Indiana Tribüne, Volume 28, Number 131, Indianapolis, Marion County, 25 January 1905 — Page 7

Jndiana Tribüne, 23. Januar 1905.

l11 Hilitrr urrschlajstncn I Z . fflififrn ?

V'"" . . x - - HI l Xloman van Paul d'AZgreznont j - 5 iHrtHiJ? (Fortsetzung.) Sie mißverstehen mich," berichtigte der Arzt. Ob vielleicht noch ein Lebensfunlen vorhanden, wird erst die Untersuchung lehren. Allein von einem Selbstmord kann hier wohl kaum die 'Rede sein. Ter Dolch ist ja von rückwärts her unter dem linken Schulterblatt in den Körper gestoßen worden." In der allgemeinen Bestürzung hatte bisher Niemand das beachtet. Mit Grausen wich Violette einige Schritie zurück und rief erschüttert: Ermordet?... Aber nein, nein das ist ja gar nicht denkbar!" Weshalb nicht?" fragte der Arzt, indem er sich behufs näherer Untersuchung über den Körper beugte. Weil die Schlafzimmerthür von innen verschlossen war. Man mußte sie mit Gewalt erbrechen, damit wir hine'mg:langen konnten." Jawohl," bestätigte Pauline. Und die Seitenthüren, die ich gestern Abend selber verschlossen habe, sind es gegenwärtig noch. Wir haben uns alle davon überzeugt, als wir versuchten, in das Schlafzimmer zu gelangen, weil die Marquise auf kein Klopfen und Rufen antwortete." Dazin stehen wir freilich einem Räthsel gegenüber," versetzte der Arzt, sich wieder aufrichtend. Hier komm' menschliche Hilfe zu spät. Die Mar quise ist todt und zwar .schon seit geraumer Ieit. Die Wafse ist durch die Lunge blZ in's Herz gedrungen. Sie muß sofort todt gewesen sein. Die genauere Untersuchung wird das bestätigen. Ich für meine Person möchte aber keine Aenderungen in der Lage des Körpers vornehmen, bevor nicht das Gericht von Abbeville zur Stelle ist." f Woher stammt aber das Mut auf der weißen Bettvorlaoe?" fragte der .Sekretär. Die Wunde befindet sich doch auf der entgegengesetzten Snte des Körpers." , Wenn die Lunge verwundet wird," erklärte der Arzt, so strömt Blut aus dem Munde. Auf der Schulter ist kein Tropfen Blutes zu sehen; es ist offenbar eine innerliche Verblutung eingetreten." Violette vermochte sich nicht länger aufrecht zu halten. Sie sank in die Kniee und betete für die Todte, die sie bei Lebzeiten so oft gequält hatte. Der Sekretär ließ indessen seine Blicke prüsend durch das Gemach schweifen. Die gesammte Dienerschaft, so weit sie nicht um den Marquis beschäftigt war, stand noch immer in der Nähe der Thür. ; mJst schon Jemand von Euch in einem dieser beiden Räume gewesen?" fragte er, auf das Boudoir und das Toilettenzimme? deutend. Nein, Niemand," erklärte Pauline. . Bissus schloß die beiden Thüren, welche hineinführten, ab und nahm die Schlüssel an stch. Sie werden mit mir den Herren vom Gericht bezeugen, Doktor," sagte er dann, daß Niemand diese Gemächer betreten hat." Gewiß." bestätigte dieser. Was die Leiche betrifft, deren Lage unverändert geblieben ist, so muß sie unter der Obhut unbedingt zuverlässiger Per. sonen bleiben, bis der Staatsanwalt eintrifft." Ich werde hier bleiben," erklärte der Gelehrte. Und ich ebenfalls," sagte Violette. Nein, gnädiges Fräulein," wehrte der Arzt ab, Sie sind augenscheinlich am Ende Ihrer Kraft angelangt. Uebngens bedürfen Ihrer auch die Lebenden mehr als die Todte. Widmen Sie sich jetzt lieber dem Marquis und seiner Tochter." Ich will gern bei Herrn Bissus bleiben," versicherte Jeannie. Violette reichte Beiden ihre Hände. Gut, dann kann ich gehen," versetzte sie. Allein wer wird dem Vater, dem armen Herrn Lemarchand, der seine Tochter so zärtlich liebte, das gräßliche Unglück mittheilen?" Wir dürfen ihm weder brieflich noch durch eine Depesche das Geschehene be richten," meinte der Arzt. Vielleicht könnte ich mit dem nächsten Zuge nach Paris fahren, um ihm die schreckliche Kunde möglichst schonend zu ubcrmit teln." . Das darf nicht sein " widersprach Bissus. Das Gericht wird Sie hier brauchen. Ich selbst muß ebenfalls hier bleiben; wir müssen Jemand anders mit dieser peinlichen Ausgabe oetrauen. Nach kurzer Berathung erschien der Abbe Vernn als die geeignetste Per sönlichkeit dazu. Doktor Bordier schickte sich gerade an, persönlich zu ihm zu eilen, als ein Diener ihm die Mittheilung brachte, daß sein Erscheinen bei dem Marquis dringend nöthig sei. Er babe noch immer nicht das Bewußtsein wiedererlangt, und dabei mache sich eine beängstigende Schwäche wahrnehmbar. Fräulein Reine-Marie habe bisher tapfer ausaebalten. w aber letzt eben falls ganz außer sich vor Angst und Aufregung. : Diese Kunde rüttelte Violette aus ihrer Abspannung auf. Sie eilte mit Doktor Bordier hinaus, während .der Sekretär, jeannie so lange die Todtenwache allein überlassend, eilends Briefe

an den Abbe Perrln, den Maire von Ailly und das Gericht in Abbeville

chneb und. sie dann, durch emen vermenen Eilboten, absandte. Man hatte den Marquis angekleidet auf das Bett in seinem Schlafzimmer gelegt, das an das .Boudoir feiner Gemahlin stieß.. Als Violette-und der Arzt eintraten, kam ihnen die arme Reine-Marie weinend entgegen. O Gott, er stirbt rief sie verzweifungsvoll aus. . . Doktor Bordier fand den Zustand des Marquis besorgnißerregend. Er bat zunächst Violette, sich mit. Reine auf einige Zeit zu entfernen, um inzwischen den Marqüis mit Hilfe seines Kammerdieners zu entkleiden. Fraulem v. Lacroi? hielt nun den Augenblick für gekommen, um die Tocher mit dem entsetzlichen Ende ihrer Mutter in schonendster Weise bekannt zu machen; die Thatsache durfte ReineMarie mcht langer verborgen bleiben. 3. K a p i t e l. obald die Kunde von dem Drama, das . sich auf dem Schlosse Saint-Luc abgespielt batte. durch den Brief des Sekretärs nach Abbeville gelangte, machen nck der Staatsanwalt ?leantel. der Untersuchungsrichter Servian und Ui Polizeikommissar Guenn aus, um s' ? nach dem Schauplätze eines unter so eltsamen Umstanden erfolaten Verbrechens zu begeben. Von einigen berittenen Gendarmen gefolgt, fuhren sie nam dem Schlosse, ein jüngerer Beamter fuhr als Protokollführer mit. Als sie dort anlangten, laa der Mar quis in heftigem Fieber, das den Doktor Bordier das Schlimmste befürchten ließ. Bissus und der junge Arzt empfingen die Herren in einem Salon des Erdaesckiosses. !Xn kurzen Worten be richtete der Sekretär dem Staatsanwalt das Vorgefallene. Er hob bejonoerZ bervor. dan sämmtliche Tburen des Schlafgemaches verschlossen und verriegelt gewesen und auch bei der Entdeckuna des Verbreckens noch in demselben Zustande vorgefunden worden seien. Wir stehen hier alle vor emem unerklärlichen Geheimniß," schloß er seinen Bericht. Die Herren hatten mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört. Der Staatsanwalt ergriff nun zunächst das Wort, um Vissus über die Vorgänge des gestrigen Abends zu befragen, die dieser, mit dem Eintreffen des Grafen Gratien beginnend, bis zu seiner Rückkehr in das Schloß mit dem Marquis und Fräulein v. Lacroir eingehend berichtete. Auf eine weitere Aufforderung des Staatsanwalts schilderte er dann die Vorgänge des heutigen Tages, soweit sie zu seiner Kenntniß gelangt waren. Als er erwähnte, daß man zuerst angenommen, die Marquise habe sich selbst das Leben genommen, siel ihm Jeantel überrascht in's Wort. Weshalb denn das? Lebte sie unglücklich mit ihrem Gemahl?" Nein," versicherte Vissus. Das war bei dem Charakter des Marquis wohl ausgeschlossen. Er ist ein Muster von Sanftmuth und ein Mann von seltenem Zartgefühl. Die Marquise allerdings war ungemein empfindlich und launenhaft. Das kann ich bestätigen," erklärte der Untersuchungsrichter Servian, der bisher noch nicht gesprochen hatte. Tel Marquis ist einer meiner Jugendfreunde. - Für den Augenblick können wir ihn nicht sprechen?" fragte der Staatsanwalt. Weder sprechen noch nur sehen," er klärte der Arzt mit Bestimmtheit. Sein Zustand ist höchst bedenklich und bedarf der äußersten Schonung. Wie können wir Aufschluß erhalten über die näheren Umstände, unter denen die Marquise sich gestern Abend zur Ruhe begeben hat?" forschte Jeantel welter. Durch Pauline,, die Kammerfrau," erklärte Vissus. Dann sorgen Sie wohl dafür, daß sie nachher wie das übrige Dienstper sonal zur Stelle ist, um von uns der nommen zu werden," entschied der Be amte. Dann begaben sich die Herren nach oben. Die Gendarmen blieben unten. Einer von ihnen stellte sich am Hofthor auf, um Unbefugte zurückzuweisen. Die Kunde von dem räthselhaften Ende der Marquise, bei dem die meisten Leute freilich an einen Selbstmord dachten. hatte sich nämlich bereits m der gan zcn Umgegend verbreitet und lockte massenhaft Neugierige nach dem SchauPlatz der Katastrophe. Bei dem Eintritt der Gerichtsper sonen befanden sich Jeannie und Pauline in dem Zimmer der Todten. Jene gewahrten auf den ersten Blick die voll kommene Ordnung, die hier herrschte. Ist nachträglich etwas wieder an Ort und Stelle gebracht worden? er kündigte sich Guerin. Nein," erklärki Vissus, man , hat mchts angerührt, kein Stuhl ist anders gestellt worden. , Und auch die Lage der Leiche ist unverändert geblieben? Der Sekretär nickte. , In welcher Weise ist nach Ihrer Ansicht der Tod herbeigeführt worden, Herr Doktor Bordier?" Die Marquise hat den Dolchstoß in festem Schlafe erhalten. Die lange und jedenfalls sehr spitze Waffe ist an dem inneren Rande des linken Schulterblattes vorbei gedrungen, hat die Lunge durchbohrt und auch noch das Herz." Weiß man, wem die Waffe gehört? Das kann ich ganz genau angeben,

versetzte Pauline. Ich konnte sie zuerst nicht genau genug sehen, aber jetzt erkenne ich den Griff. Es ist. ein indischer Dolch, der immer auf dem Nachttischchen der Frau Marquise lag. Sie schnitt damit die Bücher auf, wenn sie im Bette noch las." Lag er auch gestern Abend dort?" - Jawohl, ich weiß das bestimmt. Er fiel nämlich, als ich daran vorüberstreifte, auf den Boden. Ich hob ihn auf und legte ihn wieder an seinen Platz." Hat Ihre Gebieterin auch gestern Abend noch im Bette aelesen?"

Nein, dazu war lie zu ausgeregl. Woran merkten Sie das?" Nun. es war ihr nichts recht zu . ' tu macken. Sie schalt und zankte in einem fort, und als unser Serr ihr sagen ließ. daß er ihr gute Nacht wünschen möchte. ließ sie ihm erwidern, datz ste zu muoe sei und schlafen wolle. Dergleichen kam sonst dem Herrn Marquis gegenüber nie vor. Und dann?" Dann munte ick überall noch die Riegel vorlegen, und als idh hinausgegangen war, hörte ich, wie sie hinter mir auch jene letzte Thüre verschloß und verriegelte. ..Was Sie da fernen, ist von höchster Wichtigkeit." bemerkte der Staatsanwalt. Denken Sie noch emmal nach, ob in Bezug darauf kein Irrthum oder keine Täuschung möglich ist." Nein, ganz gewiß nicht, verUchene Pauline. Ich kann jedes meiner Worte beschwören. Uebrigens können Sie sich auch selbst von der Wahrheit überzeuaen. Diese Tbür hat der Herr Marquis in unser aller Gegenwart mit Gewalt aufbrechen muffen, um yinem zu aelanaen. 5km Boudoir und im Toilettenzimmer der gnädigen Frau dagegen ist seit gestern Abend lern Mch mekr aewesen. Sie finden also beide Thüren so, wie sie die Nacht über waren. Auf einen fraaenden Blick des Beamten bestätige Bissus die Aussage der Kammerfrau mit dem Hinzufügen, daß er selbst die nach dem Schlafzimmer führenden Thüren beider Gemächer abgeschlossen habe. Er zog die Schlüssel hervor und öffne'' zunächst das Boubei?. Der Polizeikommissar zündete die auf dem Kamm stehenden Kerzen an und untersuchte die Fenster und Fensterladen, die sämmtlich fest verschlössen vorgesunden wurden. Das Zimmer hatte drei Thüren: die eine führte auf den Korridor, eme zweite stellte die Verbindung mit dem Schlafgemach des Marquis her, und beide fand man in der That von innen verschlössen und zum Ueberfluß verriegelt. Die dritte Thur war jene, d:e in das Schlafzimmer der Marquise ging und durch die nian eingetreten war. Es ist unmöglich, daß der Mörder auf diesem Wege eingedrungen t, er klärte der Polizeikommissar. Wir können jetzt das gegenüberliegende Toilettenzimmer besichtigen. Sie kehrten wieder in das Schlafzimmer zurück, und Bissus schloß nun das auf der anderen Seite an dieses stoßende Gemach auf. Es war ein seit sanier Raum. groß, rund und nur mit einem einzigen Fenster versehen, das oben einen Spitzbogen hatte und offen bar noch aus ' der frühgothischen Zeit herrührte. Abgesehen von der Thür, die die Verbindung mit dem Schlafzimmer herstellte, gab es nur noch eine: sie war niedrig, oben rund und sehr stark und fest, wie eben die Thüren in solchen feudalen Wohnsitzen sind. Ein Kreuz, das aus dem Holz ausgeschnitzt war, deutete auf eine frühere Benutzung dieses Raumes als Kapelle oder Betzimmer hm. Zunächst wurden das Fenster und die Läden davor untersucht und fest verschlossen gefunden. Der Staatsanwalt schaute hinaus und meinte zu Vissus: Wie ich sehe, befinden wir uns hier in dem alten Thurme, der die Ostfassade des Schlosses abschließt. wie ein ganz ähnlicher die Westfassade flankirt. , Ist keine Treppe vorhanden. vie in vielem yurm von umen nach oben führt?" Allerdings," erklärte der Sekretär, aber sie geht nicht weiter als bis zu diesem Stockwerk. Gerade über diesem Gemach liegt im oberen Stock mein Zimmer, das nur von der Haupttreppe her semen Zugang hat. Die Außenthür war auch hier ver schlössen und verriegelt. Sie wurde geossnet, und man erblickte nun eme nach unten in das Erdgeschoß hinabführende schmale steinerne Wendeltrevpe mit sehr ausgetretenen Stufen. Auch hier nicht das mindeste Verdächtige. Namentlich das schloß und. die Thur untere uchte der Polizeikommissar peinlich genau, aber es fanden sich keinerlei Abschürfungen oder Einritzungen, die auf-eine gewaltsame Oesfnung . oder auch nur den Versuch dazu hätten schließen lassen. Außerdem hätte die Thür dann ja auch nicht von innen verschlossen sein können. Die innere Ausstattung des Raumes war in modernstem Geschmack gehalten und bildete einen eigenthümlichen Gegensatz zu dem Spitzbogenfenster, , der r " it. tt ' - - A-yur uno oem reuzgewoive. Außerdem befand sich an der Wand noch ein Gemälde auf Goldgrund, augenscheinlich altbyzantinischen Ursprungs, Maria mit dem Jesuskinde darstellend. Bissus erklärte, daß diese Jungfrau aus dem Morgenlande," wie daö Gemalde m der Familie heiße, von einem Ahnherrn des Marquis mltaebrach worden sei, der an einem Kreuzzuge theilgenommen habe. Ein Abt, dessen Kloster er beschirm Habens ihm zum

Danl überreicht.. Es reichte fast zum

Boden bis zur Decke und unten befanden sich zwei hölzerne Stufen zum Niederknieen davor: es war in die Holzfüllung der Wand eingelassen. Die Herren betrachteten dieses alte Bild, das sich mitten zwischen den modernen Modeln so seltsam ausnahm. mit lebhaftem Interesse. Der Sekretär erzählte noch, daß eine Familienüberueserung behaupte, solanae dies Bild sich im .Schlosse Saint-Luc befände. werde das Geschlecht nicht aussterben. und der Name erhalten bleiben. Augenblicklich ist aber doch nur noch ein Mädchen da." bemerkte der Staatsanwalt skeptisch. Nun, der Marquis ist noch mcht todt," entgegnete Servian, uud sein jüngerer Bruder erst recht nicht. Die Möglichkeit, daß noch em mannlicher Erbe geboren wird, ist somit nicht ausgeschlossen." Die Untersuchung wurde mit größter Sorgfalt weitergeführt. Auch die Kamine blieben nicht unberücksichtigt. In allen hatte gestern Abend, wie an den Tagen vorher, Feuer gebrannt. In Laures Schlafgemach war das Feuer noch nicht ganz erloschen, im Boudoir und im Toilettenzimmer fand man die Asche gänzlich unberührt. Hätte sich der Verbrecher auf diesem Wege Eingang zu verschaffen gewußt, so waren seme Spuren im Kamm und nachher auf den Teppichen, die überall den Fußboden bedeckten, unbedingt sichtbar gewesen. Es ist wirklich zum Verzweifeln!" meinte der Polizeikommissar. Und irgendwo muß der Verbrecher doch hereinaekommen sein." Vielleicht gibt es hier emen geheimen Gang, deren man in solchen alten Adelsschlössern zuweilen findet," warf der Staatsanwalt ein. Nunmehr wurden die Wände überall mit einem schweren Hammer abgeklopft, allein nirgends fand stch eine hohlklingende Stelle. Stellenweise wurden sogar die Tapeten abgerissen: die Teppiche hob man auf. um nach Fallthüren im Boden zu spähen, man ossnete und durchforschte alle Wandschranke 1 fand sich nichts, was das GeheimniN hätte aufklären können. Endlich sagte der Staatsanwatt: Der Nachmittag ist schon weit vorgerückt. Wenn Sie Ihre Untersuchungen hier noch fortsetzen wollen. Herr Kommissar, fo bleiben Sie ruhig an der Arbeit. Herr Servian und ich wollen nunmehr zu den erforderlichen Vernehmungen übergehen." Ja, ich möchte hier noch weiter nachforschen," erwiderte Guerin. Dies Geheimniß reizt mich, alles, was in meinen Kräften steht, aufzuwenden, um seine Lösung herbeizuführen." Und Sie, Herr Doktor," fuhr Jeantcl fort, schreiten inzwischen wohl zur Sektion. Herr Vissus wird die Güte haben, Ihnen einen dazu 'geeigneten Raum zur Verfügung zu stellen." Die beiden Herren vom Gericht begaben sich in den Salon des Erdgeschosses, den sie zuerst betreten hatten und wo der Protokollführer auf sie wartete. Zuerst wurde Fräulein v. Lacroix-Marbourg gebeten, ihre Aussagen zu machen. Sie berichtete in einfacher. klarer Weise alle Begebnisse des gestrigen Abends und des heutigen Morgens. Der Staatsanwalt brachte die Rede auf die bekannten gelehrten Neigungen des Marquis und wünschte zu wissen, wie seine Gemahlin sich dazu gestellt habe. Ich glaube nicht." versetzte Violette, daß Frau v. Plessis sich persönlich dafür interessirt hat, jedenfalls aber war sie stolz auf seine wissenschaftlichen Leistungen und achtete ihn deswegen hoch. Nicht weniger wute sie auch seinen hochsinnigen Charakter zu schätzen, seine OsnfrTrftttn??! nnS s?n föfsfift snnf vtuj uytivlltl UltV jVlUV WVV .v Sie. die Tochter eines unermeßlich xtU chen Mannes, hatte schon so viele Niedrigkeit sehen, so viele Schmeichler, die blos nach ihren Millionen schielten, daß sie qerade wegen iener Eigenschaften den Marquis ungemein schätzte. Und sie hat in dieser Beziehung nie eine Enttäuschung erlitten. Diese Meinung theilen alle mit Ihnen, die ihn kennen," bestätigte Servian in seiner ruhigen Art. Sie versichern also, mein Fräulein, fragte nun der Staatsanwalt, daß ein harmonisches Einvernehmen, zwischen Mann und Frau geherrsch! habe, daß sie glucklich miteinander lebten? Jawohl, Herr Staatsanwalt," ant wertete Violette ohne Zögern, das ist die Wahrheit." , Was für eine Stellung nehmen Sie in diesem Hause ein?" forschte Jeantel welter. Ich bin eine Base des Marquis Ho race v. Plessis. Nach dem Tode meines Vaters hat dessen Scuwester, ,Frau Reine v. Plessis, meinen Bruder . und mich wie ihre eigenen Kinder gehalten." Seitdem lebten Sie in ihrem Hause?" Jawohl." Wann starb Frau v. Plessis?" Vor siebzehn Jahren." War der Marqüis damals schon verheirathet?" Nein, aber er vermählte sich bald darauf." . , , Aenderte sich dadurch in Ihren Ver Hältnissen etwas?" Ich hatte bei Lebzeiten meiner Tante den Haushalt geleitet und that dies auch ferner. Nachher habe ich dann, gemeinschaftlich mit, Jeannie, auch Reine-Marie unterrichtet." Sie haben in der vergangenen Nacht nichts Ungewöhnliches vernommen? Nein, nicht das Mindeste." (Fortsetzung folgt.)

Gebessert. . Eine lustige Geschichte von $aul Bliß. Da der Sommer bisher kalt war und erst der Spätsommer , die ersten schönen sonnigen Tage brachte, so entschloß sich Frau Bertram zu einer Erholungsreise; sie war eine junge, stattliche Wittwe; zwar hatte sie sich wieder verlobt, dennoch aber blieb sie eigene Herrin ihrer Entschlüsse und verlangte von ihrem Zukünftigen, daß er sich ihren Wünschen füge. Und dieser Zukünftige war klug genug, der stattlichen und sehr wohlhabenden Braut vorerst in fast allen Dingen nachzugeben, denn er sagte sich: erst muß ich diese reiche, aber etwas zum Herrschen beanlagte .Dame mein Eig?n nennen, dann erst kann ich mein wahres Gesicht zeigen und den Herrn im Hause herauskehren. Als nun die junge Wittwe ihrem Verlobten den Reiseplan kundgab, erwiderte Herr Waldemar lächelnd: Aber natürlich, mein Schatz, reise getröst! Ein wenig Erholung kann dir nur dienlich sein!" Drei Tage später reiste Fau Bertram nach Thüringen. Natürlich war Herr Waldemar am Bahnhof, und es gab ein überaus herzliches Abschiednehmen. Schon als der Zug zur Halle hinausgefahren war, stand der betrübteVräutigam noch immer mit dem Tafchentuch winkend da, und erst als die Entfernung zu groß wurde und er nichts mehr sehen konnte, da verließ er

den Perron; nun aber athmete er auf und dachte: nach einer so ergreifenden Rührung muß man sich doch ein wenig starken! Und so ging er in die nächste Kneipe. Kaum hatte er an einem Tisch sich niedergelassen, als ein alter Herr eintrat und sich , da nicht viel Platz frei war Mit an semen Tisch setzte. Nach einigen Augenblicken bereits begann der alte Herr die Unterhaljung: Sie haben wohl soeben Ihrer Gattin das Geleite gegeben, nicht wahr? Ich sah nämlich Ihren herzlichen Abschied." Nein, die Dame ist meine Verlobte," antwortete Herr Waldemar ein wenig zurückhaltend. Ah, pardon! Ich habe nämlich meine Frau begleitet, die auf vier Wochen nach Tabarz geht, und da 'glaubte ich, daß auch Sie ein so glücklicher Strohwittwer seien! Lächelnd meinte Herr Waldemar: Nun, so halb und halb bin ich es ja auch." Worauf der Alte heiter das Glas ergriff, sich als Serenow vorstellte, und rief: Also ich denke, wir stärken uns gemeinsam, um über das erste Leid der Trcnnungsstunden hinweg zu kommen, Profit!" Nach einem Weilchen sagte der Alte: Wissen Sie, eigentlich ist so ein Strohwittwer doch nur zu bedauern!" .Fragend sah der andere auf. Nun ja! Denn so lustig und beutegierig, wie man sich so einen freigelassenen Ehemann immer vorstellt, ist er gar nicht; wenigstens die meisten Männer sind nicht so; im Gegentheil, während der Abwesenheit der. Frau müssen sie manche ihrer Bequemlichkeiten opfern." Aber dafür haben sie doch auch so manche Freiheit, die ihnen im Beisein der Frau wohl nicht immer vergönnt wäre," rief Herr Waldemar lächelnd dazwischen. Zugegeben, ja wohl! . Aber diese Genüsse wiegen doch die Entbehrungen kaum auf, und wenn man erst in meine Jahre kommt, dann lernt man Ruhe und Bequemlichkeit schätzen." Ah, so alt hätte ich Sie nicht geschätzt." Ich bin fünf und fünfzig." Nun also, in den besten Jahren!" Die liegen hinter mir!" Na, na, so schlimm wird es wohl nicht fein! Ihre Augen wenigstens blicken noch lustig genug drein." Heiter und klug sah der Alte ihn an, dann erwiderte er schmunzelnd: Nun, wenn schon ich alles Vorhergesagte aufrecht erhalte, so bin ich deshalb doch noch kein sogenannter Trauerkloß." Sehen Sie, das meine ich auch! Und zum Beweis dafür geben Sie mir die Ehre, jetzt noch eine Flasche mit mir zu trinken." Als man mitten im flotten Trinken war, meinte der Alte: Na, und Sie werden sich nun die paar Wochen Freiheit wohl ordentlich zu Gemütöe ziehen. nicht wahr?" Da lächelte Herr Waldemar ein wenig selbstgefällig und antwortete: Nun ja, warum auch nicht?" Bald darauf trennte man sich mit einem Auf Wiedersehen!" Die beiden Flaschen Rüdesh'eimer hatten genügt, den Trennungsschmerz Herrn Waldemars hinweg zu spülen. Schon am nächsten Tage zocj er sich flott und elegant den Verlobungsring ab und steckte ihn in die Westentasche. Mitten im Trubel des Zoologischen Gartens fand er ein liebreizendes junges Mädchen, dessen Augen ihn fesselten. Die Kleine verließ sehr bald die dicht belebte große Allee und promenirte dann ganz einsam und allein durch mehrere Seitenwege, bis sie zu einer Bank am neuen Geflügelhaus kam, auf die sie sich setzte. . Immer war Herr Waldemar der schlanken Gestalt gefolgt, und mit jedem Augenblick entzückte ihn die Kleine mehr und mehr, denn etwas so lieblich

GraziöseZ hätte er seit Langem nicht gesehen. Als er die Bank erreicht hatie, war er zum Angriff entschlossen. - Gestatten Sie, meine Gnädigste, daß ich hier Platz nehmen darf?" Die Kleine sah ihn ein wenig erstaunt, aber mit neckischem Lächeln an, dann antwortete sie: Bitte, ich habe nichts zu erlauben." Und er setzte sich. Er. sah sie an,, unausgesetzt, bis sie ein kleines Buch herauszog und zu lesen anfing, um sich seinen Blicken zu entziehen. Endlich begann er: Wenn gnädiges Fraulein hier jemand erwarten, bitte ich nur um eine Andeutung, ich rerfchwinde dann sofort." Wieder sah- sie ihn heiter an: Sie stören mich durchaus nicht. Wenn aber Sie jemand hier erwarten, und ich also stören sollte, dann bitte, sagen Sie es nur, dann gehe ich h ternpo." Um des Himmels willen, bleiben Sie, gnädiges Fräulein! Ihretwegen kam ich ja nur hierher!" rief er nun begeistert. Meinetwegen?" Ja,. Sie haben eS mir angethan! Ich bete Sie an!" Nun lachte sie laut auf. Ich kam, icy sah. ich siegte! So was ist mir noch nicht passirt! Wollen Sie mich gleich entführen? Oder wollen Sie erst mit meinem Vater sprechen?" Ihre burschikose Heiterkeit machte ihn einen Augenblick sprachlos. Endlich sammelte er sich und begann den

Angriff: Sie glauben meinen Worten nicht, mein Fräulein?". Nein!" lachte sie herzlich auf. Und warum nicht?" Weil Sie schon verlobt sind! Da, an Ihrer linken Hand sehe ich ja die Spur des Ringes, den .Sie vermuthlich in der Westentasche haben werden!" Verblüfft sah er erst den Ringfinger, dann das junge Mädchen an, dann stotterte er ein paar Worte hervor, die nicht genau zu verstehen waren. Das kleine Fräulein aber sprach nun mit erhobener Stimme: Ja, wenn Sie aber wirklich verloöt sind, wie konnten Sie sich dann erlauben, mir derartige Sachen zu sagen! För was haben .Sie mich denn gehalten V Nun schwand ihm das letzte Restchen von Geistesgegenwart, er stotterte wieder etwas Unverständliches und wollte sich so schnell als möglich empfehlen. Aber siehe, da kam ein Herr des Weges daher, und dieser Herr war Serenow, der alte Bekannte aus der Weinkneipe. , Und da jubelte die Kleine auf: Ach, guten Tag. liebes Papachen, das freut mich aber, daß wir Dich hier treffen!" Die Herren erkannten sich sofort. Und während der Alte lächelnd drohte, empfahl sich Herr Waldemar unter erneuten Entschuldigungen. Am nächsten Tage, ganz unerwartet, kam Frau Wittwe Bertram bereits von der Reife zurück. einen Grund dafür gab sie gar nicht an. Aber einen Monat später schon stand das Paar vor dem Altar. Die junge Frau fand, daß es se besser sei, damit der Mann sich mchi zu viel allein überlassen wäre. Viel später erst, als sie lange schon verheirathet waren, erfuhr Her? Waldemar erst, daß dieser alte Herr Serenow ein langjähriger Freund ihres Hauses war, und daß er den Auftrag bekommen hatte, ihn damals in der freien Zeit zu beaufsichtigen. Herr Waldemar ist der beste und solideste Ehemann von der Welt geworden. Deutsche Ratten. Der Tod des französischen Politikers Paul de Cassagnac hat auch die Erinnerung an leinen Vater Adolphe wieder geweckt, der ein ebenso eifriger Bonapartist, Reaktionär und Deutschenfresser war wie sein Sohn. In einem Essay, das der alte Cassagnac unter dem Titel Theorie der modernen Revolutionen" verfaßt hat, befindet sich die folgende Stelle: Deutschland und das österreichische Kaiserreich sind wie zwei große und schöne Gebäude, dem äußeren Anschein nach recht fest und dauerhaft. Wenn man aber auf den Gedanken kommt, ihre Fundamente zu untersuchen, so findet man, daß sie, von Millionen Gängen, Kanälen, Grotten unterhöhlt, dem Zusammenbruch nahe sind. Esjst das Werk mehrerer Generationen von Ratten, und die Ratten, deren unermüdlichen Zähne auf dieseWeise inDeutschland und Oesterreich die Grundlagen aller Dinge.. untergraben haben, sind die Professoren und Studenten der deutschen Universitäten," Diese Worte wurden im Jahre 1833 geschrieben. Der Vater Paul de Cassognacs starb 1880. er hat also das Jahr 1870 noch erlebt und die deutschen Ratten" und ihr Werk etwas besser kennen gelernt. Gehaßt hat er sie fteilich dann nur um so mehr. Vln eigenartig cö Ges ucy hat in der Brooklyner Supreme Court der Gesellige Verein Germania" gestellt. Derselbe sucht um die Erlaubniß nach, den Vereinsnamen in Vrooklyn Germania" umtaufen zu dürfen. Der President des Clubs führte an, daß der Original - Titel ver Vereinigung Geselliger Verein Germania" in keimr Beziehung den Wünschen der Mitglieder entspräche. Der Verein bestehe nur aus wohlhabenden deutschen Herren", bei welchen das Wort gesellig" einen gewissen Anstok erreat hätte.