Indiana Tribüne, Volume 28, Number 17, Indianapolis, Marion County, 12 September 1904 — Page 6

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rn VcrungliiljiKn Innq von Sriodririx SUierne eugierig blickte Mrs. Holters durch das Fenster ihrer tm achten Stockwerk eines Wol kenkratzers" belegenen Wohnung auf die Straße hinab. Ist etwas los?" fragte Mrs. Beeler, ihre zum Besuch anwesende FreunDIN. Ich weiß es nicht es kommt mir sc vor. Es herrscht eine eigenthümliche Unruhe auf der Straße, wie sie ein besonderes Ereignis zu begleiten Pflegt Nehmen Sie doch das Opernglas!" rieth Mrs. Bceler, an ihre Seite tretend. Das hat mein Mann mitgenommen." Ah ist er im Theater?" Ja. Er will sich einmal die neue Pantomime im Jroquoistheater ansehen. Er hat sich so überarbeitet, der arme Willy, und seine Nerven sind sc abgespannt, daß er nothwendig eine Ablenkung haben muß." Waren Sie schon einmal dort?" Noch nicht." Ich vor einigen Tagen ein prachtvoller Bau, liebe Mrs. Holters. Schade, daß man noch nicht ganz fertig ist." Mrs. Holters öffnete das Fenster. Es muß in der That etwas passirt Sein," meinte sie kopfschüttelnd. Der Zerkehr ist zwar den ganzen Tag ein großer, aber sehen Sie nur, wie alles durcheinander läuft! Zum Glück mildert die Höhe das Gerassel und Gepolter dergestalt, daß wir nicht viel davon hören." Ja, ja, die hochgelegenen Wohnungen sind in dieser Hinsicht ein reiner Segen." Und wie gemüthlich man auf all das Getümmel und Gewoge hinabschauen kann." Wie aus einem Ballon wahrhaftig. Als ich voriges Jahr mit meinem Mann in New Aork war, logirten wir gar im achtzehnten Stockwerk, da war es geradezu wunderbar, auf die Menschen und Wagen unten hinabzublicken. Wie Zwerge sahen sie aus. Und eine Ruhe " Sie schwieg, denn die Thür wurde plötzlich aufgerissen, ein junger Mann stürzte, ohne vorher anzuklopfen, herein. Verzeihen Sie, Mrs. Holters " Die Dame maß den Eindringling mit einem Blick zorniger Entrüstung. Aber Mr. Scott, wie können Sie " Er ließ sie nicht zu Ende reden. Mr. Holters, das Jroquoistheater " ?)ie iiinnp Crnii Ktrvnttp d?n ftrrr V 9 v ren Ausdruck seiner Augen, das Zucken feiner Lippen. Mit einem Schlage wich alle Farbe aus ihrem Gesicht; sie erkannte, daß er der Ueberbringer einer Unglücksbotschaft war. Was ist mit dem Theater?" Es brennt!" stammelte der junge Mensch aufgeregt. Und Mr. Holters ist dort!" 'Mein Mann, mein Willy!" stöhnte Mrs. Holters. Um Gottes willen, er ist verloren! Er ist wohl todt?" fragte sie in zitternder Angst, während sie. nach Hut und Mantel suchend, in der Verwirrung nach allen möglichen Sachen griff und sie wieder hinwarf. Davon weiß ich nichts es soll aber viele Todte geben." Mrs. Ve:ler, haen Sie die Güte, warten Sie bei den Kindern und Sie, Mr. Scott, begleiten mich!" In fiebernde? Eile stürzte die jung? Frau, gefolgt von Mr. Scott, nach dem Aufzug; wenige Augenblicke später befand sie sich mit ihrem Begleiter auf der Straße, und Beide jagten in mahnwitziger Hast dem kaum zehn Minuten entfernten Theater zu. Jenny Holters stand noch in ihren schönsten Jahren; höchstens sechsundzwanzig Jahre alt,' konnte sie für eine reizvolle Erscheinung gelten. Ihr um einige Jahre älterer Gatte war Kaufmann und seit etwa sechs Jahren in Chicago etablirt. Das Ehepaar besaß zwei Kinder, einen Knaben von drei und ein Mädchen oon anderthalb Iahren. Mr. Scott war ein Angestellter aus Holters Geschäft. Die Straße vor dem Theater erfüllte eine unabsehbare Menschenmenge. Nur Angst und Verzweiflung konnten den beinahe lebensgefährlichen Versuch unternehmen, sich durch diesen Wall von Köpfen Bahn zu brechen. Aber Jenny wagte ihn, und ihre ununterKrochen wiederholten Ausruft,- daß ihr Mann einer der Theaterbesucher sei. veranlaßte die Umstehenden in der That, ihr so viel Platz zu geben, als ihnen nur möglich war. Der entsetzliche Brand ist noch in zu frischer Erinnerung, als daß wir ihn an dieser Stelle zu schildern brauchten; es genügt zu wissen, daß die junge Frau nach stundenlanger, gräßlicher yufregung und Qual nach Hauje zu Lökehren mußte, ohne Gewißheit über das Schicksal ihres Gatten erlangt zu oaben. Mr. Scotts Zureden allein gelang es, sie endlich zum Gehen zu veranlassen. Was hilft es, Mrs. Holters. hin zu bleiben?" sagte er. Bei den Hunderten von Leichen können Sie bis . morgen früh stehen, ohne ihn zu finden. Es ist den er. morgen vayrn zu geen. wo die Todten ausgestellt werden. Und wer wein am Ende ist Mr. Holters unter den Geretteten und schon längst

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daheim, i Angst und Sorge um Sie!"

Letztere? Grund wirkte überzeugend. Die junge Frau vermochte einen letzten schwachen Funken von Hoffnung nicht zu unterdrücken. Noch einmal durchbrachen die znZei die wogenden Massen, und mehr todt als lebendig erreichte Jennv ihr? Wohnuna Verqeblicbe Hoffnung! Ihr Willy war nicht heimgekehrt! Laut ausschreiend sank die Unglückliche in die Arme der noch anwesenden Freundin. Bange, schmerzvolle Stunden vergingen. Mrs. Beeler mußte die Berzweifelte endlich verlassen. Die Kinder schliefen bereits in ihren BettenJenny war allem, allein mit ihrem namenlosen Kummer. Ein Klingeln an der Vorderthur schreckte sie auf. Eine jähe Gluth überzog ihr Gesicht. , Am Ende kam er doch noch? Nein, sie wagte den Gedanken kaum zu Ende zu denken. Sicherlich brachte man ihr die Todesbotschaft. Draußen stand der Portier und überreichte ihr ein Vriefchen. Ein Knabe habe es eben für sie abgegeben. berichtete er. Es habe Elle, habe der Bote gesagt. Mechanisch dankte Jenny und druckte dem Ueberbringer ein Geldstück in die Hand, worauf er sich mit der ganzen Eile eines Amerikaners, dem Zeit Geld ist, entfernte. Das Briefchen trug kerne Adresse. Hastig riß sie den Umschlag auf zu ihrem Erstaunen barg er ein zweites, kleineres Vriefchen von dunkler Farbe und undurchsichtiger Beschaffenheit. Was bedeutete das? - Jenny schob den bebenden Finger in die verklebte Verschlußspalte; der Umschlag flog in Stucken herab und em kleiner Zettel in ihre Hand. Warum erbleichte sie von Neuem, als sie nur einen Blick über die mit Bleistift flüchtig hingeworfenen Zeilen warf? Warum hielt sie sich in jähem Schreck am Tische? Sie erkannte die Schriftzuge ihres Gatten! Er lebte, mußte ja leben, denn er hatte diese Zeilen an sie geschrieben. Aber warum kam er nicht selbst? War er verwundet, lag er im Hospital? Em tiefer Athemzug sie strich ner vös über ihre Augen, als wolle sie das Dunkel Zerstreuen, was im ersten Augenbllck um sie zu entstehen schien endlich vermochte sie zu lesen, zu fassen. Theure Jenny," schrieb ihr Gatte. , ich lebe, ich bin gerettet! Und noch mehr: ich bin völlig unverletzt. In der höchsten Noth entdeckte ich mit ewigen anderen einen Ausgang, der zwar noch keine fertige Treppe nach der Straße besaß, von dem aus aber ein Nachbarhaus ohne große Gefahr und Mühe zu erreichen war. Warum ich nicht nach Hause kam? Well lch.emen Plan ersonnen habe, dessen Ausführung die strengste Geheimhaltung meiner Nettung erfordert. Theile daher Niemand mn, daß ich lebe auch nicht unserem Jungen, so klein er noch ist, er könnte es ausschwatzen. Keine Seele darf eine Ahnung hegen. Ich muß sofort Chicago verlassen, noch in der Nacht. Alles Nähere mündlich. Komme sofort nach dem Bridgehotel ich werde auf der dem- Hotel gegenüberliegenden Straßenseite sem. Handle klug und entschlössen es handelt sich um unsere ganze Existenz! Dein Willy." Jenny las den Brief dreimal, ohne doch zu begreifen, was ihr Gatte meinen könne. Indessen beschloß sie, seine Weisungen genau zu befolgen. Die Kinder schliefen fest rasch machte sie sich zum Ausgehen fertig. Eine halbe Stunde spater langte sie am BridgeHotel an. Es herrschte noch ein reger Verkehr, die Erscheinung einer einzelnen Frau fiel daher nicht auf. Gegenüber vom Hotel ging ein in einen Mantel gehüllter Mann auf und ab, der den Hut tief über das Gesicht gezogen hatte. Mrs. Holters erkannte sofort den Vermitzten und eilte freudig erregt aus ihn zu. Er druckte ihre Hand zärtlich an seine Lippen und flüsterte: Vezwingen wir uns, theures Herz. Ich lebe, das ist die Hauptsache." O Gott, wie ich um Dich gezittert, gelitten habe, Willy! Wie konntest Du so grausam sein, mich " Er preßte ihr bedeutsam den Finger auf den Mund, nahm ihren Arm und, zog sie mit sich fort. Wir haben nicht viel Zeit, Jenny. Wenn mein Plan gelingen soll, muß ich mit dem nächsten Zuge die Stadt verlassen." Was hast Du denn nur für einen Plan? Was in aller Welt veranlaßt Dich. Versteckens zu spielen?" Du sollst es erfahren. Ich stehe vor dem Bankrott, ch könnte mich höchstens noch sechs bis acht Wochen halten. Dann muß ich mich insolvent erklären, und alles ist verloren; wir sind dann Bettler. Jenny!" Aber Willy" Keinen Namen es ist so!' Deshalb bin ich schon seit Monaten so nervös, so ganz , anders! Nun zeigt mir das Schicksal selbst den Weg zur Rettung. Eine ganze Anzahl Leute wissen, daß ich im Jroquoistheater war Jedermann wird mich für todt halten, wenn ich nicht wiederkehre." Aber wenn man Dich nicht findet?" Es werden eine Menge Leichen nicht festgestellt werden können eine Anzahl Vermißte werden überhaupt nicht aufgefunden. Das ist immer so. Es ist ja' auch nur ein glücklicher Zufall, daß ich gereitet bin. Warum soll ich ihn nicht benutzen? Ich bin mit fünfzigtausend Dollars in der Leöensversicherung nun wohl, ich verschwinde, für die Welt bin ich todt, Du meldest mei-

nen Tod der Gesellschaft, erhältst die Versicherungssumme, und wir sind aus aller Noth!" Aber wird man mir das Geld nicht nehmen?" Nein. Es gehört nicht zur Masse, ich habe mich ausschließlich zu Deiner und der Kinder Sicherstellung versichert. Komme ich nicht wieder, so wird stch bald die Zahlungsunfähigkeit ergeben, der Konkurs wird eröffnet Dich geht das aber gar nichts an. Niemand wird Dir zumuthen. Dein Geld zu opfern es würde auch nicht viel nützen, denn die Passiven sind fünfmal so groß und Aktiven kaum vorhanden. Ich arbeite seit vier Iahren mit Unterbilanz." Und wenn man Dich irgendwo sieht?" Damit dies nicht geschieht, verlasse ich eben die Stadt. Ich suche .einen entlegenen Bahnhof auf, Geld trage ich bei mir, eine weitere Summe sendest Du mir in einigen Tagen an eine Adresse, die ich Dir aufgeben werde. Bisher hat mich kein Mensch, der mich kennt, gesehen. Ich fahre direkt nach San Francisco; dort miethe ich in entsprechender Verkleidung eine abgelegene Wohnung. Sobald Du im Besitz der Versicherungssumme bist, verläßt Du Chicago, angeblich um nach New Fork oder anderswohin zu Verwandten zu ziehen. Zum Schein kannst Du ja warten, bis sechs, acht Wochen vergangen sind. ' In San Francisco treffen wir uns. Nachricht werde ich Dir schon senden. Sobald Du angelangt bist, nehmen wir auf dem nächsten Dampfer Passage nach Australien, wo wir für einen Theil unseres Geldes eine Farm kaufen und ein ruhiges, behagliches Leben führen werden." Mrs. Holters hegte Bedenken, machte Einwürfe, aber die traurige Nothwendigkeit des Bantrotts und der völligen Verarmung besiegte schließlich ihre Zweifel. Wenn Du Dich klug benimmst," betonte noch Mr. Holters, wird Niemand das geringste Mißtrauen schöpfen. Ich erwarte Dich in San Francisco. Sobald es so weit ist, gibst Du postlagernd unter dem Namen Steavens, den ich annehmen will. Deine Nachricht auf, wann Du ankommst. Ich hole Dich dann ab, fahre Dir vielleicht sogar in Verkleidung natürlich ein paar Stationen entgegen. Auf demselben Wege sendest Du mir Geld;

ich frage alle drei Tage auf dem HauptPostamt nach. Trage nur Sorge, Deine Handschrift zu verstellen und gib Geld und Bnefe an entlegenen Postamtern auf." Nach kurzem, aber zärtlichem Abschied gingen Mr. und Mrs. Holters auseinander. Acht Wochen später saß Mrs. Holters mit ihren beiden Kindern in einem Waggon der nach San Francisco führenden Eisenbahn. Em befriedigtes Lächeln spielte um ihre Lippen, denn der Plan ihres Mannes war durchaus gelungen. Alle Welt hielt ihn für todt freilich hatte man seine Leiche nicht erkannt, aber wie viele Leichen hatten nicht rekognoszirt werden können! Umsomehr wurde sie bemitleidet, daß sie nicht einmal sein Grab zu besuchen und zu pflegen vermochte! Anstandslos hatte die Versicherungsgesellschaft die Versicherungssumme in Höhe von fünfzigtausend Dollars ausgezahlt, nachdem bewiesen worden war, daß Mr. Holters sich thatsächlich in dem abgebrannten Theater während der Unglücksvorstellung befunden hatte. Die Konkursangelegenheit verlief ebenfalls so glatt wie möglich. Die Gläubiger r'äsonnirten wohl, aber der allein Verantwortliche und Schuldige, Mr. Holters, weilte nicht mehr unter den Lebenden, und seine Wittwe, d.ie nie etwas mit den Geschäften zu thun gehabt, konnte kein Vorwurf treffen. Jenny reiste also, nachdem sie eine Anstandsfrist hatte verstreichen lassen, wohlgemuth wenn auch äußerlich ein schwarzes Trauerkleid und eine tiefbetrübte Miene zur Schau tragend von Chicago ab, das stattliche Kapital wohlverwahrt in ihrer Brieftasche. Natürlich hatte sie kein Dienstm'adchen mitgenommen, denn es lag ihr daran, alle Brücken zwischen der Vergangenheit und Gegenwart abzubrechen. Niemand sollte je wieder von ihr hören. Angeblich reiste sie zu Verwandten nach Topeka. Die Fahrt gestaltete sich aber bald recht mühevoll für sie, das jüngste Kind durfte sie kaum vom Arme lassen, und auch der kleine Quincey erforderte ihre ungetheilte Aufmerksamkeit. Auf diese Weise mit zwei noch völlig unselbstständigen Wesen verschiedene Tage und Nächte unterwegs zu sein, ist keine Kleinigkeit. Bald verlangte Nummer eins, bald Nummer zwei nach ihrer Pflege, und am Abend des zweiten Tages fühlte sie ihre Arme wie gelähmt und sich selber so total erschöpft, daß sie in Thränen ausbrach. Sie sind gewiß recht müde?" vernahm sie da neben sich eine sanfte Stimme. Mrs. Holters bejahte mit einem Seufzer. Die Stimme gehörte einem jungen Mädchen an, das in' DavenPort in den Zug gestiegen war. . Etwa zwanzig Jahre alt, war es nur einfach gekleidet und trug auch em einfaches, wenn auch liebenswürdiges Wesen zur Schau. Anfangs befano sich die junge Reisende in einem anderen Theil des Zuges, da aber in der Nähe von Mrs. Holters noch mehrere Damen saßen. hatte sie seit einigen Stunden hier Platz genommen, bisher aber kaum einige

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Worte mit Jenny gewechselt. Umso

mehr hatte sie sich mit dem . kleinen Quincey befreundet, mit dem sie geplaudert und eine Apfelsine getheilt hatte und nun wandte sie sich, von echt weibIlcher Theilnahme ergriffen, an Mrs. Holters selbst, nachdem sie seit längerer Zelt dle Anstrengungen derselben mit sachverständigen Augen beobachtet. Ich will Ihnen gern das Kleine einmal abnehmen," erbot sich das junge Mädchen freundlich. Sre wurden mich zum größten Dank verpflichten." erwiderte Jenny erfreut, und im nächsten Augenblick lag L 0- V l r Y . oas ttmo ln oen vumen der mnaen Fremden, die es zärtlich wiegte. Damit war die Bekanntschaft der Reisegefährtinnen geschlossen und wurde mit jeder Stunde intimer. Mrs. Holters erfuhr, daß die Fremde Esther heiße, Esther Sanders, und erst vor Kurzem ihre Mutter, ihre letzte Stütze, verloren habe. Nun siebe lck allem in der Welt." ruyr ne traurig fort, und mun ver. suchen, mir eine neue Heimath zu grüm den." Und wo wollen Sie hin, liebeL Kind?" erkundigte sich Mrs. Holters mitleidig. Nach San Francisco dort soll em Onkel von mir wohnen, an den ich mich wenden will. O und auf so ungewisse Aussichten hin treten Sie eine so weite Reise an?" Was bleibt mir übrig!" Wenn Ihr Onkel nun nicht dort wohnt oder nicht mehr lebt?" So wird sich wohl ein Dienst oder eine andere Beschäftigung für mich finden." Jenny nickte und starrte eine Weile nachdenklich vor sich hin. Nach einer Weile äußerte sie: Da sind Sie wohl auch nicht im Besitz entsprechender Mittel?" ' ' Esther schüttelte wehmüthig lächelnd den Kopf. Nach Bezahlung der Fahrkosten blieben mir noch zehn Dollars," meinte sie verlegen, und die werden wohl für Beköstigung draufgehen." Sie Arme! Aber Sie können sich etwas zu der kleinen Summe hinzuverdienen, wenn Sie wollen ich reise auch nach San Francisco wollen Sie für die Dauer der Reise in meine Dienste treten? Sie erhalten freie Kost und fünf Dollars und haben nichts weiter zu thun, als mir ein wenig an die Hand zu gehen und sich der Kinder anzunehmen." Esther stimmte entzückt dem Vorschlage zu. Das sei ein Glücksfall, dessen sie sich nicht versehen und eine große Kinderfreundin sei sie ohnehin. Sie wolle sich gewiß mit Liebe und Eifer den Kleinen widmen. X 9 Das junge Mädchen hatte nicht zu viel versprochen. Die Herzen der Kinder gewann sie im Sturm, und auch ihrer neuen Dienstherrin war sie schon nach vierundzwanzig Stunden unentbehrlich. Mrs. Holters erwog daher ernstlich bei sich selbst, ob es nicht vielleicht möglich sein werde, Esther zu veranlassen, sie auch nach Australien zu begleiten. Das Mädchen war brauchbar, besaß keinerlei Verbindungen in Amerika und konnte leicht über Namen und Verhältnisse ihrer Herrschaft getäuscht werden. Sie selbst nannte sich Esther gegenüber daher jetzt schon klüglich Mrs. Steavens und erzählte ihr, sie treffe sich in San Francisco mit dem Bruder ihres Mannes, der ihr jedenfalls einige Stationen entgegenreisen werde. Esther Sanders erschrak erst vor dem Gedanken einer so weiten Reise; je mehr ihr indessen Jenny die Gefahrlosigkeit derselben und die glücklichen Verhältnisse des Landes, wohin sie gehe, schilderte, je mehr überwand sie ihren Widerwillen und erklärte sich schließlich zur Begleitung der Dame bereit, für den Fall, daß sie ihren Onkel unter der ihr von ihrer Mutter angegebenen Adresse nicht auffinden werde. In Sacramento bestieg ein elegant gekleideter Herr von jugendlichem Aeußern den Zug, dem jetzt Mrs. Steavens freudig entgegeneilte. Er war von dunklem Teint, trug einen kurzen Vollbart und eine Brille von dunklem Glas. Jubelnd drückten die Beiden sich die Hände und flüsterten dann lange eifrig miteinander, offenbar ihre Erlebnisse der letzten Zeit austauschend. Und der arme Willy ist also todt?" sagte der Herr nach einer Weile mit lauter Stimme. Leider, lieber Charles." Und mußte ein so unglückliches Ende nehmen? Doch lassen wir jetzt die Vergangenheit ruhen, Jenny, die Zukunft wird Dir bessere Tage bringen. Das sind die Kleinen, Jenny?" Das sind sie, Charles Quincey und Jane. Sieh nur. wie der Knabe Dich anstaunt er hält Dich offenbar für den Papa Du bist ihm ja so ahnlich." Papa, Papa!" rief der Kleine. Mag er mich immerhin fo nennen," meinte lächelnd der Herr, ich will ihm ja auch ein zweiter Vater sein." Und er preßte eines der Klnder nach dem anderen zärtlich an seine Brust. Gestatte, Charles, daß ich Dir Miß Sanders vorstelle, der ich zu großem Dank verpflichtet bin. Eine liebe Reisegefährtin, die Nicht abgeneigt ist. uns nach Australien zu bealenen. Mr. Steavens verneigte sich höflich gegen die Miß, die errothend die blauen Augen zu Boden senkte. Er setzte sich sodann neben seine Schwägerin, nahm den Knaben auf den Schooß und beoann eme leohafte Unterhaltung.

Hast Du Deine Papiere mUge

bracht?" fragte er plötzlich. O ja. Sie befinden sich m duser Brieftasche. Willst Du sie gleich an Dich nehmen?" Danke." Sie übergab ihm eine große dickbauchige Brieftasche. Er warf einen flüchtigen Blick hinein und steckte sie dann in seine Brusttasche. Als der Zug in San Francisco hielt. war es bereits dunkel. Wir logiren, wie mein Schwager mir mittheilt, im San Josehotel," wandte sich Jenny an ihre Reisegefährtin. Da Sie ebenfylls fremd sind, mögen Sie uns begleiten. Morgen früh suchen Sie dann nach Ihrem Onkel Sie .müssen sich aber dazu halten, denn übermorgen um acht Uhr früh geht der Dampfer ab, mit dem wir reisen. Bis morgen Abend müssen Sie also Ihren Entschluß gefaßt haben, liebe Esther." Miß Sanders erklärte sich zu allem bereit. DiS kleine Gesellschaft nahm einen Wagen und fuhr nach dem San Josehotel. Während die Zimmer für sie zurecht gemacht wurden, nahmen sie ihr Abendbrot im Speisesaal ein. Der Saal war um diese Zeit völlig leer, die späte Stunde bewirkte auch, daß die Unterhaltung der drei eine sehr einsilbige genannt werden mußte. Esther besonders t'iwHt vergeblich eaen eine bleierne Müdigkeit an. Sie hatte die todtmüden Kinder in eines der Zimmer, das bereits in Ordnung gebracht war, gebracht; dann kehrte sie in den Saal zurück, um ihre Mahlzeit zu vollenden. Der Bissen blieb ihr aber, wie man zu sagen pflegt, im Minße stecken, und mehr und mehr sank ihr Kopf auf die Brust herab. Jenny zeigte lächelnd auf die Schlasende. Schläft sie wirklich?" lispelte Hol-ters-Steavens. Fest. Esther," rief sie halblaut. Diese hörte nicht. Umso besser," sagte der Mann. Ich habe Dich so viele Wochen entbehrt, süßes Herz, und Dir noch nicht einmal einen Kuß geben können." Er zog sie an feine Brust und preßte einiae Küsse auf ihren Mund. Willst Du sie wirklich mitnehmen, Jenny?" flüsterte er dann. ' Sie wird uns von unendlichem Nutzen sein. Die Kinder hängen an ihr, sie ist treu und zuverlässig " Aber wir Beide! Sie hält uns für Verwandte" Nach der Landung in Australien erklären wir ihr, daß wir uns entschlossen haben, einander zu heirathen. Wir gehen dann aus und kehren als Vermahlte zurück. Den Namen Steavens behalten wir ja ohnedies bei." Vorzüglich, so wird alles gut gehen.' Wenn sie nur nichts merkt!" Ach, es ist ein fo naives Ding, obwohl sie schon zwanzig Jahre alt ist!" Das Pärchen tauschte noch einige Zärtlichkeiten aus, dann weckte Jenny die fest Schlafende, die sich beschämt entschuldigte, und alle begaben sich zur Ruhe. Am anderen Morgen ging Esther aus, ihren Onkel aufzusuchen. Erst gegen Abend kehrte sie in das Hotel zurück. Nun, haben Sie ihn gefunden?" forschte Jenny. O ja, er wohnte noch dort, wo Mutter gesagt. Aber er befindet sich nicht gerade in glänzenden Verhältnissen. Deshalb habe ich mich entschlossen und er hat mir zugeredet Ihren Vorschlag anzunehmen." Das ist schön von Ihnen, mein Kind!" Ich bleibe heute' Nacht bei meinem Verwandten und will mir noch eine Anzahl Sachen besorgen, die ich nöthig brauche. Morgen früh bringt mich Onkel nach dem Dampfer, denn er mochte selbst einige Worte mit Ihnen und Mr. Steavens sprechen, um sich zu überzeugen, daß ich in guten Händen bin." Aeußerst vergnügt über diese Wendung der Angelegenheit, erklärte die junge Frau ihr Einverständniß. Der Rest des Tages verging schnell in allerlei Besorgungen. Am anderen Morgen zeitig fuhren Steavens und Familie nach dem Hafen und begaben sich mit ihrem Gepäck an Bord des großen Dampfers Viktoria," der sie den fernen Gestaden Australiens zuführen sollte. Da siehst Du, Jenny, der Dampfer geht gleich ab, und Deine Schutzbefohlene ist noch nicht da," warf Steavens nach einiger Zeit mit einer kleinen Beimischung von Ironie hin. Das Fräulein fürcktet sich vor dem großen Wasser." Nicht doch, dort kommt sie schon mit ihrem Onkel und ihren Sachen!" Jenny zeigte nach dem Kai, auf welchem die Genannte in höchster Eile daherkam, gefolgt von einem älteren Herrn mit graumelirtem Bart und zwei Arbeitern, die einen Koffer trugen. Schnell, schnell!" rief ihr Jenny schon von Weitem entgegen. Der Dampfer wird gleich abgehen." Wenige Augenblicke nur, und die vier Personen betraten das Verdeck. Wo soll der Koffer hin?" fragten die Träger. Sogleich," erwiderte Esther. On. kel, das ist Mr. und Mrs. Stevens!' Der alte Herr . grüßte - höflich und fügte dann hinzu: Es -ist nicht Zeit, viele Worte zu machen, das Signal wird gleich gegeben. Ich wollte nur diejenigen sehen, denen meine Nichte nach einem so fernen Lande folgt. Nun es geschehen, bin ich beruhigt. Sie ge-

fallen mir, und ich weiß das Mädchen bei Ihnen in guten Händen."

Das ist sie, daraus tonnen (sie jicy zerlassen," betheuerte Mr. Steavens. .Und nicht wahr, (Bit versprechen mir auch, in jeder Hinsicht wie ein Va:er an ihr zu handeln? Aus Ehrcnwor:. mem Herr! Gerülzrt streckte der Onkel Esthers lern anderen die Hand entgegen, herzlich legte Holters die seine hinein. Aber was war das? Der iml hielt seine Hand so fest wie in einem Schraubstock und rief plötzlich den beiden Trägern zu: Wilson, Hook, heran und helft mir!" Was soll das bedeuten?" rief erGleichend der Flüchtling. Nichts mehr und weniger, als daß Äie mein Gefangener sind, Mr. Holters," entgegnete vergnügt der Pseudoonkel. Ich bin Policeman, Mister, oas sagt alles!" Sie verkennen mich," stammelte holters. No, Lir Miß Sanders ist .ihrer Sache sicher." Wie, Miß Sanders hat die Vercätherin gespielt?" ruf der Flüchtling grimmig. Nicht die Verrätherin, sondern die Entdeckerin. O, so dumm sind wir nicht, Sir. Es fiel der Versicherungsgesellschaft auf, daß nicht nur Ihre Leiche nicht gefunden werden konnte, sondern auch gleich darauf der Konkurs angemeldet wurde. Sie ließ Ihre Gattin insgeheim beobachten, und als sie 'abreiste, schickten wir ihr Miß Sanders, die von der Gesellschaft für solche Fälle engagirt ist, nach. Die hat alles herll"sgebracht. haha es ist nicht das erste Mai, daß sie die Schlafende so täuschend spielt. Zärtlichkeit und eheliche Liebe sind schöne Dinge, Mr. Holters, aber alles zu seiner Zeit! Wollen Sie mir, bitte, die große Brieftasche erlauben, die Sie bei sich tragen?" Zähneknirschend mußt: der Ertappte sich fügen. Flucht ' war unmöglich. Widerstand aussichtslos. So gab er mit giftigen Blicken auf Esther die Tasche mit dem Gelde heraus, ließ sich dann feffeln und wurde nebst seiner Gattin abgeführt. Um Gottes willen," rief die letztere in Verzweiflung, als alle, eines Wagens gewärtig, auf dem Kai standen, was wird aus meinen Kindern?" Ich werde mich ihrer annehmen, Mrs. Holters," erwiderte da Esther Sanders, die noch immer die ahnungslosen Kleinen führte. Ich habe die Kinder liebgewonnen und bringe sie zu Ihrer Schwester nach Philadelphia." Auch das wissen Sie?" Ich könnte Ihre genaue Biographie schreiben," versetzte lächelnd das junge Mädchen. Bevor ich an eine Arbeit gehe, informire ich mich genau. Ihre Schwester ist kinderlos, und die Kleinen sind gut bei ihr aufgehoben, bis Sie selber wieder im Stande sind, für sie zu sorgen. Ich habe die Ehre, Mr. Holters! Adieu, Mrs. Holters." Iuflhkuriosa. Im ehemaligen Königreiche Hannover war Anfangs der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts bei einem kleinen Gerichte ein neuer sehr wohlhabender Assessor eingetreten, der einen erbitterten Prozeß um einige Groschen an Werth dadurch beendigte, daß er jeder Partei einen Thaler aushändigen und sie dann durch den Gcrichtsdiener schleunigst entfernen ließ. Am nächsten Gerichtstage befanden sich über 50 Menschen im Vorzimmer, welche erklärten, mit einander Prozesse zu haben, die sie sofort verhandeln wollten. Der Assessor lächelte verschmitzt, als er dies erfuhr. Offenbar war seine Art, Prozesse zu beendigen, im Bezirk bekannt geworden. Er trat in die Thür und las aus der Prozeßordnung vor: Wer einen Andern böswilliger Weise verklagt oder chikanirt, wird mit Geldstrafe bis zu zehn Thalern oder mit Gefängniß bis zu acht Tagen bestraft!" Dann zog er sich zurück und schloß die Thür. Als er sie nach einigen Minuten wieder öffnen ließ, waren noch drei Parteien anwesend. Ein alter Oberamtsrichter hatte einem Fechtbruder einen Groschen gcschenkt. Im nächsten Schöffengericht stand der Fechter des Bettelns angeklagt vor dem alten Herrn und bestritt die Beschuldigung. Da erhob sich der Richter, sagte zu dem ältesten Schöffen: Uebernehmen Sie den Vorsitz," stieg herunter, trat vor den Richtertisch, beeidigte sich selbst als Zeugen und sagte aus, daß der Angeklagte bei ihm selbst gebettelt habe. Darauf übernahm er den Vorsitz wieder und verurtheilte den Angeklagten auf Grund des glaubwürdigen Zeugnisses des Oberamtsrichters. Dieser Richter war etwas kurzsichtig, und so glaubte er denn eines Tages zu bemerken, daß Jemand aus dem Publikum während einer Eidesleistung sitzen blieb. Aergerlich blickte der Richter nach dem Missethäter. Der reagirte aber nicht darauf und blieb selbst dann noch sitzen, als der Oberamtsrichter mit ernster Stimme rief: Anwesender, erhebt Euch!" Auch eine zweite und dritte Aufforderung hatte keinen andern Erfolg. Da rief ein altes Weiblein aus dem Zuschauerräum: Herr Oberamtsrichter, de Kerl is nich grötter (größer)." Von seinem verhagelten Kornfelde, das 15 Strich umfaßte, hat ein Landwirih in Dux, Böhmen, just 1Z Quart Körner ge-erntet.