Indiana Tribüne, Volume 28, Number 139, Indianapolis, Marion County, 3 February 1905 — Page 7
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Älnlcr ucrschlassknen . Chürrn j & Viomaii von z Paul d'Aigremont s T tfr Th5(TVorffcfeimg.) Horace erklärte sich wie sein SchwZegervater bereit, nach Kräften zur Linderung des Elends beizutragen. Durch Violette angeregt, kam er dann auf seine augenblicklichen Forschungen zu sprechen, und man merkte deutlich, wie Wohl ihm das that. Fräulein v. Lacroix war überhaupt fortwährend und doch kaum merklich in der zartfühlendsten Weise um ihn bemüht; dies treffliche Wesen war in jeder Beziehung der gute Genius des Hauses. Lemarchard selbst erzählte von Andre und sein-r nunmehrigen Thätigkeit in der chen.isehen Fabrik zu Saint-Denis. Bei den warmen Lobsprüchen, die er dem wackeren jungen Manne spendete, leuchteten nicht nur Violettes Augen freudig auf, sondern auch über Reine-Maries blaffe Wangen verbreitete sich eine feine Röte, was ihr Großvater mit geheimer Tefriediauna aewabrte. Am Nachmittage des zweitnächsten Tages erhielt der Fabrikbesitzer einen Brief aus Abbeville, mit dem er sogleich auf sein Zimmer ging, um ihn mit großer Aufmerksamkeit zu lesen. Auch für mich," schrieb Servian, rist der Schwur, den der Graf v. Plessis seinem Bruder gegenüber abgelegt hat. von keiner Bedeutung. Ich halte noch immer an meiner Ansicht fest, die Sie ja kennen: Gratien hat den Mord zwr nicht verübt, aber er kennt den Mörder. Nach meiner Meinung ist ihm das Geheimniß des Ganges bekannt. Ein Moment, des mir sehr dafür zu sprechen scheint, ist die von seinem Bruder erwähnte Untersuchung des Ganges durch ihn und seine Gemahlin, während der Graf zum Besuch auf Saint-Luc war. Die von Ihrer Tochter damals vermeintlich wahrgenommenen Schritte machen mich stutzig. Wie, wenn Gratien durch irgend ein hingeworfenes Wort von ihrer Absicht, den Gang wieder einmal zu besichtigen, Kenntniß erlangt hätte? Wenn er ihnen heimlich nachgeschlichen und gefolgt wäre? Als sein Bruder umkehrte, um zur Beruhtgung seiner Frau sich zu vergewissern, daß Niemand hinter ihnen sei, hat .r sich vielleicht rasch versteckt und den Gang erst lange nach jenen verlassen. Es bedarf gar keiner ausschweifenden Phantasie, um sich den Hergang etwa in solcher Weise vorzustellen. Selbst dann wissen wir allerdings immer noch nicht, welche Person in seinem Interesse und nach seinen Anweijungen die That verübt hat; auch in dieser Beziehung müssen wir von der Zukunft Aufschluß erhoffen. Daß der Graf glauben machen will, Ihre Tochter selbst könne das Geheimniß verrathen haben, ist ein wohlersonnener Schachzug, um von sich jeden Argwohn abzulenken. Ich glaube auch daran nicht. Möglicherweise verfolgt er auch noch einen anderen Zweck damit, indem er jene Meinung aufzubringen sucht. Man müßte darüber Auskunft zu erhalten suchen. Ueberhaupt sollten Sie auf dem Laufenden bleiben, was er außer seine? geschäftlichen Thätigkeit bei Ihnen thut und treibt. Da die Kosten keine Rolle bei Ihnen spielen, so Würde ich empfehlen, einen Agenten mit der Ueberwachung des Grafen zu betrauen, ich kenne ein zuverlässiges Bvreau in Paris, das Ihnen einen tiichtigen Mann zur Verfügung stellen wird. Wenn Sie zustimmen, werde ich dorthin schreiben." Am Abend erklärte Lemarchand, daß er wieder nach Paris zurückkehren müsse und den von Eondy abgehenden Morgenzug zu benutzen gedenke. 10. Kapitel. eine-Marie wollte es sich nicht nebmen lassen, den GroßvaC? ter am anderen Morgen in ihrem Ponygefährt zur Bahn zu bringen. Pünktlich hielt der leichte Wagen, vor welchem Bijou," ein flottes und doch gutmüthiges Pony aus den Landes, bereits ungeduldig mit den Hufen scharrte, am Fuß der Freitreppe. Reine stand mit einer leichten Peitsche in der Rechten daneben, klopfte ihrem Liebling den Hals und verabfolgte ihm ein Stück Zucker, auf das er schon oewartet battl. . Das junge Mädchen sah heute viel frischer und wohler aus als bisber. Lemarchand sah das mit lebhafter Befriediauna. vährend sie zusammen in den schönen Morgen hinausfuhren; er freute sich auch über Iv sichere und zu gleich eleaante Art. mit der seine Enke lin die Zügel führte. Leicht rollte der Waaen auf der autqeyaltenen (biiaßt in flottem Tempo dahin. Endlich ain eZ eine Anhöhe hinauf, und Reine ließ Blwu nun im Schritt gehen. Da sagte Lemarchand, der bisher schweigend neben Reine gesessen hatte: Zum Abschied will ich Dir nun noch eine kleine Ueberraschung machen: Du sollst demnächst einen der ältesten und besten Freunde, den Aboe Perrm, wie dersehen." Kommt er zum Besuch?" fragte Reine mit aufrichtiger Freude. Hos fentlich bleibt er dann recht lange. Der Vater äußerte noch vor Kurzem, wie sehr er ihm fehle. Und er vermißt Euch alle auch. sehr, der vortreffliche Mann, denn ich weiß,
wie er an Euch hangt. Er hat Sich ge-; tauft und ist von jeher Dein geistlicher
Berather gewesen. Vielleicht empfindest Du auch jetzt hm und wieder das Bedürfniß, D' ? ihm anzuvertrauen und ihm Dein H'rz auszuschütten, wie frühet. Er rord immer hier bleiben. Dem pflichtgetreuen Manne, der nie daran aedacht hat. sich zu schonen, setzt das rauhe Klima der Picardie arg zu, daher habe ich seine dauernde Uebersiedelung hierher zu ermöglichen gewußt. Die Psarrei von Earrere, zu der ja Tauzia gehört, ist gerade erledigt, und so begegnete die von mir angeregte Versetzung keinem Widerstande. Dem alter Freund rüstet sich in diesem Augenblick bereits zur Uebersiedelung. Das hast Du in der That gut gemacht, Großväterchen. Hatte ich aber nicht recht, als ich sagte, Du könntest alles, was Du wolltest?" Ach nem, Kmd, entgegnete Lemarchand ernst, indem er den Kopf schüttelte, das ist leider eine schwere Täuschung. ch muß es nur in on rech! schmerzlich gewahr werden, daß dem nicht so ist." Als sie vor der Station ankamen, gab Reine das Gefährt einem Bediensteten der Bahn, der das Schloßfräulein schon kannte, zum Hallen, und ging dann neben dem Großvater auf dem Bahnsteig auf und ab, bis der ug einlief. Der Millionär zog seine Brieftasche herv und entnahm ihr einen Briefumschlag, der sich dick anfühlte; er barg eme ansehnliche Zahl Banknoten. Das ist für Dich, Liebling sagte er. indem er ihn Reine in die Hand drückte. Aber ich brauche wirklich nichts, Großpapa," wendete sie ein. Der Vater ist schon immer so freigebig zu nur." Es soll für Deine Armen sein. Spende nur reichlich, wo es in der That am Platze ist. Das Gute, das wir zu thun vermögen, ist für uns selber die größte Wohlthat." Dann nehme ich es mit Dank an. Die Nothleidenden sollen Dich dasür segnen!" Rasselnd kam der Zug herangebraust. Noch eine letzte Umarmung, ein letztes Abschiedswinken, dann bestieg das junge Mädchen, in dessen Augen noch Thränen blinkten, den Wagen wieder, um heimzufahren. In flottem Trabe ging es durch die Straßen von Eondy, wo viele Leute stehen blieben, die dem niedlichen Gefährt und seiner anmuthigen Lenkerin nachschauten. Bald lagen die letzten Häuser des Ortes hinter ihr. Weit draußen tauchte am Wege noch ein armseliges, halb verfallenes Häuschen auf, an dem der flinke Vijou sie beinahe schon vorbeigeführt hatte, als sie plötzlich seinen Eifer zügelte. Aus dem Inneren der elenden Wohnstätte, deren Thür offen stand, war lautes Weinen und schmerzliches Geschrei an ihr Ohr geklungen. Der Mahnung des GroßVaters eingedenk, stieg sie ab, schlang Bijous Zügel um einen Zaunpfahl und trat über die Schwelle. Ein herzzerreißendes Schauspiel bot sich ihren Blicken. In emer Ecke des schmutzigen, verwahrlosten Raumes kauerte ein Weib auf emem Schemel, das unter lauten Ausbrüchen eines wilden Schmerzes die Hände rang. Sie schien noch jung, war aber blaß, hager und abqezehrt eme wahre Verkorve rung des Hungers. Drei kleine Kinder, von denen das älteste etwa sieben Jahre zählen mochte, in Lumpen gehüllt und ebenso elend aussehend wie die Mutte umringten eme barmherzige Schwester, die auf dem einzigen vorhandenen Stuhle saß und eine Art Paket auf den Knieen hielt. Als Reine genauer hinblickte, gewahrte sie, daß es den Körp-r emes ganz winzigen Kmdes enthielt, aus dem das Leben bereits entflohen zu sein schien. Sie trat näher, das Herz von namenlosem Mitleid erfüllt. Bei dem leichten Geräusch ihrer. Schritte wende ten alle Köpfe sich ihr zu. Die Kinder zogen sich scheu und verschüchtert noch welter zurück. Die Schwester, deren Gesicht die eigenartige, schneeweiße Flügelhaube ihres Ordens umschloß. schaute mit einem schmerzlichen Lächeln zu ihr auf. Die Frau aber, außer sich vor Ver zweiflung, streckte die geballten Fäuste der Eintretenden entgegen und rief wild und drohend: Aha, da ist eine von den reichen Tagedieben! Eine, die alles im Ueberfluß hat, während meine Kinder Hungers sterben! Schweiqen Sie. Francouette, mahnte die Nonne ernst. Es wird schon Hilfe für Euch geschasst werden!" Eben deshalb bin ich hier," sagte Reine, bis an die Wurzeln ihrer blonden Haare erröthend. Ja, ja, das kennt man," murrte die Frau. Man wirft uns ein paar Sous hin, aber nachher? . . . Mein Mann konnte keine Arbeit mehr bekommen. Da hat er geschmuggelt, um Brot füruns zu schaffen. Als ob das -ein Verbrechen wäre, ein paar Liter Branntwem unverzollt über die Grenze zu Iringen! Die Spürhunde haben ihn abgefaßt und eingesperrt. Nun sitzt er sechs Monate im Gefängniß. Er bekommt freilich zu essen während der Zeit, aber wir wir! Wenn das Kleine stirbt, so bringe ich sie um, die ihn verurtheilt haben!" schrie sie wie rasend. Was fehlt dem Kinde?" fragte Reine die Schwester, indem sie näher zu ihr trat. Die Mutter ist halb verhungert und kann es nicht nähren. Es stirbt vor Entkräftung," antwortete die Nonne mit Thränen in den Augen. .Aber das ist ja entsetzlich!" Reine Marie zog eine der Banknoten, die ihr
der Großvater gegeben, aus der Tasche und reichte sie der Frau. Hier nehmen Sie! Holen Sie zunächst Milch
für das Kind und dann stärkende Nahrungsmittel für sich und die anderen Kinder. Weinen Sie nicht mehr: wenn Ihr Mann aus dem Gefängniß kommt. so wird mem 'Vater ihm Arbeit geben. Bis dahin werde ich für Sie sorgen." Die Schwester lächelte ihr beifällig zu, ohne ein Wort zu reden, aber dies stumme Zeichen der Billigung that Reine wohl. Die Frau, die wohl noch nie in ihrem Leben eine solche Summe in der Hand gehalten hatte, starrte bald den Schein und bald die Geberin an. Sie sind reich und haben wirklich ein Herz für die Armen?" kam es dumpf über ihre Lippen. Sie hat so viel durchmachen müssen, Fräulein, lassen Sie das zu ihrer Entschuldigung dienen," sagte die Nonne leise, um dann laut und mit ernster Entschiedenheit hinzuzusetzen: Reden Sie jetzt kein dummes Zeug mehr, Francouette, suchen Sie lieber herbeizuschaffen, was wir am nöthigsten brauchen." Sie wandte sich dann wieder zu Reine und setzte erklärend hinzu: Das Kleine ist bereits so entkräftet, daß es keine Kuh- oder Ziegenmilch mehr vertragen wird. Wir brauchen eine Frau, die vorläufig Mutterstelle an ihm vertritt." Dazu wird Doktor Bordier Rath wissen," rief Reine eifrig. Ich fabe zu ihm und schaffe auch die Frau zur Stelle." Sie trieb Bijou zu raschem Laufe an und traf den Arzt glücklicherweise zu Hause. Er wußte in der That eine Frau, die ihr Kind vor einigen Tagen durch den Tod verloren hatte und sich bereit erklärte, gegen ein Kostgeld, dc Reine ihr zahlte, den fremden Säugling für die nächste Zeit zu sich zu ne men. Freudestrahlend kehrte das junge Mädchen dann mit dieser Frau zu der Wohnstätte des Elends zurück. Jetzt sah es dort schon ganz anders aus. Der Boden war gefegt, auf dem Tische standen noch die Reste von einem Imbiß und auf dem Herde brodelte die Garöure oder Kohlsuppe, das Lieblingsgericht der Gascogner. Die Frau, welche Reine mitgebracht, nahm den 'ialbverschmachteten Säugling sofort und gab ihm zu trinken, wobei seine Mutter mit gefalteten Händen und beinahe neidisch zusah. So, Francouette," sagte die Schwester, nun dürfen wir das Beste hoffen. Und nachher lassen Sie die Frau Ihren Kleinen ohne Widerrede mit sich nehmen, nicht wahr?" Die Aermste wurde roth und entgegnete: Wenn ich mich jetzt ordentlich nähre, werde ich aber " Gewiß, sobald Stt genügend bei Kräften sind, sollen Sie wieder selb.st für das Kind sorgen. Das darf jedoch nicht übereilt werden. Bis dahin müssen Sie sich den Anordnungen des Fräuleins fügen." Ihr Kleines ist inzwischen in guten Händen, darauf dürfen Sie sich verlassen," nahm Reine wieder das Wort. Einstweilen müssen Sie sich erholen. Dann können Sie zunächst für Ihre anderen Kinder sorgen, daß sie wieder ordentliche Kleider bekommen. Wenn Sie selbst wieder stark genug sind, werden Fraulem v. Merizolles, meine Freundin, und ich Ihnen lohnenden Verdienst verschaffen." Abschiednehmend setzte sie dann hinzu: Und nun lassen Sie den Muth nicht sinken, ich 'werde bald wieder vorsprechen." Sie liebkoste die Kinder, so schmutzig f . . e . - . . c f ' r lic aucy no cd waren, uno ging. etße Dankesworte schollen hinter ihr her. und zum erstenmal seit dem Tode ihrer Muttn empfand Reme-Marie ein süßes, wohlthuendes Gefühl rn ihrem Inneren. Erst als sie ihr Gefäbrt eben bestiegen hatte, bemerkte sie, daß die barmherzige Schwester ihr gefolgt war. Erlauben Sie, Fräulein, daß ich Sie eine Strecke weit begleite?" fragte diese. Gewiß,- sehr gerne," entgegnete Reine. Die Nonne schlang den Zügel um den einen Arm und ging neben dem Pferde her. Sie sind gewiß Fräulein Reme v. Plessis Saint-Luc?" meinte sie. Allerdings. Woraus schließen Sie das?" Aus der Beschreibung, die mir Fräulein v. Merizolles, die ich gleichfalls meine Freundin nennen darf, von Ihnen gemacht hat.. Ich heiße Schwester Gabrielle." Madeleine hat mir schon viel von Ihnen erzaylt. Sie sagt, daß Sie es so gut verständen, die Leidenden zu trösten." Meine Methode ist sehr einfach entgegnete die Nonne. Ich zeige denen, die bekümmert, sind, solche, die noch mehr zu leiden haben. Daran fehlt es ja nicht in duser Welt. Und nun sagen Sie mir, Fräulein, empfinden Sie jetzt nach der guten Handlung, die Sie vollbracht haben, nicht ein Gefühl des Fricvens unv oer utuge im eigenen erzen?" Ach ia. Sie haben reckt. 5tä bitte Sie, seien Sie auch mir eine Freundin und geben Sie noch oft Gelegenheit, Gutes zu thun!" Kommen Sie nur fleißig zu mir, dann wird es daran nicht fehlen. In dieser früher so wohlhabenden Gegend werde ich Ihnen so viel des bittersten Elends zeigen, daß es Ihnen das Herz zerreißt. Sie finden bin ein weites Gebiet für Ihre . Wohlthätigkeit. 'Je
mehr Thränen Sie aber trocknen, deffo mehr wird sich auch Ihr eigener
?cymerz imoern. vetm, dazu wird nichts in der Welt im Stande sein," entgegnete Reine, indem ihr Blick wieder düster und ihre Stimme hart wurde. Ab ich werde trotzdem Ihrem Rathe folgen." Die Nonne warf einen mitleidigen Blick auf das junge Mädchen an ihrer Seite, die gewiß von vielen Tausenden beneidet wurde und trotzdem so unglücklich zu sein schien. Reine that dies sWI I r . mm Alilgesuyi woyi, und ne fuhr fort: Ja, Schwester, Sie dürfen wohl Mitleid mit mir haben, denn mir ist ein schweres Loos auferlegt worden. Mögen Sie selbst nie erfahren, was es heißt. Jemand nicht lieben zu können, dem man Verehrung schuldig ist!" Betroffen schaute die Schwester sie an, mochte aber, zartfühlend wie sie war, nicht m sie drmaen. sich näher zu erklären. Mein armes Kind, Sie sind nicht die einzige, deren Herz um Wesen blutet, die ihm nahe stehen," bemerkte sie nur. Wollen Sie nicht neben mir Plan neh..zen, Schwester, und mit mir nach Tauzia fahren?" fragte Reine. Mein Vater würde sich sehr freuen, Sie kennen zu lernen. Sie speisen mit uns, und nachher bringt unser Wagen Sie wieder heim. - Ich danke Ihnen vielmals für Ihr freundliches Anerbieten, Fräulein v. Plessis, allein nach unseren Vorschriften dürfen wir außerhalb unseres Klosters keine Mahlzeit einnehmen. Außerdem bedürfen noch verschiedene Kranke im Orte meiner Hilfe. Sie finden mich jeden Nachmittag in unserem Kinderasyl." Vielleicht werde ich Sie schon morgen dort aufsuchen. Ich komme entweder mit Madeleine oder auch allein, da wir ja jtzt schon Bekanntschaft geschlössen hcien. Also auf Wiedersehen. Schwester Gabrielle!" Auf baldiges Wiedersehen, Fräulein Reine!" 11. Kapitel. Vfo i te, Herr v. Plessis, nehmen jlj Sie Platz," sagte Lemarchand, als Gratien in sein Arbeitszimmer in der Fabrik trat. Ich war auf Schloß Tauzia und habe dort eine ernste Besprechung mit Ihrem Bruder gehabt." Der Graf verbeugte sich und setzte sich ihm gegenüber mit der Miene eines Mannes, der auf eine peinliche Auseinandersehung gefaßt ist. Ich setzein meinen Schwiegersohn uneingeschränktes Vertrauen," fuhr der Fabrikbesitzer fort. Er hat mir etwas bestätigt, was ich schon längst vermuthet hatte, daß es nämlich auf Schloß Saint-Luc einen geheimen Gang gibt, durch den man in das Schlafgemach meiner armen Laure gelangen kann. Er hat mir ferner versichert, daß Ihnen die Existenz dieses Ganges vollkommen unbekannt gewesen sei. Wollen Sie mir nun ebenfalls Ihr Ehrenwort geben, daß dem so ist?" Ohne Zögern und ohne übertriebenes Pathos entgegnete der Graf: Es ist die Wahrheit: ich schwöre es Ihnen bei dem Grabe meiner Mutter!" Lemarchands Augen öffneten sich einen Moment weit, dann sagte er mit semer gewohnheitsmäßigen Ruhe: Ich fühle mich verpflichtet, Sie wegen des Verdachts um Verzeihung zu bn ten, den ich wie ich offen eingestehe gegen Sie gehegt habe. Das Gesicht des Grafen zeigte eine schmerzliche Traurigkeit, als er, ohne im Mindesten in Verwirrung oder in zornige Aufwallung zu gerathen, entgegnete: Es macht mich sehr unglücklich, Herr Lemarchand, daß ich überHaupt in einen solchen Verdacht bei Ihnen gerathen konnte. Sie haben mich also fähig gehalten, meine Schwagerin getödtet zu haben oder sie haben todten zu lassen? Was hab ich denn gethan, um solches zu verdienen? - Doch zugleich setzte er hinzu: Indessen, sie war Ihre einzige, über alles geliebte Tochter. Ihr tragischer und noch immer unerklärter Tod beraubte Sie des klaren Denkens. Das ve greife ich und verzeihe Ihnen deshalb.' Ich habe selbst sehr schmerzlich un ter jenem Argwohn gelitten. Jetzt weiß ich, daß ich Ihnen Unrecht that, und ich werde es wieder gutmachen. darauf dürfen Sie sich verlassen. Alfo wollen Sie das Versprechen einlösen, das mir meine arme Schwäaerm gab. und mich zu Ihrem Bevollmächtigten machen?" fragte Gratien. Dieser Gedanke beherrschte ihn so vollständig, daß er ihn die diplomatische Klugheit und Zurückhaltung vergessen ließ, die sonst seine Hauptstärke ausmachte. Er merkte selbst, daß er zu vorschnell gewesen sei, als Lemarchand noch gemessener als gewöhnlich entgegnete: Diese Frage berührt sehr wichtige Erwägungen, mit denen ich mich trage. Ich beabsichtige nämlich, die Admmi siration der Fabrik zu reorganisiren und kann und will vorher keinen 23 vollmächtigten ernennen." .Wird daL denn noch lange dauern? Voraussichtlich nicht, doch kann ich Ihnen noch keinen bestimmten Termin angeben. Jedenfalls dürfen Sie davon überzeugt sein, daß kein anderer rn v. i . L. tl! neooumacyligier weroen iuuu m lC (Fortsetzung folgt.) In der zZukizkandlung. Dienstmädchen (verschämt): Ich möchte einen Liebesbriefsteller für . v Feldartilltrie" .,
Der Tejir unD ein Sosjn. Eine lehrreiche türkische Geschichte.
Van Artin Pascha. Der Vezir eines mächtiaen Sultans war erkrankt. Er ließ deshalb feinen Sohn rufen, einen gebildeten, klugen und eifrigen jungen Mann. Geh, mein Sohn, nach dem Divan," (Ministerium) sagte er zu ihm, und erledige für mich die Geschäfte, bis Allah mir die Gesundheit wiedergibt!" Der Sohn begab sich sofort nach dem Divan. Kaum hatte er das Vorzimmer betreten, da erblickte er eine Schaar Leute. Die einen warteten auf die Erledigung von Angelegenheiten, die sich seit Iahren dahinzogen, die anderen auf Urtheile in Prozessen, die seit Wochen oder Monaten anhängig waren, und einige Neue waren auch gekommen, um über neue Fragen vernommen zu werden. Letztere schienen voll Hoffnung zu sein. Sie waren gesprächig und mittheilsam. Die anderen ab?r waren mehr oder weniger traurig, schweigsam und entmuthigt, je nachdem sie die Amtszimmer des Vezirs schon längere oder kürzere Zeit besuchten. Der Sohn des Vezirs begann sofort, die Angelegenheiten zu studiren, und ohne Zeitverlust erledigte er vorerst die ältesten, dringendsten und komplizirtesien. Das ging ihm so gut von Statten, daß schon nach einigen Tagen im ganzen Land: nur mehr eine Stimme des Lobes über seinen Eifer, seine Kenntnisse und seine UnParteilichkeit herrschte. Als .der. Vezir nach einem Monat und mehreren Tagen wiederhergestellt war und in den Divan zurückkehrte, war er bei seiner Ankunft höchlichst überrascht. Er fand nicht mehr, wie vor seiner Krankheit, die gewohnte Menge der Bittsteller, die ihn schon am Thore oder im Vorzimmer erwarteten, noch all jene Vortragenden, die ihn bei seinem Eintritt mit ihren demüthigen Grüßen empfingen. Nur mehr einige geschäftige Leute sah er, die ein- und ausgingen, mit hoffnungsvoller oder zufriedener Miene. Er richtete sich in feinem Arbeitszimmer wieder ein und ließ seinen Sohn rufen. Dieser erschien sofort, küßte die Hand seines Vaters und blieb ehrfurchtsvoll vor ihm stehen. Sein Gesicht glänzte vor Freude, als er seinen Vater wiederhergestellt sah. Der aber sagte zu ihm:. Was bedeutet das eigentlich, mein Sohn? Ich sehe Niemand hier. All die Geschäftsleute und die Vittsteller, die die Gänge, Vorzimmer und Säle dieses Palastes zu belagern pflegien, sind sie gestorben oder verschwunden?" Nein, nein, mein Vater," antwortete der junge Mann. Aber sobald ich hierherkam, habe ich Ihrem Befehl gemäß alle früheren Sachen erledigt. Die neuen Streitfragen aber habe ich mich bemüht so schnell zu lösen, als es möglich war, und sogar auf der Stelle, wenn dies angängig schien, ohne in die Rechte Seiner Majestät unseres erhabenen Herrfchers oder in die der Betheiligten einzugreifen. Hier sind übrigens die Aufzeichnungen, die ich Tag für Tag gemacht habe, damit Sie, mein erlauchter Vater, sehen können, wie jede Angelegenheit erledigt worden ist." Du hast eine gute Idee gehabt, mein Sohn. Diese Aufzeichnungen werden sehr interessant sein. Lies sie mir doch die eine nach der andern vor, in der Reihenfolge, wie Du sie gemacht hast!" Der junge Mann fing an vorzulesen, und jedesmal, wenn er über eine Sache berichtet hatte, fuhr der Vezir mit der Hand durch seinen langen weißen Bart und rief aus: Im Namen Allahs,- des gütigen und gerechten! Du hast wohlgethan, mein Sohn!" ... Als der Sohn geendet .hatte, wollte der Vezir in seiner Begeisterung nimmer aufhören, ihn zu loben, so daß sein Sohn ganz erfreut und bewegt sich ihm zu Füßen warf und ausrief: ), mein berühmter Vater, all dieses Lob, das Sie mir spenden, muß Eurer Hoheit zugute kommen, denn Sie haben mich die Liebe, die Gerechtigkeit und die Kunst der Verwaltung gelehrt." Schön, mein Sohn," erwiderte der Vezir, ich sehe Dich gern in dieser Bescheidenheit. Aber nachdem Du zu meir.er vollsten Zufriedenheit einen Beweis Deiner Männlichkeit und Deiner Kenntnisse abgelegt hast, habe ich Dir nur noch eine Lektion zu ertheilen. 'Setz Dich also und schenke mir Deine Aufmerksamkeit! Es gab einst einen Löwen, der alle Thiere mit Krast und Gerechtigkeit regierte. Alle fürchteten ihn und gehorchten ihm. Aber mit den Jahren wurde der Löwe alt, seine Kraft nahm ab und sein Ansehen litt darunter. Man fing an, ihn weniger zu fürchten, und nach und nach trat in seinen Staaten die Anarchie an Stelle der Disziplin und des Gehorsams. Gegen Abend brachte man dem König Löwe seine Mahlzeit in einer großen Schüssel. Aber er hatte schon einige Zähne verloren uno aß nur lanqsam und mit Mühe. Da kamen die Ratten aus den dunkelsten Ecken der Grotte und stahlen sich jede einige Stückchen Fleisch, so daß dem König nicht mehr seine ganze Portion verblieb. .Da das Alter seine Augen ge
fchwächt hatte, bemerkte der König nicht, daß die kleinen Thiere einen großen Theil seiner Nahrung fortschleppten; seine Kräfte nahmen. immer mehr ab, und er ließ seinen Aeraer darüber
an seinem Hofmeister und seinen Aerzten aus. rfieb "lten einiae seinj& treuesten Freunde eme Ärzung uv. sit entdeckten die Ursache des Uebels Seiner Majestät, und sie schlugen ihm vor, zur Bewachung seiner Mahlzeit einen Kater in Dienst zu nehmen.. Der König Löwe willigte darein ein, aber nicht ohne einiges Widerstreben, denn mit zunehmendem Alter war er mißtrauisch und geizig geworden. Auch scheute er die Zulassung eines neuen Ankömmlings an seinem Hofe -deshalb, weil er ihm einen Theil seiner Habe überlassen mußte. Nur mit Widerwillen gab er also bei jeder Mahlzeit dem Kater etwas ab, obschon er anerkannte, daß dieser ihm unentbehrlich war, um die Ratten fernzuhalten. Allmälig fühlte sich der Löwe wieder stärker, und er freute sich so sehr darüber, daß er dem Kater seine tägliche Ration verdoppelte. Dieser konnte ' nun heirathen und wurde Vater eines Kätzchens, das bald der Liebling des Königs Löwe war. Eines Tages wurde der Kater krank; es war nun ganz natürlich, und es entsprach auch dem Wunsche des Löwen, daß das Kätzchen den Dienst seines Vaters versah. Dieses Kätzchen hatte, seitdem es Verständniß für die Dinge dieser Welt besaß, in seinem Innern immer die Handlungsweise, sozusagen die Politik seines Vaters mißbilligt. Dieser hätte in der That, wenn er gewollt hätte, das Geschlecht der Ratten leicht ganz und gar ausrottn können. Er that das aber nicht. Im Gegentheil, er ließ immer einige junge Paare am Leben, die sich nach Belieben . vermehrten, und so gab es immer zahlreiche hungrige Ratten, die nur auf eine Gelegenheit lauerten, um soviel als möglich von der Nahrung des Königs zu stehlen. Die Gelegenheit schien dem Kätzchen nun sehr günstig. Es sagte sich: .Während ich meinen Vater vertrete, will ich ihn und unseren König Löwe ein für allemal gründlich von diesen schmutzigen Thieren befreien!' Das Kätzchen ging sofort an's Werk, Mit dem ganzen Eifer und der Kraft der Jugend. Der König Löwe fand viel Spaß , an der jugendlichen Thatkraft seines Lieblings. Er ermunterte ihn bei seiner blutigen Arbeit und spendete ihm so reiches Lob, daß bald nicht eine Ratte mehr übrig blieb. Als der Kater wieder gesund war, 1hri er aitrn (?nnt"i aitritrf um smn IVtVlV V QIAIH JVVttVVJ gutHUf um VIIIVtl Dienst wieder aufzunehmen. Es gab aber keine Ratten mehr, und so hatten die beiden Katzen auch nichts mehr zu thun. Sie waren zudem gut genährt, und so wurden sie fett und faul. Inzwischen aber kam der König Löwe zu der Einsicht, daß er seine' Mahlzeit nicht mehr mit zwei trägen, überflüssigen Katzen zutheilen brauche, und eines Abends, als die beiden Katzen ruhig an seiner Brust schliefen, schlug er mit seiner fürchterlichen "Tatze auf Beide, tödtete sie mit demselben Schlage und verzehrte sie." Nachdem der Vezir seine Erzählung beendet hatte, fügte er hinzu: Kehre zu Deinen Studien zurück, mein Sohn, und überlege Dir diese Geschichte!" Das Pserde-Ci. Zu der Zeit, als Köln noch eine Universität im alten Stil hatte, also vor 1801, war das Dorf Leuscheid an der Sieg wegen der thörichten Geschichten seiner Bauern ebenso bekannt im Rheinland wie Schilda, Schöppenstedt und Lalenburg. Leuscheider Anschläge war eine in der ganzen Gegend geläufige Bezeichnung für recht unsinnige Handlungen. Die folgende lustige Geschichte wird noch heute vielfach kolportirt: Ein Leuscheider Bürgermeister war nach Köln gekommen und sah dort auf dem Alten Markte einen riesigen Kürbis. Da ihm dieser eine unbekannte Erscbeinuna war. fraate er einenStudenten, der zufällig da stand, waö das sei. Der Student sagte, das sei ein Pferde-Ei, wenn das richtig ausgebrütet werde, bekomme man ein schönes Füllen; das Ausbrüten aber habe seine Schwierigkeiten, an dem Abhänge eines möglichst steilen Berges müsse mandrei Wochen lang auf diesem Ei sitzen. Der Bürgermeister war ein großer Pferdeliebhabe? und wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, bald ein schönes Füllen zu bekommen. Er kaufte daher für vieles Geld das vermeintliche Pferde-Ei, brachte es mühsam nach Hause, wählte an einem Abhänge eine passende Stelle aus und gab sich dem Brutgeschäft hin, indem er sich auf den Kürbis setzte. Mit großer Geduld hielt er aus Tag und Nacht, ließ sich Essen bringen, und sich überhaupt durch nichts stören. Der ungewohnte Sitz wurde ihm aber schließlich sehr unbequem; er erhob sich deshalb, um sich etwas besser zu setzen. Dabei aber gerieth der Kürbis in's Rollen und lief den Berg hinunter. Der Bürgermeister lief ihm nach, um sein Ei wiederzuholen. Da sprang plötzlich ein Hase, der durch den Kürbis aufgeschreckt worden war, eiligst davon. Der Bürgermeister aber dachte, es sei das Füllen aus seinem Pferde-Ei. und rief: Hans da, Hanö da, kennst Du Deng Moder (Mutter) net mieh!"
