Indiana Tribüne, Volume 28, Number 153, Indianapolis, Marion County, 20 February 1905 — Page 3

Jndiana Qribüne, SO. Februar 1905

Attentäter Bleibt der russischen Polizei trotz aller Mühe cm Räthsel.

Deutsche Polizei überwacht Revolutionäre. Keine Verstimmnug zwischen Kronprinz nnd Braut. Influenza in Italien. Fordemngen der ungarischen Liberalen. Russische OfWcre in Canada angekommen. Frau Goclet erhält einen Adjutanten.

Rußland. Der Attentäter. Moskau, 19. Feb. Der Mörder verhütt sich hartnäckig schweigend. Seine Jdentltüt ist noch nicht festgestellt. Ob. gleich die Polizei ihre Nachsorschungen mit größtem Eifer betreibt, ist sie nicht im Stande gewesen, die Fäden der Verschwörung zu entdecken oder Spu ren von Mitschuldigen zu finden. Die Paviere und Kleider des Mörders bieten keinen Anhalt zur Feststellung seiner Person; sein Paß ist offenbar gefälscht und scheint nie visirt worden zu sein. Photographien des Thäters sind an alle Universitäten geschickt worden, aber wenn er thatsächlich ein Arbeiter und kein Student ist, tappt die Polizei ganz im Dunkeln. Spuren des Attentateö vertilgt. Moskau, 19. Feb. Eine dünne Schneedecke überzieht heute die Blutspuren aus dem Senatsplatze. Im Ju ßizpalaste sind neue Fensterscheiben eingesetzt und sonstige Versuche sind in aller Eile, gemacht worden, die Spurm des Attentats zu vertilgen. Bis zum Leichenbegängnisse lwerden die Ueberreste des Croßsürsten in dem Refectorium deö Chadoff.KlosterS auf. gebahrt sein. Während deS ganzen TageS strömte die Bevölkerung der Stadt dorthin. Die Leute wurden in Abtheilungen von 100 zugelassen. FurchtvorAttentaten. St. Petersburg, 20.' geb. ES ist nun endgiltig bestimmt, daß die Ueberreste des Großfürsten SergluS vorläufig nicht nach St. Petersburg gebracht, sondern temporär in dem Grabgewölbe des Chadoff-KlosterS un tergebracht werden, bis die nothwendi gen Vorbereitungen in dem Mausoleum der Romanows in der St. Peter und Pauls Kathedrale getroffen sind. Dies ist jedoch nicht die einzige Ursache der Verzögerung. Selbst Eeneralgouver' neur Trepoff hat zugegeben, daß alle Vorsichtsmaßregeln keine absolute Ga rantien gegen ein Attentat bei dem Begräbnisse bieten, besonders da die Tra diticn verlangt, daß der Zar und alle Mitglieder der kaiserlichen Familie dem Sarge zu Fuße folgen. Eine einzige Bombe könnte die ganze Dynastie der Nichten. Aus Gründen der Vorficht wird auch der Zar nicht nach Moskau zu den Leichenfeierlichkeiten gehen. Es wird durch die Großfürsten Konstantin und Paul vertreten werden. Großfürst Konstantin ist beim Volke beliebt. Er hat sich nie an der Hofpo litik betheiligt, sondem e5 vorgezogen sich den Wissenschaften und Künsten, sowie seinen Pflichten als Chef der Militärakademie zu widmen. Er be gab sich sofort nach dem Berichte von dem Attentate nach Moskau. Die Großfürsten Wladimir und AlexiS ebenso Geueralgouvemeur Tre poff haben seit dem Attentate ihre Pa läste nicht mehr verlassen. Man nimmt allgemein an, daß andere Schreckens thaten folgen werden. Das Leichenbegüngn iß. St. Petersburg, 19. Feb. Das Leichenbegängniß des Großfürsten Sergius ist auf Donnerstag, den 23. Feb., festgesetzt worden. Streik. Lodz, 19. Feb. Die allgemeine Ruhe hier hält an. BetriebSeinstellung. St. Petersburg, 19. Feb. Die Leiter der französisch'russifchen Werften, der russisch amerikanischen Gummi Eo. und anderer Werke haben in Anbetracht der Haltung der Arbeiter beschlossen den Betrieb für 2 Monate einzustellen. Amerikanisches Beileid. 'St. Petersburg, 19. Febr. Kaiser Nikolaus erhielt durch Botschaf ter McCormick eine BeilcidZbotschaft seitens des Präsidenten Roofevelt, wel che in starken Worten den Abscheu der Regierung und deö amerikanischen Volkes über das zu Moskau begangenen Verbrechen ausdrückt.

Gewaltthaten. St. Petersburg. 19. Feb. Die Propaganda der That" scheint ihre Thätigkeit begonnen zu haben. In den letzten 2 Tagen wurden zwei Gewaltthaten verübt. . Distriktschef Gnutoff von Jgdlyr,

TranSkaukasien, wo der Pöbel die Oberhand zu haben scheint, wurde von zwei Armeniern ermordet. Zu Kischinew wurde der Polizeichef von einem Manne verwundet, dessen Identität noch nicht festgestellt ist. Naphtha Explosion. Baku, 19. Feb. Eine Explosion an Bord einer NaphthaBarke setzte mehrere andere Barken an einer Lan dungS'orücke in Flammen. ES sollen 20 Leute umgekommen sein. Streik. Warschau, 19. Feb. Die Hilfö. chemiker sind an Streik gegangen, um kürzere Arbeitsstunden zu erzwingen. Die Mehrzahl der anderen Streiker ist zur Arbeit zurückgekehrt. Von be. deutenden Industrien sind nur noch die Eisenarbeiter am Ausstande. Der Streit hat zu einer wesentlichen Besserung in den Verhältnissen der Ar. beiter geführt. Sie haben eine allge. meine Lohnerhöhung um 10 Prozent und kürzere Arbeitszeit erreicht. In den Gerberesen, einer Hauptindustrie War chau'S, erlangten die Arbeiter die erste Lohnerhöhung seit 40 Jahren. St. Petersburg, 19. Feb. Die Streittage hat sich verschlechtert. Mit Schließung einiger Fabriken wer den 3040,000 Leute dem Heere der Arbeitslosen zugeführt und eS ist nicht zu sagen, was diese Leute thun werden. Der Streik unter den Bahnbedien steten dehnt sich aus. Drei der Linien die inMoskau einlaufen, haben den Betrieb fast ganz einstellen müssen. . In Folge der Schließung der franzöfisch.rusflfchen und der Putiloff Werke sind die Kriegsrüstungen stark gehemmt. Die Regierung hat für S125.000.000 Munition in Teutsch. land und Frankreich bestellt. . Japan. Die Russen befestigen Stellungen. Tokio, 19. Febr. Feldmarschall Oyama berichtet, daß die Russen die Arbeiten an ihren VertheidigungSwerken fortsetzen. Am Freitag machten sie einen kleinen Jnfanterie-Angriff, wur den aber zurückgeschlagen. Canada. Russische Ossiziere. Victoria. B. C.. 19. Feb. An Bord deS Dampfers Tartar kamen heute die russischen Leutnants Below und Bondy vom Kreuzer Sebastopol an, die mit dem Falle Port Arthur'S gefangen rnd parolirt wurden. Leut. Below fag !e: Die Welt wird Gen. Stößel ken. nen lernen, wie er ist. Er ist ein Feig, ling. Einen großen Theil der Zeit hielt er sich in einer Höhle vergraben. Eine wahre Heldin dagegen war Htau Zechoneli. Als ihr Mann getödtet war, übernahm sie das Kommando über drei 11zöllige Geschütze auf einem Punkte, der die Wasserzufuhr be herrschte und behielt dasselbe bis sie ge tSdtet wurde. Die Garnison wurde durch falsche Berichte über daS Herannahen Kuro. patkin'S und der baltischen Flotte ge täuscht." Deutschland. Ueberwachung der Revo l u t i o nü re. Berlin, 19. Feb. Die Polizei hat besondere Maßregeln getroffen, um die Häupter der Umsturzelemente zu überwachen. Man nimmt an, daß zwischen diesen Elementen in Deusch land und denen in Rußland enge Be ziehungen bestehen. Spezielle Jnstruk tionen sind nach Genf und anderen Hauptquartieren der Revolutionäre er gangen, um sie an der Ausführung ihrer Pläne gegen deutsche, russische oder andere Würdenträger zu hindern. VomTrousseauCäcili e'S. Berlin, 19. Feb. Sie ist fast fertig, die Ausstattung der Kronprin

zenbraut, und wie die Neue Geseö schaitS Korrespondenz" mittheilt, Su ßerst geschmackvoll und kostbar ausgefallen. Viele Stücke davon, schreibt da Blatt, sind im Ausland, nament

lich in Paris, gearbeitet, und auch eine irische Spitzenfabrik ist zur Zeit noch mit der Erledigung eines bedeutenden Auftrages beschäftigt. Berlin, Paris und London wetteifern in der Her ftellung der Toiletten, von denen mehr als ein Dutzend vorhanden sind, vom einfachsten Hauskleide bis zur elegantesten EourRobe. Die Gesellschaft bedauert, daß die bayerische Sitte, den Trousseau der Prinzessinnen auszustellen, weder in Preußen noch in Mecklenburg gang und gäbe ist. Man wird sich damit trösten müssen, daß zu guter Zeit die Hochzeit, geschenke nach der Vermählung zur Ausstellung gelangen werden. Keine Zwistig ke'ite n. Berlin, 19. Febr. Die in den Vereinigten Staaten verbreiteten Ge rüchte über Mißverständnisse zwischen dem Kronprinzen und seiner Verlobten, der Herzogin Cäcilie von Mecklenburg. Schwerin, werden in gut unterrichteten Kreisen nicht geglaubt. Der Kronprinz und die Kronprin zessin besuchten Florenz, aber am Samstag kehrte Letztere nach Cannes zurück, da ihre Mutter erkrankt war. Der Kronprinz kam heute Abend mit seinem Gefolge hier an. Frau Goelet ausgezeichnet. Berlin, 19. Feb. Die nörgelnde Presse hat wieder einmal Gelegenheit, sich über die Freundschaft deS Kaisers für die amerikanischen Millionäre auf zuregen. Der Herrschaft hat nämlich der z. Z. hier weilenden Frau Robert Goelet von New York einen Marine lieutenant als Adjutanten beigegeben. Der Offizier ist instruirt, der Dame, die zwei Wochen hier bleiben und auch einem Hosball beiwohnen wird, alle Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zei gen. Amerikaner ausgewiesen. Berlin, 19. geb. Wiederum find zwanzig Personzn, als lästige Personen", auf Verfügung deS könig lichen Polizeipräsidiums ausgewiesen worden. Wie in allen solchen Fällen üblich, wurden die Namen nicht gekannt gemacht, eS dürfte aber für Amerika'S Deutsche von Interesse sein, daß unter den Lästigen sich zwei Deutsch. Amerikaner befinden, ein Artist und ein Seezolldeamter. Von den anderen sind zehn Oesterreicher und acht Russen. ES wird erklärt, daß die beiden DeutschAmerikaner amerikanische Bürger sind. Gegen Unteroffzier SRohheit? B e r l i n, 19. Feb. Man will wis. sen, daß Graf Bülow sich den Reihen jener angeschlossen hat, die für ein Gesetz eintreten, welches Rohheiten den Rekruten gegenüber in strengerer Weise ahndet, als unter militärgerichtlichem Verfahren zur Zeit der Fall ist. Noch liegt keinerlei Bekräftigung dieses Ge rüchteS vor, aber schon hat eS Eingang in die weitesten Kreise gefunden. .Schweiz. Prinzessin Jsenburg aus der Haft entlassen. Zürich.' 19. Feb. Die vielgenannte Prinzessin Alexandra von Jsenburg Büdingen ist heute ohne Stellung von Kaution aus dem UntersuchungSgefängniß entlassen wordrn. Kürzlich wurde gemeldet, daß die Prin zessin zu RomanShorn im schweizer!, schen Kanton Thurgau wegen angedlicher Pfandverschleppung verhaftet worden sei, eine Folge deS KonkurSver fahrenS, welches vom dortigen Gericht über die in der Eidgenossenschaft gelegenen Besitzungen d?r Prinzessin er. öffnet worden war. Bekanntlich befand sich die Prinzessin schon einmal im Konkurs, als sie noch ständigen Wohnfitz in der Gegend von Frankfurt a. M. hatte. Dieser Kon. kurS, der Unsummen von Forderungen zu Tage förderte, mußte schließlich wegen mangelnder Masse eingestellt wer den. Auch ein gegen die Schuldnerin in Frankfurt a. M. anhängig gemach. teS Strafverfahren endete vor der dortigen Strafkammer mit der Freisprechung der Angeklagten. Jetzt hat sie eS abermals fertig gebracht, aus der Haft entlassen zu werden. Grokdritannien. Kondolenzbesuch. London, 19. Feb. König Ed. ward, der Prinz von Wales und seine Gattin machten heute dem russischen Botschafter v. Benckendorf eine Kondo. lenvisite.

FrankreiÄ.

L e o p o l d h a t n i ch t S d a. gegen. Paris. 19. Feb. König Leopold von Belgien ist bereit, feine Einwilli. gung zu der Heirath der Prinzessin Clementine mit dem Prinzen Victor Napoleon zn geben, falls dieser zu Gunsten seines Bruders Louis von der Prütendentschast auf den französischen Thron zurücktreten würde. Auch die CxKaiserin Eugenie soll diesem Plan günstig gestimmt sein. Oesterreich'Ungarn. DieForderungen derungarischen Opposition. Budapest. 19. Fed. Schon der Verlauf der ersten Sitzung deS neuen ungarischen Parlaments läßt befürch ten, daß die radikalen Elemente die Oberhand gewinnen,- wodurch die Löfung der bestehenden Krise erheblich er. schwert werden würde. Kossuth prüzisirte im Hause die For. derungen der Opposition, unter ihnen wirthschasttiche Trennung von Oester. reich, Errichtung eines selbständigen Zollgebiets und einer nationalen Bank, Einführung der ungarischen Sprache, Fahne und Embleme in der Armee. Die Oppositionsparteien sind über diese Forderungen vollkommen einig", erklärte Kossuth. Ohne ihre Er. füllung sind VerfassungSmäßijzkeit, in. nerer Friede und Großmachtstellung unmöglich." Mexico. Temperenz-Agitation. Mexico, 19. Febr. Die weib lichen Mitglieder der Liga gegen Alko. holgenuß beabsichtigen die Werkstätten und großen Fabriken zu besuchen, um die Arbeiter über Gesundheitspflege und Enthaltsamkeit zu unterrichten. Die Bewegung wird von der Regierung unterstützt, die den Kleinverkauf von berauschenden Getränken beschränken möchte. Peru. Lima, 19. Feb. Die Regierung Peru'S hat dem chilenischen Geschäfts, träger einen Protest gegen den jüng ften Vertrag zwischen Chile und Bolivia übermittelt. Italien. Influenza. Rom, 19. Februar. Infolge der kalten Witterung verletzten Wochen sind nicht weniger als 60,000 Personen mehr oder minder schwer an der Influenza erkrankt. Unter den Opfern besindet sich der frühere päpstliche Staatssekretär Kardinal Rampolla und Kardinal Steinhuber, Der Zustand der beiden Kirchenfürften wird als bedenklich ge. schildert. West.Zndien. Kanonenboot nicht zu heben. Kingston, Jamaica, 19. Feb. Der Reparaturdampfer Premier kehrte heute von GonaiveS, Haiti, zurück, wo er das Kanonenboot Crete-a-Pierrot untersucht hatte, das im Jahre 1903 von dem deutschen Kreuzer Panther zum Sinken gebracht wurde. Der Versuch das Kanonenboot zu heben ist aufgegeben worden, da Präsident Nord die Ko. ften für zu hoch hält. Das Kanonenboot war ursprünglich Eigenthum der Regierung von Haiti, doch ging sein Kommandant mit dem Schiffe zu den Revolutionären über. ES konfiöcirte eine Ladung Waffen aus dem deutschen Dampfer Markoman, nia, die für die Regierung Haiti'S be stimmt waren. Darauf wurde der Kreu zer Panther nach Haiti geschickt. Als dieser den Cretea'Pierrot traf, forderte er ihn zur Uebergabe auf. Komma, dant Killick ersuchte um 15 Minuten Zeit, damit die Mannschaft daS Schiff verlassen könne. Als nach Ablauf die. fer Frist- sich ein deutsches Boot dem CreteaPierrot näherte, erfolgte eine Explosion auf demselben. Daraus er öffnete der deutsche Kreuzer Feuer. Kommandant Killick ging mit seinem Schiffe unter. Die philosophische Fakultät der Wiener Universität wird sich bereits in naher Zukunft mit bei prinzipiellen Frage zu beschäftigen haben, ob das weibliche Geschlechi ein Hinderniß für die Habiiiruno 'als Priatdozent bildet. Eine junge Dame aus einer vornehmen Wiener Bilrgerfam'llie, Fräulein Elist Richter, die am Akademischen Gymnä-. sium in Wien ihre Gymnasialstudier vollendet und dann an der Wiener Universität das Doktorat der Philosophie erworben hat, will sich als Dozentin an der philosophischen Fakultät babilitiren.

Vergmnnnslebcn. Ekizze von Ruth Goetz. Noch ist es ganz finster. Die dicke, schwarze Luft die über den Straßen ruht, wird noch durch keinen Lärm erschüttert. Die Häuser scheinen zu schlafen. Nur vereinzelt flammt hie und da ein Licht auf, bald wieder ein neues und bald wieder eins. Das sind die Häuser, die von den Bergarbeitern bewohnt werken. Vor Tagesanbruch erheben sie sich und schlüpfen in die Kleidung von der gewöhnlich behauptet wird, daß sie eine schmucke Begwerkstracht" sei. In Wirklichkeit jedoch hat die Tracht, noch weniger haben die Träger das geringste mit schmuck" gemein. Eine .englischlederne Hose, eine Joppe, die zwei Reihen Knöpfe aufweist, um den Hals ein dickes Tuch, auf dem Kopf eine Mütze mit einem ziemlich breiten Schirm, so ausgerüstet, schreiten sie zur Arbeit. Hohe Stiefel, die wasserundurchlässig sein sollen, ein Stab und eine Grubenlalerne vollenden die Uniform. Ehe der Bergmann das Haus verläßt, nimmt er don Weib und Kindern zärtlich Abschie5, gilt es doch eine Fahrt, von der er nicht weiß, ob er die Gesichter seiner Lieben jemals wiederschauen darf. Der Bergarbeiter ist kein Durchschnittsmensch, wenigstens nicht in den meisten Fällen. Das ewige Schweben zwischen Leben und Tod, das ewige Leben ohne Licht, ohne Sonne, hat ihn zu einem ganz besonderen Schlag gemacht, und je nach seiner Temperamentsanlage hat sein Charakter sich zur ausgesprochensten Individualität entwickelt. In den verschiedenen Schachten sinden wir die verschiedensten Typen. Ueberwiegend ist der des schweigsamen, vorsichtigen Mannes, der mit Fleiß seine Arbeit thut, und über dessen Gesicht oft tagsüber kein Lächeln huscht. Seine ganze Arbeitskraft concentrirt er auf sein Werk, denn er hat Weib und Kind zu Haus, denen er der Ernäher ist, mit seinem schwer erarbeiteten Lohne. Gewöhnlich ist er sehr fromm, sehr gottesgläubig, und der Gedanke, daß feine Angehörigen für ihn den Schutz der heiligen Maria anrufen, erhöht seine Ruhe, die wir so sehr an ihm bewundern. Doch auch lachenden, fröhlichen Gesellen können wir da unten begegnen, jungen Menschen, aus deren schwarzen Gesichtern die Augen leuchten und die Zähne blitzen. Das sind die Freien, die Unabhängigen, auf deren Rückkehr weder ein altes Mütterlein, noch ein junges Weib oder ein kleines Kind wartet. Das sind die Waghalsigen, die weder den Tod noch den Teufel, weder die schlagenden Wetter noch das Reißen des Förderseils fürchten. Mit fröhlichen Gesichtern steigen sie in den Förderkorb, der sie in die Grube bringt, und hoffnungsfroh klingt ihr' Glückauf", das sie den Kameraden zusenden. Man möchte es kaum für möglich halten, aus welchen Volksklassen und Berufsarten der Bergarbeiterstand sich zusammenfetzt. Nben dem Arbeiter, der aus Neigung" den Beruf ergriffen hat, können wir ehemalige Lehrer, Bankbeamte, ja sogar hin und wieder ehemalige Aerzte und Offiziere hier treffen, denen die Tracht und die Arbeit noch nicht den Stempel, den ihr 'früherer Beruf ihnen aufgedrückt, genommen

'hat. ,. . , Frelllch, nur so lange ste sich nocy auf der Erdoberfläche befinden. Haben sie erst in dem Förderkorb, der etwa immer zwanzig Personen faßt, Platz genommen, und sind sie mit der rasenden Geschwindigkeit in die Tiefe befördert worden, dann ist jeder Unterschied verwischt. Das Rasseln, Poltern und Rattern der Maschinen singt ihnen allen das gleiche Lied, das ewig niederrieselnde Wasser macht dazu die monotone Begleitung Und wie aus nebelhaft weiter Ferne hören sie über sich die Töne des pulsirenden Lebens, hören sie zuweilen, wenn es still 'wird im Schacht, die Straßenbahnen über ihren Häuptern dahinsausen. Zur Mittagspause versammeln sie sich alle, um in fliegender Hast ihre Mahlzeit einzunehmen, zu der sie gewöhnlich dünnen Milchkaffee als einziges Getnk genießen. Er dient ihnen zum Löschen des Durstes, er dient ihnen zur Auffrischung der ermatteten Neren, denn so lange der Bergmann im Schacht arbeitet, ist ihm der Genuß des Alkohols untersagt, und seine eigene Vernunft verbietet es ihm gleichfalls. Ein Schluck zu viel, ein einziger Schluck,., der seine Sinne nur ganz wenig umflort, und sein Leben steht auf dem Spiel. Denn es erfordert die völlige Concentration aller Sinne und Gedanken, wenn man in den heißen, niederen Gängen, in denen man sich nur gebückt oder kriechend vorwärts bewegen kann, seine Arbeit verrichten will. JedenAugenblick muß man still halten, denn das polternde Rollen kündigt an, daß ein Zug, der aus mehreren Wagen besteht, vorübersaust, und es wäre der Tod, wenn man ihm nicht rechtzeitig ausweichen würde. Der Tod lauert in den Streben", in denen man sich nur liegend vorwärtsbewegen kann. In der That, man muß sich liegend vorwärtsbewe-

gen, so sonderbar eS uch klingen mag. Durch fchlangenartige Krümmungen des Körpers kommt man ruckweise vorwärts, bis man sich endlich wieder aufrichten kann. Der Tod lauert dem Beramanne noch auf. wenn er sich zum Scklub des Tages in den Förderkorb begibt, um wieder an das Tageslicht, sozusagen zu kommen. Nur eine einzige Sekunde Verspätung. ein ungeschickter Sprung, und er bleibt zerschmettert liegen, seine Augen sehen das Licht der Sonne nie mehr, er kann nicht mehr hoffen, das Licht der Sonne noch einmal zu sehen. Denn in Wirklichkeit vergehen oft Monate, ohne daß den Bergmann ein Strahl des Tageslichtes trifft. Früh, wenn er einfährt, kann er noch die Sterne, am Himmel sehen, Abends, wenn er die Oberfläche der Erde wieder betritt, deckt sie die schwarze Nacht. Sie werden vielleicht einwerfen: Ja, es gibt doch aber eine Tag- und eine Nachtschicht, d. h. ein Theil der Ar. beiter arbeitet am Tage, der andere in der Nacht, und diesen ist es doch wohl vergönnt, die Sonne einmal zu sehen?" Nein, auch die sehen die Sonni nicht, denn sobald sie den Schacht verlassen und ihr Reinigungsbad genommen haben, eilen sie nach Hause, um sich zu Bett zu legen und ihre Ruhe bis auf den letzten Augenblick auszu kosten. Und am Sonntag?" Am Sonntag thun sie alle dasselbe, der Aelteste und der Jüngste, der Lu. stigsie, der Ernsteste, sie alle schlasen! Werthvolle Markensammlung.

Die bedeutendste englische Freimarkensammlung ist die unter dem Namen der Tapping - Sammlung bekannte, die zu den Sammlungen des Britischen Museums gehört. Sie zählt über 100,000 Marken, soll an Werth und Vollständigkeit die dritte der Welt sein und wurde ursprünglich von dem der storbenen Thomas Key Tepling, dem langjährigen conservativen Abgeordneten für den Bezirk Harborough in ' Leicesiershire, zusammengestellt. Er hatte sie begonnen, als er zehn Jahre alt und als es vcrhältnißmäßig einfach war, die Marken der Welt zu übersehen und zusammen zu stellen, und dann hatte er sein ganzes Leben lang mit zähem Eifer daran gearbeitet, die Sammlung vollständig zu machen und zu halten. Heute wird sie nach dem Marktpreise der darin enthaltenen Marken auf 100,000 Pfund Sterling geschätzt. Der Beaehrungs- und Aneignungs-' trieb der Markensammler und -jäger muß ganz bedenklich groß sein, denn die Muscumsbehörden haben es für nothwendig erachtet, die Auslagekaften. die die Taplinqsche Sammlung enthalten, stets unter die Obhut von zwei besonderen Wächtern zu stellen. Sie stehen in der Mitte des Raumes, der als .The King's Library" (des Königs Bibliothek) bekannt ist. Doch selbst damit sind die Borsichtsmaßregeln der Conservatoren nicht erschöpft gewesen. Vielmehr sind gewisse besondere Werthstücke, von denen jed einzelne Marke tr n Sammelwerth von Hunderten oonv mden darstellt, für sich in einem Kassenschrank in den inneren Räumen des Museums besonders untergebracht worden. Die dort vereinigte kleine Auswahl unter den Schätzen der Sammlung, worunter besonders- gewisse Marken von Mauritius, Britisch Guiana und Hawai geschätzt werden, wird als SehensWürdigkeit für sich betrachtet und ist auf besonderes Gesuch zugänglich. Eine chinesische Versteigerung. Die Söhne des Himmlischen" Reichs scheinen alles anders machen zu müssen, wie alle übrigen Völker. Vielleicht nirgends tritt das so augenfällig zu Tage wie bei einer öffentlichen Versteigerung. Für jeden Fremden ist eine solche ein höchst merkwürdiges Schauspiel. Es ist ein ruhiger, fast feierlicher Vorgang, bei dem die ganze Zeit über die tiefste Stille herrscht. Wie auffallend unterscheidet sich das von dem Lärm und dem Wirrwarr, der bei uns jede Versteigerung zu begleiten Pflegt! Der Auktionator lehnt sich hier über einen kleinen Zähltisch und zeigt seine Waaren schweigend vor. Ebensowenig spricht der etwaige Bieter ein Wort, sondern begiebt sich nur zu dem Auktionator und gleitet mit der Hand über dessen Aermel weg; damit drückt er diesen mit einer Finaer spitze so oft, wie er für den betrefsenden Gegenstand zu zahlen gewillt ist. Dann wiederholt der und jener dasselbe, bis der, der den höchsten Preis geboten hat, den betreffenden Gegenstand ausgehändigt erhält, ohne daß dabei ein Wort gewechselt wird. Nur der Auktionator und der erfolgreiche Bieter kennen den zu zahlenden Preis. Daß bei diesem Verfahren leicht eine persönliche Bevorzugung vorkommen kann, liegt ja auf der Hand, und sie wird auch thatsächlich oft genug vorkommen. Sachverständig. Richter: Erwiesenermaßen trank der Angeklagte sieben Liter Bier und will davon total betrunken gewesen sein. . . Was sagen Sie- dazu, Herr Müller?' Schöffe: Herr Richter, daö ist schwer zu sagen! Möglich ist ich wärs noch lanae nickt!":