Indiana Tribüne, Volume 28, Number 124, Indianapolis, Marion County, 17 January 1905 — Page 5
Indkana Tribüne, Januar 1905
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ooo ooo preise geliefert von A. B. MEYER & CO. Pennsylvania Anthracits... $7.50 Pocahontas Lump .... 5.50 Smokeleß Lump 5.50 Ohio Cannel Lump 5.50 Ohio Cannel Egg.. M anawha Lump 4JJ Pittsburg Lump 4.o0 Brc-zil Block 4.25 tzocking Valley 4.25 Straight Creek Lump 4.50 Straight Creek Egg 4.25 (Zreene County, No 4, Vein Lump .... 3.50 Greene County, No. 4, Vein Egg 3.50 Jackson Dhio Lump 5.00 Oven Coke Egg 5.50 Gas House Lump Coke 5.50 GaS House Crushed Coke 6.00 ztra.Vtchnug wo solche getrazen werde müssen. fcj, 1 1 Polizeiliches. H a r r y P u r d y, den die Polizei seit längerer Zeit suchte, weil er vom Elternhause fortgelaufen war, wurde gestern durch die Polizisten Tyner und Dever auf den Ablagerungöftätten an der Kentucky Ave. gefunden. Der Junge hatte sich dort eine Hütte errich. tet, in der er anscheinend ein behag licheS und zufriedenes Einsiedlerleben führte. John Wilhelm, ein alter Deutscher, der mit der Polizei unzäh lige Male Bekanntschaft machte, sprach gestern, nachdem man 2 Jahre lang nichts von ihm gesehen, in der Station vor und bat um ein Nachtquartier. Wilhelms lange Abwesenheit wurde dadurch erklärt, daß er seit etwa 2 Jahren in. Wisconsin wohnte. Die Frau des alten Manne wurde hier vor mehreren Jahren von Bill Mallady getödtet. Mallady fitzt eine leben? längliche Zuchthausstrafe ab. . ES ist leicht m ö g l i ch, daß die Großgeschworenen ersucht werden, die Polizei in der weiteren Unter suchung deS Bradley Falles zu unter stützen, da' nach Annahme der Polizei Bradley nicht alles erzählte, was er in der Angelegenheit weiß und man glaubt, daß er unter Eid vielleicht weitere Aussagen machen würde. Trotz der harten und angestrengten Arbeit der Detektives, ist eS soweit nicht gelungen, den mysteriösen Absender der Bonbons und deS Whiskey ausfindig zu machen. , Der Lahrer Hinkende Bote Kalender für 1905 ist durch unsere Ofstee zu beziehen. tazel No. 1 28. Washington St, (Merchanrs National Bank.) Em europaisches Depattmeut. Wechsel, Creditbriefe und Postanweisungen auf alle Städte Europas. nach und 80 j Gurova. 2In- und verkauf ausländischen Geldes. Das Vermiethen von Häusern und anderes Eigmthum, solches in Stand zu halten und an die richtige Sorte von Leuten zu vermiethen, um dem Eigen thümer das beste Einkommen zu sichern, be darf der Aufmerksamkeit einer erfahrenen Gesellschaft. Grundeigentums, Versicherungs und Miethe-Departement, ist völlig equippirt um die allerbesten Dienste in dieser Beziehung zu leisten. Herr Henrv Klanke tratkürzlich in Stellung lei dieser Gesellschaft ein; derselbe wird sich freuen, seine Freunde, welche Grundeigen thu zu kaufen gedenken, oder ihre Feuer Versicherung zu erneuern wünschen, begrüßen zu können.
Bros.,
Schtsssscheine
iii ml Co.
Aus dem Stadtrathe.
In der am gestrigen Abend ftattgefnndenenStadtrathssitzung wurde, nach der üblichen Namensverlefung durch den Stadtclerk, Herrn W. M. Fogarty, zunächst eine Mittheilung deS Bürger. meisterS John W. Holtzman verlesen, die an den. Stadtruth adressirt war. In diesem Schreiben ersuchte Herr Holtzman in eindringlich gehaltenen Worten um die Annahme der söge nannten Massachusetts Ave. Hochbahn Ordinanz, die durch den Präsidenten BillingSley seiner Zeit eingereicht war. Unter Hinweis auf den am verganze nen Sonnabend on einem Bahnüber gange erfolgten Unglücksfalle, bei dem ein Menschenleben zerstört wurde, be merkte der Bürgermeister, daß das ge fährdete Gemeinwohl der Bewohner unserer Stadt dringend die umgehende Höherlegung aller dieser Bahnüber. gänge fordere. Man möchte nicht länger mit der Abstimmung über diese Ordinanz ivar ten, sondern dieselbe annehmen, damit diesem entsetzlichen Opfern von Menfchenlebcn ein Halt gesetzt werde. Nach Verlesung der Holtzmann'schen ' Aus führungen stellte es sich heraus, daß diese Ordinanz auch diesmal nickt zur Abstimmung gebracht werden ionnte, da von dem Jinanz-Comite, dem diese Ordinanz zur Begutachtnng zugegan gen war, noch kein diesbezüglicher Be richt bis jetzt eingelaufen war. (Die' MassachufettS.Ave. Hochbahn Ordinanz ist nämlich, da sie die Stadt ermächtigt, ein Viertel der entstehenden Unkosten bis zur Höhe von 25,000 Dollars aus ihren Mitteln zu bestrei ten, auch als BewillignngS(Appropria tionS)Ordinanz No. 30 gebucht, was ihre Verweisung andaSFmanzComite erklärt. D. Red.) Ein Antrag des Herrn Krause, idas FinanZ'Comite um die sofortige Ab. gäbe eineS Gutachtens zu ersuchen, wurde mit 12 gegen 3 Stimmen abge lehnt. : Durch Herrn W. A. RhodeS wurde eine Ordinanz eingereicht, die die betreffenoen Eisenbahngesellschaften um Einrichtung und Instandhaltung von Schutzbarrieren an Bahnübergängen ersucht, die an folgenden Straßen gele gen sind : Ost Washington Str.; West Washington Str., westlich von White River ; Jndiana Avenue und Michigan Str.; Kentucky Ave. und .Missouri Str.; West Str.; South Str.; Noble Str.z Cruse Str.z Leota Str.; South Eastern Ave. und Oriental Str. ; State Str.; Shelby Str.; English Ave.; State Str. und Fletcher Ave.; 16. St.; 19. Str.; Martindale Ave.; Palmer Str.; Shelby Sir. südlich von Plea. sant Run; Süd Eaft Str.; Süd Me ridian Str. Fernerhin sollen die betreffenden Eisenbahngesellschas'.en Aussichtsbeamte an Bahnübergängen, die an den folgenden Straßen belegen find anstellen : 30. Str. in Nord Indianapolis ; St. Clair Str. ; South Str. ; Harding Straße. Stadtclerk vill Snlfe haben. Auf Ersuchen deS City.ClerkS Wm. M. Fogarty, wird einer der Marion County Repräsentanten einen Gesetz entwurf einbringen, der den Stadt Freibrief von Indianapolis insofern ergänzt, als dem Stadt'Clerk ein zwei ter Assistent und ein Stenograph bewilligt werden. Herrn Fogarty und seinem Assisten ten ist eS fast unmöglich, die ihnen ob liegende Arbeit zu erledige, die vielen Telephonanfragen zu beantworten, die Stadt-Ordinanzen für den Druck vor zubereiten etc., und häufig mußte sogar schon Nachts 'gearbeitet werden, um allen an den Stadtclerk gestellten An forderungen gerecht zu werden. Eine Vergrößerung seines Personals wäre nur zum Vortheil für die Stadt, meint, Fogarty. da dann mehr Geld collectirt werden könnte. Soweit col lectlrte er, obgleich erst ein Jahr in seiner Office, nur S4000 weniger wie sein Vorgänger in zwei Jahren einzog. Grunbeigenthums - Uebertragungen. Luther M. Alvis an Leroy 9ouder back, Lot 514, McCarthy'S 11. Weg feite Addition, Oftseite der Division Str., nördlich von McCarty. $1600. Lovina Streight an das Jndianapo lis Orphan Asylum, Theil von Section 4 u. 9, Township 15, Range. 4, Süd seite der Washington Str., östlich von der Gürtelbahn. $6000,
Elizabeth F. Campbell an Clären Hamslton, Lot 1, Square 15, Camp bell'S Subdivision, Brookside Addition, Nordwestecke Brightwood Ave. und 22. Str. $1200. Arthur V. Brown an I. G. Dunn, Lot 7. BrownS East Meridian Heights Add.. westliche Seite der Central Ave., südlich von der 43. Str. $750. Martha I. RhoadkZ an Alexander L. H. Weßmer, Theil der See. 16, Tp. 16, Range 4, 10 Acres, Washing' ton Township. $2000. Alven Cavett an William W. Dye. Theil von See. 31, Tp. 16, Range 3. 123 Acres, Wayne Tp. $14,461.25. Central Bond Company an LewiS Brooks, Lot 21, Master'S Subd.. Theil von Drale ckMayhew'S 2. Add., 30 bei 83.9 Fuß, Verb., südliche Seite der Darnell Str., östlich von Brooks Str. $1000. Caroline Teine an Owen L. Miller, Lot 87, Crane' Nord Add.. 40 bei 110 Fuß, Verb., nordwestliche Ecke Missouri und 17. Str. $725. Thomas HobbS an Charles HobbS, Lot 39 in LewiS & Co.'S Arsenal HighiS Addition, 40 bei 131.2 Fuß, verbessert. Oftseite von Beville Avenue, südlich von Tilden Str. $1500. Katie Smith an Agit Rahm, ein Theil der Lots 117 und 118 in Mor. ton Place, 40 bei 153.5 Fß, vacant, Westseite von Alabama Sie., südlich von 22. -ta. $3000. John Ripley an Adalaöka Hunter, Lot 84 in Bright'S.Subd. der Außen, lot 155, 35 bei 125 Fuß, verbessert, Westseite von Douglaß Str., nördlich von Michigan Str. $3000. Adolph Eaton an Thoör S. Eaton, u. A. Theil Sec. 27'und 23, .Town ship 15, Range 5, 50 Acker, Frank lin Township. $3,000.
Der fat)tet Hinkende Bote Kalender für 1905 itt dnrch unsere Office zu be ziehen. iHn Madchenraub. An einem Sonntag wurde in dem Londoner Vororte Hackney ein 13-jah-ria.es Mädchen, das für ihr Alter sehr entwickelt war. aus dem zweigliedrigen Zuge der Schülerinnen der König Eduards Schule für Mädchen" auf dem Kirchgange durch zwei Männer herausgerissen und in einen Wagen gehoben,, der sich mit den Räubern- und ihrer Beute in schnellstem Laufe entfernte. Die Lehrerinnen hatten keine Zeit, einzuschreiten, und die sofort erfolgende Verfolgung blieb ohne Resultat. Die Home-Office hat nunmehr genaueste Untersuchung eingeleitet. Man erfährt nachträglich aus den Erzählungen der Mitschülerinnen, daß die Geraubte sich ihnen, aber nicht den Lehrerinnen gegenüber verwundert darüber geäußert hatte, daß sie. von Männern immer an derselben Straßentcke auf dem Wege zur Kirche durch Winke belästigt werde. Um eine Geld' erpressung kann es sich in diesem. Falle nicht handeln, da die Mädchen der genannten Schule nicht aus bemittelten Familien.stammen. Nach Ansicht der Londoner Daily News" haben die Eltern des geraubten Mädchens .ihre Han?d mit im Spiele. Die genannte Schule nimmt nämlich nur Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren auf. die sich auf der Straße herumtreiben. Die Polizei fragt angeblick die Eltern nicht um Erlaubniß, wenn sie die Mädchen dieser Schule zuführt. Die Schule verweigert jede Aeußerung über die Beweggründe, die zu dem Raube geführt haben könnten, und auch die Polizei verhält sich schweigend. Ein Geheimbotschafter" des Kö nigS von Spanien. Unter dem Titel Don Pedro Sarcia Antonio Jos6 Carlos di Villanova y Manranres Y Bedoga, y Pico, Marquis de Vestriota. General der Artillerie, Inhaber des Großkreuz des Jsabellenordens. Grande von Spanien, Pair von Castilien usw. logirte sich in einem Lyoner Hotel ein höchst elegant gekleideter Fremder-ein. welcher dem geschmeichelten Wirth sehr bald ZnS Ohr tuschelte, er sei Geheimgesand'cr" des Königs von Spanien, mit der Mission, dessen, bevorstehenden Besuch in Paris vorzubereiten. Von da ab wimmelte es in dem Hotel fförmlich von eleganten Weltdamen und aWi Ütn Besuchern, welche sich die vom Hotel gelieferten großartigen Diners und andere Mahlzeiten prächtig schmecken ließen. Der spanische Grande trank stets nur die kostbarsten Weine, hielt sick wei Equipagen, alles natürlich auf Rkchffinng des Wirth?, dem er bei seiner Abreise denn auch mit vielem Dank für die freundliche Ausnahme einen El;rck auf die Lhoner Bank einhändigte. Als derselbe aber tags darauf vorgezeigt vard. stellte er sich als eine kühne Fälschung heraus. Jetzt fahndet die fran;öslscke Polizei auf diesen erotischen Botschafter, welchen selbst die von sei. ner Anwesenheit benachrichtigte Lyoner Geheimpolizei durchaus ernst und für echt genommen hatte. ' 3 Naucht die B0NANZA.
Das letzte Blatt. . ' ; , Von F. Holtgrave. Nur noch ein einzig Blatt; ' Es ist das allerletzte. Vergilbt, durchlöchert und Vom Sturme fast zerrissen. Hält es sich krampfhaft fest Am schwanken Zweig der Linde Und zittert bang und leise Im rauhen Abendwinde, ist das letzte Blatt. Wo sind die lieben Schwestern, Die einst wie du sich freuten Im lauen Sonnenwinde?.-. Eie alle sind nicht mehr; Doch keiner sagt: Wohin! Bald gehst auch du den Weg, Den Weg. den sie gegangen Mit Bangen. Nur noch ein einzig Blatt. - Ein altes Mütterchen. , Gestützt auf einem Stäbe, Wankt keuchend schwer daher . Ganz einsam und allein. Sie seufzt und stöhnt: Ach Gott! Da siHt das letzte Blatt! Vielleicht ein Sturmwind noch, ' Und dann, dann kommst auch du Wie ich ur ew'gen Ruh. Zur Nuq.
Die Bision. Bon Elfe Meerstedt. Der Regen rieselte einförmig hernieder tropf, tropf. Die alten knorrigen Weiden am Wegrand weinten sie vergossen Ströme von Thränen. Und die Thränen sammelten sich zu munteren Büchlein und rieselten . die aufgeweichte Landstraße hinab. 'Und mitten auf der Landstraße, dem Städtchen zu, rumpelte die alte Klosterkutsche. Gemächlich trabten 'die dicken Gäule. Mißmuthiz schüttelten sie die Köpfe. Und beim jedesmaligen Schütteln ergoß sich ein wahrer Sprühregen aus den struppigen Mähnen. Und der Christian auf dem Kutscherbocke schüttelte sich jedes Mal wie zur Gesellschaft mit. Tropf ' tropf, fiel der Regen auf das Dach der Klosterkutsche, und lies seitwärts an den Scheiben hinab. Und die Scheiben weinten auch. Sie machten es den Weiden nach. , Ellen Wolters' in dem alten Gefährt versuchte die Tropfen zu zählen, wenn sie aufklatschten aber das ging nicht. Sie prasselten unheimlich schnell herab. Und Ellen lauschte und meinte, so müßte sich aus der Ferne eine Schlacht mit modernen Geschützen anhören. In der Kutsche roch es nach Moder. Selbst der feine . Resedaduft, der Ellens Kleidern entströmte, vermochte den Modergeruch nicht zu betäuben. Wie einer, der schon seit Jahrzehnten ungekündigt dort wohnt, machte er sich breit. . Er nistete in den brüchigen LederNtzen, er hauste in jeder Falte. Und der Alte, der neben Ellen saß mit den steifenVatermördern und dem wächsernen üttbeweglichenGesicht schien so recht in diese Umgebung von Moder und steifer Zopfigkeit, die unfehlbar dazu gehört, zu passen. Moder legt sich wie graue Spinnweben über die Blüthen der Lebensfreude da ersticken sie.- Von dem wächsernen Alten schieß diese Eigenschaft auszugehen. Denn" Ellen schaute trübe, mit fast furchtsamen Blicken auf . die Regenlandschaft, "in das Gewimmel der Tropfen - Sie war eine sensible Nawr, zum Nachdenken geneigt aber auch eine gewisse Wildheit steckte ihr im Blute und brach von Zeit zu Zeit durch. So. malte sie sich plötzlich aus, welche Genugthuung es ihr gewähren müßte, den wächsernen Alten neben sich, ihren Peiniger, zu erwürgen. Und im nächsten Augenblick erschreckte sie vor dem Gedanken. Mit aller Macht suchte ' sie ihn loszuwerden. Sie dachte an'alles mögliche. Sie schloß die Augen, um das trostlose Bild draußen zu vergessen. Sie malte sich aus, es fei Sonnenschein, der alle schwarzen Gedanken mit seinen Goldstrahlen aufsog. Denn nur das graue Regenbild brachte die bösen, die schlimmen Gedanken. Dann dachte sie daran, daß sie mal irgendwo gelesen hatte,, auch ein tüchtiges Regenwetter habe seine Poesie, genau so, wie goldenes Sonnengefunkel. Aber der Sonnenschein malt lustige Bilder, Blüthenduft, Freude, Glück sind seine Begleiter. Sieh dir durch die Brille der Poesie ein Regenland an. Alles ist gedämpft grau. Die Melancholie hockt auf nassen Gräsern und blickt dich aus dunklen unergründlichen Augen an. Der Himmel weit und monoton wie Trauermusik peitschen seine Thränen das schwarze Land. Wer ein Uebermaß von Glück, Freude, Lustigkeit besitzt, kann gern mal die Poesie eines Regentages auf sich wirken lassen. . Sie dämpft ein wenig und läßt den Becher der Freude nicht überschäumen.. Für die Müden, Hoffnungslosen ' sind rinnende Regentropfen Gift, Verderben. Sie weifen ihm Pfade die der Sonnenschein hinter glitzernden Goldwellen verbirgt. Der Alte neben Ellen hüstelte.. Es klang wie leises Meckern.' . Das junge Mädchen .erschrak. Und blitzschnell fuhr es ihr durch den Sinn, daß sie sich gar nicht wundern würde, wenn aus dem tadellosen .schwarzen Veinkleid des Alten plötzlich ein Pferdefuß hervorschaut?. Er hüstelte noch einmal. Das that er stets, wenn er etwas sagen wollte. Dann begann er mit krächzender Stimme, immer von dem widerlichen Meckern unterbrochen: Sie werden Ihrem Namen und Ihrem Stande im Pensionat der Lady Schubart Ehre machen- Ellen. -Ich,- als Ihr Vormund, gebiete Ihnen das. Ich möchte
auch nicht verfehlen, Ihnen nochmals in's Gedächtniß zurückzurufen, wie wie wenig ladylike Sie in letzter Zeit gedacht haben. Ich würde lebhaft bedauern, wenn Sie sich durch äh durch weitere Extravaganzen auch den Aufenthalt bei Lady Schubart verscherzten und mich so zwängen, schärfere Maßregeln zu ergreifen. Ellen hatte wieder den Wunsch, den übercorrekten Alten neben sich erwürgen zu dürfen. Von Extravaganzen hatte er geredet . Und dann dachte sie über die Extravaganzen" nach, die sie begangen hatte,' um derenwillen man es das heißt der meckernde Alte für nöthig befunden hatte, sie von England in ein deutsches Pensionat zu bringen. Sie hatte die Geschmacklosigkeitbesessen, sich in einen jungen Schauspieler zu verlieben, der weder bedeutend war, noch hohe Gönner hatte, ein weiches, biegsames Organ ein feines, schmales Gesicht dunkel sprühende Augen und schwarze Locken mehr besaß er nicht. Doch gerade genug, um Ellen eine tiefe Liebe einzu flößen. Aber diese Liebe blieb einseitig dr junge Schauspieler war verlobt mit einem süßen, blonden Mädchen. Und daß dieses Mädchen reizend war, mußte sogar Ellen eingestehen, trotzdem Eifersucht scharf sieht und ungerecht ist. Und der meckernde Alte war hinter Ellens Liebe gekommen. Er hatte etwas von einem Spion an sich. Und er schloß von den Regungen seiner edlen Seele auf andere. Er rechnete: Ein Schauspieler, arm, unbekannt auf der anderen Seite eine reiche Erbin, passabel, wenn nicht sogar hübsch zu nennen ergo läßt der Schauspieler das kleine Mädel laufen und heirathet die Erbin.' Aber sich von einem armen Schauspieler r)eirathen zu lassen, das wäre eine Unvernunft, die an Wahnsinn grenzte. Und um Ellen diese Unvernunft auszutreiben, brachte er sie in ein deutsches Pensionat. ' Die Klosterkutsche rumpelte immer weiter. Ellen fröstelte. Der Alte neben ihr hatte alles wieder wachgerufen, was leise eingeschlummert war. Nun stand es vor ihr .im trüben trostlosen Rahmen des grauen Regentages und flüsterte und klagte. " - Mit einem Ruck hielt der ' Wagen.' Ellen erschrak u.d schaute uuf. ' Sie dicht vor dem Wagenfensterj.eiN' altertbümliches graues Gebäude. - Schwerfällig kletterteChristian vom Bock und öffnete den Wagenschlag. 's Kloster," sagt? er lakonisch und langte nach EllenL Handgepäck. Und als er sich kroch damit zu schaffen machte, erschien in dem Thorbogen des grauenGebäudes eine ältere Dame würdevoll steifleinen. Sie neigte das Haupt zum Gruße, ohne den Ankommenden nur einen Schritt entgegen zu gehen. Etwas Frostiges ging von ihr aus, etwas, das sich erkältend auf Herz und Sinne legte. Sie glich, wie sie so dastand, auffallend dem meckernden Alten. Ellen kroch es ganz kalt an's Herz.' Sie hatte die Empfk.dung, als sterbe sie ab ganz langsam, als gerinne sie allmählich zu Eis. Die. Begrüßung der beiden Alten fiel würdevoll aus. Sie ' hatten beide das Bewußtsein, sich zu verstehen. Dann wandte sich die PensionsVorsteherin an Ellen. Mit hoher, blecherner Stimme begrüßte sie das junge Mädchen. Sie schnatterte eine Unmenge Phrasen herunter, die 'jede neue Pensionärin &u hören bekam, und die sie im Laufe der Jahre wohl auswendig gelernt haben mußte. Ellen verneigte sich stumm. Dann schritt man in's Haus. Das Gebäude, in dem das Pensionat der Lady" Schubart sich befand, war ehemals ein Nonnenkloster gewesen. Viele Reminiscenzen davon hatten sich noch erhalten. .Und Lady Schubart . pflegte immer zu sagen, es sei der geeignetste Aufenthalt für junge Mädchen, um ihre Herzen von den Versuchungen der Welt ab auf Unvergängliches zu lenken. Todtensiille herrschte im Kloster. Die Schritte der Ankommenden hallten unheimlich wider. Bei einer Biegung des Flures that sich eine weite Halle , auf, an die sich ein langer gewölbter Kreuzgang schloß. Ueberall derselbe Modergeruch wie in der alten Kalesche. Kühl wehte es aus dunklen Winkeln. Ein uralter Springbrunnen mit verzerrten Sandsteingestchtern spie Wasser aus. Jeder fallendeTropfen fand Widerhall jeden Athemzug meinte Ellen doppelt zu hören. An den Wänden' verblichene Bilder Märtyrer mit leid- und schmerzverzerrten Gesichtern, geschnitzte Heilige, Medusenhäuptcr mit starren Blicken. ' Und auf allem ein feiner grüner Schimmer die Spuren versunkener Jahrhunderte. ' An den hohen Fensterbogen des 'Kreuzganges wucherte .wilder Wein.' Ein Luftzug trieb seine Ranken hin und her gespenstisch huschten die Schatten über die grauen Steine. ' Ganz am Ende des Kreuzganges in der Ecke befand sich eine hölzerneWendeltreppe. Dort stand unbeweglich, ein Schlüsselbund in der Hand, über dem schwarzen Kleide eine welße Schürze, eine - ebensolche Haube auf dem Kopfe, das alte Faktotum Lady" Schubarts. Fräulein Ellen Wolters," sagte die Pensionsvorsteherin zu der sich verneigenden Alten. Begleiten S die Dame auf ihr Zimmer.
Dann wandte sie sich an Ellen: Sie werden müde sein, liebes Kind. Angenehme Ruhe!" Das klang einem Befehl gleich. Und Ellen verstand, daß man über sie noch zu conferiren hatte. Sie neigte abermals stumm den Kopf und blickte über die auLgestreckte Hand ihres Vormundes hinweg. Die Holztreppe knarrte eigen unter Ellens und der Alten Tritten. Wi: leise Klagetöne klang es. Ellen befand sich wie im Schlafe. Ihr war zu Muthe, als sei sie losgelöst vom Leben, als schreite sie der Pforte des ewigen Schweigens zu. Die Treppe war zu Ende. Ein langer düsterer Flur mit Thüren zu beiden Seiten nahm Ellen auf. Das Schlüsselbund in der Alten Hand klirrte. Ein Schloß knackte. Lautlos öffnete sich die Thür. Mechanisch trat Ellen in das halbdunkle Gemach. Die Thür hinter ihr schloß sich wieder. Die Schritte entfernten sich. Todtenstille. Tropf tropf, rann der Regen an den Fensterscheiben hernieder. Ellen blickte sich nicht um. Sie ging nach dem Stuhle, der am Fenster stand und ließ sich darauf nieder mit geschlossenen Augen. Sie konnte nicht mehr klar denken. Die Vorstellung von Zeit und Raum war ihr abhanden gekommen. Grauen nahm ihre Seele gefangen vor dem düsteren freudlosen Orte, vor dem freudlosen, langen Leben, vor der Zukunft, vor allem. Nach längerer Zeit pochte man an Ellens Thür. Ellen rührte sich nicht. Sie hörte auch das Fortrollen eines Wagens und wußte, daß es ihr Vormund war, der wieder abfuhr. In der ..nächsten Minute dachte sie schon nicht mehr daran, da lauschte.ste der Uhr, die langsam, hohl ihr Ticktack sagte und auf jeden Pendelschlag kamen zwei Regentropfen. Die Monotonie lullte ein. Ellen träumte. Sie träumte, von dem jungen Schon spieler. Sie sah ihn in d:n verschiedensten Rollen, den verschiedensten Verkleidungen. Sie sah auch sein blondes Lieb als seine Partnerin. Und die Eifersucht fraß ihr am Herzen. Als sie nach Stunden erwachte, halb im Fieber, hatte der Regen aufgehört. Auch die Uhr stand still. Am Himmel eilten gespenstische Wolkenfetzen, seltsam beleuchtet von . der tiefstehenden weißlichen Mondscheibe, die bald hervortrat, bald sich verkroch.. Unter Ellens Fenster dehnte sich eine grüne Fläche. Grauweiße Blöcke, Tafeln lagen und standen verstreut umher. Ellen konnte gar nicht begreifen, was das zu bedeuten hatte. Sie öffnete ein Fenster und - lehnte sich - hinaus. Kalt strich die Nachtluft über ihr Haupt. Uno plötzlich fuhr sie entsetzt zurück. Ein Kreuz gerade unter ihrem Fenster hatte ihr gesagt, daß. die Steine und Blöcke einem alten FriedHof angehörten. Richtig sie war ja im Kloster. Und Kloster und Friedhof gehörten unzertrennlich zusammen. Todte hier wie da, für die Welt und für die Ewigkeit. Ellen wandte sich ab. Sie konnte den Anblick dort unten nicht mehr ertragen. Das Blut brauste ihr im Kopf. Die Füße zitterten ihr. Sie that ein paar unsickere Schritte in's Zimmer. Ein Mondstrahl fiel durch das hohe schmale Fenster. Mechanisch folgte ihm Ellen's Auge. Ihr Blick weitete sich. Er wurde starr. Der Mondstrahl zeigte auf eine hoheStirn, auf zwei dunkel sprühende Augen, die wie lebend aus einem mächtigen Gemälde schauten. Und die Augen, die Stirn gehörten dem, den sie .liebte. Ellen schaute und schaute. Sie wartete mit auf das Herz gepreßten Händen, daß der Mondprahl wandern und ihr die übrigen Gesichtszüge enthüllen möchte. Er stand aber hartnäckig still. Ein paarmal irrte er ein wenig hinüber, herüber, daß der schwarze Hintergrund des Gemäldes sichtbar wurde. Dann beleuchtete er wieder die Augen, sie zu geheimnißvollem Leben erweckend. , Ellen vermochte nicht mehr an sich zu halten. Sie mußte das.Vild in der Nähe sehen sie mußte. Sie zog sich einen der schweren Eichenstühle heran und stier hinauf er war zu niedrig. Suchend blickte sie sich um. Dort in der Ecke stand nach ein Stuhl. Wenn sie die beidenStühle aufeinander stellte, konnte sie an das Bild heranreichen, konnte sie sich in den Blick , der dunklen Augen versenken. .Zitternd, fiebernd stand Ellen oben. Ihre heiße Hand strich über die weiße, kühle Stirn des Mädchenkopfes. Wenn sie sich auf den. Zehenspitzen hob, konnte sie die Stelle, wo der Mund sein mußte, küssen. Sie reckte sich, sie brachte dem Bilde die Lippen entgegen da, hatte sie fehl getreten, war der Stuhl in's Wanken gerathen? Ein leiser Aufschrei ein dumpfes Ausschlagen. Leblos lag Ellen auf der weißen Diele. - Hinter der Wolkenwand trat der Mond hervor. Er - überfluthete das Gemach mit einem Silberlicht. Grell beleuchtete rr das uralte, von MeisterHand gemattr Bild, einen schönen, jungen Mann in längst versunkener Tracht. Die sprühenden Augen schauten auf Ellen herab, auf den feinen rothen Strom, der. langsam ihrer Schläfe entquoll, in den brechenden Blickt. .
Beim Vogelhändler. Dame: Spricht der Papagei auch Schimpfworte? Händler: Nein, aber solch' junger Vogel lernt ja leicht. .
