Indiana Tribüne, Volume 28, Number 17, Indianapolis, Marion County, 12 September 1904 — Page 5
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Das 37. Protestantin ll?aifen-Lest Nahm einen allßerordentlich erfolgreichen Verlauf. Neber J2,000 Personen wohnten demselben bei. vortreffliche Reden der Herren John p. oltzman und I. . Peters Gesammt-Linnahmen $2,542,
Das 37. JahreSfest deS Deutschen Allgemeinen Protestantischen Waisen Vereins, dieses Fest der Nächstenliebe, wurde gestern auf den Gründen der Anstalt unter Anwesenheit einer nach vielen Tausenden von Personen zählenden Besucherschaar gefeiert. Die beispiellose Popularität, welche dieses Waisenfest sich seit vielen Jahren in allen Schichten der Bevölkerung, namentlich aber in den Reihen des Deutsch. AmerikanerthumS, erworben hat, zeigte sich auch gestern wieder auf's Neue. Von Nah und Fern waren die Besu cher herbeigeströmt; die bis in die Nähe des FestplatzeS laufenden Straßen bahnwagen waren bis zum Erdrücken voll, Fuhrwerke aller Art brachten im zählige Freunde der Anstalt und Tausende kamen auf Schusters Rappen. Als gegen vier Uhr Nachmittags das Fest seinen Höhepunkt erreichte, da mö gen wohl weit über 12,000 Personen, Jung und Alt, sich auf dem Festplatze umhergetummelt haben. Der größte Theil derselben besichtigte zunächst die Anstalt und Alle empfingen auf's Neue den Beweis, daß dieselbe ein Muster Institut ist. Die veinlichste Ordnung herrschte im ganzen Gebäude; die Hallen und Corridore, Speise-. Schlaf-, Schulund VersammlungS Zimmer. Küche und Parlor, Alles glänzte wie Reinlich, keit und ein jeder Besucher mußte den Eindruck empfangen, daß in dieser Anstalt für die Kinder in bester Weise gesorgt ist, um ihnen daS elterliche Heim zu ersetzen. DaS bewiesen auch bas blühendeAuSv sehen der Waisen und die saubere Kleidung derselben. DaS frische, offene und doch bescheidene Benehmen der Kinder den Besuchern gegenüber fiel einem Jeden angenehm auf und lieferte den Beweis von der ausgezeickneten Erziehung, welche die wackeren WaisenEltern Herrund Frau-Henry Roesener-der-ihrer Obhut anvertrauten Kinder zu Theil werden lassen; zärtlichen Eltern gleich, sorgen sie für dieselben. Die Feier am Vormittag. In Folge deS ideal schönen SommerwetterS hatte sich zu der am Vormittag stattfindenden religiösen Feier schon eine große Anzahl Besucher eingefunden. - Dieselbe wurde mit einer Begrüßung seitens deS Pastors I. C. PeterS einge leitet. Die Fegpredigt hielt Herr PastorTheodorSchory. Chorgesang seitens des Chores der ZionSkirche und der Waisenkinder, Verlesung eines Schriftabschnitts und Gebete vervollständigten die eindruckSvolle religiöse Feier. Nach Beendigung derselben servirten die Damen vom Frauen-Verein ein tresflich zubereitetes Mittagessen, welcheS Allen vorzüglich mundete. Die Damen im Speisesaale hatten alle Hände voll zu thun, denn über 400 Personen wurden von ihnen bewirthet.' Die Feier am Nachmittag. Mittlerweile strömten die Besucher von allen Seiten in dichten Schaaren heran, sodaß, als um 2:30 die Feier am Nachmittag ihren Anfang nahm, eine dichte Menschenmenge den Musiktempel, wo sich das Programm ab wickelte, umgab. Nachdem Mayer's Militär-Capelle ein Musikstück zum Besten gegeben hatte, trugen die Waisenkinder unter Leitung deS Herrn Roesener ein Lied vor. ES bereitete einem Jeden Vergnügen, den frischen Kinderstimmen zu lauschen. Sodann stellte Herr Joseph Schaub, welcher mit großer Gewandtheit als Ce remonien'Meister fungirte, dem dersammelten Publikum M a y o r John W. Holtzman vor, welcher hierauf eine Ansprache hielt, in welcher er zunächst sich für die freundliche Einladung bedankte, an diese Versammlung am 37. Jahresfest des Protest. Waisenvereins, welchem er auch als Mitglied angehört, einige Worte richten zu können. Mayor HoldmannS Rede. Auf diese Muster-Anstalt für die Waisenkinder kann die Stadt In-
dianapolis stolz sein. Mährend ihrer, Existenz haben in derselben 384 Kinder ihr Heim gefunden, in welchem sie erzogen wurden. 70 sind zur Zeit Infassen der Anstalt unter dem wachsamen Schutze der Waiseneltern Roesener und ein großer Theil des Erfolges, welchen diese Anstalt zu verzeichnen hat, ist ihnen zu verdanken. Laut zum Lobe dieser Anstalt spricht jedenfalls die Thatsache, daß viele Kin-j der, welche hier erzogen sind, jetzt Mitglieder des Waisenvereins sind. Politik hat bei der Verwaltung dieser Anstalt nichts zu sagen und kein Waisenkind ist wegen deS religiösen Glaubens seiner Eltern von diesem Institut ausgeschlossen. Die deutsche Bevölkerung hat immer anerkannt, daß, um einen Character heranzubilden und Erfolg im Leben zu haben, Ehrlichkeit, Fleiß und Sparsamkeit die drei wesentlichen Elemente sind. Unsere deutschamerikanischen Mitbürger sind sprichwörtlich ehrlich, flei ßig und sparsam und da den Kindern in dieser Anstalt diese Tugenden beigebracht werden, so müssen sie auch spä ter nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden." Redner kam sodann darauf zu sprechen, daß in vielen Instituten des Landes bei der Erziehung der Kinder die Schablone, die Routine vorherrscht; eine freundliche ' Behandlung, durch welche ihnen elterlicheLiebe ersetzt werde, werde ihnen nicht zu theil. In der Anstalt des protestantischen WaifenvereinS
fei dieses ganz anderer Art. Hier lassen es Diejenigen jden Kindern, welche in ihre Obhut gegeben sind, an Liebe nicht fehlen. Auch dann noch nicht. wenn sie, aus der Anstalt bereits entlassen, in das prsctifche Leben eingetreten sind. Auch dann behalten die Truftees, bis die Kinder ihr 18. Lebensjahr erreicht haben, noch Controlle über sie. Herr Holtzman kam dann auf die Thatfache, zu sprechen, daß das , protestantische Waisenhaus nur wenig Hülfe von AuSseitS gehabt hat und trotzdem doch heute schuldenfrei ist. Die Beamten und TrusteeS dienten ohne Vergütung und einige von ihnen hütten ihre Aemter schon über 20 Jahre inne. Selbstlos hätten Sie ihre Zeit und ihre Energie dem Ausbau und dem Wchle dieses Heims gewidmet. Redner machte dann die für uns Deutsche folgende schmeichelhafte Bemerkung: Es ist eine wohl zu beachtende Thatfache, daß etwas im deutschen Charakter liegt, welche eS für die Deutschen ermöglicht, eine Anstalt dieser Art sparsamer mit größeren und besseren Resuttaten und ohne scandalöse Vorgänge zu führen, als irgend eine andere Nation." Der Mayor schloß seine mit Beifall aufgenommene Rede mit den Worten: Indem wir stolz auf das sind, was diese herrliche Anstalt in der Vergangenheit geleistet hat. hoffen wir, daß sie in der Zukunft nur noch größere Resultäte erziele." Nach einem Musikstück von Mayer's Kapelle stellte Herr Schaub sodann den eigentlichen Festredner, Herrn I. C. Peters, mit einer hübschen An spräche der Versammlung vor, welche dem populären Herrn einen herzlichen Empfang bereitete. Red. PeterS' Rede. Geehrte Damen und Herren! Bei festlichen Gelegenheiten ist eS Sitte, daß Reden gehalten werden. Heute feiert der D. A. P. Wasenverein sein 37. Jahresfest. Das Arrange-ments-Comite hat sich redlich bemüht, einen Redner für heute Nachmittag zu finden. Man meinte gefunden zu haben, um dann zu erfahren, daß der betr. Redner verhindert ist, hier zu fein, so ist eS gekommen, daß ich, wie schon so oft, den Lückenbüßer machen muß. Es ist wohl das erste Mal, daß ein Pastor hier die Nachmittagsrede hält. Fürchten Sie nicht, meine Damen und Herren, daß ich Ihnen nun eine Predigt halten werde. Gepredigt wurde heute Vormittag und es ist zu bedauern, daß Sie nicht Alle die Predigt gehört haben. Heute Nachmittag wird nicht gepredigt, trotzdem ein Pastor zu Ihnen redet. Fürchten Sie auch nicht.
daß jetzt, wie das bei solchen Gelegenheilen oft geschieht, Lieblingsideen des Redners vorgetragen werden. Hier ist nicht die Art, noch die Gelegenheit, politifche, oder soziale, oder religiöse Fragen zu erörtern, hier handelt es sich um die Sache, der diese Festfeier gilt, die Versorgung armer Waisenkinder. Gelingt eS mir, Sie zu veranlassen, diese Sache zu unterstützen, mit dem D. A. P. Waisenverein in Reihe und Glied zu treten, um mitzuhelfen, daß hier an dieser Stätte das Werk der Barmherzigkeit an armen Waisen gethan werde, so habe ich nicht umsonst geredet. Unsere Aufgabe ist die Versorgung und Erziehung armer Waisenkinder. Waisen sind vaterlose, mutterlose 5kinder.. Ein Kind ohne Eltern ist ein armeS, verlassenes Wesen, ein Kind, das da klagt: Niemand . hat mich lieb". Wer das nicht begreifen kann, denke sich für einen Augenblick seine eigenen Kinder ohne Vater und Mutter. Unsere Kinder, die unS an'S Herz gewachsen sind, denen unser Leben und unser Lieben gilt, sollten, zart und klein und darum hilflos, in der großen kalten Welt ohne uns sein? Schrecklicher Gedanke. Wie oft hören wir aus Elternmund: Nur so lange möchten wir leben, bis unsere Kinder versorgt sind, bis sie sich selber helfen können".
. ' ( 4 ; ' " I "'-! V A ? Festredner Rev. In diesem Waisenhause sind 67 Kinder, die sich selber nicht helfen können; ihre Eltern sind gestorben und sie entbehren daher Elternliebe. Kein Vater sorgt für sie, keine Mutter herzt und küßt sie. Diese elternlosen Kinder sind uns an's Herz gelegt, wir sollen ihnen die verlorenen Eltern, so weit es möglich ist, ersetzen. Wir könn?n substi tuiren, ein Substitut aber steht dem Echten im Werthe gewöhnlich nach. Nicht wahr, wenn unsere Kinder, unser eigenes Fleisch und Blut, Waisen würden nur das Beste wäre gut genug für sie! Wenn Ihnen, werthe Eltern, der Gedanke kommt, daß Ihre lieben Kinder Waisen werden möchten nicht wahr, Ihr sehnlichster Wunsch wäre es, daß für dieselben auf's Beste gesorgt würde? Ganz genau so dachten und wünschten die Väter und Mütter der Kinder, die jetzt Waisen sind. Diesen heißen Wunsch abgeschiedener Eltern zu erfüllen, ist unsere Aufgabe geworden; erfüllen wir sie als heilige Liebespflicht. v Ist eS unsere Pflicht? Was gehen uns die fremden Kinder an, mit denen wir in keinerlei Weise verbunden sind? hören wir ost sagen. Die verwaisten Kinder sind Menschen. Der Mensch ist auf den Menschen angewiesen. Ein Mensch ist dem andem verpflichtet, so verpflichtet, daß man ihm nicht nur eine Existenz schuldet, sondern Liebe. ES ist Menschenpflicht seinem Mitmenschen in jeder Noth zu helfen. Jeder Mensch, ganz einerlei, ob ein Jude oder ein Heide, ob fromm oder gottlos der mit uns Fleisch und Blut trägt, ist schon darum unser Nächster, insonderheit aber Jeder, der unserer Hülfe bedarf Niemand bedarf unse-
rer Hilfe mehr und dringender als ein Waisenkind. Man sucht so gern Ausflüchte, um sich der Pflicht der Barmherzigkeit zu entziehen, und die erste und gewöhnlichste Entschuldigung ist die Schuld des Andern. Es giebt viel verschuldeteS Unglück in der Welt, aber zunächst laßt uns fragen: Ist denn alles Unglück selbstverschuldetes? ES giebt viel Leid in der Welt, vor dem man wie vor einem Geheimniß steht, dessen Ursache man nicht in einer bestimmten Schuld nachweisen kann. Leid der Verwaisten ist solches Leid, da kann nicht die Rede sein von SelbstVerschuldung, gewiß können die armen Kinder nicht dafür, daß ihnen die Eltern früh entrissen worden sind. Wenn eS sich um die Versorgung der Waisen bandelt, fallen alle Entschuld!gungen als nichtig hin. Wer den Waisen sein Herz und seine Hand derschließt, ist hart und kalt und lieblos, man will nicht helfen. Ein bloßer Blick auf ein Waisenkind sollte genügen, Herz und Hand zur Hilfe zu öffnen. Viele Leute sehen das Elend ihrer Mit. menschen gar nicht. Mit dem äußeren Auge wohl, aber auch mit dem inneren, mit einem erbarmenden , Herzen und darum geht man kalt und herzlos vorüber und sucht sich und Andere damit zu beruhigen, daß man fragt: Soll ich meines Bruders Hüter sein? Man greift nach allerlei Mitteln, wodurch der Mensch den Mensch loS werden will. Man sieht eS gern und lobt es auch, wenn .Andere in Selbstverleugnung Opfer an Zeit, Kraft und Geld bringen, selbst aber regt man keine Hand und keinen Fuß und sagt: der kann das leicht thun, ich aber habe keine Zeit und keine Mittel dazu." Ein Waisenkind ansehen und Erbar
.w ä: rrZlN. v 'c1 , -f ' . ',.VitS&X I. C. Peters. men fühlen muß eins sein, dann sieht man recht, dann bleibt ' die That der Liebe nicht aus, dann wird ein solch' armes Kind unS nicht nur so nahe gerückt, daß es unser Nächster wird, sondern wir treten ihm so nahe, daß Jeder sich sagt : Ich bin sein Nächster." In unserer Zeit ist auf allen Gebieten ein großer Fortschritt zu erkennen. Wir stehen im Zeichen des Fortschritts. Es ist ersreulich zu sehen, wie nicht nur aus dem Gebiete der Industrie, der Kunst und Wissenschaft ein eifriges Vor' wärtsstreben sich zeigt, sondern daß auch in Werken der Barmherzigkeit Großes geleistet wird. Auf der Weltausstel lung in St. Louis wird das veranschaulicht. Im Gebäude für Erziehung wird in verschiedenen Departements gezeigt, was in unserm Lande für arme kranke Kinder gethan wird. Da sieht man z. B. wie ein blindes 'taubstummes Mädchen unterrichtet wird und im Stande ist,' das, was die Lehrerin ihr durch Berühren ihrer Finger in der Zeichensprache mittheilt, mittelst der Schreibmaschiene niederzuschreiben. Man staunt und freut, sich darüber und sagt, das ist Fortschritt. Aller Fortschritt muß einen Augangspunkt haben. Wir forschen nach dem Grund und Bo den auf dem das mächtige Weltgebäude unserer Zeit steht. Erlauben Sie mir. daß ich hier kurz und bündig meine Ueberzeugung auSspreche. .Das kolossale Weltgebäude der Industie, Kunst und Wissenschaft unserer Zeit steht auf dem Grunde deS ChristenthumS. Wir stehen im Zeichen des Fortschritts, weil wir im Zeichen des Christenthums stehen. Vornehmlich ist die.. Wohlthätigkeit eine Frucht dessel-
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ben. Man redet viel von der BarmHerzigkeit der Heiden und rühmt dieselbe, weil sie sich sogar auf Thiere erstreckt, man vergißt aber, daß man in Indien, während man kranke Kühe in Hospitälern verpflegt, die armen Kinder in den Ganges wirft. Wir erkennen lobend jede Wohlthätigkeit an, ganz einerlei wo wir sie finden. Der Stif ter Christenthums, Christus, lehrt uns den großen freien Blick für Lust und Liebe, wo immer wir sie auch finden, in jeder Nation, in jeder Religion, in jedem Menschen. Wo irgend Menschenliebe ist, da ist ein Schein deS ewigen Lichtes und eine Dämmerung, die dem hellen Tage vorangehen kann. Wir sollen zum vollen Lichte geführt werden. Darum sollen wir aber nicht den matten Schimmer der Sterne, noch den milden Glanz des Mondes verschmähen, weil Beide noch nicht die Sonne find. Nichtsdestoweniger bleibt eS wahr, daß Hingabe, Erbarmung und Selbstlosigkeit nicht die vorherrschenden Züge beim Menschen sind. Schauen wir in die alte Zeit hinein. Jerusalem mit seinem Tempel, Athen mit seiner Wissenschaft, Rom mit seinem Reichthum kannten das Wort erbarmende Liebe" nicht, und die Waisen GriechenlandS und Roms wissen nichts zu sagen von Wohlthätigkeit in erbarmender Liebe. Menschen, die, wie sie sagen, der Welt nichts nutzen, gehören nach ihrer Meinung aus der Welt heraus. Auch wir zu unserer Zeit wußten nichts von erbarmender Liebe, hätten wir eS nicht von Jesu gelernt, der nicht nur das Gleichniß vom barmherzigen Samariter geredet, sondern im höchsten Maße gethan und gelebt hat. Wenn es nun um die Barmherzigkeit und Nächstenliebe eine so herrliche Sache ist, warum ist sie so selten? Deswegen, weil sie völlige Hingabe und ein williges Aufopfern seiner selbst fordert, nicht blos einen Kuß der ganzen Welt." Unsere Waifensache hier steht auf der Höhe der Zeit. Unser Waisenhaus ist in jeder Beziehung eine Musteranftalt. Es ist noch nicht fo lange her, als die WaisenVersorgung noch überall eine dürftige war. Man glaubte für Waisenkinder sei irgend etwas gut genug, die Frigung des Lebens und nothdürftige Schulbildung genüge. Das ist anders geworden. Unsere Waisen erhalten bedeutend mehr. Ihnen die . Eltern, soweit eS möglich ist, zu ersetzen, ihnen eine möglichst gute Erziehung zu geben ist das Bestreben unseres Waisenvereins. Unsere Waiseneltern, die nun fast 13 Jahre hier in der Arbeit gestanden, bestrebten sich, an den Waisen Elternpflichten zu erfüllen. Das Haus selbst entspricht den Anforderungen unsere Zeit und die Kinder haben ein Heim, wie es kaum bequemer und schöner sein kann. In den 37 Jahren des BestehenS unseres Waisenvereins ist kein Rückschritt, sondern steter Fortschritt zu verzeichnen. Lassen Sie uns, meine Freunde, immer vorwärts streben, der Vollkommenheit zu. Wir find uns wohl bewußt, daß nichts in dieser Welt vollkommen ist und auch unserr Wohlthätigkeitsbestrebungen werden Stückwerk bleiben, trotzdem sei unsere Losung: .Vorwärts." Vergessen wir uns selbst, suchen wir nicht uns selbst in der Waisenarbeit, nicht eigenen Vortheil, nicht Ehre bei Menschen, sondern allein das Wohl der uns anvertrauten Waisen. Die Arbeit selbst und ihe Erfolg sind dann unser schönsterLohn." Rauschender Beifall folgte den Aus" fuhrungen des beliebten Redners. Nachdem die Waisenkinder die Zu Hörer noch mit dem Vortrage eines Liedes erfreut hatten, erreichte die osficielle Feier ihr Ende. Auf den weitläufigen Gründen der Anstalt entwickelte sich hierauf ein sröhlicheS Leben und Treiben, welches einem echten deutschen Volksfeste eigen zu sein pfleg?. Heiterkeit und Frohsinn überall und kein Mißton störte den schönen Verlauf des Feste. Hin und wieder hielt Mayer's Kapelle einen Umzug durch die Anlagen, ihre schönsten Weifen aufspielend, welches zur Unterhaltung der Besucher nicht wenig beitrug. Daß bei dem riesigen Besuche die ver schiedcnen Stände und Buden über Mangel an Geschäften nicht zu klagen hatten,, läßt sich denken. Die wackeren Damen hatten im Schweiße ihres Angesichts alle Hände voll zu thun, um ihre Kunden zu befriedigen und einige der Buden hatten bereits vor 6 Uhr vollständig auöver-kauft.
Wie die Damen da draußen wie die Biber arbeiteten, so hatten auch ihre Colleginnen im Speisesaal und in der Küche keine Zeit ihre Hände in den Schooß zu legen , denn an keinem Waisenfest zuvor sind so viele Mahlzeiten am Mittag und am Abend von dem Frauen-Verein servirt worden, als wie gestern. Aber auch die Herren der Schöpfung, soweit sie zu den Comites gehörten, konnten nicht auf der Bärenhaut liegen, denn der Erfrischungsstand, wo liebliche Getränke, wie Limonade, Sodawasser und ähnliche sanfte" Flüssig, keiten verabfolgt wurden, war stets von einem Menfchenfchwarm umlagert. Und nun. erst gar das hinter dichten Laubgängen versteckte Plätzchen, wo noch etwas stärkere Erfrischungen zu haben waren! Dieser schöne Durst von Tausenden, welcher hier befriedigt wurde! Der Musik-Vereinbereitete den Besuchern eine angenehme Ueberraschug. Der Deutsche Club und M u s i k-V e r e i n trug auch seinerseit gestern zur angenehmen Unterhaltung der Besucher bei. Die Activen desselben (d. h. der Männerchor) er schienen nämlich kurz nach 4 Uhr in corpore, und brachten unter Leitung ihres Dirigenten Alexander Ernestinoff die Lieder Rosenzeit", Studenten Nachtgesang" und Maizauber" in brillanter Weise zum Vortrag. Das Erscheinen der Sänger war ein ganz unerwartetes und sie haben sich nicht nur den Dank des Waisen-VereinS sondern auch den der zahlreichen Zuhörer in hohem Grade erworben. Der Sturm richtete keinen " Schaden an. Während das Wetter während deS ganzen Tages ein geradezu ideales war, brach am Abend kurz nach 6 Uhr plötzlich ein Gewittersturm herein. Derselbe richtete nicht nur keinen Schaden an, sondern er brachte noch daS Gute zuwege, daß einige hundert Personen, welche fich schon anschickten, nach Hause zu gehen, es jetzt vorzogen, den Speisesaal in der Anstalt aufzusuchen und dort zu soupiren. Großer finanzieller Er folg.. Die Damen und Herren der verschiedenen Comites, welche für da? Waisenfest so unermüdlich thätig gewesen find, haben jedenfalls die Genugthuung, daß ein schöner finanzieller Erfolg deS Festes ihre selbstlose Mühe und Arbeit in reichlicher Weise lohnte. Die Einnahmen waren höher als bej irgend einem Feste zuvor, sie beliefen sich auf $2342.76; davon entfallen auf die Collecte beim Gottesdienste $21.71, an den drei Eingängen $304.06, Erfrischungen 1145.11, und die Damen überlieferten $871.88 Bei der mühsamer: Arbeit des Zäh lenS etc.' wurde das FinanzComite von zwei tüchtigen Bankclerks, den Herren John P. Frenzel jr. und Carl H. Aals in liebenswürdiger Weise assistirt. Das 37. Jahresfest deS Deutschen Allgemein Prot. Waisen-VereinS gehört jetzt der Geschichte an. Es gestalten sich sowohl in socialer als auch in finanzieller zu einem außerordentlich erfolgreichen von keinem Mißton ge trübten Feste ! Die Beamten. Die Beamten der beiden Vereme, welche so unermüdlich thätig für das Wohl des Waisenhauses und der Zög linge desselben stnd: D. A. P. Waisen -Verein: Präsident, Julius F. Reinecke, VicePräsident, Henry Stedtfeld, Prot.. Sekretär, Albert Sahm, Finanz-Se-kretär, Lawrence Willhoff, Schatzmeister Henry Russe. TrusteeS: F. I. Mack, Frank' Lindemann, H. LenSmann, William Marschmeyer, Joseph H. Schaub, Henry Pauli, LouiZ Brandt, Henry C. Prange, I. P. C. Meyer, H. C. Bakemeyer, Louis Beermann. Frauen-Verein zur Unterstützung des Deutschen Allgemeinen Protestantischen Waisenhauses: Präsidentin Ellen Wiese. Vice-Präsidentin Sophia Grönert. Protocollirende Secretärin Minna Röpke. Finanz-Secretärin Louife Rathert. Schatzmeisterin Friederike Reiffel.
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