Indiana Tribüne, Volume 28, Number 132, Indianapolis, Marion County, 26 January 1905 — Page 7
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Hinter verschlossenen Chürcn ticman vcn Paul d'Aigvemont - - r H--x Zßv HIV ri lFortsetzung.) Sie hegen keinen -Argwohn gegen Jemand, haben auch nichts Wahrgenommen und beobachtet, das uns dazu verhelfen könnte, den Schleier dieses Eeheimnisses zu lüften?" Nein. Herr Staatsanwalt. Sonst würde ich es ja selbstredend für meine Pflicht halten, Ihnen davon Mittheilur.g zu machen," versetzte Violette mit Wärme, indem sie ihm offen in's Auge schaute. Hexte die Marquise Feinde?" Sicherlich ist sie von einer Menge Leute beneidet worden, allein ich wüßte Niemand, den ich als ihren persönlichen Feind bezeichnen könnte." Dann gestatten Sie mir, noch einen Punkt zu berühren, den ich nicht übergehen darf, um auch nach dieser Seite hin Klarheit zu gewinnen. Die Marquise war eine schöne Frau und spielte eine große Rolle in der Pariser Gesellschaft. In solcher Lage lernt man eine Menge Leute kennen, wird umworben und umschmeichelt, und es entspinnen sich da oft Beziehungen " Alles das trifft bei meiner Kousine nicht zu. Ihr Verhalten war. auch wenn man den allerflrengsten Maßstab anlegt, tadellos nach dieser Richtung hin. Ihr Charakter war auch viel zu kalt, als daß sie je einer derartigen Versuchung hätte nachgeben können." Es scheint aber doch ganz unerklärlich, daß Jemand in ein festverfchlossenes Zimmer Zutritt gewinnen kann ohne das EinVerständniß und die BeiHilfe derjenigen, die sich darin befindet." Gesetzt den Fall, es wäre so wie soll dann aber nach Ihrer Ansicht die betreffende Person wieder hinausgelangt sein, da Sie doch überall die Riegel vorgeschoben und die Schlüssel umgedreht gesunden haben?" Ja, das ist mir eften auch ein Rathsel." Nachdem Fräulein v. Lacroix entlassen worden war. erschien Bissus, der die Familie v. Plessts, insbesonder: Horace und seinen Bruder von Jugend auf kannte. Die gleichen wissenschaftlichen Neigungen hatten den Marquis und Bissus zusammengeführt und ein enges und dauerndes Freundschaftsband um die beiden geschlungen. Beide waren in jungen Jahren gleich mittellos gewesen; gemeinsam hatten sie das Land auf der Suche nach alten Dokumenten und Chroniken durchstreift, und bei Pfarrern, Notaren oder Schloßverwaltern danach geforscht. Horace war überaus anspruchs- und bedürfnißlos; er lebte ausschließlich in seinen Studien, die ihm alles ersetzten. Dann hatte die Verheiratung mit Fräulein Lemarchand, die eine Mitgift von mehreren Millionen in die Ehe brachte, seine finanzielle Lage freilich mit einem Schlage verändert. Allein seinen Studien war er treu geblieben und auch seinem bisherigen Genossen, der nun als sein wohlbestallter Sekretär weiter mit thm arbeitete. Der Staatsanwalt äußerte sein Erstaunen darüber, daß ein so gearteter Mann den Ehebund mit einer glänzenden Weltdame geschlossen habe. Dabei haben doch wohl die Millionen des alten Herrn Lemarchand eine wesentliche Rolle gespielt," memte er. Nem. ganz bestimmt nicht, versicherte Bissus. Eher hat er sich wohl durch d:e Erwägung bestimmen lassen. hinfort feine geliebten Studien betreiben zu können, ohne den Geldpunkt erwägen zu müssen. In keinem Falle aber wurde er Fräulein Lemarchand geheirathet haben, wenn er nicht eine aufrichtige Neigung für sie empfunden hätte Wenn das Ehepaar in Paris weilte, pflegte die Marquise an allen Festlichleiten der vornehmen Welt theilzuneh men und auch selbst solche zu veranstalten. War das dem Marquis nicht lastig, beklagte er sich me darüber? Im Gegentheil, er freute sich, wenn seine Frau eine g'nzende Rolle spielte. Oftmals äußerte er: meine Frau ist ge gen mich unverbesserlichen Bücherwurm immer so rücksichtsvoll, daß es höchst unrecht von mir wäre, wollte ich nicht auch ihren persönlichen Neigungen Rechnung tragen." Zur Aufklarung des Verbrechens selbst wußte der Gelehrte mcht das Mindest: anzugeben. Tann kam Jeannie an die Reihe. Die leicht erregbare, heißblütige Südländerin machte kein Hehl daraus, wie sehr die Verstorbene Fräulein v. Lacroir beleidigt und gequält habe; an dererseits hob sie dann um so rühmender hervor, mit welcher Geduld Violette alle diese Unbilden ertrug. Irgend etwas von thatsächlichem Belang wußte sie nicht anzuführen. Auch die Aussagen des übrigen Dienstpersonals forder ten nichts zu Tage, was zur Aufkl'arung des Falles dienen konnte. Von Interesse war emzig und allem der Be richt jenes Dieners, welcher der Marquise, während ihr Schwager sich bei ihr befand, gemeldet hatte, daß man sie im Spenesaal erwarte. Der Mann erklärte nach anfänglichem Zögern, daß zwischen seiner Gebieterin und dem Grafen offenbar eine ziemlich erregte Auseinandersetzung stattgefunden habe. Er habe draußen gehört, daß der Gras geiagt: Ist das Ihr letztes Wort?
und auf 'die bejahende Antwort der
Marauise habe der Graf in drohendem Tone ausgerufen: Nehmen Sie sich in acht! Nehmen Sie sich in acht!". Wahrend der utscher herdeigehott wurde, der Gratien zur Bahn gefahren hatte, traten der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter an eines der Fenster und besprachen mit leiser Stimme das soeben Vernommene. Sollte das vielleicht die zu versolgende Spur sein, nach der wir bisher vergeblich geforscht haben?" fragte Jeantel. Vielleicht!" versetzte Servian. Jedenfalls müssen die Nachforschungen mit der größten Vorsicht und so im geHeimen angestellt werden, das Niemand etwas davon gewahr )vird, am allerwenigsten der Betreffende selbst. Sonst ist die Sache von vornherein aussichtslos. Graf Gratien ist em sehr feiner Kopf und in dieser Hinsicht seinem Bruder weit überlegen. Ferner kennt er keinerlei Skrupeln und verfugt über eine bemerkenswerthe Energie. Er besitzt einen brennenden Ehrgeiz und die Sucht nach Luxus und Wohlleben." Sehen Sie wohl, Sie hegen fchon selbst Ärgwohn gegen ihn," meinte der Staatsanwalt. Bis der Fall aufgeklärt ist. beargwohne ich alle Welt," erklärte Servian. Vorläufig ist die Geschichte so dunkel wie nur möglich. Alle unsere bisher:gen Feststellungen nöthigen zu der Annähme, daß irgend eine geheime Verbindung da ist, durch die der Mörder unbemerkt in das verschlossene Zimmer der Marqmse gelangen konnte. Aber weder Bissus, der Vertraute des Marquis, noch Fraulem v. Lacroix, die rnnerhalb dieser Mauern herangewachsen ist. wissen etwas davon. Exisürt em geheimer Gang trotzdem und kennen ihn vielleicht nur die Sohne des Hauses i Wer vermag uns das zu sagen? Der eine schwebt in Lebensgefahr, und der andere wird in jedem Fall so thun, als ob er nichts davon wüßte." Jeantel nickte nachdenklich mit dem Kopfe. Nach einer Weile fragte er: Können Sie sich irgend em Motiv denken. das dem Grafen den Wunsch nahe gelegt hätte, seine Schwägerin beiseite zu schassen? Sie. sind ja aus hiesiger Gegend gebürtig und kennen die beiden Brüder von Jugend auf." Ich kann darauf keine bestimmte Antwort geben. Es hieß einmal, Gratien habe Fräulein Lemarchand selbst den Hof gemacht und sich mit der Hoffnung getragen, sie heimzuführen. Ich weiß aber nicht, ob das wahr ist. Jedenfalls hat sie, sobald sie Horace kennen gelernt hatie. Niemand darüber im '$nttl geladen, datz er der Mann ihrer Wahl sei." Und wie nahm der Graf das auf?" Man hat ihm keinen Aerger und keine Enttäuschung anmerken können. Auch wußte er sich die neue Lage sofort zu nutze zu machen, indem er bei Herrn Lemarchand eintrat. Vorher hatte er eine Zeitlang Medizin studirt, wenn auch nicht ernstlich, wie ich glaube; jetzt wurde er Kaufmann und Industrieller. Er soll, wie ich gehört habe, als solcher sehr tüchtig sein und dem alten Lemarchand gute Dienste leisten." Immerhin müßte man zunächst nach dieser Richtung hin Nachforschungen anstellen, meine ich." - In diesem Augenblick trat der herbeigeholte Kutscher ein, und das Verhör wurde nun wieder aufgenommen. Nach dem Berichte dieses Mannes war der Graf noch knapp zu dem nach Paris gehenden Achtuhrzuge zurecht gekommen. Der Kutscher hatte gesehen, daß der Graf eingestiegen und abgefahren war; der Vahnhofsinspektor selbst, der Gratien und seinen Bruder gut kannte, hatte, weil die Zeit drängte, ihm seine Fahrkarte gebracht und in den Wagen gereicht. Nachdem dieVernehmung der Schloßinsassen bereits beendet war, wurde den Herren vom Gericht noch eme alte Frau aus der Umgegend vorgeführt. Sie hatte draußen im Schloßhof unter ihren Bekannten wichtig gethan mit dem, was sie in der verflossenen Nacht gesehen haben wollte. Das war von einem aus der Dienerschaft gehört worden, der sie dann mcht mehr losgelassen und trotz ihres nunmehrigen Straubens m das Schloß gebracht hatte. Sie war seit vierzig Jahren in Ailly als Hebamme ansässig und in der vorigen Nacht von Bellancourt heimgegangen, wo sie einer armen Frau Beistand geleistet hatte. deren Mann ihr auf dem Heimwege das Geleite gab. Als sie in der Nähe von Schloß Saint-Luc onkamen, gewahrten sie in dem sonst ganz dunklen Bau ein sich seltsam hin und her bewegendes Licht, das ihrem Begleiter eine solche abergläubische Scheu einflößte, daß er ausriß und die Alte allein ließ. Aber weshalb denn nur?" forscht: der Untersuchungsrichter erstaunt. Ei nun, Sie wissen doch: es war die Nacht der Todten. Man sagt, daß die armen Seelen dann zurückkehren, um die Lebenden zu bitten, daß sie für ihr Seelenheil deten. ,Das ist eine arme Seele aus dem Schloß,' hat Janvier zu mir gesagt. .Die kann auch zu uns herauskommen.' Und damit ist er heimgerannt.- Ich habe dann meinen Weg allem fortgesetzt." Und was wurde aus dem Licht?" (ragte Servian. Haben Sie es auch ernerhin ncr) gesehen?" Zunächst nicht mehr. Aber auf dem Hügel hinter dem Park hab' ich ir';ch noch 'mal umgedreht. Da sah ich es von Neuem, wie es im Thurm in die Höhe stieg. Vorher war es unten gewesen." In welchem Thurm?" warf Jeantel nicht ohne Spanrmng ein. In dem
mit der Wendeltreppe?" Er hätte dabei den östlichen Thurm im Auge, in dem das Toilettezimmer der Marquise lag. Was für eine Treppe? -erwiderte die Alte verständnißlos. Sie kannte offenbar die innere Einrichtung des Schlosses nicht. Es gibt eine Wendeltreppe in dem Thurm, der nach Francieres zu liegt," erläuterte Servian. O nein," versetzte die Hebamme sofort mit großer Bestimmtheit. Diesen Thurm kann man ja von dem Hügel aus gar nicht mehr sehen. Nur den Thurm, der nach Ailly zu liegt, und in
dem bewegt sich das Licht. Der Staatsanwalt schüttelte den Kopf, aber Servian sagte leise zu ihm: Ich glaube, daß die Alte mit ihrer letzten Angabe recht hat, werde mich aber an Ort und Stelle davon überzeugen." Dann fügte er laut hinzu: Um welche Zeit war denn das 's ..-Es scblua kalb drei auf dem Kirchthurm in Ailly, als ich daheim anlane. Saben Sie sonst noch etwas Besonderes gehört oder gesehen?" Die alte Frau verneinte und wurde darauf entlassen. .Sollte sich der aebelme Äuaana. dessen Vorhandensein wir vermuthen, vielleicht in dem anderen Thurm befinden?" Die ganze Breite des Schlosses läge dann noch zwischen ihm und den Eemachern der Marqmse. Doch wir werden ja sehen." Die Zeit könnte ungefähr stimmen. Um halb drei herum mag der Mord wohl verüb! sein." Das wenigstens werden wir durch die Sektion bestimmt erfahren," meinte der Untersuchungsrichter. 4. Kapitel. em Abbe Perrin war es als eine harte Zumuthung erschienen, daß er dem armen Vater' die Kunde von dem entsetzlichen Ende seiner Tochte: überbringen sollte. Allein er sah wohl ein, daß Niemand sonst augenblicklich dazu in der Lage sei, und so hatte er sich denn in. das Unvermeidliche gefügt. Er war um fünf Uhr Nachmittags auf dem Pariser Nordbahnhof eingetroffen, und faß nun zitternd und zagend in dem Empfangszimmer des l."ten Herrn Lemarchand, um dessen Rückkehr von der Fabrik m Samt-Dems zu erwarten. Zirmin, der Kammerdiener, der den Aboe kannte und wußte, wie hoch sein Gebieter den trefflichen Pfarrer schätzte, schürte das Feuer im Kamin stärker, als er sah, wie jenen fröstelle. Er schrieb das nur der äußerlichen Einwirkung der Kalte zu, und bat den Abbe, doch inzwischen. em Glas Wein zu sich zu nehmen. Perrin schlug das nicht aus, da er wohl fühlte, daß er eine Stärkung nöthig habe, allein er wurde nicht gefaßter dadurch, und als er endlich den Wagen in die Thoreinfahrt rollen hörte, wäre er am liebsten aus dem Zimmer geflüchtet. Gleich darauf trat Jacques Lemarchand ein. der Mann, der sich vom einfachen Arbeiter durch eigene Kraft zu einem der reichsten Großindustriellen des Landes aufgeschwungen hatie. Er war groß und mager und ging etwas gebückt; die grauen Augen leuchteten nur bei besonderen Anlässen auf. während sie für gewöhnlich einen sanften und etwas kalten Ausdruck hatten. Die fachwissenschaftlichen Kenntnisse, über die er verfügte, wie den gesellschaftlichen Schliff hatte sich Lemarchand erst in späteren Jahren zu erwerben vermöcht, aber man sah es dem Manne auf den ersten Blick an, daß er etwa-' Besonderes war und nicht zu den gewohnlichen Naturen zählte. Sein Ansehen in der gesummten kaufmännischen und industriellen Welt konnte nicht höher sein. Sein bloßes Wort galt ebensoviel wie seine Unterschrift. Er hatte sich zu seiner Zeit mit einem unvermögenden Mädchen verheirathet; sie war nicht einmal besonders hübsch gewesen, wohl aber sanft, 'gutherzig und intelligent. Leider starb sie noch an demselben Tage, als sie Laure das Leben gegeben hatte. Jacques Lemarchand trauerte im Stillen und ohne äußerliche Kundgebungen um sie; er blieb ihrem Andenken treu und übertrug seine ganze Liebe auf das Kind, das sie ihm hinterlassen hatte. Leider nahmen seine Geschäfte schon bald einen so riesigen Umfang an, daß er sich persönlich nicht viel um die Erziehung seiner Tochter kümmern konnte. Von allen Seiten umschmeichelt und verwöhnt, wurde Laure hochmüthig. anmaßend und selbstsüchtig. Daß aber auch sie etwas von der scharfen Menschenkenntnlß und dem richtigen Empfinden des Vaters mitbekommen, hatte sie damals bewiesen, als sie ihm erklärte, daß sie nie einen anderen Gatten nehmen werde, als den Marquis Horace v. Plefsis Saint-Luc. Für seinen Schwiegersohn empfand der reiche Großindustrielle eine väterliche Zuneigung, aber auch Violette hatte in jener neuen Familie sein ganzes Herz und seine volle Hochachtung gewonnen. Er sah recht wohl, was Fräulein v. Lacroix bei seiner Tochter durchzumachen hatte, wenn er sich auch den Anschein gab, das nicht zu bemerken. Sie erregte seine Bewunderung durch die Eeduld und stolze Gelassenheit, mit der sie aus Liebe zu Reine-Marie und um ihres Bruders Andre willen alles ertrug. Er suchte .sie wenigstens dadurch zu entschädigen, daß er bei jeder Gelegenheit ihr die zarteste Arfmerksamkeit und Rücksichtnahme erwies und ihr die Versicherung' gab, daß er für Andres Zukunft gärantire. .
Bei dem Anblick des Pfarrers überflog ein Lächeln das Gesicht des Millionärs. Sieh da, unser Abbe!" sagte er aufgeräumt. Was für ein guter Wind führt Sie hierher, lieber Freund?" Allein in demselben Augenblick gewahrte er das verstörte Aussehen des Pfarrers und fragte erschrocken: Mein Gott, was haben Sie denn? Es ist doch in Saint-Luc nichts passirt?" Und als Perrin bekümmert nickte, fuhr er fort: Reine-Marie? So sprechen Sie doch!" Nein. Reine-Marie geht es gut," versetzte der Pfarrer leise. , Also , mein Schwiegersohn? Oder Violette?" Beidemal verneinte der Pfarrer durch eine Kopfbewegung. Da schrie der unglückliche Vater auf: Also meine Tochter. Mas ist ihr zugestoßen? So reden Sie doch! Ist ein Unglück geschehen?" Jawohl, ein schreckliches," brachte der Pfarrer endlich hervor. Sie ist todt." Todt?" stöhnte Lemarchand auf. Dcmn stürzte er wie eine vom Sturm entwurzelte Eiche auf den Teppich hin. Der Abbe, der sich nicht mehr zu helfen wußte, rief laut um Hilfe. Diener eilten herbei, und schassten den Ohnmächtigen in sein Zimmer, und es gab
eine Szene allgemeiner Verwirrung. Gleich darauf trat em zunger Mann von etwa zwanzig Jahren in den Salon. Er war einfach, jedoch mit vor nehmer Eleganz gekleidet. Sein schwarzes Haar trug er kurz geschnitten; darunter sah man eine breite, gut entwickelte Stirn und braune, klarblickende Augen. Wie glücklich trifft es sich, daß Sie kommen, Her Andre!" rief der alte Firmin bei seinem Anblicke erleichtert aus. Der Abbe drehte sich lebhaft herum und umarmte den jungen Mann. Ja," seufzte er, Dich schickt der Himmel, um uns in diesem Unglück zur Seite zu stehen." Unglück?" rief Andre mit bebender Stimme. Ein Unglück auf SamtLuc? Ich will doch nicht hoffen" ' Beruhige Dich." versetzte der Abbe, feine Gedanken errathend, Violette ist wohlauf" er sowohl wi? Herr Lemarchand duzten den jungen Herzog Andre von Lacroix-Marbourg, den sie von klein auf kannten, nach alter Gewöhn-heit-es ist die Marquise. Gott fei ihre? armen Seele gnädig!" Also ist sie todt?" rief Andre erschüttert. Und Lemarchand weiß es?" Perrin nickte. Armer, armer Vater!" murmelte der junge Mann, ich muß zu ihm, ihn trösten." Und er eilte in das Arbeitszimmer des Fabrikherrn, wo dieser auf dn Diwan ausgestreckt lag. Eben schien er aus seiner Ohnmacht erwacht zu sein. Als er Andre, der durch einen Wink die Diener hinausgeschickt hatte, über sich gebeugt sah, erkannte er ihn sofort: Andre," sagte er mit schmerzlicher Betonung, meine Tochter ist todt!" Dann richtete er sich aber, wenngleich nicht ohne Anstrengung, auf und fügte hinzu: Komm mit mir. Wir wollen sofort Hinreisen. Erkundige Dich, wann der nächste Zug geht, und bestelle den Wagen."' Der junge Herzog ging hinaus und ließ sich von Firmin ein Kursbuch geben, aus dem er ersah, daß in einer halben Stunde ein Schnellzug abfahre. Er befahl das Anspannen des Wagens, setzte eine Depesche für Bissus auf mit dem Ersuchen, man möge einen Wagen nach Amiens an die Bahn senden, da jener Zug nicht weiter ging. Dann fuhren sie mit dem Abbe Perrin zur Bahn. In düsterem Schweigen saßen alle drei da bis der Zug in Amiens anhielt. Erst als sie in dem von Saint-Luc gesandten Wagen durch die Nacht dahinfuhren, gewann Lemarchand es über sich, den Pfarrer nach den näheren Umständen zu fragen, unter denen der Tod seiner Tochter erfolgt sci. Nun mußte Perrin das Entsetzliche berichten; freilich konnte er nur die kurze Angabe mittheilen, die in dem Briefe des Sekretärs enthalten gewesen war. Es war fast Mitternacht, als die erleuchteten Fenster des Schlosses vor ihnen aus dem nächtlichen Dunkel auftauchten. Bissus und Doktor Bordier empfingen die Ankommenden am Fuße der Freitreppe. Lemarchand, der sich mit Gewalt zu einer festen Haltung zwang, verlangte sofort zu der Verstorbenen geführt zu werden. Der Arzt hatte nach vollendeter Sektion die Einbalfamirung der Leiche vorgenommen, die dann in dem Schlafzimmer aufgebahrt worden war. Still und friedlich ruhte nun die Todte auf ihrem Lager im Glänze der ringsherum aufgestellten Kerzen. Pauline und zwei barmherzig? Schwestern hielten die Todtenwache. Völlig gebrochen sank der arme Vat'" an dem Lager der heißgeliebten Tochter nieder. Es dauerte lange, bis man xa dazu vermochte, sich von dem herzzerreißenden Anblick zu trennen, und er sich von' Andre in das Vorzimmer führen ließ. Dort sank er erschöpft auf einen Stuhl, bestand aber darauf, ungesäumt zu erfahren, was bisher geschehen sei, um das schreckliche Ende seiner Tochter aufzuklären. (Fortsetzung folgi.) O. b d a ch l o s e , in der Zahl von rund 5,000,000, .haben im Berliner Asylverein' während seines 36jährigen Bestehens mit einem Kostenaufwand von etwa 1.800,000 Mark Unterkunft gefunden.
csahrcn Des Winters. Erkältungen und Erfrierungen und Mittel gegen die Uebel.
Einwirkung der Kälte auf den Körper Nns gesprungene Hände und Frostbeulen-Cr frorcne Nasen nd Ohre Behandlung Erstarrter. Der Winter ist ein zweideutiger Geselle. Auf der einen Seite beschert er uns allerlei Lustbarkeiten, auf der andern Erkältungen und erfrorene Gliedmaßen. Die Kälte schreitet bei ihrem Angrisse auf den menschlichen Körper etappenweise vorwärts. Anfänglich bewirkt der Kältereiz ein Zusammenziehen der feinen Blutgefäße in der Haut. Dadurch wird eine Art Blutleere hervorgcrufen, und die Haut nimmt ein weißes, wächsernes Aussehen an. Später macht sich der vermehrte Blutdruck aus dem Inneren des Organismus wieder geltend; die verengten Blutgefäßchen werden ungewöhnlich erweitert, das eingetretene Blut staut sich in ihnen, und die Haut färbt sich roth bis blauroth. Dauert der Kältereiz längere Zeit an, so tritt das Blutwasser in die Hautschichten ein und bildet Blasen. Mit dem Fortschreiten der Kälteeinwirkung in das Innere des Organismus wird der Blutlaus immer mehr gehindert; die Ernährung des erfrorenen Gliedes wird unterbrochen, und es kommt zum Absterben der betreffenden 'Gewebepartien, das stch in dem sogenannten Brand äußert. Die Glieder bilden dann eine todte Masse, deren flüssige Bestandtheile zu Eistheilchen gefroren smd, so daß ste bei kräftiger Berührung glatt abbrechen können. Bei höheren Stadien der Erfrierung stellt stch in den geschädigten Gliedmaßen vollkommene" Empfindungslostgkeit ein; so bemerken im Freien nächtigende Personen ost am andern Morgen, daß ihre Füße erfroren sind. Bei den leichteren Graden der Erfrierung bildet die Ursache weniger die unmittelbare Einwirkung der Kälte, als die Verdunstung der der Haut anhaftenden Flüssigkeit. Durch diesen Vorgang wird dem betreffenden Körpertheil Wärme entzogen, und diese örtliche Abkühlung bietet dann erst der Kälte der Luft die geeignete Angriffsfläche. Leichtere Erkältungen treten gewöhnlich bei kühlem und windigem ThauWetter ein und sind in der allerleichtesten Form die aufgesprungenen Hände. Benutzt man eine milde, überfettete Seifenart und trocknet die Hand tüchtig ab, so wird man nicht über aufgesprungene Hände zu klagen haben. Machen stch die ersten Anfänge bemerkbar. so ist der Handrücken, der ja zumeist der Sitz des Uebels ist, mit Vasellne oder Coldcreme und Borlanonm einzureiben und nach der Einreibung mit einem Tuch sanft abzuwischen. Erfrorene Füße und Hände badet man täglich zweimal in einer Schüssel kühlen Wassers, dem man einen Löffel Chlorkalk und mehrere Löffel Essig zugesetzt hat. Drohen die Frostbeulen aufzuplatzen, so bestreiche man sie mit Kampfersalbe, Jodsalbe oder pinsele sie mit Jodtinktur. Natürlich ist das Warmhalten der betreffenden Stellen unerläßlich. Sind die Frostbeulen chronisch, d. h. zu Frostballen geworden, so nehme man geraume Zeit Hindurch aöabendlich warme Bäder, welchen man eine kräftige Einreibung mit Kampferfalbe oder die Auftragung von elastischem Kollodium folgen läßt. Erfrorene Ohren und Nasen behandelt man mit Schneeabreibungen oder kaltem Wasser, wendet auch kalte Umschläge an (Vleiwasser), eventuell die genannten Salben. Bei Erfrierung größerer Gliedmaßen werden neuerdings Hochlagerungen mit Erfolg angewandt, die darin bestehen, daß das erfrorene Bein beziehungsweise der Arm in einer Drahtschlinge so gelagert werden, daß sie senkrechte Stellung bekommen, wodurch ein nur allmäliges Zurücktreten des Blutes bezweckt wird. Natürlich ist eine derartige Behandlung Sache des Arztes. Völlig Erstarrte smd in ungeheizten Räumen mit Schnee und nassen Tüchern abzureiben und dann in ein kühles Bad zu bringen. Ist der Herzschlag wieder wahrnehmbar, so ist das Bad auf 65 Grad Fahrenheit zu erwärmen, nach einigen Stunden bis auf 86 Grad.' Währenddem werden dem Bssinnungslosen scharfriechende Stoffe (Salmiakgeist) unter die Nase gebracht. Ist das Bewußtsein zurückgekehrt, so reicht man ihm starken Wein oder Kognak. Etwa schmerzende Stellen werden weiter durch kalte Uebergießungen behandelt, auch mit naßkalten Tüchern gericbea. Dreizehnjährige Dolm e t s ch e r i n. Ein 13jähriqes Mädchen wird in London fast in jeder Woche als Dolmetscher zu Gerichtssitzungen herangezogen. Sie ist in der Themsestadt die einzige Person, die in Fällen helfen kann, wo Litauer zu vernehmen sind, hat aber auch mehrfach vor andern Dolmetschern den Vorzug erhalten, wenn es sich um die Vernehmung von Polen handelt. Ihr Litauisch lernte sie von ihren litauischen Eltern, und Polnisck war sozusagen ihre Landcssprache. 'Dabei spricht die Kleine, obgleich sie erst wenige Jahre in England ist, das Englische so vollkommen rein, daß jeder sie für eine Engländerin hält. Ihr Vater läßt sie zur weiteren Ausbildung ihres Sprachtalents noch eine deutsche Schule in London be-suchen.
Aus Mukdrnd estrtlrt. " Russische Fahnenflüchtige gelangte tge hindert der die 6rctt)c. Zu den zahlreichen russischen Deserteuren, die sich gegenwärtig in Wien aufhalten, sind kürzlich drei neue gcv kommen, die mehr zu erzählen haben als ihre anderen Genossen. Sie waren . im Reserve-Regiment Maikop Nr. 249, das zu der 63. Reserve-Jnfanteriebri-gade Stawropol des 2. kaukasischen Armeekorps Tiflis gehört. Das Regiment ging am 15. August v. I. von Stawropol im Kaukasus nach dem fernen Osten ab und nach einer Reise von 33 Tagen langte es 24 Werst nördlich von Mulden an, wo es auswaggonirt wurde und Quartiere bezog. Die Ruhe dauerte nicht lange; am sechsten Tage erhielt das Regiment den Befehl, um drei Uhr Morgens in die Gefechtsfront vorzurücken es fanden eben die Rückzugsgefechte von Liaoyang statt. 'Mehrere Stunden vorher descrtirte nun eine ganze Feldwache, bestehend aus einem Unteroffizier und 15 Mann; drei von ihnen darunter auch der Unteroffizier weilen jetzt in Wien. Sie bemerkstelligten ihre Flucht in sehr einfacher Weise: in voller Uniform marschirten sie, dem Standplatze ihrer Truppe ausweichend, eine längere Strecke nach Norden zurück und bestiegen dann in einer Eisenbahnstation den nächsten, in V (O j&4ft A fC CCX Ak AAAMItl
uci iuiuyiumj uuu; vtuiuiu ycyuivui Zug. Niemand kümmerte sich um sie und auch im späteren Verlaufe ihrer Reise kam es nur selten vor daß sie inquirirt wurden, wer sie seien. Der Unteroffizier erklärte dann gewöhnlich, er habe den Befehl, Proviant zu requiriren, was man ihm regelmäßig glaubte; um Fahrlegitimationen wurden sie niemals gefragt. Ein einziges Mal geriethen sie in Gefahr, da sich ein Gendarmerieposten-Kommandant wissensdurstiger zeigte als es seine Kojlegen gewesen waren; einige Rubel, die ihm in die Hand gedrückt wurden, bewirkten, daß er nicht mehr neugierig war. In einigen Städten fanden die Deserteure die Unterstützung geheimer Komites, die sie von ihrer Ankunft zu verständigen gewußt hatten, und so langten sie nach einer Fahrt von 63 Tagen in Warschau an. Dort zogen sie die Uniform aus; ein Komite versah sie mit Civilkleidern und nun zerstreuten sie sich. Der Unteroffizier und zwei seiner Leute wendeten sich an die preußische Grenze, die sie ohne Schwierigkeit überschritten, denn die' russische Grenzwache ließ sie gegen ein Entgelt von fünf Rubel per Mann ruhig Passiren. X. Strahlen zur Auffindung der Perlen. Während man früher genöthigt war, jede einzelne Muschel zu öffnen, genügt jetzt eine Durchleuchtung mit RöntgenStrahlen, um die perlenhaltigcn Muschein von den tauben Stü zu unterscheiden, ein Verfahren, das gegenwärtig in Ceylon, Vorderindien, bereits mit bestem Erfolge ausgeführt wird. Die Vortheile dieser Neuerung sind mannigfacher Art. Zunächst wird außerordentlich viel Zeit gespart. Zweitens wird der Verwüstung der Perlenbänke, an der ohnehin schon genug andere Faktoren,' wie Feinde aus dem Thierreiche und die Versandung des Meerbodens, thätig sind, vorgebeugt, denn die als unfruchtbar erkannten Muscheln werden unversehrt wieder in's Wasser zurückgegeben, da ihre Abtödtung, lediglich um das ziemlich werthlose Perlmutter zu gewinnen, sich nicht verlohnt. Endlich kann man diejenigen Muscheln, in denen man mittelst X-Strahlen kleine, für den Handel noch nicht verwerthbare Perlen vorfindet, unter geeigneten Bedingungen so lange kohserviren, bis die in ihnen enthaltenen Perlbildungen die nöthige Größe erreicht haben. Alte Leute in der Schweiz. Das eidgenössische statistische Bureau hat die Zahl derjenigen Einwohner der Schweiz festgestellt, die am 1. Dezember 1900 mehr als 100 Jahre alt waren. Danach haben am 1. Dezember 1900 563 Personen gelebt, die über 90 Jahre alt waren, die älteste war 1799 geboren. Von den im Laufe des verflössenen Jahres verstorbenen alten Leute haben vier das hundertste Jahr erreicht, die älteste, eine Frau in Wallis, war 102 Jahrealt geworden. Von den 563 Personen, die 2900 90 Jahre alt waren, leben noch 27 Männer und 52 Frauen, zwei Frauen darunter sind über 100 Jahre alt, die eine. Frau Therese Bertina-Alberti in Mairengo (Tessin), ist geboren den 3. Mai 1800, mithin 104 Jahre alt, die andere. Frau Munzinger-Gürtler in Bcsel, ist am 14. Juli vorigen Jahres 100 Jahre alt geworden. Weiter Flug. Eine erschöpfte Brieftaube, welche an einem Fuße eine kleine Messingplatte mit der Inschrift A. C. H. 396" hatte, wurde in Dolgeville. N. I., ge--funden. Adolf C. Harn, ein Taubenfreund, wohnte bis vor einem Jahre in Dolgeville und zog dann nach dem neuen Dolgeville in Süd-Kalifornien, wohin er seine Brieftauben mitnahm. Man glaubt, daß die Taube aus seiner Flucht ist und nach ihrer alte Heimath zurückkehrte. Solch' ein Flug ist jedoch bis jetzt noch nicht dagewesen. Der b e st b e z a h ! t e B otenposten dürfte der des Messengers am Kanzleihofe in London sein. Die Stelle ist mit einem Jahresgehalt von 5500 (1 gleich $4.86) dotirt.
