Indiana Tribüne, Volume 28, Number 73, Indianapolis, Marion County, 16 November 1904 — Page 6

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OZorgennebtl.

Von Hans Martin Eckert. Ein naßkalter Nebel die Stirn mir bcnctzt. Und flüchtige Ncbelgcbilde Durchhasrcn vom Winde zerzaust und Zerfetzt Die -thaufeuchtcn Morgengcfilde. Sind's Träume, die eilend dem Morgen entflieh'. Die Herzen beglückt und zerrissen? Die Nebel zerflattcrn und wogen und zieh'n. Ich soll nzren Ursprung nicht wissen. Da braust es im Walde, da blitzt es und flammt. Die Nebel sprü'n funkelnde Farben, Es leuchten die Wiesen wie golörothcr Sammt, Vom Berg schießen glühende Garhen. Die Sonne im thaufrischen, blitzenden Kleid 8 at wieder die Erde gewonnen, nd Nebel und Träume und Dunkel und Leid Sind spurlos im Lichte zerronnen. Nachts um die zwölste Stuu. Von Eva Treu. Beinahe war es unheimlich, wie rno dein unsere kleine Stadt, die früher immer so weltvergessen' dagelegen hatte, nachgerade war.. Daß wir eine Sekundarbahn be kommen hatten, davon will ich gar nicht mehr reden. , Denn das war lange her und schon vor meiner Zeit gewesen.' Aber die Eltern erzählten freilich noch davon, daß man früher mit der Post fünf Stunden hatte sahren müssen, wo man jetzt nur eine brauchte. . Dann war, erst voll Unwillen allerseits abgelehnt, dieFrauenrechtlerei' sozusagen heimlich durch die Hinterthür eingezogen und hatte sich nach und nach einen großmächtigen Platz auf dem Sofa in der Wohnstube erobert. Das war in meiner Kindheit gewesen. Als ich confirmirt war, sah man Vater schon beinahe scheel darum an, daß er mich nichts werden" ließ, sondern mich blos zum Abschleifen in die Pension schickte und dann wieder im Elternhause behielt. Die ganz Fortgeschrittenen hatten durchaus gewollt, ich sollte mich zum leuchtenden Vorbild für alle Landestöchter ausbilden, indem ich studirte, da Vater dies doch erschwingen "konnte. Aber ich fand es damals noch -hübscher, mich einmal zu verheirathen, und wer möchte, dachte ich, wohl eine tu fcirie" zur Frau haben. - Noch etwas später war wie eine Art Triumphator das Fahrrad eingezogen, und endlich, vor zwei Jahren, hatten wir sogar elektrisches Licht erhalten. Zwar wurde es sehr sparsam verwen-

det, brannte ,m Sommer gar nicht und wurpe imWinter mit dem Schlage zehn abgestellt, so daß der Nachtwächter 'sein Amt nicht niederzulegen brauchte, sondern nach wie vor mit seiner Knarre durch die Stadt wanderte und seinen Spruch sagte, aber es war doch da. Alle Errungenschaften der Neuzeit v waren mit alleinigem Ausschluß des Automobils vorhanden, wirklich unerhört: Fortschritte hatten wir gemacht in unserer kleinen Stadt im Weltwinkel. Und dessen waren wir uns natürlieh auch bewußt. Wir fanden gar nicht, daß die Großstädter, die sich zuweilen zu uns verirrten, Ursache hatten, sich über uns erhaben zu dünken. Das eine wenigstens weiß ich ganz aewiß, wir jungen Mädchen waren allermindestens ebenso niedlich anzusehen, als wenn wir aus Berlin kämen, und das sagten auch alle unsere jungen Herren, deren wir freilich nicht viele hatten. Uns schien es keineswegs, daß es hübsch sei, so dünn und mager wie Bohnenstangen und so blaß wie ein, Handtuch zu sein, sondern wir freuten uns, daß wir hübsche Arme und Schultern, frische Farben und unser eigenes Haar hatten. Das heißt, alle besaßen ja nun diese Vorzüge auch jncht, aber doch die meisten von uns und ich war in diesem Falle ganz damit zufrieden, zur Mehrzahl zu gehären, wenn ich auch im übrigen etwas aristokratisch veranlagt war. Im letzten Jahre aber hatte die Neuzeitlichkeit bei uns den Höhepunkt erreicht. Um das allermodernste Thema .drehte sich das Tagesgespräch. Der Kampf um das Vier war bei uns mit Pauken und Trompeten eingezogen. Als nämlich vor ein Paar Monaten der alte Sanitätsrath starb, hatten wir einen neuen, jungen Arzt bekommen. Er war Großstädter von Geburt und hatte längere Zeit in verschiedenen großen Kliniken lind Krankenhäusern als Assistent gewirkt, so daß es eigentlich merkwürdig war, daß er sich gerade, unser Kleinstädtchen zum dauernden Aufenthalt . ausgesucht hatte. Indessen es verhielt sich nun einmal so. Dieser junge Doktor , Halthausen begnügte sich keineswegs diese Ansichten im Privatkreise zu äußern, sondern er hielt öffentliche Vorträge über die Sache, zu denen ,auch wir Frauenzimmer gern zugelas 'fen wurden. Ich kann es nicht leugnen, er sprach sehr schön. Das von der Leber und den Nieren interessirte mich nicht so sehr, und der Magen war mir auch ziemlich gleichgültig, aber Hrrz und Gehirn konnten mir doch nicht einerlei sein, und dies war noch .licht einmal die Hauptsache. Doktor Halthausen redete davon, wie unsagbares Elend jeder Art über '.unzählige Menschen 'einzig und allein. durch diese ekelhaften , alkoholischen Getränke gebracht würde, . t '' . " . " ' .. .

von denen ich überhaupt von vorn herein nicht begreife, daß Jemand sie mag, und er wußte alles 'so eindrmglich zu sagen, man fühlte so, wie heiliger Ernst es ihm damit war, er sah auch so schön dabei auö, daß wir Frauen alle gleich völlig auf seiner Seite waren und zwar durchaus nicht nur deshalb, weil er noch unverheirathet war, sondern, man kann es mir ruhig glauben, weil wir emsahen, daß die Trunksucht !?irklich ein abscheuliches Laster ist und es viel, viel angenehmer in der Welt zugehen würde, wenn alle Männer ohne jegliche Ausnähme abstinent lebten. Die Herren ihrerseits waren N'cht so schnell überzeugt. Natürlich, gegen den Schnaps waren sie alle. Schnaps trinken pfui! wer wollte wohl etwas so Ordinäres thun? Nein, den Schnaps gaben sie ohne weiteres alle preis. Um den Wein gab es dann schon Zank und Streit. Aber Doktor Halthausen ging als Sieger daraus hervor, wenigstens im Prinzip. ,Alle diese Ausdrücke sind mir jetzt geläufig, es wurde zu viel über diese Dinge gesprachen. . Aber um das heißgeliebte Bier schaarten sie sich alle als begeisterte Kämpfer. Es war wirklich so: hier Doktor Halthausen uno Wasser dort die ganze übrige Männerwelt der Stadt und Bier. Das heißt, das von der Leber und dem Herzen u. s. w. war ihnen ganz einleuchtend, aber sie wollten nun einmal licd ein Vierherz und eine Fettleber haoen und Magenerweiteruttg und oll das andere schreckliche Zeug, als ihren Frühschopj?en entbehren, und Doktor Halthausen seinerseits wollte lieber kaltes Wasser trinken, obgleich es doch eigentlich recht fade schmeckt, und' gesund sein, und darüber konnten sie sich nicht einigen. Einzelne freilich, z. V. Vater, singen bereits an, mit der Abstinenz zu liebäugeln, sie wagten Nur noch nicht, dies offen zu bekennen, um nicht die ganze Frühschoppenhorde sagte Doktor Halthausen gege.: sich zu haben. Im engsten Familienkreise, besonders wenn Doktor Hatthausen Abends bei uns war, äußerte Vater sich zuweilen dahin, daß oer junge Arzt eigentlich recht hab?. Dotter Halthausen hatte sich nämlich sehr bei Hn angefreundet, Vater mochte ihn gerne wegen seiner vielseitigen Jnteressen. So, kam er manchmal des Abends ganz von selbst um trank Thee mit uns, redete g:lehrt mit Vater, brachte Mutter Bücher, neckte sich mit meinen jüngeren Brüdern und rauchte Vaters beste Cigarren. . Um mich schien er sich dabei gar nicht ?iel zu kümmern. Manchmal sprachen wir an solchen Abendenkaum zwanzig Worte miteinander und ich weiß nicht, wie es zuging, daß ich trotzdem das unabweisbare Gefühl hatte, im Grunde sei ich und gerade ich allein der einzige Magnet, der ihn anzog. Nie sagte er dergleichen, und -'ch suhlte es doch. Seltsam, daß man das kann. Aber wenn er in das Zm:mer trat, so wußte ich: um meinetwillen ist er gekommen." Es ist vielleicht unpassend, es so offen zu bekennen, aber ich sage es frei heraus, ich mochte ihn sehr, sehr gern, nicht nur, weil er hübsch und klug und ein geschickter Arzt war all das waren ja viele andere Männer auch , sondern weil ich es muthig und schön fand, den Schnaps und Wein, die ich nicht mochte, und das alte, philiströse Vier, welches nur dumm macht, so keck anzugreifen, ganz allein, einer gegen alle. Ja, einer gegen alle," darin lag es. Daß er das wagte, unbekümmert darum, ob es den anderen 'gefiel oder nicht, das mochte ich leiden. Ich liebte ihn, weil er Gefahr bestand," darin lag, glaube ich, das ganze Geheimniß. Und einigen anderen jungen Mädchen ging es ebenso. Wenn er fortgegangen war, konnte ich nachher nicht einschlafen, sondern dachte darüber nach, wie es sein würde, wenn ich ja, aufrichtig bin ich nun einmal wenn ich etwa seine Frau würde. Mit zwanzig Jahren hat man wohl das Recht, an dergleichen zu denken. Ich fand es schön, daß er nie nach Vier riechen würde, wenn er mir einen Kuß geben wollte, und daß er nie angeheitert nach Hause kommen würde, selbst an Kaisers Geburtstag nicht, wo sogar mein netter, solider Vater gewöhnlich ein klein wenig zu tief in's Sektglas guckte und sich nachher darüber ärgerte, v ußerdem kam es doch auch in Betracht, daß ich zur Aussteuer gar keine Weingläser anzuschaffen brauchte, die ohnehin nur immer zerbrachen. Kurz ich machte mir alle möglichen liebevollen und hoffnungsfrohen Gedanken. So standen die Sachen, als im letzten Winter wieder Kaisers Geburtstag herankam. Natürlich war das Festessen längst verabredet, dergleichen ging ja immer seinen gewohnten Weg. Sämmtliche Herren hatten unterzeichnet, auch Doktor Halthausen. Die Damen unserer kleinen Stadt waren, wie immer an diesem Tage, zu einer 'großen Theegesellschaft bei Frau Landrath eingeladen, auch Mutter und ich. Frau Landrath war eine sehr liebenswürdige Dame, die e? wundervoll verstand, ihren Gesellschaften ein festliches Gepräge zu geben, selbst wenn nur wir Damen unter uns waren. Sonst pflegte sie an Kaisers Geburtstag immer eine Ananasbowle brauen zu lassen, damit wir recht begeistert" auf das Wohl Seiner Majestät ansto .ßen könnten. Diesmal hatte sie e5

nicht recht gewagt Die . meisten von j uns waren eben jetzt von zu tugendhaft Um Eifer beseelt, nur noch gute ei fter" unter unZ walten zu lassen, die m einer Bowle nach Doktor Halt- ; Hausens Anschauungen sicher nicht wohnen und gedeihen konnten. So hatten wir denn nur mit guter Limonade angestoßen und waren trotzdem sehr vergnügt gewesen, so vergnügt, daß es ziemlich spät geworden war, als wir uns endlich in unsere Mäntel und Kapuzen wickelten und d?n Heimweg antraten. Es war längst nach elf Uhr. Das elektrische Licht war bereits erloschen, nur ein paar von den alten Petroleumlaternen, die nicht abgeschgfft worden waren, sondern immer die Nacht durch an einigen Straßenecken brannten, warfen ihr sehr spärliches und gelbes Licht auf den Schnee, so daß man sich wenigstens einigermaßen orientiren konnte. ' Für Mutter und mich' war dieses ungewisse Dämmerlicht recht unangenehm. Unser großes, rings von alten Bäumen umgebenes Haus lag nämlich ganz einsam an der äußersten Grenze der Stadt, und es konnte leicht geschehen, daß uns gerade irgend ein Nachtschwrmer begegnete. Indessen kamen wir glücklich und unbelästigt bis fast an unser Haus, und schon suchte Mutter in der Tasche nach dem Schlüssel, um aufzuschließen. Da, eben im Begriff, auf unsere ziemlich hohe Treppe zuzugehen, prall ten wir beide zurück und drängten uns dichter aneinander. Eine dunkle, unförmliche Masse lag quer auf den Stufen ein Mann? Kaum wagten wir zu athmen oder unZ zu rühren. Wir waren beide durchaus nicht von unternehmungslustiger Natur, fondern sehr ängstlich, wenn wir vor irgend einer bösen Macht standen, mochte es nun ein großer Hund,, ein Ochse, ein Strolch oder ein Betrunkener sein. Für einen Hund aber war die schwarze Masse zu groß, für einen Ochsen zu klein, es blieb uns nur die Wahl zwischen einem Strolch und ei nem Betrunkenen. Der Betrunkene war unter den gegebenen Verhältnissen wahrscheinlicher. Ganz behutsam traten wir noch ein paar Schritte näher. Ja, das Dunkle war ein Mensch. Seine Füße lagen auf der untersten, sein Kops ruht auf der dritten Stufe. Er hatte das Gesicht in den Arm gedrückt und schien zu schlafen. Der hellgraue Hut war tief in die Stirn geschoben. Auch der Ueberzieher war grau. Mehr konnte man nicht unterscheiden im Halblicht. O 'mein Gott," sagte Mutter ganz leise, meinen Arm fester drückend, Lis, was sollen wir thun! Ueber ihn weg können wir nicht." Nein, da hatte sie recht. Mir hätten nothwendig auf ihn treten oder ihn aufwecken müssen. Und was dar-? Dann stürzte sich der Mensch vielleicht in seiner Wuth auf uns. Von jeh hatte ich mich vor. Betrunkenen sehr gefürchtet und Mutter auch. Selbst Vater, wenn er einmal nicht taktfest war, was sehr, sehr selten vorkam, war uns unheimlich, und nun gar dieser völlig fremde, offenbar sinnlos berauschte Mann entsetzlich! - Nein," flüsterte ich deshalb schaudernd, rufen können wir auch nicht, dann wacht er auf Sonst könnte uns ja das Mädchen die Hofthür auffchließen. O liebe, gute Mutter, was'sollen wir nun thun!" Warten," sagte sie resignirt, warten bis Vater kommt, Lis. Anderen Rath weiß ich nicht, Vater kann den gräßlichen Menschen ja natürlich bewältigen, wenn es auch kein Vergnügen für ihn ist." Aber bis Vater kommt, das kann ja noch eine Stunde dauern," seufzte ich. Länger," sagte Mutter. Und so war es auch. Die Festlichkeiten der Herren zogen sich bei uns immer recht lange hin, und bei solchen besonderen Gelegenheiten hielt Vater aus bis zuletzt. Wir zogen unsere Mäntel fester um. uns denn der Nachtwind war empfindlich kalt, und dann fingen wir an, in respektvoller Entfernung - vor dem Hause auf- und abzugehen, so jedoch, daß wir den Schläfer nicht aus den Augen verloren. Ein paarmal bewegte er sich, dann traten wir erschrocken in den tiefen Schatten eines Baumstammes, aber er veränderte nur jedesmal feine Lage ein wenig und erhob sich nicht. . Eine Viertelstunde schritten wir so auf und ab. Wir hörten die Uhr vom Kirchthurm zwölf schlagen und dann auf einmal stampfte es ganz in unserer Nähe gewaltig auf das StraßenPflaster, als stieße Jemand mit einem dicken Stock auf die Steine, irgend etwas rasselte uift knarrte laut, und eine tiefe, tiefe " Stimme, die klang, als wenn sie aus einem Abqrund heraufkäme, rief: De Klock hett twolf slan! Tw'ölf iö de Klock! De WUnd geiht ut Norn! Wahrt Füer un Lich! " Der Nachtwachter! Das war der Nachtwächter! Mit einem erleichterUn Aufathmen sahen Mutter und ich einander an. Nun war ja alles gut. Der Nachtwächter mußte uns helfen. Dazu war er angestellt. Daö war seine Pflicht. Er war zwar alt, aber ein großer, starker Mann. Der würde uns schon unser Recht - verschaffen. Jetzt war er in der Nebenstraße, und ein vaar bundert Schritte von uns; . , ' ' .

enisernr, unv von dem gleichen Gedanken beseelt eilten wir beide dorthin. -Richtig, da kam er in großen, bis an die Knie reichenden Stiefeln, bis an die Nase eingehüllt in einen ungeHeuer weiten und dicken Mantel, eine Pekzmütze über die Ohren gezogen. In der einen Hand hielt er eine Laterne, in der anderen einen großen Stock und die Knarre, die einen wunderlichen, rasselnden Ton von sich gab, wenn er sie schwenkte. Früher hatte er keinen Stock getragen, sondern einen Morgenstern", eine keulenartige Waffe, aber dafür war die Welt jetzt doch zu modern, den Morgenstern verschmähte sogar der Nachtwächter schon lange. Ganz erstaunt sah r ausseinen kleinen, schläfrigen Augen unter den buschigen, weißen Brauen hervor auf Mutter und mich und erkannte uns aleich. Frau Rath woso denn sünd Se um diesse nachslapen Tid mit das Fräueln alleen oppe Strat?" sagte er befremdet und tadelnd. Ach," entgegnete Mutter 'hastig, wir wären längst zu Hause, aber es liegt ein Betrunkener ein großer, langer Mensch, auf unserer Treppe, i wir können nicht hinein. Bitte, bitte, schaffen Sie den doch fort!" Der Nachtwächter sah nicht aus, als wenn ihm dec Auftrag sehr gelegen käme. Bedrunken Lüd, de sind unangenehm," sagte er zurückhaltend. Ja, eben deshalb!" flehten Mutter und ich. Na ja, dat kann ja denn ok angähn," sagte der Nachtwächter etwas brummig und schritt um die Straßenecke auf unser Haus zu. Aengstlich folgten Mutter und ich seinen Spuren. Aber siehe da, als wir unserer Hausthür nahe kamen, war die Treppe leer. Der liebenswürdige Schläfer hatte sich ermannt und war seiner Wege gegangen. Eine schwankende Gestalt sahen wir im Scheine der nachsten Petroleumlaterne dahinwandeln, das mußte er sein. Auf der untersten Treppenstufe aber lag in einsamer Pracht ein hellgrauer Hut. Wir traten alle drei heran. Der Nachtwächter hob den Hut auf und beleuchtete ihn bedächtig von allen Seiten, auch von innen. Dann zog er langsam eine Visitenkarte heraus, die im Futter steckte, hob sie fast bis zur Höhe seiner Augen, ließ den Schein seiner kleinen Handlaterne darauf fallen und las laut: Dr. mel. Halthaufen!" Dann blickte er mit einem Ausdruck tiefster Verblüfftheit erst Mutter an und dann mich. Doktor Halthusen," sagte er, den Kopf schüttelnd, Gott in hogen Himmel noch mal to wo kummt disse anstännige un dernünftige Mann hierto?" Mutter und ich schwiegen. Wir waren beide sehr 'bestürzt. Aber der Nachtwächter reichte' der Mutter die Karte hin. Ick. kann doch wull lesen, Frau Rath?" sagte er etwas unsicher, dar steiht doch schreben: Doktor Halthusen!" Mutter gab die Karte zurück und nickte. Es steht da," sagte ste. Der Nachtwächter schüttelte wieder den Kopf. Un dann seggt he noch annerndagS to mi nee, hier kann ick ni klok ut warn!" Damit stapfte er weiter, ich schloß unsere Hausthür auf und wtt gingen hinein. Gute Nacht, Lis," sagte Mutter, als wir drinnen auf der Flur standen. Sie küßte mich, was Mutter sonst selten that, und mir schien es daß sie mich dabei besonders gütig und ein wenig bekümmert ansah. Sie wollte gehen, aber ich hielt sie fest. MuUer," sagte ich stockend,, bitte, bitte, laß uns hierüber nicht sprechen, auch mit Vater nicht. Vater im Club es geht ja Niemand etwas an." Nein, mein Kind," sagte Mutter freundlich, es geht Niemand etwas an, und wir wollen uns nicht zu Richtern aufwerfen. Aber er ist ja ebenfalls bei dem Festessen gewesen und die Herren werden wohl schon wissen, wie es steht." Aber das Letzte noch nicht, Mutter." Nein und durch uns soll es auch Niemand erfahren." Auch Vater nicht?" Mutter lächelte halb. Auch Vater nicht, du kleine, gute Lis," sagtesie und küßte mich noch einmal, dann ging sie fort. Das braucht sich Niemand einzubilden, daß ich in dieser Nacht schlief. Ich weiß nicht, ob ich mehr traurig oder mehr empört war, ich glaube, noch mehr traurig. ' Ein Zweifel daran, daß wirklich Doktor Halthausen berauscht auf unserer Treppe gelegen habe, war leider nicht möglich. Der Betrunkene war groß und schlank ge-, wesen das stimmte. Et hatte einen grauen Ueberzieher gehabt den trug Doktor Halthausen auch. Vor allem aber kannte ich den unglückseligen Hut ganz genau. Oft und oft hatte er an unserem Hutständer auf dem Flur gehangen und ich hatte mich immer gefreut, wenn ich ihn da hängen sah. Ach ja, den Hut kannte ich gut und die Karte steckte ja auch darin. Die ganze Nacht dachte ich daran. So hoch hatte mir Doktor Halthausen gestanden, wie hoch, das merkte ich jetzt erst so tapfer und ehrlich war er mir immer vorgekommen, und nun auf. einmal war er so klein und so gewöhnlich, viel kleiner und gewöhnlicher, als wenn er nicht immer so schöne Worte im Munde geführt hätte. Die anderen, die ich. neben ihm für ' ' . . i .

niajia gerecyner yatte, mt wouien ja gar nichts Besonderes vorstellen, keine Agitatoren und Reformatoren, sondern schlecht und recht sein wie Jedermann. Denen konnte man es gar nicht so sehr verargen wenn ste sich einmal vergaßen. Aber er! Ich war so enttäuscht, dies alles that mir so weh in meinem Herzen, daß ich es gar nicht sagen konnte. Und dann hatte, ich auch ein sehr großes Mitleid mit ihm. Wenn auch Mutter und ich darüber schwiegen, wo wir ihn gefunden hatten, der NachtWächter würde von dem nächtlichen Erlebniß sicher reden, und selbst wenn er es nicht that, so wußten die Herren von der Festtafel doch jedenfalls, daß Doktor Halthausen nicht nur Wein getrunken hatte, sondern sogar sehr viel, zu viel Wein. Manche unter ihnen, die mit besonderer Begeisterung für ihr Bier kämpften, waren seine persönlichen Gegner. Die würden schon tofür sorgen, daß die ganze Stadt über ihn lachte. Dann war er bei uns unmöglich. Er mußte dann fortziehen, denn mit Fingern auf sich weisen lassen, konnte er natürlich nicht. Er zog dann ab wie ein entlarvter Heuchler, was er doch gewiß nicht war. Geheuchelt hatte er früher nicht, dessen fühlte ich mich sicher. Er hatte sich blos überschätzt, sich für stärker gehalten, als er war. Ich sah es alles ganz deutlich. Ich war ja nicht dumm. Hatte ich nicht gar studiren sollen? Also ich begriff den Zusammenhang ganz gut, nur viel Trotz konnte ich dabei nicht finden. Beinahe am meisten kränkte es mich, daß er sich eben unsere Treppe zum Nachtquartier ausgesucht hatte. Konnte er nicht wenigstens nach Hause wanken und in aller Verborgenheit ausschlafen? . . Ich fühlte die Verpflichtung in mir, ihn zu verachten, aber ich konnte es nicht. Von all meinen widerstreitenden Gefühlen war das Mitleid doch am größten. Und ich hatte schon an die Weingläser gedacht, die für meine Aussteuer nicht nöthig sein sollten! Am nächsten Tage war es sehr ungemüthlich bei uns. Mutter war still und mir schien es, als folgten mir ihre Blicke oft bekümmert. Ich war betrübt und unglücklich, und Vater war berdrießlich. Das war er nämlich immer, wenn er sich gegen seine Gewohnheit hatte hinreißen lassen, ein wenig über sein gewohntes, sehr bescheidenes Maß zu trinken. Zuerst war er immer sehr vergnügt und amüsant dabei, aber am nächsten Tage fühlte er sich beschämt und bedrückt, weil er stets fürchtete, sich unwissentlich lächerlich gemacht zu haben. So war es auch diesmal. Von dem gestrigen Feste durften wir gar nicht reden. Vater wurde dann sehr gereizt und benahm sich unerfreulich. Wir kannten das schon. Das dauerte immer einen Tag. , Am Tage 'darauf erzählte er jedesmal alles, was man, wissen wollte, sehr witzig und vergnügt. Trotzdem wir dies wußten,' machte Mutter Nachmittags einen' kleinen Versuch, Vater ein wenig auszuforschen. War es denn eigentlich lustig gestern?" fragte sie. Es ging an," sagte Vater kurz. . Waren die Herren alle da?" Es äst mir nicht aufgefallen, daß 'einer fehlte." War Doktor Halthausen auch da?" fragte Mutter, während ein schneller mc -lich strefte. Natürlich war er da," entgegnete Vater barsch. 'War er " Mutter zögerte und wechselte wieder einen Blick mit mir, war er denn recht vergnügt?" ; Der war fidel genug, dem ging nichts ab." Vater erhob sich, offenbar war er erbost und gerade- der Name Halthausen schien ihn besonders zu reizen. Laß die ewige Fragerei jetzt, mir ekelt vor dem ganzen Kram, und dieser Halthausen nun gar " Vater verschluckte den Rest unding zur Thür hinaus. Still blieben Mutter und ich zurück. Ich hatte es wohl gemerkt, auch Vater fühlte sich durch Doktor Halthausen enttäuscht. Er war fertig mit ihm. Ach ja! Gern. wäre ich ausgegangen, um irgendwo etwas zu hören, und doch hielt mich auch wieder gerade die Furcht vor dem, was ich erfahren würde, zurück. Nein, ich konnte es nicht. Augenblicklich konnte ich über diese Sache noch nicht reden hören, der erste Sturm des Spottes und der Entrüstung mußte erst ausgetobt haben. Still saß ich den. ganzen Tag bei meiner Handarbeit und manche verstohlene Thräne siel darauf. Abcnds, tf 3 der Vater aus dem Bureau nach Hause kam, war er schon etwas gnädiger gelaunt, aber anrühren durfte man ihn noch nicht. i Aber dann, als wir nach dem Abendbrot still beisammen saßen, hörte ich auf einmal draußen vor dem Fenster Schritte, die ich so gut, so gut kannte, und mein Herz fing an, sehr schnell zu schlagen. Dann ging die Hausthürglocke und Jemand, an den ich den ganzen Tag gedacht hatte, kam schnell über unseren langen Flur, hängte draußen seinen Ueberzieher und Hut ob es wohl der bewußte graue war? an denHutständer und klopfte an die Stubenthür.. Mir ging der Athem aus. Herein!"' sagte Vater und Doktor Halthausen trat ein. Er sah so frisch

und NLYllcy aus wie immer. uuf ti nem hübschen Gesicht lag nicht die geringste Katzenjämmerlichkeit, und als er uns allen die Hand gab, da senkte er nicht die Augen , in Reue und Beschamung wie ein entlarvter Heuchler, sondern blickte uns unbefangen an, wie sonst. Ich wollte doch sehen, wie es Ihnen nach gestern ginge, Herr Rath sagte er, Vater die Hand schüttelnd. x Vater warf ihm einen sehr verdrießlichen Blick, zu. Sie meinen wohl. Weil Sie mich nach Haus begleitet haben? Na, hören Sie mal, das wär nicht nöthig. Wenn Sie sich etwa eingebildet haben, man müßte mich loU sen " Doktor Hallthausen lachte belustigt. In seinen braunen Augen blitzte aber doch ein ganz kleiner Extraschalk. Aber Herr Rath Herr Rath! Wie sollte ich so unbescheiden sein! Es thut mir leid, wenn ich Ihnen den Eindruck gemacht habe. Ich bin doch nur mitgegangen, weil ich das Vergnllgen Ihrer Gesellschaft genießen wollte. Sie waren ja gar nicht

rn 1 . i . tu T' .t m . i . cein, mmi eine pur: nci naie mit sehr großem Nachdruck ein. Freilich, Selters habe ich nicht den ganzen Abend getrunken, wie Sie. Na, es kann schließlich noch dazu kommen, daß ich mir auch das angewöhne." Doktor Halthausen saß schon in seiner gewohnten Sofaecke. Mutter und ick hatten uns. während dieses aanen Gespräches halb verdutzt, halb lachend angesehen. Mir war, als fiele ein großer, schwerer Stein von meinem Herzen. Haben Sie denn Ihren Hut wieder bekommen?" fragte Vater. Doktor Halthausen lachte. Ja, den habe ich wieder!" Hatten Sie den verloren?" fragte Mutter, und dann trafen stch wieder unsere Augen. Er nickte. Ja, als wir nach Hause gehen wollten, fand sich, daß mir den Jemand entführt hatte. Es muß der fremde Weinreisende gewesen sein, der sich hatte einführen lassen, die anderen Herren waren noch alle da, und es fand sich nur ein unbelannter, grauer'Hut vor, den ich dann nehmen mußte. Gott mag wissen, wo sich meiner inzwischen umhergetrieben hat. Der Nachtwächter brachte ihn mir heute früh mit allerlei geheimnißvollen Andeutungen und Ermahnungen. Den fremden bin ich aber nicht wieder losgeworden, der liegt nock bei mir." Ja, der Weinreisende," sagte Vater mißbilligend, der hatte wohl schon seine Runde durch die Stadt aemacht, als er zum Essen kam. Er war von Anfang an unangenehm. Er wird sich schon melden um den Hut. Was hast du denn, Lis? Dies ist doch nicht über die Maßen lächerlich?" Und das mochte er wohl fragen. Ich saß und lachte lachte, so lange, bis mir die Thränen über die Backen liefen und ich schließlich zum Herzbrechen weinte. Nun, da alles vorüber war, merkte ich erst, wie ich mich gequält hatte diese Nacht und diesen Tag. Das Weinen that nun so gut. Mir wurde so leicht davon. Mutter lies hinaus und holte Brausepulver. Doktor Halthausen flößte es mir ein. Vater stand ganz beklommen dabei und wußte nicht, was er zu meinem Troste thun sollte. Und bei alledem kam es, ohne daß wir es selbst recht wollten, heraus, was Mutter und ich gestern Nachts um die zwölfte Stunde erlebt hatten. Und wenn wir es auch -nicht ausdrücklich sagten, so hat doch Doktor Halthausen begriffen, was in mir vorging, denn dieser Abend endete damit, daß er mich, fragte, ob ich eine kleine, abstinente Doktorsfrau werden wollte, und daß ich sagte: Ja, sehr gerne!" und da Vater und Mutter sich freuten, einen so netten Schwiegersohn zu bekommen, wozu sie auch . alle Ursache hatten. ' Hochzeit gibt es noch nicht. Wir müssen erst mehr Praxis haben. Vorläufig ist noch der andere Arzt am Ruder, der zur Frühschoppenhorde gehört und Portwein zur Stärkung verordnet. Aber das schadet nicht. Wir können warten. schlagfertig Daß Kinder mitunter schon recht schlagfertig sein können, beweist fol-, gender Fall, der von einer Leserin mitgetheilt wird. Das jüngste Kind einer größeren deutschen Familie war ein lebhaftes kleines Mädchen von fünf Jahren, das in jeder Beziehung schlagfertig" war. Eines Tages wrde sie bei Tisch von ihrer Großmutter, einer ernsten und etwaö strengen Dame, wegen irgend einer Unart zurechtgewiesen. In der ersten Erregung über diese Zurechtweisung vergaß sich das Kind so weit, der würdigen alten Dame einen festen Schlag auf den Arm zu versetzen. Doch im nämlichen Augenblick wurde sie sich auch schon ihres Vergehens bewußt und, während alle Anwesenden, siarr über die Tbat deö Kindes, stumm dasaßen, brachte fit nröthend die Worte hervor: Da saß aber mal eine Piege!" (Fliege). . ' Aufdem großenSt. Bernhard wird ein Standbild des heiligen Bernhard von Menthen errichtet. Mit dem 20 Fuß hohen Piedestal erreicht daö Denkmal eine Höhe von beinahs 35 Fuß. :

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