Indiana Tribüne, Volume 28, Number 133, Indianapolis, Marion County, 27 January 1905 — Page 6

Jttdiana Tribut. 27. Januar 1903.

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SlSvlumen

Von Fr. Holtgrave. O lieh mal, Onkel, unsere Fenster In ihrer reichen Blumenprachtl Ea schön hab ich's noch nie gesehen. Wer hat die da K?chl dran gemacht? Das toeißt du nicht. Es war der Winter, Der in der Nacht vorüber ging. Du wärest iaum zu Bett gegangen, AlZ leis' er an zu malen fmg. Er sehte sorgsam Blum' an Blume, Bis fertig war der Blüthcnstrautz Und malte so die schönsten Bilder UnS Fensterlein von Haus zu Haus. Doch hüte dien und rühr sie nimmer Mit deinen kleinen Fingern an; Ja, selbst der Hauch aus deinem Munde Die Blumcnpracht zerstören kann. Wie schade! Doch ein?, lieber Onkel, Da? ist's, was ick möcht' wünschen mir. Daß ich so rein, so fein und sauber Könnt zeichnen wie der Winter hier. Dann gäbe mir der Zeichenlehrer Gewik das beste Prädikat, Und ick. ich wär' der beste Zeickner Von allen Iunzens in der Stadt. Das kleine Mädchen mit den Stechpalmen. Von e. M. Power. Huh! Ist das ein Wetter!" Dabei zog John Archer den Rockkragen bis übn die Ohren und steckte die warm behandschuhten Hände tief in die weiten Tcschen, während er auf dem schlüpfrigen Trottoir vorwärts eilte. Eine dicke, graue Schmutzmasse war der letzte Nest des prächtigen Schneekleides, in das der Himmel vor einigen Stundcn die ganze, große Stadt eingehüllt hatte, als ob er He zu Ehren deZ großen Festes mit einem feierlichen Gewände schmücken wollte. Denn es war ter heilige Weihnachtsabend, und trotz des schneidenden Windes und der häßlichen Graupeln trugen die Straßen das Gepräge der Festzeit. Aber dies schien keinen Eindruck auf den Dahineilenden auszuüben, einen großenMann von ungefähr fünfzig Jahren, mit harten, strengen Geslchtszügen, tiefgefurchter Stirn und dicken, buschigen Brauen über den stahlgrauen Augen. Kalt und gleichgültig blickten sie über das geschäftige 'm&n und Treiben um sich. Doch plötzlich hielider Man.? einen Moment in seinem raschen Gange inne. An der geschlossenen Thüre eines WaarenhauseZ. auf welches die davorstehende Gaslaterne ihr flackerndes Licht warf, kauerte in einer Ecke ein kleines, zartes, blaßwangiges Mädchen in einem derschossenen Kleid ausplaidstoff, neben sich ein Bündel Stechpalmen. Dies war NUN zwar am Weihnachtsabend durchaus nichts Ausfallendes, es war ein häufiger Anblick an solchem Tage. Aber des Kinos Gesicht, obgleich blaß und abgezehrt, hatte ein feines, vornehmes Aussehen, die weichen, blondeir Locken, dte unter dem Shawl hervorquollen, zeugten von sorgfältiger VeHandlung, das Kleid, wenn auch fadenschcinig, war weder schmutzig noch zerlumpt. Alles an der Kleinen trug den Stempel besse:cr Herkunft und guter Erziehung, was bei einem Londoner Straßenkinde 'sehr auffällig und außergewöhnlich war. Als die Kleine die herannahenden Schritte vernahm, öffnete sie die bis dahin geschlossenen Augen, und sich mühsam auf die Füße arbeitend, hielt sie flehend das Bündel Stechpalmen hin, indem sie bittend sagte: Möchten Sie wohl etwas kaufen, gnädiger Herr?" . Blick und Stimme ließen ihn zusammenfahren. Sie schienen ihm bekannt, ja vertraut. Es war, ols ob ein Bild längst begrabener Vergangenheit wieder vor ihm auferstanden wäre. Ganz benommen, fuhr er mit der Hand über die tirn und ließ sie dann, in einer plötzlichen Anwandlung von Großmuth, in die Tasche gleiten. Aber er fand nur Silbermünzen, und seine übergroße Sparsamkeit unterdrückte sofort die ungewohnte, mildthätige Regung. 2(ch bin ein Narr! Ein ganz sentimentaler Narr!" schalt er sich. Lucy weilt am anderen Ende der Welt. Wie sollte es möglich sein, daß dieses Bettelmädchen in irgend einer Beziehung zu ihr stände?" Ich brauche nichts von deinem Plunder!" fuhr er das Kind rauh an. Und bezweifle auch, daß ihn dir überhaupt Jemand abnehmen wird. Du thätest besser, nach Hause zu gehen." Bei seinen harten Worten schwand der freudigö Glanz aus den Augen deö kleinen Mädchens, und mit halb unterdrücktem Schluchzen zog es sich in den Schatten des steinernen Thorweges zurück. Der klagende Laut veranlaßte, den Herrn, sich noch einmal umzuschauen, und er erblickte nun ein zweites, etwas größeres Mädchen neben der kleinen Verkäuferin, das sich mit liebevoller Geste über die kleine Gestalt neigte, die sich an die feuchte Wand zu drangen suchte. Wenn ich nur. Kleingeld gehabt hätte " murmelte er zu sich, während er um die Ecke bog. Aber Vettelkindern einen ganzen Schilling zu geben, wäre eine große Thorheit! Unbedachte Mildthätigkeit thut nur Schaden. Aber es ist wunderbar, wie sehr mich das kleine Ding' an Lucy erinnerte! Dieselben Augen, dasselbe weiche Haar, ja, sogar derselbe Tonfall in der Stimme gonz, wie ste mir im Gedächtniß lebt. Ich glaube, mein Ver-

stand muß gelitten habm!" dachte er, als er seine Wohnung erreicht hatte und die. Thür aufschloß. Weil ich ganz zweifellos morgen Nachricht von ihr bekommen werde, sehe ich schon in jedem Bettelmädchen, dem ich, begegne, ihre Züge! Ob sie mir wohl heute Abend einen Gedanken schenken wird? Wenn sie vor zwölf Jahren etwas mehr Rücksicht auf. Mich genommen hätte, würde dieses Haus heute Abend ein anderes Aussehen tragen!" Wider seinen Willen vergegenwärtigte er stch den Weihnachtsabend vor zwölf Jahren, den letzten, den seine junge Schwester in diesem düsteren Hause, das nur durch ihrs Gegenwart erhellt wurde, zugebracht hatte; den letzten Tag auch von ungetrübtem, glücklichem Beisammensein der beiden Geschwister. Denn an jenem Weihnachtsabend hatte Lucy sich mit dem australischen Äerschwender" verlobt. Eine tiefe Furche grub sich in John Archers Stirn, während er dieses Menschen gedachte. Am nächsten Morgen, als Lucy dem Bruder von ihrem Berlöbniß Mittheilung machte, war der erste Streit zwischen den Geschwistern ausgebrochen. Aber jenes Streites gedachte jetzt John Archer nicht. Die frohen, glücklichen Zeiten der Vergangenheit lagen vor ihm! Die entzückenden Weihnachtsabende in dem warmen, hell erleuchteten Salon, mit den vielen Epheu- und Stechpalmenguirlanden und ien behaglich glühenden Kaminen, deren Scheine auf Lucys Locken tanzten und ihre Wangen in rosige Gluth tauchten, während sie mit glänzenden Augen die Packete, die er ihr mitgebracht hatte, enthüllte und bei jeder noch so kleinen Gabe, die zum Vorschein kam, in Ausrufe des Entzückens und Danke? ausbrach. So lebhaft stand das Bild vor seiner Seele, daß er erschreckt zusammenfuhr, als beim Oeffnen der Salonthür eine kalte Zugluft aus dem dunklen, frostigen Zimmer ihm beinahe das Licht ausblies. Zwölf Jahre lagen zwischen diesem und dem letzten glücklichen Tage; tausende von Meilen trennten ihn von seiner einzigen Schwester, die beinahe zwanzig Jahre jünger als er war, und der er seit ihrer Geburt ein liebevoller Bruder, sowie treuer Beschützer gewesen und die troiz-aller semer Güte und Fürsorge doch eine Ehe gegen seinen Willen geschlossen hatte und daher von ihm verstoßen worden war. Hier in diesem Zimmer hatte er ihr gesagt, daß sie zu wählen habe zwischen ihm und dem Manne, dem sie ihr Wort verpfändet; einem hübschen, sorglosen, jungen Burschen, einer von den Menschen, die Niemand schaden, nur sich selbst, der aber, wie der Bruder, entschlössen war, nur nicht das Geld, welches er Jahr um Jahr für seine Schwester gesammelt hatte, leichtsinnig vergeuden sollte. Und sie hatt gewählt, hatte sich geweigert, ihr gegebenes Versprechen zurückzunehinen, und so hatten die bis dahin stch so zärtlich liebenden Geschwister sich voneinander getrennt. Nie, so däuchte es John Archer, als er, die im Zuge bin und her flackernde Kerze in der Hand, sinnend neben dem erloschenen Kamin stand, nie waren die Einzelheiten jenes Tages ihm so lebhaft in Erinnerung getreten, wie am heutigen Abend: seine entschiedenen, harten Worte, ihre sanften Einwände und dringenden Bitten, seine bestimmte Weigerung und dann, als sie imVegriff war, ihn zu verlassen, ihre plötzliche Wendung ouf der Schwelle, jener letzte, flehende Blick dann der freu dige Glanz, der in ihre Augen trat, als er sich einen Schritt auf sie zu bewegte, um aber sogleich wieder zu verschwinden, weil er mit unbeugsamer Halsstarrigkeit die Anwandlung von Großmuth wieder in sich erstickte und sich mit steinernem Gesicht fortwandte, während sie, enttäuscht, zurückfuhr und sich dann langsam entfernte. Es war ihm, als ob er erst heutc Abend wieder jene flehenden Augen mit dem freudigen Glanz gesehen hätte, der ebenso schnell erlosch, wie er entflammt war, denselben mitleiderrcgenden Blick, dasselbe erschreckte Zurückfahren bei feiner harien Weigerung. Die Aehnlichkeit war frappirend!" dachte er. wählend das Gesicht des kleinen Bettelmädchens vor seinem geistigen Auge aufstieg. Es hätte Lucy selbst als Kind sein können! Es thut mir wirklich leid, daß ich kein Kleingeld bei mir hatte, obgleich ich sonst nie einem Vettelkinde etwas gebe!" Dies .war nur zu wahr. In seiner Jugend'lhatte John Archer gearbeitet und jeden Pfennig gespart, um seiner Schwester willen, aber ihr sanfter Einfluß hatte es verhindert, daß seine Sparsamkeit in Geiz ausartete. Nun aber, wo sowohl der treibende Sporn wie der gute Einfluß geschwunden, war er allmählich dahin gelangt, seinen Lebenszweck darin zu finden, Geld für sich anzuhäufen. Aber unter der harten Kruste barg sich doch ein warmfühlendes Herz und die traurig flehenden Augen des Betlelkindes verfolgten ihn beständig und beunruhigten ihn. Es ist zu albern!" dachte er ärgerlich, indem er der Thüre zuschritt. Mich durch eine bloße Aehnlichkeit so aufregen zu lassen. Ich weiß nicht, was heute Abend mit mir ist und warum Ich mich mit tausend unbestimmten Befürchtungen hinsichtlich Lucys quäle. Morgen werde ich zweifellos wie jeden Weihnachten Nachricht

von ihr erhalten, und bis dahin thäte ich wohl am besten, nicht mehr an die

'.Sache zu denken. Und doch!" gestand er sich, während er langsam die Treppe nach seinem Schlafzimmer hinaufstieg, und doch thut es mir sehr, sehr leid, daß ich kein Kleingeld hatte. Um Lucys willen wäre ich gern einmal meinem Prinzip untreu geworden und I hätte dem Kinde eine Freude gemacht. Ich wünsche sogar, ich hätte ihm eine Silbermünze gegeben! Es würde mir wenigstens diese quälenden Gedanken erspart haben. eu und freundlich brach der Weihnachtsmorgen herein. Ein tiefblauer Himmel spanne sich über der Erde und leichter Frost erfüllte die Luft. Von nah und fern ertönten die Kirchenglocken, als Mr. Archer sich nach einer unruhig verbrachten Nacht an den Frühstückstisch setzt: und mit ungewohnter Hast die Morgcnpost ergriff. Es'waren nicht viele Briefe er besaß nur wenig Freund: und außer der einzigen Schwester keine Verwandten aber einer trug die ersehnte Sydney-Marke; jedoch, wie er mit Erstaunen und unWillkürlichem Herzklopfen bemerkte, war die Handschrift nicht die seiner Schwester. Es war das erste Mal, daß sie unterließ, ihm einen Weihnachtsbrief zu senden das einzige Band, welches sie noch mit einander verknüpfte. Sie hatte ihm zum ersten Weihnachtsfest nach ihrer Trennung geschrieben, und obgleich er den Brief nicht beantwortete, hatte er sie durch einen in Sydney wohnenden Freund wissen lassen, daß er sich freuen würde, von Zeit zu Zeit Nachricht von ihr zu erhalten. - Und dieser Brief, den er jetzt mit zitternder Hand öffnete, war von demselben Freund und . Mein Gott!" rief der unglückliche Mann, nachdem er die Zeilen überflogen hatte, und vergrub das Gesicht in den Händen. Lucy todt! Und ihr Gatte mit dem Kinde wieder in England, hier in London!" Nach einer Weile las er den Brief noch einmal: Nach der anhaltenden Regenzeit brach der Typhus mit großer Heftigkeit aus. George Namsay war einer der ersten, der erkrankte, aber seiner Gattin hingebende Pflege entrang dem Tode seine Beute, dann alx wurde ste von der Seuche, ergriffen und starb nach kurzer Krankheit in den ersten Tagen des Octobers. Namsay, der arme Kerl, der nur noch ein Schatten seines früheren Selbst ist, schiffte sich einige Zeit danach mit seiner kleinen zehnjährigen Tochter nach Europa ein. Er hat kein Glück in Australien gehabt und ich fürchte, daß seine pekuniären Verhältnisse sehr traurig sind. Daher lege ich Dir seine Londoner Adresse bei, im Falle Du den Wunsch hegen solltest, Vater und Kind auszusuchen." Eine halbe Stunde später stand Mr. Archer vor der angegebenen Wohnung, einem Hotel garni von höchst primitivem Aussehen, in einem obskuren Londoner Viertel. Er war gerade im Begriff, den rostigen Klopfer in Bewegung zu setzen, als die Thür von innen geöffnet wurde und ein junges, rosenwangiges, auffallend gekleidetes Mädchen so hastig heraustrat, daß e ihm beinahe in die Arme lief. Was wünschen Sie, mein Herr?" fragte, sie verdrießlich, während sie ihren Federhut, der bei der hastigen Bewegung auf eine Seite gerutscht war, wieder zurechtrückte. Ich möchte wissen, ob ein Mr. Ramsay hier wohnt," lautete seine Antwort. Bei diesem Namen blickte das Mädchen sehr ernst und entgegnete sehr zögernd: Mr. Ramsay, gnädiger Herr? Jawohl. Aber Sie thäten besser, darüber mit meiner Mutter zu sprechen." Damit lief sie eilig die Hintertreppe hinauf und rief: Mutter, hier ist ein Herr, welcher über den armen Mr. Ramsay Auskunft zu haben wünscht." Bitte ihn, näher zu treten!" kam die Antwort und mit ihr zugleich ein durchdringender Geruch von gekochtem Pudding und gcbratenem Fleisch. Einige Sekunden später erschien dieFrau, eine gewisse Unruhe auf ihrem behäbigen, gutmüthigen Gesicht. Wohnt ein Mr. Ramsay hier?" wiederholte Mr. Archer - seine Frage. Wenn dem so ist, dann möchte ich ihn gern besuchen." Er lebte hier einige Zeit, der arme. .arme Herr!" sagte die Frau, dabei verlegen an thren Schurzenoandern zupfend. pEr war von meinem Bruder, welcher mit ihm in Australien, geschäftliche Verbindungen gehabt hatte, an mich empfohlen, aber- wir thaten wirklich Alles, was in unseren Kräften stand, gnädiger Herr. Er hatte eine aescffulte Krankenpflegerin und jeden Tag den Arzt Was wollen Sie damit sagen?" stieß John Archer erregt hervor. Mr. Ramsay ist wohl gefährlich krank?" Das war er, als er landete, gnädiger Herr. Aber er konnte stch nicht wieder erholen. Es war das Gehirn, sagte der Arzt. Die letzten drei Wochen war er gairz bewußtlos." Die letzten drei Wochen! Wollen Sie damit sagen, daß daß " Er wurde vor drei Wochen begraben, gnädiger Herr!" Wider seinen Willen entfloh den Lippen John Archers ein qualvolles Aechzen. Er hatte den Mann, der. ihn seiner Schwester beraubt, aebaft. bit-

ter gehaßt. Run war er zwar gekommen, ihn zu besuchen, auch mit der Absieht, ihm zu helfen, aber nur unter gewissen Bedingungen und in der Hoffnung, ihn so arm zu finden, daß es ihm ein Leichtes sein würde, die Tochter von ihm zu erhalten. Und nun war Niemand da, der ihm Lucys Kind streitig machen konnte, und der Sieg war erreicht, noch ehe die Schlacht begonnen war. Aber er gewährte ihm keine Freude. Nachdem alle diese Gedanken durch feinen Kopf gegangen, stand er auf. Diese traurige Nachricht bedaure ich sehr!" sprach er gelassen. Und ich werde Ihnen aufrichtig dankbar sein, wenn Sie mir später alle Einzelheiten über Mr. Namsav,s letzte Tage mittheilen würden. Aber ouaenblicklich ist mir seine Tochter die Hauptsache. Ich will.'sie mit mir nehmen. Ich bin ihrer Mutter Bruder," fügte er erläuternd hinzu, indem er der Fran seine Karte überreichte. Wollen Sie das Kind, bitte, sogleich holen?" Ja." sagte ste, indem ste die Karte zu studiren schien. Ich habe Lucy oft von einem Onkel, dem Bruder ihrer Mutter, sprechen hören, die ihr viel von ihm erzählt hatte. Wir haben unalle die größte Mühe gegeben, Ihre Adresse von Mr. Ramsay zu erfahren, wirklich, gnädiger Herr, denn es war ja 'schrecklich für das arme Kind, so allein und aller Mittel entblößt, zurückzubleiben; aber ach! der arme Herr war ja bis zuletzt ohne Bewußtsein." Das war sehr traurig!" entgegnete John Archer, der mit schlecht verhehlter Ungeduld die Rede der gutmüthigen Frau angehört hatte, aber ich wäre Ihnen wirklich außerordentlich dankbar, wenn Sie mir freundlichst jetzt meine Nichte holen würden." Aber die Angeredete verharrte auf ihrem Platze. Wenn Sie gleich nach dem Begrabniß gekommen wären, gnädiger Herr, würde alles gut gewesen sein," begann sie von Neuem. Aber die Krankheit des armen Mr. Ramsah hat viel Geld gekostet, und e? besaß nur wenig, und ich habe steben eigene Kinder und obgkich sie ein liebes, kleines Geschöpf und so ruhig wie ein Mäuschen war, und das Armenhaus " So ist ste' also nach dem Armenhaus gebracht?" unterbrach er die Frau, während eine liefe Röthe sein Gesicht überzog. Nein, gnädiger Herr!" entgegnete dieFrc.u. Bei ihren Spaziergängen ich mußte fr; doch zuweilen an die Luft schicken sie wurde schon ganz schwermüthig bei dem kranken Vater hatte sie die Bekanntschaft einer kleinen Blumenverkäuferin gemacht. Diese war auch nur ein junges Ding, hatte aber trotzdem schon ihre eigenen Ansichten. Und ich glaube, daß sie der kleinen Lucy den Unstnn übn das Armenhaus in den Kopf gesetzt hat." Wo ist denn aber meine-Nichte?" fragte Archer erregt, von schrecklicher Angst gefoltert. Nach dem Vegräbniß verließ sie mit Peggy m;m Haus. Sie wollten zufammenbleiben, sagten sie die tollste Idee aber " Wo wohnt diese Peggy? Und eine Blumenverkäufcrin ist ste, sagtet Jr?" Ja, gnädiger Herr! Ich weiß nicht ganz genau, wo ste wohnt, aber ich glaube in der Gegend von Westminster. Es thut mir sehr leid, gnädiger Herr. Ich that wirklich mein Bestes, alles, was in meinen Kräften stand. Wenn ich nur gewußt hätte " Mit einer brüsken Handbewegung schnitt John Archer ihren Redeschwall ab und unterdrückte die nutzlosen Bor--würfe, die ihm auf der Zunge schwebten. War er schließlich nicht am meisten zu tadeln? Wenn er vor zwölf Jahren nicht so hartherzig gegen die Schwester gewesen wäre, so würde sie nicht im fremden Lande in Armuth gestorben sein, und wenn er am gestrigen Abend aber noch wollte er sich die ganze Tragweite seiner Engherzigkeit nicht ausmalen. Und selbst wenn es wirklich Lucys Kind gewesen sein sollte, dem er eine so harte Behandlung hatte zutheil werden lassen, so war in diesem Falle das Unrecht noch wieder gut zu machen. Hurtig drückte er der Frau einige Goldstücke in die Hand, verließ dann rasch das Haus und sprang in eine vorüberfahrende. Droschke, mit dem Befehl, ihn nach Westminster zu bringen. Aber hier war das Suchen schwer, und erst nachdem er einige Stunden verschiedene schmutzige, widerliche Hintersiraßen und alte Häuser durchwandert hatte, gelang es ihm, Peggys Wohnung ausfindig zu machen. Meint Ihr Peggy, die Blumenverkäuferin?" fragte eine alte Frau, die er beim Eintritt in das schmutzige, baufällige Haus, in dem jedes Zimmer eine Familie beherbergte, um Auskunft bat. Die gute Peggy, die vor einigen Wochen ein kleines, fremdes Mädchen mitbrachte? Ja, gnädiger Herr, die wohnt hier. Ach, sie ist ein gutes, liebesDing!" Ist sie. jetzt zu Hause?" fragte Archer erregt. Sie und das andere Kind, von dem Sie sprechen? Ich wünsche dringend, die beiden zu sehen." Ach. das thue ich ja auch!" rief die alte Frau. Und ich dachte, Sie brächten mir Nachricht von ihnen." . So sind sie also nicht hier?" fragte Archer, blaß werdend. Das kleine Mädchen 4 Die alte Frau schüttelte den Kopf. Seit gestern Morgen, wo sie sich auf

den Weg machten, um ihre Stechpalmen zu verkaufen, habe ich keines von ihnen gesehen. Die armen kleinen Dinger!" jprach sie traurig. Und es war eine häßliche, bitter kalte Nacht, um sie draußen zu verbringen, und in nen hatten sie nichts als ein Stüöchen trocken Brod vom vorhergehendenTage. Gott gebe, daß sie nicht beide zu Tode gefroren sind!" Können Sie mir vielleicht sagen, wie sie gestern gekleidet waren?" Gewiß, gnädiger Herr! Peggys Anzug bestand fast nur aus Lumpen, aber Lucy hatte ein ordentliches Kleidchen aus dunkelgrünem Plaidstoff " Sie brach jäh ab, erschreckt durch des Mannes verzerrte Gestchtszüge. Aber mit Aufbietung seiner ganzen Kraft gelang es ihm, sich zu beherrschen, und der Frau ein Goldstück in die Hand drückend, mit Angabe seiner. Adresse und dem Versprechen einer weiterenBelohnung für jede Nachricht von den vermißten Kindern, verließ er das Haus und fuhr nach der Polizei, um die Angelegenheit nun in deren Hände zu legen. Wieder war es Weihnachten und auf den Straßen wcgte und wallte es von einer hastig daherschreitenden, erwartungsfrohen Menschenmenge, und wieder wie an jenen: Weihnachtsabend vor nunmehr zehn Jahren wand sich John Archer durch das Gedränge. Aber jetzt war seine ehemals hohe, aufrechte Gestalt leicht gebeugt, sein Haar schneeweiß und die harten, grauen Augen trugen einen weichen, sehnsuchtsvollen Blick. Zehn Jahre der Reue und Gewissensbisse hatten ihren Stempel auf ihn gedrückt. Denn alle seine Bemühungen, die verwaiste Nichte aufzufinden, waren ohne Erfolg geblieben. Es war, als ob die Erve oder das Wasser die beiden Kinder verschlungen hatte; 'sie waren verfchwundev, ohne eine Spur hinter sich zu lassen. Seit jenem Abend, wo ihm durch seine eigene Schuld das Kind seiner Schwester verloren gegangen, wurde John Archer von einer rastlosen Unruhe hin und her getrieben; und ganz besonders am Weihnachtsabend hielt es ihn nicht in seinem öden, einsamen Hause, welches ihm noch verlassener däuchte durch den immer gegenwärtigen Gedanken an das, was hätte sein können. So streifte er auch heute in den Straßen umher, wie er es so oft in all' den Jahren gethan hatte, immer in der stillen Hoffnung, die so heiß Cesuchte endlich doch noch zu finden. Wie gewöhnlich tvXt er feine Schritte nach den ärmeren Vierteln der großen Stadt. Hier war er seit Langem'eine wohlbekannte Erscheinung, und er besaß' in so manchem Hause ergebene Freunde, die er fast alle von dem Geschick, das, wie er fürchtete, Lucy betroffen, errettet hatte. Sie war die letzte gewesen, deren flehentliche Bitte er unocachtet gelassen. Reue hatte die harte Kruste seines Herzens geschmolzen und ihn zum Tröster und Helfer der Armen und Elenden gemacht. An diesem Abend gab es echtes Weihnachtswettcr. Millionen Sternchen funkelten am tiefblauen Himmelsdom und ein angenehmer, leichter Frost erfüllte die klare Luft. John Archer war den Themse - Kai entlang gewandert und schritt nun über die Westminster - Brücke. Sinnend blickte er in das dunkle Wasser, in dem sich zahllose Sternchen zitternd wiederspiegelten. Ob wohl Lucy ihr Grab in .dieser eisigen Tiefe gefunden hatte? Ach! Würde es ihm wohl jemals gelingen,' hinter das Geheimniß ihres Schicksals zu kommen? Mit einem qualvollen Seufzer wandte er stch ab, um feine Wanderung wieder fortzusetzen. Eine armselig gekleidete, blasse Frau, mit einem Kinde auf dem Arme, während stch ein anderes an ihren Rock klammerte, die Hände voll Stechpalmen, überschritt gerade den Fahrweg. In demselben Augenblicke kam ein betrunkener Kutscher unter lautem Gejohle mit seinem Fuhrwerk in voller Karriere angesaust. ' Durch den Lärm erschreckt, blieb das kleine Mädchen stehen. Die durch ihre Last in jeder Bewegung behinderte Mutter bemühte sich zwar, das Kind mitzuziehen, doch es strauchelte und fiel gerade vor die Hufe des Pferdes. Der Mutter Angstschrei hallte durch die Luft, und als Archer des Kindes blasses, erschrecktes Gesicht um Hilfe flehend emporgerichtet sah, stürzte er, ohne, sich einen Moment zu besinnen, zu. . Mit starker Hand fiel er dem Pferde in die Züel und brachte es zum Stehen. Im nächsten Augenblick lief das kleine Mädchen ganz unversehrt zu der glücklichen Mutter, während sich ein dichter Kreis von Menschen um die auf der Fahrstraße liegende Gestalt John Archers sammelte. Es war dem Verletzten, als ob er in dem Gewoge der ihn umschwärmenden Gesichter, die wie Ebbe und Fluth an ihm vorüberzogen, das blasse, so heiß gesuchte Kindesantlitz erblicke; dann hob man ihn empor, ein heftiger Schmerz durchzuckte seinen Körper, eine dunkle Wolke legte sich vor seine Augen und er war bewußtlos. Aber wunderbar als er einige Stunden spater seine Augen aufschlug, erblickte er wieder das nämliche Antlitz." Aber jetzt nicht mehr in krankhaf-, ter Blässe, sondern rosig und heiter, und so ähnlich seiner Schwester Lucy, daß er unwillkürlich die Lider wieder

schloß, weil er zu träumen glaubte. Jedoch ein heftiger Schmerz im Arm bewies ihm seinen Irrthum und brachte ihm auch das Ereigniß vom vergangenen Abend wieder vor die Seele. Aber wie kam Lucy hierher? Und so jung und lächelnd, wie er stch ihrer aus früheren Jahren erinnerte? Nur die weiße Haube und Schürze waren ihm fremd. Es muß doch ein Traum sein!" murmelte er. Lury ist ja todt!" Phantasirt er?" hörte er eine Stimme fragen, in Lauten, die ihm vertraut waren. Nein, er ist ohne Fieber!" entgegnete eine männliche Stimme. Hebn gens ist Ihr Name nicht auch Lucy, Schwester Ramsay?" Ja, Herr Doctor!" kam die Antwort. Und es war wirklich kein Traum. Hier im Hospital fand John Archer die so schmerzlich Gesuchte und wurde so für seinen Opsermuth auf's Schönste belohnt. Später, als Onkel und Nichte sich allein befanden und es zu einer langen, vertraulichen Aussprache kam, wurde John Archer auch über das geheimnißvolle Verschwinden Lucys aufgeklärt. An jenem Weihnachtsabend vor zehn Jahren, als die beiden Kinder, halbtodt vor Kälte und Hunger, alle Versuche, ihre Stechpalmen zu verkaufen, aufgegeben hatten und sich verzweifelt in die feuchte Ecke drängten, hatte Lucy in einem zufällig Vorübergehenden einen australischen Freund ihres Vaters erkannt und ihn angerufen. Sehr erstaunt, die Kleine in dieser mißlichen Lage zu finden, hatte Mr. Robert Merton, dem Lucys Vater einst in großer Noth beige.standen, beide Kinder in sein Hotel "genommen, wo eine kräftige Mahlzeit und gute Nachtruhe ihre Lebensgeister wieder erfrischt hatten. Am nächsten Morgen waren alle drei nach Liverpool gefahren, von wo aus sich Robert Merton zwei Tage später nach Amerika einschiffte. Er hatte Lucy bei feiner Mutter gelassen, Peggy aber nach Canada mitgenommen, wo es ihr gut ergangen war und ste stch glücklich verheiratet hatte. Die alte Mrs. Merton hatte zwar einige Versuche gemacht, die Verwandten von Lucy aufzufinden, aber sie hatte das liebliche Kind gleich so in ihr Herz geschlossen, daß sie über dasMiß lingen derselben sehr glücklich war. So hatte Lucy Ramsay bis zum Tode der alten Dame der vor einem Jahre erfolgte' bei ihr gelebt. Dann war sie nach London übergesiedelt, um sich der Krankenpflege zu widmen. Dieser Berns sollte nun einen schnellen Abschluß finden. Da ich zehn lange Jahre vergeblich nach dir gesucht habe, beabsichtige ich nicht, mich wieder von dir zu trennen, mein theures Kind," sprach Archer be wegt. Ich muß mich ja für das verlorene Glück eines halben Menschenlebens entschädigen. Heile mir nur erst schnell diesen langweiligen Armbruch und dann wollen wir sehen, ob wir beide nicht auch so glücklich zusammen leben können, wie einst deine Mutter und ich." John Archers Hoffnung ging in Erfüllung. Am nächsten Weihnachtsabend verrieth schon von außen das hell erleuchtete Haus, daß innen Glück und Freude eingezogen war. Und der alte Mann dankte Gott aus ausrichtigem Herzen, daß er ihm noch einmal die so lange entbehrten glücklichen Tage wieder geschenkt hatte.

Aerzte. )r. j.. A. Sutcliffe, Wund-Arzt, Seschlechts-, Urin- unl,Rectum Krankheiten. C?ff cc : 155 OS Marktt Stt. Tel. &41 Cftlu6teaM : IM 18 Uhr . : t III 4Vx. )r. Carl Q. Winter Deutscher Arzt. gehandelt alle akute und chronische Krankhetten. SeburtShülfe Spezialität. Osstee: Wett Ohio OtV. offiStld: 1011 8k. 4 9U$K. eoiBtoQl : ksiou. Neu it. oynnng: 1X60 Radis, 5. preastuuk : 7 S vonutag : 6 ach. Oohnvng Telephon : , Mit. QM 1 eu. 2 Die besten...: Jndlana Sitnninons Kohlen $3.00 per Tonne ycacotk Kohlen, 3 per Tonne Beste Kohlen für ocyöfcn. Alle anderen Sörten für Furnace oder Heizofen. Wir gehören nicht zn dem Trust. Home Fuel Co. n! Ölt Phone, Nain Ilss.