Indiana Tribüne, Volume 28, Number 154, Indianapolis, Marion County, 21 February 1905 — Page 7
Juvkana Tribüne, 21. Februar 1905.
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Hitttcr vcrschllisscnen Chttrcn Keman von d'Aigremont
- . S I - iV bWH5r z (Fortsetzung.) Sie traten beide in das Thurmgemach und sahen sich nun die Oeffnung näher an. Sie war dadurch hergestellt worden, daß eine scheinbar in die Wand eingemauerte, über mannshohe Steinplatte in eisernen Zapfen um ihre Achse bewegt werden konnte. Die mächtige Platte hatte augenscheinlich in längstvergangenen Zeiten als Grabstein gedient. "Die Inschrift war völlig verwittert, nur das v. Plessis'sche Wappen noch erkennbar. Man konnte annehmen, der Stein sei aus Pietät, um ihn den Einflüssen der Witterung zu entziehen, hier eingemauert worden, während er in Wahrheit vom Erdgeschoß des Schlosses aus den Zugang zu dem geheimen Gange vermittelte. Von der Wendeltreppe aus ließ sich der Stein durch Ziehen an einem eisernen Ringe mit leichter Mühe drehen; vom Thurmgemach aus konnte man ihn dadurch bewegen, daß man auf eine eiserne Klammer drückte, die auf der rechten Seite in das Mauerwerk eingelassen war und anscheinend nur mit dazu diente-, den Stein in feiner senkrechten Stellung festzuhalten. Lemarchand brachte den Stein in seine normale Stellung zurück, dann trat er mit seiner Enkelin in einen schmalen Gang, der in das Vestibül' des Schlosses führte. Von dort stiegen Beide auf der Haupttreppe leisen Schrittes wi?der zu dem Obergeschoß empor. Als sie in Reines Schlafgemach angelangt waren, bat diese ihren Großvater, vorläufig hier zurückzubleiben. damit Violette, die noch immer schlief, ihn beim 'Erwachen nicht gewahre. Ich will sie jetzt aufwecken." erklärte das junge Mädchen, und von Neuem in hypnotischen Schlaf versetzen, um sie darin übe? das zu befragen, was Gratien beidemal ihr zu thun befohlen hat. Du wirst alsdann bestätigt finden, was durch zabllose Versuche erwiesen ist, daß nämlich der Hypnotische, dem nach dem Erwachen jede Erinnerung an das, was er gethan hat, fehlt, sich in einer späteren Hypnose alles dessen wieder bewußt wird." Der alte Herr schüttelte den Kopf. Das grenzte ja an Zauberei, allein nach allem, was er bereits erlebt und gesehen, mußte er wohl seine früheren Zweifel fahren lassen. Es blieb ihm auch nicht viel Zeit, solchen Erwägungen nachzuhängen, denn Reine war bereits an Violettes Lager getreten. Er konnte nicht sehe::, was sie dori that, aber bald darauf hörte er die Marquise mit ihrer gewohnten sanften Stimme fragen: Wieviel Uhr ist es denn, Kind?" Q, es ist mitten in der Nacht, Mutterchen." Weshalb bist Du denn aber hier an meinem Bett?" Ich hörte Dich stöhnen und im Schlafe reden, das beunruhigte mich Ich fürchtete, es möchte Dir etwas fehlen." Nein, nein, ganz und gar nicht. Ich bin nur noch sehr müde." So schlafe jetzt wieder ein," entgegnete Reine. Und in einem sehr bestimmten, befehlenden Tone setzte sie hmzu: Denke nur daran, daß Du einschlafen sollst, hörst Du?" Und wieder nach einer Weile: Du fühlst. daß Dir die Augenlider schwer werden der Schlaf kommt die Augen fal len zu. Schlafe etzt: ich will es!" Nachdem .etwa fünf Minuten verflössen waren, rief Reine den Großvater 'an ihre Seite. Als er eintrat, saß' sie neben der anscheinend fest schlafenden Marquise. Sie h?elt deren Hände zwischen den ihren, legte jetzt aber die rechte Hand auf den Kopf der Ruhenden und sagte: Du wirst Dich letzt alles dessen erm nern, was vorgegangen ist, wenn Grahen hier auf Samt-Luc war. , Ich be fehle es Dir. Violette wirst Du gehorchen?" Die Angeredete blieb stumm. Erst als Reine den Befehl nochmals und in dringenderem Tone wiederholt hatte. kam ein leises Ja" über ihre blassen Lippen. Violette, wir sind jetzt bei Tisch am Abend vor dem Allerseelentage, dem letzten, den meine Mutte.- erlebte. Du bist auch dort. Erinnerst Du Dich? Ja," erwiderte die junge Frau, ohne die Augen zu öffnen. Der Kopf thut mir weh. Das macht der starke Blumenduft." Reine nickte ihrem Großvater zu. Ihr Versuch war geglückt. Die jetzt in eine neue Hypnose Versetzte gehorchte ?yr. Wer ist außer Dir anwesend?" fragte sie Wetter. Die Marquise nannte alle bis auf Granen. Es war noch eine Person da,".sagte r rwi nelne-'carie. Violette schwiea. Da berübrte das junge Mädchen ihre Stirn und sagte gebieterisch: Erinnere Dich ich will $r Graiien," murmelte endlich Violette. Blieb er die Nacht im Schloß? Nein, er kehrte nach Paris zurück.Gab er Dir vorher einen Befehl?
Nein," kam es mit sichtliche: Antrengung über die Lippen der Schlaenden. Du sagst nicht die Wahrheit. Aber
Du sollst und mußt alles gestehen, hörst Du?" In den Zügen Violettes spiegelte sich deutlich ein innerer Kampf ab: für Reine bestand kein Zweifel, daß Gratien ihr jedesmal auch zugleich den Befehl ertheilt hatte, über das zu chweigen, was er ihr zu thun geboten. Daher dieser Konflikt. Theile mir den Befehl mit, den er Dir gab ich will es!" gebot Reine von Neuem. Zunächst erzähle mir. wann es geschah." Ich weiß nicht mehr," lautete die Antwort. Sie wehrte sich noch immer, so gewaltig war die Beeinflussung durch den Grafen gewesen. Doch Reine ieß sich nicht irre machen. Mit Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft sagte sie: Erinnere Dich! Es muß ein ich befehle es Dir!" Nun ja, es geschah auf der Landstraße. Er war mit mir zurückgeblieben und versetzte mich in Schlaf auf einer am Wege stehenden Bank." Und dann?" Weiter nichts." Wiederum legte Reine ihre Hand auf die Stirn der Schläferin und befahl ihr, zu reden. Mein Gott ich kann nicht!" Du mußt, ich will es." Dann frage mich." Was hat er Dir damals gesagt?" Er befahl mir, nach Mitternacht mich durch den geheimen Gang, dessen Mechanismus er mir beschrieb, in das Schlafgemach der Marquise Laute zu begeben und sie mit dem Dolche, der stets auf ihrem Nachttifchchen läge, zu erstechen. Und nachher sollte ich alles bergessen. Ich habe ihm gehorcht. Aber jetzt muß ich sprechen ich kann nicht anders, es ist stärker als ich." Unter immer steigender Erregung hatte Violette gesprochen. Ihre Hände krampften sich zusammen, m ihren Zugen zuckte es, allem Rerne-Mane er kannte die drohende Gefahr einer hysterischen Krise und beschwichtigte sie durch Striche, die sie mit beiden Händen in bestimmter Richtung längs des Oberkörpers der Schlafenden aus,ui)tiz, oyne vielen ieoocy oaoei zu derühren. Als sie endlich ihr Verhör glaubte fortsetzen zu können, fragte sie: Am letzten Samstag Nachmittag hat Gratien Dich abermals eingeschläfert. nicht wahr?" Violette war nickt mebr im Stande, ytyci: cicjcn maazilgen AMNen anzu kämpfen, der an die Stelle des anderen getreten war und sie nun nach . Belieben lenkte. Ja," antwortete sie leise. Und was befahl er Dir diesmal?" Und nun bekannte die Unglückliche stockend und zögernd, aber immer von Neuem durch Reines gebieterische Stiinme zum Weitersprechen genöthigt, daß Gratien ihr geboten, in ganz gleicher Weise wie damals die Marquise v. Plessis, den eigenen Bruder um's Leben zu bringen. Mit Schaudern hörten Reine und Lemarchand dies Geständniß, obwohl sie Beide darauf vorbereitet waren. Gleich seiner Enkelin stand auch der alte Herr mit leichenblassem Gesicht da. Seine Lippen bebten, aber seine Augen blitzten, und seine Hände hatten sich ingrimmig geballt. Als Reine ihn Ut fragte, ob er jetzt genug gehört habe, nickte er finster. . Hierauf beruhigte sie Violette abermals, die diesmal in noch größere Erregung gerathen war wie zuvor. Du wirst Dich von jetzt an durch Niemand wieder einschläfern lassen." sagte Reine zum Schluß, und von keinem Menschen einen Befehl in der Hypnose entgegennehmen, als von mir ganz allein. Hörst Du wohl, Violette? Ich-befehle es Dir und ich will, daß Du mir unbedingt gehorchst. Wirst Du das thun?" Die Schlafende bejahte. Und wie Du im wachen Leben," fuhr Reine fort, d" früheren Pefehle vergessen hast, so wirst Du das auch jetzt thun mit allem, was in dieser Nacht geschehen ist und mit allem, was ich Dir soeben aufgetragen habe. Tu wirst ferner bis morgen Mittag fest schlafen und dann ohne alles Unwohlsein erwachen." Jawohl," murmelte Violette. Also schlafe jetzt, schlafe tief und ruhig!" Wenige Minuten hernach 'kehrte Lemarchand mit Reine in ihr Schlafgemach zurück; sie schloß die in das anstoßende Gemach führende Thür hinter sich. Draußen begaan im Osten bereits der junge Tag zu dämmern. Wird sie nun wirklich schlasen?" fragte Lemarchand. Gewiß, Großvater, bis gegen Mittag. Und nach dem Erwachen wird sie sich an nichts mehr erinnern, genau so, wie ich es ihr befohlen habe. Wie ich es vorher gesagt, habe ich Dir den Beweis geliefert, daß Gratien v. Plessis der intellektuelle und allein verantwortliche Urheber des an meiner armen Mutter verübten Mordes ist und daß er jetzt in gleicher Weise meinen Verlobten aus der Welt zu schaffen beabsichtigte. Genügt Dir der Beweis?" Jawohl, mein Kind, er genügt," entgegnete der Millionär. Was aber soll jetzt geschehen, um ihn für seine Verbrechen zu strafen? Wir können für diesen Zweck doch nicht das Gericht in Anspruch nehmen," sagte Reine mit bekümmerter Miene. Nein, das geht nicht. In diesem Falle müßten wir ja auch angeben, wen
der Verbrecher zu seinem Werkzeug ge-
macht hat, und das darf selbstverstandllch mcht geschehen. Wenn auch kein Gericht der Welt unsere arme Violette mitschuldig finden würde, so wäre doch ihr Lebensgluck unwiderbrmglich zerstört, sobald sie erführe, was sie ohne Wissen und Willen gethan. Auch mit Rücksicht auf Deinen Vater und Deinen Verlobten, die durch diese Enthüllung nicht minder schwer betroffen würden, muß das . Geheimniß dieser Nacht von uns strengstens bewahrt bleiben." Das alles habe ich mir vorher schon selbst gesagt. Was aber sollen wir denn thun, damit der Tod meiner Mutter gesühnt werde?" Laß mich nur machen, mein Kind," entgegnete Lemarchand mit fester Stimme. Ich werde ihn zwingen, an sich selbst die Strafe zu vollziehen, nachdem ich ihm dargethan habe, daß alles entdeckt und erwiesen ist, und daß im anderen Falle seiner das Schafott harrt." Wenn er Dir das aber nicht glaubt, Großvater?" wendete Reine besorgt ein. Gratien ist ein so schlauer und berechnender Mensch, daß er ebenso genau weiß, wie wir selbst, welche Rücksichten uns in unserem Vorgehen gegen ihn hemmen. Er wird darauf bauen und" In diesem Augenblick schallte der Ton der heftig gezogenen Hausglocke durch die Stille des Schlosses. Was mag das sein?" fragte Reine zusammenfahrend. Ich werde sogleich nachsehen," entgegnete Lemarchand. Er ging, in sein Zimmer hinüber, um rasch seme Toilette zu vervollständigen. Doch noch bevor er damit fettig geworden war, klopfte ein Diener an seine Thür und meldete: Ein Telegramm für Herrn Lemarchand!" Gleich darauf öffnete der alte Herr und nahm die Depesche in Empfang. Soll der Bote auf Antwort war45" srnate dtt Ni?ne? Lemarchand trat an das Fenster und riß den Umschlag auf. Seine Hand zitterte dabei, denn er hatte die Empfindung, als brächte diese Depesche eine wichtige Entscheidung , in diesem schweren Augenblick. Hastig überflog er den Inhalt. Nach einer Weile sagte er mit seltsam verändert klingender Stimme: Es bedarf keiner Antwort, Francois. Der Mann kann wieder gehen." Lemarchand aber öffnete das Fenster, um in tiefen Zügen die kühle Morgenluft zu athmen. Er fchloß einen Moment die Augen und fein für qewöhnlich so unbewegliches Gesicht drückte eine tiefe Erschütterung aus. Nicht lange hernach vernahm er Reines Stimme von der Thur her, die fragte, ob sie hereinkommen dürfe. Es ließ ihr keine Ruhe mehr. Was gibt es. Großvater?" fragte sie eintretend. Etwas Wichtia.es?" Hier, überzeuge Dich selbst," antwortete Lemarchand, ihr die Depesche reichend. Sie sah zunächst nach der Unterschrift, allein der Name Hoche" sagte ihr nichts. Das ist der Geheimagent, den ich mit Gratiens Ueberwachung beauftragt habe," erklärte Lemarchand ernst. Lies mir nur noch einmal laut vor, was er meldet." Gestern Abend yerieth Graf Gratien v. Plessis im Klub beim Spiel in einen heftigen Wortwechsel mit dem Marquis v. Moranges. Er endete mit einer Forderung. Die Sache wurde beizulegen versucht, der Marquis be stand jedoch auf einer Entscheidung durch die Waffen. Heute Nachmittag fand der Zweikampf in dem Park eines Landhauses bei Saint-Germain statt. Graf Gratien erhielt gleich beim ersten Kugelwechsel einen Schuß in die Brust und starb nach wenigen Minuten. Alles war sehr geheim betrieben worden. Ich erhielt daher erst zu spater Stunde Nachricht, die ich Ihnen sofort telegra phisch übermittle." Mit steigender Bewegung hatte Reine-Mane qelesen. Der ewige Richter hat also bereits entschieden, mein Kind," begann der alte Herr dann. Gratien steht vor seinem Richterstuhle, und das enthebt uns der Pflicht, ihn zur Verantwortung zu ziehen. Für uns alle ist es auch am besten so." Jetzt endlich löste sich die Nervencmspannung des jungen Mädchens, das während der letzten Stunden eine so erstaunliche Kraft und Energie bewährt hatte, in lindernde Thränen. Leise weinend sank Reine-Marie an die Brust des Großvaters, der liebkosend und oe ruhigend über ihr Blondhaar strich. Plötzlich hob sie den Kopf wieder. Man vernahm von der Treppe her Andres helle Stimme. Augenscheinlich war er durch das Lauten der Hausglocke geweckt worden und kam ietzt aufmerksam und besorgt, wie er immer war um sich bei Lemarchand nach der Ursache der frühen Störung zu erkun digen. Der alte Herr nickte seiner Enkelin mit gutigem Lächeln, zu. Hat er Dich nicht redlich verdient, kleine Reine?" fragte er, indem er zärtlich ihre Stirn küßte. Und dann deutete der Greis mit der Rechten nach Osten, wo über den Vaumwipfeln des Parkes die Sonne sich erhob, mit ihren leuchten den Strahlen Nacht und Nebel verscheuchend. Möge es die Sonne Eures Glücke sem!" tf&jierie er tiefbewegt. Ende.
3rn Tkaimpfe
mit dem Schicksal. Roman von SilaS ft. Hocking, übersetzt von B. reumannoner. Erstes Kapitel. In Cornwall auf öder Heide. Ein kahles, hochgelegenes Heidemoor! Am bleifarbenen Himmel schwärzliche Wolkenmassen, die in raschem Flug von Nord nach Süd zrehen. Ab und zu eisige Regengüsse, mit zähen Windstößen wechselnd. Und auf der verödeten Landstraße, deren tiefe Geleise als trübe Lachen erscheinen. langsam dahinwandernd eine Frau mit einem Kinde auf dem Arm und neben ihr ein etwa siebenjähriger KnaU, der an ihren Rock sich klammernd, mühsam ein Bein vor das andere setzt. Mehrmals hebt die Frau seufnd den Kopf und blickt den Weg entlang nach einem noch fernen kleinen Gehölz, das sie sich zum Obdach ersehen hat. Von den drei oder vier Stecheichengruppen, die den ganzen Baumbestand der Heide bildeten, war dies die größte und auch die einzige, welche einen Namen hatte. Das Dickicht hieß Gideons Ruh" und hatte seit undenklichen Zeiten so geheißen; warumund nach welchem Gldeon wußte sich niemand zu entsinnen. Die Bäume standen so, daß sie einen nach Suden hin offenen Halbkreis bildeten, und ein dicht hinter den Stecheichen wachsender Dorndusch schützte das Platzchen gegen irn so häufig über die Heide fegenden Nordwind. Zu weiterem Schutz hatten unbekannte Hände zwischen den Stämmen Rasenstücke und Steine aufgeschichtet, und im Laufe .unzähliger Jahre war so eine Mauer entstanden, die wie em Bollwerk dem Wind und Wetter Trotz bot. Ein jeder, der hier voruberkam, hatte fern Scherslem beigetragen der Ackersmann seinen Spaten voll Erde, der Wanderer seinen Stein, um Gideons Ruh" so gemüthlich zu machen, wie es die hier gern rastenden Fußgänger und Fuhrleute nur wünschen konnten. Viele kamen freilich nicht des Weges, denn nicht allein war die Landschaft erbärmlich, fondern auch unheimlich, namentllch im Dunkeln, well in der Nahe etwas über ein Menschenalter vor Beginn unserer Erzählung ein armer Dörfler, der sich durch Noth zum Wildern hatte verleiten lassen, noch im eisernen Käfig aufgehängt worden war. Er, war bis dahm ein unbescholtener Mann gewesen, hatte aber den Wlldhutern Widerstand ge leistet und ihnen ein paar Beulen beigebracht ein Verbrechen, für das es nach damaligen englischen Rechtsbegriffen keine Gnade gab. Und nun sollte der arme Sünder, der an der Richtstätte eingescharrt war, auf der Heide umgehen, und besonders in stürmischen Nächten wollten Wanderer schon oft sein fürchterliches Wehklagen gehört haben, genau wie er es in seiner Todesqual ausgestoßen hatte. Wer nicht durchaus mußte, nahm daher schwerlich seinen Weg über die Heide. Zwischen Polwhele und Stamer gab es aber keinen anderen, und unter Aufbietung aller Willenskraft brachten es die Leute denn doch zuweilen fertig, ihr Gruseln zu bemustern, um sich einen weiten, halsbrecherischen Umweg zu ersparen. Im Sommer war es auch keine so üble Gegend, vornehmlich wenn sonst überall eine unerträgliche Schwüle herrschte, auf dieser Hochebene dahingegen immer ein frisches Lüftchen wehte, das den köstlichen Duft aus den Heideund Ginsterbüschen schüttelte. Anders jedoch im Winter, wenn der Ginster seine Blüthen verloren hatte und kein Purpurschimmer mehr auf dem Heidekraut lag; alles war dann grau und ode. Während Emily Milward sich muthlos weiterschleppte, erschien ihr das trostlose Stück Heidemoor wie ein Bild ihres Daseins. Ob es bald ein Ende nehmen wurde? Eine Karte nur besaß sie noch hatte sie die verspielt, so war alles aus. Für ihre Person wäre ihr das gleich gewesen. Hatte sie doch innerhalb der letzten fünfzehn Jahre ihres Lebens verloren, was für sie 'des Löbens Werth war, bis auf ihre beiden Kinder Hans und Eva, von sieben die letzten. Sie waren jetzt ihr Alles auf der Welt. Seit sie auf dem Heidewege waren, hatte sie kein Wort mehr mit Hans gesprochen. Sie hörte, wie er mit feinen kleinen Füßen durch die 'Pfützen stapfte; sie fühlte, wie er an ihrem Kleide zog. Er war sicher zum Umsinken ermüdet und durchkältet, durchnäßt, und wohl auch hungrig. O, daß sie ihm dies alles doch hätte ersparen können! Aber nur ihm und seinem Schwesterchen zuliebe hatte sie die weite. beschwerliche Reise unternommen, die jetzt bald ein Ende haben würde wie jedoch, das wußte sie nicht. Hans klammerte sich immer fester an der Mutter Rock, um nicht zu fallen. Ihm war erbärmlich zu Muthe. Seine Mutter anzureden, getraute er sich nickt. Beim ersten Wort hätte er das Weinen bekommen, und das durfte er nicht. Ein so großer Junge, schon sieben Jahr, und heulen? Kleine Mädchen, die weinten immer gleich, aber bei ihm ei. da müßt' es erst noch ganz anders kommen! Es hätte auch seine Mutter betrübt, und er wußte, daß sie schon Kummer genug hatte.
Er hatte oft darüber nachgedacht,
was sie immer so sehr bekümmern mochte. Ein noch größeres Räthsel war ihm diese Reise,' und nun erst j diese, schauerliche Wanderung über die einsame Heide bei dem gräßlichen Wetter! Auf seine Fragen hatte er stets dieselbe Antwort bekommen: Still, Hans, warte es ab, du wirst ja sehen. Und einmal noch leise: Wer weiß, ! wozu es führt, vielleicht zu nichts." Das dachte auch Hans m seinem kindlichen Sinn vielleicht zu nichts." Er war bisher nie aus den engen Häuserreihen der Großstadt London herausgekommen, und nach dem Lärm und dem Leben und Treiben in den volkreichen Straßen dünkte ihm die fürchterliche, eintönige Heidelandschaft wirklich das Ende der Welt. Er spähte über den langen Weg, dorthin, wo derselbe geradezu in den grauen Himmel hineinzuführen schien, wo nichts, rein gar nichts weiter sichtbar war, und es wurde ihm bange vor jenem unendlichen Nichts. Und dann es schien, als weiche die Stelle, wo der Weg aufhörte, immer weiter zurück. Sehr weit war es jedenfalls noch bis dort. Und ihm wurde jeder Schritt schon so schwer, er meinte, bald gar nicht mehr fort zu können. Auch die Mutter ging viel langsamer als vorher, ganz unsicher und langsam. Daran war vielleicht aber nur diese elende, abscheuliche Straße schuld. Eine solche hatte er noch nie gesehen. Was war dagegen der holprigste Damm der armseligsten Londoner Gasse? Jetzt endlich fing die Mutter an zu sprechen. -Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten, Hans. Wenn wir aber noch ein Weilchen gegangen sind, werden wir uns ein wenig ausruhen können." Wo denn?" fragte er, eine heftige Neigung zum Schluchzen tapfer bemeisternd. Ich sehe nirgends ein Haus, Mutter." Ganz in der Nähe. Wir müssen bald da fein, sieh nur geradeaus. Soviel ich weiß, ist dort eine Bank." Eine Bank?" rief er kläglich enttäuscht. Hier draußen im Regen! Ich dachte, da wäre ein Haus, wo es was WarmeS zu essen gibt und man sich an'S Herdfeuer setzen kann." Friert dich sehr, Hans?" Sie vergsb ihre eigene Pein über deZ Kindes Klage. Nur an den Füßen und Händen, Mutter," sagte er mit heller Stimme. Aber kommen wir nicht bald wo anders hin, wo Häuser sind?" Drüben führt der Weg berab im Thal sind Häuser, und 'dicht bei Stamer liegt" plötzlich wankte sie und wäre beinahe gefallen. Hans sah das nicht. Er war ganz Ohr. Und da, Mutter?" Ich fühle mich sehr schwach," sprach sie matt; sind wir noch nicht bald dort?" Aber wo, Mutter?" Ich sehe die Bäume nicht im.Nebel," klagte sie; komm her, mein Sohn, damit ich die Hand auf deine Schulter legen kann." Im Nu war der kleine Bursche an ihrer Seite. Du kannst dich ganz fest auf mich stützen," sagte er eifrig. Ich bin schon mächtig stark. Und Mutter, sieh ,'mal, hier steht ein putziges kleines Haus von lauter Bäumen." Das ist Gideons Ruh," sprach sie, alle Kraft aufbietend. Da wollen wir ein wenig rasten, ich bin ganz erschöpft." Innen befand sich eine roh aus Baumstämmen hergestellte Bank, die mit etwas Heidekraut und Stroh belegt war. Völlig ermattet sank Emily Milward auf diesen Sitz nieder und athmete schwer. Sie war viel mehr erschöpft, als sie selber wußte. Wie so manche Mutter hatte sie ihre Kraft für ihre Kinder hingegeben.' Wenn sie nur zu essen hatten, ihr schadete ein bißchen Fasten nicht. Sie war an Entbehrungen so lange schon gewöhnt, da kam es auf etwas mehr nicht an. Jetzt zeigten sich die Folgen. Sie versuchte, ihrer Ermattung Herr zu werden, einer seltsamen Lähmung sich zu erwehren, die sie durch ihre Glieder kriechen' fühlte. Horch, Hans," sprach sie, wie es schon wieder hagelt; gut, daß wir gerade noch diesen Platz erreicht haben." Ich möchte lieber, es wäre' ein richtiges Haus," entgegnete er. Gedulde dich noch ein wenig," flüsterte sie. Mir wird gleich besser werden. Es ist mir nur lieb, daß Eva ruhig schläft." Sie ist ja auch warm genug kingemummt. Wenn ibre Hände und Füße so kalt wie meine wären, würde sie wohl nicht schlafen können." Er schlug die Hände aneinander, um sie zu erwärmen und bemerkte nicht, wie zusammengekauert die Mutter dasaß, den Kopf seitwärts an einen Busch Heidekraut gedrückt. Der kurze Novembertag ging zur Neige. . Im Westen, wo das Gewölk sich lichtete, war ein gelber Streif am Horizont sichtbar, wie Bernstein glänzend der einzige warme Farbenton in dem traurigen Bilde. Hans stand vor seiner Mutter und blickte hinaus auf die in trübe Dämmerung gehüllte Landschaft. Wie gern hätte er geweint. Es würde ihm den würgenden Schmerz in der Kehle gelindert haben, der von Minute zu
Minute unerträglicher ward. Aber heulen, wie ein kleines Kind? Nein,
er war im letzten Monat sieben Jahre alt geworden, also in dem Alter, wo sich die Menschen nicht mehr wie kleine Kinder benehmen. Plötzlich hörte er eine schwachen Schrei hinter sich und dann die lerse geflüsterten Worte: Hans, bist du da?" Ja, Mutter, befindest du dich jetzt besser?" Ich kann dich nicht sehen , 'Hans, du mußt aber fort und jemand herbeiholen. Ich werde nicht weiter aeben können. Vielleicht kann ich Eva so lange warm halten, bis du zurückkommst." Wohin aber soll ich gehen?" Immer den Weg entlang, bis du -Leute triffst oder an Häuser kommst." Ich habe noch gar keine Häuser gt sehen," sagte er zweifelnd. Auf der Heide sind keine;" von kurzen Athemstößen unterbrochen, kam es leise von ihren Lippen mein armes Kind, o, Gott sei mit dir!" Es war das letzte Gebet, daö er von ihr hörte. Er vergaß es nie. Rasch wandte er sich um und küßte sie, wobei er bemerkte, daß ihr Mund kalt und bleich war. Auf ihrem Schooß lag wohlgeborgen in Tüchern die kleine Eva immer noch schlasend. Laufen konnte er nicht, denn seine Beine waren steif und erkältet, seine Füße wund und geschwollen. Doch suchte er möglichst rasch vorwärts zu gelangen. Je weiter er kam, desto unwegsamer fand er die Straße. Um die' Löcher und Wagenspuren zu vermeiden, ging er neben dem Fahrdamm hin und gerieth dabei auf einen von Schafheerden getretenen Weidepfad. Dieser führte auf einen anderen sol chen Fußsteig und der wiederum auf eilten. Nun erst blickte Hans um sich und gewahrte zu seinem Schrecken, daß er sich verirrt hatte. Er blieb stehen und fing an zu weinen. Vergeblich sah er sich nach dem Gebüsch um, in welchem seine Mutter und die kleine Eva Schutz gefunden hatten. Jetzt wurde ihm klar, daß er auf dem unebenen, schmutzigen Fahrweg hätte bleiben müssen, und er dachte, am schnellsien seinen Fehler wieder gut zu machen, indem er den glatten Fußpfad verließ und querfeldein zurücklief. Zwischen den stachligen Ginsterbüschen, an denen er sich die Beine blutig ritzte, und dem regentriefenden Heidekraut fand er schließlich nicht Weg noch Steg mehr. Und mit jeder Sekundeschwand das Tageslicht, nahm die Dunkelheit zu. Heiße Thränen rannen ihm über die Wangen. Nun schämte er sich nicht mehr, daß er weinte; auch war ja niemand da. der es gesehen hätte. Er rief wich seiner Mutter, aber seine Stimme verklang in dem Sturm, der heulend und ächzend über die Heide fuhr. Dann versuchte er zu beten das Abendgebet, das seine Mutter ihn gelehrt hatte. Doch kam er nicht damit zustande. (Fortseizung folgt.) Ein Bedienter, der in Exeter (England) wegen Ermordung seiner Herrin zum Tode verurtheilt war, ist aus wunderbare Weise mit dem Leben davon gekommen. John Lee, so heißt der Mann, sollte gehängt werden. Als er. mit der weißen Mütze über dem Gesicht und mit der Schlinge um den Hals unter dem Galgen stand, zog btz Henker den Riegel zurück, der die Fallthür, auf der der Delinquent steht, festhielt. Die Thür bewegte sich nicht, trotz aller Bemühungen des Henkers. ' Acht schauerliche Minuten stand so der Mörder und hörte, wie man bemüht war, die rettende Thür zum Fallen zu bringen. Schließlich wurde er, immer noch mit der Mütze über dem Kopf, in ein Zelt geführt, und er hörte, wie man an der Thür sägte und sie ausprobirte. Dann wurde der Unglückliche wieder unter den Galgen geführt, und es wiederholte sich die gleiche peinliche Scene. Die Thür wich und wankte nicht. Wieder nahm das Zelt ien in seiner Todesangst jetzt inbrünstig betenden Morder auf, und wieder hörte er die Arbeiten an der Thür und die für ihn sicherlich nicht tröstliche Versicherung des Henkers, daß der Apparat diesmal sicher funktionircn werde. Aber der Henker hatte sich getäuscht. Die Thür funktionirte nicht, und jetzt wurde Lee in seine Zelle zurückgesührt.auS der er,. nachdem ein Begnadigungsgesuch eingereicht worden war, entlassen worden ist. Sechs Manne r, dieaufeinem Austernboote gearbeitet hatten, langten kürzlich in halb erfrorenem Zustande in Annapolis an. Die Man ner sagten, daß das Boot in der Bay eingefroren wäre und sie sich deshalb auf den Weg gemacht hätten, um zu Fuß nach Baltimore, wo sie ihre Familien haben, zu gehen. Sie hatten die 20 Meilen von der Bay bis nach Annapolis in einem furchtbaren Schneesturme zurückgelegt, und wäre ihnen nicht schnell Hülfe in Annapolii zu Theil geworden, hätten sie Baltk more nie erreicht. Tief erschüttert. Du glaubst nicht, wie sehr mich die Nachricht von dem plötzliche.: Tode meiner Braut mitgenommen tzat. Die Hand zitterte mir, als ich mich hinsetzte, um eine neue HeirathSannome zu schrei-ben."
