Indiana Tribüne, Volume 28, Number 136, Indianapolis, Marion County, 31 January 1905 — Page 6

Judiana Tribüne, SR. Januar 1905

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m Merkt Dieses Man kann ftch nicht des Lebens erfreuen, ma mit Seberkeiäen ge,lagt ist. Mann kann je doch Unwohlseln mit Wohl, sein vertauschen durch di Anwendung von Dr. August König's amburger Tropfen. Warum nicht Ihr Heim.. ziehend machen, durch den Gebrauch eines Sarland Ofen... . und ... Range... Dieselben Übertressen alle andern in Schön heit. Dauerhaftigkeit, Heizkraft und Spar skmkeit im Kohlen Verbrauche. Dieselben werden it Vergnüge eezeizt, in WILLIG'S ...Möbel-Handlung... 141 West Washington Straße. Bestellen Sie Ihren Anzug odcrNcbcrzieher ... .von. . . V?. G. SCHNEIDER M halten Sie perfekte! Paffen rmd die feinste Arbeit zu den nud rigfien Preisen. Anzüge oder Ukdnzkhn ans Bestellung 515, $18, $20, $25, tzosm $3, $, $5, $6 38 Monument Platz. Wie Verfect Gas Nange vird zum Kostenpreise verkauft, abgeliefert und ausgestellt ohne Unkosten. Der sparsamste Ofen für Kunftgas. Sprechen Sie vor und sehen Sie dieselben in Gebrauch. TUE IIMIIAPOLIS 6AS CO., 49 S. Pennsylvania Str. . Kmz, ...Herrenschneider.. Ho. 1020 Süd Meridian Str. Rfcfcxiflflt Preise. Sutel Paffen gurantirt.

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Europäische Nachrichten. Provinz Wranbenburg. Berlin. Schlechte Geschäfte ha-

Un den 56 Jahre alten PorzellanHändler Theodor Maaß in denTod getrieben. Maaß betrieb sein Geschäft seit 25 Jahren. Da ihm das Aufkommen der Waarenhäuser bedeutenden Abbruch that, so kam er nicht mehr auf die Kosten und gerieth in Schulden. Endlich fah er keinen Ausweg mehr und machte seinem Leben ein Ende, indem er sich im Laden an einem Regal erhängte. Ein unheilbares Leiden hat den 79 Jahre alten Almosenempfänger Friedrich Haase, der in der Gartenstraße No. 18a in Schlafstelle wohnte, in den Tod getrieben. Der Greis war seit längerer Zeit blasenkrank und hatte keine Aussicht auf Besserung. Als die Wirthin letztens ausgegangen war, verriegelte er die Wohnungsthür und erhängte sich in der Küche am Fensterriegel. Der Schriftsteller Ernst Brausewetter, der hier nach längerer Krankheit im Alter von 41 Jahren gestorben ist, hat sich besonders als Uebersetzer und verständnißvoller Kritiker nordischer Dichtungen bethätigt. Auch einen Band eigener Novellen, Studien über deutsche Schriftstellerinnen und eine Dichtung zu Bismarös achtzigstem Geburtstage hat Brausewetter erscheinen lassen. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich in der Alten Jakobstraße 76 in der Seifenfabrik von Rumge. Dort gerieth ein Kessel, der in Spiritus aufgelöste Seifenmasse enthielt, in Brand. Der Arbeiter Michael Taulitz erhielt dabei lebensgefährliche Brandwunden am Kopfe und den Händen, so daß er sofort nach dem Krankenhause Bethanien überführt werden mußte. Der Siedemeister Adolf Hartmann erlitt leichtere Brandwunden, die von Samaritern der sofort herbeigerufenen Feuerwehr verbunden wurden. In der Laubenkolonie an der Landsberger Allee ist ein Liebespaar verbrannt, der Monteur Tornow und seine Braut, ein Mädchen Namens Walter, ob infolge der Explosion des Petroleumkochofens oder aus anderen Ursachen, ist nicht bekannt. Beide wurden mit schweren Brandwunden aufgefunden und starben bald darauf. Der 50 Jahre alte Steuermann August Schmidt fiel von seinem an der Gotzkowskybrücke liegenden Kahn aus nicht zu ermittelnder Ursache in die Spree und ertrank. Potsdam. Einen gräßlichen Tod infolge von Verbrühung fand der 27jährige Arbeiter Paul Wilde, der auf einem Dampfsägewerk beschäftigt war. Er hatte mit einem Eimer eine vor einem Kessel befindliche Grube, in die heißes Wasser gelaufen war, auszuschöpfen und stürzte dabei hinein, weil er die Sicherheitsvorschriften außer Acht ließ-. Mit furchtbaren Verbrühungen am Unterkörper wurde er nach dem St. Josefs - Krankenhause gebracht, wo er unter großen Schmerzen verstarb. Vernau. Ein Hussitenbrunnen soll hier errichtet werden als Denkmal der Belagerung der Stadt durch die Hussiten im Jahre 1432 und deren merkwürdige Errettung, zu deren Erinnerung noch jetzt alljährlich das Wernauer Hussitensest gefeiert wird. Das Denkmal soll auf dem städtischen Turnplatz Aufstellung finden. Briefen. Ein Unglücksfall ereignete sich auf der Ziegelei in Guscht. Beim Ausschachten von Lehm wurden der 23jährige Sohn des Zieglermeisters Aleidt und der Arbeiter August Neumann durch nachrutschende Thonund Lehmschichten verschüttet. Obgleich die Rettungsarbeiten sogleich begannen, konnten die Verunglückten doch nur als Leichen herausbefördert werden. Königs - Wusterhausen. Von einem Eisenbahnzuge überfahren und gctödtet wurde auf dem hiesigen Bahnhofe der Zimmergeselle Karl Pank. der den nach Storkow fahrenden Zug benutzen wollte. Frovinz Ostpreußen. Königsberg. Beim Rangiren wurde auf dem Südbahnhof der Rangirer Franz von einer Maschine angefahren. Er erlitt dabei sehr schwere Verletzungen an der rechten Hüfte, die seine Uebersührung in's städtische Krankenhaus nothwendig machten. Im Wallgraben todt aufgefunden wurde der Unteroffizier Glodszei von der rsten Schwadron des hiesigen Kürassier - Regiments Graf Wrangel, der vermißt wurde. Die gerichtliche Untersuchung soll feststellen, ob es sich um einen Unglücksfall oder ein Verbrechen handelt. Allen äußeren Anzeichen nach scheint Glodszei verunglückt zu sein. Braunsberg. Am Klosterbau kam der 22jährige Arbeiter Anton Bolz zu Tode. Trotz vielfacher Warnungen sprang er von einer Mauer aus das Gerüst im Innern und stürzte etwa 25 Meter tief hinab. Der Unglückliche gab kein Lebenszeichen mehr vonsich. Der hinzugezogene Arzt stellte den Tod fest. Domnau. Scheu gewordene Pferd: gingen mit einem mit großen Wollballen hochbeladenen Wagen durch. Der oben auf den Wollsäcken sitzende Eommis Hoyer fiel vom Wagen, wurde überfahren und erlitt außer einem Bruch des Nasenbeins und mehreren Gesschtswunden sch.vere innere Verletzungen.

Kobbclbude. Ein icywerer Unglücksfall hat sich auf der hiesigen Station zugetragen. Gutspächter Gaden, der aus steigen wollte, gerieth aus Unvorsichtigkeit auf das Geleise, auf dem eben ein Zug von Königsberg herankam. Er wurde von der Maschine zu Boden gerissen und überfahren, so daß er auf der Stelle todt war. Liewenberg (Heilsberg). Das Grundstück des Besitzers Andreas Liedtke brannte vollständig nieder. Sämmtliches todte wie lebende Jnventarium ist ein Raub, der Flammen geworden. Pillau. Der Heizer Bachmann von dem Torpedoboote S. 125 ist verschwunden; Desertion liegt anscheinend nicht vor. Man nimmt mit Gewißheit an, daß er ermordet und in's Wasser geworfen worden ist; seine Mütze ist am Hafenkrahn gefunden worden. Q u i t t a i n e n. Der ehemalige Zimmermann Friedrich Meiner feierte mit seiner Gattin das Fest der Mamant - Hochzeit. Schillgallen bei PrökulS. Kürzlich wurde auf der Dorfstraße die Leiche eines Mannes gefunden, der alS der Arbeiter Michael Kers von hier agnoscirt wurde. Er hat sich auf. dem Rückwege vom Kruge befunden, ist wahrscheinlich hingefallen und, da Hilfe nicht zur Stelle war, erstarrt und dann verstorben. Provinz Westpreußen. Danzig. Postschaffner Siewelt trat, als er in seine Wohnung heimkehrte, fehl und stürzte rücklings die Treppe ab. Er zog sich dadurch einen schweren Schädelbruch zu. an dessen Folgen er verz:aro. eim Flunverfang kenterte, vom starken Nordwind überrascht, ein Fischerboot. Zwei Brüder. Benter, 18 und 19 Jahre alt, ertranken. D i r s ch a u. Bei den Abbrüchsarbeiten eines alten Hauses in der Bismarcksiraße verunglückte der 38jährige Arbeiter Arnold Offschitzki aus Ließau, Vater von 3 Kindern, dadurch, daß eine massive Mauer umstürzte und ihn begrub. Schwerverletzt wurde Offschitzki unter den Trümmern hervorgezogen. E l b i n g. Ein betrübender Unglücksfall ereignete sich auf der Schmidt'schen Ziegelei in Ziegelwerder. Der verheiratete, in PangritzColonie wohnende Arbeiter Pfeifer gerieth in die Trommel zum Mischen des Sandes; das rechte Bein wurde ihm völlig zermalmt und das linke gebrochen. Flatow. Bei einer Treibjagd schoß der Rentier Krüger den Schulknaben Fenner an und verwundete ihn an der Schulter und am Bein. Der Knabe mußte in's Krankenhaus gebracht werden. Graudenz. Durch einen Revolverschuß hat der erst seit kurzer Zeit dem Infanterie - Regiment No. 175 zugetheilte Assistenzarzt Dr. Bamberg in feiner Dienstwohnung im hiesigen Militärlazareth sich selbst den Tod gegeben. Die Beweggründe,, welche ihn zu diesem Schritt veranlaßt haben, sind unbekannt. K a r t h a u s. Einen rohen Scherz trieb der Sohn des Gasthofbesttzers Gildemeister in Lappalitz mit dem 13jäh?igen verkrüppelten Leo Mioth. der bei einer Hochzeit ein wenig zusehen wollte. Gildemeister bewirthete ihn mit Schnaps und zwang ihn, einen ganzen Liter davon zu trinken. Er fiel nach kurzer Zeit um und war bald darauf eine Leiche. Marienburg. Plötzlich vom Wahnsinn befallen wurde der Unteroffizier Böttcher der 10. Compagnie des hier garnisonirenden Halbbataillons des Fußartillerie - Regiments No. 11. Böttcher wurde in das Garnisonlazareth nach Danzig geschafft. Ein Bruder des Unglücklichen ist ebenfalls irrsinnig gewesen und in einem Irrenhause gestorben. Der Unglückliche diente vier Jahre-. Putzig. Als die Schmiedemeisterfrau Strehlow aus Menkwitz das Vieh im Stalle versah, wurde sie von einem Pferde in den Unterleib gebissen und starb an den Folgen dieser Verletzung. der man anfänglich wenig Bedeutung beigelegt hatte, unter großen Schmerzen. Fünf unversorgte Kinder beklagen den Verlust der Mutter.' S ch w e tz. Dem 71 Jahre alten Arbeiter Josef Vonna aus Heinrichsdorf wurden von einem Rübenzug beide Beine und der linke Unterarm abgefahren. Der Tod trat nach kurzer Zeit ein.

Anzüglich. Junger Geck: Solch' 'ne Gemeinheit! Spritzt mir da 'n Anstreicher seinen. Pinsel voll grüner Farbe in's Gestcht!" Vorübergehender: Ach, das fällt doch bei Jhnen fast gar nicht auf!" Macht der Gewohnheit. Warum sieht denn der Redakteur Mischke heute so niedergeschlagen aus?" Der ist gestern wegen einer Erbschaft benachrichtigt worden und hat aus Versehen die ganze Sache ab gelehnt." . Glänzendes - I a g d r es u l t a t. Du hast neulich doch an der Hasenjagd , theilgenommen, wie war denn das Resultat?" Junge Schöne:' Glanzend!. .. Zwei Hasen habe ich geschossen, und drei Leutnants haben sich in mich verschossen."

lausenö Hütte.

Von H. Staubach. Dort draußen weit im Feld aNein Steht eine alte Hütte, Da wohnet Claus mit seinem Weib In Armuth, doch in Sitte. So wohnen sie schon manches Jahr Von aller Well geschieden. Und es umwehet sie so mild Ein süßer Himmelsfrieden. Hat Claus sein Tagewerk vollbracht Im nahgeleg'nen Walde, Eilt froh er zu den Lieben heim In der zerfall'nen Halde. Dort wohnt daZ Glück, das mancher sucht Im Lärm der Welt, im Trubel, Doch nirgends aber finden kann. Wenn noch so hell der 'Jubel. Drum Einsamkeit, ich weihe Dir Von neuem meine Triebe, Denn Clausens Hütte zeigt mir ja Den Weg zu Glück und Liebe! Aas erste Glück. Nach dem Leben von Ruth Eoetz. .Fräulein... Fräulein, ich will mir aber die Puppen ansehen." Die kleine Hanna zerrte das blonde Fräulein zu dem Schaufenster des großen Waarenhauses, in dem allerliebste Puppen in einem kleinen Zimmer um einen Tisch herum saßen. Hannachen, Mama schilt doch, wenn wir zu spät zum Essen kommen. Wir wollen doch gehen, Hannachen, ja? Du willst doch Mama nicht ärgern!" Die blonde junge Dame beugte sich zu dem achtjährigen Mädchen herab und verbuchte, das Kmd von dem Schaufenster fortzuziehen. Ich will mir die Puppen ansehen . . . Mama muß sie mir kaufen . . . Fräulein . . ." Das Kind stampfte mit dem Fuße auf. Dann, als es sah, daß das Sträuben nichts half, ging es trotzig und widerwillig neben der Erzieherin her. Fräulein, wird Mama mir die Puppen kaufen?" fragte Hanna in ungezogenem Tone. Wahrscheinlich, wenn du artig bist," kam es mit jener Sanftmuth zurück, die die Erzieherinnen anzunehmen pflegen, wenn sie ihre Stellen in den reichen, gut zahlenden Familien behalten wollen. Wenn Mama mir die Puppen nicht kauft, sage ich es Papa, und wenn Papa sie mir nicht kauft, dann kaufe ich sie mir alleine ... ich habe schon drei Mark, und für das Geld kann ich mir alles kaufen..." Das Kind nickte jedesmal, wenn es etwas sprach, eigensinnig mit dem Kopfe und schob die Unterlippe vor. Zehn Pfennige der Hampelmann!" Ein kleiner Knabe, in einem dünnen, zerrissenen Anzüge trat ihnen plötzlich in den Weg und hielt ihnen einen Stoß grell bemalter Hampelmänner entgegen. Die Finger des Knaben zitterten vor Kälte, sein schmales, verhungertes Gesicht war blutroth, und seine Augen sahen so kläglich drein, als hätte er seit Beginn des Winters noch keine warme Luft gespürt. Hanna blieb plötzlich einen Augenblick stehen, als die bittenden Blicke des Knaben sie trafen; dann schaute sie flehend zu der Erzieherin auf. Das Fräulein nestelte eine kurze Weile an der Tasche des Kleides, suchte einige Sekunden im Portemonnaie, doch als sie kein kleines Geldstück finden konnte, ging sie weiter und ließ das Geld wieder in die Tasche gleiten. Das Gesicht des Kindes hatte plöhlich einen ganz nachdenklichen Ausdruck bekommen. Das Mündchen war verstummt, und jeden Augenblick wandte der Kopf mit dem eleganten, weißen Filzhut sich um, und die großen dunklen Augen sahen suchend nach dem Knaben. Auch die Erzieherin schaute mit einem Male so sonderbar ernst drein, und sie seufzte tief und krampfhaft auf. Fräulein," wandte das Kind sich zu der jungen, blonden Dame. Warum haben Sie dem Jungen nichts gegeben?" Das Fräulein erröthete, als hätte das Kind seine geheimsten Gedanken errathen. Ich... es that mir auch eben so leid, Hannachen, aber ich hatte kein kleines Geld bei mir, und da wir Mama doch nicht mit dem Essen warten lassen dürfen, konnte ich nicht mehr wechseln..." Mama schadet es doch aber nichts, wenn sie wartet, wenn der Junge kein Geld von 's bekommt, muß er gewiß noch länger hier stehen, und kommt viel später zu seiner Mutter in die warme Stube," antwortete das Kind, und in die großen Augen trat ein Ausdruck rührender Güte. Das Fräulein streichelte sanft über das rosige Gesicht: Der Junge hat auch am Abend keine warme Stube, Hannachen, der kommt, wenn er nach Hause geht, in ein kaltes Zimmer, und sein Vater schlägt ihn womöglich, daß er nicht Geld genug, nach Hause gebracht hat." Ach Gott, wirklich, Fräulein?" Hanna faltete die Hände und zwei große Thränen traten in ihre Augen. Eine Weile ging sie schweigend, dann blieb sie wieder stehen. Fräulein?" sagte sie bittend und fragend, ch will auch meine Puppen nicht,... ich möchte dem Jungen so gern mein Gespartes geben, darf ich, Fräulein?" - Das junge Mädchen wurde ettras verlegen, und zuckte dieAchseln: Morgen, Hanna, heute müssen wir rasch nach Hause... Mama wird schelten. I wenn wir zu spät kommen."

Doch in dem Kie regte sich der Eigensinn, es wollte sich von seinem Lorhaben nicht abbringen lassen. Nein... nein, heute, Fräulein... Der Junge kriegt doch am Abend womöglich Prügel... wenn ich ihm mein Gespartes gebe, kann seine Mutter die Stuben heizen lassen, bitte, Fräulein, ja? Ich werde den Jungen holen, er soll mitkommen, Mama wird schon nicht schelten, liebes Fräulein, bitte ..." Die Erzieherin wußte nicht, was sie aniworten sollte. Gar zu gern hätte sie ihren Zögling bei seiner edlen, gutherzigen That unterstützt, sie wußte ja selbst aus eigener, schmerzlicher Erfahrung, wie weh der Hunger und die Kälte that; doch sie fürchtete, gegen den Willen der Commercicnräthin, der Mutter des Kindes zu handeln, und einen Moment stand sie still und überlegte ... Sie würde sicher für die Dummheiten" Hannas verantwortlich gemacht werden ... Die Commercienräthin würde ihr gewiß eine Scene machen, daß sie wegen der Thorheiten des Kindes das Essen versäumte... und wiederum sollte sie die Frühlingsblüthen des Wohlthuns im Herzen des Kindes tödten? Ihr eigenes Gefühl drängte sie, die keinen Angehörigen besaß, so sehr dazu, den armen Fremgen Gutes zu erweisen. Fräulein, ich gehe den Jungen holen . . ." Die kleine Hanna riß sie mit ihrer entschiedenen Behauptung aus dem Sinnen. Wenn Mama böse ist, dann sage ich ihr den Grund, weshalb wir zu spät gekommen sind, da wird sie sich ganz bestimmt freuen . . . nicht wahr, Fräulein?" Das junge Mädchen nickte verlegen. Entschieden war es anderer Meinung. Eilig lief es hinter dem Kinde her, das sich geschickt den Weg durch die Menge bahnte, bis es vor dem kleinen Verkäufer stand. Die Wangen des Kindes glühten, und seine Augen suchten verlegen am Boden, als es die Bitte vorbrachte. Aber deine Mutter wird dir ausschimpfen," antwortete zögernd der kleine Mann, während seine Zähne vor Frost zusammenschlugen. Nein, bitte, komm, Mama ist sehr gut," sagte Hanna leise. Komm nur mit. ich werde dir mein ganzes Gespartes geben, daß du am Abend eine warme Stube hast." Doch er rührte sich nicht von der Stelle, und erst auf die Aufforderung der Erzieherin entschloß er sich, mit-, zugehen. Fräulein, später können Sie wohl nicht erscheinen?" Die Stimme der Commercienräthin hatte einen scharfen Ton, und die grauen Augen blickten tadelnd aus dem vollen Gesicht, als die Erzieherin mit Hanna in das Eckzimmer trat? Nur gut, daß der Herr Rath heute nicht zu Tisch nach Hause kommt, er liebt derlei Unpünktlichkeiten sehr wenig. Guten Taz, mein Kind, du mußt ja einen großen Hunger haben,' mein Engel, und so lange in der Kälte umherzulaufen . . . zu unvernünftig." Die grauen Augen flogen voll eisiger Kälte noch einmal zu dem jungen Mädchen herüber. Einen Augenblick lang war Hanna, eingeschüchtert durch die bösen Worte der Mutter, ruhig geblieben. Doch bald faßte sie sich. Mamachen... ich . . . habe gar keinen Hunger," kam es stockend von den Lippen des Kindes. Natürlich, kein Wunder, wenn du so lange über die Essenszeit hinaus wartest . . ." Nein, nein, Mama, deswegen hätte ich schon Hunger," unterbrach das Kind sie rasch. Aber . . . bitte Mutti, sei nicht böse, da draußen ist ein kleiner Junger . . . weißt du, so einer, der Hampelmänner verkauft, der hat schon so lange nichts gegessen, er hat es uns gesagt, und bei ihm zu Hause ist noch gar nicht einmal warm gewesen, hat er gesagt...' Mama... und da wollte ich ihm mein Essen geben, und mein gespartes Geld, für das ich mir immer Puppen kaufen wollte . . ." Die Räthin schien nicht recht zu verstehen und schaute fragend von der Erzieherin zu ihrer Tochter. Das Kind begriff sofort, daß dieser Blick nichts Gutes bedeutete, und küßte schmeichelnd der Mutter die Hand. Fräulein wollte zuerst den Jungen nicht mitnehmen. Emil beiht er, hat er gesagt . . . aber Mutti, w?ißt du, ich war so schrecklich traurig, aß Emil so arm ist und ich mußte ihm mein Gespartes geben . . . bitte Mutti, erlaube es mir doch... Emil soll auch mein Essen kriegen ... ich trinke auch die ganze Milch heut' Abend, und werde niemals mehr ungezogen sein. Darf ich Emil rusen, Mama?" Das Kind wartete die Erlaubniß gar nicht ab, sondern lief zur Thür und brachte den Knaben stolz wie eine kleine Königin herein. Mama, das ist Emil." Die Räthin wußte kaum, was sie erwidern sollte. Setz' dich, mein Kind," sagte sie nach kurzem Zögern. Und du, Hanna, klingele mal, damit Emil noch einen Teller bekommt. Du mußt aber auch hübsch brav mitessen, sonst denkt Emil ja, er hat dir etwas weggenommen." Schmeckt es dir?" fragte Hanna, als sie sah, mit 'welch' heißhungriger Gier der Knabe die Speisen verschluckte. Emil schüttelte heftig bejahend den Kopf und seint Augen ruhten voll

flehentlicher Dankbarkeit auf seiner kleinen Wohlthäterin. Als man vom Tische aufstand, ging Hanna mit 'dem kleinen Knaben und der Erzieherin in ihr Zimmer, um ihm ihr Gespartes zu geben. Nach wenigen Minuten kehrte sit athemlos zu ihrer Mutter zurück. Die Augen voll Thränen und der ganze kleine Körper zitterte vor Schluchzen: Mama, geliebte Mama, Emil hat so geweint, wie... ich... ihm das... Geld gab . . ." stieß sie abgerissen hervor. Er ist gleich weggelaufen... um für seine kranke Mutter etwas zu kaufen... Er hat gesagt, der liebe Gott... wird mich immer beschützen und sein todter Vater . .. und seine todte Schwester . . . werden für juns alle beten. Ach Mama . . . ich . . . muß so darüber weinen ... und ich freue mich doch so . . . daß ich mir noch keine Puppen gekauft habe ... ich freue mich so." Und in plötzlichem Umschwung der Stimmung, lief das Kind im Zimmer umher: Ich freue mich doch sosehr." Die Räthin betrachtete glückselig die zierliche Gestalt ihres Kindes, das zarte, feingeschnittene Gesicht, aus dem die dunklen Augen lachten. Sie gelobte sich heilig, in diesem Augenblick dem Kinde die Freude am Wohlthun, die man bei ihr selbst so systematisch vernichtet hatte, zu erhalten. Doch bald dachte sie angestrengi darüber nach, wie es möglich sei, dem Gatten dieses Sreigniß zu verheimlichen. Er haßte Sentimentalitäten" und hatte doch auch gestern erst große Summen für wohlthätige Zwecke in die öffentliche Liste gezeichnet..

Französische Spionenfurcht. Von der französischen Spionenfurcht bei Ausbruch des Krieges von 1870 erzählt Paul de Cassagnac in seinen Erinnerungen über den Krieg folgende amüsante Geschichte: 'Wir gingen mit Abbe Domenech, dem Feld Priester unserer Ambulanz, Arm in Arm im Bahnhofe von Chatlons spazieren, als auf einmal eine Abtheilung Gendarmen uns umringt, in barschem Ton unsere Papiere zu sehen verlangt, wie gewöhnlich nicht daraus klug wird und sich anschickt, uns als Spione zu behandeln. Wenn Zuaven, den Tornister auf dem Rücken und das Gewehr auf der Schulter, für Spione angesehen werden, so war das im höchsten Grade drollig. Wir lachten denn auch anfangs darüber, aber siehe da, die Gendarmen wurden ärgerlich und erklärten uns vor der versammelten und erstaunten Menge, daß sie uns verhaften und abführen würden. Nachdem uns die Sache erst einfach spaßhaft vorgekommen war, drohte sie nunmehr in's Lächerliche umzuschla gen; wir zogen es darum vor, laut unsere Namen zu nennen. Mehrere Pariser, die zu den Ambulanzen gehörten, erkennen uns, und der Regen von faulen Witzen und bissigen Bemerkungen, mit dem wir nun die Gendarmen überschütten, trägt nicht wenig dazu bei, unsere Freilassung herbeizuführen. Was für eine geradezu krankhafte Sucht, die drei Monate hindurch Frankreich heimsuchte, diese Sucht, allüberall Spione zu wittern! Es wäre unsinnig, alle Mißverständnisse, Verwechslungen und gehässigen Matzregeln, die diese eigenthümliche krankhafte Sucht veranlaßte, hier aufzählen oder wiedergeben zu wollen." Cassagnac' knüpft an diesen Vorfall folgende allgemeine Betrachtungen: Offenbar haben die DeutschenSpione gehabt. Bei ihnen zu Lande ist der Spionendienst wunderbar gut organisirt. Die ausgezeichnetsten Offiziere tragen dort kein Bedenken, jene bei uns als niedrig und verächtlich betrachteten Verrichtungen zu versehen. Ihr Ehrenpunkt ist nicht der gleiche wie der unserige. Einem Franzosen gilt als verwerflich alles, was nicht lauter und klar, recht und billig ist; bei den Deutschen aber heiligt derZweck das Mittel, alles ist erlaubt, sobald es gilt, dem Vaterland einen Dienst zu erweisen. Ihre Auffassung in dieser Hinsicht ist praktischer, vernünftiger und logischer; allein ich halte dafür, daß es doch besser für uns ist, unser thörichtes und ritterliches Vorurtheil beizubehalten. Frankreich ist Frankreich ebenso sehr in seinen Fehlern wie in seinen Vorzügen. Möge ein jeder sich die Eigenarten bewahren, die ihm als Söhne seines Landes anhaften. Der Deutsche bleibe schwerfällig, stramm, kaltblütig und willenlos aehorsam gleich einem Hausthiere, und behalten wir unsern leichten Sinn, unsern bewundernswerthen cntrain" und selbst unsern bösen Eigenwillen Zwischen diesen beiden Ländern besteht genau derselbe Unterschied wie zwischen den landesüblichen Getränken, der Unterschied der goldenen Traube vom flockigen Hopfen, des Weines vom Biere; der eine perlt im dünnen Kristallglase, das andere ist schaumig im irdenen Maßkruge." Was den Ehrenpunkt der französischen Offiziere angeht, sich nicht mit Spionage - Angelegenheiten abzugeben, so haben inzwischen die Verhaftungen französischer Offiziere in Kiel und die Enthüllungen des Falles Dreyfus dargethan,daß ihr thörichtes und ritterliches Vorurtheil" hiergegen nur ein schöner Wahn Cassagnacs ist. Die beste 5 Cent Cigarre in der Stadt, Mucho's Longfellow".