Indiana Tribüne, Volume 28, Number 143, Indianapolis, Marion County, 8 February 1905 — Page 3
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Rhem-Wescr-Klmal. Ncbcr 300 Millionen Mark werden vom preußischen Landtage bewilligt. Der Streik in Polen. Weiteres von den Attentäter Hoheuthal. KonZessionen der Fabrikanten Warschau's. Nothstand an der schlesischen Grenze. Ansdehnung des Streiks in Belgien. Vater Gopon in Sicherheit. - Neues russisches Preßgcsetz.
Deutschland. Rhein.WeserKanal. Berlin, 7. Febr. Der preu ßifche Landtag nahm heute ein Gesetz an, welches zum Bau eines Rhein-We-ser Kanales mit einer Verlängerung nach Hanoder ermächtigt. Mit 256 gegen 138 Stimmen nahm der Landtag Paragraph 1 der allgemeinen Kanalvorlage an, wzlcher die Regierung zur Verausgabung von $83,643.750 für den Bau von Wasser, wegen ermächtigt. Prinz Eitel Fr i tz. Ä e r l i n, 7. Febr. Das Befin. den des Prinzen Eitel Fritz hat sich so weit gebessert, daß keine weiteren Bulle tinS ausgegeben werden. Reise deSKaiserS. Berlin, 7. Febr. Der Kaiser und die Kaiserin werden wahrscheinlich am 23. März mit der Bahn nach Ge nua reisen und von dort mit einem Dampfer der Hamburg'Amerika-Linie eine Kreuzfahrt auf dem mittelländi schen Meere unternehmen. Bei Malta wird sie die kaiserliche Facht Hohenzollern- erwarten. ES ist nicht unwahrscheinlich, daß sie mit it rem 3. Sohne Prinz Adalbert zusam meatreffen, der auSasiatischen Gewüsfern heimkehrt. Die Reise wird etwa 5 Wochen dauern. Dementi. Berlin. 7. Feb. DaS auSwSr tige Amt erklärt, daß eS wegen der Rede, die oer Lord der Admiralität Lee zu Eaftleigh hielt, keinen Protest an dke britische Regierung richtete. Gegen russischen A b s olut i S m u S. Münchens 7. Feb. Hier hat eine bemerkenswerthe Versammlung stattgefunden, welche von dem Genre j maler Franz von Defregger, dem Ma j ler und Bildhauer Franz Stuck, fowie dem greisen Dichter Paul Heyse embe rufen worden war und welcher die Ko ryphäen der Wissenschaft, Kunst und Literatur beiwohnten. Der Zweck der Versammlung war, gegen den russischen Absolutismus zu Protestiren, und in flammenden Reden wurde denn auch über die Reaktion und den Bureankra tismus lm Zarenreiche der Stab gebro chen. In den gefaßten geharnischten Beschlüssen gelangte diese Stimmung zu beredtem Ausdruck. Zugleich ward die wärmste Sympathie mit den rufst schen Freiheitskämpfern, dem gefange nen Maxim Gorki an der Spitze, kund gethan. Maßgebende Nicht Russen, welche mit den einschlägigen Verhältnissen! genau vertraut sind, betonen wieder holt, daß solche demonstrative Kundgedungen eine völlig entgegengesetzte Wirkung in Rußland erzielen, weil sie als moralische Einmischung in die in neren Angelegenheiten deZ Staates an gesehen werden. Drohender Nothstand an der schlesischen Grenze. B r e S l a u, 7. Febr. Der schle sische Grenzverkehr ist infolge der revo lutionären Vorgänge in RusfischPolen vollständig lahmgelegt, und die Le benSmittelpreise sind erheblich gestiegen, ja für den weniger bemittelten Theil der Bevölkerung geradezu unerschwing lich geworden. Sollte der Stand der Dinge nicht ehestens eine Aenderung erfahren, so würde eine schlimme Noth, läge unausbleiblich sein. Dabei hält die Massenflucht aus den russifch.pol. nischerc Jnduftriebezirken nach den schlesischen Grenzorten noch immer an. und trotz aller VorbeugungSmaßregeln der beiderseitigen Behörden macht sich die Uebersüllung immer stärker fühlbar und schafft stetig bedrohlichere Verhält, nisse. 200. TodeStag. ' Berlin, 7. Feb. Die Blätter ge denken des 200. Todestages von Phi lipp Jakob Spener. dem Vater deS Pietismus. (Spener wurde am 13. Januar 1635 zu RappoltZweiler im Oberelsaß geboren, studirte auf mehre ren hervorragenden Hochschulen Theo logie und begann als Senior der Geist
lichkeit zu Frankfurt a. M. seine Wirk samkeit für Neublebung des christlichen Sinnes in der Kirche. Gegenüber ei ner todten Orthodoxie betonte er die Nothwendigkeit persönlicher Wiederge burt und gegenüber dem einseitigen Lehrkirchenthum das allgemeine Prie sterthum aller Gläubigen. Im Jahre 1686 wurde Spener Oberhofprediger zu Dresden, ger!eth dort in Mißhellig keitrn mit der theologischen Fakultät und ging 1691 als Propst und Jnspektor der Kirche zu St. Nikolai nach Ber lin, von wo aus er an der Stiftung der Universität Halle-großen Antheil nahm und wo er starb. Spener war nicht nur ein sehr fruchtbarer theologl fchr Schriftsteller, sondern auch Be gründer der wissenschaftlichen Genealogie und Heraldik in Deutschland.) Einweihung der Käthe d r a l e. Berlin, 7. Febr. Kaiser 23ilHelm hat König Edward ersucht, einen Delegaten der Kirche von England zu der Einweihung der neuen lutherischen Kathedrale am 27. Februar zu entsen den. König Edward hat darauf ange fragt, ob der Bischof von Ripoon ge nehm sein werde. Canada. Schifsbruch. Halifax,?. Feb. Während eines heftigen Schneesturmes stieß der Dampfer Damara von der Furnefsia Linie, 30 Meilen östlich von hier, auf Felsen. Der erste Offizier mit 13 Mann ge langte in einem Voote glücklich an Land. Von dem zweiten Boote, in d:m sich der Kapitän, die Paffagiere und der Rest derMannnschaft befanden, hat man Nichts gehört. Wahrschein lich sind die Insassen umgekommen. Argentinien. 'Kriegsgericht. BuenoS AyreS, 7. Feb. Seit heute Morgen 3 Uhr ist das Kriegsgericht unter Gen. Monte? Decca in Sitzung. Alle Insurgenten werden zur Aburtheilung hierher ge bracht. Großbritannien. Rückzug. London, 7. Febr. Artdur Hamilton Lee, Lord. der Admiralität, erklärte heute Abend in einer Rede zu Eastleigh, seine kürzliche Rede über Flottenrüftungen in der Nordsee sei höchst unrichtig wiedergegeben worden. Dieselbe habe keine Drohung enthalten. Eine solche habe er absolut nicht beab sichtigt und er sei überzeugt, daß seine Hörer die Rede nicht so aufgefaßt hätten, als wolle er eine andere Macht warnen. Italien. Garibaldi's Ueberreste. R o m, 7. Feb. Clelia Gariöaldi hat an das Parlament eine Petition gegen den Vorschlag Riccoitti Gari baldi's gerichtet, daß die Leiche Gen. Garibaldi'S nach seinem letzten Wunsche verbrannt werde. ES wird darauf ge drungen, daß die Leiche auf der Insel Caprera bleibe, wo sie jetzt beigesetzt ist. C o n s i st o r i u m. R o m, 7. Feb. Halbossiziell wird angekündigt, daß der Papst nächsten Monat ein Consiftorium abhalten wird. Rußland. Streik. L odz. 7. Feb. Die Fabriken wurden heute eröffnet, doch erschienen Arbeiter nur in sehr geringer Anzahl'. Die Lage scheint sich zu verschlechtern. Ein kritischer Tag wird der 9. Feb. werden. Die Besitzer der großen Fa briken haben beschlossen, an diesem Tage den Arbeitern den Reft ihres Lohnes auszuzahlen und die Fabriken zu schließen. Die Streiker werden feindseliger. Heute Morgen drangen sie m eine Fabrik und zerstörten die Maschinerie. Warschau. 7. Feb. Wie von Radom gemeldet wird, wurden daselbst heute Morgen in Streikkrawallen 20 Arbeiter getödtet oder verwundet.
Zu SkarzySko wurden 20 Arbeiter getödtet und 40 verwundet. Von Kutno werden ernste Unruhen gemeldet; eS sind Truppen von hier nach dorthin geschickt werden. Warschau. 7. Feb. In Bäcke reien und anderen Plätzen wurden heute 7 Leute, welche die Arbeit wieder auf. genommen hatten, von Streikern ge tödtet. ES erfolgten viele Verhaftun gen. Die Preise der LebenSmittel sind ge stiegen, da die Landleute sich fürchten, ihre Produkte zur Stadt zu bringen. Lodz. 7." Feb. In einer Verfammlung der Fabrikanten wurde be schlössen, den Leuten einen 10stündigen Arbeitstag und ein: Lohnerhöhung von 5 15 Prozent zu. gewähren. Warschau, 7. Feb. Der ka tholische Bischof dieser Diös hat die Streiker aufgefordert, morgen nach der Kathedrale zu kommen, um ihre For derungen zu erklären. Die Kinder aller Schulen bis auf 2 haben sich geweigert, in ihre Klassen zurückzukehren, ehe die polnische Sprache eingeführt sei. Die allgemeine Streiklage ist unver ändert. Lodz, 7. Febr. Die Arbeitgeber halten täglich Konferenzen, haben sich aber über die einzuschlagende Politik noch nicht einigen können. Der Gou verneur bleibt fest in seiner Stellung zwischen den Parteien. Er sagt, wenn die Arbeitgeber ihre Fabriken schließen, werde er sie ebenso behandeln wie die Streiker. Am Nachmittag versuchten Streiker einen gefangenen Kameraden den Sol daten zu entreißen. Letztere feuerten und verwundeten 3 Streiker. Ein allgemeiner Streik wurde heute zu Wlodewek erklärt. Kein Friede erwartet. St. Petersburg,?. Feb. Die neuaufgetauchten Friedensgerüchte, in Verbindung mit den Besuchen deZ Grafen Cassini und deS japanischen Gesandten im Staatsdepartement, sowie der Konferenz deS britischen Botschaf, terö mit dem Präsidenten, sinden in hiesigen offiziellen und diplomatischen Kreisen nicht das geringste Echo. Die Richtschnur bleibt die wieder holte Erklärung deS Zaren, daß der Krieg bis zu einem befriedigenden Schlüsse sortgesetzt werden muß. Die Versicherung, daß der Besuch des eng lischen BotschasterS bei dem Präsidenten Roosevelt Nichts mit Friedensverhand, lungen zu thun hatie, erregt hier nur Befriedigung. Ruhe in der Mandschurei. St. Petersburg, 7. geb In der Mandschurei herrscht noch Was fenruhe. Gen. Kuropatkin berichtet strenge Kälte. Eine kleine russische Abtheilung machte einen Streifzug über den Taitse Fluß und bedrohte die Verbindungs linie der Japaner. Weitere Untersuchung. H e l f i n g f o r s. 7. Februar. Hohenthal erlangte heute Nachmittag das Bewußtsein wieder, aber er wei gerte sich entschieden die gestellten Fra. gen zu beantworten. Der Beinbruch ist seine schlimmste Verletzung. Offenbar wurde Hohenthal zu seiner That durch' die allgemeine Entrüstung über Soninien veranlaßt, weil dieser die alten Rechte FinlandS nicht wahrte und ruffenfreundlich gesinnt war. Das Verbrechen wird von den Finen sehr bedauert, die hofften, der Zar werde der Petition um Wiedereinsetzung der früheren liberalen Verwaltung Folge geben. Nun befürchtet man. daß eine Politik der Unterdrückung die Oberhand gewinnt und deren Folgen sind nicht abzuseben. Der Attentäter ist stark, gut aus sehend und-Sohn eines Pfarrers von Laiha nahe Wafa im nordöstlichen Finland, wo überhaupt die Bevölkerung zu Gewaltthaten geneigt ist. Auch der Mörder Gouv. Bobrikoff'S stammte aus jener Gegend. Hohenthal studirte Medizin, ging nach Stockholm und Petersburg. Sei nen Lebensunterhalt gewann er zuletzt durch Masstren.. Da5 Attentat wird mit Bestimmt, heit als ein politisches bezeichnet. Soi ninen galt bei den jüngeren radikalen Parteien als ein Verräth an seinem Lande und es wird behauptet, daß schon lange ein Attentat gegen ihn ge plant war. Gorki erhält Besuch. St.PeterSburg, 7. Feb. Der Frau Maxim Gorki'S ist eS gestattet worden, ihn in der Peter nnd Pauls. Festung zu besuchen. Er wird gut be
handelt. Ein hoher Offizier ist spe ziell beauftragt, Sorge für ihn zu tragen. Schweres Vergeben. St. Petersburg. 7. Febr. Man weiß nun, daß Vater Gopon in der Schweiz ist. Die Polizei hat in der Wohnung des StadtratheS Kedrine, der mit Maxim Gorki verhaftet wurde, eine Proilama tlon gefunden, welche das Militär zur Revolte aufreizt. Pr e ß g e s e tz e. St. Pe'terS du rg. 7. Feb. Das Minister.Komite hat beschlossen, eine Spezialkonferenz für Revision der Preßgesetze einzusetzen. Der Präsident der Konferenz wird vom Kaiser ernannt werden. Die Mitglieder sollen Beamte sein, die mit den einschlägigen Fragen vertraut sind, Mitglieder der Akade mie der Wissenschaften und hervor ragende Schriftsteller. Eine Mahnung. St. Petersburg, 7. Febr. Generalgouverneur Trepoff hat den Kurator für ErziehungSwefen angewie sen, durch die Professoren und Lehrer an Universitäten und Schulen von St. Petersburg den Studenten und Schü lern mittheilen zu lassen, daß Anarchie in den Anstalten aufhören muß. Die Studien- müssen am 23. Februar auf genommen werden. Wer nicht erscheint wird ausgestoßen. Wenn die Mehr heit nicht erscheint, oder die Professoren mit den Schülern gemeinsame Sache machen, werden alle Anstalten geschlos sen werden. S o z i a ! i st l ch e.P r o k l a m a t i o n. St. Petersburg. 7. Feb. Eine Proklamation der sozialistischen Partei, die unter Arbeitern verbreitet wurde, fordert dieselben auf, sich unter der rothen Fahne zu sammeln und be waffnet die Demonstrationen vom Ja nuar zu wiederholen. Die Proklama tion greift Kirche, Staat und die Höhe ren Klassen heftig an. Belgien. 22.000 S t r e i k er. C h a r l e r o i, 7. Febr. Von den 32.000 Kohlengräbern in diesem Distrikt sind 22,000 am Ausstände.
Frankreich versch'nupft. London, 7. Feb. Dem Daily Telegraph" wird auZZ Konstantinopel gemeldet, daß in Folge des Entschlusses deS Sultans, Geld von einer deut schen Finanzgruppe für Reorganisation der Artillerie zu borgen, der französtsche Bo:schafter Constanö ein Ultlma tum gestellt hat, in welchem die sofor tige Befriedigung französischer An sprüche verlangt wird, andernfalls will der Botschafter abreifen, um mit seiner Regierung zu konferiren. Wie der Korrespondent meldet, war eS eine deutsche Bedingung bei der An leihe, daß alle Geschütze in Deutschland bestellt werden. Ein französisches Syn dikat hatte sich auch um die Anleihe be worden. Schiffsnachrichten. Jokohama: Empreß of Japan" von Vancouver. Algier: Romanic" von Boston. )er honten eines Kindes, das in einem Hotel zurückgelassen wurde, bildet in Wien den Gegenstand polizeilicher Untersuchungen. Am Abend des Neujahrstages war in Begleitung eines hübschen, etwa zweijährigen Kindes eine ältere, elegante Dame dort abgestiegen, die sich als die Großmutter' des Kindes bezeichnete und in das Fremdenbuch den Namen .Hermine von Marwitz" aus Dresden eintrug. Am Montag früh ging die Dame für Besorgungen in die Stadt, wahrend sie das Kind der Obhut des Zimmermädchens anvertraute und angab, bald zurückkehren zu wollen. Gegen Mittag meldete ein Herr telephonisch, die Dame könne noch nicht in's Hotel zurückkommen, da sie einer Einladung Folge geleistet habe; sie lasse jedoch bitten, dasKind gut zu versehen. Als auch am Abend dieDame nicht eintraf, schöpfte man Verdacht, der denn auch am nächsten Morgen durch einen merkwürdigen Brief dieser Dame bestätigt wurde. Sie theilte darin mit, daß sie nicht zurückkehren werde. Doch habe sie die Polizei gleichzeitig wegen Abholung des Kindes benachrichtigt. Desgleichen sandte sie durch PostanWeisung für das Logis einenBeträg an das Hotel. Indem bei der Polizei eingegangenen Schreiben hieß es, das Kind habe keinen Vater mehr und sei von der Mutter infolge schwerer Zwangslage ausgesetzt worden. Man möge das über zwei Jahre alte Kind, das den Namen Lulu führe und bisher nicht getauft sei, dem evangelischen Waisenhause zuführen. Die Kleine hat ausgesprochen sächsische Ausspracbe. tfi blond und woblaenäbrt.
Blüthe und Frucht.
Von Georg Schcrrr. Ist dies denn noch derselbe Baum, Darunter ich im Lenz gelegen Und, feines Duftes froh, den Traum Geträumt von reichem Erntesegens Wer hätte damals wohl gedacht, Dajj diese überreiche Bürde So hoffnungsvoller Blüthenpracht Nur wenig Früchte reifen würde! Da schien, vom Windeshauch bewegt, Der Wipfel flüsternd sich zu neigen: Wie steht's um dich, der rasch erregt Die Früchte zählt an meinen Zweigen? Was ist von deinen Blüthen, sag'! Von deinen Wünschen, deinem Streben Zur Frucht gedieh'n bis diesen Tag? Stumm lag vor mir ml. eignes Leben. africflsjeifeii. Eine Skizze auö dem russischen Leben. von . Hky. Feucht und dumpf war es in der kleien Kellerwohnung. Ein Lichtstumpf In einer Flasche auf dem Tisch beleuchtete die armselige Einrichtung: in jeder Ecke ein Bett, in der Mitte ein Tisch und zwei halbzerbrochene Stühle. An die Scheiben schlug ein kalter Regen. Von Zeit zu Zeit hörte man den Schritt eines nach Hause eilenden Menschen; dann war es wieder still. Auf dem einen Bette in der dunkelsten Ecke regte sich eine schwarze. Masse; man erkannte die Umrisse einer männlichen Gestalt. Manja, Manja" ertönte eine heisere Stimme, hast -Du noch etwas Schnaps?" Die Angeredete erhob sich von ihrem Schemel; sie war hoch von Wuchs, ihre Züge trugen noch die Spuren von verblichener Schönheit, jetzt hatte sie tiefe Falten im Gesicht, der Ausdruck hrer Augen war müde und abgestumpft. Du bist ja schon betrunken, Student," sagte sie mit tonloser Stimme und reichte ihm die halbvolle Flasche. Der Student" richtete sich halb auf: die rothen Augen, die schlaffen Züge bekundeten den Gewöhnheitstrinker. Sieh, Manja, das ist es eben, Kind; ich trinke und bin doch nicht betrunken; und trinke ich noch so viel, es bleibt noch immer eine Luke da oben, und es brennt und bohrt in dem armen Kopf und quält mich mit schrecklichen Erinnerungen. O, könnt' ich vergessen, so ruhig einschlafen und niemals wieder erwachen!" Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Die junge Frau setzte sich auf den Rand seines Bettes, bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen und schluchzte bitterlich. Sieh, Manja," fuhr er fort, es gab eine Zeit, da habe ich nicht getrunken. Da war ich jung, energisch, da war Lebenslust in dieser Brust, Sehnsucht nach Liebe, Freiheit. So kam ich auf die Universität; zwei Jahre zogen dahin, da zeigten sie mir, was Freiheit war: vier Jahre Festungshaft bekam ich. Die Leute sagten, es wäre milde geurtheilt. Und dann die furchtbare Zeit: jeden Tag diese Mauer, dieses Gitter; keine Sonne, kein Frühling, kein Winter. Krank, halb wahnsinnig verließ ich den Kerker. Was war mir die Freiheit, wenn ich von ihr keinen Gebrauch machen konnte? So zog ich dahin; kein Mensch nahm mich auf, gar mancher gab mir ein Stück Brot, Arbeit aber konnten sie mir nicht geben, denn keiner wollte es mit der Polizei zu thun haben. So wurde ich Fabrikarbeiter. Und da kam das Trinken.' Es gehört zum Handwerk, sagten sie mir; oder: ,Der Zar will's ja, daß wir trinken, und der will doch nur das Allerbeste sagten sie, indem sie auf die Kronsbranntweinbude zeigten. Ein Glas war der Anfang, nun ist es aus. Vor einer Woche kam der letzte Schlag: die Hälfte der Arbeiter wurde entlassen. ,Kriegszeiten,' sagte der Prinzipal achselzuckend, ,Kriegszeiten' wiederholten die Arbeiter und trugen ihr letztes in die Vranntweinbude." Seine Stimme war immer leiser geworden, sie sank zu einem Flüstern hinab; er seufzte auf und nahm noch einen Schluck. Ein. lautes Schluchzen entrang sich der gequälten Brust der jungen Frau, sie stützte ihr Haupt auf die Knie und weinte leise. Vorige Woche, da war es auch über sie gekommen, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Iwan Petrow," sagte eines Abends ihr Stubennachbar, der Schutzmann Ossip,zu ihrem Mann, hier ist eine Anzeige von der MilitärVerwaltung in fünf Tagen mußt Du Dich stellen." Wie eine Wahnsinnige hatte sie den Arm des Schutzmannes umklammert: Sag', es ist nicht wahr, Du scherzest!. Es ist ein Irrthum, wie können sie ihn nehmen, er hat ja Weib und Kind?" Gesetz Kriegszeiten," sagte der Alte streng und wandte sich ab, un eine Thräne aus dem Gesicht zu wischen: gestern hatten sie ihm auch seinen Sohn genommen. In einer Nacht war sie gealtert; wie stumpfsinnig machte sie alles zur Abreise ihres Mannes bereit dann kam der Abschied. Thränen, .oas halfen die, wenn der Zar die Mandschurei brauchte? Gestern hatte sie ihr letztes Geld ausgegeben der Kleine schrie nach Milch, das schwarze Brot, in Wasser gerieben, hatte ihn krank gemacht, er hatte starkes Fieber. Tief äufaihmend erhob sie sich, setzte sich an die Wiege und schaukelte sie. Draußen war es ganz dunkel geworden; der Regen trommelte eintönig weiter. Im Vorhaus ertönten Schritte. Die Thür ging auf. Der dritte Einwoh-
ner, der alte Nikititsch, kehrte von seinem üblichen Spaziergang zurück. . Wovon er lebte, wußie kein Mensch. Jeden Tag ging er aus, am Abend erzählte er dann die Stadtneuigkeiten. Sie hatten ihn gern; er war stets so qut o herzlich; auch brachte er immer etwas Neues, das erleichterte ihnen das schwere Elend. Heute haben wir gesiegt," sagte er laut, ein Stück einer Zeitung auf den Tisch werfend. Ein Schluchzen beantwortete feinen Ruf; der Student lachte höhnisch auf und trank den Rest der Flasche aus. Großer Sieg bei Tst-ti-tient sind das Namen, heidnisch wie die Einwohner! ...Großer Sieg bei Tsientien," las der Alte mit erhobener Stimme, fünfzehn Japaner gefangen genommen." . . . Kein Laut ertönte. Das Licht flackerte, es begann zu verlöschen, ein Windstoß schlug den Regen an das Fenster. Was waren fünfzehn gefangene Japaner diesen kranken, wunden Herzen? Was wären ihnen tausend gewesen? Höre, Manja, Kind, Du sollst nicht weinen," wandte sich der Alte an die junge Frau. Haben sie Dir den Iwan auch genommen, vielleicht ist es doch zum Besten. Sieh mal hinaus; da regnet es, und gestern war Sonnenschein. So ist es auch im Leben: wäre der Regen nicht da, so wäre .uns auch die Sonne nicht so lieb. Thränen und Lachen wechseln im Leben wie Tag und Nacht, Smnmer und Winter. Sind wir geboren, so ist es zum Besten wo wäre sonst die göttliche Vorfehung? Auch mich hat das Leben nicht verschont: meine Frau, die war jung und schön, die gefiel dem Gutsherrn, er nahm sie mir weg; meine Söhne, die waren groß und stark, die gefielen den Beamten, sie nahmen sie mir weg in den großen Krieg gegen die Heiden. So war ich allein und verlassen, einsam zog ich in die Welt hinaus, einsam werde ich auch sterben." Er seufzte leise, ergriff die Hand der jungen Frau und streichelte sie sanft. Alles zum Besten," wiederholte er leise. Das Licht war zu Ende gebrannt; noch zweimal flackerte es auf und beleuchtete die vergrämten Züge der jungen Mutter und. spiegelte sich in den freundlichen Augen des Alten, dann erlosch es. Das Kind wimmerte leise im Fieberwahn. Finster war es in dem engen, dumpfen Raum, finster in den Herzen der Einwohner des Kellerstübchens. . .
Der Bursche des Uittmriflcrs. Ein Soldat des 15. deutschen Ula-nen-Regiments in Saarburg, Lothringen, war zu einem Rittmeister des Regiments als Bursche kommandirt. Seine Führung war jedoch nicht über jeder Kritik erhaben, und so wurden dem Burschen eines Tages drei Tage Mittelarrest verabfolgt. Der Bursche verabschiedete sich, um die Strafe anzutreten. Als drei Tage um waren, erwartete der Rittmeister vergeblich die Rückkehr des Burschen; vier, fünf Tage vergingen, er kehrte nicht wieder. Eine Nachfrage ergab, daß der Bursche die drei Tage gar nicht abgebrummt hatte, 'ondern fahnenflüchtig war. Der Deerteur, im Badischen beheimathet, war dorthin gereist, hatte seinen Eltern eine Abschiedsvisite gemacht und war dann nach der Schweiz entwichen. Monde vergingen, der Sommer ging in'Z Land, und die Manöver kamen heran. Unser Rittmeister rückte aus. An den Burschen dachte Niemand" mehr. Diesen aber zog es zurück in die kleine Garnison," und während diese zur Manöverzeit sturmfrei war, kehrte er eines Tages unbehelligt nach Saarburg zurück. Er begab sich in die Wohnung seines Rittmeisters und räumte hier in der unverschämtesten Weise unter den Keller- und Küchenvorräthen auf. Nach einigen Tagen des schönsten Schlaraffenlebens nahte die Abschiedsstunde aus der rittmeisterlichen Wohnung. Ehe das Regiment wieder in's Städtchen" einrückte, verschwand der Bursche von der Bildfläche. Man kann sich denken, was für Augen der heimkehrende Rittmeister machte, als er des Durcheinanders in seiner Wohnung ansichtig wurde. Die Sektflaschen standen in Paradeaufstellung auf dem Tisch, allerdings geleert, die letzte Cigarre war den Weg alles Fleisches gegangen. Ein Zettel mit nachstehendem Inhalt, der auf dem Kamin lag, brachte jede gewünschte Aufklärung. Der Brief lautete: Geehrter Herr Rittmeister! Ich habe die Wohnung in Ihrer Abwesenheit in Ordnung gehalten. Wie Sie sehen werden, habe ich dem Wein und den Cigarren tüchtig zugesprochen. Der Sekt war vorzüglich; er schäumt und knallt kolossal. Sie werden gut thun und bestellen von dieser Marke wieder. Die Cigarren aus Bremen scheinen besser zu schmecken als die aus Hamburg. Das ist jedoch Geschmacksache. Jetzt gehe ich in Arrest." Der Brief sagte die reine Wahrheit. Der Bursche hatte sich thatsächlich sei-, nem Truppentheil gestellt und wollte die Gesammtrafe, die seiner harrte, abbrummen. Kriegsgericht verhängte über den örlnellen Kauz sechs Monate Gefängniß und versetzte ihn in die zweite Klasse des Soldatenstandes. Sonrisü?. An der Pforte der Irrenanstalt pocht eines Abends ein Mann. Was wollen Sie?" herrscht ihn der Pförtner an. Nun hier herein!" Da schreit ihn der Pförtner an: Sie sind wohl verrückt,7 und wirft das Fenster wieder zu.
