Indiana Tribüne, Volume 28, Number 143, Indianapolis, Marion County, 8 February 1905 — Page 7
Jndlans Tribüne, V Februar iwos.
55515 Hinter vcrschlosscncn I
Chiircn Vioman von Paul d'Aigremont Tfr11 (Fortsetzung.) Die Schwester erwiderte, sie habe durch Violctte und Reine schon so viel von ihm ve nommen, daß er ihr längst kein Fremder mehr sei. Das gleiche Gefühl hatte der junge Mann der Nonne gegenüber; gern folgte er ihrer Aufforderung, einen Augenblick in das jetzt von den Kleinen verlassene Asyl einzutreten, und bald fanden beide sich in einem seur angelegentlichen Gespräch. Andre berichtete von seiner Jugendfreund schaft mit Reine und von den Hoffnungen, die er für die Zukunft hegte. Er wußte selbst nicht recht, wie er dazu kam. der Ordensschwester, die er zum ersten Mal in seinem Leben sah, derartige vertrauliche Eröffnungen zu machen, allein er empfand es als ein wahres Labsal, ihr einen Einblick in sein Herz ?u eröffnen, wie er es der eigenen Sc?wester gegenüber noch nie über sich gewonnen hatte. Und die ernste Theilnahme, mit der sie ihm zuhörte, die .Zwischenfragen, die sie ab und zu an ihn richtete, ließen ihn deutlich genug erkennen, welch lebhaftes Interesse sie seinen Ausführungen entgegenbrachte und mit welchem Verstandniß sie diese aufnahm. Zuletzt berührte er auch einen Punkt, der ihm in neuerer Zeit innerlich viel zu schaffen gemacht hatte. Als ihm seine Schwester in ihren Briefen von der tiefen Melancholie berichtete, die auf Reine seit dem schrecklichen Ende ihrer Mutter laste, als sie ihm von ihrem häufigen Verkehr mit Schwester Gabrielle und ihrem Eifer, die Armen und Kranken zu besuchen und ihnen Gutes zu thun, erzählte, da war in ihm die quälende Besorgniß erwacht. Reine könne in ihrem gegenwärtigen Gemüthszustand vielleicht auf den Gedanken gebracht werden, selbst den Schleier zu nehmen und barmherzige Schwester zu werden. Er legte das der Nonne offen dar und fragte sie, ob sie das auch glaube und wie sie sich dazu stellen würde. Unser Gelübde verpflichtet uns. nach Kräften Gutes zu thun," versetzte Schwester Gabrielle. Wenn ich überzeugt wäre, daß Reine, die ich überaus lieb gewonnen, habe, einen wirklichen Beruf, zum Klosterleben hätte, dann würden mich allerdings keinerlei äußerliche Rücksichten davon abhalten dürfen, ihr zu rathen, der inneren Stimme zu folgen. Allein das ist ganz und gar nicht der Fall. Reine gehört in das Leben und nicht in das Kloster. . Der schreckliche Tod ihrer Mutter hat sie, was ja erklärlich genug ist, furchtbar erschüttert und lange Zeit hindurch in einen Zustand versetzt, der mich, Ihre Schwester und Fräulein v. Merzolles allerdings mit sehr ernsten B'sorgnissen erfüllte. Ganz besonders. weil sie vor allem irgend ein geheimniß-voller-Umstand zu quälen schien, über den wir nichts aus ihr herauslocken konnten. Aber jetzt scheint sie das alles glücklich überwunden zu haben, wie Sie im Verkehr mit ihr leicht wahrnehmen werden. Ich glaube Ihnen nach meinem besten Gewissen versichern zu dürfen, daß Sie keinerlei Befürchtungen der angedeuteten Art zu hegen brauchen. " Erleichtert athmete Andre auf. Sie glauben nicht, Schwester, wie wohl mir Ihre Worte gethan haben," sagte er mit Wärme. Sie sind so gut! Wenn ich Ihnen doch nur auf irgend eine Weise meine Dankbarkeit erweisen könnte!" Sie zögerte einen Augenblick, um dann, wie von einem inneren Dränge getrieben, zu entgegnen: Sie könnten mir allerdings einen sehr großen Dienst erzeigen, Herr v. Lacroix. Aber es handelt sich um so schmerzliche Dinge, daß ich nicht weiß " O sprechen Sie doch, Schwester!" bat er dringend. Ich habe Ihnen mein ganzes Herz geöffnet schenken auch Sie Mir nun Ihr volles Vertrauen. Ich werde alles thun, um es zu rechtfertigen. Von meiner ganzen Familie ist nur noch eine Schwester am Leben," begann sie mit leiser Stimme und gesenkten Augen. Aber sie ist leider auf keinen guten Weg gerathen und ich kann nichts thun, um sie wieder auf den rechten zurückzuführen. Und doch ist meine Vertha von Herzen gut und brav,' fuate sie unter hervorquellenden Thrä nen hinzu, und als Noth und Verzweiflung über sie kam, konnte ich ihr nicht beisteh?n, ihr keine hilfreiche Hand bieten. Ick, selbst befand mich damals bereits als Novize im Kloster, und als ich Erkundigungen über sie einziehen wollte, sagte mir unsere hochwürdige Mutter, daß ich nichts thun könne, als für sie beten. Dieser Zustand der banaen Unaewißbeit. unter der ich nun schon so lange Jahre leide, ist schrecklich. Wenn ich nur eine Kunde von ihr er halten und ihr sagen lassen könnte. was ich um sie leide!"' Ist sie Ytnn in Paris?" fragte Andre, und auf die bejahende Antwort der Schwester setzte er hinzu: Wettn Sie mir alles mittheilen wollen, was Sie über sie wissen, so verspreche ich Ihnen, mein möglichstes zu thun, um sie ausfindig zu machen." Unser Vater war Lehrer zu Welsersheim im Elsaß. Als er starb, war ich bereits in den Orden eingetreten.
die Mutter hatten wir schon früher ver-
loren, und meine arme Bertha stand daher . aanz allein in der Welt. Der Vater hatte, so schwer es ihm auch fiel, doch alles aufgeboten, um uns eine gute Erziehuna zu Theil werden zu lassen. Bertha erhielt eine' Stelle als Gouvernante in einer vornehmen Familie, bei einer Baromn v. Sterneck, die m der Nähe von Straßburg ein Schloß hatte. Was dort geschehen ist, weiß ich nicht. Vertha entfloh aus dem Hause und schloß sich, wie ich vernahm, einer Schauspielertruppe an. Nachher ist sie dann in Paris aufgetaucht, und dort soll sie jetzt noch leben. Sie können sich nicht denken, wie es mich martert, daß ich gar nichts von ihr weiß." Ich werde alles aufbieten, um sie zu finden. Sobald mir das gelungen ist. werde ich sie personlich aufsuchen und ihr von Ihnen erzählen. Ich werde sie zu veranlassen bemuht fcpi, Sie persönlich hier aufzusuchen, jedenfalls bringe ich Ihnen aber Nachricht." Ach, wenn Sie das ermöglichen könnten, welche Wohlthat würde dos für mich sein! Ich würde Sie mein ganzes Leben lang segnen meinen heißesten Dank aber sage ich Ihnen jetzt schon für Ihren guten Willen!" Hoffentlich gelingt es Mir, und die Kunde, die Sie erhalten, fällt erfreulicher aus, als Sie jetzt anzunehmen geneigt sind. Nur eines ist noch erforderlich: Sie haben mir noch nicht den Familiennamen Ihrer Schwester mitgetheilt." Ferdenbach Bertha Ferdenbach Andre machte sich verschiedene Notizen in seinem Taschenbuch und verabschiedete sich dann von der barmherzigen Schwester, nicht ahnend, welcye Bedeutung diese Unterredung für sein ganzes Leben gewinnen sollte. In der kleinen Kapelle von Earrere hatte Abbe Perrin den Segen der Kirche über Horace und Violettes Ehe ausgesprechen. Jetzt war auch das Mahl auf Schloß Tauzia beendet, das sich an die kirchliche Ceremonie angeschlossen batte. und im .ofe hielt der bespannte Reisewagen, der die Neuvermaylten nach Schloß Mitarra bringen sollte. Reine-Marie allein gab ihrem Tantchen" das Geleite bis zum Wagen, vor dem Horace bereits mit freudestrahlenden Augen stand . und sie erwartete. Noch eine letzte Umarmung zwischen Violette und Reine, zwischen Vater und Tochter, dann rollte der Wagen davon. In tiefes Sinnen verloren stand das junge Mädchen noch da und schaute ihm nach, als Andre hinzukam, um sie zu der im Speisesaal gebliebenen kleinen Gesellschaft zurückzuholen. Dort fahren sie," sagte Reine, und auch Andre erwiderte nun mit seinem Taschentuch den Gruß seiner Schwester, die noch einmal zurückwinkte. Er und das neben ihm stehende liebreizende Wesen hatten in diesem Augenblick denselben Gedanken. Werden auch wir beide wohl einmal so für's Leben vereint von hier ausziehen?" dachten sie, und als sie dann einander in die leuchtenden Augen schauten, kam eine beseligende Zuversicht über sie. 15. Kapitel. ast ein Jahr war seit der Hoch zeit des Marquis v. Plessis verflossen, als abermals große Freude auf Schloß Tauzia herrschte. Violette hatte ihrem Gemahl emen Knaben geschenkt; die alte Fa miliensage, die sich an das im Thurm zimmer von Saint-Luc hängende Bild der Jungsrau aus dem Morgenlande knüpfte, hatte also eine neue Bestätigung gefunden. Kurze Zeit nach der Geburt des Kin des trat Servian, der vor Kurzem als Richter am Seine-Tribunal nach der Hauptstadt versetzt worden war, gegen Abend in die Privatwohnung Lemarchands. Dieser schüttelte ihm, sichtlich erfreut über seinen Besuch, die Hand, indem er sagte: Ich sollte Ihnen zwar eigentlich böse sein. Wie ich weiß, sind Sie schon mindestens vierzehn Tage in Paris, und heute erst kommen Sie endlich zu Mir!" Das stimmt allerdings, verehrter Freund, indessen es gab für mich so viel zu thun, daß ich beim besten Willen nicht eher ein paar freie Stunden gewmnen konnte." Ich glaub's Ihnen gern. Jetzt aber müssen Sie dafür auch mit mir speisen, da gilt kein Widerstreben. Ich müßte sonst ja mein Mahl ganz allein einnehmen, denn ich habe Andre hmausgeschickt er sitzt mir zu viel über den Büchern. Das ist nichts für einen so jungen Menschen, der muß, wenn er den ganzen Tag über gearbeitet hat, sich Abends amüsiren. Man wird früh genug zum Einsiedler. Sie haben eine treffliche Stütze an ihm gewonnen, wie ich höre. Ich könnte mir keinen besseren Mitarbeite? wünschen. Und wie steht es auf Tauzia?" Ausgezeichnet. D kleine JacquesAndre gedeiht prächtig. Die Mutter ist noch etwas angegriffen, doch gibt ihr Zustand erfreulicherweise zu keinerlei Besorgnissen Anlaß, wie Doktor Bordier versichert. Der ist ja nun auch bereits seit mehreren Monaten glücklicher Ehemann, und seine Jeannie ein allerliebstes Hausmütterchen." Und mein alter Freund Horace?" Den läßt die Freude über den Stammhalter fast seine alten Pergamente und Chroniken vergessen. Und Reine widmet sich mit einer wahren Begeisterung dn Pflege ihres kleinen Bruders." Wird es denn nun nicht bald eine Verlobung geben?"
.Mein rnmaster Herzenswunsch ist
es, wie Sie wissen, Reine und Andre r v . wr . . I f vereinig: zu icyen. Allein cocn wen mir Beider Glück, so sehr am Herzen liegt, darf die Sache, nicht übereilt werden. Die jungen Leute haben sich gern, . Y f Y ? 5 1.1 . vavon mn icy uverzeugi. lavtx mzuiz kennt noch gar nichts von der großen Welt; sie soll erst einen Winter hier in Paris weilen, in die Gesellschaft eingefuhrt werden und sich darin umsehen. Erklart sie auch dann noch, daß ihre Gefühle für den Jugendgefährten die gleichen geblieben sind, dann mögen sie den Bund schließen, der hoffentlich zu einem dauernden Glücke führen wird. Das habe ich Andre auseinandergesetzt, der verständig genug war, meine Motive zu billigen. Und ich glaube, er kann diese Probezeit auch ruhig abwarten, denn Reine besitzt eine Festigkeit des Willens und eine Beharrlichkeit, die bei emem so jungen Madchen wirklich erstaunlich ist. Ich habe dafür eben jetzt einen merkwürdigen Beweis erhalten. Lange Zeit war sie seit der Katastrophe aus Samt-Luc beängstigend trübsinnig und feelisch wie körperlich leidend. Seit etwa Jahresfrist aber gewann sie die alte Frische wieder, was ich auf die gluckliche Eigenschaft der Jugend zurückführte, Trauriges und Trübes leichter zu vergessen als wir Aelteren. Sie aber hat nicht vergessen. sage ich Ihnen, Servian! Sie grübelt nach wie vor über das Ende ihrer Mut ter nach und grämt sich, daß deren Tod bisher unaufaeklärt und unaesühnt geblieben ist, wenn sie sich's auch äußerlich nicht mehr anmerken laßt. Das ist allerdings erstaunlich," warf der Richter ein. der mit großer Aufmerksamkeit zuhörte. Richt wahr? Während ich etzt auf Tauzia war, haben Reine und ich wiederbolt lanae Svazierganqe mitemander gemacht, und immer am sie wieder auf die Ereignisse von damals zuruck. Ich war starr, als ich von ihr erfuhr, daß sie auch den Verdacht kennt. den wir gegen Greiften v. Plessis, ihren Onkel, hegen. Wir Beide müssen einmal darüber gesprochen haben, als ste sich in der Nähe befand, ohne daß wir es ahnten. Sie hat jedes Wort davon behalten und für sich weiter darüber nachgedacht. Zu ihrem Vater spricht sie nicht darüber, um dessen Ruhe nicht zu stören. Mir aber hat das energische Mädchen so lange zugesetzt, bis sie aus mir alles herausgeholt hatte, was wir Beide wissen: die anfangs von Horace verhehlte Erisienz des Ganges und Gratiens wiederholte feierliche Vetheuerung, ihn nicht zu kennen; die Gründe. aus denen feine direkte Thäterschaft unmöglich ist, wie diejenigen, die uns bewogen haben, ihn trotzdem als den Anstifte? und intellektuellen Urheber des Verbrechens zu betrachten. Endlich auch noch das Verhalten, das Sie mir ihm gegenüber vorgeschrieben haben alles das weiß sie, aber ich bin fest überzeugt, daß wir uns auf ihre unbedingte Verschwiegenheit, die ich ihr natürlich auch noch zur heiligsten Pflicht gemacht habe, verlassen können." Das glaube ich ebenfalls," stimmte Servian bei. Fräulein Reine ist zweisellos eine ungewöhnliche Erscheinung unter ihren Geschlechts- und Altersgenossinnen." Lemarchand nickte beistimmend mit dem Kopfe. Und wie steht es mit der Sache selbst? Haben Sie bezüglich des Grafen etwas Neues in Erfahrung gebracht?" Ja. Gerade deshalb komme ich. Der Agent Hoche," den Sie auf meine Empfehlung mit der geheimen Ueberwachung des Grafen beauftragt haben, hat sich unter -der Maske eines Hilfsdieners Eintritt in den Klub zu verschaffen gewußt, in dem der Graf regelmäßig verkehrt. Es ist ihm gelungen, einige Sätze eines Gespräches aufzufangen, das jener mit einigen intimen Bekannten geführt hat. Natürlich durfte er sich durch allzu eifriges Hörchen nicht verdächtig machen, und deswegen konnte er nur ein paar unzusammenhängende Bruchstücke vernehmen. Diese schienen ihm aber doch wichtig genug, um mir mitgetheilt zu werden, und so kam er denn und wollte zunächst meine Meinung einholen. Ein glücklicher Zufall hat es nun gefügt, daß ich einen von den Herren, mit denen sich Graf Eratien unterhalten hat, sehr genau kenne. Ich bin seit langen Jahren mit Herrn v. Marsan befreundet, und so gelang es mir, nachdem ich seine anfänglichen Bedenken 'zerstreut, ihn dahin zu bringen, mir das wieder zu erzählen, was er und noch drei andere Herren von Herrn v. Plessis vernommen hatten. Es sind peinliche und' schmerzliche Dinge, die ich berühren muß" Sprechen Sie ganz ungescheut und rückhaltlos," entgegnete Lemarchand. während seine Auaen sich beinahe schlössen, und die Falte zwischen seinen Brauen sich noch vertiefte. Wenn es sich um Herrin v. Plessis handelt, bin ich stets auf alles gefaßt." Kennen Sie den Marquis v. Moranges?" Den Afrikaforscher? Jawohl. Ein Feuerkopf und tollkühner Wagehals, aber ein Edelmann in des Wortes vollster Bedeutung." Sie sind also auch persönlich mit ihm bekannt?" Allerdings, namentlich von den Gesellschaften her, die meine Tochter hier während der Wintersaison zu geben pflegte. Dort war er regelmäßig, und ich habe mich oft und eingehend mit lym unterhalten." Nun, Herr v. Plessis behauptet, seine Schwägerin habe für den berühmten Reisenden, der ja auch einchöner,
stattlicher Mann sem soll, geschwärmt und. ihn bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet." Letzteres mag richtig sein, von dem ersteren aber habe ich nichts wahrgenommen. Eine solche Schwärmerei lag überhaupt nicht in Laures Charakter. Und weiter?" Er versichert, sie habe den Marquis überall als bevorzugten Kavalier um sich gehabt; er habe sie, wenn er in Paris war, stets bei ihren Spazierritten in's Bois de Boulogne begleitet, sie seien gleichsam unzertrennlich gewesen. Herr v. Plessis ist aber noch weiter gegangen allerdings nicht mit Behauptungen, sondern nur mit verblümten Andeutungen. Sie erinnern sich wohl noch, wie stutzig mich damals Ihre Mittheilung machte, der Graf habe feinem Bruder gegenüber angedeutet, die Marquise könne möglicherweise das Geheimniß des Ganges verrathen und damit einem Fremden die Möglichkeit gegeben haben, bei ihr einzudringen." Lemarchand nickte finster, und der Richter fuhr fort: Ich war schon damals gespannt daraus, ob das nur eine hingeworfene Aeußerung gewesen sei, oder ob der Graf mit dieser Andeutung einen bestimmten Zweck im Auge gehabt habe. Nun weiß ich, daß letzteres der Fall war. Er deutete nämlich bei seinen Freunden auf die Möglichkeit hin, daß jener Fremde der Marquis v. Moranges gewesen sei, von dem er behauptet, daß er eine tiefe Leidenschaft
für die Verstorbene gehegt habe. Vielleicht sei er durch die Marquise in das Geheimniß des Ganges eingeweiht ttorden und gegen ihren Willen bei ihr eingedrungen, vielleicht auch habe sie ihm erlaubt, ihr auf Saint-Luc vor seiner Abreise nach Afrika noch einmal heimlich Lebewohl zu sagen. Beides sei unaufgeklärt, wie auch das folaende Drama. Aber er könne sich recht gut vorstellen, daß der leidenschaftliche Tollkopf sie zuerst chabe bitten und dann zwingen wollen, mit ihm zu fliehen' und daß sie dann, als sie sich dessen weigerte, ein Opfer seiner sinnlosen Wuth geworden sei. Thatsache ist. daß der Marauis ich am Taqe nach der Entdeckung des Verbrechens, am 0. November, in Marseille eingeschifft hat." Lemarchand war leichenblaß geworden, aber seine Augen flammten. In zornigem Ingrimm sprang er auf und r:ef, wahrend seine Hände sich ballten: Welch ein niederträchtiger Schurke! Eine Todte zu beschimpfen es ist uvfaßbar! Aber er soll es mir büßen! Glauben Sie denn an dieses Märchen?" Kein Wort," versicherte Servian, indem er den alten Herrn mit sanfter Gewalt wieder auf seinen Stuhl niederdrückte. Aber es ist trotzdem für uns von höchster Wichtigkeit, denn es ist die erste Unvorsichtigkeit, der erste falsche Schritt, den de? so sorgsam von uns Beobachtete sich hat zu schulden kommen lassDn. Ueberschlau ist oft das Gegentheil von schlau. Sehen Sfc," fügte er erläuternd hinzu, als Lemarchand ihn fragend ansah, bisher war für Herrn v. Plessis alles in schönster Ordnung. Die angestellte Untersuchung. das von ihm so geschickt arrangirte Alibi hatten ihn vollständig entlastet. Allein thörichterweise war er damit nicht zufrieden. Er wollte noch mehr thun und dem Verdacht eme be stimmte, von ihm selber völlig ablen kende Richtung geben. Der Marquis v. Moranges ist ja seither völlig ver schollen, wahrscheinlich von den wilden Tuaregs langst ermordet. Es ist kaum anzunehmen, daß der Marquis v. Moranges je wieder erfcheinen wird, um Gratien Lügen strafen zu können, und darauf bauend, ersann er das Märchen," fuhr Servian zu Lemarchand aewendet fort. Aber ich werde ihm seine infame Lüge rn's Gesicht schleudern und ihn zwingen " Sie werden nichts dergleichen thun, Verehrtester," entgegnete Servian, ihm beruhigend seme Hand auf den Arm legend, denn damit würden Sie alles verderben. Im Kampfe mit einem so gewandten Gegner, wie der Herr Graf emer ist, darf man niemals die Ge duld verlieren. Sie dürfen auch Ihrer Enkelin gegenüber kein Wort über diese Geschichte fallen lassen." Das würde ich auch ohne Ihre Mahnung niemals gethan haben," versicherte der Millionär. Ich weiß wohl, daß es ein idealisirtes Bild ihrer Mutter ist, das m ihrer Erinnerung lebt, Y f -. . ("!. ' auein 0 lange ten es oerouien laun, soll niemals auch nur der leiseste Schat ten darauf fallen." Recht so. Wir sind noch lange nicht am Ziele, allein wenn -ich bisher mehr mit dem bloßen Instinkt des Krimmalisten als auf Thatsachen fußend behauptet habe, der Graf Gratien sei nicht der wirkliche Thäter, wohl aber der Anstifter und intellektuelle Urheber des Verbrechens, so gibt mir jene von ihm ersonnene Verdächtigung den ersten positiven Anhalt. Wäre er wirklich schuldlos, dann wurde er geschwiegen haben, selbst wenn die Beziehungen des Marquis v. Moranges zu Ihrer Tochter so intim gewesen wären, wie er als wahrscheinlich hinstellt; er wurde es nicht- übe? - sich aewonnen haben, das Andenken der ihm so nahe verwandten Todten zu verunglimpfen und emen Mann anzuschuldigen, der sich nicht zu vertheidigen vermag. Aber er empfand das Bedürfniß, dem Argwohn eine ganz neue jährte zu aeben, überzeugt. daß jene Herren die sensationelle Enthullung gewiß nicht für sich behalten 'würden, und deswegen theilte er ihnen ,im Vertrauen' das an und für sich
gar nicht übel erfundene Märchen mit.
Meine Ueberzeugung von seiner Schuld steht jetzt felsenfest!" Mit Warme druckte ihm Lemarchand die Hand, und die beiden Herren berathschlagten dann noch lange, bevor Servian sich verabschiedete. Madame Satores ruhte auf ihrer Terrasse" in einem weichgepolsterten Lehnsessel und las. Sie sah reizend aus, wie immer. Selbst für einen Ken-ner-war es schwierig, ihr wirkliches Alier zu bestimmen, denn die peinliche Sorgfalt, mit der sie sich pflegte, und die erstaunlich regelmäßige Lebensweise, die sie seit einer Reihe von Iahren führte, verliehen ihr ein überraschend jugendlich-frisches Aussehen. Ihr Schneider hatte ihr seit einiger Zelt empfohlen, dunklere Farben zu tragen, welche m der That den Glanz ihrer reinen Hautfarbe noch mehr hervortreten ließen. Das mit Jetplättchen besetzte Kleid von schwarzem Seidenmusselm saß iorer geschmeidig-schlanken Figur, die doch einer gewissen Fülle nicht entbehrte, wie angegossen Die echten Perlen in ihren Ohren Wetteiferten an Glanz mit den tadellosen Zahnen, die zwischen den rothen Lippen hervorschimmerten. Ihre Hände waren freilich etwas mager, hatten aber ihre zarte und feine ftorm bewahrt. Die üppigen Haare leuchteten in einem Goldblond, das sie der Natur, nicht der Kunst verdankten. (Fortsetzung folgt) Eine Weltausstellung plant San Francisco, Kal., gleich nach der Fertigstellung des Panama-Ka-nals. Die Beförderung der P 0 st von Chica-go nach London nimmt mindestens sieben Tage m Ansprucö. Der Schrecken snoffe. Was machst Du denn alleweil für Bewegungen, wenn ich den Maßkrug ansetze?" Weißt Du, Onkel, Papa hat neulich gesagt. Du säufst nach Noten und da hab' ich blos den Takt dazu geschlagen." Scizlttgserttg. Lina, was muß ich sehen, Sie tragen ja dieselben Hüte und Kleider wie ich! Wo soll denn da der Unterschied zwischen Frau und Köchin liegen?" Im Kochen!" Vorinutnung. Sie: Du, der Maier hat jetzt Ausverkauf angesagt, weil seine Schwiegermutter gestorben ist." E r : Da geh' nur gleich hin, der gibt jetzt gewiß die Sachen halb geschenkt." Nerreriznet. Gatte (dem nach der Hochzeit die reduznte Mitgift ausgezahlt wird): Was? . . . Nur 40,000 Mark? ... Da hab' ich Dich ja viel zu viel geliebt!" Kctileckites Venisjen. Buchhalter (zum Weinhändler): Da ist auch von einem Chemiker eine Bestellung auf 25 Liter Wein ein gelaufen!" C h e f : Von einem Ehemiker?...Da füllten wir ueber den Wem von wo anders her besorgen! (Sine Hebe Seele. Na, warum sind's denn so traurig. Fraulem San, weil Ihr Franz zur Waffenübung hat einrücken müssen die vier Wochen gehen ja bald vorüber." Ja, er thut mir halt so furchtbar leid wer weiß, ob ich in vier Wochen Nicht schon einen andern Schatz hab . IhtrooßUdT. Student (der ein Äimmer mit then will, als man ihm eins im fünften Stockwerk zeigt): Ach, was fällt Ihnen ein. das kann dsch id Nickt neb men? Wie kommt msn denn da in der Nacht herauf?" Modernes Inserat. Verflogen hat sich mein Mann. Um sachdienliche -Mittheilung bittet Frau Maier, Luftschiffersgattin.
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Dichtcr.,nspiraioin.
Heilmittel zur nregung der Phantasie ttscye Echriltsteller bei der Arbeit. Von der Inspiration" des Schriftstellers handelt eine hübsche Plauderei, die der englische Schriftsteller Michael McDonald im Cornhill Magazine" veröffentlicht und in der er eine Fülle von Beispielen zu diesem interessanten Thema aus der englischen Literaturgeschichte zusammenträgt. Einmal mußte der Nomandichtcr Trollope mit anhören, wie man ihm auseinandersetzte, ein Dichter müsse stets auf die Jnspiration" warten; da konnte er kaum seinen Spott unterdrücken. Es würde mir nicht absurder erscheinen," meinte er, wenn der Schuhmacher auf Inspiration warten sollte, oder der Lichtzieher auf die göttliche Erleuchtung, um den Talg zu schmelzen. Viel mehr als an Inspiration glaubte er an Schusterpech auf seinem Stuhl; er schneo denn auch täglich eine bestimmte Anzahl Stunden, genau 250 Worte in jeder Viertelstunde, wobei die Sekunoenuhr neben ihm lag. Selbst auf dem Meer that er dies, in den Zeiten, in denen er von Seekrankheit verschont war. Will sich aber die Inspiration nicht von selbst einstellen, so haben viele Schriftsteller bestimmte Reizmittel, die sie in ihnen erwecken sollen. Sheridan fand, daß ein Glas Portwein unsch'ahbar wäre, um zögernde Gedanken zu Tage zu fördern. Fielding brachte sich in Schwung" mit Brandy und Wasser; Wilkie Collins verdankte Champagner und Brandy viel. Charles Lamb fand, daß Vier oder Wein seine schwindende Phantasie erhellte, seinen Humor bereischerte und den kampsenden Gedanken oder das schöne Bild zur Gestaltung drängte." Darwins Reizmittel war Schnupftabak; das gewöhnlichste HllfsMittel für literarische Inspiration ist jedoch Tabak. Milton war zwar ein Wassertrinker und Vegetarier, aber doch ein tüchtiger Raucher. Charles Kingsley gerieth bei der Arbeit an emem Buch oft in ein solches Feuer, daß er zu seiner Beruhigung einen Gang durch seinen Garten machen und dabei die Pfeise rauchen mußte. Der Historiker Buckle war niemals sparsam, wenn e3 sich um Tabak handelte, und auch Tennyson war ein starker Raucher. Die meisten Schriftsteller müssen beim Arbeiten völlige Ruhe um sich haben; aber wenige waren in dieser Beziehung so schwer zufriedenzustellen wie Carlyle. Als er m Cheyne Row. London, ein Zimmer hatte bauen lassen, bei dem alle Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, um keinen Schall durchzulassen, fand er dann doch, daß es das geräuschvollste im ganzen Hause, eine Hölle" wäre. Jane Austen schrieb dagegen in dem gemeinsamen Wohnzimmer der Jamilie; auch Mrs. Oliphant war nicht besser daran. Charlotte Bronte unterbrach ihre Arbeiten, um Kartoffeln zu schälen, und arbeitete dann weiter. Walter Scott konnte schreiben, während um ihn die Kinder spielten, und er verschloß niemals sein Arbeitszimmer vor ihnen. Die chinesische Post. Interessante Angaben über die PostVerbindung zwischen Tschungking und Jtschang am oberen Jangtsekiang. in China, werden den NorthChina Daily News" berichtet. Danach gehen auf dem Wege von Jtscha-q nach Tschungking alle Briefe und Zeiiungen mit Kurieren über Land, weil es viel zu lange dauern würde, wenn man sie mit Dschunken über die reißenden, zwischen den beiden Städten gelegenen Stromschnellen befördern wollte. Packete dagegen läßt man, auch flußaufwärts, den Wasserweg nehmen. Von Tschungking den Iangtsekiang abwärts bringen eigene Postboote sämmtliche Postsachen. Sie legen -die lange Strecke je nach der Stärke des Stromes in drei bis fünf Tagen zurück, während der umgekehrte Weg mehrere Wochen erfordert. Diese Boote gehen zweimal wöchentlich von Tschungking ab, um niemals wieder dahin zurückzukehren. Ja, das ist unstreitig das merkwürdigste und interessanteste an der Sache, und ein solcher Fall mag auf der ganzen Erde wohl nicht zum zweiten Male vorkommen. Das kaiserliche chinesische Postamt in Tschungking muß immer eine Anzahl Boote, die pro Stück etwa $7.50 kosten, auf Lager haben. Sobald die Boote in Jtschang angelangt sind und ihre Post, abgeliefert haben, werden sie enizwei geschlagen und als Feuerungsholz verkauft. Der Grund, weshalb den Boten nur eine so kurze Lebensdauer beschieden ist, ist sehr einfach: es würde bedeutend viel mehr kosten, die Fahrzeuge gegen die starke Strömung von Kulis nach Tschungking zurückschleppen zu lassen, als immer wieder neue zu benutzen. Bemerkenswerth ist noch, daß es seit Jahren nur ein einzigesmal vorgekommen ist, daß ein Postboot bei der Thalfahrt gescheitert ist. Das ist ein sehr gutes Zeugniß für die große Geschicklichkeit der chinesischen Schiffer, denn die Stromschnellen des Fangtsekiang bergen viele Gefahren. Verderbliche Wasserf l u t h e n. Bei Naesdal, Norwegen, stürzten plötzlich Massen von Felsgesiein von den umliegenden Bergen in den Loenvandsee und verursachten eine gewaltige Welle von 20 Fuß Höhe, die sich über die angrenzenden Ufer ergoß. Häuser, Menschen und Vieh wurden von den hereinbrechenden Wassermassen fortgerissen. Just 50 Menschen ver-. loren ihr Leben.
