Indiana Tribüne, Volume 28, Number 99, Indianapolis, Marion County, 16 December 1904 — Page 5

Jndiana Trivüiic, IG.- Dezember lüua.

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preise geliefert von A. B. MEYER & CO. Pennsylvania Anthracits $7.50 Pocahontas Lump ... 5.25 Smokeleb Lump 5.25 Ohio Cannel Lump 5.25 Ohio Cannel Egg 5.25 Kanawha Lump 4.25 Pittsburg Lump 4.25 Brazil Block 4.00 Hocking Valley 4.00 Straight Creek Lump 4.50 Straizht Creek Egg. 4.25 Greene Counto, No 4, Vein Lump.... 3.25 Greene County, No.4,Vein Egz 3.25 Jackson Ohio Lump 5.00 Oven Coke Egg 5.50 Gas House Lump Coke 5.50 GaZ House Crushed Coke 6.00 Sxlra.erechnung wo solche getragen werden rn&ffen. Unfälle. John Heinz, ein Gärtner von No. 3332 West 10. Straße, fiel gestern an der Ecke der King Ave. und 10. Straße so unglücklich, daß seine Uebersührung in'S Hospital nothwendig wurde. Heinz wurde schmerzlich, jedoch nicht gesähr lich verletzt; er zog sich eine Verrenkung deS linken Fußknöchels zu. Die BeHorde für öffentliche Arbetten bestätigt den Bericht der Kommissäre. Die Kommissare, welche von der Stadt und der Wasser-Compagnie ernannt wurden, berichteten nach einer strengen und umfang reichen Prüfung deS städtischen Wassers fclgendermaßen: Wir sind einstimmig der Ansicht, daß das Wasser welches den Consumenten während der Periode dieser Untersuchung geliefert wurde, guten gesundheitlichen Charakters war ; daß daZ Wasser von Privat-Brunnen einer der wichtigsten Factoren der Ent stehungs-Nrsachen dieser (TyphuS) Epidemie Periode war." Die Kommissäre empfehlen die Condem nirung von Privat-Brunnen und Aborten, und empfehlen, daß Verbindungen mit Abzugskanälen hergestellt werden sollen wo immer sich solche befinden. Der ganze Be richt der Kommissäre ist in Druck und wird auf Anfrage abgeliefert oder mit der Post versandt. Die Qualität des Wassers,wie solches von dieser Gesellschaft geliefert wird, und wie durch diesen Bericht festgestellt, ist für alle Bewohner der Stadt zum Privat-Gebrauch ernpfehlenswerth. Indianapolis Wager Co. Grenze! No 1 W. Washington Str (Merchants National Bank.) Ein europäisches Department. Wechsel, Creditbriefe und PoftaMveisungen auf alle Städte Eurova 2. Schtffsscheine nÄ! An- und verkauf ausländischsn Geldes. Urlauben Sie uns ein SparConto mit unserer Gesellschaft vorzuschlagen als ein würdiges substantielles WeihnachtsGeschenk für ihre Freunde oder Verwandte. Für diese Weih nachten haben wir uns mit einem speziellen Feiertags-Couvcrt dersehen, das prächtig verziert und mit einer niedlichen Bandschleife versehen ist das demselben ein sehr hübsches Ansehen gibt und das wenn gewünjcht am Weihnachtsbaum befestigt werden kann.Contos können zu irgend einer Zeit dieses Monats eröffnet werden und wir werden darauf sehm,

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wenn es so gewünscht wird, da der Empfanger es am Weihnachts Abend erhält. Tlie Indiana Trust Co. Ecke Washington Sw u. Virginia Ave.

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Aovellctte von Vreto (Dlfccn er alte Herr hielt den Brief in seinen hübschen weißen Händen und sah rathlos von dem bloßfüßigen Burschen, der ihn gebracht hatte, zu seiner Wirthin hmüber. Können Sie sich vorstellen, Frau Himmelreich, was das bedeuten mag? Da schreibt mir der Sanit'ätsrath Härtung, ein junges Mädchen, das seit vorgestern im Krankenhaus liegt, wünsche mich zu sprechen. Ein junges Mädchen mich?" Und recht eilig hat's der Herr Sanitätsrath gemacht," fiel der Junge, immer noch athemlos, ein, das Fräulein hätte einen Blutsturz gehabt, vergangene Nacht, man könnte nicht wissen, wie lange daß sie überhaupt noch lebte." Steht denn kein Name drin, Herr Hentrich?" fragte Frau Himmelreich bedächtig. Richtig ja, ein Name war ja wohl dabei." Hentrich setzte mit zitternden Fingern du goldene Brille auf und überlas, die wenigen Zeilen. Rita Manoni," sagte er dann und zog die buschigen grauen Augenbrauen erstaunt nach oben. Das ist doch eine vom Theater," unterbrach Frau Himmelreich errec. Rita Manoni den Namen habe ich auf dem Zettel gesehen." Ist denn Theater hier?" Aber schon seit vierzehn Tagen," erklärte die Frau wichtig. .Mitteldeutsches Hoftheater-Ensemble' heißm f.? und spielen im großen Schützenl'aussaal. Wenn Herr Hentrich nicht Tag und Nacht über seinen ErfindUilgen säßen, hätten Sie gewiß davon gehört." Der kleine Bote war indessen ungeduldig von einem Fuß auf den andern getrippelt. Was soll ich'n ausrichten?" fragte er jetzt. - Ja na. Ja also, ich käme selbstverständlich. Ich muß nur hier noch Ich kann das unmöglich alles so liegen lassen." Der alte Herr warf einen besorgten Blick auf den großen ungebeizten Tisch, der vor die Fenster des weiten Zimmers gerückt stand und mit Hämmern, Sägen, Feilen, Phiolen, Kruken, Flaschen, Drähten. Thermometcrn, Tiegeln, Zetteln und Büchern bedeckt war. Aber Herr Hentrich," Frau Himmelreich war ganz beleidigt, nachgerade dürsten Sie doch wissen, daß Ihren Sachen bei mir nichts geschieht. Umsonst ist man schließlich doch nicht die Wittwe von einem Apotheker, der noch dazu 'ne Schmetterlingssammlung und 'ne Seidenraupenzucht gehabt hat." Man sah förmlich, welchen Kampf es dem alten Herin trotzdem kostete, s h von der Arbeit an seinem geliebten Werktisch loszureißen. Also Sie versprechen mir ganz fest ?" Frau Himmelreich war zu ihm getreten, hatte schnell den Arbeitskittel von feinen Schultern gezogen und nahm jetzt aus einem Schrank, der nur wenige Kleidungsstücke enthielt, einen langschößigen, verblichenen braunen Rock und einen weichen schwarzen Hut mit breiter Krempe. Das Beste wird sein, wenn Sie hinter dem KasernenHof weg bei der Lohgerberei vorübergehen, da sparen Sie mindestens zehn Minuten." Gerberei? Kasernenhof?" Hentrichs hellblaue kleine Augen schauten ihr verwirrt in's Gesicht, wo ist denn das?" Nee, nee," sie schlug ganz verzweifelt die Hände zusammen, nu sind Herr Hentrich seit achtzehn Jahren in Brandenstädt und wissen noch nicht Weg und Steg! Das kommt natürlich davon, daß Sie ewig hier in dem Zimmer hocken, immer beim. Tüfteln und Spintisiren." Hentrich fuhr sich zerstreut durch das röthlichgraue Haar und über den spärlichen Knebelbart, machte einen vergeblichen Versuch, die Knöpfe seines viel zu engen Rockes zu schließen und meinte dann beruhigend: Das wird sich ja ändern, liebe Himmelreich. Ich. werde auch Zeit zum Spazierengehen finden, )venn ich nur mal zu einem Abschluß gekommen bin. In etwa drei Wochen " Frau Himmelreich seufzte lang und schwer. In etwa drei Wochen? Du lieber Himmel, wie oft haben Sie das -nun schon gesagt!" So? Hm na, ja, eine Vorausberechnung ist natürlich immer sehr schwierig. Man kann sich täuschen. Aber diesmal ist das nicht möglich. Sowie ich das Patent habe " Er schien im Begriff, sich in eine weitschweifige Auseinandersetzung 'zu verlieren, als sein Blick den Jungen traf, der auf ihn wartend im Thürrahmen stehen geblieben war. Richtig ja, ich muß fort!" unterbrach er sich und kopfschüttelnd setzte er sich in Bewegung. Rita Manoni? Rita ? Ich habe den Namen nie gehört." Frau Himmelreich blickte nachdenklich hinter ihm her, warf dann einen mißbilligenden Blick auf den beladenen Tisch und über das unwohnliche leere Zimmer, in dessen äußerstem Winkel ein armseliges Feldbett, überdeckt mit

einer zerschlissenen rothen Steppdecke und einem abgetragenen Winterpaletot, stand, schloß darauf sorglich die Thür ab und schritt über den Flur in ihr.sonniges reinliches Zimmerchen, wo sie behaglich das unterbrochene Frübstück fortsetzte. Der Vormittag war heiß und win-

big. Auf dem schattenlosen Feldweg. I den der Bote kurz hinter Frau Him- j melrelchs Haus eingeschlagen hatte, wirbelten kleine Staubpyramidm. Staub flog dem alten Herrn in die Augen, legte sich ihm auf den Rockkragen. Er schritt langsam und beschwerlich vorwärts, das flimmernde Licht ringsum betäubte ihn fast, die stechenden Sonnenstrahlen schienen ihm geradezu Löcher in feinen engen dunklen Anzug zu brennen, in seinen leichten Schuhen empfand der des Gehens Ungewohnte ieoen Kiesel, jede Unebenheit des Bodens. Er blieb verschiedentlich stehen, lüftete den Hut und fuhr sich mit dem Taschcntuch über die heiße Stirn. Schrecklich, schrecklich, so ein heiterer Frühlingsmorgen!" flüsterte er vor sich hin. Jetzt war die Chaussee erreicht. Vorüber an der Gerberei, deren scharse Dünste die ganze Gegend überwehten, am Alterversorgungshaus und der Gasfabrik führte sie zum städtischen Krankenhaus, dessen Garten nachbarlich die weißbeworfene Kirchhofmauer angrenzte. Das vergoldete Kreuz über dem Eingangsportal warf spitze gelbe Blitze, das gußeiserne Thor knirschte, vom Winde hin und her geklappt, in den Angeln. In dem mit rothen Backsteinen gepflasterten Hausflur fiel eine feuchte Kälte auf Hentrich nieder. Ein haßlicher Geruch von Karbol, Seifenlauge und irgend einem Kohlgericht schwebte zwischen den weißgetünchten Wänden, die von niederen hellgrau gestrichenen Thüren unterbrochen waren. Hentrichs Führer war jetzt, hinter ihm im offenen Hausthor stehen geblieden. Er flüsterte ihm nur noch scheu nach: Links, die zweite Thür," dann verschwand er, man hörte seine bloßen Füße die Thürstufen hinabspringen und über den steingepflasterten, schmalen Pfad der Eingangsthür zulaufen. Ein kurzes Herein!" antwortete hinter der. zweiten Thür links auf Hentrichs Klopfen. Er öffnete und fand sich einer hochgewachsenen Frauengestalt in einem dunkelgrauen Gewand mit weißer Schürze und großer weißer Haube gegenüber. Ich bitte um Entschuldigung. Mein Name ist Hentrich, man hat mich hierher gewiesen." Ah, ich weiß schon. Der Herr Sanitätsrath hat Ordre gegeben, daß Sie sofort zu der Patientin geführt werden sollen." Sie griff nach einem eisernen Klingelzug neben der Thür, ein heiser klapperndes Glöckchen erscholl, gleich darauf trat ein etwas jüngeres weibliches Wesen in's Zimmer. Frau Oberin wünschen?" Sie war in die gleiche Tracht wie die Oberin gekleidet, nur daß sie statt der weißen Schürze einen groben blauen Schurz trug. Führen Sie den Herrn in Saal Nr. 4. Sie wissen schon. Eine Stunde Sprechzeit ist gestattet." Sehr wohl." Ueber eine weißgescheuerte breite Treppe, deren ausgetretene Stufen unter Hentrichs müden schweren Schritten ächzten, stieg ihm das schlanke Mädchen voran. Oben blieb sie stehen und erwartete geduldig sein Näherkommen. Als sie sich dann einem langen Korridor zuwenden wollte, legte der Mann bittend die Hand auf ihren Arm. Einen Augenblick, hm äh, " er suchte nach einer Anrede. Schwester Martha," half sie freundlich ein. Einen Moment noch, Schwester Martha. Ich weiß ja gar nicht ich habe den Namen der Dame, die nach mir verlangt, nie im Leben gehört " Das will vielleicht nicht viel bedeuten," meinte Schwester Martha mit einem stillen Lächeln, das kleine Fräulein hat mir gestern gesagt, daß Rita Manoni nur ihr Künstlername ist." So? Und wie heißt sie wirklich?" stammelte er erregt. Die Schwester zuckte die Achseln. Danach habe ich nicht gefragt." Wieder wollte sie sich zum Gehen wenden, noch einmal hielt er sie auf: Ist das Fräulein sehr krank?" Die junge Schwester zögerte: Der Herr Sanitätsrath scheint wenig Hoffnung zu haben. Beide Lungenflügel sind angegriffen und die große Schwäche ist besorgnißerregend." Hentrich wiegte verständnißlos den Kopf: Und mich will sie sprechen? Unerklärlich, ganz unverständlich." In der Thür von Saal Nr. 4 blieb Hentrich überrascht stehen. Er hatte bisher angenommen, daß er zu einer Kranken geführt würde und jetzt fand er sich angesichts zweier langer Reihen von Betten, die fast alle von kranken Frauen eingenommen waren. Nur am äußersten Ende des langen Raumes standen einige leere Lager und nahe dem offenen Fenster saß eine flüsternde Gruppe weiblicher Gestalten in weißen Hospitalkitteln. Schwester Martha ging ihm voraus, trat zu einem Bett, das in der Mitte des Zimmers stand, beugte sich über die Kissen und sprach ein paar leise Worte. Schin? Ach, das ist gut!" hörte

Hemricy eine jcywacye junge klimme. Dann trat die Schwester lautlos zurück, und Hentrichs Blick fiel auf einen blonden Kinderkopf,' der matt in den weißen Kissenlag. Ein ihm völlig, unbekanntes Gesicht, wie er sich sofort sagte. Dichtes welliges Haar über der schmalen weißen Stirn, feine dunkle Augenbrauen, die wie in ängstlicher Spannung zusammengezogen schienen, eine zierliche kleine Nase, ein blasses Mündchen, die eingefallenen Backen von fieberischem Noth überzogen. Sie schaute mit aronen Augen, in denen ein unruhiger Glanz flackerte, zu ihm auf, hob wie zur Begrüßung die Hand, ließ' sie dann aber schüchtern lächelnd wieder 'sinken. ' Ich danke Ihnen, daß Sie so bald gekommen sind," sagte sie, während des kurzen Satzes schwer und tief Athem holend. Dann wies sie auf den Stuhl, den die Krankenschwester unterdessen neben das Bett gestellt hatte. Hentrich ließ sich langsam nieder, brachte umständlich seinen Hut unter und wandte sich dann verlegen ihr zu: Sie haben gewünscht, mich zu sprechen, mein Fräulein?" Ja, ich " sie suchte vergeblich nach Worten und strich unruhig über das Betttuch. Ich bin erst seit Kurzem in Brandenstädt und vorgestern hier in's Spital gekommen. Ganz zufällig hörte ich Ihren Namen. Ich hatte nämlich immer geglaubt, Sie Sie wären schon lange todt." Todt? Ich?" Der alte Herr sah sich besorgt nach der Schwester um sollte die Kranke im Fieber sprechen? Aber sie lag ganz ruhig und fuhr in gleichmäßigem Ton fort: Meine Mutter wenigstens hat mir immer gesagt, daß Sie gestorben wären." Also hat Ihre Mutter mich gekannt?" fragte Hentrich gespannt. Gewiß ja, sehr gut. So gut, wie man wohl überhaupt Meine Mutter war mit Ihnen mitDir verheirathet." Was? Dann wäre Ihre Mutter? Dann wären Sie? Um Gottes willen, bist Du etwa Gertrud, meine kleine Äude?!" Das Mädchen vor ihm nickte nur stumm. Und er konnte, im Augenblick keine Worte finden. Er warf nur einen ängstlichen Blick im Kreise umher. Niemand achtete ihrer. Die Patientin im gegenüberliegenden Bett lag in friedvollem Schlummer. - Seine Augen kehrten zu dem blonden Köpfchen vor ihm zurück. Aufmerksam glitten sie über jede Einzelheit in den kindlichen Zügen, er mühte sich vergeblich, das runde Babygesichtchen seines längst verlorenen Töchterchens in dem hageren 5Nankenantlitz wieder zu finden. Gertrud schien feine Gedanken errathen zu haben. Es ist so lange her," flüsterte sie, daß wir uns nicht gesehen haben. Wir sind wohl recht verändert, ich und auch Du Vater." Das Wort traf ihn wie ein leiser Schmerz. : Vater! Mit diesem Laut erst wurde ihm klar, daß das junge Wesen da in den Kissen sein Kind war, sein einzigcs Kind, das er so innig lieb gehabt, nach dem er sich gesehnt, mit heißen Thränen gesehnt hatte, viele einsame Jahre hindurch. Und in qualvoller Deutlichkeit stand der Tag vor ihm, an dem er sein Töchterchen zum letztenmal gesehen hatte. Seine Frau hatte ihn gebeten, sie zum Osterfest zu ihren Eltern fahren zu lassen. Ich verkomme hier in dem Nest, in dem ertödtenden Einerlei!" hatte sie gejammert. Selbst ihm, der doch im Allgemeinen keinen Blick für das, was um ihn herum vorging, hatte, war es aufgefalkn, welch umständliche Vorbereitungen sie zu der kurzen Reise traf, und auf dem Bahnhof hatte er ganz verwundert gestanden, vor all den Koffern und Kisten, Taschen und Körben, die sie mit sich führte: Ja, wie lange willst Du denn eigentlich fort bleiben?" Sie hatte hell aufgelacht: Nicht viel länger als vierzehn Tage." Er hatte sich damit beruhigt. Schön. Unterdessen denke ich auch an den Kontrakt wegen der Ausbeutung meines unzerbrechlichen Porzellans abgeschlossen zu haben. Dann geben wir die Wohnung bei der Himmelreich auf und miethen uns eine Villa in den Anlagen. Oder wir ziehen vielleicht ganz fort, nach Berlin, nach München nach Paris." Er hatte sich ganz in Eifer geredet. Aus dem Koupefenster hatten ihm die beiden blonden Köpfe immer wieder zugenickt. Ich bringe Dir auch was Schönes mit," hatte Trudel gerufen, 'nen Osterhasen und eine Puppe und Schokoladeneier!" Und die Mama hatte lachend hinzugesetzt: Und eine Flasche Sekt, mit der feiern wir dann Wiedersehen." Merkwürdig, als er einen Monat fpäter den Brief von ihr erhielt, der ihm in grausamer Kürze mittheilte, daß sie nicht wiederkommen würde, daß sie das elterliche Haus verlassen habe und mit dem Kinde-abge-reist fei versuche nicht, uns nachzuforschen, ich habe jede Spur verwischt" da war das erste, was ihm wie ein stechender Schtnerz' durch, die Seele ging, der Gedanke an die . fröhlichen Versprechungen beim Abschied. Sie hatte ihn für immer verlassen, ihm das Liebste, das er besaß, entführt und hatte mit einem zärtlichen Scherz vom Wiedersehen gesprochen. Heute noch, noch in diesem Augenblick, empfand er

diese srwole Mißacytung rote einen Schlaz in's Gesicht. . Eine Bewegung neben ihm. rief ihn in den Augenblick zurück. . Trude hatte ihm den Kopf voll zugewandt und sah mit großen, seitsam verstehenden Augen in sein erregtes Besicht. Armer Papa!" sie streichelte mit ihrer heißen kleinen Hand leise über seine Linke, die sich unwillkürlich geballt hatte. Das brachte ihn ganz außer sich. In jäh aufflammender Traurigkeit beugte er sich zu ihr: Und Du bist krank, mein Liebes? Hast Du Schmerzen? Kann ich Dir helfen?" - Trude schüttelte freundlich den Kops. Es geht mir schon viel besser. H:ute Nacht, das das war. glaube ich, di? Krise. Ich fühle mich so viel leichter, der schreckliche Druck, der mir immer bier auf der Brust saß. ist aanz fort." 30) werde nachher mn oem anitätsrath sprechen. Du darfst nicht hier bleiben." ' Sie blickte unruhig um sich. Ach, weißt Du, eigentlich habe ich's sehr. gut hier. .Sie sind alle so freundlich mit mir, der Arzt und die Schwestern und auch die andern Kranken." Gewiß, gewiß. Aber Du mußt bessere Pflege haben, ein Zimmer für Dich allein. Du kommst zu mir nach Hause." Nach Hause?" Ein wehmüthigglückseliges Lächeln zog über das schmale Gesicht, wie das schön klingt, ,nach Hause.' " Erst nach langen aufgeregten VerHandlungen mit dem Sanitätsrath Härtung hatte Hentrich die Einwilligung zu seinem Vorhaben erhalten. Er hatte dem gütigen alten Herrn die Verhältnisse klargelegt,' aber immer wieder die Antwort erhalten: Ich glaube nicht, daß hier noch irgendwie zu bessern ist, aber ich fürchte, wir könnten es sehr, sehr leicht schlimmer machen." Und als Hentrich nicht nachgelassen hatte mit Bitten und Vorstel-, lungen, war der Umzug vom Sanitätsrath selbst geleitet worden. In seinem eignen hübschen Koupe hatte er das kranke Kind den kurzen Weg zurücklegen lassen. Aus dem eisernen Krankenhausbett war Gertrud in die mächtige alte Lagerstatt des seligen Herrn Apotheker übergesiedelt. Anstatt auf die weißgetünchten Wände von Saal Nr. 4 sielen ihre Augen auf die buntgeblümten Tapeten von Frau Himmelreichs guter Stube, durch die weit geöffneten Fenster zog die sonnige Lust über duftende blühende Pflanzen, die der Vater für sie herbeigeschafft hatte, aber damit erschöpfte sich auch so ziemlich die Veränderung, die vorgegangen war. Das Fieber wollte nicht weichen, der quälende Husten sich nicht lösen. Schlaflos, mit heißen Augen, lag Gertrud die mondhellen Frühlingsnächte hindurch und hörte auf das zarte Rauschen des jungen Laubes im Garten, auf den fernen Gesang einer Nachtigall, auf das ruhige Athmen der braven Frau Himmelreich und das unruhvolle Wälzen ihres Vaters im Nebenzimmer. Seit der Stunde, in der man sie üb:: die Schwelle dieses Hauses, in dem sie geboren war, gebracht hatte, wußte sie es mit voller Bestimmtheit: sie mußte sterben. Wie ein heißer unfaßbarer Schmerz h'.tte sie der Gedanke zuerst durchzuckt; sie hätte verzweifelt aufschreien mögen: ich will nicht! Aber mit der zunehmenden Schwäche, bei den oft wiederholten Schmcrzensanfällen, hatte der Gedanke an das Ende allmälig von seinem grauenvollen Schrecken eingebüßt. Jetzt lächelte sie nur noch, weise und freundlich, wie eine Mutter, die dem Plappern ihres Kindes zuhört, wenn der Vater ihr von feinen Zukunftsplänen sprach von all den berühmten Aerzten, die er aufsuchen, den Heilstätten, zu denen er sie bringen wollte. In den nächsten Tagen erwarte ich wichtige geschäftliche Nachrichten. Sowie der Abschluß so weit gediehen ist, werde ich mir eine große Anzahlung erbitten, und dann lassen wir hier alles stehen und liegen und leben sür's erste nur einem: Deiner Gesundheit." Sie hatten sich viel erzählt in diesen kurzen Wochen. Trude ließ sich vom Vater das Haus und das Städtchen schildern, von dem schwach eine Erinnerung wie von etwas Friedvollem, Ersehnenswerthem mit durch ihr kurzes Leben voller Unrast gegangen war. Und sie sprach ihm von diesem Leben. Von der Zeit an, die sich für sie in graue Unbestimmtheit verlor, bis -u ihrem Engagement beim Mitteldeutsehen Hoftheater-Ensemble. Damals sind wir, glaube ich, zuerst nach London gegangen. Ja, es muß wohl London gewesen sein, denn es war eine sehr große Stadt, und als ich mit sechs Jahren nach Amerika kam, konnte ich schon vollständig Englisch sprechen. Wir haben lange in den Südstaaten gelebt. Der Mann, der mit uns herübergekommen war, und den ich damals Papa nannte, hatte ein großes Territorium in Carolina gekauft und Erdbeerplantagen angelegt der Frost einer einzigen Nacht hat dann die Arbeit von Jahren zerstört. Wir gingen nach New Fork, später nach San Francisco. In San Francisco hat Mama den Anderen geheirathet. Wirklich geheirathet das ist wohl auch der Grund, weshalb sie nicht nach Europa zurück wollte. Ich war wenig über vierzehn 5kabre. als ich im Kali-

fornia-Theater engaglrt wurve, lzauplfächlich meines Tanzens wegen. Du mußt wissen, Papa, drüben hängt der Erfolg eines Lustspiels fast ganz davon ab, ob die Darsteller gut tanzen können. Vor der Liebeserklärung, nach der Liebeserklärung, vor dem Zank und nach dem Zank, vor der Verlobung und nach der Verlobung, immer wird ein Tanz eingelegt. In St. LouiS lernte ich einen deutschen Schauspieler kennen, der meinte, ich wäre zu gut, um jahraus, jahrein in einem sinnlosen Ausstattungsstück den extravaganten Backfisch zu spielen. So kam ich Iherüber. Sonderbar! ich war doch noch so klein, als ich von hier fort kam, und doch wie ich den Fuß auf deutschen Boden setzte, hatte ich das frohe Gefühl:' Du bist wieder in der Heimath. Und meine Heimath hat mich freundlich aufgenommen. Ich habe viel Gu-

tes erfahren in der kurzen Zeit, liebe Menschen kennen gelernt, Erfolge gehabt. Ach, es war schön: wieder deutsch reden, sich wieder deutsch freuen und deutsch leiden. Und das letzte war das allerbeste." sie .reichte dem Vater innig beide Hände, daß wir uns gefunden haben." Der Sommer kam früh, mit heißen Taaen und schwülen Nächten. Hentrich trug fein Kind hinunter in das kleine Gartenhäuschen, wo es in einen weiten Armsessel gebettet wurde. Wie Du Dich schon erholt hast!" meinte er froh. Bald bist Du reisefähig, dann geht's fort, auf irgend eine sonnige Höhe. Und dann kommen wir gar nicht wieder zu Ihnen zurück," wandte er sich zu Frau Himmelreich, die mit einem zweifelnden Lächeln daneben stand. Im Winter gehen wir nach Madeira, nach Egypten oder Algier. Vielleicht," feine schöne weiße Hand wies in Märchenfernen, vielleicht miethen wir eine Facht und kreuzen auf dem Mittelmeer, gehen durch den Kanal nach Indien, nach Javan" Sowie die Sonne hinler den Hügeln versank, wurde Gertrud wieder in's Haus gebracht. Seit einigen Tagen hatte sie sogar schon früher über Müdigkeit und Frösteln geklagt, und am hellen lauten Nachmittag lag sie wieder erschöpft in ihrem Bett. Hentrich blieb neben ihr. Stundenlang waren sie dann schweigend beieinander, in stillem Sinnen beobachtend, wie draußen die bunten Sommerfarben allgemach verblichen. Von fernber klang das Rollen eines Wagens, das Schlagen der Thurmuhren, ein verhallender Kinderruf, Hundegebell. In einer solchen Stunde war es, daß Gertrud sich Plötzlich ausrichtete. - Papa, eins mußt Du mir versprechen." . Alles. mein Kind. Von Serzen. 'Was wünschest Du denn?" ..Du darfit Du sollst nickt traurl sein, wenn ich nicht mehr bei Dir bin." Aber Trudel, wer denkt denn an Trennung? - Jetzt, wo wir uns gerade erst gefunden haben." Wir nicht, wir Beide nicht, aber vielleicht-das Schicksal. Wenn ich nun doch 'nicht gesund würde ?" Hentrich wandte sich schnell ab. Wie kannst Du so etwas sagen? Es geht Dir ja schon viel besser!" Freilich wohl. Aber nicht wahr, wenn es doch anders kommen sollte, Du wirst nicht zu traurig sein. Sieh mal, Papa, sonst wäre es ja gar kein Glück, daß uns der Zufall zueinander geführt hat. Sonst müßte ich mir ja noch Vorwürfe machen, weil ich Dich damals holen ließ." . - Er vermochte nicht zu antworten. Er griff nur nach ihrer Hand und drückte sie lange und zärtlich. Nach einiger Zeit fuhr sie leise, kaum verständlich fort: Ob es nicht am allerbesten so ist für mich? Fortzugehen aus dieser ersten kurzen Friedenszeit, die ich erlebt habe. Ich weiß nicht, Papa, ob Du über Deinem Suchen und Erfinden die Welt um Dich her nie verstanden hast, oder ob man in solch stillem Winkel vergißt, wie eö draußen aussieht wie heiß und selig und' unglücklich und schuldig wir alle das Leben leben." , Hentrich sah in fchreckvoller Ueberraschung in die hellen Kinderaugen, die groß zu ihm aufgeschlagen waren. Schuldig? Selig? Woher fand das Mädchen solche Worte? Sie nickte ihm lächelnd zu. Nicht fragen, guter alter Papa. Das ist ja .alles so weit vergangen und vergessen." Aber an das Selig und Schuldig rmihp her nrmi 9slf nnrfi nehmim nls w r y vw-w-vvj er sein Kind schon längst auf dem Friedhof drüben am Berg begraben hatte. Und leise kam ihm der traurige Trost, den wir zuletzt alle finden: viclleicht war es gut so. Und eine schwere lastende Qual hatte Gertrud in ihren schmalen Händen mit fortgetragen. Herr Hentrich wartete nicht mehr auf das große Glück, auf den Goldfegen, der in etwa drei Wochen auf ihn niederströmen würde. Was soll ich mich plagen, liebe Himmelreich? Für wen?. Das Kind ist aufgehoben, und für .mich? Fü'mich ist's nachgerade doch zu spät ge-. worden." . . Die Instrumente, die Bücher und Flaschen auf dem Werktisch wurden von Staub und Rost überzogen. Auf dem großen Sessel, in dem Gertrud so oft geruht hatte, faß ein alter Mann mit weißen Haaren, geduldig und sehnsüchtig hinausblickend in das Abendroth, in . den langsam heranziehenden Winter.