Indiana Tribüne, Volume 28, Number 129, Indianapolis, Marion County, 23 January 1905 — Page 1

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Erscheint NtutxttTittag. - ' Jahrgang 28. Indianapolis, Ind., Montag, 23. Januar 1905. . ' No. 129?

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In den Straßen der rnssischen Haliptstadt fließt das Blnt in Strömen.

Verhältnisse im Kohlengebiet Westdeutschlands. Amerikanische Studenten beim Papste. Louise Michel begraben. 5?olonisteu nach Tentsch-Südwest-Afrika.

Revolution.

St. Petersburg, 22. Jan. St. Petersburg erwachte heute Mor gen in einer Art Belagerungszustand. EZ war ein herrlicher Wintertag. Die Luft war frisch und am Himmel war kaum eine Wolke zu sehen. Die Sonne

ließ die Kuppeln der vielen Kirchen erglänzen. Aber im Benehmen der Paffanen auf den Straßen ließ sich eine Veränderung bemerken. Einzeln in jkleinen

Gruppen strebten sie schweigend dem Winterpalaste zu, doch waren nirgends An

zeichen von Unordnung zu sehen. Der Grand MorSkai- der NewSki'Prospekt

trugen ihr gewohntes SonntagZgepräge, nur waren weniger Frauen und Kinder

zu sehen, auch Fuhrwerke waren selten. Schon seit gestern Abend durchflogen wilde Gerüchte die Stadt. Der Zar, so hieß eS, habe gegen den Rath seiner

Minister beschlossen, im Winterpalast zu erscheinen und die Streiker anzuhören.

Die Behörden jedoch zeigten während des Vormittags sich nicht geneigt. An

sammlungen vor dem Winterpalaft zu dulden. Alle Zugänge zu dem Platze

vor demselben waren durch Kavallerie abgesperrt. Die Associirte Presse" hatte auf allen wichtigen Punkten berittene Korre spondenten, von denen rasch Nachrichten über die Entwickelung der Dinge ein

liefen. S t. Petersburg, 22. Jan. Furchtbare Szenen spielten sich auf dem Platze ab, der hinter dem Winterpalaste liegt und von dem Admiralität gebäude und einem halbmondförmigen Gebäude umgeben ist, das die Räume des GeneralftabeS, des Finanzministeriums und des auswärtigen Amtes umgiebt. . ( Von dort ertheilte der Großfürst Vladimir die Befehle für die heutigen Operationen der Truppen. Als der Korrespondent zu früher Morgenstunde auf dem Platze erschien, fand er dort bereits eine beträchtliche Anzahl Demonstranten längs der Gebäude. Der Platz selbst bot den Anblick eineS Feldlagers. Infanterie und Kavollerie war aufmarschirt. Die Soldaten trugen Kaputzen. Eine Zeltküche war lin vollem Betriebe. Die Soldateu waren in bester Stim mung und suchten sich durch allerlei Scherze die Zeit zu vertreiben. Eine lange Reihe von Ambulanzen mahnte an den Ernst des Augenblickes. Vom NewZky.Prospekt kamen neue Menschenmassen an. ES wurden beleidigende Worte gegen die Soldaten geschleudert und die Ossiziere ersuchten vergeblich die Menge auseinanderzugehen. ES wurden Rufe laut: Lang leöe Nikolaus II. Wenn er nur unsere Beschwerden hört, wird er unS gewiß Ge rechtigkeit widerfahren lassen. Wir können unser Leiden nicht länger ertragea, besser gleich sterben" u. s. w. Viele Streiker hatten auch Frauen und Kinder mitgebracht. Ihr Sei daten", riefen sie, seid unsere Brüder, Ihr könnt nicht diese Kinder schießen." Als die Patrouillen ansingen die Menschen wegzutreiben, gaben die Demonstranten nach, überschütteten aber die Soldaten mit Schimpfworten.

Inzwischen hatte sich eine große Menschenmasse am Eingang der Grand MoSkoia, die zum Noika-Kanal sührt, angesammelt und blockirte die Brücke

über den Kanal.

Um 1.30 Uhr Nachmittags kam der Befehl die Menge wegzutreiben. Der Oberst der reitenden Garde gab einen kurzen Befehl. Die Truppen zogen die

Säbel und gingen in scharfem Trab vor und dann in Gallop über. Sie ver

schwanden in der Moika in einer e von Schnee. Schmerzensfchreie von Verwundeten hallten wieder, dann folgte eine furchtbare Stille, die nur vom

Rasseln der Ambulanzen unterbrochen wurde. Die nächsten 20 Minuten verliefen resultatlos. An der Ecke des Admira

litätsgardenS weigerte sich die Menschenmasse fortzugehen und beschimpfte die Truppen. Inzwischen wurden Rufe nach dem Zaren laut. Dorthin wurden

im Laufschritts Kompagnien der PreobranjenSky Garde dirigirt. Nun folgten

sich die Ereignisse in schrecklicher Geschwindigkeit. Der kommandirende Ofsizier

rief drei Mal: Auseinander!" Dann ließ er aus drei Gliedern drei Salven in die Menge abgeben, die beiden ersten mit blinden, die letzte mit scharsen

Patronen.

Wie hingemäht lagen 100 Menschen auf dem Seitenwege, darunter viele

Frauen, die beim Versuche zu fliehen in den Rücken geschossen waren. Ströme

von Blut färbten den Schnee. Die Polizei requirirte Schlitten, um die Todten

forzuschaffen.

Inzwischen war die Menge den Newrky-Prospekt entlang gefluthet und der

Platz lag schweigend da.

Der Korrespondent begab sich nach ' der Grand MoSkaia und stand eine

Stunde nahe der Ecke von NewZky'Prospekt. Die fashionahlen Hotels auf bei den Seiten des Grand MoSkaia waren überfüllt, aber die Thüren waren geschlos sen. Ebenso waren Juwelier- und andere Läden geschlossen. Zahlreiche Per sonen standen auf dem Seitenwege und beobachteten die Vorkommnisse. Sekre

tür Spencer Eddy von der amerikanischen Botschaft unterhielt sich mit Großfürst

. Boris, der in einem prächtigen Schlitten angefahren kam. Der französische Bot schafter Bompard fuhr mit seiner Frau vorbei. Die Ossiziere der vorbeireiten den Husaren gaben denselben Ordre nur mit der flachen Klinge zuzuschlagen. Vor der Kavallerie stob die Menge auseinander; nur Wenige wurden der

wundet und nach einer Apotheke getragen. Für eine halbe Stunde waren keine

Truppen zu sehen. Vor der Apotheke sammelte sich eine große Menschenmenge und alsbald be

gann ein Redner dieselbe aufzuwiegeln. Seine Mahnung sich zu bewaffnen

fand keinen Anklang. Erst als die Verwundeten aus der Apotheke geführt wurden, gerieth die Menge in Wuth. Sie nahm mehreren Offizieren, die ihr

begegneten, die Südel ab.

Schließlich erschienen mehrere Kompagnien Infanterie und feuerten in die Menge, als dieselbe nicht auseinandergehen wollte; eine Anzahl Menschen wurde

getödtet.

St. Petersburg, 22. Jan. Von 3 der vielen Hospitäler' sind 32

Todte und 123 Verwundete angemeldet. Viele Verwundete wurden nach ihren

Wohnungen gebracht. Die Aufrührer warfen dem Großfürsten AlexiZ die Fenster ein.

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Opfer einer Frachtzugskollision bei Shawncc, Tcnncsscc.

Bryan verfolgt zielbewußt seine Zwecke in Washington. Lokomotivkcsscl in Maryland explodirt.-Bericht über die Lage der Christen in Kleinasien. Roher Vater zu Magnolia, Illinois.

Zar Nikolaus der Zweite.

Bulletins. St. Petersburg. 22. Jan.. 3 36 Uhr Nachm. Bei dem Zusam-

menstoße auf dem Palastplatze wurden 150 Personen getödtet oder verwunder.

Die Volksmenge ist wüthend Und schwört Rache.

St. Petersburg. 22. Jan.. 4 Uhr Nachm. Die Aufrührer !m

Wassileostroff-Distrikt reißen die Telegraphenpfosten um und bauen Barrikaden.

St. Petersburg, 22. Jan. 4 Uhr Nachm. Die Truppen feuer-

ten auf dem NewSki-Prospekt 3 Salven ab; 30 Mann wurden getödtet, viele

verwundet. Unter den Todten sind auch Frauen und Kinder. Die Menge ist wüthend auf das Militär und wirft Steine nach den Offizieren.

St. Petersburg. 22. Jan. 9:30 Uhr Abends. Man glaubt,

daß 1500 Personen getödtet oder verwundet wurden, aber alle Schätzungen sind vorläufig mit Vorficht aufzunehmen.

Die Stadt ist jetzt ruhig. Die Truppen biwackiren um Lagerfeuer auf den

Straßen.

St. Petersburg, 22. Jan.

Eine dramatische Szene spielte sich am

Narwa-Thore ab, als Vater Gopon in vollem Ornate, begleitet von 2 anderen Priestern sich an der Spitze von 8000 Arbeitern demselöen näherte.

Verschiedentlich wurde er von Ossi-

zieren aufgefordert zu halten, aber er

verzögerte seinen Schritt nicht. Darauf gab ein Ofsizier anscheinend mit Bedauern Befehl scharf zu laden. ES folgte eine zweite Salve und eine

Attacke der Koffacken.

Etwa 100 Todte und Verwundete

blieben auf dem Pflaster.

Offenbar hatten die Soldaten Vater

Gopon geschont. Er suchte hinter einer Mauer Schutz bis die Koffacken vorüber waren und wurde dann von seinen Anhängern in Sicherheit gebracht. St. Petersburg, 22. Jan. Außer einem Regiments, daß die Wasfen niederlegte, sind alle Truppen treu geblieben und haben den Befehlen gehorcht. Die Verehrung für den Zaren, die immer noch in den Maffen herrschte.

hat einen starken Stoß erlitten. Die

Mittelklaffen sind auf Seiten der Ar beiter.

(Fortsetzung auf Seite 3.)

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Die Zaren-Familie.

Zugs.Collision. M i d d l e s b o r o, ky., 22. Jgn. Auf der LouiSville & NashvMe Bahn stießen bei Shawnee, Tenn., . zwei Frachtzüge?aufeinander.' Vier Zugbedienstete sind todt, 4 verletzt von denen noch 2 sterben mögen. Die Todten sind: JameS Klutz, Heizer von MiddleSboro, Ky.: George Mooney, von Cor-

bin, Ingenieur; Will Harris, von Corbin, Heizer; Bremser Laughley, von Norton, Va. Die Verwundeten sind: William Terry, Lokomotivführer von Corbin; Will Killinger, Condukteur

von Corbin; L. P. Larus, Jngineur von Corbin; Fory Oakley, Signal-

mann von Corbin; Lon ' Sprinkler, Heizer von Corbin.

Die Lokomotiven find vollständig

zertrümmert, ebenso 7 Wagen.

Bryan. Washington, 22. Jan. Wiliam JenningS Bryan ist auf das eis

rigste bemüht, seine alte Führerschaft in

der demokratischen Partei wieder zu er-

langen, und allem Anschein nach bis

soweit nicht ohne Erfolg. Er war hier-

her nach Washington gekommen, m mit den übrigen Parteiführern Liath zu

pflegen, und man muß sagen, daß die Aufnahme, welche er fand, ihn zu allerHand Hoffnungen berechtigen darf.

Bryan selbst schien angenehm überrascht zusein. Freilich war eS ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Em

pfang, welcher ihm heute zu theil wurde,

und den kyhlen Begrüßungen, denen er

begegnete, als er vor nun ungefähr drei Jahren hierher kam, um fein .durch die

Wahl von 1900 stark gesunkeneSPrestige

wieder aufzufrischen. Man empfing ihn

höflich, aber die Temperatur der At-

mosphäre war nicht einladend. Man

ließ ihn fühlen, daß er abgethan sei,

daß man im Begriff stehe, nach einem

anderen Bannerträger fich nmzufehen

DaS Resultat der letzten Herbstwahl

hat nun augenscheinlich die Wirkung

gehabt, Bryan wieder in den Sattel zu

heben, oder doch jedenfalls ihn in eine

Stellung zu bringen, wo die übrigen.

sozusagen, aus schwerer Verzweiflung

zu ihm aufblicken, weil sie niemand an

derS haben.

Lokomotivkessel erplo-bitt.

Mountain Lake Park, Md.,

22. Jan. Der Keffel einer Lolomoiive vor einem Frachtzuge der Baltimore

und Ohio Bahn explodirte unfern von

hier. Bremser F. Johnson und Heizer

I. L. Simpson wurden getödtet, Lo

komotivführer A. A.. Stranhagen ist

ernstlich verletzt; alle sind von Cumber land, Md. Christen in der Türkei.

W a s h i n g t o n, 22. Jan. Das Staatsdepartement veröffentlicht Theile

eines Berichtes von Dr. ThoS. Norton,

des amerikanischen Konsuls zu Harput

in der Türkei über eine Reise, die er auf Anweisung des Staatsdepartements durch die VillajetS BitliS und Van mächte, wo im letzten Sommer von

Kurden und anderen muhamedanifchen

Elementen Angriffe auf Christen ge macht wurden.

Nach dem Berichte wurden keine Amerikaner verletzt. Norton schätzt die

Zahl der Ermordeten im Sassun Distrikt auf 5000, darunter 2771 Kin

der. Verschiedene Tausend Christen,

die nach Mush geflohen waren, wurden

gezwungen nach ihren verwüsteten Dör snn zurückzukehren. Die dortigen Be

hörden geben ihnen per Kopf 1 Cent pro Tag für Nahrungsmittel. ' t i v! w..2iM!ro crn : r

u ii umiiiiuuiutu JJM " sionüre seien sehr angesehen. Die Bürger Amerikas hatten in Wohlthätigkeit mehr gethan, wie alle anderen Nationen zusammen. R o h e r V a t e r. Magnolia, Jll., 22. Jan. Hier -herrscht große Aufregung über die

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UMUUIUII llil UUiClS. , -CU. JC Bran, ein bekannte? Kaufmann, miß-

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häusig seine kleinen Kinder, 2 Mädchen von 5 resp. 7 Jahren. Sein letzter Akt war, daß er sie in einen Kohlen-

schuppen sperrte, wo dem kleineren Kinde die Füße erfroren. Ein Komite

von Bürgern machte sich auf, um die Sache zu untersuchen und mit Bran ein ernstes Wörtlein zu reden, aber der

feige Geselle hatte sich aus dem Stäube gemacht. Die Kinder find krank und werden von Freunden verpflegt.

Scheidung verweigert. KansaS City, Mo., 22. Jan.

Kreisrichter Park verweigerte dem

Wirthe HuS Daley eine Scheidung von

seiner Frau, die fich im Jrrenasyle be-

findet. Sie soll in Folge des GenugeS großer Quantitäten Schnaps, . die fie von ihrem Manne erhielt, den Verstand verloren haben. Der Richter erklärte:

Wenn es Jemand als Gefchäst be

treibt, Trunkenbolde zu machen, ist er nicht berechtigt fich zu beklagen, wenn die Folgen auf ihn kommen."

Bestialischer Mord. C h a t t a n o o g a , Tenn., 22.

Jan. Heute Morgen vermißte der Packer John Goffett vom ArmeePosten seine Tochter und fand sie im

Hause eines anderen Packers, Jchn Donner. Goffet siel über den letzteren

her und schnitt ihm den HalS ab, dann schnitt er ihm das Herz heraus und

brachte ihm 25 andere Wunden bei.. Dampfer g e f u nk e n. Portlan d', Ore., 22. Jan. Der Dampfer Geo. W. Clder", welcher gestern Abend von hier nach San Francisco abging, stieß 40 Meilen von hier im Columbia auf einen Felsen und sank in etwa 15 Fuß Waffer. Die Paffagkere wurden hierher zurückgebracht. " Mord. C a i r o, Jll., 22. Jan. Der farbige Barbier George Carr, erschoß heute den farbigen Rev. Greer, der mit seiner Frau durchgebrannt war. Frau C h a d w i ck. C l e v e l a n d, O., 22. Jan. Bundeö'Zollkollektor Leach hat im Hause Frau Chadwick's an Euclid Avenue Werthverzeichniffe von kostbaren importirten Gegenständen gefunden und will nun untersuchen, ob dieselben verzollt sind. Die Sachen sollen wenigstens 910,000 werth sein.

Canada. - Revolte im Kaukasus. V t c t o r i a , 22. Jan. ' Capt. Orlan Allen, Vertreter der Jmperial Marine Äff'." von Tokio erhielt eine Depesche, daß 2000 Zirkasster rebellirt und 200 russische Soldaten zu Slavine im Kaukasus getödtet hatten, daß Ruffen und Türken in großer Zahl über die Grenze im Kaukasus gingen, um die Revolution in der 'Provinz TifliS zu schüren. TifliS ist durch die Revo, lutionäre vom Verkehr abgeschnitten. SchiffsnaSriHten. Neapel: Canopic" von Boston. Glaööow: Ethiopia" nach New York. Dover: Patricia- nach New York. ; Queentown: Ctruria" nach NewJork.