nicht danach angethan, em bedrucktes Ge müth aufzuheitern. Ueberall begegnete man den Spuren des verheerenden Krieges. Traurig sahen die Felder aus, wo der ganze Erntesegen des Jahres von durchmarschirenden Truppen zerstampft und zertreten am Boden lag, während an anderen Stellen die schweren goioe nen Aehren vergebens auf die Hände der Schnitter warteten. Es ist zum Verzweifeln," sagte der . Apotheker, ein junger frischer Mensch von etwa siebenundzwanzig Jahren, zu dem jüngsten Assistenzarzt der Sektion, der neben, ihm ritt, wenn man daran denkt daß sie heute daheim die Friedensbotschaft feiern und uns allen c fahren entrückt wähnen, während wir aufs Reue unsere Haut zu Markte txa gen. Ich hoffe nur, daß meine Braut es nicht aus den Zeitungen erfährt, daß in Schloß Walterskirchen ein Choleralazareth eingerichtet ist. Sie würde sich zu Tode ängstigen. Das arme Madel! Wie hat sie geweint, als ich so kurz vor der Hochzeit die Einberufung erhielt Als ob wir uns niemals wiedersähen ! Sein von Luft und Sonne gebräuntes, für gewöhnlich sehr heiteres Antlitz nahm einen finsteren Ausdruck an. Der nur einige Jahre ältere Assi fienzarzt. aus dessen qleichfalls at brauntem, von einem blonden Vollbart umrahmten Gesicht em Paar ernste, llaxt Augen blickten, die die vornehmsten ty r y . f i l - cw - c liigcnjcqaficn oes nrzies, snugyei! uno Oute, verriethen, klopfte ihm ennutht
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gend auf die Schulter. Kopf hoch! junger Freund. Sie werden doch den
Muth nicht sinken lassen, nun wir auf baldige Helmkehr hoffen dürfen. Das wird eine Freude sein, wenn wir unsern Nhein erst ioiedersehen! Sie waren doch sonst immer em lustiger Kamerad, dessen noüe uversicrt uns allen über manche schwere Stunde hinweggeholfen hat. Freilich, heiße Tage stehen uns noch bevor. Ueber zweihundert Kranke erwarten uns in Walterskirchen." .Die Zahl wird sich bald genug vermidern," entgegnete der andere mit einem kurzen, rauhen Auflachen. Wer welk, wie mancher auch von uns diesen Weg nicht mehr zurückreiten wird! Dieser Gedanke verdirbt mir heute immer wieder die Laune." Doch gleich darauf fuhr er mit einer raschen Bewegung mit der Hand durch die Luft, als wollte er die trüben Gedanken wie einen lästigen Mückenschwarm verjagen. Verzeihen Sie, lieber Doktor, daß ich heute so verdrießlich bin und Ihnen auch noch das Herz schwer mache. Haben Sie doch Weib und Klnd zu Haus. Ich muß mich vor Ihnen schämen, wenn ich sehe, mit welcher Ruhe und Gelassenheit Sie sich in alles finden, sogar in diese neue Verzögerung der doch auch von Ihnen ach so heiß ersehnten Heimkehr." Wenn man wenigstens wußte, antwertete der Arzt.wie's unseren Lieben daheim ergeht. Seit einem vollen Monat bin ich ohne jede Nachricht von den Meinen. Was kann in dieser Zeit nicht alles passirt sein! Ich darf gar nicht daran denken, sonst überlauft es mich eiskalt. Ohne die angestrengte Thätigkeit der letzten Wochen wußte ich mazt, wie ich diese Ungewißheit hätte ertragen sollen." Es werden Briefe für Sie genug unterwegs fein. Aber bei unseren stets wechselnden Quartleren hat uns ja die Feldpost stit Wochen, nicht erreicht. Nächstens bekommen wir wieder einen ganzen Haufen auf einmal.". Ich hoffe nur, daß wenigstens meine Frau meine Briefe regelmäßig erhält, damit sie nicht meinetwegen in beständiger Sorge ist." Sie haben ihr auch wohl nichts von der Cholera geschrieben?" Nein, gewiß nicht! Ich habe ihr stets alles so leicht und angenehm wie möglich dargestellt. Von den guten Quartieren' habe ich ihr erzählt, die wir besonders in Sachsen doch auch vielfam hatten, von der Freundlichkeit unserer Wirthe, wenn sie sich erst einmal davon überzeugt hatten, daß wir keine Plunderer und Mordbrenner waren, von den schönen Gegenden und hübschen Ortschaften, die wir kennen gelernt haben. Auch von unserem erfolgreichen Bemühen um so manchen Braven, der sein Blut für das Vaterland vergossen hat. Ich habe ihr auch überall etwas zum Andenken gekauft: in Meißen eine feine. blaue Tasse, Stoff zu emem Kleid in Zittau, eine Brosche von böhmischen Granaten m Gitschm.' Für unseren Jungen habe ich ein österreichisches Kadettenkappl im Koffer. Das habe ich dem kleinen Dreijährigen versprochen. Gestern habe ich's noch in aller Eile besorgt, 'da die Fr:edensbotschlst zeden Augenblick erwartet wurde." Schoner Friede," knurrte der Apotheler. Lieber hinein in den dichtesten Kugelregen als in dieses verflixte Cho leraloch!" Wir wollen die Zähne zusammenbeißen," sagte der Arzt mit emem er muthigenden Lächeln, und unsere Pflicht thun bis zuletzt. Winkt uns nun doch bald die frohe Helmkehr! Ja, Heimkehr! seufzte der andere sehnsuchtsvoll. Ich hab's mir sonst immer so herrlich gedacht, hoch zu Roß in die 'weite Welt hineinzureiten. Aber auch das kriegt man allmälig satt, besonders bei dieser barbarischen Hitze. Wir Haben's zwar immer noch besser als die armen Teufel, die in dem Staub marschiren müssen." Sie waren während der Unterhaltung hinter den anderen Reitern zurückgeblieben und hatten die Fußgänger jetzt dicht hinter sich. Der Apotheker warf ihnen, siez halb im Sattel umdrehend, einen bedauernden Blick zu.. Alle Wetter, wie sieht denn der junge Schmidt aus," sagte er plötzlich halblaut, ganz grün im Gesicht!" . Der Assistenzarzt wandte sich gleichfalls nach dem Genannten um, einem blutjungen Menschen mit einem bartlosen Knabengesicht, der als EinjährigFreiwilliger Arzt den Feldzug mitgemacht hatte. Dann winkte er ihn zu sich heran und reichte ihm vom Gaul herunter seine Feldflasche. So, Kollege, nehmen Sie mal einen herzhaften Schluck. Das wird Ihnen gut thun. Und nun seien Sie verständig. Klettern Sie zum Kutscher auf den Medizinkarren. Sie können sich ja kaum noch auf den Beinen halten. Wir wissen doch alle, was für em wackerer Kerl Sie sind." Er ist noch so jung, der arme Schelm," sagte der Apotheker, indem er voll Mitleid zusah, wie zwei Lazarethgehilfen den fast Willenlosen auf den Karren hinaushoben, die Strapazen der letzten Wochen sind zu viel für ihn gewesen." Ich fürchte, er ist krank." antwortete der Arzt. Wir werden ihn in Walterskirchen sofort in's Bett stecken müssen." Der Apotheker erblaßte, soweit seine frische gebräunte Gesichtsfarbe das zuließ. Cholera?" fraqte er tonlos. Der Arzt zuckte die Achseln. , Als am nächsten Tage die Abendsonne 'die stattlichen Fensterreihen des Schlosses Walterskirchen vergoldete,
war das junge blühende Leben des Be-
dauernswerthen schon der furchtbaren Seuche rettungslos zum Opfer gefallen. Einer nach dem anderen waren die fast über ihre Kräfte angestrengten Aerzte der Sektion bei ihm gewesen, um ihm zum letztenmal die Hand zu drucken. Nun standen nur noch der Apotheker und der jüngste Assistenzarzt an dem Sterbelager. Die armen Eltern!" sagte der Arzt, indem er dem jungen Kollegen mit sanfter Hand den letzten Liebesdienst erwies. Es war ihr einziger Sohn. Schmerzbewegt wischte er sich eine' Thräne von den Wimpern. Ab er hatte keine Zeit, seinen traurigen Gedanken nachzuhängen. Im Zimmer nebenan lag ein zunger Offizier, ein westfälischer Graf, der in manchem Gefecht dem frischen fröhlichen Reitertod kühn in's Auge geblickt und sich mit blanker Klinge so manches Mal sein Leben neu erobert hatte. Hier unterlag er dem tückischen Feinde, gegen den Muth und Gewandtheit nichts ausrichten konnten. Ungestüm verlangte er m der Fieberhitze , nach der Heimath, nach dem väterlichen Schlosse hinter schattigen Bäumen, nach dem kühlen dunklen Eichwald und der weiten rothen Heide. Für einen Augenblick glitt ein mattes Lächeln über seine schmerzverzerrten Züge, als der Arzt ihm sagte. daß auch er seine Heimath kenne und liebe, da sie die Heimath seiner jungen Gattin sei. Sollte ich sie nicht wiedersehen," flüsterte der Kranke, so bringen Sie meine letzten Grüße meinen theueren Eltern, meinem Westfalenland." Seine Reden verwirrten sich wieder. Er hielt die Hand des Arztes angstvoll fest. Bleiben Sie bei mir!" flehte er. Ich komme wieder," antwortete dieser sanft, aber fest, indem er seine Hand aus den glühenden Fingern loste, sobald ich meine Runde beendet habe. Dann bleibe ich die Nacht über bei Ihnen." Ist wenigstens bei ihm Hoffnung auf Genesung?" fragte der Apotheker, als sie draußen auf dem Gange an den Thüren vorbeigingen, hinter denen die Kranken ächzten und stöhnten, : Der Arzt schüttelte traurig den Kopf. Nach menschlichem Ermessen wird er die Nacht nicht überleben. Nun aber. mein junger Freund, fetzen Sie sich der Gefahr der Ansteckung nicht 'unnöthig noch weiter aus. Daß Sie unseren armen, jungen Kameraden pflegen wollten, war ja wohl selbstverständlich. Der Himmel lohne es Ihnen. Sie haben ihm die letzten schweren Stunden nach Kräften erleichtert. Nun aber hinaus mit Ihnen aus dieser Karbol- und Kranken-Atmosphärein die frische Luft. Denken Sie an Ihre Braut! Machen Sie einen Spaziergang durch den Park, der groß und schon zu sem scheint r Und Sie? Sie müssen doch auch einmal ausspannen." Vorläufig ist daran nicht zu denkend Ich muß jetzt rn den Hauptkrankensaal." Er lächelte mit fchmerzlicher Ironie. Es ist der Festsaal des Schlosses. Dort allein liegen vierzig Kranke, wenn die Zahl sich seit heute Morgen nicht wieder um em halbes Dutzend vermindert hat. Es ist grauenhaft da drinnen. 7 Draußen von dem spitzen Thurm der kleinen Kirche begann ein Glöcklein zu lauten. Die beiden Männer horchten auf. Wohl die Abendglocke?" Die Todtenglocke," sagte der VerWalter des Schlosses, der gerade vorüberging. Küss' die Hand, Euer Gnaden, heute smd's ihrer wieder vierzehn, denen sie draußen das letzte Lager bereitet haben. Gott habe sie selig, die armen Burschen. So jung zu sterben und fern von der Heimath! Ein böses Jahr ist's, Euer Gnaden, eine traurige Zeit. Wir werden noch lange, lange daran denken. Drei Tage waren vergangen, drei Tage voll Qual und Grauen. Machen Sie einen Spazierritt mit mir, Doktor," bat 'der Apotheker den jüngsten Assistenzarzt, zu ihm rn's Zim mer tretend. Sie müssen doch auch mal etwas Luft schnappen. Wenn ich allein reite, werde ich ganz melancho lisch. Vier von denen, die'mit uns her kamen, sind nun schon todt. Mit dem jungen Schmidt fing's an. Dann folgte ein Bursche, ein Lazarethgehilfe, und vor einer Stunde starb unser guter, braver Inspektor. Jeden Tag einer von uns! Da fragt man sich unwillkürlich: Wer konimt morgen an die Reihe? Nun, Dokt;r, machen Sie's kurz mit Jorem Bnes, und reiten Sie mit mir! Gedulden Sie sich einen Augenblick," antwortete der Arzt. Ich muß doch den Brief an meine Frau schnell beenden, da der Bote von der Feldpost unten wartet. So, nun noch die Adresse. (Lewiß reite ich mit Ihnen. Ich habe gerade eine Stunde Zeit. Soeben schrieb ich es an meine Frau: Die Zahl der Kranken hat sich' sehr vermindert Nur schrieb ich Nicht, auf welche Weise Ich will den Brief hinuntertragen; dann mache ich mich zum Ausritt fer tig.Wo ist denn Ihr Bursche?" . . Mein Bursche? Der hat schon seit vorgestern die Cholera. Aber was denken Sie! Ter Kerl will nicht in's La zareth. Liegt unten im Stall bei den Pferden. Ich glaube fast, daß er durchkommt. Schenken Sie sich unterdzs sen ein Glas von dem guten Ungarwein ein, den unser trefflicher Schloßverwal ter mir geschickt hat." . Als der Doktor zurückkam, , hatte d?r
irrn Erwägende zwel Glaser gefuur.
Sie stießen miteinander an. Auf un sere Lieben in der Heimath!" ' Ter Apotheker leerte sem Glas auf einen Zug. Ein guter Tropfen!" sagte er, mit der Zunge schnalzend. Dann hielt er dem Manne, der in den letzten Wochen sein Freund geworden war, die Hand hin: Versprechen Sie mir eins: Kommen Sie mit Ihrer Frau zu melner Hochzeit." Von Herzen gern " antwortete der andere, den Händedruck erwidernd, obgleich es fast tollkühn ist. iekt etwas für die Zukunft zu versprechen." 'Nanu! Seit wann sind' Sie denn so zaghaft? Ich habe wieder guten Muth, seitdem ich weiß, daß Niederösterreich jetzt von den Preußen geräumt werden muß. und daß wir höchstens noch zwei bis drei Taae hier bleiben. Morgen soll ja bereits eine Anzahl Leichterkrankter und Genesender nach Mähren evakuirt werden wie man's auf c . deutsch zu nennen beliebt." Es werden aber immerhin noch einige zwanzig Schwerkranke, die nicht transportabel sind, hier bleiben müssen, wenn die Oesterreicher, wie geplant, in drei Tagen, also am Montag, das Lazareth übernehmen werden." Hoffentlich liegen wir bis dahm nicht auch auf der Nase. Das wäre Pech, alle Wetter! Aber was dagegen thun? Was purzeln soll, das purzelt doch." Er warf einen flüchtigen Blick m den Spiegel, aus dem ihm em georauntes Gesicht mit dunklen Augen und einem kecken Schnurrbärtchen entgegenlachte. Gott sei Dank, vorläufig sehe ich noch nicht aus wie eine Frucht, die bald vom Baume des Lebens herabpurzelt." Der Arzt hatte sich unterdessen zum Ausritt gerüstet, und sie gingen hinunter m den Schloßhof, um die ungedulbig' stampfenden Pferde zu besteigen. Es war em schwuler Tag. Auch unter den alten Bäumen des herrlichen Schloßparks war die Luft dumpf und drückend. Blutroth leuchtete die untergehende Sonne zwischen den Stammen hmdurch. In der Ferne wetterleuchtete es. Aber kein frischer Windhauch verkundete das ersehnte Nahen eines Gewitters. ..Es thut mir fast leid, lieber Doktor," sagte der Apotheker, daß ich Sie heute herausgelockt habe. Dieser Nltt ist wahrlich kein Vergnügen. - Mir wemgstens macht er Kopsschmerzen. Ich weiß Nicht, ob s der Ungarwem thut. Mein Schädel springt vor Hitze, vor meinen Augen flimmert's, und meine Glieder sind so matt und schwer, als ob ichen" ganzen Tag nicht vom Gaul heruntergekommen wäre." 'Der Arzt warf ihm einen besorgten Blick zu. Wir wollen zurückreiten, schlug er vor. ' Als sie auf dem Schloßhof von den Pferden' stiegen, schickte der Apotheker fttnerr herbeieilenden Burschen fort, um ihm ein Glas frisches Wasser zu holen. 'Trinken Sie doch jetzt kein Wasser," warnte der Arzt. , Ich werde wahnsinnig vor Durst!" .So kommen Sie mit auf mein Zimmer. und trinken Sie Unaarwein. so viel Sie mögen," drängte der Besorgte. ''vmmen Sie mit. Wir wollen Bru derschaft trinken." Ein Lazarethgehilfe ruf ihn m diesem Augenblick zu einem Schwerkranken. Trinken Sie kein Wasser!" bat. der Arzt noch im Fort gehen. Als jedoch eine Minute später der Bursche mit dem gefüllten Glase erschien, konnte der Durstende der Versuchung nicht widerstehen. Er leerte es mit aieriaen. Zügen. Dann stürzte er mit fast irrem Blick zur Pumpe, füllte das Glas von Neuem und leerte es noch zwei-, dreimal hintereinander. Schon war das entsetzliche Gespenst an seiner Seite und ärmste voll Tücke. , Ein jäher Schrecken durchzuckte den Arzt, als er, verspätet zum Abendessen kommend, den Freund nicht wie. gewohnlich bei Tische fand. Wieder ein leerer Platz!" hörte er Jemand sagen. Er suchte den Apotheker auf seinem Zimmer. Dort lag der Bejammernswerthe, in gräßlichen Krämpsen sich windend, auf dem Boden, mit blauen Lippen, die Augen verglast und einge funken in den Höhlen. Der Freund brachte ihn zu Bett. Er that alles, was er zur Erleichterung des Schwerkranken thun konnte. Während der amen Nacht wich er keinen Augen blick von seinem Lager. Die Aerzte kamen einer nach dem anderen und gingen traurig wieder fort. Em ganz verzweifelte? Fall! Der Kranke redete un aufhörlich im Fieber von seiner Heim kehr, seiner Hochzeitsfeier. Dazwischen jammerte und stöhnte er zum Erbar men. Als der Morgen dämmerte, wurde er ruhiaer. Das Bewußtsein schien zurückzukehren. Er sah den Freund an mit emem Blick, der diesem durch's Herz schnitt. Mein armes Mädel!" hauchte der Kranke tonlos. Dann kam das Ende. Zwei Tage später verließ die zweite Sektion des dritten Feldlazareths vom siebenten Armeekorps m sehr verminder ter Anzahl Schloß Walterskirchen, nachdem sie aerade eine Woche dort ge weilt hatte. Mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder war von der tückischen Krankheit befallen worden, und verschiedene gehörten jetzt noch zu den Schwerkranken, die nicht nach Mahren hatten gebracht werden können.' Sechs liebe treue Kameraden hatten auf dem kleinen ftriedhos zu Walterskirchen ihre letzte Ruhestätte gefunden. Da noch sechzehn Schwerkranke im Schlosse la
gen, mußte der jüngste Assistenzarzt zurückbleiben,- um am folgenden Tage das
Lazareth einem österreichischen Arzt zu übergeben. Mit beklommenem Herzen schaute er den Fortziehenden nach, die sich immer wieder nach ihm umwandten und ihm herzlich zuwinkten. Sie brauchen nur bis morqen früh hierzubleiben," hatte ihm der Stabsarzt gesagt, dann können Sie ruhig fortreiten, auch ehe der Oesterreicher zur Stelle ist. Thun Sie nicht mehr als Ihre Pflicht. Sie haben schon Uebermenschliches geleistet. Also auf Wiedersehen morgen m Nlkolsbürg!": Mit nassen Augen hatte er den Zurückbleibenden umarmt. Schonen Sie sich! Nehmen Sie sich m acht! So waren sie. alle von dem zungen Assistenzarzt geschieden, als gälte es einen Abschied für lange Zeit. Und doch war's nur für einen Tag. daß sie sich trennten. Aber wie manchen hatte die entsetzliche Seuche in wenigen Stunden dahingerafft! , Auch der Zurückbleibende konnte sich dieses bedrückenden . Gedankens nicht ganz erwehren. Zu frisch noch waren die grausigen Eindrücke der letzten Woche in semer Seele. Wenn es ihm nun erging wie seinem armen Freunde, dem Avotheker wer würde ihm die Augen zudrücken, durch wen sollte er an scme Gattin, an seinen kleinen Sohn die letzten Grüße senden? Er glaubte sie beide vor sich zu sehen, wie er sie vor einem Vierteljahr zuletzt an sein Herz gedruckt hatte. Eine Ewigkeit schien ihm seit jener Stunde verstrichen zu sein. Was sollten sie beide beginnen ohne ihn? Hatte er es ihnen wohl jemals so recht gezeigt, wie heb er sie hatte? Wußten sie es wohl, wie schmerzlich er sie entbehrte, wre heiß er sich nach ihnen sehnte? . Es schien ihm, als habe er semer Frau noch so vieles zu sagen für den Fall, daß er auf immer von ihr gehen müßte. Er mußte ihr schreiben, heute noch, sofort! Diese eme Viertelstunde mußte er seinen Kranken entziehen. Er ging auf sein Zimmer. Die Feder flog über das Papier. Worte der Liebe, der Sehnsucht, der Sorge füllten die Seiten des Briefbogens. Dann faltete er ihn zusammen und steckte ihn in einen Umschlag. Seme Hand zitterte em wenig, als er ihn mit der Aufschrift versah und nach kurzem Zogern m die Ecke oben links die Worte setzte: Post mortem." Dann begab er sich zu seinen Kranken. In dieser Nacht endlich entlud sich das Gewitter, das schon seit Tagen allabendlich heraufgezogen war, ohne zum Ausbruch zu kommen. Die Blitze flammten, der Donner dröhnte, Regenfluthen strömten hernieder. Endlich, endlich wich die Schwüle. Alle Fenster des Schlosses wurden geöffnet. Die Kranken athmeten freier; begierig tran ken sie die reine erquickende Luft. Als der Arzt m nächsten Morgen aus kurzem, unruhigem Schlummer erwachte, lachte die Sonne hell in sein Fenster hinein. Ein kühler Wind schüttelte die letzten schweren Tropfen von den erfrischten Bäumen und Strau chern. Die ganze Natur schien dem jungen Manne verschönt und verjüngt. Er selbst fühlte sich wie neugeboren. Er dachte nicht mehr an den Tod; nur an die Heimkehr dachte er urtd an das Wiedersehen nach der langen Trennung Der Brief mit der Aufschrift Post mortem" lag noch auf dem Tiscbe. Mit einem tiefen Aufathmen ergriff er ihn, um ihn zu zerreißen. Doch er zögerte einer seltsamen Regung folgend. Er lächelte über sich selbst. Abergläubisch war er doch niemals gewesen. Aber dennoch. konnte er sich nicht entschließen, den Brief zu vernichten. Er legte ihn unten in feinen Koffer zu dem Meißner Täßchen, dem Kleid aus Zittau, den böhmischen Granaten und dem öfterreichischen Kadettenkäppi. Wenn er glucklich wieder daheim war be: semen Lieben, dann mochte das Schreiben den Flammen geopfert werden. Nun konnte er fortreiten. Seine Pflicht war hier erfüllt. Aber er vermochte sich nicht zu entschließen, die Schwerkranken zu verlassen, ehe er sie wieder m arztlicher Pflege wußte. Noch eine letzte Liebespflicht wollte er mcht versäumen. Er schritt hmab m den morgenfrischen Garten, wo Rosen und Nelken, Levkojen und Resedenauf langen Beeten blühten. Mit Hilfe des Gärtners band er vier prächtige Strauße von Sommerblumen. Zum stillen Friedhof trug er sie selbst, vier frische Hügel damit zu schmücken: das Grab des jungen Kollegen, das des westfälischen Grafen, des braven Inspektors und zuletzt das Grab des fröhuchen Kameraden und Freundes. Bru kerschaft hatte er mit ihm trinken wollen am letzten Tcge. Der Tod hatte ihm statt seiner den Becher geboten und stine Lippen geküßt. Als, erst gegen Mittag, der osterreichische Arzt erschien, um das Lazareth zu übernehmen, ließ er sich sein Pferd satteln. Noch einen letzten Blick warf er auf das helle, stattliche Gebäude, m dem er in einer Woche mehr Leid erlebt hatte als in feinem ganzen bisherigen Leben. Allein er ritt von hinnen. Die Worte des Apothekers fielen ihm ein: Wer weiß, wie mancher von uns den Weg nicht wieder zurückreiten wird! Wie traurig hatte sich diese Ähnung erfüllt. In ernste Gedanken vertieft ritt der Arzt die Straße nach Rikolsburg. Aber noch ehe die Thurme des Stadtchens m Sicht kamen, trabten ihm vier Rei
ter entgegen, seine treuen Kriegskame-
raden, die ihm.' über sein längeres Ausbleiben beunruhigt, den halben Weg entgegengeritten waren. Sie umarmten und küßten ihn und schüttelten ihm die Hände, während ihnen die Thränen über die gebraunten Wangen liefen. Es war ein Wiedersehen, als ob er aus dem Grabe käme. Kurz vor Nikolsburg erwarteten ihn die Uebrigen, unter ihnen sein braver Bursche, der schon vor einigen Tagen mit den Leichterkrankten von Walterslirchen fortgebracht worden war und die Krankheit glücklich überstanden hatte. Er war außer sich darüber geWesen, daß sein Herr allein in Oeflerreich hatte zurückbleiben müssen, und schluchzte wie ein Kind, als er ihn gefund wieder vor sich sah. Als der von allen Seiten so herzlich Begrüßte sich endlich allein auf seinem Zimmer befand, schrieb er zuerst an seine Frau: Wenn Du m emer der nächsten Nummern der .Kölnischen Zeitung' die Todesnachricht von dm Mügliedern der zweiten Sektion des druten Feldlazareths findest, so erschrick nicht! Ich befinde mich gottlob! frisch und gesund und bin der Gefahr glücklich entronnen. Nun darfst, Du es ja wissen: Es war eme schreckliche Zeit, die wir in Walterskirchen verlebten, und wir waren alle auf den Tod vorbereitet. In unserer Trauer um den Verlust manches lieben Kameraden kann uns nur der Gedanke em wenig Trost verleihen, daß wir trotz der Gefahr unsere Schuldigkeit bis zum Schluß gethan haben. Nun endlich nach diesen schweren Taczen dürfen wir uns der beseligenden Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen hingeben." Und es kam wirklich das Wiedersehend das so heiß ersehnte, oftmals kaum noch erhoffte, wenn auch mit dem Rückmarsch durch Mähren und Vöhmen bis zur endgiltigen Entlassung immerhin noch einige Wochen, Hingingen. Noch ein paar Tage länger dauerte es. bis der Koffer eintraf. Als die Eltern ihn gemeinsam auspackten, stand neugierig der kleine. Junge dabei, und fein Gesichtchen strahlte, als der Vater ihm das mitgebrachte Käppi auf den Blondkopf drückte. Die junge Frau aber stutzte, als sie zwischen ihren Ceschenken einen Brief fand, der die Aufschrift Post mortem" trug. Mas bedeutet das?" fragte sie. - Ihr Gatte aber nahm den Brief aus ihrer Hand. Dieses Schreiben," sagte er ernst, sollte Dir nach meinem Tode meine letzten Grüße bringen, wenn ich die letzte Nacht in Walterskirchen nicht überlebte. Lies es nicht! Es würde Dir nachträglich noch das Herz schwer machen. Was ich Dir Liebes darin schrieb, es ist doch nicht verloren für Dich und für mich." Er blickte sie innig an. Komm, ich selbst will den Brief verbrennen am neugewonnenen eigenen Herd. Und mögen sie nun zur Friedensfeier die Freudenfeuer emporlodern lassen, ein schöneres als das unsere gibts nirgendwo im großen Preußenland! . Post mortem!" Nach alten vergilbten Briefen erzählte ich diese Geschichte. Die warme, treue Hand, die einst sie schrieb, fern von der Heimath, ist nun auch erkaltet. Eine neue Generation ist herangewachsen, die nichts kennt von Krieg und Kriegsnoth. Aber gar zu gern hört es der Enkel, was sein Großvater als junger Mann in den Kriegen gegen Oesterreich und Frankreich erlebte. Voll Andacht betrachtet er die Kriegsdenkmünzen und das Eiserne Kreuz, das der nun Dahingeschiedene im Kampfe gegen die Franzosen erhielt, und die Augen des Jungen leuchten vor Stolz, wenn er, das Kindergewehr geschultert, das alte österreichische Kadettenköppi auf dem Blondkopf, vor dem Hause der Großmutter Schildwache steht. Der zornige Snicircr. . Hab' ich eine Wuth in mir!.. Hätt' ich nur gleich 'was recht Billiges bei der Hand kurz und klein thät' ich's schlagen!" Die in Vayreuth gebürtige Frau Konsul Schmidt in Ham bürg hat der Stadt Vayreuth 141,00 Mark gestiftet, von denen 100,00(! Mark für den Bau eines Siechenhauses bestimmt sind' m, 000 QOO geliefert von 1. B. METER & C0. Telephone Nuf : Alt - - "2440" Neu - - Mß" 10 Haupt-Vcrbmdungcn Wir sind zu jeder Zeit zu haben Kohlenhof nahe bei Ihnen. , Saupt Ofstee : 59 Nord j?ennfslvania Straße.
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