Indiana Tribüne, Volume 28, Number 146, Indianapolis, Marion County, 11 February 1905 — Page 7

Jndkana Tribüne," RI. Februar 1005.

J! Hinter urrschlvsscncn 5 Chiirrn 5 $ - z Vionun nen J Paul d'Aigromont t jj. 5 rCrkrk frirricirirtirtik (Fortsetzung.) In der Beziehung darfst Du ganz ruhiz sein, fiel er ihr in's Wort, dergleichen ist von Andre unter keinen Umständen zu befürchten. Ich bin sein Freund nicht, aber das Zeugniß bin ich ihm doch schuldig, daß von seiner Seite jede Indiskretion ausgeschlossen ist. Er mag denken, was er will, aber niemals wird er sich hinter Deinem Rücken in Klatschereien ergehen. Er hat wirklich ein eb:l:che5 Gemüth." So sieot er auch aus," versetzte ste nachdenklich. Du sagst das in einem Tone, den ich noch gar nicht an Dir kenne," erwiderte Grotieu lachend. Da könnte ich ja fast eifersüchtig werden. Solltest Du Dich in ihn verliebt haben?" So etwas kannst Du doch unmöglich im Ernste glauben, Gratien." Man sagt, daß es für das Herz keine Rücksicht gibt," entgegnete der Graf, aber als er ihre ernste Miene sah, fürchtete er, sie verletzt zu haben, und fügte gleich hinzu: Natürlich war das nur Scherz. Ich weiß ja, daß Du mein vollstes Vertrauen verdienst." Sie jedoch blieb nachdenklich und schenkte den Vorgängen auf der Bühne nur geringe Aufmerksamkeit. Der Werthschätzung eines Mannes sich erfreuen zu dürfen, wie dieser Herzog v. Lacroix-Marbourg einer zu sein schien, dünkte ihr etwas sehr Süßes zu sein, selbst wenn man es nicht verdiente. Leider war das ein Glück, zu dessen Erfüllung ihr all ihr Geld und ihre Jntclligenz nicht verhelfen konnten; noch weniger durfte sie bei Gratien auf ein Verständniß für solche Empfindungen rechnen. Je länger sie sich ihnen hingab, um so unbehaglicher wurde ihr zu Muthe, und die Vorstellung war noch nicht zu Ende, als sie sich hastig mit den Worten erhob: Wir wollen gehen!" Gratien schaute ihr noch ganz fassungslos nach, als sie schon in den Vorraum geeilt war, einen kostbaren, mit Vlaufuchsfell gefütterten Mantel von schwarzem Atlas umwarf und einen weißen Spitzenshawl um den Kopf wand. Er holte sie erst ein, als sie bereits die Thür öffnete. Die Tage, welche noch zwischen dem Besuch lagen, den Andre ihr zugesichert hatte, verbrachte Bertha in tiefer Niedergeschlagenheit. Gratien entging bei seinen Besuchen diese veränderte Stim mung natürlich nicht, und als er in sie drang, ihm deren Ursache zu ofsenbaren, sagte sie endlich: Ich habe eine schreckliche Angst, daß Dein Vetter die Wahrheit entdeckt und mich verachtet!" Aber das ist ja ganz ausgeschlossen." Es war thöricht, den Namen Ferdenbach beizubehalten." Du quälst Dich mit ganz unnöthigen Befürchtungen, geliebte Bertha; den Namen kennt ja kein, Mensch in ganz Paris!" Vergebens suchte er sie aber zu trvsie und zu beruhigen, sie blieb traurig und niedergeschlagen, so daß er sich eher von ihr verabschiedete, als er sonst zu thun pflegte. Es schien ihm jetzt unbedingt geboten, den Termin ihrer Hochzeit mehr zu beschleunigen, denn solche Stimmungen waren am Ende nicht unbedenklich. Als Bertha allein war, gab sie sich wieder ganz ihren trüben Gedanken hin. Andre hatte doch nicht so ganz unrecht mit der Annahme gehabt, daß sie nicht Violettes Züge tragen könne, ohne auch etwas von ihrem Gefühlsleben zu besitzen. Die letzten Jahre der Zurückgezogenheii. die ihr so viel Zeit zum Nach-, denken ließen, waren nicht ohne eine läuternde Wirkung auf sie geblieben. Die ehemalige Schauspielerin sah das Leben jetzt mit ganz anderen Augen an, aber bis in die allerjüngste Zeit war sie dennoch immer von dem Verlangen beherrscht geblieben, sich um jeden Preis eine geachtete Stellung in der Gesellschaft, einen vornehmen Namen und einen adeligen Titel zu verschaffen. Nur aus diesem Grunde hatte sie Gratien an sich zu fesseln gesucht, aber jetzt auf einmal war er ihr fast zuwider. Seine schlechten Charaktereigenschaften waren ihrem Scharfblick keineswegs verborgen geblieben. Ist es ntckji eine namenlose Unklugheit, mich ihm, den ich so vollständig durchschaue, in die Hände zu geben, wie ich es durch eine Heirath thun würde?" dachte sie, und dann tauchte plötzlich vor ihren geistigen Augen das Bild Andres auf, das sich so tief in ihr Herz gegraben hatte. Und vor ihm hatte sie eine so abscheuliche Komödie aufgeführt! Wie mußte er sie verachten, wenn er es entdeckte. Verzweiflungsvoll rang sie die Hände. Nein, sie konnte einem Manne wie Andre nie etwas sein, nie etwas werden! Geraume Zeit hatte sie in solchen qualvollen Betrachtungen derbracht, in gebeugter Haltung neben dem Kamin sitzend, als sie sich plötzlich wieder aufrichtete. . . Ich verliere noch den Kopf," murmelte sie. Aber noch bin ich stark genug, um die Thorheiten unterdrücken zu können, zu denen dies Herz mich frei den mochte. Nein, ich muß den Betrug weiterführen, auf den ich mich eingelast

sen habe. Ich wählte Gratien, und ti gibt jetzt keinen anderen Gemahl fük mich als ihn. Ich habe es so gewolltum so schlimmer für mich!" Sie riß das Spitzentaschentuch, das sie in bei Hand hielt, in kleine Stücke und suhl mit Bitterkeit fort: Das ist Dein Loos,Lügnerin, Betrügerin! Männer wie" Andre sind nicht für Dich geschaffen. Hüte Dich, ihm naher treten zu wollen, denn es könnte Dir theuer zu stehen kommen. Wahrhaftig," überlegte sie weiter wenn er von mir verlangen würde, allem zu entsagen, meinem Luxus und der so heiß ersehnten 3zai fenkrone, ich wäre, glaube ich, unsinnio genug, ihm zu gehorchen. Doch das darf nicht sein. Ich will eine wirkliche Gräfin werden, ich bin ja nicht die erste. die eine solche Karriere macht. Das ist der Traum meines ganzen Lebens geWesen, und er soll in Erfüllung geheu!" AlsAndre v. Lacroix-Marbourg sich am Dienstag in der Rue Saint-Domi-mque einfand, war Gratien noch nickt bei seiner Braut. Es war übrigens auch noch etwas vor der vereinbarten Stunde. Wenn Bertha diese Zeit hindurch fortwährend an Andre gedacht hatte, so war' auch r die Erinnerung an die Frau, die seiner Schwester so täuschend glich, nicht wieder los geworden. Wohl hatte er Grund genug, um zu argwöhnen, daß sie nicht fei, wofür sie sich ausgab, aber wenn Bertha auch wirklich die Schwester der Nonne in Condy war, so mochte er sie doch nicht ohne weiteres verdammen. Er wurde in ihr Boudoir geführt, wo sie ihn, sehr einfach gekleidet, empfing. Ich sehe, daß ich etwas zu früh erschienen bin," begann Andre mit einem Blick auf die kostbare Rokokouhr, die zwischen den beiden Fenstern auf einer Konsole stand, und muß deswegen um Entschuldigung bitten." Wenn ich das als eine beginnende Sympathie für mich auslegen darf, dann bedarf es keiner Entschuldigung. Ich würde darüber im Gegentheil sehr glücklich sein," entgegnete sie in einem Tone der diese Worte weit über eine bloße Redensart der Höflichkeit erhob. Andre richtete seine Blicke fest auf Bertha. Sie war jetzt blaß und befand sich in einer unverkennbaren Erregung. Ja." sagte er dann, einem inneren Antriebe folgend, ich empfinde eine lebhafte Sympathie für Sie. Sie werden daö auch ganz begreiflich finden, wenn ich Ihnen sage, daß Sie in erstaunlichec Weise einer Person gleichen, die mir eines der theuersten Wesen auf Erden ist, und daß Sie den Namen einer anderen tragen, die ich schon seit längerer Zeit vergeblich suche." Bei diesen Worten wurde Bertha so bleich, daß der junge Herzog schon fürchtete, sie möchte ohnmächtig werden. Dies geschah aber nicht; sie stützte sich auf die Lehne eines Stuhles und fragte mit unsicherer Stimme: Sie suchen eine Baronin Fervenbach-Bückler?" Nein, keine Baronin. Vielmehr ein Mädchen, das ganz einfach Bertha Ferdenbach heißt oder doch, wenn sie sich inzwischen verheirathet haben sollte, früher diesen Namen getragen hat. Sie ist die Schwester einer Klosterfrau in Condy,, der ich versprochen habe, nach ihr zu forschen." Zu welchem Zweck?" Schwester Gabrielle so heißt die Nonne ist seit Jahren ohne Nachricht von. ihr, und die letzte Kunde, die sie von ihr vernommen, war nicht erfreulich und läßt sie schlimme Befürchtungen hegen. Sie als Nonne kann nicht nach der Schwester suchen, sie kann nur um sie weinen und für sie beten. Da habe ich nun Schwester Gabrielle, die verschiedenen Angehörigen meiner Familie sehr nahe steht und ein wahrer Engel der Barmherzigkeit und Menschenliebe ist, versprochen, an ihrer Stelle nach der Verschollenen zu suchen. Wenn es mir gelingt, jene Bertha Ferdenbach zu finden, dann werde ich, im Fall die Befürchtungen der Schwester Gabrielle begründet sind, ihr von dieser und ihrem bitteren Gram erzählen, um ihr Herz zu rühren und sie wieder auf den Weg des Guten zurückzuführen. Es ist ja nie zu spät, um wieder gut zu machen, wenn man gefehlt hat." Das ist eine sehr tolerante Auffassung. Man findet eine solche namentlich in Ihrem Alter sehr selten, Herr Herzog." Ich habe schon genug vom Leben kennen gelernt, um sie mir zu eigen zu machen. Die Menschen sind ja durchweg " nicht schlecht aus Freude am Schlechten, sondern meist sind es Noth, Unglück wenn auch oft felbstverschuldetes und widrige Verhältnisse, die sie auf die schiefe Ebene treiben, auf der man dann so rasch und unaufhaltsam kmmer tiefer gleitet. . Besonders aber empfinde lch tiefes Mitleid mit weiblichen Wesen, die ganz alleinstehend und mittellos den harten Kampf um's Dasein führen müssen." Ja, Sie sind gut ich wußte es!" fiel Bertha mit Thränen in den Augen ihm in's Wort. Hastig tupfte sie die Spuren aber davon weg, als sie in dem anstoßenden Salon Schritte vernahm.

Flüsternd sagte sie: Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen. Das kann aber nur geschehen, wernrwir ungestört sind. Wollen Sie mich morgen Nachmittag um fünf Uhr nochmals hier aufsuchen?" - Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung," erwiderte Andre ebenso leise. In diesem Augenblick trat Gratien ein. Er verbeugte sich ceremoniell vor Bertha und schüttelte seinem Vetter' die

Hand mit den Worten: Ich habe mich etwas verspätet." Und ich bin etwas zu früh erschienen," erwiderte Andre, ihm eine unbefangene Miene zeigend. Das gleicht sich also aus." Da ein Diener meldete, daß angerich-j tet sei, bot der junge Mann der Herrin des Hauses seinen Arm, und so begab man sich in den Speisesaal. Während der Mahlzeit sprach Bertha wenig, doch fiel das nicht auf, da Gratien, der sehr aufgeräumt zu sein schien, um so lebhafter plauderte. Andre beobachtete Beide. Verthas Niedergeschlagenheit und trübe Stimmung entging ihm nicht, und er glaubte, die Ursache jetzt bereits zu kennen. In dieser Meinung bestärkte ihn noch das Verhalten seines Vetters; dieser gestattete sich Bemerkungen über das Essen und die Weine und ertheilte den Dienern Weisungen, als ob er bereits ihr Gebieter und der Herr des Hauses sei. Bei einer wirk-

lichen Baronin würde Gratien sich derartiges nimmermehr herausgenommen haben. Nach dem Mahle verabschiedete sich der junge Herzog bald. Ich kann nicht frei über meine Zeit verfügen," sagte er entschuldigend, und muß jetzt nach Saint-Denis in die Fabrik fahren." Meine Freunde besuchen mich gewöhnlich zwischen drei und fünf Uhr, bevor ich ausgehe, um Einkäufe oder Besuche zu machen. Wollen Sie nicht hm und wieder ihrem Beispiele folgen?" Ich werde nicht verfehlen," versetzte Andre, die ihm gereichte Hand küssend. Gratien gab seinem Vetter mcht das Geleit; ihm gingen augenscheinlich allerlei Gedanken durch den Kopf. Du bist heute so blaß und in so niedergedrückter Stimmung," sagte er zu Bertha. als sie allein waren, daß es mich wirklich beunruhigt. Fühlst Du Dich krank. Schatz?" Nur matt und nervös," entgegnete sie. Das kommt davon, daß ich nicht ordentlich schlafen kann." Du solltest doch einmal einen Arzt kommen lassen." Ich habe kein großes Vertrauen zur Medizin," erklärte Bertha. Nun, dann laß uns so bald wie möglich heirathen," schlug der Graf, die Gelegenheit benutzend, vor. Meine Liebe für Dich und die Sorgfalt, die ich Dir widmen werde, wird für Dich die beste Medizin sein." Glaubst Du das wirklich?" fragte sie mit einer so seltsamen Betonung, daß er stutzte und ihr betroffen in die Augen schaute. Was er in ihnen las, war aber nichts weniger als zärtliche Zuneigung, sondern unverkennbar der Ausdruck unverhohlener Abneigung. Da konnte er sich nicht mehr halten, er verlor für den Augenblick seine sonstige kluge Ueberlegung und offenbarte feine heftige und brutale Natur, indem er wüthend ausrief: Was geht Dir denn eigentlich im Kopf herum? Laß Dir sagen, daß ich kein Mann bin, der sich zum Besten halten läßt. Hat Dir wirklich mein unwiderstehlicher Vetter den Kopf verdreht, und glaubst Du Deine alten Komödiantenkunststücke zeigen zu müssen?" Hoch aufgerichtet stand ihm Bertha Hegenüber. Während ihre Züge gleichzeitig Zorn und Verachtung ausdrückten, deutete sie auf die Thür und sagte gebieterisch: Hinaus! Und wagen Sie nicht wiederzukommen!" Diese Worte wirkten wie eine eiskalte Dusche auf deff Grafen und brachten ihn plötzlich wieder zur Besinnung. Was soll das heißen?" fragte er b'stürzt. Das kann doch Dein Ern't nicht sein, meine theure Bertha?" Genug!" entgegnete sie kurz. Sie wollten mir wohl einen Vorgeschma.. von unserem zukünftigen ehelichen L:ben geben, und ich schulde Ihnen wirklich Dank dafür, denn Sie haben mir die Augen geöffnet. Zum Glück i es noch nicht zu spät, um uns wieder zu Trennen. Und ich scheide mich hiermit von Ihnen." Aber wie kannst Du nur ein paar unbedachte Worte so übel nehmen!" beklagte sich der Graf, dem der kalte Schweiß auf die Stirn trat. Du willst doch nicht daran denken, unsere Verlobung wieder aufzuheben, nachdem ich sie bereits verschiedenen von meinen Freunden mitgetheilt habe?" Das ist mir ganz gleich. Ich will meine Ruhe behalten und vor allem meine Würde wahren. Ehe ich mich von Ihnen wie vorhin beleidigen lasse, von Ihnen, der noch viel weniger werth ist als ich. eher will ich aller Welt die Komödie verrathen, die ein lächerlicher Stolz mich augenblicklich spielen läßt." Gratien fühlte die Nothwendigkeit, sie um jeden Preis wieder zu versöhn nen. Seit er im Unmuth seine' Stellung in der Lemarchand'schen Fabrik aufgegeben hatte, war ja Bertha mit ihrem großen Vermögen seine ganze Hoffnung. Es war thöricht und unrecht von mir, so etwas zu sagen," erwiderte er im Tone der Abbitte. Aber Du hast mich gleichfalls gekränkt, mein Herz, deswegen laß uns beiderseits vergessen, was wir gesagt haben." Wodurch habe ich Sie beleidigt?" fragte sie dagegen. Indem ich. sagte, daß Sie viel weniger werth seien als ich? Aber das ist die Wahrheit. Sie wagen eö, mich mißächtlich zu behandeln und von Komödiantenkunststücken zu sprechen, und doch haben Sie das Geld der ehemaligen Komödiantin bisher noch nie verschmäht und setzen für die Zukunft Ihre ganze HÄffnung darauf!" Komm, sei doch wieder gut," schmeichelte Gratis. Ich liebe Dich ja so sehr es war eben eine" Regung fcr.

Eifersucht, die mir jene unsinnigen Worte in den Mund legte." Das ist nicht wahr." entgegnete sie. Es war vielmehr Ihre wahre und echte Natur, die zum Durchbruch kam. Aber ich danke Ihnen, wie gesagt, d-ß Sie mir noch rechtzeitig die Augen geöffnet haben." Nun gerieth der Graf wirklich tn Verzweiflung, denn für ihn stand alles auf dem Spiele. Er bat. beschwor und betheuerte, aber Bertha würdigte ihn gar keiner Antwort. Was soll ich denn thun, um Dir meine Reue und meinen guten Willen zu beweisen?" fragte er endlich und glaubte daraufhin auch circ Veränderung in dem Ausdruck ihres Gesichts wahrzunehmen, der sich zu feinen Gunsten deuten ließ. Verlange von mir, was Du willst, ich werde unweigerlich alles thun." Nun gut. Zum Beweise, daß Sie die vorhin gefallenen Worte bereuen und nicht mißächtlich yon der früheren Schauspielerin denken, verlangt diese von Ihnen, daß Sie persönlich Ihrem Bruder unsere bevorstehende Hochzeit anzeigen, ihn bitten, einer Ihrer Trauzeugen zu sein, und ihn hierher zu mir bringen." Meinen Bruder, den Marauis v. Plessis Saint-Luc?" fragte Gratien betroffen. Nun ja, freilich. Er würde doch mein Schwager werden; ist es da befremdlich, daß ich ihn schon vor der Heirath kennen lernen möchte? Abr Sie halten das wohl für unausführbar? Wohlan, dann bleibt es bei dem, was ich Ihnen vorhin sagte." Im Gegentheil, meine süße Bertha," versicherte Gratien jetzt mit verdoppeltem Eifer. Gleich morgen früh werde ich nach der Gascogne abreisen, um meinem Bruder und seiner Familie mein Glück mitzutheilen, und zu thun,, was Du verlangst!" In' ihren Augen leuchtete es auf. War es Triumph, den ihr eine solche Genugthuung bereitete der Gedanke, daß der Marquis v. Plessis, indem er die Wahl seines Bruders billigte und in ihrem Hause erschien, ihr damit zugleich den Zutritt zur vornehmen Welt eröffnete, der immer das Ziel ihres Ehrgeizes gewesen war? Gratien mochte sich wohl den unbeschreiblichen Ausdruck, den ihre blauen Augen jetzt hatten, so auslegen, aber er ahnte nicht, wie sehr er damit im Irrthum war. Bertha hatte vielmehr in diesem Augenblick einen Gedanken, vor dem bei ihr alles andere in den Hintergrund trat. Wenn Andre morgen Nachmittag zu mir kommt," sagte sie sich, wird Gratien von Paris weit entfernt sein und uns nicht stören können." Nur aus diesem Grunde hatte sie dem Grafen jene Bedingung gestellt. Auch dankte sie ihm nicht für sein? Bereitwilligkeit, sondern begnügte sich damit, zu sagen: Gut. Treffen Sie also Ihre Reisevorbereitungen und lassen Sie mich jetzt allein." Wie, Du schickst mich fort? Wir hatten doch vereinbart, heute Abend zusammen in's Theater zu gehen." Es ist noch keineswegs sicher, ob Jhr Bruder auf da eingehen wird, was Sie vorschlagen werden, bis d--hin soll man uns in der Öffentlichkeit nicht mehr zusammen sehen. Wenn es zum Bruch zwischen uns kommt, miO es ohne Aufsehen geschehen." Niemals willige ich in einen folchen," rief Gratien wie ' verzweifelt. Ich würde Dich eher todten." (Fortsetzung folgt.) Kamerun. Die Firma Lenz & Eo. in Berlin unterhandelt gegenwärtig mit der Reichsregierung über den Bau einer Bahn, die von Duala nach dem Ma-nenguba-Gebirge führen soll. Die Kosten werden auf 16 Millionen Mark geschätzt; für einen Theil des Geldewird die Zustimmung des Reichstags vorausgesetzt das Reich eine Zinsqewähr übernehmen. Die Firma 2tr,& Eo. ist an die Stelle des Kamerun - Eisenbahnsyndikats" getreten das unter Vorsitz des Prinzen Ehri--stian Günther von Schleswig-Holstein ursprünglich die Konzession für die Bahn erhalten hatte. Der Lauf der Bahn ist im Allgemeinen ein nach Osten hin offener Bogen; sie' führt durch dichten Urwald, bis sie zwischen den Manenguba- und Nlonaka-Bergen hindurch die Hochebene erreicht. Die Entscheidung ist für diese Strecke im Gegensatz zu einer anderen, die den Urwald an 'seiner . schmalsten Stelle schneiden sollte, gefallen, weil sie fast in ihrer ganzen Ausdehnung von mäch, tigen Oelpalmwäldern begleitet wird, deren Erschließung ihr von vornheiein einen erheblichen Frachtverkehr in Palmöl und Palmkernen sichert. Die Hochebene, auf der die Strecke münd:t. hat steppenartigen Charakter und ist sieberfrei. Der Anbau von Baumwolle, der an der Küste und im Urwaldgebiete der unsicheren WitterungsVerhältnisse wegen nicht möglich ist, wird dort von den Eingeborenen von jeher betrieben. Für die in Kamerun thätigen Europäer wird die Verbin dung mit der Hochebene wegen ihrer Malrasicherheit von besonderer Wich' tiakeit fern.

Ven rar yo ltscyen P s a r r -vikar Adamer in Altstetten bei Zürich, der in der Nacht zu einer sterbenden Frau in der einsamen Gegend hinter dem Uetliberg gerufen wurde, hat man am folgenden Morgen ermordet, aufgefunden. Vermuthlich liegt Raubmord vor. '

Herrn Vanderdooms Zchrelbmafchinistin. Von Inge Jasodsen. Fräulein Grete Meiners galt bei den übrigen Angestellten der Firma Baschwitz & Co. in der Klosterstraße als unordentlich, launenhaft und unliebenswürdig,' also nicht gerade als der Typus einer Ideal - Schreibmascbinistin. Als das wenig hübsche Mädchen eines Abends auf den Stadtbahnzug wartete, der sie nach ihrem an der Warschauer Brücke gelegenen Heim bringen sollte, fiel ihr Auge auf die neueste Nummer der Zeitschrift Das Reich der Frau", ein Journal, das jedes Thema behandelt, das zum weiblichen Geschlecht in irgend einer Beziehung steht und für alles einen guten Rath weiß, ganz gleich, ob es sich um Kindergeschrei oder um die Vertilgung der Mottenplage handelt; es gab ebenso unparteiisch Anleitung, wie man seinen Mann an's Haus fesselt, wie über die Art, alte Garnrollen nützlich zu verwenden. Außerdem hatte es noch einen belletristrsen Theil. Mehr kann man für 10 Pfennig nicht verlangen. Gret erstand sich eine Nummer und stieg in ein Abtheil zweiter Klasse des soeben einlaufenden Zuges. Ihr Abonnement lautete auf dritter Klasse, aber um solche Kleinigkeiten kümmerte sie sich wenig. Sie blätterte das Heft durch, bis ihr Auge auf eine Ueberschrift stieß: Herrn Vanderbooms Schreibmaschinistin". Das schien etwas für sie zu sein, und eifrig vertiefte sie sich in die Lektüre. Die Geschichte war nicht gerade aufregend. Sie handelte von einer hülU sehen, jungen Stenographistin, deren Chef, ein menschenfreundlicher, älterer Herr, eine tiefe Neigung zu ihr faßt. Am Abend bevor er ihr seine Liebe gestehen will, findet er im Kopierbuche einen Brief, der mit der geschäftlichen Correspondenz wenig zu thun hat, nämlich einen Brief seiner Angebeteten an einen unbekannten Dritten, den sie mit Geliebter" anredet, und in dem sie ihre tiefe Trauer darüber äußert, daß aus ihrer Ehe nun nichts werden könne, da es unmöglich sei, die 2000 Mark aufzutreiben, die er brauche, um als Theilhaber in ein Geschäft einzutreten. Natürlich hat der edelmüthige Chef nichts Eiligeres zu thun, als das junge Mädchen in sein Kontor zu rufen und ihr, mit blutendem Herzen zwar, aber doch beglückt durch das Gefühl, ihr" helfen zu können, die 2000 Mark auszuhändigen, die ihr Liebster braucht, um sich selbständig zu machen. Grete Meiners wäre beinahe über ihre Station hinausgefahren, so sehr hatte sie der rührende Inhalt der Gescf; ergriffen. Plötzlich schoß ihr ein genialer Gedanke durck den Kopf, wenn sie nun auch einen Brief schreibe, wie die Heldin jener Erzählung, an irgend einen erdichteten Bräutigam. Es war gar nicht ausgeschlossen, daß der Alte" sie liebte. Ihr Haar war doch wirklich sehr schön, und wenn sie das lila Kleid , mit dem grünen Besatz trug, hatte er sie manchmal so komisch angesehen. Und gutmüthig war er ja in. der That, der grauhaarige Herr, das hatte er schon oft bewiesen. Zu Zeiten konnte er allerdings höllisch kurz angebunden sein. Aber sie wollte es doch einmal versuchen; vielleicht hatte sie Glück. In dieser Nacht schlief Fräulein Meiners nicht viel. Sie war damit beschäftigt, ihren Brief auszuarbeiten. Ein schweres Stück Arbeit! Als er fertig war, sah sie mit Genugthuung ihr Machwerk durch. Der Brief lautete: . Einzig geliebter Hans! Ich habe gerade im Geschäft wenig zu thun und schreibe Dir daher mit fliegender Feder einige Zeilen. Wie wundervoll war unser Spaziergang am Sonntag, und wie recht thatest Du daran, mir reinen Wein einzuschenken! Ja, es ist unendlich traurig, mein Schatz, daß Dir die 2000 Mark zur Etablirung fehlen, und das Herz will mir fast brechen, wenn ich daran denke, daß wir noch manches Jahr nicht an heirathen denken können. Denn daß Dir Jemand 2000 Mark gibt, ist unwahrscheinlich, wie daß ich das große Loos gewinne, wo ich doch gar nicht in der Lotterie spiele. Der Chef ruft mich, ich habe keine Zeit mehr. Nur noch tausend Küsse von Deiner Dir in alle Ewigkeit treuen Grete." Stolz blickte die erfinderische Dame auf dieses Meisterwerk nieder. Kein Mensch konnte auf die Idee verfallen, dafc der Hans dieses Briefs niemals existirt hatte. Am Morgen ging sie in's Bureau und arbeitete wie immer. Um ein Uhr begab sich ein Tcheil der Angestellten zu Tisch. Grete griff mit verschiedenen Geschäftsbriefen auch ihren Liebesbrief und trat in das Nebenkontor, wo die Kopierpresse stand. Wenn der Lehrjunge fort war, -kopirte sie. öfters Briefe; ihr Thun konnte daher Niemandem auffallen. Hinter der Postkarte, auf der Marschner und Leinsam energisch um schleunige'Lieferung der bestellten Waaren ersucht wurden, hob sie auf dem Seidenpapier fein säuberlich der Brief an den geliebten Hans ab. Mit einem Seufzer der Erleichterung ging das fleißige junge Mädchen dann ebenfalls zu Tisch. Um vier Uhr trat der Lehrling, über das ganze Gesicht grinsend, mit dem aufgeschlagenen Kopierbuch in den roth aufgesprungenen Händen in's Kontor. Seh'n Se al bloß.Fräulem MeZ-

nerö. was lch Zier gefunden habe! Was ist dein los? Warum schreien Sie denn so, 65chmidt?" fragte unmuthig die vor ihrer Maschine sitzende Schreiberin. -No. der Arie? 1 is wobl nur aul

Versehen in's Kopirbuch gekommen." Und mit seinen nickt allm sauberen Fingern zeigte Schmidt jetzt aus die in alle Ewigkeit treue Grete". Auf diesen Zwischenfall war sie nicht gefaßt, mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit beherrschte sie jedoch die Situation. Soll ich die Seite rausreißen?" fragte gutmüthig der Junge. Danke, nein, das werde ich selbst thun. Aber reden Sie nicht darüber," damit nahm sie ihm das Buch aus den Händen.Der Junge zog seinen Mund noch ein Stückchen mehr in die Breite und schob ab. Nun hieß es handeln, und die tüchtige junge Dame war keinen Augenblick oarüber im Zweifel, was nun zu geschehen hätte. Kurz entschlossen klopfte sie an die Thür des Privatkontors. Eine liebenswürdige Stimme sagte Herein!" . Sie öffnete die Thür. Na, Fräulein Meiners. was ist los?" fragte ihr Chef in freundlichem Tone. Entschuldigen Sie bitte, Her? Baschwitz. aber ich weiß nicht, ob ich Ihnen die Karte an. Marschner und Leinsam heute morgen gezeigt habe, bevor sie abging." Ach. so nöthig ist das nicht, Fräulein; ich kann sie ja übrigens in der Kopie lesen. Schicken Sie mir doch bitte das Kopirbuch herein." Sie brachte es ihm selbst und setzt sich dann scheinbar ruhig wieder an ihre Maschine. Ihr Herz schlug säst so laut wie die Tasten, die ihre Finger niederdrückten. Sie wartete und wartete. Die Minuten wurden ihr zu Stunden. Etwas bange wurde ihr nun doch zu Muth. Wie würde es ausgehen? Eine halbe Stunde ging vorbei, eine Stunde, zwei Stunden, nichts begab sich. Ihre Collegen legten ihre Sacher. zusammen und ginaen nach Hause. Jetzt kam auch Herr Vaschwitz mit Cylinder und Ueberzieher aus seinem Kontor. Als er hinausging, wünschte er ihr mit einem etwas merkwürdigen Seitenblick guten Abend. Sicher hat er mich gern, schloß Grete, es wird schon alles gut gehen. Noch einmal verbrachte sie eine sehr unruhige Nacht und ging hoffenden Herzens am anderen Morgen in's Bureau. Um elf Uhr ertönte die Glocke im Privatkontor zweimal, das Zeichen für die Stenographin. Jetzt kam's, in fünf Minuten war ihr Schicksal entschieden. Die 2000 Mark hatte sie schon in der Tasche. Herr - . . m r ' 5 1 r r BajHwitz jan, an lemem cyreivll!.cy und antwortete recht, kühl auf den Morgengruß seiner Schreiberm. Dann fing er an: Beim Durchblättern des Kopirbuches stieß ich auf einen Brief, der mir aufgefallen ist und den ich auch gelesen habe, trotzdem die Firma nichts damit zu thun hat. Können Sie mir sagen, wie der Brief hier hineingekommen ist?" Was sür ein Brief?" fragte das Madchen unjchuioig. Bitte, sehen Sie ihn sich doch selber an," und er hob ihr das Buch näher. Ach Gott was habe ich denn da angestellt ein Brief an meinen Verlobten ich bitte vielmals um Verzeihung!" Ja, ja, es ist schon gut.. Aber etwas mehr Sorgfalt im Geschäft würde ich Ihnen doch dringend empfehlen." Es soll auch nie wieder vorkommen, Herr Baschwitz." Dafür werde ich schon Sorge tragen," meinte der Chef sehr bestimmt. Dann griff seine Hand, nach dem Auszuge seines Schreibtisches, in dem das Checkbuch ruhte. Alles ging glänzend. Herr Baschwitz benahm sich genau so wie Herr Vanderboom. Ihr kamen die Worte aus Das Reich der Frau" in den Sinn: Während er die Feder eintauchte, um die Anweisung auszustellen, traf ein unendlich wehmüthiger Blick wie ein Abschiedsgruß das blonde Haupt Hildegards. Herrgott, er setzte die Feder an und füllte die Zahlenrubrik aus. Aber ihr Herzschlag stockte. Dort stand nicht 2000, sondern 200 Mark, und ihr Chef überreichte ihr den Check nicht mit einem wehmüthigen, sondern mit einem recht ironischen Blick und den Worten: Wollen Sie sich, bitte, diesen Check an der. Kasse ausbezahlen lassen. Ich habe das Gehalt für diesen und den nächsten Monat gleich zusammen angewiesen, denn Sie werden begreisen, daß ich keine Dame bei mir beschäftigen kann, die erstens in der Geschäftszeit Liebesbriefe schreibt, und auf die man sich zweitens so wenig verlassen kann, daß sie ihre Privatbriefe- im Kopirbuch kopirt." Die aus allen Himmeln gefallene Schreibmaschinistin stand wie erstarrt; sie schien gar nicht zu begreifen, daß dies Wirklichkeit war, und daß es so ganz anders ausgehen sollte, als in der Erzählung. 'Erst durch ein ziemlich vernehmliches Guten Morgen!" ihres bisherigen Chefs wurde sie zum Bewußisein gebracht und verließ ohne Gruß sehr langsamen Schrittes das Privatkontor. Der Buchhalter am Bahnhof Börse konnte auf ihre Kundschaft nicht mehr, rechnen.