Indiana Tribüne, Volume 28, Number 48, Indianapolis, Marion County, 18 October 1904 — Page 5
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Mein Von Gno. flsn dem kleinen, stillen Weikzer, Wo die Amseln höher, schlagen, Wo die Lerchen jubeln, singen Und die Dornen Noscn tragen ftcni vom Thurm die Glocken klingen, San des Windes Hauch getragen Heilg'e Stille, Abendsner, Dort sah ich dich! Traute Laube, wohl geborgen Hinter alten, dunklen Tannen, Wo um deine, meine Seele Schelme LiebcZvfädcn spannen. Wo der Fink, die Philomele Kosclieder sich ersannen. Da begann mein Licbcsmorgen, . Dort fand ich dich! Müde Blatter fallen Zeder, Winters Nahen uns zü Zünden; Liebe Veilchen, zarte Rosen, klll des Sommers Pracht will fchwin den. Doch im Herzen spielen kosen Frühlingsdüfte sanft, die linden, klingen, Jauchzer, Jubcllicder Da küßt ich dich! ' Tönnchen. Ein Lebenslauf von Carl Busie. Wenn der Kandidat der Medizin Rtchard Winse seine Lebensbeschreidung zu einem amtlichen oder anderen Zwecke hätte abliefern müssen, so wäre nichts darin gewesen, was irgend jemanden verwundert hätte. Die normale Lebenschaussee mit den üblichen Stationen... vom Taufschein an bis zur -Matrikel. Doch aber entbehrte auch dieses Leben nicht des eigenen Anstriches, der sich chon früh zur Freude der beglückten Eltern gezeigt hatte. Der alte Winse w-ar ein wohlhabender Kaufmann in einer ProvinzialHauptstadt. ' Er. besaß dort ein großes. Etagenhaus, das einen um so höheren Werth repräsentirte, als durch militärische Befestigungen die Ausdehnungsmöglichkeit der Stadt sehr beschränkt war. Nach dem Tode der ersten, sparsamen und praktischen Frau heirathete Winse im Alter von vierzig Jahren die dreißigjährge Tochter eines angesehenen Bürgers, deren Lebensarbeit bis dahin darin bestanden hatte, hintu, der Gardine am Fensterplatz Spitzen zu häkeln. Die Ehe wurde sehr friedlich. Die Frau häkelte weiter und itfi Mann besorgte das Geschäft. Sie verwunderten sich fast, als nach einem Jahre ein Kind bei ihnen einpassirte. Es blieb das einzige, wurde auf den Namen Richard getauft und zeichnete sich von vornherein durch eine ganz besondere, beharrende Ruhe aus. Dieses solide Beharrungsvermögen verleugnete er auch nicht, als er älter ward. Hinter dem Hause, war eine schöne, mit dichtem und fettem Gras bestandene Wiese. Hier, legte sich der kleine Richard in's Grüne hinein, nachdem er vorher bedachtsam denjenigen Fleck sich ausgesucht hatte, auf den die Sonne am wärmsten schien. Und in fauler Behaglichkeit ließ er sich dann stundenlang das liebe Himmelslicht in den Mund scheinen. Sein philosophischerGleichmuth gerieth zum ersten Mal in's Wanken, als die Schule ihre Rechte geltend machte. Aber als er sich einmal daran' gewöhnt hatte, täglich sechs Stunden auf ihren Bänken zu hocken, war auch dies gut. Gleichsam mechanisch hielt er jede Beweguna. die man ihm einmal nach einer bestimmten Richtung hin gegeben hatte, durch. So ersaß er sich schließlich das Einjährige", so wurde er endlich selbst durch daS Abiturientenexamen geschoben. Zwar konnte man nur das Aeußerste und durchaus Nöthige aus ihm herausbringen, aber es mochte allenfalls genügen, und so drückte man ein Auge zu. Nicht, als ob Richard Winse unbegabt gewesen wäre er hatte sogar eine stärkere Auffassungsgabe als viele seiner Mitfchüler , aber er interessirte sich für nichts und hatte nicht den geringsten Trieb, etwas zu thun. Seine Mutter war, als er die Obersekunda besuchte, aus der Beschäfti- . gung mit einer schon halb fertig gehäkelten Decke abgerufen worden. Der Vater, der gleichfalls kränkelte, hätte aus dem Sohne gerne einen Arzt gemacht, um einst ständige Hilfe um sich zu haben. Richard sagte zu dem Vorschlag Ja, und weil ein Mitschüler ihn quälte, mit nach Jena zu kommen und dort einer Verbindung beizutreten, die ihn auch gewonnen hatte, so fuhr er nach Jena. E? hatte von Anfang an den Vorsatz gehabt, sich das ganze erste Semester von den Strapazen des letzten Schuljahres, zu erholen. Das that er mit einer geradezu meisterhaftenAusnutzung aller Möglichkeiten. Er hatte ein h:lles, sonniges Zimmer gemiethet, und da lag er denn den ganzen Tag rauchend auf dem Kanapee. Er hatte die seltene und nur wenigen Sterblichen verliehene Gabe, jeden Gedanken von sich fernzuhalten, das Arbeiten des GeHirns gleichsam abstellen zu können. v chlichlich wurde Richard Winse aber doch von derjenigen Verbindung, die. ihn bei seinem Eintritt in Jena empfangen hatte, mit Beschlag belegt. Und dünkte ihm auch, zuerst Manches, wie die Uebungen auf dem Iechtboden, überflüssig und beschwerlich, so gewohnte er sich doch daran wie an die Schule, und mit großer Regelmäßigkeit machte er nun Alles mit. Wenn er sich an die Kneiptafel setzte, so saß er, und in dem ihm eigenen, ruhigen
Beharrungsvermögen mxto er sitzen
bis der letzte seiner Kommilitonen gegangen war. Weil er stets am längsten aushielt und allmählich lernte, ungezählte Holzbecher Lichtenhainer Vieres zu vertilgen, weil er ferner durch seine unerschütterliche Gelassenheit auch im Fechten seinen Mann stellte, so erhielt er bald einen großen Ruf in seiner Verbindung und in dem kleinen Jena, so daß zu seinem sonstigen Glücke noch die Befriedigung über die errungene Stellung kam. Als er so das zweite Semester hinter sich gebracht hatte, starb sein Vater und hinterließ ihm als dem einzigen Erben das werthvolle und ganz schuldenfreie Etagenhaus. Da nun Niemand mehr über ihn wachte und Rechenschaft von ihin verlangte, setzte Richard Winse nach einiger durch, den Trauerfall gebotenen Zurückhaltung fein behagliches Leben fort. Dadurch und durch den reichlichen Viergenuß wurde seine Anlage zur Korpulenz gefördert und er entwickelte sich immer mehr in der Richtung, die sein Kneipname Tönnchen" andeutete. Nachdem er acht Semester so gelebt und alle Ehren, die die Verbindung vergeben kannte, genossen hatte, schied er aus der Reihe der Aktiven, da ihm, wie er sagte, der junge Nachwuchs zu grün war und er , sich langsam auf das Examen vorbereiten wollte. Aber er war-den behaglichen Trott so' gewöhnt, daß er nur in noch größerer Trägheit den alten Faden weiterspann. - Er that es mit so großer Liebenswürdigkeit, daß Niemand ihm eigentlich zürnen konnte, selbst die Professoren nicht, die in der ersten und letzten Stunde jedes Semesters ihn sahen und mit ironischem Lächeln in seinem Testierbuch ihre Namen dermerkten. Und als langsam Jahr für Jahr verrann, gewöhnten sie sich ebenso wie - die sonstigen Jenenser, in Tönnchen" gleichsam eine stehende Einrichtung zu sehen. . ' So hätte sein Leben wohl für immer weitergehen können, wenn nicht ein einsichtiger Mensch in seiner alten Verbindung gewesen wäre, der eines Tages Tönnchen" aufsuchte, die Bude hinter sich abschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte. Denn er wußte, daß der alte Student jedem ernsten Gespräche über seine Zukunft auswich. Tönnchen lag, wie gewöhnlich, auf dem Kanapee. Er hatte dem Besucher erst ohne Neugier zugesehen, dann jedoch zog er wie in instinktiver Abwehr die Beine an sich heran und brummte. Aber das half ihm nichts. Der Andere legte, nachdem er sich einen Stuhl vor das Kanapee gerückt hatte, in aller Gemüthlichkeit, die doch nur eine Hülle des entschlossenen Ernstes war, los und redete dem ewigen Studenten in's Ge-
wissen. . Ob er denn sein Leben lang hier in Jena sitzen und die Zeit vertrödeln wolle? Ob er nicht endlich einmal an's Examen denken möchte? Er sei ja ein famoser Mensch, aber so ginge das doch, nicht bjs in's Unendliche weiter. Tönnchen rückte und rührte sich nicht. Die Behaglichkeit verließ ihn. Alle die Gedanken, die er so meisterlich von sich' abzuhalten verstanden hatte , traten ihm jetzt in blanken, klaren Worten in den Weg und es hieß, ihnen Rede zu stehen. Schließlich rückte der Freund noch mit Folgendem heraus: Tönnchen wisse, wie hoch er von der Verbindung geschätzt würde, aber es werfe doch auch auf sie ein schlechtes Licht, wenn einer ihrer besten Leute den Rückweg zu geregelter Arbeit nicht finden könne. Das wirkte. So?" sagte Tönnchen und setzte sich auf. Beinahe hätte es zu einem Gefühl des Zorns gelangt. Schämte man sich seiner schon? Gut, gut: man würde die Herren nicht mehr belästigen. Aber damit war dem Anderen nicht gedient. Er paukte so lange auf Tonnchen ein, ms dieser erschöpft Alles versprach: besonders, daß er mit dem Kommilitonen, der vor dem Examen stand, zusammen arbeiten wolle. Und nun geschahen Zeichen und Wunder, die in ganz Jena besprochen wurden. Tönnchen erschien plötzlich im Hörsaal und in der Klinik, önnchen begann zu seciren. Er brachte überall ein verlegenes Lächeln mit, als sei er über sich selbst erstaunt, aber zur Verwunderung der Professoren und Kol legen blieb er auch diesmal in der Bewegung, die ihm der Freund gegeben hatte. Soging s ein ganzes Semester durch. Da oestano Tvnnchens Cou leurbruder das Examen, und weil er klar, erkannte, daß nach seinem Fortgange der alte Student doch wieder in sem dolce far niente fallen würde, sann er aus einen Ausweg. Er fand nur den einen: Tonnchen mußte aus Jena fort, den gewohnten Gleisen entfliehen und an emer anderen Urnversi tät von vornherein ein anderes Leben führen. Es war ein schweres Stück Arbeit, die gleiche Ueberzeugung auch dem gu ten Richard Winse einzupflanzen. Der versuchte, sich erst mit Händen und Fibßen dagegen zu wehren: dann ver sprach er, sich den Fall zu überlegen. Als er allein war, that er es auch, rauchend und auf dem Kanapee lie gend. Er siöhnte über sein' Schicksal. Er kam sich gemißbraucht vor. Dieser Mensch hatte ihn ein halbes Jahr lang gehetzt, und anstatt einem jetzt wieder 'ein Ruhesemester zu gönnen, sollt' er
fort. Je mehr er doch nachdachte, um
jo emleuazlenoer uno aucy sllr s e t n e Zwecke praktischer erschien ihm' der Vorschlag des Freundes. Hier in Jena war er stadtbekannt, immer beobachtet und stets von den Aktiven sei-
ner alten Verblndung umgeben, vre dem Freunde gewiß melden würden, wenn er in das frühere Dröseln zurückfiele. Außerdem war der Gedanke nicht angenehm, daß die Couleur sich seiner etwa gar schämte. So aeschah es. daß Tonnchen m seinem fünfzehnten Semester die Sachen packte und nach mostocl uverziedelte. Halb Jena feierte seinen Abschied, .und das rechte Eckfenster des zweiten Stockwerkes seines EtügenHauses wurde dabei vertrunken. Denn mit dem Etagenhaus war das auch eine merkwürdige Sache. Tönnchen hatte sich wenig darum gekümmert. Ein Verwalter zog die Miethen ein und übergab sie einem Bankhaus; von dem Bankhaus ließ sich der ewige Student senden, was er brauchte. Da das Couleurleben viel Geld gekostet hatte, eine Unmenge Leute euch seine Gutmüthigkeit mißbrauchten, da ferner an dem nicht mehr neuen Hause häufig Reparaturen sich nothwendig machten. so war es dahin gekommen, daß all- ' t' v c - rrt l . f . ! 1 mayilcy oas xoauoe jajon um ciun stattlichen Hypothek belastet war. Die Miethen genügten gerade für die Zinszahlung und die Reparaturen, so daß Tönnchen nicht mehr von ihnen, sondern vom Hause selbst lebte. Er nannte das: sein Grundstück verzehren. Und er hatte sich eine höchst verschmitzte Vermögensübersicht zeichnerisch dargestellt. Auf einem Bogen nämlich war sein Etaaenhaus genau mit allen Fenstern und Thüren aufgemalt. Von dem Bankhaus hatte er den genauen Werth ermitteln lassen, die Zahl der Fenster und Thüren darin dividirt und dann die Zeichnung in ein entsprechendesNetz von Quadraten getheilt, deren jedes also einen ganz bestimmten Werth repräsentirte. War nun eine diesem Werthe gleiche Summe aufgezehrt, so radirte Tönnchen dasQuadrat und die Hauspartie, die es eingeschlossen hatte, fort, so daß er immer ganz genau wußte, wie viel von dem Gebäude noch ihm gehörte. Er hatte sich erst sehr lange überlegt, ob er es vom Dach oder vom Keller aus verzehren solle, aber damit die höheren Stockwerke nicht fundamentlos in der Luft schwebten, hatte er von oben begonnen, und da die Hypothek allein mehr als eine ganze Etage fraß, war das Haus allmählich zu einem Häuschen geworden, und der Abschied in Jena hatte, wie gesagt, das Eckfenster der bisher noch intakten zweiten Etage gekostes , In Rostock bezog Tönnchen ein Quartier in einer der nach dem Hafen sich senkenden Straßen das erste, das er fand. Er wollte nicht erst lange suchen und tröstete sich über die Aermlichkeit der Bude damit, daß er ja auch sparen wolle. Vorschriftsmäßig ließ er sich immatrikuliren, belegte ein paar Vorlesungen und Kliniken, holte sich die Testate der Professoren und war dann fertig. Da er. Niemanden kannte, sich auch von dem jungen Gemüse" der übrigen Studenten zurückhielt, so konnte ihm keiner mehr störende Predigten halten, und mit Wonne genoß er seine Tage. Im heißen Sommer fuhr er wohl auch nach dem nahen Warnemünde, buddelte sich in den weißen, durchwärmten, Dünensand ein und konnte dort, ohne ein Glied zu rühren, viele Stunden liegen. Des Abends jedoch war er stets in einem dicht bei seiner Wohnung gelegenen verräucherten Cafv zu finden, das wenige Leute nur besuchten und in dem er eine Nische gleichsam für sich mit Beschlag belegt hatte. Ein Musikautomat spielte in diesem Caf6 ein gutes Dutzend bekannter Lieder, Märsche und Tänze, und dabei brütete Tönnchen zufrieden vor sich bin. Er sah wohl aus, als wäre er yanz in ein Problem versunken; in Wirklichkeit jedoch hätte er kaum jemals angeben können, woran er gerade gedacht hatte. Seine .Wirthin, eine abgearbeitete und kränkliche Frau, hatte eine Tochter, die niemals schön gewesen war, aber wegen ihres starken, blonden Haares unter den Studenten die goldene Anna" yietz. Die goldene Anna räumte Tönnchens Zimmer auf und flickte hin und wieder, wenn es sich nöthig machte, seine Wäsche. Der alte Student hatte zuerst, wenn sie hineinkam, die Beine immer ächzend vom Kanapee gezogen, bis das Mädchen ihm einst lachend sagte, er möge sie. nur droben' lassen. Dafür war Tönnchen dankbar, dehnte sich behaglich und sah der goldenen Anna wohlgefällig zu. Es ergab sich ganz von selbst, daß sie nun öfter miteinander sprachen und daß die Wäsche häufiger der Nachbesserung bedürfte. Und wie nun auch in Rostock die Semester so langsam dahingingen, geschah es, daß die beiden Menschen sich so ganz ineinander fügten und aneinander gewöhnten, daß Keinem ohne den Anderen mehr wohl nr . ' war. non einer leve tonnte dabei nicht die Rede sein. Tönnchen war zeitlebens dem langhaarigen Geschlechte nicht grün gewesen, denn es forderte Dienstleistungen und Anstrengungen, die mit seiner Bequemlichkeit nicht harmonirten. und konnte nach seiner Meinunq doch nichts bietet, was diese An strengungen aufgewogen hätte. Die goldene Anna wiederum war viel zu klug, sich zu tief. in Liebeleien mit den lustiaenStudenten einzulassen, denn sie
wußte, daß dieses Volkchen noch ruheloÄfchwärmte, während sie für sich eine solide Versorgung begehrte. Sie hatte
vaid die Hauptemenschast Tonnchens erfaßt und baute darauf, daß sie sich rrn: der Zelt lhm unentbehrlich machen würde und schließlich noch einmal eine Frau Doktor werden konnte. Sie war jedoch andererseits nicht energisch und berechnend genug, um systematisch nach diesem Plane ihr Thun und Lassen zu regeln, sondern es kam mit der Zeit wirklich so weit, daß sie aus einem Instinkt ihrer Natur heraus für den alten Studenten, der sonst Niemanden hatte, sorgte und ihn bemutterte. Für Tönnchen war es ein schlimmer Tag, als die brave Wirthin, die ihrer Tochter volle Freiheit gelassen hatte, starb. Ja, es berührte ihn fast stärker. als vor Jahren der Tod des Vaters. Denn nun war es unausbleiblich, daß er sich eine neue Wohnunq suchte, und damit eine neue Unruhe in sein Leben zog. Doch als wäre es selbstverständlich, nahm die goldene Anna ihm diese Sorge ab, miethete ein hübsches Zimmer für ihn. räumte ihm dort die Wäsche in die Schübe und leitete Alles, ohne ihn viel zu fragen. Sie selbst trat als Verkäuferin in ein Geschäft. Da schnurrte Tönnchen vor Behagen und wunderte stch sehr, daß Alles so leicht und wie am Schnürchen ging. Doch horchte er den ganzen Tag in halber Erwartung, ob das Mädchen auch jetzt zu ihm kommen würde. . Und sie kam. Im schwarzen Trauerkleide huschte sie jeden Mittag und jeden Abend zu ihm hinauf, sah nach, ob etwas fehlte, und sorgte weiter für ihn. Und da sie nun auch allein in der Welt stand, begleitete sie ihn Abend für Abend in das verräucherte Lokal, und während er sein Vier trank, rührte sie in ihrem Kajfee. Getrennt von den übrigen Gästen, saßen sie in ihrer Nische und schwiegen sich behaglich an. Denn auch darin hatte die goldene Anna den alten Studenten erfaßt, daß er es nicht liebte, viele Worte zu machen. Sie nannten sich längst du, doch auch dieses du var nicht das Ergebniß einer Liebesstunde, sondern einer gegenseitigen, Abmachung. Kein Mensch im alten Rostock hätte an dieses Miteinanderleben wie Bruder und Schwester geglaubt, und die goldene Anna fühlte wohl das Sonderbare und Schiefe ihrer Lage. Da sie allmählich auch nicht mehr zu den Jung sten zählte, so wurde der Wunsch, aus einem unsicheren und nicht recht natürlichen Verhältniß zu einem sicheren und üblichen zu gelangen, immer stärker in ihr, und so traten ihre alten Heiraths. Pläne wieder stärker in den Vorder gründ. ' Doch wußte sie wohl, daß Tönnchen vor allem Neuen zurückschreckte. D?shalb, ging sie mit großer Behutsamkeit vor. Sie kannte, dank der Zeichnung, die der alte Student stets bei sich trug, feine Vermögensverhältnisse wohl und sagte sich, daß eine Heirath auch für sie nur Zweck hätte, wenn Tönnchen sein Examen machte oder sich irgend eine andere Erwerbsmöglichkeit verschaffte. So lange würde der Rest des EtagenHauses vorhalten. Zie begann nun also auf eine feinere Art, als der robuste Freund' es einst gethan hatte, Tönnchen zum Besuch der Kliniken anzuhalten. Von Tag zu Tag bohrte, ste ein wenig weiter, bis er sich wirklich einen Ruck gab. Aber da ihn Niemand controllirte und ihm in vin langen Jahren auch die letzte Arbeitseneraie verloren gegangen war, so kam er nie über zeitweilige Ansähe hinaus. 'Das Mädchen sah wohl, daß damit weder ihm noch ihr geholfen war, und sie beschloß nach langem ZLgern, ein stärkeres Mittel tn Anwen dung zu bringen. Ein Tischler, der seine Werkstatt nahe dem Hafen betrieb, -hatte sich in letzter Zeit viel auf ihren Wegen gefunden, und ihn schob sie vor. Es ' axt ihr eine günstige Heirath geboten l..ld da es mit ihm doch nichts Rechtes wurde, so wäre es thöricht, .die neue Aussicht, "die sich ihr eröffnet habe, zu verscherzen. Oder wie denke er darüber? Tönnchen war ganz verstört. Zwei Tage überlegte er den Fall. Dann nahm er einen gewaltigen Ankauf, der aber doch nur wieder endete wie die früheren, und endlich raffte er sich zu der Aeußerung auf, ebenso gut wie den Tischler könne sie, Anna, ja auch ihn heirathen. Das wäre nun zwar sehr schön gewesen, und das Mädchen war froh, daß sie ihn so weit hatte, aber sie drüöte nun fest zu und machte ihm klar,' daß er erst einen Erwerb vorzubereiten hatte. Stöhnend lief Tonn.chen wieder in die 'Kliniken, ein paar Wochen lang, aber weil die goldene Anna aus Freude über diesen Erfolg nicht weiter von dem Tischler sprachso glaubte der alte Student, die Sache wäre so ernsthaft nicht. Und er glaubte es um so lieber, als er vor sich selbst einen Grund suchte, das strapaziöse Leben zu beenden und wieder in seine alte Behaglichkeit zurücksinken zu können. Außerdem hatte er sich klar gemacht, wie viel Formalitäten bei einer Hochzeit zu erledigen wären und welche Unruhe dieses Neue über ihn bringen müßte, so daß er zuletzt kaum mehr wußte, was ihm schlimmer erschien: von dem Mädchen verlassen zu werden oder zu heirathen. Wieder liefen die Semester. Aus der Zeichnung verschwand ein Fenster nach dem andern. Das Leben ging seien alten Gana. Beide. Tönncku, .so
moyi wie o:e goldene Anna, vanen lyre Bemühungen, es zu etwas zu bringen, aufgegeben. Das Mädchen war in der letzten Zeit stiller geworden; sie schien mit einem Entschlüsse zu ringen, zu dessen Ausführung sie wohl nicht die Kraft hatte. Doch kam sie seltener in
das verräucherte Caf, dessen Nische der alte Student Abend für Abend besetzt hielt. Auch mit Tonnchen ging eine leise Veränderung vor. "Sein Gesicht bekam etwas Gedunsenes. ' Er war mcht krank, aber er fühlte sich nicht so wohl wie früher. So kam der November heran. Ende November hatte Tönnchen Geburtstag. Niemand außer Anna wußte es. Sie gratulirte ihm Mittags in einer scheuen und bedrück ten Art und prüfte dann seine ganze Wäsche vom ersten bis zum letzten Stück. Sie brachte Alles in Ordnung und versprach auch, Abends wieder in das Lokal zu kommen. ' Abends saß Tönnchen wie immer auf seinem Stammplatz, den Deckelschoppen vor sich, die ewige Cigarre im Munde. Er brütete vor sich hin. DaS wievielte Semester studirte er jetzt? Er rechnete nach: das achtundzwanzigste! Fünfunddreißig Jahre war er alt aeworden. Er bummelte, rauchte, trank. Nebenan spielte der Musikautomat in einem fort. . Er gehörte 'mal zum Lokal, aber er spielte heute neue Melodien. Es mußten andere Notenplitten eingetroffen sein. Da war
Neitermalsch ein Neitermarsch-szlemlich
der sollte still sein! Wie in Schinerzen fuhr sich der alte Student über die Stirn. ES war gut, daß die goldene Anna kam. Aber auch sie hatte ein ganz neues Wesen, als ob sie fertig und völlig mit sich im Reinen sei. Es war so merkwürdig. Tönnchen zog wieder die Beine an siS heran und duckte' sich, als erwarte ihn Unangenehmes. Doch er blieb eine Zeitlang still und wie sonst. Nur daß die goldene Anna länger in ihrem Kasfee rührte. Mit einem Mal nahm sie eine medizinische Zeitschrift vom Haken, die der Studenten wegen im Lokal auslag. fing darin zu blättern an und sprach: Ich will dir heut' noch 'was sagen. Du fängst jetzt wieder ein neues Jahr an. Das wird ebenso sein, wie die Jahre vorher, die ich mit angesehen hab'. Das Examen machst du doch nicht mehr." Sie machte eine Pause. Er starrte vor sich hin. Bis sie ganz schnell weitersprach: Gestern hab' ich mich mit dem Tischler versprochen. Ich kann jetzt nicht mehr zu dir kommen, ,' Ich muß dir jetzt Adieu sagen. In sechs Wochen wollen wir schon heirathen." Wieder still nur nebenan vom Musikautomaten der Reitermarsch, eine anreizende, tolle Melodie. Tönnchen nickte mechanisch. Da schob die goldene Anna die medizinische Zeitschrift fort und sagte: Es fällt mir sehr schwer. Wir waren doch viele Jahre gut zusammen. Und ich danke .dir für Alles." Mit einer ungeschickten Bewegung streichelte sie seine Hand, die auf dem Tische lag. Und alle mütterliche Liebe, 'die durch die Gewohnheit der Jahre und durch' die, stete Sorge für ihn sich angesammelt hatte, lag in diesem Streicheln. Die kleinen Augen des alten Studenten gingen unsicher umher. Aber da er ruhig blicken wollte, wurden sie starr. Annchen," sagte er murmelnd während ihm die Cigarre schief im MundWinkel hing. Er fühlte, daß nun etwaö auf ihn zukam, daß nun sein Leben einen Ruck bekam und die entscheidende Wendung. Er hatte das dumpfe Bewußtsein davon. Keiner sprach mehr. Jeder sah vor sich hin. Das muß sein, dachte Tönnchen. Nun geht auch die Anna fort von mir. Und als hätie dies eine andere Vorsiellung in ihm ausgelöst, sah er im Geiste plötzlich die Studentengenerationen, die zugleich mit ihm durch die Säle der beiden Universitäten geströmt waren unabsehbare Schaaren, viele Freunde darunter in bunten Mützen ein ewiger Zug. Wo waren sie? In Amt und Beruf, in Bürden und Würden. Und er allein war zurückgeblieben, als hätte man ihn" vergessen und drüben lärmte mit dem Automaten um die Wette das junge Volk pah, unreife Burschen, die mit kurzen Höschen in die Sexta gekommen waren, als er längst Couleur getragen. ' Alle anderen waren fort fort. Auch die Anna ging. Und plötzlich nickte er: Das Haus ging auch. Langsam fuhr er in die Tasche und holte die Zeichnung hervor. Man konnte nicht mehr erkennen, daß es ein Gebäude gewesen war, zu dem die übriggebliebenen Stücke gehört hatten. Man sah nur unten noch ein-paar Linien. Zwei Fenster," brummte Tönnchen. .Zwei Fenster!" Und nun wollt' die Anna heirathen. Ganz furchtbar einsam würde eö um ihn werden. Da überkam ihn ein unsägliches Mitleid mit sich selbst, eine tiese Rührung. Er blinzelte und riß dann die Augen -auf, um die Thränen nicht hoch kommen zu lassen. Was war das nur mit ihm? Die neue Musik er vertrug nichts Neues mehr. . ; -
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Harry Romer, 30 Jahre alt, wurde gestern Nachmittag an der State und Washington Str. aus einer Wunde über dem Auge blutend aufgefunden. Da er dieselbe in einer Schlägerei er halten haben soll, und da er auch in angetrunkenem Zustande sich befand, so wurde er, nachdem er vom DlSpensanumgSarzt Dr. Hawley ver bunden war, eingelocht. Aehnlich er ging eö Dennis Shehan, der seine Wohnung als 520 West Washington Straße angab. Er wurde von der Ecke der Georgia und Pennsylvania Str. mittels Ambulanz abgeholt, ver bunden und unter Anklage der Trun kenheit verhaftet. Annchen," sagte er unsicher. Ich ' nehm's dir ja nicht üfI ich ich" Er sah sie groß an. Ein gewaltig (Jedanke kam ihm. Ich werde dir ein Fenster schenken sprach er mit Entschiedenheit. Und ohne einer Widerrede zu achten, zog er das Checkbuch aus der Tasche, füllte aus und überreichte das Papier dem Mädchen, das, ihn verwundert betrachtete. Als sie ganz begriff, weinte sie. Der alte Student jedoch trank in wilden, durstigen Zügen, dann holte er den Radiergummi aus der Weste und begann mit etwas zittriger Hand das vorletzte Quadrat mit dem vorletzten Fenster wegzuradieren. Ich will's für dich aufheben," sagte die goldene Anna. Du wirst es ja bald brauchen, Richard." Aber er murrte und beendete, ohne auszusehen, seine Arbeit, worauf er das Blatt mit den letzten Strichen der Zeichnung einsteckte.Vielleicht glaubte das Mädchen, er würde sie zum Abschied küssen. Sie wiederholte wenigstens ein paarmal: Nun kann ich nicht mehr zu dir kommen," aber als er nur immer nickte, streichelte sie wieder seine Hand und ging. Tönnchen war allein. Er trank und brütete brütete, trank. Mechanisch durchblätterte er die medizinische Zeitsckriit. Sie laa nock aenau so da. wie i ' , " u . r die goldene Anna sie hingelegt hatte. Ein Name fiel ihm auf da war einer zum außerordentlichen Professor ernannt wer war das doch? Ja, ja ein Verbindungsbruder, der in Jena mit ihm zusammen studirt hatte. Ihn fror. Er ließ sich Grogk bringen. Und nebenan noch immer der Automat wieder jetzt ' der Reitcrmarsch Seine Nerven vertrugen das nicht mehr das Neue. ' Auch aus dem Caf6 würde er deshalb hinaus müssen. Und Anna heirathete und das Haus und acht undzwanzig Semester und heute wurde er fünfunddreißig Jahr und außerordentlicher Professor ; Es verwirrte sich Alles in ihm. EZ brach heute etwas in ihm. Es war ihm nicht mehr beoaglich. Und aus den kleinen Augen liefen jetzt zwei Thränen über das gedunsene Gesicht, des alten Studenten. Niemand konnte es sehen. Er saß ja ganz ganz ganz allein in der Nische. Von diesem Tage ab verfiel Tönnchen. Zuerst wartete er noch ab. ob die goldene Anna wirklich nicht wiederkäme. Sie kam nicht. Da ließ er Alles gehen, wie es woll, te. Und weil Niemand mehr auf ihn achtete, und er selbst auch nicht, ward er im Ganzen unsauber. An dem Hochzeitstage Annchens trank er sehr viel, schrieb Einiges und schüttete in's letzte Glas ein weißes Pulver, das er, der Mediziner, sich leicht hatte verschaffen können. Der Tischler und junge Ehemann bekam gleich nach der Hochzeit Arbeit. Laut letztwillig getroffener Verfügung hatte er den Sarg für Tönnchen zu machen. Er. bekam dafür das letzte Fenster, soweit es noch nicht aufgezehrt war. . , Aber die goldene Anna, die den ewigen Studenten eigentlich so wenig geliebt hatte wie er sie, weinte bitterlich, als ihr Mann die eichenen Bretter zu-sammenschlug.
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