Indiana Tribüne, Volume 28, Number 137, Indianapolis, Marion County, 1 February 1905 — Page 3
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Des russischen Mimstcrkomitcs macht schöne Vcrsprechungcn.
Großsürst Wladimir über die Lage. Englische Prinzessin operirt. Russisische Stellung in der Mandschurei geschwächt. Preußische LandWirthe gegen die Kanalvorlage. Streikfolgen. Bomben - Attentat in Paris.
Rußland. Das Mi n i st e r k o m i t e. St. Petersburg. 31. Jan. folgende Erklärung wurde heute Abend veröffentlicht: Die Konferenz des MinisterZomiteS über die im kaiserlichen Manifest vom 26. Dezbr. vorgeschlagenen Reformen ' wurde au, 9. Jan. geschloffen und die Reihenfolge, in der die vorgeschlagenen Reformen erfolgen sollen, wurde am 10. Jan. angekündigt. DaS Komite er achtete eZ für nothwendig, jede Maß regel für sich zu berathen und es wurde dann vorgeschlagen, daß jeder Minister Pläne für Ausführung der Reformen entwerfen solle, die sein Departement berühren oder daß Spezialkonferenzen unter-Zuziehung von Delegaten inter. essirter Institutionen und lokaler Repräsentanten unter dem Vorsitze des Kaisers abgehalten werden sollten. Da5 Komite hielt eS weiter für nothwendig, den Kaiser zu ersuchen, gewiffe Fragen lokaler Komites zur Berathung zu überweeisen. Bezüglich der Fragen, die durch Exekutiv . Behörden entschieden werden können, beschloß da Komite eine vor lausige Berathung abzuhalten, die dazu dienen sollte, die verschiedenen Ansichten über die Hauptpunkte der Fragen in Harmonie zu bringen. Der Staats rath aber wird das Recht behalten, die schließlichen Entscheidungen mit seinem Veto zu belegen. Nachdem .sich das Komite über diese Methode de: Diskussion geeinigt hatte, gelangte e- zu dem Befchluffe, daß es rüthlich sei. die Ansichten der Chefs der verschiedenen Departements und ande rer Leute zu hören, die nicht dem Ministerium angehören. Es wurde auch beschlossen, daß ein kaiserlicher UkaS erlassen werden solle und daß Schritte gethan werden sollen, um die Refor misten durchzuführen. Das Komite ist der Ansicht, daß der Erfolg sicherer sein wird, wenn seine Beschlüsse veröffentlicht werden, was durch denKaiser genehmigt werden wird. Die bereits gefaßten Befchlüffe wur. den von Sr. Majestät am 22. Januar genehmigt. Großfürst Wladimir. St. Petersburg. 31. Jan. Einem Korrespondenten gegenüber er klärte Großfürst Wladimir das Ge. rücht, der Schriftsteller Gorki werde wegen Hochverraths gehängt werden, sei Unsinn. Die Treue der Truppen, meinte der Großfürst sei über allen Zweifel erhaben. Mit dem unglücklichen Krieg auf den Schultern," so fuhr er fort, gehen wir durch eine Krisis. Ich will nicht versuchen eZ zu verbergen, eS kann nicht verborgen werden ; aber mit Gottes Hilfe werden wir aus derselben heraus kommen, wie wir früher andere durch gemacht haben. ES gibt tm Inneren viele uneinige Elemente, aber die Lage ist nicht so schlimm, wie sie gemacht wird. Die Ruhestörungen zu Warschau, Kiew und anderswo find zum großen Theile durch die Handelsflauheit her vorgerufen und den daraus folgenden Mangel an Arbeit in Folge desKriegeS. Die Leute sprechen von einer Kon stitution. Eine Konstitution würde daS Ende von Rußland bedeuten, Anarchie würde ihr Haupt erheben und das Reich würde auseinanderfallen. Fin land, Polen und vielleicht noch andere Grenzprovinzen würden sich abtrennen. Rußland ist nicht reif für eine Konfti tution. Man versuche dem Bauer Re gierung durch Stimmrecht zu erklären. Er kennt nicht einmal das Wort, aber seinen Kaiser kennt er." Der Großfürst sprach zum Schlüsse ftine Ueberzeugung aus, daß dem Volke eine Stimme in der Regierung gegeben werden würde. Opfer der Krawalle. St. Petersburg, 31. Jan. Ofsiiiell wird die Zahl der Todten bet den Krawallen vom 22.-26. Januar auf 96, die der Verwunderen auf 333 angegeben ; von ledleren starben noch 32.
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Gorki. St. Petersburg, 31. Jan. Der Bericht, daß Maxin Gorki viel, leicht wegen Hochverraths gehängt wer den würde, ist ohne alle Begründung. Selbst seine Freunde erklären daS Ge rücht für absurd. Man erwartet, daß er in einigen Wochen freigelassen wird. Er gehörte auch zu der Deputation von Schriftstellern und Redacteuren, die am 21. Jan. den Präsidenten des Minister komites Witte aufsuchten. . Alle wurden damals verhaftet, doch -find bereits mehrere auf freien Fuß gesetzt Die einzige Anklage gegen Gorki ist die. daß er ein Mitglied deö Dreier-Ko miteS war, das Gelder für die Streiker sammelte. Streik. W i n d a u, Kurland, 31. Jan. Die hiesigen Streiker haben die Arbeit wieder aufgenommen. Die Arbeitgeber bewilligten eine An zahl Forderungen ihrer Leute. Jekaterlnoslaw,31. Jan. Die Schriftsetzer find am Streik und die Zeitungen können nicht erscheinen. Auch in Eisenwerken und Gruben find Ausstände im Gange. Ruhestörungen find soweit nicht vorgekommen. G r o d n o, 31. Jan. Gestern kam eS hier zu Ruhestörungen und es muß ten Truppen aufgeboten werden. 2000 Streikcr zerstörten das Postamt und die Telegraphenlinien. Verfchiedene Weinlager wurden geplündert. Moskau. 31. Jan' Der hiesige Streik ist vollständig vorbei. M i t a u. 31. Jan. In verfchie. denen Fabriken wurde die Arbeit wieder aufgenommen, die meisten Arbeiter streiken jedoch noch. Lodz, Polen, 31. Jan. Der Streik hier dauert fort, doch herrscht Ordnung. K o w n o, 31. Jan. Der Streik ist beendet; die Arbeit wurde allenthalben wieder aufgenommen. Japan. Englisches Schiff gekapert. Tokio. 31. Jan. Die Japaner kaperten gestern bei der Insel Hokaido. nördliches Japan. den britischen Dampfer Wyefield, der mit Contrebände für Wladiwostock bestimmt war. Russische Stellung geschwächt. Tokio, 31. Jan. Man glaubt, daß der Verlust von Heikutai die ruffische Stellung schwächt und wahrscheinlich dort eine wesentliche Aenderung in der russischen Front veranlassen wird. Die Japaner welche Heitutai besetzt haben, werden eS stark befestigen. Da der Boden hart gefroren ist, ist eS nahezu unmöglich neue Werke anzu' legen. Kälte Und Wunden. M u k d t n. 81. Jan. (Verspätet). Beständig kommen Verwundete vom rechten Flügel an, darunter war auch Gen. Mischtschenko. der guten Muthes ist und Besucher empfängt. Die Kälte ist stark. Man befürchtet, daß bei Verwundeten, welche der Kälte auSgefetzt waren, der Brand eintritt. Frankreich. Bomben-Attentat. P aris, 31. Jan. Als die Mit. glieder einer Versammlung, die gegen russische Autokratie proteftirte, Tivoli Vauxhall verließ, wurde eine Bombe in eine Gruppe der republikanischen Garde geworfen, in der Präfekt Lepine und andere Beamte standen. Zwei Wachen wurden verletzt und viele Fensterscheiben zerbrochen. Die Bombe war mit dickköpfigen Schuhnägeln geladen. Zwei Männer wurden verhaftet. Die Versammlung, der 5000 Per sonen beiwohnten, war von den revolu tionären, sozialistischen Gruppen veranstaltet. Reden hielten die Deputir ten JaureS, Valliant und Depussence. Paris, 31. Jan. In Verbindung mit dem Bomden-Attmtat gegen republikanische Garden wurden IS Personen verhaftet. 12 davon find wieder enttagtn worden.
Internationaler Gerichts.Hof. Paris, 31. Januar. Vor dem internationalen Gerichtshöfe zur Untersuchung der Nordsceschießerei begann heute die Vernehmung der russischen Offiziere. Dieselben wurden nicht der eidigt, sondern machten ihre Aussagen auf Ehrenwort. Großbritannien. Pr i n zes f in'o p er i r t. L o n d o n, 31. Jan. Prinzessin Victoria, Todter deS Königs Edward wurde heute Morgen vom Leibarzte des Königs Dr. TreveS erfolgreich auf Blinddarmentzündung operirt. Dementi. London, 31. Jan. Der Cor refpondent der Daily Mail", meldet von Warschau, daß die Zahl der Tod ten und Verwundeten wahrscheinlich 300 sei. Die Berichte von einem DynamitAttentat zu Lodz, ferner daß von dort 25,000 Arbeiter nach Warschau auf dem Wege feien, entbehren der Begründung. Die ausständigen Arbeiter in Lodz verhielten sich ruhig. Deutschland. Landwirthe gegen die Kanal-Vorlage. B e r l i n , 31. Jan. Die Deutsche Tageszeitung", daS Hauptmundftück der Agrarier, veröffentlicht eine langathmige Erklärung deS Bundes der Landwirthe" gegen die Kanalvorlage, welche als ein schädliches Gesetz bezeichnet wird. Die Mehrzahl der Conser vativen ist jedoch nicht geneigt, die Vor läge in ihrer jetzigen Form fällen zu lasten, bei der schon eine'ganze Anzahl der vordem von conservativer Seite erhobenen Einwände von der Regierung berücksichtigt worden ist. In Uebereinstimmung mit dieser Haltung der conservativen Mehrheit tritt denn auch die Kreuzzeitung" schon seit einiger Zeit energisch für die Kanalvorlage ein, indem sie zugleich darauf hinweift, welches Entgegenkommen die Regierung in der Fassung des Gesetzes gezeigt habe. Prof. Waldeyer über Amerika. Berlin, 31. Jan. In der Berliner Akademie der Wissenschaften hielt
heute Abend der berühmte Anatom der hiestgen Universität. Profestor Wilhelm Waldeyer, welcher voriges Jahr an dem Gelehrtenkongreß gelegentlich der St. Louifer Weltausstellung theilnahm, einen hochinteressanten Vortrag über die Beziehungen zwischen Deutschland und den Ver. Staaten seit Friedrich dem Großen. Prof. Waldeyer führte eingehend aus, daß Friedrich der Große fofort richtig erkannt habe, welche unlverseile Bedeutung die neue westliche Staatenbildung hatte. Sodann verweilte der Vortragende lange und ausführlich beim DeutschAmerikanerthum, mit dem er während seiner vorjährigen Reise in engere Füh-' lung gekommen war. Wörtlich sagte Professor Waldeyer: Wir müssen die deutsche Art bewahren und gleichzeitig an amerikanischen Dingen mitarbeiten" so fassen die besten Deutsch Amerikaner ihre Aufgabe auf. Ueber die Amerikaner find viele falsche Anschauungen verbreitet, welche berichtigt werden müssen. Die Amerikaner haben ein regeö Interesse für die Wissenschaft. Ihre biologischen Anstalten sind in mancher Hinficht den deutschen Überlegen. DaS geistige Deutschland sollte Amerika auS eigener Anschauung kennen lernen. Deutsche Studirende sollten eine Zelt lang amerikanische Universitäten besuchen." HeimtückifcherStreich. München. 31. Jan. Frl. Reubke vom Hoftheater fand vor der Vorstellung eins Schachtel auf ihrem Toilettentisch mit einer Notiz, sie solle dieselbe vor ihrem Auftreten össnen. Als dies Frl. Reubke vor dem letzten Akte that, schnellte eine Natter aus der Schachtel hervor und biß die Künstlerin in einen Finger. Nach kurzer Zeit konnte Frl. Reubke wieder auftreten. S t r e i k f o l g e n. Berlin, 31. Jan. Die gegenwärtige wirthschaftliche Situation wird gänzlich vom Ausstände im RuhrKoh lengebiet beherrscht und ungünstig durch ihn beeinflußt. Täglich finden BetriebS-Einlcbrünkunaen in d?r nV duftrie Westdeutschlands statt, und im mer mehr Arbeiter werden beschäf tlgungSloö und auf'S Pflaster gesetzt
Der KohlenManel behindert auch zahl-
reiche Rohmaterial Fabriken, wie na mentlich solche von Roheisen und Rohstahl. Die zum theilmeifen Ersatze herangezogene Kohle vom Auslande, welche weit theurer zu stehen kommt als das einheimische Produkt, beeinträchtigt natürlich die Rentabilität der Fabriken. Außerdem ist sie von schlechterer Oualität, was demnach einen doppelten Scha den bedeutet. Die neuen Handelsverträge. Berlin, 3. Januar. Die hiesigen Blätter enthalten noch keine Commentare über die verschiedenen Handelsverträge, welche von der offiziösen Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" in einer Sonderausgabe ver öffentlicht worden sind. Es ist aber als gewiß anzunehmen, daß die Jndu grie, namentlich die Eisen- und TextilBranche, lebhafte Beschwerden über die Vernachlüsstgung ihrer Interessen erheben wird, zumal die Norddeutsche Allgemeine Zeitung" ausdrücklich betont. daß der oberste Grundsatz, an welchem die deutsche Regierung bei den Ver tragSverhandlungen unentwegt festhielt, die möglichste Steigerung des Schutzes der landwirthschastlichen Pro. ducte gewesen sei. Kaufmännische Bildung. Berlin, 31. Jan. Der Jahresbericht der Kaufmannschaft von Berlin, der heute veröffentlicht wurde, enthält einen längeren Bericht Dr. Jastrow's über die Erziehung amerikanischer Kaufleute und allgemeine Handelsthemata. Dr. Jastrov war einer der Delegaten zu dem Kongresse für Kunst und Wissenschaft, der im letzten Jahre in St. Louis stattfand. Er ist Professor der Nationalökonomie an der hiesigen Universität. Der vorliegende Bericht schenkt befondere Aufmerksamkeit dem Handelsunterricht auf deutschen Schulen und Universitäten. Dr. Jastrow war erstaunt über die große Anzahl von ameritanischen Geschäftsleuten, die auf Handelsschulen gewesen waren. Er fand so viele wohlgebildete Leute, die sich Geschästen widmen, daß er zur Ansicht gelangte, deutsche Kaufleute müßten eine umfangreichere Bildung erhalten, um nicht hinter den Amerika. mm zurückzubleiben. Dr. Jastrow kommt zu dem Schlüsse, daß. amerikanische Erfahrungen in Handelsbildung das Studium auf der Berliner Handels Universität, welche die Berliner Kaufmannschaft im Herbste 1906röffnen will, beeinflussen wird. Holland. Gestrandet. Amsterdam, 31. Jan. Der britische Dampfer Albert von Newport News nach Amsterdam bestimmt, ist beig Zantvoor gestrandet. Er wird verloren sein. Zwölf Mann wurden an Land gebracht, aber 24 find noch an Bord. Lebensrettungsboote sind in Thätigkeit. Oesterreich'Ungarn. Dr.v.OrlowSki verurtheilt. Wien, 31. Jan. Hier hat der Sensationsprozeß gegen den Krakauer Advokaten Dr. v. Orlowski, über dessen Beginn ich Ihnen am 25. Januar kabelte, sein Ende gefunden, und der Angeklagte wurde zu vier Jahren schweren Kerkers und zum Verlust des Adels verurtheilt. Orlowski hatte mit einer Aillionenbraut" operirt und auf Grund falscher Vorspiegelungen eine ganze Reihe von Personen um be deutende Summen geschädigt. B-livia. Friede geschlossen. La Paz 31. Jan. Der Congreß hat den Friedens- und Freundschastsvertrag mit Chile genehmigt. Abberufen. Washington, 31. Jan. Der schweizerische Gesanpte Dr. Matheray, der nach Rom versetzt wurde, überreichte dem Prüfidenten heute sein Abberufungsschreiben. . Schisssnachrichten. New York: Ultonia" von Triest; Kroonland" von Antwerpen; Slavonia" von Neapel; Prinz Oökar" nach Neapel. Rotterdam: Amsterdam" von New York. Neapel: Carpathia" nach Trieg. Genua: SIcilian Prince" nach New York. Antwerpen: Finland" von. New York; Nederland" von Phila. delphia. Liverpool: Saxonia" nach New York.
Manias Zchuhchen. .. Skizze aus dem Polnischen von Stefanla C'0ldcnr!ng. Der heutige Tag bedeutete in Manias Leben eine Krisis. Man zog ihr zum ersten Male Schuhchen an. Diesem Angriff auf die angeborene Freiheit des Kindes ging ein langer Disput und ein eifriger Kampf voran. Manias Vater war entschieden dagegen, die Mutter und die Freunbinnen traten eifrig dafür ein. Der Kampf wurde noch heftiger, als die Großmama, die das Kind barfuß über den Teppich laufen sah, in die Hände klatschte und rief: Um Gotteswillen! Eure Mama sieht ja aus, wie ein Bauernkind...!" Die Mutter sagte nichts,, sah den Vater nur vorwurfsvoll an und legte dann das Taschentuch vor die Augen. Aber der Vater, ein Fortschrittler und Demokrat, ließ sich nicht so schnell umstimmen ... Was ist denn dabei!" sagte er mit erzwungenem Muthe. Mein Kind soll ruhig aussehen wie es will, wenn es nur gesund und abgehärtet ist. Und übrigens." fügte er mit etwas unsicherer Stimme hinzu, ist denn ein Vauernkind schlechter, als ein anderes?" ... Die Schwiegermutter würdigte ihn keines Blickes. Sie setzte sich neben die junge Frau, umarmte sie, legte ihr heißes Gesicht und ihre feuchten Lippen an deren Stirn und küßte sie seufzend. In diesem Seufzer war alles enthalten. Nachdem die Großmama sich entfernt hatte ''nahm der Vater den unterbrochenen Kampf wieder auf, aber dieses Mal mit geringeren Siegesaussichten. Der Vater sah sich an die Mauer gedrückt und als letzten Rettungsbalken ergriff er die Hygiene. Wenn Dir die Gesundheit deS Kindes lieb ist," beschwor er seinen Gegner, wenn Du wünschest, daß unsere Mama gegen Schnupfen, Husten, Halsschmerzen und Erkältung gesichert sei, wenn es Dir lieb ist, daß ..." Hier aber geschah etwas ganz Unerwartetes. Der Gegner hörte plötzlich auf zu weinen und zu bitten, schwieg vielmehr verdächtig, zog sich vom Schauplatz zurück, erschien in einem Augenblick wieder, als er am wenigsten erwartet wurde und versetzte dem Sprechenden einen Todesstoß. Dieser Todesstoß war des Redners eigenes Buch, aus dem die Frau folgenden Absatz vorlas: - Manche Leute wollen die Kinder daran gewöhnen, barfuß zu gehen; solche Kinder sind meistens erkältet . Ach! Welche Mittel ersinnt nicht die Mutter- die ihr Kind ausputzen will! Der Vater rieb sich die Augen und schenkte den Worten anfangs keinen Glauben, aber sie standen wirklich schwarz auf weiß gedruckt in einem ernsten, großen, dicken Buch, das den Titel trug: Oeffentliche und häusliche Hygiene". Darauf hin mußte er kapituliren. Na," sagte der Besiegte nach einer Weile , mit verschämter' Ergebung, wenn es so ist, Frauchen, mußt .Du in den nächsten Tagen jene unglllckseligen Schuhchen besorgen ..." Das ist nicht mehr nöthig," . ver'etzte die Frau lebhaft, die habe ich chon!" Und in demselben Augenblick zielt sie mit der linken Hand ein-Paar nagelneue, kleine Schuhchen dem Mann vor die Augen. Auf diese Weise bezwäng der Luxus die einfachen Sitten, die Civilisation die Natur, die Sitte die Vernunft. Eva den Adam und auf diese Weise wurde Mania zum ersten Mal beschuht. Als der Vater bereits den beschäwenden Friedensschluß unterschrieben hatte, versuchte das Kind noch, sich zu wehren. Es zappelte, strampelte mit den Füßchen, weinte und schrie, aber es half nichts. Die Mutter bezwäng mit Hilfe der Kinderfrau das sich auflehnende Kind und bekleidete die rosigen, dicken, kalten Füßchen mit Schuhen und Strümpfen. Die Strümpfchen waren roth, die Schuhchen von gelbem, dünnem Kalbleder mit kleinen Schleifen. Die Eivilisation hat ihre Verschönerüngsmittel für die Fesseln, die sie anlegt. Als man die gestiefelte Mania mit zwei Bisquits beruhigt und in die Mitte des Zimmers geführt hatte, machte das Mädchen eine traurige, verschämte Miene. Ihre Aeuglein flogen nicht wie sonst lustig hin und her, sondern starrten trübe, matt und unbeweglich auf die Erde. Die Hand der Mutter haltend, machte sie ganz unsichere Schritte, als ob sie auf Eis ginge. .. . . Das hübsche, lebhafte, bewegliche Kind hatte sich in ein unfreundliches, ungeschicktes verwandelt. -Als die Mutter das Kind losließ, fiel es hin,, und die gelben Schuhchen zappelten in der Luft . . . Um die Kleine zu beruhigen, brachte man ein ganzes Packet mit Visquit her, gab ihr ein kostbares Album zu zerreißen, bedeckte sie mit zärtlichen Küssen, aber die Schuhe nahm man ihr nicht ab. Als ein neuer Versuch vorgenommen wurde, ging Mania schlauer an die Sache Sie sete sich auf den S9o wn und begann, ganz ruhig aus dem Teppich zu rutschen, gerade so, wie sie es im zehnten Lebensmonat, also
das ist nämlich der Ansang des yeilZen Kampfes, den diese beiden feindlichen Mächte um Dich führen werden. Bevor Deine Füßchen sich an die Fesseln gewöhnen, werden Dir ebensolche an die Hände gelegt. Du bist kein Vauernkind, Mania, wirst also immer, wenn Du mit Mama spazieren gehst, ein ledernes oder seidenes Futteral über die Finger ziehen müssen. Deine Fingerchen werden dann so steif sein, daß Du mit ihnen kein Visquit festhalten und Dir Dein Näschen nicht wirst kratzen können den Zweck wirst Du aber weder jetzt, noch später errathen. Noch später wird man Dir -ein durchsichtiges Gewebe vor die Augen hängen, um Dich gegen die Sonne zu schützen, zu der sich Dein ganzes kleines Wesen hingezogen fühlt, wie ein gefangener Vogel zur Freiheit. Auch mit Schirmen wird man Dich gegen die Sonne schützen, damit Du Dich allmählich von dem hellen, aufrichtigen Licht entwöhnst und das ungesunde Halbdunkel der durch Gardinen und Portieren abgetönten Zimmer
lieb gewinnst, wo zede Farbe einen falschen Ton besitzt und jedes Gesicht einen erheuchelten Ausdruck zeigt. Auch -Dein Haar wird nicht frei wachsen dürfen; hier wird es abgeschnitten, dort künstlich gewellt und aufgesteckt, bis Dein Köpfchen, die natürliche. Form ganz verliert. Und immer zahlreicher werden die Fesseln, die man Dir auflegt und die Deine natürlichen Körperformen umgestalten. Und diese Fesselketten, die Du von den Füßen bis an den Kopf angelegt bekommst, - gehen später auf Deinen Geist und Dein Herz über. Glaubst Du, Kind, daß Du etwa lachen darfst, 'wenn Du dazu Lust hast? O nein! Du betrittst zum Beispiel einen Salon und erblickst dort eine Figur, die komischer aussieht, als alle Hampelmänner, die Du je unter Deinen Spielsachen besessen hast. Es ist entweder eine dicke Frau mit weißer Haube und gelben Bändern oder ein kahlköpfiger Herr mit rother Nase und Ziegenbart, der bei jeder Bewegung drollig zittert .... Beim Anblick dieser Figuren fängst Du laut an zu lachen und amüstrst Dich köstlich. Aber dann führt Dich Mama mit freundlicher Miene aus dem Zimmer, und wenn Ihr allein seid, haut sie Dich auf die Hände oder zieht Dich gar am Ohr. Dann hörst Du die Morallehre, daß man über die dicke Dame und den kahlen Herrn nicht lachen dürfe, denn sie ist eine reiche Tante und er ein reicher Onkel, und Mama hofft von beiden ...zu erben! Ein anderes Mal wirst Du Dich überzeugen, daß man auch seinen traurigen Empfindungen nicht immer Ausdruck geben darf. Wenn Du ein wenig größer wirst, erscheint ein neuer Feind Deiner Freiheit in Gestalt des Bilderbuches. Du begrüßt das Buch mit großer Freude, dann aber hassest Du es von Herzen, denn es verwandelt sich in die Fibel, über der Du stundenlang sitzen mußt, während die Bauernlinder" ausgelassen über die Wiesen laufen, Schmetterlinge haschen, Vlumen pflücken und spielen . . . Nach diesem Buche kommen andere, noch viel langweiligere, und gleichzeitig mit ihnen kommen Hefte, Federn, schwarze Tinte . . . Alle diese Dinge bilden 'nur ein Hemmniß zwischen Dir und der Natur, deren Wunder Du von nun ab nur durch das Fenster und nur mit der Erlaubniß der Erzieherin schauen darfst. Es beginnt die Tortur der Hände am Klavier und der Füße bei den Tanzstunden. Wodurch würdest Du Dich denn-von einem Bauernkind unterscheiden, wenn Du ohne einen vorbedachten Plan die Füße stellen und die Hände halten würdest? Wenn Du groß bist und alle Deine Sinne genügend civilistrt stnd, wird die Welt daran gehen, Dein Herz zu formen. Das wird die längste und schmerzhafteste Tortur sein. Du wirst eine aus. der Tiefe Deines Herzens aufsteigende Stimme wahrnehmen . '. . Dann aber wird man Dir an Beispielen bewiesen, welche schreckliche Folgen das Horchen auf diese Stimme nach sich zieht. Mit Drohungen und' Schreck werden sie Dein Herz abhärten, so daß es sich ängstlich in der Brust zusammenpreßt und 'still bleibt, um seine AnWesenheit nicht zu verrathen. Und all dieses wird für Dein Wohl geschehen, Mania. So viele Menscher, vor Dir haben stch daran gewöhnt, ohne Herz zu leben, also auch Du, liebes Kind, wirst es lernen! ... Und schließlich kommt der Augen-, blick, da aus der kleinen Mania eine große Frau Mania geworden ist, die sich eines Tages im Besitze einer anderen Mania befindet, und Hefe Mama wirst Du nach Deinem eigenen Vorbild erziehen, gerade so, wie Deine Mutter Dich heute erzieht. Du wirst ihr keine einzige Fessel erlassen . . . Und alles wird, wie bej Dir, mit den Schuhchen beginnen! ein halbes Jahr früher gethan hatte. Die Civilisation hatte also die natürliche Entwicklung des Kindes um sechs Monate zurückverset. Stille jedoch Deine Thränen, liebe Mania, und bemühe Dich in die Nothwendigkeit, Dich zu fügen:
