Indiana Tribüne, Volume 28, Number 44, Indianapolis, Marion County, 13 October 1904 — Page 7
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Jndiana Tribüne, 13. Oktober I90ä.
Der Mohr kann gehen. Skizze vsn Elawe. Draußen herrschte eine unertragliehe Hitze, daß man sich nur nothgedrunaen in's ??reie waate.
Frau Margarethe Brandt hatte sich den schattigsten Platz aus der Terrasse ausgesucht und lag hier in einem niedrigen Touristenstuhl mit einem Buche in der Hand. Bon Zeit zu Zeit machte sie einen Versuch zu lesen, sank aber immer wieder zurück, schloß die Augen und ließ widerstandslos die Wärme auf sich einwirken. Sie dachte eben daran, daß ihr Mann in den letzten Wochen noch stiller als sonst war, und daß er, wohl wegen der voraussichtlichen Mißernte, manchmal ganz verzweifelt dreinschaute. Mit einer resignirten Miene Margarete sah immer resignirt aus, wenn sie an ihre Ehe und ihren Mann dachte erinnerte sie sich daran, wie selten Klaus und sie sich etwas zu sagen hatten, und wie die Sorgen des et nen. große und kleine, dem andern oft ganz verborgen blieben. Wie das eigentlich zuging, darauf konnte Margarethe sich selbst keine Antwort geben. Sie hatten sich in Jugend und Liebe gesunden, und damals hatte Margarete nie resignirt ausgesehen. Ihre Augen hatten von Hoffnung und erwartungsvollem Vertrauen zu der im schönsten Sonnenschein vor ihr liegenden Zukunft geleuchtet, und das junge, warme Blut war schnell durch ihre Adern geeilt. Jetzt fühlte sie sich alt und müde. Ah. sieh da. Mama! Du kommst bestimmt mit einer Neuigkeit?" Margarete erhob sich und schritt ihrer Schwiegermutter entgegen, die mit flatternden Mützenbändern auf sie zueilte. In der Hand hielt sie einen offenen Brief. Liebe Margarete, kannst du dir denken, Hans hat seine Hand so schwer verletzt, daß er einstweilen dienstuntauglich ist und Urlaub nehmen mußte. Meine Schwester Amalie läßt nun dich und Klaus bitten, ihren Sohn im Sommer bei euch aufzunehmen. Sie geht zu ihrer Tochter und möchte ihr Haus in Eksjö zuschließen. Was sagst du dazu? Hast du Platz für ihn? Und glaubst du, daß Klaus etwas gegen seinen Besuch einzuwenden hat?" Natürlich ist Hans herzlich willkommen, liebe Mama. Er ist ja Klaus' Vetter und es schien ihm ja hier während der Weihnachtszeit sehr gut zu gefallen. Ich fürchte nur, daß er uns in der Hitze langweilig finden und sich zu sehr nach seinen Pferden und Rekruten sehnen wird. Jedenfalls werde ich heute Abend mit Klaus sprechen. Irre ich nicht, so beabsichtigt Klaus morgen früh in geschäftlichen Angelegenheiten nach Eksjö zu fahren, und dann kann er ihn ja gleich mitbringen." Es ist sehr liebenswürdig von dir, Margarete, daß du keine Einwendungen machst. Du liebst ja sonst, wie ich weiß, lange Logirbesuche nicht, und außerdem wird er mit seiner kranken Hand noch besonderer Pflege bedürfen." Als der Leutnant Hans Brandt am folgenden Tage mit seinem Vetter und Wirth auf dem Gutshof von Helleberge vom Wagen stieg, stand Margarete auf der großen Freitreppe, um den Gast zu bewillkommnen. Sie sah in ihrem einfachenjellen Kleide allerliebst aus. Die Anrichtung der Mittagstafel hatte ihre für gewöhnlich etwas blassen Wangen roth gefärbt, und Klaus ertappte sich selbst dabei, daß er sie halberstaunt anblickte und sich im Stillen darüber wunderte, daß er nicht früher bemerkt hatte, wie hübsch Maraarete eiaentlick war. Er küßte sie leicht auf die Stirn und führte dann seinen Gast ins Fremdenzimmer. Margarete blickte ihm erstaunt nach. Es war so selten, fcaß Klaus sie liebkoste, und heute hatte er sie ebenso wie in alten Zeiten angeblickt. Ob alles noch einmal wieder so würde, wie es ebemals gewesen rn? Margarete suhl te. wie ihr Herz heftiger schlug, während ihre Augen feucht wurden. Plötzlich kam aber der resignirte Zug wieder zum Vorschein. Wie thöricht, dachte sie, sich nach so langen Jahren noch Jlluuonen hinzugeben. Ah, da sind ja die Herren schon. Mama, das Ejjen. wartet. Hans, findest du dich bei uns wieder zurecyt? Sie betraten den großen Speisesaal - mit der festlich geschmückten Tafel. Das Mittagessen verlief munter und anregend, ganz anders, als gewöhnlich. Hans war nicht nur ein hübscher, stattlicher Offizier, er zeichnete sich auch durch gediegene Kenntnisse, große Liebenswürdigkeit und eine seltene UnterHaltungsgabe aus, so daß auch Klaus sehr zufrieden mit dem Besuch seines Vetters war, der ihm etwas Abwechslung in seinem stillen Leben bot. Margarete lebte im Laufe des Sommers förmlich auf. Die angenehme Gesellschaft munterte sie auf und stimmte sie froh. Klaus war mitten in der Ernte und sprach von nichts wciter, als von Weizen, Roggen und Gersie, und die alte Frau Brandt saß wie gewöhnlich den ganzen Tag in ihrem bequemen Lehnstuhl auf der Veranda mit einem Roman vor sich und einem Strumpf in der Hand. Daher fiel die Aufgabe, Hans auf seinen Spaziergängen zu begleiten, Margarethe zu, und es hatte den Anschein, als wenn sie diese Pflicht gern, erfüllte. Sobald die häusliche Arbeit Marxens gethan, die Meierei und das
Federvieh besichtigt war, verschwand die baumwollene Wirthschaftsschürze, unter der ihre kleine Person förmlich
verschwand. Ein dünner Strohhut mit ! breiter Krempe kam zum Vorschein j und mit diesem auf dem Kopf und einem derben Stock m der and man derte sie dann an Hans Seite durch Wald und Feld. Regnete es. und das war in diesem Sommer etwas so Ungewohntes, daß die nassen Tage mit Freuden begrüßt wurden, dann flucheten die beiden in die gemüthliche Ecke der alten Frau Brandt und blieben dort mit ihr in heiterer Unterhaltung, bis die Mittagsglocke rief und Klaus naß und müde, aber in bester Laune über jeden Regentropfen, den sein armer Acker bekam, eintrat. Und dann geschah es wohl, daß Margarete einenVeraleich zwischen den fleißigen Arbeitsbienen und den Drohnen anstellte, und der Schluß wurde eine kleine Wolke auf ihrer Stirn und ein Schatten von Selbstvorwürfen in den klaren Augen: der Schatten und die Wolke verschwanden aber unter dem eisten Blick aus Hans' braunen Augen, die in letzter Zeit immer wieder auf ihr ruhten. Die Augen fingen bereits an. ihr gefährlich zu werden: sie selbst ahnte es allerdings noch nicht. Ihre Gedanten waren noch rein und ohne Sunde. Deshalb blieb sie auch gleichmäßig heiter und harmlos, o'ne.die Augen mederzuschlagen oder zu erröthen. Margarete, willst du meine Reifetasche packen. Ich muß geschäftlich einige Tage verreisen," sagte Klaus eines Morgens beim Frühstück. Wir haben heute Dienstag,, am Freitag bin ich wieder zu Hause, und einen Be schutzer lasse ich dir ja für den Fall, daß dir etwas zustößt, zurück," fügte er mit einem freundlichenBlick aufHans hinzu. Das Schlimmste, was gescheYen konnte, durste wohl ein Gewitter sein, und das wünsche ich allerdings von Herzen." Ach, Klaus, sprich nicht vom GeWitter," bat Margarete ängstlich. Rannst du dir denken, Hans, daß meine sonst so verständige Frau sich vor einem Gewitter fürchtet," bemerkte der Gutsbesitzer scherzend. Deine Mutter und ick werden sich ihrer schon annehmen, wenn wirklich ein Gewitter losbrechen sollte." meinte Hans mit einem vielsagenden Blick auf caraaretye. Klaus hatte ein Gewitter erwartet. und er sollte recht behalten. Schcn am Vormittag zogen sich Wolken drohend am Himmel zusammen, und die Luft wurde so schwül und drückend, daß Margarete kaum zu athmen vermochte. Sie waren ihre größten Feinde, diese Gewitter. Der Abend ging aber dahin, ohne daß das Gewitter zum Ausbruch kam. Nachdem Margarete sich davon überzeugt hatte, daß alle Fenster und Thüren fest verschlossen waren, sagte sie den andern gute Nacht und begab sich in ihr Schlafzimmer. Ohne sich zu entkleiden, setzte sie sich ans Fenster und blickte über den Garten hinaus, der friedlich im Dunkel der Sommernacht dalag. Margarete dachte an ihre Jugend, an die erste Zeit ihrer Liebe und an die Oede ihres jetzigen Daseins. Sie hatte ein Gefühl, als könne sie dies Leben nicht länger ertragen, als werde und müsse eine Aenderung eintreten, vor der sie zurückschreckte, die ihr Inneres mit grenzenloser Angst erfüllte. Sie sah die Blitze nicht und hörte den Donner nicht . Ein tiefer Schmerz packte sie bei dem Gedanken, daß ihre einst so heiße Liebe zu Klaus im Laufe der Zeit erkaltet war. Er hatte sie nicht verstanden und zu wenigRücksicht auf sie genommen. Aber Klaus selbst? Auch er war sicher nicht glücklich. Hatte sie ihm denn das gegeben, was er von ihr erwarten und hoffen durfte? Dann war der andere gekommen. Mit ihm war sie von Neuem aufgelebt. Er hatte sie angeregt und ihre vielseitigen Interessen geweckt. Gerade das, was sie bei Klaus entbehrte, der ganz seiner Wirthschaft lebte, hatte er ihr geboten. Gehörte ihr Herz ihm, der ihr seit langem die erste lichte Stunde bereitet hatte, war es, ohne daß sie sich darüber klar geworden, von Klaus zu ihm hinübergeglitten? Was sollte sie nur thun, um sich Klarheit über ihre eigenen Gefühle zu schaffen? Sie hatte den Kopf gegen den Fensterrahmen gelehnt, die Augen geschlossen und ein tiefes Schluchzen machte sich aus ihrem geängstigten Herzen Luft. Blik auf Blik durchzuckte die Luft. Sie achtete ihrer nicht. Alle Angst war verschwunden. JhrSchmerz war zu tief, ihr seelischer Kampf zu groß, als daß sie sich um das sorgte, was um sie hcr geschah. In diesem Augenblick hörte sie ein Klopfen an ihrer Thür. Sie öffnete. Hans stand vor ihr und fragte th:ilnehmend, ob sie sich ängstige. Sie schüttelte ruhig den Kopf, und in dem grellen' Schein eines das ganze Zimmer erhellenden Blitzes sah er mit Erstaunen die mit dhr vorgegangene Veränderung. Es war eine ganz andere Margarete, die vor' ihm stand. Aengstigst du dich? Warum kamst du nicht zu mir?" Seine Stimme zittcrte vor Zärtlichkeit, und sein Blick verrieth ihr, daß er nichts sehnlicher wünschte, als sie in seinen kräftigen Armen vor aller Gefahr zu schützen. Margarete drückte schnell die Hand gegen das Herz. Es schlug so laut, daß sie glaubte, er müsse es hören. . Ich fürchtete mich anfänglich," ant-
wartete sie rubkg. Aber jetzt ist alles vorüber und ich glaube, daß das Gewitter eineWohlthat für mich war,"
fügte sie mit einem leichten Lächeln hinzu; eö hat die Luft gereinigt." Er blickte sie ganz erstaunt an: vielleicht ahnte er den Doppelsinn in ihren Worten. Es war zu viel für dich. Komm, laß uns zu deiner Schwiegeri mutter in den Salon gehen, Sle hat Kaffee bestellt.Als Klaus am Freitag von seiner Reise zurückkehrte, sah Margarete mit Hangen und Bangen dem Augenblick entgegen, in dem sie sich mit ihm aussprechen würde. Es war ein entscheidender Kampf für ihr Glück, der ihr bevorstand; es war ihr aber klar geworden, daß er zwischen ihnen beiden ausaesochten werden mußte. Blaß, aber ruhig betrat sie sein Arbeitszimmer, in dem er. in Berechnungen vertieft, am Schreibtisch saß. Er blickte erstaunt auf. Sie pflegte sieh nur sei ten bei ihm sehen zu lassen. Gebrauchst Du Wirtschaftsgeld oder hast du sonst Wünsche?" fragte er freundlich. Du siehst blaß aus, Margarete." Klaus, du mußt mich anhören. Ich habe dir viel zu sagen, was gesogt werden muß, wenn wir nicht beide unglücklich werden sollen. Margarete begann' mit niedergeschlagenen Augen ihm zu beichten, was sie in der Gewitternacht gefühlt und gedacht hatte. Selbst ihre Empfindüngen für Hans breitete sie so klar vor ihm aus, wie sie ihr selbst waren. Und das eme will ich dir noch sagen, Klaus." schloß sie ihr Geständniß. in dieser Nacht wurde es mir auch klar, daß die Jahre unseres Zusammenlebens mich eng mit dir verbunden haben, und daß es mir. unendlich schwer werden dürfte, mich von dir zu trennen, aber das Leben, das wir miteinander, ach so lange, geführt haben, würde mich tödten. Ich bin in jener Nacht ein anderer Mensch geworden. Kannst du ebenso zu mir fein, als früher, Klaus? Willst du mir wieder von dir selbst geben, willst du mich deine rau im wahren Sinne des Wortes ein lassen und nicht ein halbes Leben n Gleichgültigkeit und Schlaffheit mit mir führen, so wird mich nichts in der Welt von deiner Seite reißen. Ich bin ja nur ein schwaches Weib, das der Versuchung ausgesetzt wurde, und ich weiß nicht, ob ich ein zweites Mal ihr nicht unterliegen würde. Du wirst mich verstehen, Klaus; du mußt mir helfen," rief sie lebhaft aus, als sie schließlich ausblickte, um auf eine Antwort von ihrem Gatten zu warten. Klaus schaute seine kleine Frau aber mit Blicken an, die sie früher nie gesehen hatte. Wie hübsch sie war. Seine Augen strahlten vor Zärtlichkeit und Liebe. Margarete wurde es plötzlich so leicht ums Herz, und es wollte ihr scheinen, als lägen die Welt und daö Leben wie em sonnenbeschienenes Paradies vor ihr. Meine Margarete, mein Engel!" Und Klaus, ihr eigener vierzigjähriger Mann, lag auf den Knien vor ihr, was er selbst in der Zeit ihrer ersten glühenden Liebe nicht gethan hatte. Es ist so wunderbar nicht, daß du dich in der letzten Zeit sehr verändert hast. Mit Gottes Hilfe werden wir von heute an ein neues Leben beginnen. Alles, was du mir über unser bisheriges Leben gesagt hast, war mir so ganz fremd, obgleich ich ein dunkles Gefühl hatte, daß nicht alles zwischen uns so war, wie es sein sollte. Und dann kam mein dummer Stolz hinzu, und ich glaubte, daß dir alles hier nicht gut genug sei und du dich nach Vergnügungen und Zerstreuungen sehntest. Das kränkte mich, und manches Mal, wenn ich zu dir kommen und dich in meine Arme schließen wollte, raffte ich mich zusammen und ging kalt an dir vorüber. Kannst du mir verzeihen, Geliebte? Eigentlich sollte ich auf HanS eifersüchtig sein, der mir den ganzen Sommer meine kleine Frau geraubt hat und ihr bereits gefährlich wurde, aber im Gegentheil fühle ich mich ihm zu Dank verpflichtet. Wäre er und das Gewitter nicht gewesen, so wärest du wohl kaum zu mir gekommen, Margarete!" Nach diesem Tage kommt es Margarete vor, als wenn Klaus' Arbeitszimmer mit den steifen Möbeln und den landwirtschaftlichen Büchern und Karten ihr das Liebste im ganzen Hause ist. Sie läßt ihn dort nicht mehr so lange, und sein Antlitz strahlt vor Freude und Glück, wenn Margarete in der Thüre erscheint und fragt, ob sie störe?" Und Margarete sieht gar nicht mehr resignirt aus, wenn sie an ihren Mann und ihre Ehe denkt. Am Sonnabend reiste Hans. Er wollte noch andere Familienmitglieder besuchen. Der Anblick des wiedergewonnenen Liebesglücks, das ausKlaus' und Margarete's Augen 'strahlte, schien ihm peinlich zu sein und er war blaß, als er sich von seinen Wirthen verabschiedete. Du tust eine prächtige kleine Frau, Margarete. Gott segne dich! Habe Dank für den schönen SommRr!" Und damit rollte der Wagen vom Gutshof. Hans wandte sich aber kein einziges Mal um, obgleich er wußte, daß sie noch lange auf der Freitreppe standen und ihm ein Lebewohl nachwinkten. Er murmelte nur bitter: Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen."
?er Aluch .dcr neuen Erfin düngen. Plauderei von Gustav Klitscher. Oder: Wie bei meinem Freunde Emil der Verfolgungswahn ausbrach" oder: Das Badenegliz6" oder: .Der Tortenstürzer" oder: Die mißglückte Rettung der deutschen Lite,ratur" oder: Zwangsjacke und Gummizelle" oder O, ich könnte den nachfolgenden interessanten Begebenheiten noch manchen vielversprechenden Titel vorsetzen, aber ich begnüge mich mit der kurzenUeberschrift:
.Das Autotelektroteslaphotokathodoskop oder: Der Fluch der neuen Erfindüngen." Warum? Das wird ewig mein Geheimniß bleiben. Mein Freund Emil denn dieser war.es! kam mir auf der Straße entgegen. Ich erkannte ihn gleich an seinem hastigen, unstäten Schritt. Aber diesmal schien er es noch besonders eilig zu haben. Er schoß förmlich auf mich zu und wäre an mir vorbei gesaust, wenn tch ihn nicht rechtzeitig am Rockzipfel erwischt hätte. Emil," rief ich, amico mio, was soll dies, was ist dies, was heißt dies? Wohin führt Dich dieser rasende Lauf, wohin eilst Du?" Auf den Mond nach dem Mars an's Ende der Welt!" Mensch," keuchte ich, auss Aeußerste betroffen, warum dies Furchtbare?" Ich fliehe." Fliehst? Vor wem denn?" Da blieb er plötzlich stehen und flüsterte mir mit einem schrecklichen Ausdruck in seinen sonst so lieben, dummen Zügen in mein schauderndes Ohr: Vor dem Autotelektroteslaphotokathodoskop." Vor wem?" fragte ich entgeistert. Wie heißt der junge Mann?" Er lächelte mitleidig. Mein Gott, es ist doch ganz einfach," sagte er dann, vor dem Autotelektroteslaphotokathodoskop." Aber natürlich ganz einfach furchtbar einfach das Autote aber willst Du es mir nicht lieber aufschreiben?" Bitte," sagte er, holte sein Taschenbuch hervor und that es. Dann fetzte er sich wieder in Bewegung, und zwar in einem sonst nur unter Vollblutgraditzern üblichen Trab. Aber was ist denn das, dies verfl Autotelektro wie?" fragte ich. Ein Teufelswerk ist es, ein Blendwerk der Hölle, eine mit scharfsinnigster Niedertracht ausgedachte Eombination, um den Menschen an den Rand der Verzweiflung zu bringen." Er griff in die Tasche und drückte mir eine kleine Maschine in die Hand. Das ist das Ganze?" rief ich, auf's Höchste überrascht. Merkwürdig, daß ein so kurzes Instrument so lang heißen kann." Das Ding sah ungefähr aus wie ein Liliput - Operngucker, an dem sich unterhalb eine Art Schalltrichter zum Hineinsprechen befand. Und vor so etwas fliehst Du, mein Emil?" sagte ich mit mildem Spott. Aber der Freund schüttelte recht abweisen fein Haupt. , Du hast doch von der Telegraphie ohne Draht gehört, nicht wahr?" fragte er. Ich hatte. Siehst Du, dieser Apparat überträgt dasselbe Princip auf das TelePhon. Mittelst dieses kleinen schwarzen Ungethüms kannst Du, ohne durch einen Draht verbunden zu sein, überall hin zu Jedem sprechen, nach dem sich Deine Seele sehnt." Unmöglich!" O, das ist noch lange nicht Alles. Du kennst doch die Röntgen'schen Kathodenstrahlen, die das bekannte stärkste eichene Brett durchdringen wie Butter, selbst wenn kein Loch drm ist? Schön! Und das Teslalicht wird Dir auch nicht unbekannt sein, die phänomenale Entdeckung der neueren Physik?" Allerdings " Schön! Das ist Alles hier drin, Alles hier drin! Der Erfinder ist ein Kroate, mit unmöglichem Namen. Mit diesem Augenglas kannst Du sehen, wohin Du willst. Durch Mauern und Wände, über Berg und Thal. Mit diesem Apparat erblickst Du Alles, hörst Du Alles, vermagst Du Dir bei Allen Gehör zu verschaffen kurz, Du bist einfach allgegenwärtig! Wenn das Alles richtig war, dann du lieber Gott, das war ja gar nicht auszudenken! Mir schwindelte Plötzlich kam mir der Verdacht, daß vielleicht Emil auch schwindelte. Ich sagte ihm das. Ich nehme es Dir nicht weiter übel," antwortete er. Die Sache ist auch zu ungeheuerlich, als daß man sie so unvorbereitet glauben könnte. Aber wahr ist sie doch! Die persönliche Sicherheit ist ein für allemal zum Teufel. Wo Du gehst, wo Du stehst, was Du auch anfängst, Du bist fortwährend unter der Controlle diese? entsetzlichen Maschinen. Früher war es schon schlimm genug, als die Amateurphotographen mit ihren Womentbildern erfunden wurden. Aber ient oh. es ist zu viel ich fliehe zum Sirius'" Wir waren schließlich in den großcn Sradtpark gelangt und hier,' im Schutz und Schatten der alten Bfome, schien sich mein Freimd ein wenig sicherer 31 fühlen. Wenigstens mäßigte er seine
Schritte etwas, und endNch ließ er sich auf meine wiederholten Fragen herbei, zu erzählen. Da wurde mir denn allerdings auf das Schrecklichste klar, daß das Ding mit dem langen Namen kein leerer Wahn, sondern schaudervolle Wirklichkeit war. Ich war verlobt, wie Du weißt " begann Emil düster. Du b i st verlobt willst Du saA gen. Nein, ich w a r es. Seit drei Tagen ist Alles aus. Ella, von der ich glaubte, daß sie die Perle aller Mäd-
chen sei auch sie war falsch! Höre! Neulich Abends war ich im Circus. Wahrend der Pause treffe ich im Stall eine kleine Engländerin, die ihre Arbeit am Trapez ganz ausgezeichnet gemacht hatte. Du weißt, wie sehr ich mich für solche Sachen interemre. Ich sage ihr also ein paar freundliche Worte und fasse sie dabei ein wenig an's Kinn rein als Mäcen und väterlicher Freund das ganzo Personalen schien mir kaum sechzehn Jahre alt , da höre tch plötzlich eine scharfe, drohende Stimme neben mir: Emil - dafür werden Sie sich zu verantWorten haben!" Es war die Stimme meiner Schwiegermutter! Ich prallte entsetzt zurück und sah mich um. Meine Schwiegermutter war nirgends zu entdecken. In demselben Augenblick aber tonte die Stimme schon wieder: Morgen erwarte ich Sie bei mir. Da werden Sie Ihr Urtheil hören." Vergiß sie, die Dich so schnell vergaß," murmelte ich mitleidig. r, 1 iy r " ,t3a, memie ismu, wenn meine meiden nur damit zu Ende wären. Aber höre nur, die Geschichte geht weiter. Die kleine Engländerin hat auch eine Mutter. Und diese hat auch einen Apparat. Ich sitze gemüthlich zu Hause und will soeben meine Morgenzeitung lesen, ha ertönt wieder eine Frauenstimme neben mir. Ich hätte das arme Kind vor aller Welt compromittirt, sagte die Stimme, ich hätte ihr die Ehe versprochen ich weiß gar nicht, wie man auf Englisch die Ehe verspricht ich müßte sie heirathen oder tausend Pfund Entschädigung zahlen." Aber, das ist ja unerhört!" rief ich. Wer hätte das für möglich gehalten, Emil?" Ich gab es ohne Weiteres zu. Da plötzlich ergriff mich Emil am Arm, feine Züge verzerrten sich: Da haben wn's richtig, da haben wtt's! Sogar der einfache Naturoenuß wird einem vergällt!" Meine Zähne klapperten, als ich ihn fragend ansah: Was gibt's denn nun schon wieder?" Mensch, hörst Du denn nicht? Die. Stimme eines Schutzmannes: Dieser Weg ist verboten. Sie werden ein Strafmandat erhalten." Und wirklich, jetzt hörte ich es ganz deutlich: Dieser Weg ist verboten. Sie werden ein Strafmandat erhalten!" Weit und breit war kein Schutzmann zu sehen. War es denn möglich?! Ja, es war so, wahrhaftig so! Du lieber Himmel, wenn ich mir vorstellte, daß ich vielleicht schon Tage und Wochen lang von lieben Feinden und von guten Freunden in all' meinem Thun beobachtet war! Es war greulich! Um meine unbehagliche Stimmung zu verbergen, steckte ich mir eine Cigarre an. Aber kaum hatte ich die ersten blauen Rauchwolken wohlgefällig in die Luft geblasen, da tönte auch schon eine geheimnißvolle Stimme aus der vierten Dimension an mein Ohr: Ich habe Ihnen doch ein- für allemal das Rauchen und besonders die schweren Sorten verboten!" Das war mein Doctor. Kein. Zweifel mehr: ich stand schon unter Beobachtung. Einen Vortheil hat die Sache ja wenigstens," sagte Emil. Wenn man sich einen Apparat angeschafft hat, so kann man selbst auch andere Leute beaufsichtigen. Wenn ich z. B. meine Leute im Bureau controlliren will, so setze ich einfach das Ding auf" er that es und mache knips" er knipste dann sehe ich ganz genau " Plötzlich sprang er mit einem wüthenden Schmerzensschrei in die Lust: Heiliges Bombenelement! Mein Kassirer eben nimmt er den letzten Hundertmarkschein aus dem Geldschrank er liest in einem Schiffsbillet Genua Valparaiso ich muß hin ich muß hin!" Er schleuderte den Apparat zu Boden und stürmte in wilden Sätzen davon. Ich stand wie versteinert, zu Gedanken wie Entschlüssen gleich unfähig. Mechanisch nahm ich den Apparat auf, sah hindurch, richtete meine Augen nach meiner Wohnung, knipste und erblickte nichts. Das heißt: ich sah eine große, grau wogende Masse. Bei näherem Hinschauen zeigte es sich, daß die graue Masse Qualm war, und bald wurde es mir klar, daß es in meinem Zimmer brannte. Lustig züngelten die Flammen, jetzt waren sie gerade dabei, sich an meine Manuscripte zu machen. Himmel! Da lagen zwei Trauerspiele: Alarich, der Gothenkömg" und Glück und Ende der Hohenstaufen", eins in gereimten, das andere in unzereimten Jamben, sie waren bestimmt, der modernen Literatur ganz neue Bahnen zu weisen und nun! . 1 m t p li. . Jetzt ittey :cy memerieus einen Schmerzensschrei aus, jagte hinter Emil her und erzählte ihm mein Miß-
öeschlct.
.Eine Droschke!" rief er. Wir nehmen eine gemeinsame Droschke!" Wir steuerten auf einen Wagen zu, der in einiger Entfernung vor uns hielt. Wir hatten ihn beinahe erreicht, da trat uns ein freundlicher Herr entgegen. Es war Emils Hausarzt. Warum so erregt, meine Herren, wohin so eilig?" Wegen des Autokathelektro " Nein, wegen des Autoteslatoglo " Die Königin des schlappenDrahtseils" Alarich es brennt" Badenealiaö" Genua Valparaiso" 2000 Pfund" Hohenstaufen retten Sie die deutsche Literatur!." Helfen Sie mir, mein Geld wieder bekommen!" So schrieen wir durcheinander. Der
Doctor blickte aufmerksam von einem zum andern, sagte aber nichts. Verstehen Sie denn nicht?" rief Emil eindringlich. Sie müssen uns Ihren Wagen geben, ich muß hinter memem Kassirer her!" Und ich muß zur Feuerwehr verstehen Sie denn das nicht?" Der Doctor wurde plötzlich sehr höflich.. Selbstverständlich verstehe ich Sie. Das ist ja so klar wie die Sonne, ganz klar, bitte, sieigen Sie nur ein. . Er nöthigte uns höflich in sein Eoup6. Bald hielt der Wagen vor einem großen Gebäude. Die Feuerwehr," sagte der Doctor. Wir traten ein. Ein sehr liebenswürdiger Herr, mit dem der Doctor einige Worte sprach, bat uns, einen Augenblick Platz zu nehmen, es würde sofort Alles erledigt werden. Dann kamen zwei andere sehr liebenswürdige Herren, befreiten uns von unseren Ueberziehern und Röcken und baten uns, die sogenannten feuersicheren Westen" anzuziehen. Emil wollte mit' einem geistreichen kleinen Scherz darauf aufmerksam machen, daß sein Kassirer in Wahrheit ja kaum brennen dürfte, sondern nur durchbrennen wollte da hatte man ihm auch schon den RauchHelm" aufgesetzt, mir geschah das Gleiche, nun tagte es fürchterlich: man hatte uns mit Zwangsjacke und Mundknebel geschmückt. Es war ganz klar: man hielt uns für ach, du lieber Gott! Erst die Gehörhallucinationen und jetzt! Kein Zweifel mehr, kein Zweifel! Der erste liebenswürdige Herr wandte sich, indem er einen Blick voll gemüthlicher Herzlichkeit auf uns warf, an die beiden anderen liebenswürdigen Herren und sagte: Nummer .13 und 14." Die anderen beiden liebenswürdigen Herren öffneten zwei Thüren, in die eine, schoben sie Emil, in die andere mich, ein Schlüssel knackte, ich war allein. Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß No. 14 einen sehr wohnlichen Eindruck gemacht hätte. Möbel fehlten gänzlich. Dagegen war mit Kissen ein geradezu verschwenderischer Luxus getrieben. Fußboden, Decke und alle vier Wände waren gepolstert. Ich wollte schreien, es ging nicht, ich wollte an die Thür donnern ich war wie gelähmt. Plötzlich hörte ich, wie Emil sich mit aller Wucht gegen die Verbindungswand warf da, noch einmal noch einmal kein Irrthum: er versuchte, zu mir durchzubrechen. Ich mußte, ihm helfen! Vielleicht gelang es mir, die Wand von meiner Seite einzurennen. Ich stürmte also in dem Augenblick, wo Emil eine Pause machte, Legen sie und richtig: sie gab nach, ich pürzte, vor mir stand (mil und ich war, pardon, aus dem Bette gefallen, wobei ich verschiedene Gebrauchsgegenstände zerkümmert hatte, darunter meinen guten Genfer Chronometer! Ich blickte erstaunt zu Emil auf. Er trug weder Rauchhelm" noch feuersichere Jacke", sondern einen eleganten Sommeranzug, und sein liebes, dummes Gesicht verschönte ein joviales Lächeln. Ich habe schon verschiedene Male an die Thür geklopft, endlich trat ich gerade noch zur rechten Zeit ein, um Deinen gymnastischen Uebungen beiwohnen zu können," sagte er nicht ohne eine glückliche Schalkhastigkeit. Emil," rief ich kläg'ich, dann gibt es also gar kein Autotelektroteslaphotokathodoskop?" Emil lachte laut und lieblos. Was für ein Ding?" Das weißt Du nicht?" Ich weiß nur, daß Du gestern Abend gerade genug schweren Rheinwein getrunken hast und dabei kein Ende finden konntest in einer UnterHaltung mit dem neuen Professor über Erfindungen und solch' Zeug." Dabei drehte er die Lampe &u, die ich wohl am Abend auszulöschen vergessen hatte und die nun noch rauchend und qualmend auf dem Tische, stand. Emil," rief ich, in innerster Seele erleichtert, mir träumte, Du' wärst verrückt geworden!" Bitte," erwiderte er sanft, aber bestimmt, bitte, nach Dir, Du weißt, daß ich mich nie vordränge!" , SeineErklärung. Onkel: Wer war denn eigentlich Krösus?" Studiosus: Die personifizirte Anpumpsähigkeit." Im Restaurant. Professor (vor einem kleinen Wiener Scknitzel mit viel Garnirung): Es sieht auö wie ein richtiges Schnitzel aber nachher läuft man wieder mit einer optischen Täuschung im Magen herum!"
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