Indiana Tribüne, Volume 28, Number 41, Indianapolis, Marion County, 10 October 1904 — Page 7
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rcUldwa. Kriminal'Roman. ' " Von Reinhold Ortmanu (Fortsetzung.) ' ' Also Sie haben kein Talent, Räth, fei zu lösen? Dafür aber fehlt es Jhnen allem Anschein nach nicht an man'chen anderen Talenten zum Beispie! an dem Geschick. Ihre eigenen Sünden aus andere abzuwälzen. Mit den Wanknoten haben Sie ja geradezu ein 'Meisterstück zu Wege gebracht, ein Meiisterstück von Nichtswürdigkeit allerivings. wie ich hinzufügen möchte, da!mli Sie die Anerkennung nicht mißverstehen." Ich weiß nicht, was Sie meinen, Sie scheinen sich in irgend einem großen Irrthum zu befinden. Ich habe nichts mit Banknoten zu schaffen gehabt und konnte damit also auch kein Meisterstück zu Wege bringen." Sie ahnen also nicht, wie die Tausendmarkscheine, die der Mörder des Herrn Rüthling hier aus dem Tresor gestohlen hat, in die Wohnung seines Neffen geriethen?" Aus der Verbissenheit im Gesicht des Buchhalters wurde eine Miene fassungslosen Erstaunens. Was denn? Ich verstehe nicht. In die Wohnung des Herrn Wolfradt meinen Sie?" In seine Wohnung und in das Innere eines Klaviers, wo man doch in der Negel Werthpapiere schon deshalb nicht aufzubewahren pflegt, weil sie den Wohlklang des Instruments beeinträchtigen könnten. Sie haben Günter Wolfradt also noch gestern Abend oder heute früh einen Besuch gemacht, um ihm dies hübsche Kuckucksei ins Nest zu legen?" Georg Heinitz schüttelte den Kopf, ohne in seiner grenzenlosen Verblüffung daran zu denken, wie verrätherisch im Grunde doch auch dies Erstaunen sei. Ich bin nicht bei ihm gewesen, wc der heute noch gestern ich weiß a nicht einmal, wo er jetzt wohnt." Ach, machen Sie doch keine Geschichten! Daß nicht Wolfradt selbst es gewesen ist, der die Kassenscheine in dem Klavier versteckt hat, weiß doch niemand besser als Sie." Aber ich schwöre Ihnen ich habe keine Ahnung! Und es müssen doch auch nicht gerade die sein, die hier mtwendet wurden. Vielleicht hatte er sie schon bei einer früheren Gelegenheit gestöhlen." Eine geschickte Ausflucht, für mich aber leider doch nicht geschickt genug. Sie vergessen, daß ich die Nummern der Banknoten hier in meinem Merkbüchlein habe. Die Kriminalpolizisten und ich, wir haben sie soeben mit den bei Wolfradt gefundenen Tausendmarkscheinen verglichen. Und sie stimmen ganz genau." Die Augen des Buchhalters wandertcn irr in dem Raum umher, als könnten sie irgendwo an der Decke oder an den verglasten Wänden die Erklärung für das Unbegreifliche finden. Dann starrte er auf das knochige Gesicht des Prokuristen, um plötzlich auszubrechen: Warum erzählen Sie mir etwas, das nicht wahr ist das nicht wahr sein kann? Heutzutage geschehen keine Wunder mehr." Sie behaupten also, daß die Banknoten nur durch ein Wunder in Günter Wolfradts Klavier gerathen sein könnten? Sie haben wirklich nichts dazu gethan, sie selbst oder durch eine Mittelsperson dahin zu bringen?" In das undurchdringliche Dunkel, das den Buchhalter noch soeben umgcben hatte, war jäh ein greller Blitzstrahl gefallen. Und die Empfindung, die dadurch in seiner Seele ausgelöst wurde, mußte mächtiger sein als selbst der Trieb der Selbsterhaltung, der ihm noch soeben den Entschluß eingegeben hatte, sein Geheimniß vor diesem tückischen Feinde bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen. Ein dunkles Roth brannte scharf abgezirkelt auf seinen kaltweißen Wangen, und mit keuchcnder Brust sagte er: Es ist Wahrheit? Ich beschwöre Sie, seien Sie nur jetzt aufrichtig gegen mich! Es verhält sich wirklich so, wie Sie mir erzählen?" Was in aller Welt .sollte mich denn bestimmen, Ihnen ein Märchen aufzubinden? Morgen früh können Sie es wahrscheinlich schon in allen Zeitungen lesen." Dann muß ich fort auf der Stelle muß ich fort! Ich bitte Sie, mich nicht länger auszuhalten. Sie können nicht wissen, was hier für mich auf dem Spiel steht." Aber der andere drehte mit vollkommener Ruhe den Schlüssel in der Glas;hür des Verschlages um und schob ihn ln die Tasche. Gar nichts steht für Sie auf dem Spiel, wofern Sie nur Ihre fünf Sinne ordentlich zusammenhalten. Und ich kann Sie zu meinem Bedauern nicht jetzt schon entlassen, denn wir sind, wie mir scheinen will, noch lange nicht fertig miteinander." Aber was verlangen Sie denn von mir? Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mich so martern?" Mir? Nichts! In dem Falle würde ich ja auch wahrscheinlich ganz anders mit Ihnen reden. Sind Sie denn noch immer nicht dahinter gekommen, daß ich es im Grunde gut mit Ihnen meine? Hätte ich den Wunsch, Ihnen zu schaden, so wären die beiden
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Polizisten vorhin wohl kaum fortgegangen, ohne sich zuvor ein wenig mit Ihnen beschäftigt zu haben." Weshalb hätten sie sich mit mir beschäftigen sollen? Ich habe nichts Strafbares gethan, und ich fürchte mich darum auch nicht vor der Polizei." t Um so besser für Sie. Ich wußte nicht, daß Sie so gleichmüthig darüber denken. Aber es ist mir lieb, daß ich's von Ihnen gehört habe. Dann bin ich also nunmehr aller weiteren Rücksichtnähme überhoben." Wie wie meinen Sie das, Herr Francke?" stammelte der Unglückliche, dessen Trotz dem kalten, durchdringenden Blick des Prokuristen nicht standzuhalten vermochte. Vielleicht habe ich mich nicht richtig ausgedrückt ich bin Ihnen ja gewiß dankbar dafür, wenn Sie mir eine Unannehmlichkeit ersparen können. Aber ich ich weiß doch gar nicht, was Sie eigentlich von mir denken!" Ich denke, mein Lieber, daß Sie eine große, eine sehr große Unvorsichtigkeit begingen, als Sie heute Morgen unter dem Geldschrank nach etwas suchten. was Sie besser gar nicht erst dort versteckt hätten. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich sonst niemals auf den Gedanken verfallen wäre, meinerseits da unten Nachforschungen anzustellen." Die Hände des Buchhalters krampften sich in ohnmächtiger Verzweiflung zu Fäusten und seine Schultern schlotterten. Ich ich es war ein Geldstück, nach dem ich suchte. Was hätte ich denn hier verstecken sollen, Herr Francke?" O, es gibt mancherlei Dinge, deren Besitz einem unter Umständen unbequem und lästig wird. Der Besitz eines Werkzeugs zum Beispiel, dessen man sich bedient hat, um einen andern niederzuschlagen." Wie? Sie glauben doch nicht, daß ich " Nun, warum vollenden Sie nicht, Herr Heinitz? Es wäre mir recht interessant, Ihre Vermuthungen zu tu fahren." Ach. ich weiß ja nicht mehr, was ich rede. Mit Ihren Fragen bringen Sie mich noch um den Verstand." Aber das ist durchaus nicht meine Absicht. Ich werde nur nicht recht klug aus Ihnen, mein Bester! Für jemand, der nichts zu fürchten hat, sind Sie merkwürdig unruhig und aufgeregt. Sie wissen nicht, wie die gestohlenen Tausendmarkscheine in Günter Wolfradts Klavier gerathen sind Sie haben unter dem Geldschrank nur nach einer verlorenen Münze gesucht was also weiter? Es wird Ihnen unter solchen Umständen ja auch ein leichtes sein nachzuweisen, daß die Mordwaffe, die ich nunmehr beruhigten Gemüthes der Polizei übergebe, niemals in Jhrem Besitz gewesen ist. Wenn Sie übrigens jetzt nach Hause gehen wollen. Herr Heinitz ich habe keine Vcranlassung mehr, Sie noch länger zurückzuhalten." Er griff in die Tasche, als wenn er den Schlüssel wieder hervorholen wollte. aber der Buchhalter, dessen Gesicht erbarmungslos verzerrt war, umklammerte seinen Arm. Sie werden nicht thun, was Sie mir da androhen nicht wahr, Sie werden es nicht thun?" Doch ich werde es thun! Es wäre denn, daß Sie ganz aufrichtig gegen mich sind und sich nicht länger bemühen, mich zum besten zu halten. Ich bin in diesem Punkte etwas empfindlich, Herr Heinitz. und ich würde meinen eigenen Bruder nicht schonen, wenn ich merke, daß er mich belügt." Der Gepeinigte schlug die Hände vor das Gesicht, und plötzlich warf er sich, jammervoll aufschluchzend, mit dem Oberkörper über die Platte desSchreibPultes. Erbarmen!" winselte er. Haben Sie Mitleid mit mir! Richten Sie mich nicht zugrunde." Wenn ich das wollte, würde ich dann so lange gezögert haben ? Sie sehen doch wohl ein. daß es mich nicht viel mehr gekostet hätte als ein einziges Wort. Geben Sie also endlich der Wahrheit die Ehre und sagen Sie mir, wie es gekommen ist. r hatten natürlich nicht die Absicht gehabt, ihn todtzuschlagen, nicht wahr?" Heinitz richtete sich auf. Jetzt, da er sicher war, daß es kein Entrinnen mehr für ihn gab, schien er es mit einemmal fast wie eine Erleichterung zu empfinden, daß er seinem gefolterten Herzen gegen irgend ein menschliches Wesen Luft machen durfte. Nein nein nein!" schrie er fast überlaut heraus. Ich habe es nicht gewollt. Es war zu seinem und meinem Unglück, daß er mia? überraschte." Wenn ich nur begriffe, was Sie zur Nachtzeit in seiner .Wohnung zu suchen hatten! Wie waren Sie denn überhaupt da hinein gekommen?" Ich war gar nicht in seiner Wohnung. Es geschah da drinnen." Und er deutete, ohne sich umzuwenden, über seine Schulter hinweg nach der Thür des Privatkabinetts. Und was suchten Sie da? Wollten Sie denn stehlen?" Der Buchhalter nickte. Ich wollte ein Formular aus dem Scheckbuch lösen, das er in seinem Schreibtisch verwahrte. Ich wußte, in welchem Fache es lag, und ich glaubte, man würde das Fehlen des einen Vlattes nicht bemerken." Ach, ich verstehe. Sie hätten es dann an einem der nächsten Tage ausgefüllt und wären mit dem erhobenen Gelde auf und davon gegangen. Auf den Geldschrank hatten Sie es ursprünglich also gar nicht abgesehen?"
Wie hätte ich auf einen so unsinnigen Gedanken verfallen sollen?" Ich besaß keine Schlüssel zu dem Tresor, und ich wußte, daß selbst erfahrene Einbrecher gegen den Stahlpanzer nichts hätten ausrichten können." Auf welche Art aber kamen Sie hinein? Hatten Sie sich etwa amAbend heimlich einschließen lassen?" Nein", erwiderte der Buchhalter leise und zögernd. Ich bin mit Hilfe von Nachschlüsseln in das Haus und in das Kontor gelangt." Die Geschichte war demnach doch von langer Hand geplant und vorbcreitet?" Ich wußte, daß ich einer Katastrophe zutrieb, und daß ich mir eines Tages nur auf solche Art würde helfen können. Darum versuchte ich die Schlüssel gelegentlich des Abends oder des Morgens auf kurze Zeit in die Hand zu bekommen und drückte sie nach und nach alle in Wachs ab." Sie verfügen in der That über recht gefährliche Talente, Herr Heinitz. Obwohl ich selbst Sie eines Tages auf einem krummen Wege erwischt habe, hätte ich das doch nicht hinter Ihnen gesucht." Ich war Stück für Stück abwärts geglitten, Herr Francke. Und wenn man erst einmal bis an den Hals im Wasser ist, greift man nach dem ersten besten, um sich herauszuziehen!" Na, ja! Es hätte wohl auch in diesem Augenblick nicht viel Zweck, moralische Betrachtungen anzustellen. Und Sie sind mit Ihrem Bericht noch nicht zu Ende. Ihre Absicht ging also dahin, sich mit Hilfe der Nachschlüssel Zutritt zu dem Arbeitszimmer des Herrn Rüthling zu verschaffen. Und mit der Brechstange wollten Sie dann das Schreibtischfach öffnen, in dem er das Scheckbuch verwahrte?" Nur im äußersten Nothfall mit der Brechstange. Ich hoffte, daß es mit einigen Haken gehen würde, die ich mir zurechtgebogen hatte." Sie kamen aber gar nicht erst dazu. es zu versuchen, nicht wahr? Erzählen Sie mir doch, wie es kam, daß Herr Rüthling Sie überraschte." Heinitz zitterte am ganzen Leibe. In großen Tropfen perlte der Schweiß auf feiner Stirn. Wenn Sie es mir doch erlassen wollten, Herr Francke! Es macht mich beinahe verrückt, daran zu denken." Ach was! Es ist viel besser auch für Sie, wenn Sie sich die Sache mal vom Herzen herunter reden. Vor einem Manne, der schon so viel weiß wie ich, brauchen Sie doch nichts zu verbergen. Sie gelangten also unbemerkt ins Haus und ins Hauptkontor? Davon, daß Rüthling in seiner Privatwohnunz noch auf sei, hatten Sie wohl keine Ahnung?" Nein. Wenn ich es gewußt hätte, würde ich mich selbstverständlich noch eine Weile still verhalten oder miü wieder davongeschlichen haben. Ich hatte einige Mühe gehabt, die Thür zu dem Privatkabinett aufzubringen, denn der Schlüssel paßte nicht genau, und es konnte darum nicht ohne alles Geräusch abgehen. Aber ich meinte doch, daß drüben in der Wohnung niemand davon aus dem Schlafe geweckt sein könnte, und drehte, als ich endlich hineingelangt war, den Hebel der elektrischen Beleuchtung, weil ich sicher war, daß durch die herabgelassenen Jalousien kein Lichtschein auf die Straße fiel. Eben hatte ich angefangen, mich an Rllthlings Schreibtisch zu versuchen, als plötzlich hinter mir die Thür ging, und ich ihn auf der Schwelle des Werbindungsganqes vor mir stehen sah. Elender Spitzbube!" schrie er mi'ch an und wollte auf mich zustürzen. Da griff ich in meiner Verwirrung und Todesangst nach der neben mir liegenden Brechstange und schlug ihn auf den Kopf. Er gab nur einen ganz schwachen Laut von sich und fiel nieder wie ein umgehauener Baum. Ich war überzeugt, daß er todt sei, und wäre vor Schrecken über das, was ich gethan, beinahe selber gestorben. Aber ich raffte mich dann doch auf, weil ich erkannte, daß alles für mich verloren fei, wenn ich nicht einen klaren Kopf behielt. Und mit einem Male dachte ich an die Schlüssel zum Tresor, die er, wie ich wußte, immer in der Tasche trug. Ich überwand mein Entsetzen vor der Berührung seines Körpers und suchte, bis ich sie wirklich gefunden hatte. Dann kehrte ich in das Kontor zurück, öffnete den Geldschrank und nahm das Paket mit den neuen Tausendmarkscheinen heraus, das mir sogleich in die Augen fiel. Erst wollte ich sie alle behalten, aber dann ich weiß eigentlich nicht, warum es geschah besann ich mich eines anderen und legte, ohne nachzuzählen, einen Theil, ungefähr die Hälfte, wieder in das Fach zurück. Die Brechstange hatte ich in der Hand behalten, als ich das Privatkabinett verließ, - und wie ich sie nun, nachdem ich die Thür des Gcldschrankes wieder zugeworfen, neben mir liegen sah, meinte ich, daß es vor allem darauf ankäme, sie zu verstecken. Ich hätte sie ja unter meinen Kleidern verbergen können; aber in meiner unsinnigen Aufregung erschien mir das zu gewagt. Und weil ich im Moment ein anderes Versteck nicht ausfindig machen konnte, das mir hinlänglich sicher vorkam, schob ich das Eisen unter den Geldschrank. Dann fiel mir ein. daß meine Haken' auf dem Schreibtisch im Privatkabinett liegen geblieben waren, und weil ich einzig von der Idee beherrscht war, daß ich alle Spuren hinter mir verwischen müsse, kehrte ich trotz meines Grauens vor dem nochmaligen Anblick des Todten in sein Ar-
beitszimmer zurück. Ich sah nicht zu ihm hinüber, während ich die Haken zusammenraffte, und in die Tasche steckte; aber in dem Moment, da ich mich zum Gehen wandte, hörte ich deutlich ein schwaches Aechzen. das nur von ihm herrühren konnte. Da wußte ich nur noch das eine, daß ich ihn vollständig umbringen mußte, w'n ich mich nicht rettungslos verloren geben wollte. Und weil ich keine andere Waffe mehr besaß als meine nackten Hände, warf ich mich über ihn und b;gann ihn zu würgen, bis ein Krampf in den Fingermuskeln mich nöthigte, loszulassen. Er muß doch wohl schon vorher beinahe todt gewesen sein; denn er gab keinen Ton mehr von sich und machte nicht die kleinste Vewegung, um sich zur Wehr zu setzen. Einmal nur glaubte ich ein Zucken in seinem Körper zu fühlen, aber es können auch meine eigenen aufgeregten Nerven gewesen sein, die mir diese Empfindung erzeugten; denn ich handelte ja überHaupt nur noch instinktiv wie ein Thier. Als ich ganz sicher war, daß kein Lebensfunken mehr in ihm sei, schleifte ich ihn mit großer Anstrengung durch die offen gebliebene Thür in den Ganz hinein ohne eigentliche Berechnung, nur von dem dunklen Empfinden geleitet, daß es vielleicht besser sei, wenn man ihn dort fände statt in seinem Arbeitszimmer. Dann drehte ich die Beleuchtung ab und schlich mich behütsam davon. Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr zu sagen ich weiß nur, daß ich beim Entkleiden mit Entsetzen Bernhard Rüthlings Schlüsselbund in meiner Tasche fühlte. Jetzt erst fiel mir ein. wie gut es gewesen wäre, es wieder in den Kleidern des Todten unterzubringen. Aber dazu war es nun zu spät, und ich beschloß, die Schlüssel in der Dunkelheit des nächsten Abends ins Wasser zu werfen. Als Sie mich dann aber gestern Vormittag nöthigten, die Leiche mit Ihnen aus dem Verbindungsgange in das Wohnzimmer zu tragen, nahm ich die Gelegenheit wahr, bei der Rückkehr in das Hauptkontor das Schlüsselbund auf die Schreibtischplatte zu legen. Ich wurde dabei lediglich von dem Wunsche geleitet, es unauffällig loszuwerden; denn ich glaubte ja nichts anderes, als daß man sofort einen Verdacht auf mich werfen und mich zur Polizei schleppen würde. Was ich überhaupt gestern und heute an Scelenqualen erduldet, vermag ich keinem Menschen zu schildern. Und ich weiß, daß ich Wahnsinnig werden muß, wenn Sie mich zwingen, noch weiter Tag für Tag hierher zu kommen, wo alles mich an das Gräßliche erinnert." Sobald er sah, daß der andere sich anschickte, ihm rückhaltlos sein ganzes Herz auszuschütten, hatte Paul Francke sein mitleidwürdiges Opfer mit keiner Frage und keiner Zwischenrcde mehr unterbrochen. An feinen Schreibtisch gelehnt, mit leicht vorgcneigtem Obertörperund begierig glitzernden Augen hatte er dem Bericht gelauscht, dessen Wahrhaftigkeit für ihn wohl keinem Zweifel mehr unterlag. Obne auf die letzten verzweifelten Worte dcZ Buchhalters einzugehen und ohne ein Urtheil über seine Verbrecher!sche That zu äußern, sagte er: Und wie ist nun das mit den Tauscndmarkscheincn in Wolfradts Klavier? Wollen Sie etwa noch immer leugnen, etwas davon wissen?" So wahr ich vor Ihnen stehe, ich weiß nichts. Ich hätte ja auch geradezu verrückt sein müssen, ihm das Geld zu bringen." Sie haben es also einem anderen gegeben. Vielleicht einem Weibe?" Heinitz senkte den Kopf und schwieg. Der Brcttlsängerin nicht wahr? Wolfradt und Sie hatten ja, wenn ich die Sache richtig beurtheile, so eine Art von gemeinschaftlichem Verhältniß mit der Dame." Ich sagte Ihnen selbst, daß sie sich eine Zeit lang für ihn intcrcssirte, und darauf mußte ich sie ja auf Ihr Verlangen bestimmen, ihm den Brief zu schreiben, der nachher Herrn Rüthling in die Hände gespielt werden sollte. Aber seit vorgestern ASendwar alles aus zwischen ihnen. Sie hatte vollständig mit ihm gebrochen." Und um sich seinen freigewordencn Platz mit einem fürstlichen Geschenk zu erkaufen, setzten Sie die Sache mit dem Scheck in Szene! Haben Sie ihr denn gleich die ganze Beute ausgeliefert?" Nein ich gab ihr zunächst zehntausend Mark." Immerhin s ehr anständig. Und die liebenswürdige Künstlerin wunderte sich gar nicht darüber, daß Sie mit einemmal so viel Geld hatten. Sie verlangte keine Aufklärung, wie Sie dazu gekommen seien?" Ich hatte mir eine ganz glaubhafte Geschichte zurecht gemacht von heimlichen Börsenspekulationen hinter dem Rücken meines Chefs. Und sie versteht so wenig von diesen Dingen, daß sie allcs auf Treu und Glauben hinnahm." Alles damit meinen Sie die zehntausend Mark? Na ja, m solchen Fällen pflegen sich Damen dieses Schlages nicht viel mit überflüssigem Nachdenken zu plagen. Daß sie nun aber stracks hinging, um das Geld dem anderen zu bringen, ist doch recht merkwürdig. Ich würde es ja verstehen, wenn sie es auf Ihr Geheiß gethan hätte. Es wäre ein etwas gewagter, aber von Ihrem Standpunkt aus sei neswcgs übler Schachzug gewesen. Nur daß sie dann eben zuvor über die Herkunft des Geldes hätte unterrichtet werden müssen." (Fortsetzung folgt.)
Aschenbrodtl. Skizze aus dem Badeleöen von Th. B. Sall. Lotte blickte sich scheu um. Richtig, es war Niemand in der Nähe, der sie beobachten könnte. Offenbar befanden sich akle im Kursaal, wo man in jedem Augenblick mit . dem Tanze beginnen mußte. Drüben in dem Strandkorb war sie famos geborgen. Sie hatte ihn schon vorhin so zurecht gerückt, daß er das gewünschte Schlupfwinkelchen für sie abgebe. Dort konnte sie lauschen, sinnen vielleicht sogar weinen. Die Hauptsache jedoch: sie war sicher, daß kein Mensch sie so leicht finden würde. Mein gnädiges Fräulein!" Lotte fuhr zusammen, als sie plötzlich. wie aus dem Erdboden gezaubert, den jungen Offizier vor sich erblickte. Habe ich Sie erschreckt?" fragte er, und in dem Tone war angedeutet, daß er gleichzeitig um Verzeihung bitte. Nur ein wenig allerdings! ... Wenn man so allein ist und Niemanden vermuthet! . . . Aber wie in aller Welt haben Sie denn hergefunden?" Ich ganz einfach, ich sah. wie Sie hierher schlüpften, und so bin ich Ihnen nachgegangen." Das ist. aber gar nicht hübsch von
Ihnen, Herr von Rollms! ... Uebngens enthält Ihre Beichte wohl nur die halbe Wahrheit. Jedenfalls verwechselten Sie mich mit meiner 'Cousine Hermin Aber die ist ja drin im Kursaal. Ich rathe Ihnen also, daß Sie sich schleunigst dorthin bemühen." Lottes Stimme klang schnippisch, herb. Zugleich vibrirte sie in leisen Schwingungen, ein deutlicher Widerhall der so mühsam niedergekämpften Erregung, die da drinnen in dem jungen Mädchenherzen ihren Tummelplatz hatte. ' Wie hart Sie das alles sagen! ... Nichtsdestoweniger kann ich nicht umhin, bei derWahrheit zu bleiben. Nicht Ihre Cousine suchte ich, sondern Sie, mein gnädiges Fräulein!" Sie sah ihn verwundert an aus den braunen, tiefgründigen Märchenaugen. Es ist aber wirklich unrecht, daß Sie mir hierher gefolgt sind! Der Abend dämmert bereits, und wie leicht kann uns Jemand überraschen. Einem jungen Mädchen gegenüber ist man mit übler Nachrede sofort bei der Hand, und wenn die Tante davon erführe " Jawohl, ich weiß." siel er bitteren Tones ein, sie befleißigt sich Ihnen gegenüber einer geradezu spartanischen Strenge. Um so nachsichtiger behandelt sie ihre eigenen Töchter. Ich habe mich oft gefragt, wie können Sie das nur aushalten, Fräulein Lotte?" Lieber Himmel, wenn man im Leben so einsam dasteht ohne Eltern, ohne Geschwister! ... Mußte ich nicht froh sein, daß mich die Tante zu sich nahm und mir ein Heim gewährte?. . . Uebrigens ganz leicht habe ich's wohl freilich nicht, aber anderswo ginge es mir vielleicht noch schlimmer. Arbeiten müßte ich eben überall, doch Arbeit schändet ja nicht." . Ich wüßte wohl einen Ausweg," hob der junge Offizier leise an. Das wäre?" hauchte sie, wie auö einem Traume erwachend. Wenn Sie ein wenig Vertrauen zu mir haben könnten, wenn Sie " Er suchte die Hand Lotte's zu erhaschen, doch diese weigerte sich entschieden, sie ihm zu überlassen. Bitte, gehen Sie." versetzte sie fliegenden Athems. Alles, was Sie hier sagen und thun, ziemt sich schlecht für Sie und mich. Im übrigen habe ich auch wirklich keine Zeit mehr für solcV nd. Sie sehen ja, ich will arbeiten!" , cas machen Sie denn eigentlich da mit Ihren kleinen Fingern?" Ich pahle grüne Schoten aus." Wie soll ich das verstehen: Schoten auspahlen?" Nein, sind die Männer doch dumm!" entgegnete das Mädchen unter leisem Gekicher . . . Geben Sie acht: in jeder dieser grünen Hülfen befindet sich eine Reihe zartester Körner, die leicht mit der Spitze des einen Fingers abgestreift und so gesammelt werden. Morgen stelle ich dann daraus ein gar schmackhaftes Gemüse her." Und , das alles müssen Sie thun?" Ja, wer denn sonst? ... Hermine ist nervös; die bekommt Kopfschmerz, sobald sie in die Küche tritt, und Adelheid, meine ältere Couflne, die wiederum so vollblütig ist, leidet an Congestionen, wenn sie dem Herdfeuer nur zu nahe kommt. So hab' ich mich denn verpflichtet, für die Küche zu sorgen." Eine angenehme Mission das," brauste er auf, mit der Sie von Ihren wirklich ungemein zärtlichen Verwandten für die Zeit der Villeggiatur betraut worden sind! Und während dessen flirten Ihre Cousinen aus den Tennisplätzen oder schlagen den Tag mit anderen Vergnügungen todt. Oh, man müßte kein Herz im Leibe habe, wenn man noch länger stummer Zeuge einer solchen himmelschreienden Ungerechtigkeit bliebe!" Lotte traute ihren Ohren nicht. Ich ich wir glauben doch alle," stammelte sie, das Antlitz von tiefem Roth überfluthet, daß Sie und Hermine " Nun denn ja." erwiderte Gerd von Rollius, ich gestehe Ihnen ofen, daß ich selber eine Zeitlang glaubte, Ihre Cousine lieben. Ss war ein Wahn, ein Taumel, dr mch jcih erfaßt aber glücklicherweise wieder von r' gewi
nn ist. Jetzt, Fräulein Lotte Schritte kamen näher und Stimmen ertönten. Um des Himmels willen seien Sie siill." bat das junge Mädchen. Es ist die Tante und ihr Bruder, der Legationsrath." Er erwiderte im Flüsterton: Wenn sie hierher kommen, erkennen sie mich sofort schon an der Uniform ... Es gibt nur ein Mittel dagegen: Sie gestatten mir, Fräulein Lotte, daß ich mich zu Ihnen in den Strandkorb setze." Er hatte knapp noch so viel Zeit, in diesen Schlupfwinkel sich zu bergen, als bereits, von hoher, fistelnder Männerstimme gesprochen,, folgende Worte laut wurden: Deine Methode ist großartig und die Art und Weise, wie Du das Dingsda, diese Lotte, im Haushalte zu verwerthen verstehst, fordert mein entschiedenes Lob heraus. Aber, aber Vorsicht kann nicht schaden!... Ich sage Dir: die Kleine ist verteufelt hübsch geworden seit der Zeit, da ich sie zum letzten Male gesehen. Wir Männer haben dafür ein schärferes Auge als Ihr Frauen. Und ich bin sicher nicht der einzige, der das wahr genommen hat! So kommt mir vor, als ob der Rollius " Pah," versetzte die Tante geringschätzend, den hat Hermine am Gängelbande! ... Sie braucht ihm nur einen Wink zu geben, so hält er um ihre Hand an . . . Er wird sich doch nicht in das Aschenbrödel vergaffen!" Worte und Schritet v .hallten. Das würdige Paar war Z-itergegan-gen. Hatte ich nun unrecht in meinem Urtheil?" rief Gerd entrüstet. O, ich ahnte noch rctzeitig genug die sauderen Pläne, so geschickt sie aüch eingefädelt waren!..." Lotte schluchzte leise. Weinen Sie nicht," bat er. Nein, Du darfst nicht weinen, meine liebe, süße, theure Lotte! ... Was gehen Dich jene Menschen an! Hast Du mich denn nicht! . . . Und nun mag's heraus, was mir schon eine ganze Weile auf der Seele brennt: werde mein mein liebes, kleines, herziges Weib!" Er schlang den Arm um ihren Nacken und zog ihr Haupt an seine Brust. Das ist doch unmöglich," stammelte sie unter Thränen ich ich bin ein armes, unbedeutendes Mädchen, ein Aschenbrödel." Die Schritte näherten sich von neuem, und mit ihnen die Worte derer, die hier ihre intimsten Gedanken austauschten. Mein wohl erwogener Vorschlag geht dahin . . . Hermine muß unter allen Umständen sehen, daß sie mit dem Leutnant in's Reine kommt. Heute noch oder morgen jedenfalls aber in den nächsten Tagen. Wir feiern hier im engsten Kreise die Verr r. rrs ri . i jci o.ii.
lovung. xja iuiu uiui uici. vuc kocht natürlich " Ganz meine Ansicht." fiel der Legationsrath ein . . . Ist Hermine erst an den Mann gebracht, so wird es auch nicht schwer fallen, für Adelheid einen Freier zu finden . . . Hauptsache bleibt nur, daß alles möglichst schnell geschieht und keine Zeit unnöthig vergeudet werde. Du darfst nicht vergesfen: so lange ich Lottes Vormund bin und ihr Vermögen verwalte, kann ich auch dafür Sorge tragen, daß Dir die sehr bedeutenden Zinsen zufließen. Man muß eben den Rahm abschöpfen, so gut es geht. Allein die Herrlichkeit wird ja bedauerlicherweise einmal ein Ende finden. Denn wenn sie erst einmal dahinter kommt, daß sie bei erlangter Volljährigkeit gut und gern über ein halbes Milliönchen zu verfügen hat " Lottes wegen mach' Dir keine Sorge. Die nehme ich auf mich. Ich werde schon darauf sehen, daß sie auch künftig in der bisherigen Dummheit erhalten bleibt. Du bist ja Zeuge, wie vorzüglich ich meineMethode bewährt." Famos hihihi! ... Ich verstehe: Du streichst die Zinsen ein und sie ist Aschenbrödel!" Fort waren sie. Im Strandkorb war es siill still wie in dem mächtigen, majestätischen All, das sich, eine glitzernde Smaragdmasse, vor den Blicken der beiden Menfchenkinder hinbreitete. Gerd stand auf. Leben Sie wohl, mein gnädiges Fräulein," sagte er mit flackernder Stimme. Du Du gehst," flüsterte sie ersiaunt. Ich muß wohl kam eS aus beklommener Brust" . . . Weiß ich denn, ob meine Liebe der so reichen Erbin noch etwaS werth ist!" Lotte hatte sich gleichfalls erhoben langsam, wie wenn sie sich aus einem Traum, der sie umfangen, erst in die Wirklichkeit zurück finden müsse. Das braune Ringelhaar aus der Stirn streichend, erwiderte sie festen Tones: Ja, geh jetzt, Gerd! ... Ich selber kehre in'ö Haus zurück ... Dort in dem kleinen Mansardenstübchen, das mir die Tante angewiesen, hangt im Schrank das weiße Musselinkleid, daö ich insgeheim für den heutigen Abend hergerichtet hatte. J'b hoffe, sie würde mich auffordern, d ' teunion im Kur-. saal beizuwohnen . : Nun komme ich ungeheißen! . . . Ein Vlertelstündchen und ich bin dort! ... Dann mag alle Welt erfahren, daß ich Dein bin, Gerd, füYS Leben Dein Aschenbrödel!" -
